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Geschichten aus Holstein

Charlotte Niese: Geschichten aus Holstein - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorCharlotte Niese
titleGeschichten aus Holstein
publisherVerlag von Fr. Wilh. Grunow
printrunZwölftes bis fünfzehntes Tausend
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081022
projectid647ca241
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Komtesse Isidore hatte in ihren Briefen öfters eine gewisse beschwörende Art, die ihre Wirkung selten verfehlte. Wenn man nicht tat, was sie wollte, dann rief sie das Gedächtnis verschiedner Verstorbnen an, die doch ganz gewiß auf ihrer Seite gewesen wären. An Rössing schrieb sie, sein guter Vater würde sich im Himmel darüber wundern, daß sein Sohn so ungefällig war, und sie erreichte denn auch mit diesen Worten, daß dieser Sohn mit einem sehr mürrischen Gesicht bei ihr erschien.

Es war schon spät. Die Gesellschaft war vollzählig zusammen, und die Köchin stand schluchzend in der Küche vor dem zusammengefallenen Fischauflauf. Die Komtesse, die von dem Schicksal des Vorgerichts schon durch verschiedne drohende Botschaften unterrichtet worden war, faßte hastig ihres Vetters Arm, um sich von ihm zu Tische führen zu lassen, und Rössing hatte erst Gelegenheit, die andern Gäste zu begrüßen, als sich alles gesetzt hatte. Steif verbeugte er sich nach allen Seiten: vor den Stiftsdamen, die aus dem benachbarten Fräuleinkloster gekommen waren, vor dem kleinen Leutnant, der mit einer kaum erwachsenen Tischdame das junge Element in dieser soliden Gesellschaft bildete, und vor Frau von Zehleneck und Neumann, die ihm gegenüber saßen und sehr strahlend aussahen.

Amelie hatte eine neue Haarfrisur, die ihr einen auffallend jugendlichen Anstrich gab, und Neumann betrachtete sie mit einem ganz verliebten Ausdruck. Er hatte den steifen Gruß des Grafen mit derselben Steifheit erwidert; da er jetzt ziemlich festen Fuß in der Gesellschaft gefaßt hatte, fand er es nicht notwendig, gegen Rössing besonders artig zu sein. In den Wochen seines Verkehrs mit Frau von Zehleneck hatte er sich schon ein festeres Auftreten angewöhnt, konnte auch schon etwas durch die Nase sprechen, was ihm vornehm erschien. Heute abend unterhielt er sich besonders gut mit seiner neuen Freundin, und wie er in dem hübschen kleinen Eßzimmer der Komtesse Isidore an ihrer Seite saß, kam ein wunderbares Gefühl des Behagens und Geborgenseins über ihn, ein Gefühl, das sich auch in seinen Zügen ausprägte, denn Isidore flüsterte ihrem Vetter zu: Der gute Herr Neumann sieht wirklich gar nicht schlecht aus. Zuerst fand ich ihn häßlich.

Nun, schön ist auch etwas andres, erwiderte Rössing verdrießlich.

Isidore schlug ihn auf die Hand. Schönheit vergeht, lieber Wally, und ich wünschte, deine schlechte Laune verginge auch! Es ist doch sonderbar, setzte sie klagend hinzu, wenn wir nicht dreizehn sind, dann habe ich immer das Gefühl, es müsse etwas Schreckliches passieren, oder die Leute amüsierten sich nicht bei mir. Das ist eigentlich noch schrecklicher. Wally, sei brav! Wie war dein alter Vater immer reizend!

Der Graf mußte lachen, dann wandte er sich an seine Nachbarin zur Linken, eine Klosterdame, und sprach eifrig mit ihr, während Komtesse Isidore hier und da ein Wort einschaltete. Das Fischgericht schmeckte gut, trotz seiner eingesunkenen Form, und der Rheinwein dazu belebte die Geister. Die Unterhaltung wurde allgemein, die beiden Klosterdamen, auf die der Graf einredete, sprachen schon nicht mehr von ihrem Pastoren, mit dem sie sonst jede Unterhaltung einleiteten, sondern erzählten von einem Ballfest, das ihre Priorin geben wollte, und Neumann und Frau von Zehleneck drückten sich unter dem Tisch verstohlen die Hände, während der kleine Leutnant seiner Tischdame einige zarte Andeutungen über das Mädchen machte, das er sich dereinst als Lebensgefährtin wünschte.

Nach dem Fischgericht kamen die Schnepfen, ein andrer Wein und mit ihm die Pause, von der man sagt, daß ein Engel durchs Zimmer fliege.

Wie geht es eigentlich Ada Ravenstein? fragte eine der Klosterdamen über den Tisch, ins allgemeine hinüber.

Sehr gut, gab Komtesse Isidore halb zerstreut zur Antwort. Sie geht noch nicht aus, sonst würde ich sie eingeladen haben. Aber, bitte, liebe Baronesse, Sie nehmen ja fast gar nichts!

Ja, die arme, arme Ada! sagte Frau von Zehleneck in klagendem Tone zu der Fragerin gewandt. Sie soll fast alle ihre Sachen verkauft haben. Schrecklich, nicht wahr?

Aber sie lachte bei dieser Frage und sah Neumann kokett von der Seite an.

Dieser hatte schon ziemlich viel getrunken, sonst würde er sich wohl nicht an der Unterhaltung beteiligt haben. Nun lachte er laut, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und erwiderte in seinem angenommnen näselnden Ton: Schrecklich, wirklich schrecklich! Was macht man zuletzt mit diesen vornehmen Herrschaften, die nichts mehr haben? Kommen sie ins Armenhaus, oder was wird mit ihnen?

Seine Frage klang gesucht unangenehm, und obgleich Frau von Zehleneck lachte und einige lustige Worte erwiderte, wurden doch die andern alle still. Die Klosterdamen richteten sich sehr steif in die Höhe, und selbst Komtesse Isidore, die durch ihre Pflichten als Wirtin sehr in Anspruch genommen war, blickte unwillig zu dem Sprecher hinüber.

Haben Sie auch alles, Herr Neumann? rief sie. Bitte, essen Sie doch und vergessen Sie den Rauentaler nicht! – Es klang, als wollte sie ihrem Gast den Mund stopfen.

Herr Neumann mag deinen Wein wahrscheinlich nicht, sagte Graf Rössing plötzlich mit scharfer Stimme. Er ist in Amerika gewohnt gewesen, Petroleum mit Whisky vermischt zu trinken. Oder war es Whisky mit Petroleum?

Die kleine Gesellschaft wurde totenstill. Nur Herr Neumann stotterte einige Worte, aber kein Mensch verstand sie.

Ein famoses Land, dieser Westen von Amerika, fuhr Graf Rössing fort. Ich war eben in Hamburg und habe mich mit dem amerikanischen Konsul über mancherlei unterhalten, das mich sehr interessierte. Ein sehr netter Herr und sehr unterrichtet. Er kannte Sie übrigens auch, Herr Neumann, und ist auch einmal in Ihrer Schnapsschenke in Sandy Bluffs in Nebraska gewesen, der Sie jahrelang mit soviel Erfolg vorgestanden haben. Damals waren Sie aber nicht zu Hause; Herr Reed meinte, Sie wären wohl gerade im Gefängnis gewesen, wo sie ja einige Male waren, weil Sie zuviel Petroleum in den Schnaps gegossen hatten. Das mochten die Leute selbst dort nicht und hatten nicht übel Lust, Sie zu teeren und zu federn!

Am Gottes willen! Komtesse Isidore wurde ganz fassungslos. Du erzählst schreckliche Geschichten, Wally! Laß doch die Schnepfen noch einmal herumgehen.

Der Graf gehorchte. Sie sind ausgezeichnet, sagte er dabei. Bitte, Herr Neumann, nehmen Sie doch auch noch ein Stück! Unsre Schnepfen sind besser als die amerikanischen, obgleich das Leben dort allerdings viel abwechslungsreicher ist. Es muß sehr interessant sein, nicht allein die Bekanntschaft des Volkscharakters in ausgiebigster Weise zu machen, während man den Leuten Branntwein verkauft, sondern auch in nahe Berührung mit den Gefängnis- und Zuchthausautoritäten zu kommen. Herr Reed erzählte, Sie wären auch im Zuchthaus gewesen, Herr Neumann, weil Sie mit einigen Bankräubern gemeinsame Sache gemacht hätten. Aber Sie hätten den Zuchthausdirektor bestochen und wären bald wieder herausgekommen.

Neumann war kreideweiß geworden, und seine Lippen zitterten.

Das ist ein – Mißverständnis! brachte er endlich mühsam heraus, während die übrige Tischgesellschaft anfing, leise miteinander zu flüstern.

Ein Mißverständnis? wiederholte der Graf. Er hatte sich ein Glas Wein eingeschenkt und nippte jetzt leise daran. Nun, das mag sein. Die Leute lügen heutzutage ja alle. Vielleicht auch die Dame, die sich Frau Sally Neumann nennt und schon mehrere Briefe an Herrn Reed in Hamburg geschrieben hat, weil ihr Mann nach Deutschland gegangen sei und nichts wieder von sich habe hören lassen. Die Briefe sollen nicht gerade sehr orthographisch geschrieben sein; Frau Neumann scheint früher Sängerin bei einem herumziehenden Theater gewesen zu sein, wie man aus einigen Andeutungen schließen kann, aber –

Frau von Zehleneck hatte bis dahin regungslos und wie erstarrt dagesessen. Jetzt fuhr sie auf, und ihre Augen sprühten. Sie faßte Neumann am Arm.

Neumann, weshalb schweigen Sie zu diesen unerhörten Behauptungen? So sprechen Sie doch, so fordern Sie ihn doch, den – den –

Wollen Sie vielleicht Verleumder sagen? fragte Graf Rössing lächelnd. Er nahm wieder einen Schluck Wein.

Der Wein ist wirklich sehr gut, liebe Isidore, kannst du mir vielleicht einige Flaschen davon überlassen? Es kann ja sein, Frau von Zehleneck, daß Frau Sally Neumann auf diesen Namen keinen Anspruch hat, ihren Trauschein hat Herr Reed nicht gesehen. Aber da sie beschlossen hat, ihren Gatten selbst in Deutschland aufzusuchen, so werden wir uns vielleicht später von der Wahrheit ihrer Angaben überzeugen können, wenn nicht Herr Neumann die Freundlichkeit hat, uns über diesen immerhin interessanten Fall aufzuklären.

Herr Neumann, nehmen Sie doch noch ein Stück Schnepfe! jammerte Komtesse Isidore, die die Worte des Grafen kaum noch verstanden hatte und mit Entsetzen bemerkte, daß niemand mehr aß. Nur der Leutnant und das junge Mädchen naschten Kompott und flüsterten miteinander in dem beruhigenden Gefühl, daß sie die ganze Sache doch nicht verstünden. Aber Neumann hörte nicht auf die Aufforderung der Wirtin. Er lehnte regungslos in seinem Stuhl und warf einen hilfesuchenden Blick zu Frau von Zehleneck hinüber. Diese aber rückte plötzlich von ihm weg und richtete mit lauter Stimme eine Frage an eine der Klosterdamen. Da der Graf nicht mehr sprach, wurde die Unterhaltung plötzlich lebhaft. Jeder quälte sich, so gut er konnte, über etwas zu sprechen, an das er gar nicht dachte, und unter dem Schutze dieses Stimmengesumms konnte sich Fritz Neumann still entfernen. Er preßte ein Taschentuch vors Gesicht. Jeder nahm stillschweigend an, daß er Nasenbluten habe, und selbst Komtesse Isidore verlangte keinen Abschied von ihm. Sie wollte ihm allerdings in ihrer Zerstreutheit nachrufen, er solle bald einmal wiederkommen; dann aber fiel ihr doch noch rechtzeitig ein, daß es wohl besser wäre, wenn er fortbliebe.

Amerika ist wirklich ein sonderbares Land, sagte sie klagend zu einer der Klosterdamen. Da passiert immer so viel, wovon man hier keine Ahnung hat. Und Wally sagt alle diese Sachen vor der Eistorte! Ich kann Neumann wohl nicht mehr einladen, aber ein Stück Eistorte hätte ich ihm doch gegönnt. Die macht Schiemann so gut. Aber das kommt davon, wenn wir nicht dreizehn bei Tische sind. Dann wird es immer ungemütlich.

Ungemütlich war die Gesellschaft allerdings, denn Frau von Zehleneck wurde plötzlich unwohl und mußte nach Hause. Sie sagte, es käme davon, daß sie kein Eis vertragen könnte, und man glaubte ihr natürlich, aber die Stimmung blieb doch gedrückt, und die Komtesse sagte, sie wolle niemals wieder eine Gesellschaft geben, in der ein Mann wäre, von dem man nicht wüßte, was er in Amerika getan hätte.

Am folgenden Tage besuchte Graf Rössing die Baronin Ravenstein. Er traf sie nicht an der Staffelei, sondern vor einem alten Spinnrade.

Können Sie nicht spinnen? fragte sie ihren Besuch. Ich möchte es so gern lernen und weiß doch niemand, der mir's zeigen könnte. Nur die alten Frauen im Armenhause verstehen die Kunst noch, aber vor der Zeit möchte ich nicht mit diesen Damen Bekanntschaft machen.

Weshalb malen Sie nicht mehr? fuhr Rössing sie heftig an.

Ada zuckte die Achseln. Ich mag es nicht mehr, ich habe auch nicht genug Talent – der Kunsthändler aus Berlin hat mir's geschrieben. Ich glaube es fast selbst. Nun will ich spinnen, wie meine Großmutter, und ebensowenig denken wie sie. Sie kannte nur das Handbuch des dänischen Adels und ist glücklich dabei gewesen. In ihren letzten Jahren las sie auch etwas in der Bibel, aber weil ihre Familie nicht drin vorkam, fand sie sie nicht unterhaltend.

Sie sind heute böse, Ada! sagte der Graf.

Sie schob das Spinnrad hastig von sich. Ja, ich bin böse – auf Sie, Wally! rief sie. Was haben Sie gestern dem armen Geschöpf, dem Neumann getan? Isidore war heute bei mir, und obgleich sie mehr von ihren Schnepfen als von Ihnen sprach, so habe ich doch genug gehört.

Ich habe nur die reine Wahrheit gesagt, erwiderte der Graf finster. Meinen Sie, daß ich das aushalten konnte, ihn glücklich und frech dasitzen zu sehen und mit der Zehleneck über Sie lachen zu hören?

Lachte er über mich? Pah – weshalb ließen Sie ihn nicht gewähren? Ich freue mich aufrichtig, wenn ich andern Menschen zur Unterhaltung dienen kann.

Er ist ein Schurke, begann Rössing wieder.

Aber Ada machte eine ungeduldige Bewegung. Ich glaube es ja – aber nur Sie hätten es ihm nicht sagen sollen, gerade Sie nicht. Sie stehen mir zu nahe, und es kann aussehen wie eine Rache von mir – eine unedle Rache. Ich habe aber keine Veranlassung, mich an Herrn Neumann zu rächen, dazu ist er mir zu gleichgültig.

Sie haben Fischblut! rief der Graf. Ich aber sage: Auge um Auge, Zahn um Zahn –

Bitte, kommen Sie mir nicht mit der Bibel, Graf! Sie wissen übrigens ja gar nicht, was drin steht, sonst würden Sie nicht so rachsüchtig sein!

Nein, ich weiß gar nichts mehr! rief er aufgeregt. Nur eins, nur eins, daß –

Daß der arme Wurm doch immerhin meine erste Liebe war? unterbrach sie ihn lachend. Gerade deswegen hätten Sie ihn ein wenig schonen müssen. Schon aus Mitleid mit meiner Dummheit und Schwäche, die Sie doch am besten kennen. Und nun muß ich Sie verabschieden, denn dort kommt meine Waschfrau über die Straße. Sie will zu mir, ich sehe es an ihrem Gesicht, und da sie nach armen Leuten und nach ihren vielen Kindern riecht, wie Sie selbst einmal gesagt haben, so dürfen Sie nicht mit ihr zusammentreffen. Gehen Sie, und seien Sie ein andermal braver!

Als der Graf nach wenigen Minuten über die Straße ging, atmete er tief auf.

Sie ist klüger als ich, murmelte er, wenigstens zwanzigmal vernünftiger. Das hätte eine schöne Geschichte geben können!

Er blieb stehen und schlug sich heftig auf die linke Brust. Stille, du da drinnen. Ich will mich freuen, daß ich so davongekommen bin. Hast du mich verstanden? Ich will mich freuen!

Aber er ging doch langsam seinem Hause zu wie ein ganz alter Mann, und sein Gesicht war nicht freudig.

Am folgenden Tage verreiste er auf längere Zeit, und da auch Frau von Zehleneck nach Dänemark ging, was sie immer tat, wenn sie etwas Unangenehmes erlebt hatte, so mochten die Weisen des Städtchens recht haben, wenn sie behaupteten, in der Gesellschaft bei Komtesse Isidore sei etwas sehr Merkwürdiges geschehen. Und dabei kamen sie erst allmählich dahinter, daß Herr Neumann plötzlich von Fresenhagen verschwunden war und nichts mehr von sich hören ließ. Sein Gut stand zum Verkauf, und ein reicher Herr aus Bremen erwarb es, ehe die Leute ganz genau wußten, was eigentlich mit Neumann geschehen war. Sie erfuhren es auch niemals ganz genau; nur später, viel später tauchte das Gerücht auf, er sei in Nebraska oder noch weiter im Westen von einer eifersüchtigen Frau erschossen worden. Aber es war nur ein Gerücht, das niemals seine Bestätigung gefunden hat, und es ist leicht möglich, daß Herr Neumann noch heute seine Mischung von Petroleum und Whisky weiterverschenkt. Jedenfalls sprach man nur sehr flüchtig von ihm, da gerade in dem Frühling, in dem er verschwand, eine Typhusepidemie in der Stadt ausbrach, die viel von sich reden machte und alle andern Ereignisse gleichgültig erscheinen ließ. Besonders in der ärmern Bevölkerung forderte die Krankheit ihre Opfer, und die Wohlhabenden packten ihre Koffer und reisten in aller Stille ab. Auch an die Baronin gelangte die dringende Aufforderung einer Verwandten, schnell zu ihr auf ihr Gut zu kommen, aber Ada telegraphierte ein kurzes Nein. Sie hatte die kranken Kinder ihrer Waschfrau zu sich ins Haus genommen. Der eine kleine Junge, der nach ihrem verstorbnen Manne Rolf hieß, war in Lebensgefahr. Aber sie pflegte ihn wieder gesund, ebenso wie die andern Kinder; an dem Tage aber, wo sie wieder allein war und gerade darüber nachdachte, ob sie nicht unter die Schriftsteller gehen und das Buch ihres Mannes vollenden sollte, ergriff sie ein Schwindel. Sie mußte zu Bett gehen, und obgleich sie sich die beschriebnen Blätter unters Kopfkissen legte, um sie gleich beim Besserwerden zur Hand zu haben, kam sie doch nicht mehr dazu, sie zu lesen. Sie verlor bald die Besinnung und starb nach wenigen Tagen, ohne Kampf und ohne Schmerzen. Nur einmal, kurz vor ihrem Tode, griff sie mit einem Ausruf des Schreckens nach dem kleinen Manuskript unter ihrem Kissen. Sie glaubte wohl, es sei nicht mehr da – da gab man es ihr in die Hand, und dort ist es auch geblieben, als sie in den Sarg gelegt wurde. So ist es gekommen, daß Rolf Ravensteins Buch niemals zu Ende geschrieben worden ist, und daß kein Mensch weiß, was darin gestanden hat.

Es war ein sonniger Maientag, als die Baronin zur letzten Ruhestätte gebracht wurde. Die Leute, die sie dort hingeleiteten, bedauerten, daß sie den blauen Himmel nicht mehr sehen und die Vögel nicht mehr singen hören könnte – sie würde sich daran gefreut haben. Verwandte und Freunde waren nicht mit unter den Leidtragenden, die kamen alle erst später. Auch Graf Rössing konnte erst einen Tag nach der Beerdigung kommen. Er war in der kurzen Zeit sehr alt geworden, und nun stand er mit zusammengezognen Brauen vor dem frischen, unter Blumen begrabnen Hügel. Von allen Seiten waren Kränze gekommen, von reichen und armen Leuten, von vornehmen und geringen. Selbst die, denen die Baronin Geld schuldete, und ihrer waren nicht wenige, hatten Rosen auf ihr Grab gestreut. So erzählte der Totengräber dem Grafen, der schweigend zuhörte und kein Wort erwiderte. Er war so in Gedanken versunken, daß er nicht bemerkte, wie Frau von Zehleneck leise neben ihn getreten war, und er fuhr zusammen, als sie ihn anredete.

Wir haben einen großen Verlust gehabt, lieber Graf, sagte sie weinerlich. Meine arme, liebe Ada! Wie werde ich sie entbehren! Heute morgen erst bin ich hier angekommen; wie gern hätte ich sie sonst gepflegt!

Die letzten Sätze hatte Amelie etwas stockend hervorgebracht; der Graf sah sie zu starr an. Als er aber gar nicht antwortete und sich nur schweigend abwandte, trat sie an seine Seite.

Wally, sagte sie hastig und leise. Warum sind Sie immer so schlecht gegen mich! Wir standen ehemals doch anders miteinander! Haben Sie das ganz vergessen?

Nein, erwiderte der Graf ruhig, vergessen habe ich es nicht. Er war stehengeblieben und sah Frau von Zehleneck fest in die Augen. Ich weiß es noch ganz genau, und ich schäme mich noch immer vor mir selbst. Aber dann tröste ich mich mit dem Gedanken, daß jeder die erste Liebe durchmachen muß. Gerade so wie die erste Zigarre und den ersten Rausch. Zuerst ist es schön, und die Folgen sind abscheulich.

Sie beleidigen mich! murmelte die Dame.

Er zuckte die Achseln. Sie haben es nicht besser gewollt. Auch möchte ich Ihnen noch etwas sagen. Man spricht immer so viel von der ersten Liebe, als wenn sie etwas Heiliges wäre, und doch ist sie gewöhnlich die erste große Dummheit des Lebens, wie man an Ada Ravenstein und an mir sehen kann. Sie liebte einen Fritz Neumann, und ich – nun Sie wissen ja! Aber man spricht niemals von der letzten Liebe. Vielleicht deswegen, weil man uns arme, alte Menschen eines tiefern Gefühls nicht mehr für fähig hält. Aber da Sie noch Gefühl zu haben scheinen, so möchte ich Ihnen doch erzählen, daß die da – er wies auf den Hügel –, die dort unter den Rosen schläft, für mich sehr reizend, sehr liebenswert, sehr anziehend war. Trotz ihrer Schulden, trotz ihrer verschiednen Stimmungen und trotz ihrer falschen Freunde, die sie gleichgültig ins Armenhaus hätten gehen sehen. – Sie werden jetzt einen Kaffee geben und erzählen, ich hätte sie unglücklich geliebt. Tun Sie das; man wird den Geschmack des ältern Mannes bedeutend besser finden als den des jungen. Leben Sie wohl!

Der Graf war langsam den Kirchhofsweg hinuntergegangen, und Frau von Zehleneck sah ihm sprachlos nach. Sie wollte lachen, aber sie konnte nicht; dann versuchte sie es mit Tränen, und diese flossen reichlich. Sie wurde sogar so gerührt, daß sie sich vornahm, ein andrer, besserer Mensch zu werden, aber sie vergaß dabei ganz, daß sie diesen Vorschlag schon hundertmal gefaßt und niemals ausgeführt hatte.

So war es auch diesmal; nach acht Tagen gab sie wirklich den Kaffee und verlästerte den Grafen nach allen Regeln der Kunst. Er machte sich nichts daraus; ihm war das Leben sehr gleichgültig geworden, obgleich er es mit einer gewissen vornehmen Würde weiter trug.

Vor einigen Jahren ist er gestorben, während Frau von Zehleneck noch lebt. Sie ist noch ganz wie früher, bis auf die Veränderungen, die das Alter an ihr hervorgebracht hat. Niemand liebt sie; jedermann aber fürchtet sie. Sie gehört zu den Leuten, von denen man, wie der landläufige Ausdruck ist, Geschichten schreiben kann. Sie weiß viel, und sie erzählt noch mehr, als sie weiß; nur von einem Gegenstande schweigt sie beharrlich: von der ersten Liebe.

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