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Geschichten aus dem Emmental

Simon Gfeller: Geschichten aus dem Emmental - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus dem Emmental
authorSimon Gfeller
year1956
firstpub1914
publisherA. Franck
addressBern
titleGeschichten aus dem Emmental
pages278
created20131213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Rötelein

«Magst es ergritten?» rief Hans Tanner vom Saum des Wäldchens hinüber, grätschte seine langen Beine schlotternd auseinander und machte mit den Armen die Bewegung des Mähens. Sein Zuruf und seine Komikervorstellung galten einer flinken Jungmagd, die draußen auf der Wiese das spärliche, mit Wurmstöcklein durchsetzte Spätherbstgras zusammenschabte. So leicht ließ sich aber die Regsame in ihrer Sonntagvormittagsbeschäftigung nicht stören. Ruhig schwang sie ihre Sense weiter, als kümmere sie sich nicht im geringsten um die Jungburschen, die so unverhofft am Waldrand aufgetaucht waren. Nur einen einzigen, schnellen Blick ließ sie hinterhuts hinübergleiten, dann folgten ihre Augen wieder dem blanken Stahlblatt, das blitzend über die taunasse Rasenfläche glitt und erbarmungslos die gelblichen, an die Erde sich schmiegenden Löwenzahnblätter köpfte. Den gaffenden Burschen aber paßte dieses Schaffen und Schweigen nicht in den Kram; denn sie hatten auf eine ergötzliche Maulerei gehofft.

«Schau, schau, du schneidest dich in den Schuh», schrie der Bühlfritz.

«Du fällst rücklings auf die Nase», sekundierte ihn der Gerbepeter geistreich.

Da endlich streckte die Mäherin den Rücken, stellte die Sense zurecht zum Wetzen und gönnte dem 223 geduldigen Tannerhans, der immer noch die Beine auseinanderspreizte wie ein Photographenstativ, einen lächelnden Blick.

«Oh, vielleicht habe ich heute bessern Stand als ihr alle», spottete sie lustig und fing an zu wetzen.

«Warum? Wieso, wenn man fragen darf?» heuchelten die Burschen und zwinkerten einander mit den Augen zu: Die merkt auch schon, daß letzte Nacht keiner von uns im Bette war.

«Man sieht euch an den Federn an, was Vogels ihr seid», trümpfte sie.

«Lustige Vögel sind wir, und pfeifen können wir wie die Kanarien!»

«Die so schöne goldgelbe Schnäbel haben», ergänzte sie schlagfertig mit hellem Lachen.

«Sollen wir etwa kommen und dir aufladen helfen», fragte Tannerhans.

«Wird wohl gescheiter sein, wenn ich's selbst tue. Es könnte sonst überort geraten; zum Laden gehört gesunderes Augenmaß, als ihr heute habt.»

«Hoho, selb wollten wir schauen», polterte Hans gemütlich, da ihm nichts anderes einfallen wollte.

Der Balzer aber, als ob ihn die gelben Schnäbel wurmten, giftelte:

«Du, Rötelein, komm nur beim Laden dem Gras nicht zu nahe mit deinem Heuel, sonst müssen des Gratbauers Kühe schon morgen Dürres fressen.» Bühlfritz hatte dem Sprecher einen mahnenden Ellbogenschupf verabfolgt, doch der Balzer nahm keine Notiz davon; seine gedunsenen Züge glänzten boshaft, und aus der Stimme klang's wie heimlicher Groll.

224 Sogleich änderte auch die Magd ihren Ton. «An dir verdreck' ich mich nicht. Putz dein Maul anderswo ab», sagte sie verächtlich, schwenkte gelassen ihre Sense und hieb wieder drein, ohne nach links oder rechts zu schauen. Was der Bursche noch maulte, verdunstete in der Luft.

Sobald der Balzer sich einmischte, hatte sich Tannerhans mißmutig abgewandt. Jetzt setzte sich das Trüpplein in Bewegung und verschwand im Walde. Aber die Schrauber- und Vogelflinten kamen nicht zum Knallen, so eifrig auch die Burschen in die dichten Tannenwipfel hinaufspähten. Kein Schwanz von jagdbarem Wilde ließ sich blicken, trotzdem sie das ganze Wäldchen absuchten und vom Aufwärtsglotzen fast die Nackenstarre kriegten. Da fing es ihnen an zu erleiden. Der scharfe Morgenwind trieb ihnen das Wasser in die gereizten Augen. Einer nach dem andern verrenkte seine Kiefer zu einem schrecklichen Gähnen oder fuhr sich mit der Hand über das Schädeldach, unter dem es unheimlich hämmerte und schmerzte.

Nämlich: Beim Stockbauer war Rübenrüstet gewesen. Ein lustiger Abendsitz hing daran. Bis weit nach Mitternacht hatten sie gejodelt, gehandharft und getanzt. Tannerhans hatte ihnen seine lustigen Kehrlein aufgespielt. Den Rest der Nacht hatten sie benutzt, vor den Kammerfenstern der heiratsfähigen Mädchen die Runde zu machen. Trocken war es dabei nicht zugegangen, und allmählich war eine ausgelassene Stimmung über sie gekommen. «Wer ein rechter Vater ist an seinen Buben, klepft sie mit der Geisel wieder fort, wenn sie am Sonntagmorgen vor sieben Uhr nach Hause kommen», hatte der Balzer großartig deklamiert. 225 Daraufhin hatte man beschlossen, gar nicht ins Bett zu gehen, sondern die Büchsen zu holen und im Wald zu schleichjägern. So waren sie hergekommen.

Jetzt wurden die Beine immer schwerer, die Augen kleiner. Pfeife und Zigarre wollten nicht brennen. Die Stimmen klangen wie Scherben, heiser und hart; die Witze waren am Vertropfen. Am jenseitigen Waldsaum angekommen, setzte man sich auf einen Stock oder legte sich, ohne der Feuchte zu achten, ins Moos aufs Ohr; die Kühle tat so wohl! Nur der Tannerhans blieb stehen und warf nach kurzem Besinnen den Lederriemen seiner Vogelflinte über die Schultern: «Ich will heim.»

Vergeblich baten die Kameraden; Hans kehrte sich nicht daran und ging.

Als er außer Hörweite war, fragte der Balzer unschuldig: «Was ist jetzt mit dem?»

«Tue jetzt noch, als ob du erst heute auf die Welt gekommen wärest, Kuhlamm du!» putzte ihn der Bühlfritz ab. «Du weißt so gut als ich, warum Hans ärgerlich ist. Nachdem er uns zuliebe mitgemacht und die ganze Nacht aufgespielt hat, hättest du seinen Schatz nicht zu hunzen brauchen.»

«Warum hat sie uns Gelbschnäbel ausgeteilt? Und daß sie fatalblond ist, daran bin ich auch nicht schuld.»

«Ja; aber es steht nicht jedem an, ihr das vorzuhalten. Weißt, mit den roten Haaren ist es so eine Sache: Manchen stoßen sie nur am Tag ab, bei Nacht aber ziehen sie ihn um so stärker an.»

«Wenn das mich angehen soll, so möchte ich mich bedankt haben. Mit jedem Pack lass' ich mich nicht ins gleiche Band nehmen», protzte der Balzer hochmütig-wegwerfend auf, erhob sich und griff nach seiner 226 Büchse. «Überhaupt hast du mir nichts zu befehlen, und ich wäre ein Narr, wenn ich solche unverschämte Lügen länger anhörte. Ich kann's machen ohne euch, blast ihr mir!» Er spuckte großartig aus und schritt davon. Spöttisches Gelächter schallte ihm hinterdrein, und einer sagte: «Dem pressiert's.»

«Geh nur», rief ihm Fritz nach, «es bravet, wenn du weg bist. Geheiratet hättest du es nicht, das Rötelein, das ist richtig. Aber sonst wäre es dir gut genug gewesen, trotz der roten Haare. Du wärest ihm sonst weniger oft und lang auf der Scheiterbeige herumgeripst.»

Der Balzer schaute nicht mehr um. Er klopfte nur auf jene Gegend, die man höflicherweise als den «untern Rücken» zu bezeichnen pflegt.

«Ist das Tatsache?» fragte einige Zeit nachher einer der Burschen.

«Ja und gewiß», bekräftigte Fritz, «unaufhörlich hat er ihm nachgestellt. Briefe hat er ihm auch geschrieben und Zusammenkünfte vorgeschlagen. Doch das ist noch nicht alles. Einige Zeit nachher kam das Rötelein ins Gerede; vielleicht habt ihr auch einen Ton davon vernommen. Man brachte es in einen Lärm mit dem Gratbauer, bei dem es Haushälterin und Magd ist. Und wenn nicht alles trügt, ist es der Balzer, der dieses schändliche Gerücht ausgestreut hat. Beweisen freilich kann man es ihm nicht, dafür hat er die Sache schlau genug eingefädelt. Und Leute, die nicht begreifen konnten, warum das Rötelein so lange bei dem harzigen Batzenklemmer aushielt, glaubten es ihm, etwas blieb immerhin hängen.»

«Warum blieb es denn eigentlich so lange?» fragte Gerbepeter.

227 «Warum? Weil ihm die kleinen, mutterlosen Kinder so sehr anhingen. Darum! Und weil es ein Weibervölklein ist, dem alles Böshaben nichts macht, das sich in alles schicken kann. Die Hübscheste kriegt er nicht, der Hans, aber eine, die sich drehen kann wie ein Zwirbelein.»

«Wenn ich Hans gewesen wäre, den Balz hätte ich ausgewindet nach Noten.»

«Oh, man kennt den Hans. Er überlegt sich alles gar genau und ist eine gute Seele. Item, mir war er ein lieber Kamerad die ledige Zeit durch, und mit dem Rötelein habe ich manchen Tanz getanzt und manches Lied gesungen. Und wenn sie Hochzeit halten, muß geschossen sein, und wenn der Balzer Dummheiten macht, so klopfen wir ihm das Leder.»

«Meinetwegen. Ich helfe auch mit. Nur haltet jetzt endlich euere Lafern, so kann man schlafen», reklamierte einer, während ein zweiter schon recht wacker Holz raspelte.

«Steht ihr lieber auf! Besser ist, wir gehen nach Hause; hier liest man die Gliedersucht auf.»

Nach einer Weile trennte sich die Gesellschaft. Einige blieben liegen und feilten Sägen, die andern gingen heim.

*

Es war am zweiten Freitag im April des folgenden Frühlings. An der Waldecke, wo die Wege zusammenliefen, stand der Tannerhans. Er trug eine nagelneue Halbleinkleidung und befand sich überhaupt im höchsten Sonntagsstaate; denn heute war sein Hochzeitstag, und er erwartete hier seine Braut. Schon lange hatte er angelegentlich gehalst, ob sie nicht komme. Als sie 228 endlich an der Wegbiegung auftauchte, schlüpfte er schnell hinter eine große Tanne. Doch das Rötelein hatte ihn schon erblickt.

«Komm nur hervor», rief es neckend, «oder soll ich etwa umkehren?»

«Wie du meinst», antwortete Hans, kam aber mit bemerkenswerter Hurtigkeit aus seinem Verstecke hervor.

Einen Augenblick betrachteten sich die beiden Hochzeitsleutchen.

«Potz!» gab Hans seiner Bewunderung Ausdruck. Auch das Rötelein war neu eingerumpft, vom Kopf bis zum Fuße. Es trug die schöne Bernertracht, und sie stund ihm wohl.

«Hast du mir ein Hochzeitsmailein mitgebracht?» forschte es. «Sieh, hier ist das deinige.» Es steckte Hansen ein Geraniumträubelchen mit einem grünen Blatte ins Knopfloch.

Der gute Hans stand da wie ein Lichtstock.

«Du», er kratzte sich kleinlaut in den Haaren, «ich hab's wahrhaftig vergessen. Sie riefen mir noch etwas nach von einem Hochzeitsmaien; aber ich meinte, es wäre Spaß. Weißt was, steck du nur den Geranium ein, mich kränkt's nicht, wenn ich keinen habe.»

«Dann meinen die Leute, ich sei das Vergeßliche gewesen.»

«Ja, was fangen wir denn nun an?»

«Oh, ich kann ja eine Säublume ins Mieder stecken», entgegnete das Rötelein, halb neckend, halb spottend.

«Nein, das sollst du nicht; aber wart nur, unterwegs findet sich vielleicht doch etwas für dich.»

Und es fand sich wirklich etwas. Nach einiger Zeit 229 kamen sie zu einem blühenden Kirschbaum. Rasch entschlossen kletterte Hans über den Stamm hinauf, das Rötelein wehrte ab.

«Zerreiß deine Hosen nicht, daß ich sie dir nicht schon am Hochzeitstag flicken oder mit einem Lumpenhudi in die Kirche muß. Lieber gehe ich ohne Mailein.»

Aber schon stand er vor ihm und überreichte ihm das erhaschte Blütenzweiglein.

«Ins Haar stecken mußt es!»

«Ja, wahrscheinlich», erwiderte es und verzog den etwas zu groß geratenen Mund mit den kräftig geschnittenen Lippen zu einem überlegenen Lächeln. «Schön abstechen würd's; dann meinten sie noch, ich wolle mit meinem mißfarbenen Haarschopf Hoffart treiben.»

«Laß sie doch reden. Sie sollen meine Augen nehmen und dich anschauen, dann gefällst du ihnen.» Er guckte dem Mädchen zärtlich in die goldig schimmernden Braunaugen und haschte nach seiner herabhängenden Hand. «Du, manchmal gelüstet es mich selber, dir Rötelein zu sagen. Es klingt so schön, und weißt du, ich denke dann immer an das flinke Vögelein, das so munter in den Stauden herumschlüpft und so lustig pfeifen kann. Rötelein! Staudenrötelein!»

«Ei, ei», lachte das Mädchen schelmisch, «nun bekomm' ich doch noch eine Liebeserklärung. Es war aber auch die höchste Zeit. Nach dem Kirchgang hätt's geheißen: Hans Hintennach kommt zu spät.»

Darauf wußte Hans nicht mehr zu antworten, und schweigend schritten sie Hand in Hand durch die knospende, blühende Frühlingsnatur. Lichter Sonnenschein 230 lag auf den goldgelben Löwenzahnmatten, von denen sich die blütenweißen Kirschbäume und die dunkelgrünen Tannenwälder so freudig abhoben, und der Himmel und die fernen Hügelzüge steuerten zu dem lieblichen Bilde ihr zartestes Blau bei. Auch in die Herzen der Hochzeitsleute drang ein mildheller Abglanz des sonnigen Tages und verstärkte die gehobene Stimmung. Sie trauten einander das Beste zu, und darum war es ein fröhliches Wandern.

«Wunderlich geht's doch zu auf der Welt», begann Hans nach einer Weile. «Wer uns das prophezeit hätte, als wir noch in die Schule gingen! Erinnerst du dich auch noch? Du warst freilich noch ein ganz kleines Bimserlein, als ich aus der Schule kam. Aber ein böses Teufelchen! Die Nägel, Zähne und Schuhnasen wußtest du zu gebrauchen, wenn du geplagt wurdest.»

«Und du warst ein lang aufgestengelter Gabriel und saßest trotzdem in der Unterschule. Wenn mir einer gesagt hätte, dieser ungeschickte Junge werde eines Tages mein Mann, hui, die Augen hätte ich ihm ausgekratzt. Denn wild und trotzig war ich, das stimmt. Der alte Schulmeister sagte mir mehr als einmal: Du bist ein Wildsäulein!»

«Siehst du, zur Strafe mußt du nun den ungeschickten Jungen mannen. Und Geduld wirst du viel haben müssen mit ihm! Schaffen, das kann ich! Sei's Landarbeit, Holzarbeit oder Zementerei, ich weiß mir zu helfen; es läuft mir aus der Hand. Und hausen und sparen kann ich; da darfst du ruhig sein. Aber das Rechnen und Schreiben muß ich dir überlassen; es ist für mich ein bitteres Kräutlein, daß ich dich damit plagen muß.»

«Was wir zu schreiben und zu rechnen haben, ist im 231 Grunde nicht viel, und ich getrau' mir schon, damit fertig zu werden.»

Wieder schritten sie eine ganze Strecke stillschweigend nebeneinander her. Kamen Leute oder Häuser in Sicht, dann löste das Rötelein seine schlanken Finger aus Hansens breiter Tatze und sagte:

«Nicht narrochtig tun vor den Leuten!»

War die Luft wieder rein, so fanden sich auch die Hände wieder. Hansen machte noch manches Gedanken. Er wußte nicht, ob er rechts oder links vom Altar zu stehen habe, und jammerte, es sei halt das erstemal, daß er Hochzeit halte. Das Rötelein lachte ihn aus und beruhigte ihn, man werde ihnen schon Plätze anweisen. Zwischenhinein erzählten sie einander, was die neuen Schuhe gekostet haben, und berieten, wo und was sie zum Mittagessen bestellen wollten.

So kamen sie nach anderthalbstündiger Wanderung in der Kirche ihres Wohnortes an. Trauen sollte sie ihr Unterweiser, der sie kannte. Sie durften ihm frei und ungescheut in die Augen schauen und wußten, daß er an ihnen väterlichen Anteil nahm.

Dem greisen Seelensorger war schon manchmal angst und bange geworden, wenn sich Paare trauen ließen. Protzig aufgesträußt traten die einen zum Altar, fahrig und schlampig die andern. Dem einen guckte die Leichtfertigkeit aus allen Winkeln, andern die kälteste Berechnung. Dirnenhafte Lüsternheit, Gemeinheit, Roheit – ach, was hatte er schon alles von den Gesichtern gelesen und wie oft den Ehestand zum Wehestand werden sehen!

Heute blickten die hellsichtig gewordenen Augen mit stillem Wohlgefallen auf zwei schüchterne, 232 linkische Leutchen. Zagen Schrittes waren sie über die Schwelle getreten; demütig gesenkten Hauptes standen sie da. Die Braut faltete kindlich fromm die Hände; der Bräutigam wollte es ihr nachtun. Nur hinderte ihn der schöne neue Hut, den man doch nicht wohl zerknittern durfte, weil er so viel gekostet hatte. Mit leiser Rührung gewahrte der Greis die beklemmende Verlegenheit. Da fiel der suchende Blick des Hochzeiters auf den Stuhl des Kirchendieners. In wenig Schritten, auf den Zehen hatte er ihn erreicht und den Hut dort geborgen. Nun konnte er die Hände regelrecht falten, wie es ihn die Mutter gelehrt hatte. Und wie nun der alte Herr das Paar in scheuer Ehrfurcht vor sich stehen sah, strömte eine Welle jugendlicher Gemütswärme durch seine Brust. Weggeweht war der Eingang seiner studierten Rede. Andere Worte erblühten ihm auf den Lippen, schlichte, gütige Vaterworte.

«Liebe Kinder», sprach er ergriffen, «es freut mich, daß ihr eure Hände immer noch falten mögt zum Gebet, wie zur Zeit, als ihr zu mir in die Christenlehre kamt. Tut allezeit wie heute, leget aus den Händen und verbannet aus den Herzen, was euch hindert, vertrauensvoll die Hände zu falten. Und es freut mich, daß diese Hände, die ich heute ineinanderlegen darf, rauh geworden sind von ehrlicher Arbeit. Mir ist, als sehe ich durch eure klaren Augen hinab in eure Herzen. Und mir ist, als wohne dort ein verständiger und rechter Sinn und ein herzliches Verlangen nach Segen. Darum lasset mich segnen und sprechen von dem, was euern gemeinsamen Lebensweg erhellen, erleichtern und fruchtbar machen kann.»

So redete er weiter in herzlichem Eifer, lehrte, 233 ermahnte und ermunterte, und sie hörten ihm tief ergriffen zu und suchten zu erfassen, was sie zu erfassen vermochten. Dabei keimte in ihnen ein schönes Glücksgefühl auf: Wenn wir reiche und vornehme Leute wären, mehr hätte er nicht anwenden können. Sie spürten ein Gutmeinen und Vertrauen, das sie erhob und ihre guten Vorsätze befestigte.

Als die heilige Handlung vollzogen war, wollte Hans auch seine gute Meinung und Dankbarkeit bezeigen. Angelegentlich fragte er nach den Kosten und war fast betrübt, als der alte Herr lächelnd abwinkte.

Kaum waren sie draußen auf dem Friedhof, sagte das Rötelein: «Schön war's, und nie, nie wollen wir das vergessen!»

«Allweg, allweg», stimmte Hans eifrig bei, «wenn man nur alles behalten könnte.» Hand in Hand schritten sie über den Kirchhof, zwischen den mit Weißschlüsselchen und Arabis geschmückten Gräbern hindurch, feierlich und ernst.

Draußen vor der Kirchhofpforte aber wehte Hansen plötzlich ein Übermutslüftchen an, und neckend sprach er: «Jetzt hat's dich!»

«Und dich hat's auch», gab das Rötelein lächelnd zurück. In fröhlicher Stimmung traten sie in die Wirtsstube und setzten sich bald darauf an die weißgedeckte Tafel. Suppe, Fleisch und Gemüse hatte Hans bestellt; das ließen sie sich munden. Sogar zu einer Flasche Vermachtem wollte er sich versteigen. Doch das Rötelein wehrte kopfschüttelnd ab:

«Nicht herrschelig anfangen und armüetelig aufhören! Offener tut's auch.» Da bestellte Hans einen Fünfer Weißen; aber vom Bessern. Die Kellnerin rümpfte 234 ein wenig die Nase darüber; die Wirtin hingegen nickte der jungen Frau freundlich zu und ließ sich mit ihr in ein Gespräch ein. Alles nahm einen guten Verlauf; nur beim Bezahlen kam Hans ein wenig in Not. Zwei Essen und einen Fünfer konnte er nicht mit der wünschenswerten Geschwindigkeit zusammenschlagen. Er wußte sich aber zu helfen. Seinen Geldbeutel dem Rötelein zuschiebend, sagte er: «Zahl du, du weißt besser Bescheid mit dem Trinkgeld», und wurde ein wenig rot. Unbefangen berichtigte das Rötelein die Schuld, und niemand merkte etwas.

Im frühen Nachmittag begab sich das Paar auf die Hochzeitsreise. Sie führte nicht in der halben Schweiz herum oder gar nach Italien. In einer Nachbargemeinde hatte Hans ein kleines Gütchen gekauft, das wollten sie besuchen und besichtigen. Die Sonne brannte schon recht warm, und Hans trug seinen schweren Wollhut in der Hand, damit ihm der leise streichende Nordost die schweißnasse Stirne kühle. Als sie das Dorf hinter sich gelassen hatten, zog er aus seiner Busentasche sein Stutzerlein und wies es listig blinzelnd der jungen Frau vor, stopfte aber noch nicht. Erst als sie gutmütig lächelte und sprach: «So, hat das auch mit uns Hochzeit gehalten», kam auch der Tabakbeutel zum Vorschein. Da sie nicht Einsprache erhoben hatte, wurde in aller Behaglichkeit gefüllt und in Brand gesteckt.

«Wenn jemand kommt, tu' ich weg. Nur – auf das Essen gehört ein Mundvoll Tabakrauch, sonst ist das Tüpflein nicht auf dem i.»

Er schwelgte königlich an dem wohlfeilen Murtenbieter, und munter schritten sie fürbas, hügelauf und hügelab. Dann lenkten sie ihre Schritte in ein 235 Seitentälchen, das enger und enger wurde, bis zuletzt jede Talsohle aufhörte und die Abhänge beidseitig hausdachsteil emporstiegen.

Das Rötelein hatte sein zukünftiges Heim erst ein einzig Mal gesehen. Kurz vor dem Abschluß des Kaufes war's gewesen. Hansens Vater und Bruder waren auch mitgekommen, um erwägen zu helfen. Damals lag aber das Gütlein zum Teil noch mit Schnee bedeckt, im Winterschlaf. Nun mußte es die warme Lenzsonne geweckt und geschmückt haben. Wie mochte es sich wohl jetzt ausnehmen? Unvermerkt beflügelte das Paar seine Schritte und geriet nach und nach ins Juden. Hansen war das Pfeiflein längst ausgegangen; denn er wickelte an schweren Gedankenknäueln.

«Wenn's uns nur gut geht», wiederholte er mehrmals. «Ein Gewagtes ist es immerhin für uns. Unsere gemeinsamen Ersparnisse frißt die Anzahlung fast weg. Das wenige, was uns mein Vater herausgeben kann, reicht nicht viel weiter als für den Besatz. Wir werden anfangs sehr kurz abbeißen müssen.»

«Es wird schon gehen», ermutigte ihn das Rötelein. «Sobald wir angepflanzt haben, suchst du Arbeit bei den Bauern und überlässest mir das Heim.»

So redeten sie noch lange ernsthaft und verständig über ihre Zukunft, und endlich standen sie am Fuße ihres Gütchens, dem die Nachmittagssonne eine verschwenderische Fülle von Licht und Glanz spendete. Freundlich blickte das braune Häuschen auf sie herunter. Es stand ungefähr in der Mitte des Erdreichs auf einem kleinen Vorsprung, zu dessen Seiten sich das Land muldenförmig auskehlte. Vom Fahrsträßlein 236 hinauf führte ein Karrweg. In einer einzigen Kehre kletterte er den Abhang hinauf. Alte, knorrige Kirschbäume hielten das Wegbord mit ihren Wurzeln fest und hatten sich den Sommerhut über und über mit Blüten besteckt.

«Sieh, sieh», rief das Rötelein erfreut und weidete sich an dem herrlichen Anblick. Kopf an Kopf blühte der Löwenzahn, wunderbar leuchtete das Grün des Hanges. Oben am Buchrain guckte das erste zarte Laub, und eine große weiße Stockwolke schaute über die Wipfel auf die Ankömmlinge.

«Ganz, ganz anders sieht's aus als das erstemal, viel, viel freundlicher. Aber Zeit wird's jetzt, daß wir antreten. Es ist gut, können wir nächste Woche zügeln. Jetzt komme ich gerne hieher.»

Diese anerkennenden Worte versetzten auch Hansen in eine zuversichtlichere und angeregte Stimmung.

«Das Gras hat mächtig gewachsen, seit ich das letztemal da war. Der Boden ist gut und die Bäume werfen auch etwas ab.» Im Aufwärtsschreiten berieten sie schon, wo und was sie anpflanzen wollten, statteten auch den Äpfel- und Birnbäumen einen Besuch ab und stellten einen schönen Blütenansatz fest.

Das Häuschen stand leer, der frühere Besitzer war schon ausgezogen und hatte nicht die beste Ordnung hinterlassen. Im Brunnenschopf langte Hans hinter einen Rafen hinauf, holte den Türschlüssel herunter und öffnete. Sie traten in die Küche, die ihnen leer und unfreundlich entgegengähnte. Große Löcher im Lehmboden zeigten, daß hier gleichgültige Menschen gewohnt hatten. «Das muß ändern», sagte das Rötelein, «so könnte man einen Fuß verstauchen.» Ungemütlich 237 sahen auch die leeren Stuben aus. Doch hatte die Sonne ungehinderten Zutritt; das Gütlein trug nicht umsonst den Namen «Sonnseite».

«Sobald der Hausrat drinnen ist, sieht alles ganz anders aus», tröstete Hans. «In diese Ecke stellen wir das Bett. An die Wand kommt der Schrank, dort der Tisch. Dann setzest du dich hier und bist die Bäuerin; ich sitze dort und bin der Bauer.» Er schlang ihr den Arm um den Nacken und zog sie an sich. «Freut's dich, sag, freut's dich?» Sie nickte, gab ihm einen Kuß und sprach: «Weil's unser ist.»

«Unser und den Schulden. Doch glaub' ich nicht, daß wir zu teuer gekauft haben; ich glaub's nicht.»

«Anwenden werden wir müssen; aber ich sorge mich gar nicht so sehr wie du. Wenn wir nur gesund sein können.»

Dann nahmen sie ihren Rundgang wieder auf, schritten durch Keller, Tenne und Stall und stiegen über die Einfahrt auf die Bühne, wo noch ein kleiner Rest Heu und Stroh, den Hans mitgekauft, vorhanden war. Überall erblickte Hans Dinge, die auf seine geschickte Hand warteten.

«Gut ist's, daß ich mich auf die Holzarbeit verstehe. Wenn wir zügeln, nehmen wir auf der Säge gleich Laden und Schwarten mit, damit ich das Notwendige sofort ausflicken kann. In einem halben Jahr wird vieles geändert haben.»

Den Garten traf das Rötelein höchst verwahrlost an und erinnerte sich dabei, daß es sich noch nach Sämereien umsehen müsse. Für Kartoffeln hatte Hans gesorgt, indem er schon das Jahr vorher Samen gekauft und auf dem väterlichen Gütlein ein Stück angepflanzt und 238 einen schönen Ertrag geerntet hatte. Darüber waren sie jetzt froh. Denn, wo sollten sie sonst in der ersten Zeit das Gemüse hernehmen?

Gar mancherlei rieten sie noch ab; dies und jenes Vergessene kam ihnen in den Sinn, und als der Abend nahte, hatten sie das Gefühl, einen schönen und fruchtbaren Nachmittag verlebt zu haben. Zufrieden und vergnügt traten sie den mehrstündigen Heimweg an, nicht ohne sich noch ein paarmal umzuwenden und ihr Gütlein zu bestaunen. Als sie endlich in Hansens Vaterhaus anlangten, war es schon spät in der Nacht, und die derbledernen Hochzeitsschuhe hatten dem Rötelein Blasen gedrückt. Dieses kleine Ungemach vermochte ihm jedoch nicht den Humor zu trüben. «Dafür hat uns der Balzer in Ruhe gelassen», sagte es, «das ist auch etwas wert. Und sind wir erst in unserem Heim, dann sind wir ihm aus den Augen für immerdar.» «Das wird auch ihm das Liebste sein», fügte Hans bei, und dann begaben sie sich zur Ruhe.

*

In der nächsten Woche zügelten sie. Nachbarn und Freunde, darunter Bühlfritz und Gerbepeter, erwiesen ihnen den Liebesdienst gegen Versorgung mit Speise und Trank. Drei schwere Fuder husterte man den Kehrstutz hinauf.

Drei Fuder! Wie hatte das Rötelein Augen gemacht beim Aufladen. Dieser Hans! Was das für ein Heimlichfeißer war! Einen Küchentisch hatte er selber geschreinert, einen Geschirrständer, eine Abwaschbank! Fünfzig glattgeputzte Bohnenstangen lagen bereit, daneben ein mächtiger Bund Erbsstichel! Ein 239 feingehobeltes Waschbrett streckte keck seine starren Beine gen Himmel! Immer mehr kam zum Vorschein, eine Grasbähre, eine Mistbähre, eine Bänne! Eine Schorschaufel, Waschstecken und Rechen zog Hans hinter dem Tennstor hervor. Reiswellen hatte er gehackt, Scheiterholz gemacht und in Säcke verpackt. Auch die notwendigsten Feldwerkzeuge besaß er schon und hatte glattbuchene Stiele hineingeschnitzt.

Das Rötelein kam aus dem Staunen gar nicht heraus. Niemals hatte ihm Hans von diesen Dingen ein Wörtlein gesagt. Fragen war er ausgewichen: Das werde sich schon finden. Und doch hatte es ihn manchmal fast verjagt, daß er schweigen mußte. Aber es sollte eine Überraschung sein für die junge Frau, und darum bezwang er sich.

«Weißt du, wann ich damit angefangen habe? An jenem Tage, als du mir zeigtest, du mögest mich leiden. Fast zwei Jahre ist es seither! Und beinahe jede freie Stunde habe ich daran gearbeitet.»

«Ist's möglich, du? Und mir nie ein Wörtlein verraten!» Wie zwei Sönnchen so hell und warm leuchteten ihn des Röteleins Braunäugelein an. «Ein Lieber bist, ein Braver bist!» sprachen sie zu ihm so hold, daß ihn ein großes Glücksgefühl durchrieselte. Dem Rötelein schien, ein schöneres Hochzeitsgeschenk habe noch nie eine junge Frau erhalten und nach einem solchen glückhaftigen Anfang könne es ihnen nicht fehlen.

Freilich, als man ablud, wurde das junge Paar schon etwas kleinlauter. Stück um Stück verschluckte das Haus, und noch gar manche Ecke blieb leer. Als man die Fuhrleute bewirten wollte, fehlte es an diesem und jenem, obschon Hansens Mutter vorsorglich gekochtes 240 Dörrfleisch und Gemüse mitgegeben hatte, das bloß gewärmt zu werden brauchte. Immerhin verließ keiner durstig und ungesättigt das Haus, als sie heimkehrten. Das geschah noch am selben Abend; denn die Nachbarn hatten Verstand und begehrten nicht, einen Anfänger, der auf den Batzen sehen mußte, zu brandschatzen.

Nun waren Hans und das Rötelein allein. Es besorgte noch die Küche und er den Stall. Dann beschauten sie gemeinsam ihre Tiere: ein trächtiges Rind, einen Jährling und eine Milchziege. Letztere mußte vorläufig noch allein die kleine Haushaltung mit Milch versorgen. Das schien ihr jedoch wenig Besorgnis zu verursachen. Sie hatte ein prächtiges Euter und einen Kopf voll lustiger Faxen. Auch Falch, das Rind, war ein gefreutes Tier und versprach Nutzen zu bringen. Angesichts dieses lebendigen Reichtums kehrte den zwei Leutchen die zuversichtliche Stimmung wieder.

«Manche müssen noch viel weiter unten anfangen als wir», sagte Hans, als sie in der Stube beisammen saßen. «Fehlen tut uns freilich noch viel. Aber mein Werkzeug habe ich auch noch, und vieles, was ein anderer kaufen müßte, bringe ich selbst zustande. Wenn ich irgendwo abmessen und abschauen kann, bring' ich's schon in den Kopf. Nur wenn ich mir Dinge vorstellen soll, die man nicht sehen und mit der Hand greifen kann, Dinge, die keinen Kopf und keine Füße, kein Vornen und kein Hinten, kein Unten und kein Oben haben, will's mir nicht glücken. So war's mit dem Rechnen in der Schule. Wohl hatte die Lehrerin ein Gestell mit Drahtstengelchen und Röllchen dran und sagte: Das sind fünf, das sind zwölf, das sind vierzig. Ich sah immer nur, daß das Gestell geviert und die Kügelchen rund 241 waren. Ein solches Gestell hätte ich zur Not schon damals herausgebracht, die Röllchen hingegen nicht, und das beschäftigte mich am meisten. Immer mußte ich nachsinnen, wie man die erstellen könne. Wie es mit den krummhakigen Ziffern zusammenhing, begriff ich nicht recht; sie hatten weder Ähnlichkeit mit den Kügelchen noch mit dem Gestell. Erst in den letzten Jahren dämmerte mir einiges auf; aber die Lehrerin hielt mich für einen unverbesserlichen Dummkopf und ließ mich sitzen. Geschlagen hat's mich seither oft, und wenn mich die Lehrerin das Rechnen hätte lehren können, wollte ich auf den Knien zu ihr hinrutschen und ihr danken. Manchmal scheint mir, wenn ich noch einmal vornen anfangen könnte, jetzt würde ich der Sache Meister; aber nun ist's zu spät.»

«Und wenn ich's dich lehren könnte? Mit einem einzigen Schüler geht's auch leichter, als wenn man deren achtzig und so viele Klassen hat.»

«Das gib auf. Höchstens ärgerten wir uns beide. Schämen werde ich mich freilich noch manchmal müssen.»

«Dafür bin ich das Rötelein, habe das Zifferblatt voller Laubflecken und einen großen Mund. So passen wir zusammen und haben einander nichts vorzuhalten.»

Das ließ Hans nicht gelten. Zum mindesten mußte ausprobiert und gemessen werden, welches von beiden den größeren Mund besitze. Dabei machte Hans die Erfahrung, daß an einem großen Mund auch mehr zu küssen sei und man weniger leicht danebentreffe, und so nahm der Tag ein vergnügliches Ende.

Am andern Morgen, als Hans erwachte, hatte das Rötelein sich schon gekämmt. Rasch sprang er aus den Federn, säuberte sich beim Brunnen und nahm die 242 Sense zur Hand. Das Land, das sie umgraben wollten für Kartoffeln, mußte vorher noch abgegrast werden. Mit Räf und Grasbogen ausgerüstet, ging er hinunter an den Abhang. Bald kam das Rötelein mit dem Rechen nach. Als es den Hans am Abhang kleben und tapfer schwerten sah, flog ihm eine Erinnerung durch den Kopf, und es neckte mit heller Stimme: «Magst es ergritten?» «Denk wohl!» nickte Hans mit einem Lächeln und holte noch wuchtiger aus. Dann packten sie das zarte Futter zusammen und schafften es nach Hause.

Während Hans fütterte, bereitete das Rötelein den Morgenkaffee, und bald ging's wieder auf das Äckerlein, diesmal mit Bähre, Schaufel, Karst und Hacke. Mit Anfurchen versäumten sie sich nicht lange. Erdseil, Erdscheibe und Zugkraft fehlten ihnen noch, darum mußten sie sich anders behelfen; wie, hatte Hans sich schon ausgedacht. Die Erdschollen aus der ersten Furche schichteten sie an einen Haufen. Oben stieß das Kartoffelland an den Weg, der notwendigerweise verbreitert werden mußte. Dabei ließ sich leicht Erde gewinnen zum Füllen der obersten Furche. Den Erdhaufen konnte man später hinaufführen, wenn man den Falch zum Ziehen gewöhnt hatte.

Gegen Mittag war schon ein ansehnliches Stück umgegraben. Unverdrossen schwang Hans den vierzinkigen Karst, und das Rötelein schälte ihm den Rasen in die Furche. Manchen großen Kiesel lochten sie aus dem leichten, riesligen Boden hervor. Das focht aber Hansen nicht an. «Du wirst sehen, wie gut wir die später gebrauchen können», sagte er.

Als sie genug umgegraben hatten für Frühkartoffeln, Zucker- und Kiefelerbsen, ging's ans Mistaustun. Der 243 Vorgänger hatte auch ein Düngerstöcklein müssen liegen lassen. Davon lud man auf die Bänne und fuhr oben an das Bord. Dann holte Hans im Walde starke, in die Breite verzweigte Tannäste. Auf diese schichtete man die Schollen, schleifte sie wie auf einem Schlitten hinunter und leerte ab. Am Abend war ein schönes Stücklein Land eingerichtet zum Kartoffelsetzen. Sowohl Hans als auch das Rötelein waren zufrieden mit dem ersten Tage. Ein Hochgefühl schwellte ihnen die Brust. Auf eigener Erde steht der Fuß fest, und wäre sie noch so steil. Über eigener Erde lacht der Himmel doppelt freundlich. Auf eigener Erde zu arbeiten ist Lust und Freude, und wäre die Arbeit noch einmal so mühsam. Darum sprach am selben Abend das Rötelein sein Tischgebet mit besonderer Innigkeit.

Die nächsten Tage und Wochen verflogen den beiden wie im Traum. Wohl gab es anstrengende Arbeit vom ersten Frührot bis in die Nacht hinein. Aber keines spürte sie als Last. Denn über ihrem Leben leuchtete die Sonne der Zufriedenheit und Genügsamkeit. Die gemeinsame Arbeit schweißte das junge Ehepaar unzertrennlich zusammen. Jedes spürte, wie unentbehrlich ihm das andere sei. Die Arbeit ließ ihnen nicht Zeit zum Spintisieren und Grübeln; keines hatte Muße, die Worte des andern auf die Goldwaage zu legen oder so lange nachzukosten, bis sie einen bittern Geschmack bekamen. Fuhr Hansen auch einmal ein unbedachtes Wort heraus, so gebärdete sich das Rötelein deswegen nicht wie eine beleidigte Majestät. Entgleiste des Röteleins flinkes Zünglein ein bißchen, so wunderte das Hansen nicht sehr; Rädlein, die sich schnell drehen, müssen schnurren und summen. Eines ließ des andern 244 Machtbereich unangetastet. In Küche, Keller, Stube und Garten war die rote Farbe Trumpf. Stall, Tenne und Bühne standen unter Hansens Oberhoheit, und der Acker war gemeinsam beherrschtes Gebiet.

Trotzdem fehlte es nicht an Sorgen. Die vielen, vielen Anschaffungen! Bald fehlte dies, bald jenes. Unglaublich viel kostete es, und die Einnahmen flossen spärlich. Garten und Acker, erst frisch bestellt, konnten nichts spenden. Des Röteleins einzige Hilfstruppen waren sechs brave, braune Leghühner. Denen bekam der Aufenthalt im Buchrain außerordentlich gut. Fast alltäglich schenkten sie ihre Eier; damit konnte die Bäckerin befriedigt werden. Vor dem Schuldenmachen hatte das Rötelein einen wahren Abscheu. Schulden kamen ihm vor wie Rostflecken; immer weiter breiten sie sich aus, immer tiefer fressen sie ein. Lieber als Schulden machen wollten sie sich mit magerer Kartoffelkost begnügen, obschon ihr Tagewerk hart und anstrengend war und ihnen eine kräftige Eierspeise zu Mittag wohlgetan hätte.

Hansen wollte bei diesem Zustand manchmal der Humor schimmlig werden. Das Rötelein hingegen ließ sich die Sorgenangst nicht übers Schuhleder hinaufwachsen und blieb allezeit buschauf. Wollte er den Kopf hangen lassen und Klagelieder anstimmen, dann sagte es: «Nimm auch wieder einmal dein Handörgelein hervor, das muß auch seinen Zins abtragen. Wofür wären deine schönen Kehrlein, wenn ich sie nie hören sollte. Man kann nachher viel besser schlafen.»

Kolderte er immer noch und wollte nicht drauflos, so schmollte es ein bißchen mit ihm, zog ihn auf oder knetete ihn, bis er weich und fügsam war. Fast immer erreichte es seinen Zweck, ihn aufzuheitern.

245 Zu gelegener Zeit spielte auch der Zufall hinein. Dem Nachbar stürzte die Brüggstockmauer ein und mußte neu aufgeführt werden; denn der Heuet stand vor der Tür. Das war für Hansen ein Glücksfall. Er fand Arbeit und Verdienst und kam zu Hause ab der Kost. Dann warf der Falch ein Kälbchen; nun rollte Geld ins Beutelein. Die Heuernte kam. An den sonnigen Halden konnte man früh damit beginnen. Lange vor den Nachbarn waren Hans und das Rötelein fertig, obschon sie fast alles eintragen mußten. Bei dem großen Arbeitermangel war leicht, gutbezahlte Taglohnarbeit zu finden, und das Rötelein flitzte durch Stauden und den Waldrändern nach, um Erdbeeren zu sammeln. Die ließen sich verkaufen wie Zucker, und obendrein kriegte Hans am Sonntag eine saftige Erdbeerschnitte. Nach den Erdbeeren kamen die Heidelbeeren. Für manche feine Mahlzeit holte das Rötelein in den Lichtungen und Holzschlägen der umliegenden Wälder. Und nun begannen sich unten am Kehr die Kirschen zu röten. Sehnsüchtig blickte das Rötelein zu ihnen auf und mochte fast nicht warten, bis es sie gewinnen konnte. Als die ersten reif waren, mußte Hans ihm die Leiter aufstellen. Furchtlos stieg es hinauf bis auf die obersten Sprossen. Ästlein um Ästlein zog es heran mit dem Haken; Zweiglein um Zweiglein kirschte es ab; Krättlein um Krättlein voll trug es über die Leiter ab; zuletzt war's ein großer Korb voll. Jetzt zog es sich sonntäglich an, belud einen Karren mit Kirschen, Eiern und Salatköpfen aus dem Garten und fuhr mit seinen Schätzen in die nächstgelegene, zweieinhalb Stunden entfernte, größere Ortschaft. Wohl war die Entfernung etwas groß; aber des Röteleins Hochzeitsschuhe hatten sich 246 nun den Füßen schon etwas besser angewöhnt. Wohlgemut wanderte es die weite Strecke; freudige Erwartung macht leichte Füße.

Des Röteleins Kirschen glänzten so verlockend frisch und dufteten so würzig süß, daß niemand widerstehen konnte. Als es am Abend heimkam, war all sein Geschirr leer. Noch viel mehr hätte es brauchen können; eine ganze Anzahl Frauen hatten ihm Bestellungen aufgegeben.

Nun ging's frisch ans Gewinnen. Morgens in der Frühe, wie war's eine liebliche Arbeit!

«Chumm mir wei go Chirscheli gwinne,
Weiß amen Ort gar grüseli viel.
Ganzi Büscheli schwarzi, zweieti,
Süeßi, saftigi hangen am Stiel!»

Das Rötelein sang mit den Vöglein um die Wette, so leicht und froh war ihm ums Herz. Ringsum, welch ein Segen, jedes Ästlein gehängt voll! Und die Kronen so groß und dicht! Saß man oben, so schien ein einziger Baum ein kleines Wäldchen zu sein, an dem man zwei, drei Tage abzulesen hatte. Bald merkte es, daß es die Arbeit allein nicht zu bewältigen vermochte. Hans, der bisher meist nur die Leiter weitergerückt hatte, mußte auch mithelfen. Sünde und Schande wär's, die herrlichen Früchte geschänden zu lassen!

Zu zweien war das Kirschen erst recht unterhaltsam. Sie kirschten um die Wette. Das Rötelein mit seinen spazierigen Fingern lachte aber den Hans mit seinen tolpatschigen Fäusten nur aus. «Ringlium!» rief es zu ihm hinauf, nachdem er kaum noch den Ast recht erfaßt hatte. «Bodendeck!» meldete es schon, als er immer noch nicht recht wußte, auf welche Seite den 247 Kratten schieben, damit er nicht unbequem sitze und doch bei der Hand sei. Als er seinen Kratten etwas mehr als halb voll hatte, schickte es sich bereits an zum Leeren. Und doch saß noch fast an jeder Kirsche der Stiel unverletzt, oder es hingen zwei, drei Früchte zusammen und bildeten «Ohrbehänge», wie sie die Kinder so gerne haben. Aus angeborner Klugheit vermied es jedoch, seine Überlegenheit allzusehr fühlbar werden zu lassen und dem Manne dadurch die Arbeit zu verleiden. Gegenteils wußte es Hansens zerflatterndes Selbstgefühl sehr geschickt mit einem Endchen Lob zusammenzubinden.

Von jetzt an war das Rötelein immer über den andern Tag unterwegs, bis der letzte Baum leer stand. Obwohl sein Weg ein schönes Stück mit der Bahnlinie zusammenfiel, ging es doch immer zu Fuß. Manchmal konnte es schon unterwegs einen Handel abschließen und, was die Hauptsache war, das Fahrgeld blieb ihm in der Tasche. Bald hatten es die Abnehmer um seines bescheidenen, freundlichen Wesens willen liebgewonnen. Wenn sie ihm auch einmal nichts abkauften, zog es ihnen deswegen keine sauren, mürrischen Mienen und blieb zufrieden und gesprächig wie zuvor. So fand es dann für seine Ware schlanken Absatz, ohne daß es aufdringlich zu werden brauchte. Und sosehr es Geld zu lösen wünschte, hatte es doch das eine oder andere Mal auch eine Handvoll übrig für ein armes Kind, das mit heißem Verlangen auf die süßen Früchte blickte. Es wußte, wie Entbehrung schmeckt, und fühlte sich im Geben doppelt reich und glücklich.

Wenn es müde, aber guter Dinge nach Hause kam, erzählte es Hansen bis aufs Tüpfelchen, wie es ihm 248 ergangen sei und wer ihm abgekauft habe. Dann überzählten sie strahlend die kleine Einnahme und fügten sie dem ersparten Schatze bei, der in des Röteleins Tröglein wohlverwahrt auf Verwendung harrte. Wäre es nach Hansens Willen gegangen, so hätte man das zwilchene Geldsäcklein dreimal zugebunden und nicht nur mit einer Schnur, sondern mit Eisendraht. Ja nichts fortgeben ohne Not, alles im Vorrat behalten, das war seine Meinung. Dawider eiferte das Rötelein mit aller Macht. Geld soll nicht verschimmeln in der Truhe, Geld soll Geld verdienen. Wofür hatte man Platz für Hühnerställe, wofür den Buchrain mit der Sandgrube, der fast den ganzen Winter schneefrei lag und Nahrung bot für die ganze Schar Hühner? Nein, jetzt mußten noch mehr Hühner angeschafft werden, ein guter Stamm, von dem es sich lohnte zu züchten; Geld blieb immer noch genug im Vorrat. Das begriff zuletzt auch Hans und gab nach.

Der Sommer war vorbei und hatte seine Schuldigkeit getan. Kein Hagelschlag hatte die Felder verwüstet, kein Wolkenbruch die Erde der frisch aufgebrochenen Äcker weggeschwemmt, und der Herbst schenkte eine reichliche Obsternte. Dreimal konnte Hans auf die Station führen und zu guten Preisen losschlagen, ohne den Vorrat für den Familientisch gefährlich zu schmälern. Trotzdem kehrte er niemals ein; nicht ein Zweierlein gönnte er sich. Der letzte Batzen Obstgeld wanderte in des Röteleins Kasse. Anfangs Winter gab's auch Käsgeld. Der Falch hatte brav eingeschenkt; die Käse galten einen unerwartet hohen Preis; Hans kriegte mehr, als er sich hatte träumen lassen. Ganz stolz kam er heim, die Hand immer im Sack auf dem Klümplein. 249 «Du, ein wenig mehr zaunet es schon vom Falchli als von deinen Hühnlein», prahlte er nicht wenig boghälsig. Das Rötelein ließ dies Möstlein ruhig vergären und lächelte nur stillvergnügt in sich hinein; auch ihm war wohlig warm ums Herzgrüblein.

Am selben Abend nahm Hans ungeheißen seine Handharfe aus dem Gänterlein und spielte Märsche und Lieder, was der Blasebalg hielt. Und das Rötelein summte beim Abwaschen leise mit und klöpfelte mit der Fußspitze den Takt.

Warum sollten sie nicht fröhlich sein? Küche und Keller bargen reichen Vorrat. Das Heustöcklein dehnte sich behäbig in die Breite, und das Garbenstöcklein ragte ganz ansehnlich in die Höhe. Und bogen sich im Kartoffelkrummen nicht die Wände auswärts von der Last trocken gewachsener, mehliger Kartoffeln? Waren nicht Obst, Kohl, Bohnen und Rüben wohl geraten? Lagen nicht für das kommende Jahr schon allerhand Sämereien bereit? Hatte nicht das Rötelein für den Heizofen und die Feuerplatte mächtige Haufen dürre Äste und Reiser aufgeschichtet? Lag nicht das Geld bei Heller und Pfennig in der Lade für den Zinstag?

Wohl, den Winter durfte man ruhig erwarten. Längst waren die Fußfallen des Küchenbodens ausgeebnet. Schon im Sommer hatte Hans die ausgetretenen Türschwellen und die wurmstichigen, verlöcherten Fensterbänke ausgemeißelt und ausgeflickt. Warme Streue für das Vieh, dürres Buchenlaub und trockenes Moos war herbeigeschafft. Ein großer Verschlag voll harrte der Verwendung. Der Dünger war ausgeführt, die Weggleise mit Ackersteinen ausgefüllt. Mächtig war 250 geschafft worden den Sommer über, noch nie hatte das Sonnseiten-Erdreich so viel Treue erfahren. Nur die letzten Vorbereitungen zum Empfange des Winters waren noch zu besorgen. Das Kuh- und Ziegenställchen erhielt noch eine wärmende Vortüre, der zügige Schopf eine schützende Wetterwand und der Brunnenstock ein strohernes Übergewand. Dann durfte man auf das Dreschen los.

Als auch diese Arbeit fertig war, kam der Wald an die Reihe. Zu dem Gütlein gehörte nicht ganz eine Juchart, die teils mit Jungwuchs, teils mit Bauholz bestanden war. Sogar einige Trämeltannen ragten über ihre Genossen empor und bildeten Hansens größten Stolz. Sie standen an einer Stelle, wo sie schwierig zu schlagen und wegzuführen waren, sonst hätte sie der vorherige Besitzer wahrscheinlich noch gefällt, bevor er verkaufte. Hans aber gedachte, sie stehen zu lassen, obschon sie nicht mehr den kräftigsten Wuchs aufwiesen. Wenn das Unglück den Bauern schlägt in der Stube, im Stall oder auf dem Feld, wenn es ihn vertreiben will von Haus und Hof, dann ist seine letzte Zuflucht der Wald. Davon hatte auch Hans eine Ahnung, darum wollte er diesen treuen Freund und Helfer nicht blößen. Doch durfte er sich wohl erlauben, für den häuslichen Bedarf und in ganz bescheidenem Maße auch für den Verkauf das üppig wachsende Unterholz zu schwenten und zu lichten.

Das Rötelein blieb jetzt meist in der Stube. Es hatte zu flicken, zu stricken und Kindszeug zu nähen; der Storch hatte für den Monat März seinen Antrittsbesuch angemeldet. Nur bei ganz schönem Wetter half es dem Manne und schleppte ihm die Äste an Haufen, 251 während er Reiswellen hackte. Dabei kam ihm ein glücklicher Gedanke.

«Du, Hans», sagte es, «jetzt hättest du gut Zeit, noch ein wenig rechnen zu lernen. Wer weiß, ob ich im nächsten Sommer immer selbst mit den Eierkisten und Kirschkörben fahren kann.» Dann erklärte es ihm, wie es sich das Rechnen vorstelle. Hans solle fleißig seine Reiswellen zählen und nachrechnen, wieviel ihm zu zehn, zwanzig, hundert oder zu jeder beliebigen Zahl fehlen. Abends solle er immer melden, wie viele Stück er gemacht habe. Dann wollten sie gemeinsam ausrechnen, wieviel man daraus lösen könnte, wieviel er dabei verdient habe und anderes mehr.

Hans machte anfangs eine Miene wie einer, dem der Arzt Blutegel ansetzen will. Er fürchtete, sich schrecklich zu blamieren vor seinem klugen und geschickten Frauchen. Aber es stellte ihm anfangs die Aufgaben so leicht, daß er nicht wohl fehlgehen konnte. Allemal, wenn es Äste holen ging, stellte es ihm eine neue Aufgabe; wenn es wiederkam, sollte er die Lösung gefunden haben. Seine Arbeit hatte Hans so gut los, daß er ihr keine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden brauchte. So wuchs denn trotz der Rechnungsstunde der Reiswellenhaufen. Damit vergrößerte sich langsam auch der Zahlenraum und die Schwierigkeit der Aufgaben. Doch machte Hans sich bei diesem behutsamen Vorwärtsschreiten ziemlich nach und lernte auch sich selber Aufgaben stellen, wenn seine Frau nicht da war.

Abends nahm ihn das Rötelein dann erst recht in die Kur. Mit dem Strickstrumpf in den Händen saß es neben ihm und exerzierte mit ihm wie eine Lehrgotte, suchte ihm die Bedeutung der Zahlen klarzumachen, 252 ließ ihn schreiben, Zahlen zerlegen und zusammenfügen und hatte seine liebe Not mit ihm. Denn einen harten Schädel besaß er immer noch, dafür aber auch einen festen Willen, ein brennendes Interesse und ein hochentwickeltes Wertgefühl. Wenn er ein Resultat schätzungsweise prüfte, entdeckte er jeden schlimmen Fehler sofort von selber. Als er sich in die Zahlenverhältnisse ein wenig eingelebt hatte, stellte es ihm angewandte Aufgaben. Er war der Verkäufer, es die Käuferin, und nun handelten sie zusammen um Reiswellen, Eier, Pfund Kirschen, und es berappte ihm seine Forderungen, lachte ihn ein bißchen aus, wenn er sich übertölpeln ließ, und protestierte mit scheinbarer Aufgebrachtheit, wenn er überforderte, so daß die Übungen ganz unterhaltlich verliefen. Und siehe: Was Hänschen nicht gelernt hatte, lernte der Hans, und was die studierte Lehrerin nicht fertiggebracht hatte, das erreichte das unstudierte Rötelein kraft seiner unerhörten Geduld und Ausdauer.

Wenn dringende Arbeit oblag, mußten die Übungen manchmal einige Tage ausgesetzt werden; aber immer kehrte man wieder zu ihnen zurück; und als der Sommer kam, durfte das Rötelein Hansen ziemlich unbesorgt mit Kirschen und Eiern handeln lassen; so viel hatte er gelernt. Zur Beruhigung konnte es ihm ja immerhin eine Tabelle in den Sackkalender schreiben, damit er in Zweifelsfällen nachsehen könne, ob er sich überrechnet habe.

Den Rest des Winters benutzte Hans dazu, allerlei Gerätschaften zu erstellen, die ihnen noch fehlten. Ein unbenutzter Wohnraum diente ihm dabei als Werkstatt. Auch für Nachbarsleute hatte er zu arbeiten, so daß seine Zeit wohl ausgefüllt war und Geld einging.

253 Noch lang bevor der Kuckuck schrie, bekam das Rötelein Jugend. In der Wiege lag ein strammer Bub und hielt Gesangübung ab. Und obschon er keineswegs eine so sanfte melodische Stimme hatte wie der Kuckuck, gefiel es den Eltern doch über die Maßen wohl. Für sie war der kleine Wiegensänger der rechte Frühlingsbringer.

Eine Woche lang hatte Hansens Mutter zur Aushilfe kommen müssen. Dann war das Rötelein schon wieder fest auf den Beinen und emsig und flink hinter der Arbeit her.

Ja, als die Feldarbeit begann, schien es, erst jetzt kreise in ihm der rechte Lebensstrom; die Augen sprühten und die Glieder federten. Wie ein Geißlein kletterte es an den steilen Börtern der «Sonnseite» herum, an Leib und Seele kernfrisch und saftig wie das Weidenholz im Mai. Das Bürschlein fand reichliche Labung an der Mutterbrust; unversiegbar floß ihm der süße Born. Wohl wurde das Rötelein etwas schmäler und schlanker, das schadete ihm jedoch nichts, weder Gesundheit noch Wohlbefinden litten darunter. So hatte es noch nie gesungen; gar manches alte Kinderlied stieg aus den Tiefen halber Vergessenheit wieder empor. Mit Mutterkuß und Mutterblick, Mutterwort und Muttersang erweckte es die zarte Kindesseele kosend zum Bewußtsein. Dabei hatte es nicht Zeit, an der Wiege Wache zu stehen und jeder Laune des Kleinen abzuwarten oder ihn beständig auf den Armen herumzuschleppen und sich von ihm tyrannisieren zu lassen. Im Hause des Gratbauern hatte es mit kleinen Kindern umgehen gelernt, vielleicht hätte es sonst auch, wie so manche andere Mutter, den Erstgebornen verzärtelt und verzogen. So aber bekam es 254 nicht wegen jedem Müxlein Herzklopfen. War die Witterung schön, so nahm es den Stammhalter mit aufs Feld. Unter einem schattigen Baume ruhte er in einer Hutte, die mit Decklein wohl gepolstert war, und genoß in der frischen Luft den gesundesten Schlaf.

Hansen kam es anfangs ganz wunderlich vor, daß er Vater sein sollte. Doch war an seiner Vaterliebe nicht zu zweifeln, wenn sie sich schon nicht lebhaft und ungescheut hervorwagte und in gefühlvollen Worten kundzugeben verstand. Nie ging er an der Wiege vorbei ohne einen freundlichen Blick auf den kleinen Schläfer. Und wenn er das Büblein einmal zu halten bekam, wendete er eine rührende Sorgfalt auf und bewies eine Geduld und Ausdauer, die nur ein zärtlicher Vater aufbringt. Auf seinen Eier- und Kirschenreisen brauchte er für sich selbst nie einen Rappen außer für Tabak. Dem Büblein hingegen, das in der Taufe den Namen Gottfried erhalten hatte und Friedi gerufen wurde, brachte er fast allemal ein Mühlrad, einen Lebkuchen oder anderes Backwerk heim. Als das Kind größer wurde, fertigte er ihm aus Hölzchen allerhand Spielzeug an, und nirgends konnte sich Friedi so gut versäumen wie in Vaters Werkstatt.

*

Drei Jahre lang war das Glück dem jungen Ehepaare hold. Was sie unternahmen, gelang. Schon hatten sie ein kleines Sümmchen erspart. Vertrauensvoll schauten sie in die Zukunft. Und nun war mit einem Male die schattende Unglückswolke da. Mitten in der besten Gras- und Milchzeit mußten sie Falch, die ausgezeichnete Nutzkuh, schlachten lassen, weil sie an Hirnbrand erkrankt 255 war. Wohl nahmen ihnen die Nachbarn nach gutem altem Brauch das Fleisch ab; der Erlös war dennoch gering. Der Ankauf eines guten Milchtieres erforderte jetzt, wo die Preise am höchsten standen, mehr als das Doppelte der eingenommenen Summe. Das räumte ihnen die so mühsam erworbenen Ersparnisse beinahe ganz weg. Darum traf es sie hart, besonders Hansen. Nächtelang hatte er dem kranken Tier gewacht und allen erdenklichen Fleiß aufgewendet. Umsonst. Nun waren sie wieder zwischen Furcht und Hoffnung gestellt, ohne sichern Boden unter den Füßen. Wie verloren stand Hans umher und machte Kalender. Kein Essen wollte ihm mehr schmecken; seufzend wälzte er sich nachts auf seinem Strohsack; die Sorgenbrille färbte ihm die ganze Zukunft schwarz. Das Rötelein hatte auch geweint, heiße Schmerzenstränen hatten auch ihm die blanken Augen getrübt. Als es aber sah, wie schwer Hans das Unglück zu Herzen nahm, munterte es sich gewaltsam auf, legte das Geschehene hinter sich und schaute vorwärts. Um ihn seinen finstern Grübeleien zu entreißen, begehrte es seine Hilfe bald zu dieser, bald zu jener Arbeit. Es ließ ihn nicht mehr ungesättigt vom Tische aufstehen, und wenn er den Kaffee schwarz trinken wollte, goß es ihm Milch nach. «Wer arbeiten soll, muß genährt sein; unsere Gesundheit und Arbeitskraft ist auch ein Kapital, womit man haushälterisch umgehen muß», sagte es. Ebensowenig duldete es, daß Hans sich das Rauchen versagte. Eigenhändig stopfte es ihm die Pfeife: «Genug liegt sonst auf dir. Wenigstens am Abend sollst du es nicht entbehren. Wenn du dir das nicht gönnest, spüre ich unsere Armut am härtesten. Tue es mir zuliebe!»

256 Solcher Freundlichkeit vermochte er nicht auf die Dauer zu widerstehen. Widerwillig zwar und verdrießlich klemmte er das Pfeiflein zwischen die Lippen und befriedigte das heimlich nagende Gelüstchen. «Wenn gleichwohl alles kaputt gehen muß, so kann ich auch noch ein wenig mithelfen», murrte er. Aber je länger er schmauchte, desto mehr hellten sich seine Mienen auf. Der gewohnte Genuß wurde zum leisen und mitleidigen Versöhner mit dem widrigen Schicksal. Er verhalf der Gegenwart zu ihrem Recht und verscheuchte allgemach die verbissene Stimmung.

Einige Tage später befand sich Hans eifrig auf der Suche nach einer andern Kuh. Als er hörte, was man forderte, wollten ihn die Zangen des Kleinmuts und der Niedergeschlagenheit aufs neue packen. Allmählich ging auch das vorüber, und als endlich ein anderes Tier in seinem Stalle stand, kehrte auch seine Regsamkeit und Schaffensfreude wieder. Der erste Tagschein fand ihn rüstig auf dem Felde; bis tief in die Nacht hinein hämmerte, hobelte und sägte er in seiner Werkstatt. Die Nachbarn vertrauten ihm je länger, je mehr leichtere Holzarbeiten an, da er nur bescheidenen Macherlohn beanspruchte. So groß wurde seine Arbeitswut, daß das Rötelein bremsen mußte: «Tue dir nicht schaden. Mußt es nicht erstieren wollen!»

Mit einem Anflug von Laune antwortete er: «Wohl, dreinschlagen muß man. Mit Gewalt stellt man eine Geiß hintenherum.»

Das hinderte aber nicht, daß er noch oftmals wehleidig wurde und sagte: «Wenn wir das verdammte Unglück nicht gehabt hätten, könnten wir jetzt soviel in die Sparkasse legen.»

257 Im folgenden Winter beschenkte ihn das Rötelein mit einem Mägdlein. Hans fand das in aller Ordnung, tat jedoch deswegen keine Freudensprünge. Die Mutter kam gesund und ungeschwächt davon; das Kindlein gedieh. Somit war für ihn kein Grund vorhanden zu besonderer Aufregung.

Um so Schlimmeres brachte der kommende Sommer mit sich. Kurz nach der Heuernte setzte eine Tröckene und Dürre ein, wie man sie jahrzehntelang nicht mehr erlebt hatte. Tag für Tag stachen die heißen Sonnenstrahlen erbarmungslos nieder auf die dürstende Erde. In kurzer Zeit waren die kahlgeschornen Grasäcker fuchsrot. Aber auch da, wo noch Graswuchs die Wurzeln beschattete und schützte, röstete die Sonne das Erdreich förmlich. Auf erdarmen Graten und unter den Bäumen falteten die Pflanzen traurig ihre Blättlein und kräuselten sie zusammen. All ihre Listen und Ränklein, um Wasser zu erhalten und zu sparen, waren umsonst. Bald sahen auch sie aus, als wäre Feuer über sie gefahren. Heiß, wie eine Ofenplatte, wurde der Boden und bekam Spalten, daß man fast zu den Schnabelleuten hinuntergucken konnte. In Stuben und Ställen wurde die Hitze unausstehlich. Keine kühlen Nächte netzten die versengten Fluren mit erquickendem Tau. Vergeblich schrie die verstäubte, verdurstende Pflanzenwelt nach Wasser. Nur Gewächse, die ihre Wurzeln tief in der Erde Grund hinabgesenkt hatten, vermochten noch ein armselig Tröpflein Feuchtigkeit aufzusaugen und sich grün zu erhalten.

Ein solcher Sommer gibt jedem Landwirt auf zu raten. Doppelt schwierig ist es für einen, dessen Land 258 alles an der Sonnseite aufgehängt und wenig tiefgründig ist. Dreifach schwierig, ja ein wahrer Schrecken ist es für den Betroffenen, wenn dieser zudem noch ein Rückenwehbäuerlein ist, dem eine Schuldenlast den Nacken krümmt, wie es bei Tannerhansen zutraf. Wochenlang fiel an der «Sonnseite» kein ausgiebiger Regen. Das Gras in der Hofstatt bekam die Schwindsucht. Emd gab es nur auf einem kleinen Kleestück; alles übrige war verbrannt. Mitten im Sommer mußte Hans den Heustock anschroten. Alle Futterartikel stiegen rasch in die Höhe und wurden sündteuer. Die Kornernte geriet nicht übel, obwohl die Ähren etwas spitzer und leichter waren als in guten Jahren. Um so mehr Sorgen verursachten die Kartoffeln und das Gemüse. Welk, mit gelben und schon verdorrten Blättern lagen sie am Boden. Die Baumfrüchte serbelten auch nur so hin und verigelten.

Da ging Tannerhansen der Jammer bis an den Hals. «Nicht einen hölzernen Rappen trägt es uns ab, das Schinden und Rackern. Verflucht ist alles, was wir angreifen. Es soll nicht sein, daß wir zu etwas kommen. Alles, was wir mit Hunden und Böshaben zusammengekratzt haben, frißt uns dieser heillose Sommer. Im nächsten Frühling werden wir ärmer sein als bei unserem Antritt, nur daß jetzt doppelt soviel hungrige Mäuler um den Tisch sitzen. Besser der Tod tät einen strecken, als daß man immer zuschauen muß, wie alles zunichte wird, was man so mühsam erraxt hat.» Solche Worte trieb ihm der heiße Unmut und brandschwarze Kummer über die Zunge, nicht einmal bloß, sondern fast alle Tage. Vom Am-Schatten-Liegen sprach er, vom Hände-in-den-Schoß-Legen, von Auswanderung und 259 vom Bettelngehen, und dabei verschwieg er immer noch das Schlimmste, was ihn heimsuchte.

Zentnerschwer zu tragen hatte auch das Rötelein. Mancher Atemstoß entfuhr ihm; manchen wehen Blick sandte es über die versengte Hofstatt und das verwüstete Land. Aber während dem Manne die entnervende Hitze allen Lebensmut und jegliche Tatkraft zu rauben drohte, bäumte sich seine Lebensenergie auf zum heißen Kampfe. Unermüdlich trug es Wasser in den Garten und leitete auch in die Gemüsepflanzung das Abwasser des Brunnens, der, aus tiefem Schachte hervorbrechend, immer noch in kräftigem Strahle heraussprudelte.

Ein Kind auf dem Arme, das andere am Schürzenzipfel, durchsuchte es den nahe gelegenen Wald. Wo in Lichtungen und Holzschlägen fütterbare Kräuter wuchsen, köhlte es sie mit der Sichel zusammen. Manchen Abend konnte Hans einen Grasbogen voll oder zwei heimholen und zum Dörren ausbreiten. Er tat es unwillig und murrte: «Töte dich doch nicht halb. Es steuert doch nichts. Und wer weiß, ob mir dieses Zeug nicht die Kühe ungerecht macht.»

Doch es erwiderte: «Viel Wenig bringt zuletzt auch etwas. Vielleicht werden wir noch froh sein darüber. Und schaden wird es den Tieren auf keinen Fall; ich achte schon darauf, was ich herausschneide.» Und unverdrossen fuhr es weiter.

Unten am Bächlein stand eine ansehnliche Zeile Eschen. Auch diese mußten ihr Laub hergeben bis auf das letzte Blatt. Das Rötelein gab nicht nach, bis Hans die Äste heruntersägte und es sie ablauben konnte. Wieder willfahrte er ihm, aber unter beständigem Hadern; denn der Neid hatte sich ihm tief eingefressen.

260 «Den dicken Großbauern, die nicht zu zinsen brauchen und noch Ausgeliehenes haben, tut es nichts! In ihren Wässermatten steht das Gras mancherorts noch bürstendicht. Und was macht denen das Heukaufen? Wenn sie auch kein Bargeld hätten, denen geben die Heuhändler auf Kredit, soviel sie wollen. Nur uns armen Teufeln borgt niemand; wirst es sehen im Nachwinter und Frühling!»

«So weit sind wir noch lange nicht. Kümmere dich nicht immer, bevor das Unglück da ist! Ein verzagter Mensch ist im Himmel nicht sicher. Der Herbst kann noch manches gutmachen. Und im schlimmsten Fall: Haben wir nicht einen schönen Haufen Stroh, woraus man Häcksel schneiden kann? Denn für Streue schaffe ich Laub für und genug zum Hause. Wenn man im Herbst anfängt, Futter zu sparen, schön abzuteilen und sich einzurichten weiß, viel viel weiter langt es. Und können wir nicht im Notfall etwas Holz schlagen und den Heuhändler damit zahlen?»

«Holz verkaufen, meinst du, die Trämeltannen schlagen? Nein zum Teufel, lieber ...» Hans würgte die Worte wieder hinab, die ihm entwischen wollten; aber der Ingrimm kochte ihm schier zum Halse heraus.

Das Rötelein erschrak. Hansens Blicke verrieten das Schlimmste. Nie mehr kam es mit einem Worte auf den Holzverkauf zurück. Sehnsüchtig richtete es jeden Morgen seine Blicke zum Himmel und schaute nach einer regenschweren Segenswolke aus. Aber ach, ein Tag war wie der andere; glanzlos stieg die Sonne aus Staub und Dunst auf, glanzlos sank sie hinter die Jurawälle nieder. Die Luft, ja die Wolken selber schienen Durst zu leiden.

261 Mehr als einmal erwachte es in der Nacht und meinte, auf den brüchigen, emporgesträubten Dachschindeln das heimelige Geräusch fallender Regentropfen zu hören. Aber, o Gott, ehe es den Schlaf völlig aus den Augen gerieben hatte, wurde es inne, daß nur der Nachtwind leise rauschend durch die lederartig gewordenen Baumblätter strich.

Es half nichts, eine der beiden Kühe mußte verkauft werden. Das Rötelein riet dringend dazu. Warum behalten, bis das Tier abgemagert und entwertet war und die Preise noch mehr sanken? Hans schaute finster drein; aber auch er mußte anerkennen, daß es das Gescheiteste sei. An der nächsten Hüttengemeinde bot er die Kuh den Nachbarn feil. Das Rötelein schrieb auch an einen Viehhändler. Käufer kamen. Aber die Notlage gab ihnen den Hebel in die Hand, und sie schraubten und preßten ohne jegliche Rücksicht. Es däuchte das Rötelein, keinem Christenmenschen sollte möglich sein, das Unglück seiner Nächsten so erbarmungslos auszunutzen. Die Fäuste juckten und zuckten ihm, wenn es die Schundangebote anhören mußte. Am liebsten hätte es die Wucherer und Schacherer mit der Peitsche von der Stalltüre weggeklepft. Und wenn es auch das nicht durfte, seiner Meinung gab es entrüsteten und unzweideutigen Ausdruck.

Hans dagegen sagte wenig, sondern wurde stiller und stiller. Aber es war eine unheimliche und gefährliche Stille. Viertelstundenlang konnte er irgendwo stehen wie verkauft und verloren und ins gleiche Loch glotzen, viertelstundenlang an der Werkbank den Kopf in die Hand stützen und vor sich hinbrüten. Dazwischen schlich er umher, als hätte er Zentnerschuhe an den Füßen, aß 262 und trank kaum mehr, saß nachts im Bette auf und war keinem guten Worte zugänglich. Das Rötelein konnte nichts mehr denken als: jetzt verliert er den Verstand oder tut sich ein Leid an, und nichts mehr tun als in blutiger Herzensnot für ihn beten und um ihn zittern. So unauffällig als möglich überwachte es ihn, sorgte, daß stets ein Kind in seiner Nähe sei, und wenn er in den Wald oder Buchrain ging, zählte es bebend die Stricke hinter der Küchentür und vergewisserte sich, ob die Büchse noch an der Wand hange. Trockenheit und Futtermangel waren ihm nur noch Nebensachen, die es gerne hinnahm, wenn ihm das Leben nichts Schlimmeres auferlegte.

Doch das Leben verfügt über ungezählte Möglichkeiten und findet Lösungen, die der Menschengeist nicht voraussehen kann.

Eines Tages, nachdem Hans Ackersteine geholt hatte, ließ er oben in der Hofstatt im Wege die leere Bänne stehen und ging einige Schritte davon weg. Bei ihm stand Friedi, das Büblein, und kletterte, in der Meinung, der Vater werde ihn heimziehen, über die Stange hinauf in das Fuhrwerklein. Der Vater, ins Sinnen verloren und mechanisch mit dem Schuh Steine ins Geleise tretend, kehrte ihm den Rücken. Plötzlich ein entsetzter Aufschrei! Die Bänne war ins Rollen gekommen. Als Hans sich umwandte, fuhr sie eben mit dem Büblein über den steilen Wegrand hinaus und rollte mit zunehmender Geschwindigkeit durch die Hofstatt hinunter. In verzweifelten Sätzen eilte Hans nach, vermochte sie jedoch nicht einzuholen. Vor Entsetzen sträubten sich ihm die Haare – der steile, hausdachsteile Abhang! – Das war der einzige Gedanke, den er zu fassen 263 vermochte; ein gräßlicher Schauer raubte ihm jegliche fernere Überlegung, nicht einmal einen Schrei vermochte er auszustoßen. Da prallte die Bänne mit voller Wucht gegen einen Baumstamm und wurde zurückgeschleudert. So heftig war der Anprall, daß die Bretter splitterten und das Kind hinausflog. Die Trümmer überschlugen sich, rollten und glitschten weiter, und seitab rollte auch das Büblein wie ein Bündelchen schräg hinunter. Ihm nach stürzte in mächtigen Sätzen der Vater, erreichte es und fing es auf. Zuerst gab der Kleine keinen Laut von sich, die Lungenflügel waren wie verkrampft. Dann aber schnappte er verzweifelt nach Luft und erhob ein mörderliches Geschrei, das auch die Mutter herbeirief. Bleich und sprachlos stürzte sie herzu, bettete ihn in ihre Arme und trug ihn heim. Wunden fand man keine am Leib, und die Glieder schienen heil und ganz. Aber noch nach einer Stunde ging der Atem stoßweise und krampfhaft, und die Eltern mußten fürchten, das Kind habe innerliche Verletzungen davongetragen. Glücklicherweise erwiesen sich diese Befürchtungen als unbegründet. Als Hans sich sonntäglich angezogen hatte, um den Arzt zu holen, verfiel der Kleine in einen beruhigenden Schlaf.

Das aufregende Ereignis rüttelte Hansens Gedanken in eine gesundere Richtung, und das Rötelein unterließ nicht, das Eisen zu schmieden, solange es heiß war: «Siehst du nun, daß uns noch viel Härteres auferlegt werden könnte als das, was uns bisher Kummer bereitet hat. Darum versündige dich nicht länger mit Murren und Hadern und sei ein Mann! Dann werden wir es schon durchfechten.»

Andere Vorwürfe machte es ihm keine; aber was es 264 verschwieg, sagte Hansen sein Gewissen: «Hättest du das Kind besser überwacht, so wäre es nicht in Gefahr gekommen. Nur wie durch ein Wunder ist es heil geblieben. Unter hundert Malen würde es nicht ein einziges mehr unverletzt aus der gleichen Gefahr hervorgehen.» Nein, diesmal konnte er sich nicht über die Schickung beklagen.

In den nächsten Tagen griff er wieder ernsthaft zur Arbeit, und es fügte sich, daß er neue Aufträge bekam, die ihm für längere Zeit Verdienst sicherten, und überhaupt schien eine Wendung zum Bessern eintreten zu wollen.

Eines Tages kam der Hofmattbauer vorbei, der etwas weiter hinten im Tälchen Wald und Weide besaß. Im Vorbeigang ließ er sich mit dem Rötelein in ein Gespräch ein und rühmte, daß ihn der Futtermangel noch wenig plage. Sein Land liege zum großen Teil schattseitig und etwas naß, und auf der Bühne liege noch ein schöner Vorrat vom letztjährigen Futter. Diese Gelegenheit benutzte das Rötelein, um ihm die Kuh zum Kaufe anzutragen; denn der Hofmatter genoß den Ruf, ein verständiger und wohlwollender Mann zu sein.

Der Hofmatter dachte, Anschauen und Kaufen sei zweierlei, und ging, das Tier zu besehen. Er hatte erwartet, ein Rebelkühlein anzutreffen, das besser in die Knochenstampfe als in einen Großbauernstall passe, und war nun überrascht, ein zwar etwas abgemagertes, aber wohlgepflegtes und sauber gehaltenes Tier zu finden, das bei kräftiger Fütterung schönen Nutzen versprach.

Wenn der Hofmatter mit seinesgleichen handelte, war er zäh wie Handschuhleder, weniger um des Geldes als um seiner Händlerehre willen. Niemand konnte sich 265 rühmen, ihn beim Handel übertüselt zu haben. Diesmal aber fühlte er eine warme menschliche Regung. Mehrmals hatte er den Sonnseitenleuten zugeschaut, wenn sie bei der Arbeit waren und er durch das Tälchen ein- und ausging. Und immer hatte er sich an ihrer Werkigkeit erbaut und nur gut Lob vernommen über sie.

So ließ er denn fürs erste die tröstliche Kunde zurück: «Um einen Schundpreis laßt das Tierlein nicht aus dem Stall. Ich will nun vorerst meine Vorräte prüfen, ob sie noch für ein Haupt mehr ausreichen. Sollte ich es selbst nicht brauchen können, dann halte ich euch einen andern anständigen Käufer zu. Darauf dürft ihr euch verlassen.»

Das Rötelein verließ sich wirklich drauf und fühlte sich erleichtert. Hans hingegen traute der Sache nur halb und brummte: «Die Reichsten sind manchmal noch grad die Wüstesten.»

Ends der Woche kam aber der Hofmatter und zahlte ohne Markten den geforderten Preis, der allerdings bescheiden gehalten war. Er betonte aber, daß es ihm nicht um einen guten Handel zu tun sei, sondern darum, ihnen aus der Klemme zu helfen. Wenn sie sich dafür dankbar erweisen wollten, so sollten sie ein wachsames Auge halten auf sein Waldstück und ihm melden, wenn dort gefrevelt werde, es solle ihr Schaden nicht sein.

Solches versprachen sie gerne, und sosehr das Kühlein sie reute, waren sie doch froh, daß es in einen Stall kam, wo es gut gehalten war. Noch manches besprachen sie mit dem erfahrenen Manne; er gab ihnen Rat und tröstete: «Die Sonne hat noch keinen Bauer vom Hof geschienen.» Bevor er fortging, gab er Friedi, von 266 dessen gefährlicher Fahrt man ihm berichtet hatte, einen Zweifränkler.

Von der Zeit an brauchte das Rötelein weder die Stricke mehr zu zählen noch nach der Büchse Ausschau zu halten.

Der Sommer ging zu Ende. Erst gegen den Herbst fiel ausreichend Regen. Spät kam er; aber immer noch hochwillkommen; denn nun hatten auch die Brunnen zu streiken begonnen. Zum Grasen kam man an der Sonnseite nicht mehr. Aber das Rötelein war froh, daß es Kuh und Ziege austreiben und hüten durfte. Jetzt hatte die Erde wieder Saft und Triebkraft; tausend ersterbende Keimlein und Würzlein erholten sich wieder. In der Werkstatt klopfte, sägte und zugmesserte Tannerhans, daß die Späne nur so flogen.

Nur wenn er sein Heustöcklein anschaute, wurde ihm wieder ungut zumute. Zu Weihnachten war es schon so schlank geworden, daß es wackelte, wenn die Katze hinaufstieg oder ein Huhn hinaufflüderte. Jetzt kam das Heukaufen, das gefürchtete. Ballen um Ballen mußte von der Station geholt werden, und jedesmal wurde Hans nach einer solchen Fahrt wunderlich und unwirsch. Das Herz im Leibe drehte sich ihm schier um, wenn er sah, wie seine sauer verdienten Batzen Flügel bekamen und davonfeckelten. Halbe Nächte brachte er dann wieder in seiner Arbeitsstube zu, und manchmal mußte ihn das Rötelein ins Bett holen. Aber nicht immer hobelte und zugmesserte er, gar oft stützte er den Arm auf den Zugstuhl und kalenderte an unerquicklichen Gedanken herum, die er seiner Frau nicht offenbarte.

Eines Morgens kam das Rötelein unerwartet in die Futtertenne. Da lag neben dem magern Heuwälmlein 267 ein geöffneter Grasbogen voll Dürrfutter unbekannter Herkunft, das Hans eben unter das Heu mischen wollte. Als das Rötelein eintrat, wurde Hans unter einmal ganz rot und gabelte aufgeregt in dem Futter herum. Erstaunt trat die Frau näher, entnahm dem Grasbogen eine Handvoll Dürres, betrachtete es und roch daran. Dann wich alles Blut aus ihren Wangen. Kraftlos sanken ihre Hände nieder. Sie mußte sich an die Tennwand lehnen. Sonst hatte ein Starkstrom von Lebenskraft diesen unscheinbaren Körper durchglüht; jetzt schien die Leitung zerstört, der Strom ausgeschaltet, die Kraft am Erlöschen. Mit Bestürzung sah es Hans. Trotzig hatte er auffahren wollen; aber wie die Frau aussah, das war zu unheimlich. Zerknirscht stotterte er: «Es ist ja nur Lische – Streuelische – der Hofmatter hat noch genug in seinem Scheuerlein auf dem Weidstall. Es ist der erste Bogen voll, gewiß und wahrhaftig.»

Das Rötelein stand noch immer, als ob der Schlag es treffen sollte, ein Bild hilflosen Jammers, stummer Verzweiflung. Hansen wurde immer ängster, er durfte nimmer hinsehen.

«Ich tue es auch nie mehr, wenn's dir so schrecklich zuwider ist.»

«So arm also sind wir, daß du stehlen mußt!» brach es endlich klagend von des Röteleins zuckenden Lippen. Es kehrte sich gegen die Wand, lehnte die Stirne an und weinte bitterlich. Ratlos stand Hans daneben, klaubte nervös an seinem Westenknopfloch, wie ehedem, wenn er eine Rechnung nicht lösen konnte, und suchte nach Entschuldigungen.

«Jüngsthin, als ich durch das Weidli ging, stand oben im Scheuerlein das Tor offen. Der Wind hatte es 268 aufgerissen. Ich schloß es wieder. Da kam mir der böse Gedanke. Der Hofmatter merkt's nicht, dachte ich, und mein Kühlein ist noch froh darüber, wenn ich's ihm unter das gekaufte Heu mische.»

Und als es immer noch kein Wort für ihn hatte und in einem fort schluchzte, bettelte er ängstlich: «Du, red doch auch endlich etwas und wein nicht so!»

Und endlich, als es sich gefaßt hatte, redete es: «Sofort packst du's wieder ein! Nicht ein Halm bleibt hier. Noch haben wir Geld zum Kaufen, und die Arbeit hab' ich dir nie geweigert. Werken will ich dir helfen und hungern auch, wenn's dazu kommen soll. Aber wenn du zu solchem greifst, freut mich keine Stunde unseres Lebens mehr. Brav müssen wir bleiben, sonst ist meine Kraft dahin. Frank und frei muß ich den Leuten in die Augen schauen dürfen, sonst bin ich fertig. Denke daran, ein für allemal.»

«Ich will's am Abend wieder hintragen», versprach er fügsam. Denn daß es dem Rötelein heilig ernst war mit dem, was es sagte, das spürte er. Gefroren hatte ihn, als er sah, was er ihm mit seiner Torheit angetan hatte.

Als er am selben Abend von seinem heimlichen Gang zurückkehrte, saß das Rötelein bei der Lampe Schein am Tische. Vor ihm lag ein Schulheft, in das es Einnahmen und Ausgaben verzeichnete. Es hatte gerechnet und Ausblick gehalten.

«Wenn wir gesund bleiben und du verdienen kannst wie bisher, erstreiten wir's. Nur eins ist nötig: Daß dich die Leute zahlen, denen du Arbeit gemacht hast. Aber in ihrer heillosen Gleichgültigkeit denken sie nicht daran, was unsereinem ein paar Batzen ausmachen, und lassen es anstehen. Darum mußt du dich ermannen und 269 es ihnen fordern. Wenn du nicht darfst, darf ich. Verspruch haben wir einen guten.»

Hans kratzte ein wenig hinter den Ohren, sah aber keinen Ausweg, als seiner Frau zu folgen. Er spürte, wie sehr er sich inwendig strecken müsse, wenn er neben ihr stehen wolle, und bemühte sich redlich, seinen Fehler gutzumachen. Aufs neue stürzte er sich in die Arbeit, und von da an hatte das Rötelein immer das letzte Wort.

Heu mußte Hans noch viel kaufen. Aber zu seinem Erstaunen sagte der Heuhändler zu ihm: «Wenn du's nicht machen kannst mit dem Geld, dir warte ich schon; du bist mir immer gut genug dafür. Andere, die es besser machen könnten als du, haben schon lange alles aufschreiben lassen.» Und Hans sah wieder einmal, daß er zu mißtrauisch gewesen sei. Zum Aufschreiben kam's aber gar nie, das Rötelein münzte immer noch aus. Hansen nahm nur wunder, wo es das Geld hernahm.

Früher als gewöhnlich wurde es Frühling; ganze vierzehn Tage eher konnte man grasen. Warme Regenschauer unterstützten das Wachstum und die Bestockung der Gräser. Nur in den Neulisäckern blieb die Grasnarbe dünn und der Ertrag mangelhaft. Als man mit der Feldarbeit begann, dachte das Rötelein noch öfters an den Ausspruch des Hofmattbauern: Die Sonne hat noch keinen Bauer vom Hof geschienen. Locker und mürbe rollten die Erdschollen zu Tage. Noch nie hatte das Anpflanzen so wenig Mühe erfordert. Die Sonne hatte das Erdreich gebaut.

Nun folgten für Hans und das Rötelein Jahre ruhigen Schaffens, in denen sie des Lebens froh werden konnten. Die Handorgel kam wieder zu Ehren, und die 270 Tabakpfeife brauchte das Rötelein nie mehr zu stopfen. Das tat Hans schon selber. Trotzdem die Kinderzahl nach und nach auf fünf anwuchs, blieb Not und Mangel der Schwelle fern, die Geldsorge drückte nicht mehr so hart.

Das einzig Beunruhigende war Hansens Gesundheitszustand. Ein schlimmer Gast meldete sich bei ihm immer häufiger und dringender an: die fliegende Gliedersucht. Manchmal überfiel sie ihn mitten in den Hauptwerken. Dann mußte das Rötelein mit den Kindern einzig anpflanzen, heuen oder ernten und dazu noch den Stall besorgen. Wie es das alles durchzufechten vermochte, blieb mancher Nachbarin ein Rätsel. Aber nicht vergeblich strömte die Lebensenergie so stark durch seinen zähen Körper. Gewiß: Einen tadellosen Haushalt konnte es in solchen Zeiten auch nicht führen. Irgend etwas mußte unter der Überlast von Arbeit leiden. Es ging Tage, bis es einen Riß in seinem Kleid ausflicken konnte. Das Fegen blieb das eine oder andere Mal aus. Die Kinder liefen gelegentlich einmal mit ungeputzten Nasen oder mit unsaubern Wangen oder Händen herum. Das Blumenzeug mußte hin und wieder Durst leiden, und das Unkraut im Garten machte sich die Arbeitsüberhäufung der Gärtnerin zunutze und streckte sich frech in die Höhe. Dem halben hundert Hühner konnte das Rötelein auch nicht auf Schritt und Tritt nachlaufen, sondern es mußte sie tun lassen, was ihnen wohlgefiel. Es selber dagegen mußte tun, was die Not erforderte! Wer mitten im Kugelregen steht, kann nicht Flintenläufe putzen und Gewehrgriffe üben. Sobald der Mann seine Arbeit selbst besorgen konnte, fehlte es nie an Reinlichkeit und Ordnung in seinem Hause.

271 In der Kindererziehung hatte das Rötelein eine glückliche Hand. Alles Gute, was es von ihnen verlangte, lebte es ihnen vor. Sobald sie eine Arbeit zu verrichten vermochten, beschäftigte es sie ihren Kräften angemessen, und das ersparte viel Aufsicht und Strafe. Dann machte es sich zum Grundsatz, nur einmal zu befehlen. Gehorchten die Kinder nicht, so führte es sie am Arm an ihren Platz. So wußten sie bald, was sie zu tun hatten.

Als sich die Krankheit dem Vater auf das Herz schlug, mußte jede Aufregung von ihm ferngehalten werden. Darum verklagte es die Kinder nie bei ihm, sondern griff selbst energisch zu, wenn Strafe nötig wurde. Übrigens waren die Kinder gut geartet, und die ältern konnten schon recht erfreulich helfen. Friedi, der jetzt ins elfte Jahr ging, konnte schon wacker melken und füttern. Auf zwei Hakenstöcke gestützt, kam der Vater in den Stall und gab ihm Anweisung, bis der Junge wußte, wo aus und wo an. Das älteste Mädchen war der Mutter eine wertvolle Stütze in der Haushaltung.

Ein Jahr noch, und Tannerhans sank aufs Schmerzenslager. Das zähe Herz leistete verzweifelten Widerstand. Der Sterbende hatte einen furchtbaren Kampf zu bestehen. Acht Tage lang hing er zwischen Leben und Tod. Das Rötelein wich ihm nicht von der Seite. Tag und Nacht legte es ihm die erwärmten Kirschensteinkissen über die geschwollenen Füße, gab ihm seine Arznei und stützte ihn mit seinen Armen; denn die Angst ließ ihn nimmer abliegen; nur sitzend vermochte er die entsetzlichen Atembeschwerden zu ertragen. Ihn mit den Armen umschlungen haltend, daß er sich auf seine Schultern lehnen konnte, sagte es ihm die alten, tröstlichen Gellertlieder und Psalmverse vor, die es von der Schule 272 her noch treu im Gedächtnis hatte. Und mitten in seinem armen Sterben ging Tannerhansen eine tiefe und dankbare Erkenntnis auf, welcher Reichtum ihm in dieser Frau geschenkt worden sei, daß er das Beste besessen, was die Welt zu geben vermag; ein treues, aufrichtiges Herz, das in unwandelbarer Liebe an ihm hing. Er hatte eine treue Brust, an die er sich lehnen durfte, hilfreiche Arme, die ihn stützten und hielten, eine Hand, die ihm gelinde den Schweiß von der Stirne wusch. War es nicht trotz aller Angst und Schmerzen ein reiches, schönes Sterben? Zwischen Stöhnen, Ächzen und Schmerzensseufzern strich er seinem Weibe leise liebkosend über die Haare und sprach: «Oh, wenn ich dich nicht gehabt hätte! Oh, wenn ich dich jetzt nicht hätte!» All sein Dank und seine Zärtlichkeit lagen in den Worten. Das gab dem Rötelein Kraft zum Ausharren, wo die meisten andern längst ohnmächtig hingesunken wären. Als ein treuer Kamerad hielt es stand, bis eine gnädige Bewußtlosigkeit des Kranken Schmerzen linderte und der Allerbarmer Tod das flackernde Lichtlein sanft auslöschte.

Dann drückte es dem Entschlafenen die Augen zu, weckte den schlummernden Ältesten, schickte ihn zu Bett und legte sich selbst hin zum Schlafen. Es war müde zum Umsinken und verfiel sofort in einen traumlosen, tiefen Schlaf. Bis in den hellen Morgen hinein schlief es. Dann stand es auf, strich mit der Hand über die Stirn wie nach einem schweren Traum und traf alle Anordnungen zur Bestattung.

Am Begräbnistage drängten sich die Weiber mit neugieriger Teilnahme heran: «Ja, ja, Frau Tanner, Euch ist Schweres auferlegt worden. Fünf unerzogene Kinder 273 und der Mann im Grabe! Euch sollte die Gemeinde helfen, am Ort wär's.»

Da streckte sich das Rötelein und sprach: «Der Gemeinde werden wir nicht zur Last fallen. Wir werden uns wehren und schauen, daß wir durchkommen. Das beste ist: Wir haben ein eigenes Heim und stehen nicht auf der Gasse. Und die Kinder sind mir keine Last, sondern ein Trost.»

«Daß Ihr es so fassen könnt», sagten die Frauen. «Wir dachten schon, Ihr werdet das Heimweselein verkaufen.»

«Verkaufen?» beinahe hätte das Rötelein über diese Unvernunft gelächelt. Es nahm die Kinder an die Hand, ging mit ihnen nach Hause, legte die Werktagskleider an und griff zu einer Beschäftigung. «Verkaufen? Den letzten Trost, die letzte Zuflucht verlieren, die Hände in den Schoß legen und weinen? Nein, niemals!» Hier im eigenen Heim konnte es stiller und schöner des lieben Toten gedenken als auf dem Friedhofe vor den vielen fremden Augen. Jedes Gerät, das es in die Hand nahm, jeder Winkel des Hauses, jeder Fußbreit Landes, jeder Baum, jede Arbeit weckte freundliche Erinnerungen an den Entschlafenen. Diesen Ort verlassen hieß erst recht den Vater verlieren.

Am selben Abend redete die Mutter lange und ernsthaft mit den Kindern über die Zukunft, und sie versprachen ihr willigen Gehorsam und kräftige Mithilfe. Als sie zu Bett waren, zündete das Rötelein noch in den Stall und schloß die Haustüre. Und wie es den Riegel vorgeschoben hatte, kam ihm der Gedanke: «Jetzt hast du ihn ausgeschlossen; das erstemal schläft er nicht mehr mit dir unter dem gleichen Dach. Nun bist du allein – allein – allein!»

274 Heiß wallte es auf in dem betrübten Herzen; das Weh wurde übermächtig. Bitterlich weinend suchte das Rötelein sein Lager auf und näßte sein Kissen mit Tränen. Stunden vergingen, ehe es ein Auge voll Schlaf fand.

Die kommenden Tage und Wochen brachten heilsame Ablenkung durch strenge, unaufschiebbare Arbeit, die Kopf und Herz gefangennahm. Für beschauliche Empfindsamkeit blieb wenig Zeit und Raum übrig. Wenn sich das Rötelein einem Gefühlsausbruch überlassen wollte, kam eine harte, unabweisbare Pflicht und riß es wieder empor. Die kleinen Sorgen fraßen die großen. Die Kinder, die Stalltiere, die Hühner, die Äckerlein und Wiesen; alle wollten betreut sein.

Vom ersten Hahnenschrei bis in die stockdunkle Nacht hieß es: Anpacken! Vorwärts! Das muß sein! Jenes muß sein! Mutter! hier und Mutter! dort. Doch war das auch schon in den letzten Jahren so gewesen; das Rötelein war daran gewöhnt und konnte sich drein schicken!

Mit jedem Jahr wurden die Kinder größer und stärker zur Arbeit. Das Rötelein wußte sie zu erziehen, daß es von ihnen Beistand und Hilfe hatte. Es weckte in ihnen den Stolz und das Bestreben, brav und tüchtig zu werden, leitete sie mit Ernst und Liebe und war ihnen eine gütige, freundliche, eine strenge und zornige Mutter, alles zur rechten Stunde. Schon die Kleinen mußten ihre Zeit nutzbringend anwenden lernen. Kamillenblümchen abstreifen, Obst und Ähren auflesen, Kartoffeln einlegen, Holzscheitlein in die Küche tragen und hundert andere kleine Dienste zu leisten vermag auch eine schwache Kraft. Aber auch die Größern behielt es fest in der Hand. Als der Älteste der Schule entwachsen 275 war, hatte er Lust, sich dieser straffen Leitung zu entziehen. In einer Samstagnacht fand es sein Bett leer. Der Junge war ausgeschwärmt; Kameraden hatten ihn verlockt, mit ihnen eine nächtliche Runde zu machen. Im Vertrauen darauf, die Mutter werde nichts merken und erfahren, hatte er zugesagt und sich heimlich davongeschlichen. Aber er hatte sich verrechnet. Das Rötelein hatte einen gar leisen Schlaf. Keine Maus im Haus konnte ihr Schwänzlein rühren, ohne daß es davon erwachte. Mitten in der Nacht stieg es hinauf in die Kammer und fand das Bett leer und den Vogel ausgeflogen.

Am Morgen war er wieder da und besorgte den Stall. Aber das Rauchen, Trinken und Nachtschwärmen hatte ihm miserabel angeschlagen. Seine Wangen hatten Aschenfarbe, und seine Blicke krochen dem Boden nach; nur verstohlen durfte er der Mutter ins Antlitz schauen. Wie das verkörperte schlechte Gewissen schlich er umher. Die Mutter ließ ihn seinen Rausch ausschlafen. Erst am Abend nahm sie den Sünder ins Gebet und hielt ihm sein Betragen vor. Alle seine Ausreden und Beschönigungen schnitt sie ihm kurz ab. «Wir sind arme Leute. Denen sieht man nichts nach, darum müssen wir brav bleiben. Mögen reicher Leute Söhne tun, was sie wollen, das geht weder dich noch mich etwas an. Du stehst an Stelle des lieben Vaters, den wir verloren haben, und in der Nacht ist dein Platz bei mir und deinen kleinen Geschwistern. Uns ein Schutz und Schirm zu sein, solange wir dessen bedürfen, das ist deine Aufgabe. Statt dessen lässest du uns im Stiche und fährst in der Nacht herum, ohne mir ein Wort zu sagen. Suche dir Freude, die ich dir erlauben darf; eine Lumpen- und Lotterwirtschaft unter meinem Dache dulde ich nicht. 276 Und damit du es weißt und nicht wieder vergissest, muß ich dich haaren. Halt deinen Kopf her!»

Das schien dem langen Burschen, der die Mutter um einen Kopf überragte, doch etwas starker Tabak zu sein. Das Blut schoß ihm in die Wangen, und zaudernd sah er die Mutter an, ob es ihr ernst sei. Aber ihre Lippen waren streng aufeinandergepreßt; in ihren Augen schimmerte es wie Stahlglanz. Langsam und schwer fragte sie: «Habe ich es um dich verdient, daß du mir gehorchst oder nicht?»

Da ging es wie ein zitterndes Erschrecken durch den Burschen. Eine unwiderstehliche Macht zwang ihn, das Haupt zu neigen. Vor ihm stand eine Mutter, nicht eine Mutter in Sammet und Seide, nicht eine gebildete Mutter, die geistreiche Gespräche im Fluß zu halten weiß, nicht eine angebetete Mutter, der man die schönen schmalen Hände küßt, nein, nur eine rothaarige, laubfleckige, unansehnliche, schlechtgekleidete Mutter, aber eine Mutter, Zoll für Zoll unantastbar und achtunggebietend in ihrem sittlichen Wollen und Schaffen, eine Mutter, herrlich in ihrer Liebeskraft und Hingebung an die Kinder, eine Mutter, die für die Ihrigen mit jedem Atemzug, mit jedem Blutstropfen, mit jeder Faser ihres Leibes, mit jeder Regung ihrer Seele gelebt und gerungen hatte. Und wenn der Bursche das auch noch unklar empfand und unvollkommen begriff, ihn wehte doch ein Hauch dieser Größe an und demütigte ihm das Haupt nieder unter die strafende Mutterhand.

In derselben Nacht, als der Sohn sich schlaflos auf seinem Lager herumwarf, ging plötzlich leise seine Kammertüre, und an sein Bett trat die Mutter. Ihre Wange legte sich an die seinige und netzte sie mit 277 heißen Tränen, die Hand, die ihn gestraft hatte, strich ihm kosend den Scheitel. «Tue mir und dir nie mehr so etwas an!» bat sie ihn. Und jetzt spürte er, wie schwer der Mutter das Strafen geworden war. Erschüttert, keines Wortes mächtig, schlang er ihr den Arm um den Hals und hielt sie fest, bis sie sich leise losmachte und ihm gute Nacht wünschte.

An diesem Abend hatte sie den Sohn gewonnen und gebändigt für immer; unbesorgt durfte sie ihn an diesem oder jenem fröhlichen Anlaß teilnehmen lassen, zur rechten Zeit erinnerte er sich stets an seine Mutter. So und ähnlich gewann und bändigte sie auch die übrigen Kinder, wenn sie Böses getan hatten. Es gibt Mütter, die das Kindererziehen im Griff haben wie das Salzen einer Suppe. So eine Mutter war das Rötelein, und darum fielen alle ihre Kinder gut aus. Kaum der Schule entwachsen, fanden die zu Hause Entbehrlichen Stellen, und eine Stadtfrau, bei der eine Tochter des Röteleins in Diensten stand, tat den Ausspruch: «Frau Tanner, es ist nur eins schade: daß ihr bloß fünf Kinder habt, fünfzig oder fünfhundert sollten es sein, es wären ihrer wahrlich nicht zu viele.» Das tat dem Rötelein gar wohl, stärkte sein Vertrauen und mehrte seine Freude an den Kindern, und sie vergalten ihm mit Gegenliebe und treuer Anhänglichkeit. Mit ihrer Hilfe getraute es sich sogar, das alte, schadhaft gewordene Häuschen abzureißen und größer wieder aufzubauen. Zuerst wurde das Stallwerk in Angriff genommen, und zwei Jahre später folgte das Stubenwerk nach, dann schaute das neue Haus recht schmuck und stattlich ins Tälchen hinab. «Oh, wenn doch der Vater das noch erlebt hätte», sagte das Rötelein, als der letzte Balken eingefügt war.

278 Von Armenunterstützung durch die Gemeinde hat dem Rötelein nie einer mehr geredet. Aber einmal wurde doch in der Armenbehörde von ihm gesprochen. Für ein jungverheiratetes Ehepaar, das erst noch für ein einziges Kind zu sorgen hatte, sollte der Hauszins bezahlt werden. Da schlug der Präsident auf den Tisch, daß es krachte, und sagte zornig: «Krank ärgern muß man sich über solche Liederlichkeit und Faulenzerei. Zwei junge, gesunde Leute bringen es nicht fertig, sich und ihr Kind zu versorgen, und ein Sonnseiten-Rötelein zieht mutterseelenallein fünf Kinder auf zu braven, tüchtigen Menschen, ohne daß jemand einen Rappen beisteuern muß. Aber das sage ich, und halten tu ich's, so wahr ich hier stehe: Das nächstemal, wenn ich dem Rötelein begegne, spreche ich ihm meine Hochachtung aus, ziehe den Hut ab vor ihm und halte ihn in der Hand, solange ich mit ihm rede.» So hat der Präsident gesprochen und hat's nachher auch getan. Da ist das Rötelein noch röter geworden, und schüchtern und verwundert hat es erwidert: «Ja, was habe ich denn besonders getan? Das verstand sich doch alles ganz von selbst, anderwegs hätt's mich doch gar nicht gefreut!»

 


 

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