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Geschichten aus dem Emmental

Simon Gfeller: Geschichten aus dem Emmental - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus dem Emmental
authorSimon Gfeller
year1956
firstpub1914
publisherA. Franck
addressBern
titleGeschichten aus dem Emmental
pages278
created20131213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fritz, der Suppentöter

Er war ein Wildling von unbekannter Herkunft. Als ich auf ihn aufmerksam wurde, mochte er etwas über dreißig Jahre alt sein. Wohnung besaß er keine; denn er war ein Landstreicher und nährte sich mit der flachen Hand. Seine Atzung fand er vor den Haus- und Küchentüren eines ziemlich weiten Umkreises, und die Fassungskraft und Verarbeitungsfähigkeit seines Magens trug ihm den Übernamen Suppentöter ein. War ihm die Wanderlust vergangen, so gewährte ihm der lahme Hänsel im Kehr manchmal für einige Tage Unterschlupf.

Der lahme Hänsel war auch kein Bürger erster Ordnung. Er stammte aus einer angesehenen und begüterten Familie; aber der Alkohol hatte ihm den Weg nach der Fehlhalde gewiesen, und alle Bemühungen seiner Verwandten, ihn zu einer nüchternen und geordneten Lebensweise zurückzuführen, trugen keine Frucht. Nach kurzen Zeiten des Aufraffens siegte der Durst stets wieder über den Verstand und guten Willen. So blieb seinen Verwandten nichts übrig, als ihn unter Vormundschaft zu stellen und ihm dergestalt das rasche Verschleudern seiner Barmittel zu verunmöglichen. Hänsel, der nun allein stand, mietete sich in dem halbverfallenen Tätschhäuschen im Kehr ein und lebte, wie es ihm wohlgefiel. Was er mit Wagnerarbeit verdiente, 197 ließ er für Branntwein draufgehen, für das übrige mochte der Vormund sorgen. Nach einigen Jahren meldete sich aber eine heftige und hartnäckige Gliedersucht zum Worte, und wirksamer als der Vormund hielt sie den Durstigen vom Wirtshausbesuch ab. Mit seinem lahmen Bein konnte er den halbstündigen Weg nicht mehr zu Fuß zurücklegen. Auf seine Magenstärkung mochte er jedoch auf keinen Fall verzichten, und darum ergab er sich dem stillen Trunk zu Hause.

Ein Trabant mußte ihm den flüssigen Stoff beschaffen, und hierzu eignete sich niemand besser als der Suppentöter. Wer verfügte über mehr Zeit und geübtere Wanderstelzen als der? Und wer begnügte sich mit so wenig Lohn? Wenn er ein Gläschen mittrinken durfte und in Zeiten der Not auf den Spänen oder auf dem Ofentritt des Lahmen ein Nachtlager fand, war er zufrieden. Bei guter Laune teilte der Lahme mit ihm auch seine Mahlzeit, die häufig nur aus Brot und rohen Zwiebeln bestand, und ließ ihn älteres Werkzeug brauchen. Fritz wußte damit allerdings nicht viel anzufangen und besaß vor andauernder Arbeit einen angebornen Abscheu. Das einzige, was er herzustellen wußte, waren Wäscheklämmerchen einfachster Art. Dabei mußte er aber Sorge tragen, daß er seinem Platzgeber nicht in die Quere kam, und es wurde ihm deutlich nahegelegt, wie große Gnade man ihm erweise, wenn man ihn an der Werkbank dulde. Von Zeit zu Zeit bekam der Lahme moralischen Katzenjammer; der Spartrieb regte sich in ihm und löste unwirsche Stimmungen aus. Dann überschüttete er den Suppentöter mit Kosenamen wie Faultier, Krauturfel und Steinesel und hieß ihn sich zum 198 Teufel scheren. Der Suppentöter nahm solche Ausbrüche mit unerschütterlichem Gleichmut hin und drückte sich für einige Zeit. Er wußte aus Erfahrung, daß ihn der Lahme nicht entbehren konnte und ohne Schwierigkeit aufnahm, wenn er wieder zurückkehrte.

Es gab freilich auch noch andere Leute, die dem Wagnerlahm Botendienste leisteten, wenn er auf dem trockenen saß. Da war zum Beispiel Krüschhans, ein ehemaliger Fruchthändler, der in jungen Jahren ein ansehnliches Vermögen verspekuliert hatte und nun als alter Kracher ein kümmerliches Dasein fristete. Aber die Sache hatte einen Haken. Krüschhansens Leber saß nur zu sehr an der Sonnseite. Lag er einmal am Lumpentischchen des Pintenwirts vor Anker, dann konnte es geschehen, daß er den günstigen Wind zum Weitersegeln verpaßte oder sein Fahrzeug so schief belud, daß es auf der stürmischen Heimfahrt kenterte und als Wrack auf einer Sandbank liegenblieb. Selten brachte er die Ladung glücklich und ungefährdet in den Hafen, zum mindesten hatte sie unterwegs Wasser zu schlucken bekommen. Solches verdroß den Lahm allemal über die Maßen; Verfälschung des Trinkbaren erschien ihm als besonders schweres Vergehen, und wäre der ehemalige Fruchthändler nicht nebenbei ein recht unterhaltender Gesellschafter gewesen, so hätte ihm der Übervorteilte längst und für immer die Türe vor der Nase zugeschlagen. Nur aus Furcht vor der Vereinsamung und Langweile ließ er fünfe grad sein.

Aber wenn der Suppentöter in erreichbarer Nähe war, harrte der Fruchthändler vergeblich auf einen Auftrag. Denn der Suppentöter lief ab, wann und wohin man wollte, und brachte die Gottesgabe rasch und 199 unberührt nach Hause. Nie fiel es ihm ein, aus der Flasche zu trinken und bei der nächsten Brunnenröhre heimlich nachzufüllen; auf ihn durfte man sich verlassen, trotzdem er nur ein einfältiger Tropf war. Sehr angenehm war für den Auftraggeber auch der Umstand, daß selten ein Neugieriger aus dem Beschränkten etwas herausbrachte. Wie fast alle Schwachsinnigen besaß auch der Suppentöter in einem Winkelchen seines Gehirns ein Fünklein verborgene Intelligenz. Diese äußerte sich in der Kunst, sich noch ein Erkleckliches dümmer zu stellen, als er war. Bohrte ihn einer, dem er nicht traute, mit Fragen an, flugs vertiefte sich der Ausdruck stumpfer Gleichgültigkeit, der für gewöhnlich auf seinem Gesichte lag, und der Ausfrägler sah sich plötzlich einem erbarmungswürdigen Blödsinnigen gegenüber. Je eifriger einer forschte, desto verkehrtere Antwort erhielt er. Entweder hieß sie allemal «Ja» oder allemal «Nein» oder «Weiß nicht!», oder sie bestand aus einem unverständlichen Lallen. Am meisten Spaß aber machte es dem Suppentöter, unbekümmert um alles, was der andere sagte, irgendeine kleine Geschichte zu erzählen von einem Hasen oder Eichhorn, den er gesehen habe, oder ähnliches Zeug. Das eine Mal blieb er dabei todernst, setzte das demütigste Schafsgesicht der Welt auf und redete mit zuvorkommendster Beflissenheit, das andere Mal wollte er sich ausschütten vor Lachen, das dritte Mal knurrte er drohend und schaute so bösartig drein, als ihm nur möglich war. Einige hielten ihn deshalb für einen Tauben, andere für einen völlig Blödsinnigen und noch andere für einen Halbtollen. Die meisten ließen ihn darum in Ruhe, und die Zudringlichen hielt er mit Ausweichen und Mißverstehen so 200 lange hin, bis sie satt waren. Kehrten sie ihm endlich ärgerlich den Rücken, dann blinzelte er ihnen verschmitzt nach, und sein schwammiges Gesicht mit der aufgeworfenen Stülpnase glänzte vor spitzbübischem Behagen wie eine Bettlerferse. Zu Hause schilderte er nachher dem Lahm getreulich, wie er wieder einen abgefertigt habe, und erhielt dafür ein Extragläschen.

Hin und wieder einmal verleidete es dem Lahm in seiner Bude, wo es unfreundlich genug aussah und immer nur die gleichen Gesichter um ihn waren; er sehnte sich nach Wirtshausgesellschaft. Ans Marschieren war aber nicht zu denken. In diesem Fall zog er seine Chaise aus der Remise und spannte das Zugpferd ein. Seine Remise war ein ehemaliger Ziegenstall, die Chaise mußte ein vormals blau angestrichener Karren ersetzen, und als Zugtier stellte sich einer seiner getreuen Kumpane in die Stangen. Selbstverständlich erregte das seltsame Gefährt und Gespann sofort die Aufmerksamkeit und den Witz der Nachbarn. Insbesondere gewährte es einen komischen Anblick, wenn der Lahme beide Trabanten vorgespannt hatte. Der ehemalige Fruchthändler war fast doppelt so lang als der Suppentöter und der Suppentöter beinahe doppelt so dick als der Fruchthändler. Die Kleidung der beiden hob das Mißverhältnis erst recht hervor. An Suppenfritzens Schenkeln schlotterten gewöhnlich weite Schlampsackhosen von Eberhaut, die Rockschöße klopften ihm bei jedem Schritt in die Kniekehlen, und die Fransen der Hosenrohre wuchsen über die Schuhe hinunter, als wollten sie in den Erdboden hinein wurzeln. Krüschhans hingegen trug die nach städtischer Mode zugeschnittenen, 201 abgelegten Kleider eines Verwandten, der beträchtlich kleiner war als er. Darum wollten sie auch nirgends langen und vermochten die auffallende Magerkeit nicht zu verhüllen. Der Suppentöter hatte einen Rundschädel mit keck aufwärtsstrebender Stülpnase, der Krüschhans einen Langschädel mit streng abwärts gerichteter Habichtschnabelnase. Die Gesichtshaut des Suppentöters zeigte eine stumpfe, bleigraue Schattenfarbe; des Krüschhansen Hakenschnabel samt Umschwung strahlte in feurigem Rot mit Übergängen ins Blauviolette.

Als die beiden Karrenpferde das erstemal nebeneinander trotteten, hatte ein Spaßvogel gleich weg, daß der gedrungene, untersetzte Suppentöter auffallend die Merkmale des Freiberger Pferdeschlages auf sich vereinige, während der straffeldürre Krüschhans eher jenen geißrückigen, dünnschwänzigen Militärreitpferden beizurechnen sei, die man unter den Soldaten in Bausch und Bogen als «Deutsche» bezeichnet. Von da an hieß es immer, wenn der Lahm ausfuhr: «Er hat den Freiberger eingespannt», oder aber: «Aha, heut' ist der Deutsche an der Reihe.» Erlaubten aber die Einnahmen des Lahmen gar eine zweispännige Fahrt, dann setzte es in der Talschaft ein wahres Hallo ab.

«Sappermost! Heut' gibt er's verflucht nobel. Er hat den Deutschen und den Freiberger im Geschirr!» Und wo das Dreiblatt durchzog, regnete es lachende Zurufe:

«Fuhrmann, solltest dem Freiberger einmal das Gefiser (die Fesselhaare) schneiden!»

«Lahmer, dem Deutschen fehlt es in den Haxen.»

«Hänsel, solltest deine Rosse besser habern, damit sie auch ein bißchen Geist und Hitz bekämen.»

202 Der Suppentöter verdankte solche Ansprachen stets mit breitestem Grinsen; auf seinem schwammigen Zifferblatt kam eine Freudenlawine ins Rutschen und grub drei waagrechte Risse, zwei kürzere unter der Stirne und einen bedenklich ausgedehnten unter der Nase. Offenbar machte ihm der Jux einen Heidenspaß. Auch der Lahme zeigte sich aufgeräumt und gab auf die Anzapfungen heraus, soviel er Münze hatte. Weniger leicht fand sich der Krüschhans mit seiner Pferderolle ab. Ein Rest von Scham kämpfte in ihm mit der heftigsten Begierde nach einem Freitrunk. Seite an Seite mit einer solch niedrigen Kreatur, wie der Suppentöter war, das kostete Überwindung! Mit melancholisch gesenktem Haupte, die Augen erdwärts gerichtet, storchte er an den Neckgeistern vorbei, ohne ein Wort zu erwidern. Der Suppentöter mußte sich beeilen, denn auf jeden Schritt des Langen zog es ihm zweie; da mußte er wacker seine kurzen Stumpen schlenkern.

Anders dann auf der Heimfahrt! Jetzt fehlte es weder dem Rosselenker noch dem Deutschen an Geist und Hitz!

«Hüh, Buben!» schrie der Fuhrmann ein Mal über das andere. «Wollt ihr wohl ausgreifen, ihr vermaledeiten Krippendrücker und Luftkopper! Trrrab!»

Auf solches Anfeuern erwiderte der Deutsche mit durchdringendem Wiehern, lüpfte die magern Schenkel wie ein Zirkuspferd, warf sein hochbeiniges Gestell in die Luft, knirschte ins eingebildete Gebiß und schlug mit den Schuhabsätzen gegen die Karrenstangen. Einzig dem frommen und taktfesten Freiberger war es zu verdanken, daß die Fahrt nicht kurzum mit einem tollen Sturz im Seitengraben endigte. Wie ein gutes 203 Zuderhandpferd behielt er das Fuhrwerk auf der wohlgebahnten Straße. Stürzte der Deutsche und blieb liegen, so deichselte er das Gefährt allein nach Hause, wo zur Abwechslung einmal das Roß den Kutscher ausschirrte und auf die Streu brachte. Auf der Ausfahrt der Dümmste, war er allemal auf der Heimfahrt der Klügste; denn er betrank sich nie, so gern er sich sein Gläschen genehmigte.

Auf solch hohe Festtage folgten dann wieder langweiligere Zeiten. Befand sich der Suppentöter nicht auf der Fahrt, so stahl er irgendwo eine Buchenspälte und schnitzte daraus zur Kurzweil Wäscheklämmerchen in der Wagnerbutik. Besonders während der ärgsten Untage des Winters lag er diesem Geschäft zeitweilig ob. War der Lahm unguter Laune, so verzog er sich, bis der Schirmherr das Zorneisen aus dem Feuer gezogen und abgelöscht hatte und er wieder in Gnaden angenommen wurde, als ob nichts vorgefallen wäre.

Dann kam der Frühling. Die Stare kehrten wieder. Nun regte sich auch im Suppentöter die Zugvogelnatur. Das Bündel wurde geschnürt. Eine Schnur voll Klämmerchen hängte er sich unverpackt an die Schulter. Das waren nämlich seine Ausweispapiere, andere besaß er nicht. Nach seiner Ansicht genügten sie auch vollkommen. Wer Augen hatte, konnte sehen, daß er auf ehrlichen Erwerb auszog, und brauchte nicht lange zu fragen, wohin und warum. Freilich muß gesagt werden: Er nahm immer nur einen sehr bescheidenen Vorrat mit sich, damit sein Lager nicht allzu rasch ausverkauft sei. Den Leuten anhalten und Ware aufdrängen, war schon gar nicht sein Brauch. Weitaus am besten trafen es ihm die Bäuerinnen, die den Bescheid abgaben: «Klämmerchen haben wir diesmal keine nötig; wir haben die 204 letztjährig gekauften noch nie gebraucht. Aber wenn du einen Teller Suppe etwas schätzest, kannst du gerne bekommen.» Natürlich wollte er. Auch wenn er kurz vorher im Nachbarhause eine halbe Schüssel voll bezwungen hatte, sagte er nicht ab. Sein Magen ließ sich dehnen wie ein Wollstrumpf und hielt einer solchen Belastungsprobe schon stand. Auch die Vögel füttern sich ja im Frühjahr wieder zurecht, und es bekommt ihnen ausgezeichnet, dem Suppentöter desgleichen. Zu andern Zeiten fand sein Magen auch wieder die nötige Ruhe; ja manchmal schrumpfte er ihm zusammen zu einer einzigen Hungerfalte.

Abends hielt er Umschau nach einer Schlafgelegenheit. Wählerisch verfuhr er dabei nicht. Stall, Einfahrt, Bühne, Verschlag mit Laub oder Moos, alles genügte ihm.

Immer nach längern oder kürzern Zeiträumen kehrte er zurück in sein Standquartier, teils um neuen Vorrat nachzuholen, teils um sich nach den Bedürfnissen seines mächtigen Schirmherrn zu erkundigen und ihm die nötigen Boten- oder Zugdienste zu leisten. Nicht nur wünschte er sich dieses Ecklein warmzuhalten, ihn trieb auch Anhänglichkeit und Dankbarkeit zu dem Manne, hinter dessen kantiger Rauheit er vielleicht doch ein Fünklein Wohlwollen spürte. Ein treuer Hund ist bereit, an den Herrn hinaufzuspringen, auch wenn er kurz vorher Schläge gekriegt hat.

Auf seiner Landfahrt bekam er auch nicht lauter Schmeicheleien zu hören. Die Orte, wo man ihn fortjagte und verfolgte, merkte er sich genau; sie blieben bei ihm schwarz angeschrieben für alle Zeiten. Wenn er an ihren Höfen vorbeitrottelte, murrte er geringschätzig: 205 «Wüste Leut – böse Leut – geizige Leut – leide, leide, leide, äh!» Umgekehrt hatte er auch seine Lieblingsorte. Wenn ihm eine wohlbeleibte Bäurin oder sogar eine nette Tochter vorwarf, wie lange er ausgeblieben sei, und lächelnd beteuerte, sie habe gewiß lange Zeit verspürt, weil er immer nicht gekommen sei, dann glitt ein Sonnenblick über sein graues Schattengesicht, und die Freudenlawine kam ins Rutschen und zog ganz lange Risse.

So wechselte in seinem Leben Angenehmes mit kleinen Bitternissen; Tag reihte sich an Tag; Jahr an Jahr. Der Suppentöter kümmerte sich nicht darum, lebte vorab, nahm Gut und Böse ohne viel Besehen an, wie es kam, und fühlte sich im ganzen wohl in seiner Haut.

Dann traf ihn das Unglück. Seinen Schirmherrn streckte der Tod, nachdem ihn die Gliedersucht lange genug gekrümmt hatte. Äußerlich unbewegt wie ein Klotz, innerlich mit dumpfem Schauder sah der Suppentöter zu, wie man den Gestorbenen in eine schwarze Kiste packte und in der Erde verlochte. Das traurige Ereignis beschäftigte ihn stark und lange; man sah ihn später noch öfters auf dem Kirchhof.

Die Wohnung des Verstorbenen wurde ausgeräumt; das Gerümpel versteigert. Ein anderer Mieter zog ein, ein Pharao, der nichts wußte von Joseph und weniger Verlangen spürte nach Gebranntem. Dieser wies dem Suppentöter feindselig die Türe und drohte im Falle Wiederkommens mit Prügel. Somit war der Einschlupf verrammelt, die bergende Höhle verschüttet. Jetzt hieß es ganz auf eigenen Füßen stehen.

Nun, der Suppentöter verstand es leidlich, sich einzurichten. Da er keine Werkzeuge mehr besaß, steckte 206 er das Klämmerchenmachen auf und probierte das Strohbänderknüpfen und Reiswellenhacken. Blieb er darin auch ein Stümper, so diente es ihm doch als schicklicher Vorwand, sich den Bauernhäusern zu nähern. Daneben bildete er sich gewissenhaft aus in der Kunst des Bettelns. Die bisherige Weide entsprach aber den Bedürfnissen nicht mehr, sie war allzurasch abgegrast. Darum pflanzte er die Gatterstöcke und Zaunpfähle beträchtlich weiter hinaus und suchte neue Grasplätze, Tränkestellen und Schutzgebüsche.

Aber ein Unglück kommt bekanntlich selten allein. Um jene Zeit setzten Volk und Regierung des Landes ein neues Gesetz in Kraft, das der Armut streitbar zu Leibe gehen wollte. Not und Mangel, Hunger und Blöße sollten verschwinden, die Tränen der Leidenden abgewischt werden. Auch der Arme sollte von nun an seine Milch im Töpfchen finden und sein Stück Brot daneben. Anderseits sollte aber auch der Liederlichkeit und Arbeitsscheu das Grab geschaufelt werden. Bettel und Herumstreichen wurden unnachsichtig verfolgt. Die Sorge für verarmte Durchreisende anvertraute man staatlich unterstützten Verpflegungsstationen; aber wer staatliche Suppe genießen wollte, mußte sauber sein übers Nierenstück und wohlgeordnete Schriften vorweisen können, sonst wurde sie ihm zum Fallstrick. Die Verpflegungsstationen verlegte man in die Nähe der Landjägerposten und beauftragte die Polizei, die Böcke von den Schafen zu scheiden.

Auch der weite Weidegrund des Suppentöters wurde von der Verordnung betroffen und umgewandelt in Suppengäu, wie es die Handwerksburschen tauften. Die Bauern, bei denen er bettelte, gaben ihm von dem 207 veränderten Zustande Kenntnis: «Fritz, nimm dich in acht, sonst faßt dich der Landjäger. Betteln und Landstreichen ist verboten.» Der Gewarnte vernahm die Botschaft mit ungläubigem Kopfschütteln. Ihm wollte nicht in den Schädel, daß nun bestraft werden sollte, was er ungestraft jahrelang geübt hatte. So ungerecht werde man doch nicht sein, ihm den Broterwerb zu verbieten. Um die Verpflegungsstationen beschrieb er einen Bogen. Nach Staatssuppe gelüstete ihn nicht; an die allgemeine Kelle wagte er sich nicht heran. Er wanderte ohne Wanderbuch, freute sich der Heimat ohne Heimatschein und beanspruchte keinen gesetzlichen Schutz. Er war zufrieden, wenn man ihn gewähren ließ. Landjägern und Ortspolizeiern war er von jeher ausgewichen im Gefühl, daß sie ihm feindlich gesinnt seien und man mit ihnen nur Scherereien habe.

Im übrigen lasteten keine schwarzen Untaten auf seiner Seele. Es mochte ja wohl vorkommen, daß er auf einsamer Weide einem Rinde die Glocke abhängte und mitlaufen ließ. Aber das Rind war sicher wohler ohne, und der Besitzer konnte sich trösten, der Riemen habe sich gelöst und die Glocke sei irgendwo verlorengegangen.

Es kam auch etwa vor, daß der Suppentöter ein frisches Taschentuch nötig hatte und neben einer hängenden Wäsche vorbeizottelte. Und nun warf ihm der Wind eins vor die Füße: «Schau, da hast eins, heb's auf und steck's zu dir! Die Bäurin hat ja eine halbe Leine voll und bringt sie sicher fast nicht in die Schublade.» Sollte er da lange überlegen, wenn ihm einmal der Wind günstig wehte? Sollte er den guten Rat mißachten und es auf der Erde liegen lassen, wo es kotig wurde?

208 Oder es lag in der Traufe des menschenverlassenen Bauernhauses ein Dangelhammer und streckte verlangend den Stiel in die Höhe: «Pack mich, sonst verrost' ich, wenn's regnet!» Konnte man da widerstreben und sich ungefällig benehmen? Hatte man ein Recht, das Glück von sich zu weisen, wenn es einen etwas finden ließ? Nein, wer arm ist, darf nicht allzu blöde sein; der Suppentöter ließ den Hammer in seiner weiten Rocktasche verschwinden. Der Bauer besaß ja noch Haus, Hof, Feld, Wald und tausend andere schöne und gefreute Sachen, darum konnte er doch wohl zufrieden sein mit seinem Los ohne Dangelhammer.

Oder der Suppentöter wollte sich auf einem Strohhaufen oder Heustock zum Schlafe hinlegen und griff in ein Eiernest. Ein freundlicher Zufall entdeckte ihm das Versteck schlauer Legerinnen, die ihre Gaben ungebührlich und widerrechtlich den Menschen zu entziehen trachteten. Am nächsten Tage mußte er wieder auf die Reise, wußte nicht, wo er einen Bissen kriegen werde, und nun rollte ihm urplötzlich die Wegzehrung in ihrer Unschuldsfarbe vor die Füße. Sollte er sie wirklich liegen lassen und den mahnenden Magen aufs Ungewisse vertrösten?

Oder man versetze sich einmal in folgende Lage: Fruchtbehangener Kirschbaum an menschenfernem Waldrande, heiße, staubige Straße, einsamer Wanderer mit vertrocknetem Gaumen. Was tut der Wanderer? Hundert gegen eins zu wetten, er steigt auf den Baum und schnabuliert von den süßen Früchten oder zieht wenigstens ein paar Äste herunter, um sich daran zu erquicken – heißt das, wenn der Wanderer nicht zufällig einer ist, der vom Staate Lehraufträge für 209 Moralpädagogik erhalten und darum keine Gelegenheit vorübergehen lassen darf, sich in der Selbstbeherrschung zu üben. Nun, dem Suppentöter war ein solcher Auftrag nicht zugekommen, und darum hielt er's mit den Schnabulierern, und das Gewissen bohrte ihm deswegen keine Löcher in den Schlaf. An Baum- oder Feldfrüchten haben sich – ausgenommen der geneigte Leser –, wohl alle Menschen gelegentlich einmal vergriffen, und niemand wird von einem armen Landstreicher frömmere Sitten erwarten, als ihm selbst eignen.

Wenn man einem das Sündenregister aufgekreidet hat, gebührt es sich, auch seiner Guttaten zu gedenken. Großer Verdienste konnte sich nun freilich der Suppentöter nicht rühmen. Etwa hätte er sich darauf berufen dürfen, daß er den Bauern als Wetterprophet diene, doch war ihm diese Tatsache wohl nicht bekannt. Wenn er an irgendeinem Waldsaum oder an einem Wegbord verlüftete und anfing aus Leibeskräften zu johlen, dann konnte vorkommen, daß ein Meister bedenklich den Kopf schüttelte und befahl: «Fertig mit Mähen! Hört ihr, wie der Regenwettervogel trillert?» Ja ein Bauer soll sogar in die Hagelversicherung eingetreten sein, weil der dicke Staudensänger so verdächtige Leistungen zutage förderte.

Vom Bänderknüpfen und Reiswellenhacken darf nicht viel Aufhebens gemacht werden; was Hänschen nicht gelernt hatte, lernte Hans wirklich nicht mehr. Eher dürfte noch aufgezählt werden, daß der Suppentöter manchmal den Pferden die Bremsen wehrte, wenn sie vor einer Wirtschaft standen. Indessen geschah solches entschieden in gewinnsüchtiger Absicht, was nicht der wahre Jakob ist, da man «das Gute um des Guten willen» tun soll.

210 Als Letztes käme noch in Betracht, daß er manchmal die Leute durch sein drolliges Wesen zum Lachen brachte. Zwerchfellerschütterungen sollen sehr gesund sein, und deshalb darf diese Leistung nicht vergessen werden.

Hinwiederum gab es aber auch Vereinzelte, die sich über ihn ärgerten und die Ansicht vertraten, er dürfte mehr leisten. Man kann es ihnen nicht ganz verübeln; denn die Arbeit in Sonnenbrand und Hitze geht wirklich weniger leicht aus der Hand, wenn nebenan einer gemütlich in Baumes Schatten liegt und dem süßen Nichtstun frönt. Diese Mißvergnügten erinnerten sich, daß solches Nichtstun gegen Gesetz und Verordnung verstoße, und rieben das bei nächster Gelegenheit dem Landjäger unter die Nase.

Die Folgen bekam der ahnungslose Landfahrer bald zu spüren. Er wurde beim Betteln erwischt, hinter Schloß und Riegel versorgt, bis seine Zugehörigkeit erkundet war, und abgeschoben in seine Heimatgemeinde. Natürlich wurde ihm dort kein gemästetes Kalb geschlachtet und kein Ring an den Finger gesteckt; denn es mußten Kosten bezahlt werden. Die Armenbehörde suchte ihm einen Kostort, versprach ein Pflegegeld und gebot ihm strenge, das schweifende Leben aufzugeben. Einige Tage hielt er es aus, dann war er spurlos verschwunden. Gewitzigt, nahm er sich nunmehr besser in acht und schlüpfte durch. Es mag manches Versteckspiel abgesetzt haben. Tauchte irgendwo eine grüne Uniform auf, im Nu war er verschwunden. Die nächste Hecke oder Erdwelle mußte ihn verbergen und ihm das schützende Dickicht des Waldes erreichen helfen. Brücklein, Scheuerlein, Asthaufen und Heuschochen, alles nützte er als Deckung. Aus war's nun mit dem 211 sorgenlosen In-den-Tag-Hineinleben. Doch auch das Haschenspiel hat seine Reize, und der Suppentöter schnitt manchmal eine Freudengrimasse, wenn er wieder glücklich entronnen war.

Aber – was dem Suppenfritz als eine ganz besondere Schlechtigkeit erschien – mit den Landjägern hielten es auch die Ortspolizeidiener, und die trugen leider selten eine Montur. Und weil er in so vielen Gemeinden verkehrte, war es ihm unmöglich, alle die Gesichter und Gestalten so fest ins Gedächtnis zu fassen, daß er sie schon auf eine nützliche Entfernung erkannte.

Nach Wochen fiel er einem solchen Polizeidiener in die Hände. Dieser erlas ihm die Taschen. Der Landstreicher vermutete, man suche bei ihm «gefundenes» Gut oder wolle ihm seine Sparbatzen abnehmen. Darum focht ihn das Erlesen nicht stark an. «Gefunden» hatte er schon seit einiger Zeit nichts mehr, und das kleine Spargut ruhte wohlverwahrt zwischen den Wattenlagen seiner Schaufelkappe. So meinte er denn, der zudringliche Polizeier werde bald einmal seine Finger von ihm lassen müssen. Der Befund lautete aber: «Ohne jegliche Mittel zum Lebensunterhalt.» Wieder folgte Abschub in die Heimat unter Kostenauferlegung.

Nun war die Armenbehörde der Heimatgemeinde seiner satt und beschloß Versetzung in eine Armenanstalt. Der Suppentöter wußte nicht, was er davon halten sollte, und sah scheel drein. Man machte ihm den Beschluß mundgerecht. In der Anstalt finde er Gesellschaft, schlafe in einem ordentlichen Bett, erhalte brave Kleider und nahrhaftes Essen. In der Anstalt führe man einen immerwährenden Herrenlebtag. Stumpfsinnig hörte der also Getröstete zu und ließ sich gehorsam 212 abführen. Der Fall schien erledigt. Für die Behörde war er es auch, nicht aber für den alten Landfahrer.

Jawohl, es gab Brot, Suppe und überhaupt Essen genug; es gab ein ordentliches Bett und warme Kleider; man hatte allezeit ein schützendes Dach und Gesellschaft übergenug. Es gab Brot, und das Brot schmeckte anfangs nicht übel. Aber es gab Tag für Tag genau das gleiche Brot, und schon nach wenigen Tagen fing es dem neuen Insassen an zu verleiden. Lag es daran, daß die Abwechslung fehlte? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Bisher hatte er allerdings bald weißes, bald Schwarzbrot, bald frisches und bald altbackenes bekommen, und allemal hatte es ihm geschmeckt. Jetzt freute es ihn niemals, zu Tische zu gehen; denn mit der Suppe war es das gleiche Elend: nahrhafte Suppe, aber ohne das Kräutlein Ißmitlust. Dem Suppentöter wachte plötzlich auf, niemand könne so herrliche Suppe kochen wie die Bauernfrauen! Jede würzt mit ihrem Lieblingskraut, die eine mit Majoran, die andere mit Petersilie, die dritte wirft Kümmelkörner hinein, kurz, jede kennt einen besondern Vorteil. Die Füße konnte man nicht still halten, wenn man solche Suppen aß. Und wie lustig war es, heute aus einem blumeten Teller zu essen und morgen aus einem weißen, das eine Mal mit einem runden Löffel, das andere Mal mit einem spitzen, morgens im Hausgang, stehend, mittags auf der grünen Hausbank, behaglich sitzend wie ein Rentner, und am Abend auf einem Stiegentritt, kauernd. Aber wenn man essen muß: immer aus dem gleichen Topf, von der nämlichen Hand bereitet, am gleichen Platz zwischen andere eingeklemmt, mit gestrecktem Rücken und nicht einmal die Ellbogen aufstützen darf – nein, da 213 bringt man kaum etwas hinunter, bis zuunterst im Halsrohr würgt der Löffelvoll.

Ein weiches Bett! Ja freilich, das ist hoch zu schätzen! Wohlig dehnt man die Glieder darin und schläft. – Indes abzumarkten gibt es auch hier. Tagüber darf man sich auch nicht ein einzigmal hinstrecken, es wäre schade für die saubern Bezüge, und jeden Morgen will das Bett gemacht sein. Wozu auch dieser lästige Brauch? Wann schläft man am besten, wann ist das Lager am weichsten? Doch unbestreitbar am Morgen! Also gebietet vernünftiges Denken, das Bett möglichst so zu belassen, wie es am Morgen ist. Mit einem Bett aus Stroh, Laub oder Moos hat man keine solchen Geschichten. Da schlüpft man hinein und hinaus, wann es einem gefällt, da gibt es nicht zu schimpfen wegen der Sauberkeit, und wenn man fortgeht, läßt man den ganzen Plunder einfach liegen. Und was für prächtige Schlafkameraden man auf solchen Stallstrohlagern findet! Das eine Mal ein munter kapriolendes Kälbchen, das andere Mal ein lustig wieherndes Füllen oder einmal etwa ein zutrauliches, krauswolliges Schäfchen. Dem Suppentöter träumte fast allnächtlich davon; nie fand er den frühern gesunden, erquickenden Schlaf.

Seine Genossen behagten ihm nicht. Es gab so viel unfreundliche Gesichter in der Anstalt, so viel böse Augen. Es fehlte nicht an alten, zänkischen Haderern und futterneidischen Fressern. Die schlimmsten aber waren die Augendiener und Ohrenbläser, die sich vor dem Vorsteher gebärdeten, als könnten sie Gott nicht genug danken für die schöne Heimstatt in der Anstalt. Solche brachten es fertig, auf dem warmen Ofen sitzenzubleiben, bis sie Blasen am Gesäß bekamen, damit nur ja 214 kein anderer sich auch wärmen könne. Wehleidige Stumme fielen den andern lästig durch ohrenzerreißendes Geheul, Heimtückische durch boshafte Streiche; trauen konnte man nach Ansicht des Suppentöters niemandem, und das Ärgerlichste war, daß man keinen Augenblick unbeobachtet für sich selbst sein konnte und tun, was einen freute. Immer hieß es: Du mußt – du mußt! Kaum war der junge Tag erwacht, fing dieses Müssen schon an: Fritz, du mußt aufstehen! Fritz, du mußt betten! Fritz, du mußt dich waschen, du mußt sofort zu Tische kommen, du mußt helfen das Zimmer kehren!

Wie anders hatte früher der Tag begonnen! Da hatte sich der Suppentöter auf einer Einfahrt oder vor einer Stalltüre behaglich gedehnt, hatte schnuppernd und blinzelnd nach dem Wetter ausgeschaut und sich die Frage vorgelegt: Was beginnen wir heute? Wohin wenden wir uns? Beliebt Tal oder Hügel, Nord oder Süd, eilig oder gemach? Da stand einem die ganze Welt offen; kein Mensch hatte dreinzureden; da hieß es nicht: Du mußt! Sondern allezeit: Ganz, wie du willst! Oh, man ermißt nicht, was für ein Abgrund klafft zwischen dem «Wie du willst!» und «Du mußt!». Wenn man muß, flattert die Freude schleunig hinweg. Fritz hatte öfters einen Besen gezogen, freiwillig manchen Schopf und Stallgang gesäubert; aber das befohlene Kehren verdroß ihn. Das Waschen verdroß ihn, das Betten verdroß ihn, das Hemdenwechseln verdroß ihn, die ganze unbehagliche Sauberkeit und Regelmäßigkeit, alles, was in der Anstalt gefordert wurde, verdroß ihn. Die Freudenlawine kam nie mehr ins Rutschen; Kummersäcke hingen ihm unter den verdüsterten Augen. Sein ganzes 215 Sinnen und Trachten verdichtete sich in dem Brennpunkt: Fort! Fort aus diesem Hause, wo man jeden Augenblick unleidlichen Zwang zu spüren bekam und von Vorschriften wie mit einer Dornenhecke umzogen war.

Aber was nützte das Fortlaufen? Man wurde doch erwischt, wieder eingesteckt, und dann war alles ärger denn zuvor. Darum bezwang er sich und blieb. Aber wenn die Tauben sich aufschwangen, daß ihre schneeweißen Flügel in den blauen Himmel hineinblitzten, und ins weite Feld flogen, blickte er ihnen sehnsüchtig nach. O wie gut hatten es die! Sie durften fliegen, wohin sie wollten, durften ihr Futter selber suchen und aufpicken, was ihnen behagte, niemand hinderte sie. Wie gut hatte es der Wind, der in der jungen Saat Wellen schlug! Ach, wer auch mit ihm ziehen könnte! So viel Wege führten in aller Welt herum, und der seinige führte nur vom Hausgang bis zur Mauer oder, wenn's hoch ging, noch ein Stücklein ins Feld hinaus. Dann mußte man zurück in die Eintönigkeit, ins graue Elend. Und draußen war es doch so schön, so viel frische Luft, so viel blauer Himmel, so große schimmernde Wolkentürme. Gewiß glänzten jetzt alle Bächlein und die Forellen kamen unter den Schwellenhölzern hervor ins klarfließende Wasser, und wenn man vorbeiging und der Schatten des Körpers ins Wasser fiel, schossen sie hurtig wieder in ihre Verstecke. Jetzt an einem sonnigen Wegrand zu sitzen oder im Schatten eines Laubbaumes dem Vogelsang zu lauschen und den Faltern nachzugucken, oh, oder sich an dem bunten Treiben der Welt zu ergötzen! Irgendwo balgten sich zwei Hunde, spielten junge Kätzlein, rauften überkugelnd böse Buben. Irgendwo drehte sich ein Wasserrad, weideten 216 Kühe, entrann ein Pferd. Irgendwo wurde ein Haus gebaut, ein Baum gefällt, ein Bach oder Weiher ausgeschort. Die Augen voll gab es zu schauen – draußen – draußen! Der Metzger schlachtete ein Schwein. In der Wirtsstube schäkerte einer mit der Kellnerin. In der Käserei zugten die Milchbuben ein und aus wie in einem Bienenhaus. Ein Hüttler schlug dem andern den Brentendeckel weg und erhielt dafür einen Spritzer Käsmilch ins Lachmaul. Abends küßte sich hinter verschwiegenem Busch vielleicht sogar ein Liebespärchen ...

Bild um Bild seines ehemaligen ungebundenen Lebens stieg vor ihm auf, eines immer lockender als das andere. Nie war ihm dieses Leben so wunderbar erschienen, bis jetzt, da er es nicht mehr genießen durfte. Rein und verklärt strahlte ihm die Erinnerung das geringste Ereignis wider und ließ ihn die Gegenwart um so bitterer empfinden. Ja, in der Freiheit war es schön, nur in der gottverlassenen Anstalt war es öde und langweilig. Nicht einmal ein Häslein lief vorbei, nicht einmal ein hungriger Rabe kam in den Hof geflogen. Und wenn sich doch einmal etwas Neues ereignete, so war es nicht etwas Sonniges, das einen heiter stimmte, sondern etwas Düsteres, das einen nur noch mehr niederdrückte. Etwa brachte der Tischler eine schwarze Truhe, man legte einen hinein und stieß ihn unter die Erde. Wie konnte es auch anders sein? Hier mußte man krank werden und sterben, hier, wo man sich nicht bewegen durfte, wie es einen freute, wo man wie ein Hund an der Kette lag und immer nur mußte, mußte, mußte!

Ein Zufall wollte, daß in der Anstalt kein Ehepaar war. Das gab dem Suppentöter Kopfarbeit. Ein 217 Schauder durchfuhr ihn: «Das also ist's! Heiraten muß man, eine Frau suchen! Wer eine Frau hat, ist ein Mann. Männer darf man nicht in die Anstalt sperren, nur Alte, Schwache, Krüpplige, Halbverrückte, die keine Frau gefunden haben.» Aber wenn es nur an dem lag – warum sollte er keine finden. Hatte ihn nicht manches Weibervolk freundlich angelacht?

Jetzt hat er den Schlüssel gefunden, jetzt öffnet er das Schloß. Er fliegt aus und nimmt sich eine Frau! Nachher soll einer kommen und ihn in die Anstalt sperren! Das werden sie dann bleiben lassen. Wenn er auch einer von den Wichtigen, Unberührbaren geworden ist, wagt sich kein Grünhösler und kein Profoß mehr an ihn heran. – Am nächsten Tag ist er verschwunden. Nun können sie nachfragen und die Gebüsche erlesen! Lange genug hat er sich die einzuschlagende Richtung gemerkt. Wie der gejagte Fuchs oder Hase meidet er das offene Land. Den Waldzügen und Bachläufen nach windet er sich. Nein, sie erwischen ihn nicht. Er ist verschlagen und vorsichtig, kein Mensch sähe ihm an, was alles Schlaue ihm einfällt. In kurzer Zeit ist der alte Wanderkreis erreicht, und die alten Schlupfwinkel sind nicht mit Brettern verschlagen.

Erst jetzt fühlte er sich geborgen und genoß seine Freiheit. Jede Krähe grüßte er mit den Augen, jede Elster lachte er an: «Du, ich bin auch wieder da!» Vor den Menschen nahm er sich in acht, nur wo er ganz sichere wußte, landete er an. Oh, er verstand sich schon zu helfen – die, und meinten ihn füttern zu müssen! Sein Beruf nährte ihn gut genug, dieser freieste, schönste unter allen Berufen. Freilich, so genau wie früher nahm er es nicht mehr; immer häufiger «fand» er etwas 218 Brauchbares. Bald war es eine Kette, bald ein Seil, bald ein Kleidungsstück. Auch Feuerzeug wußte er sich zu verschaffen. Nun konnte er Kartoffeln braten, deren gab es genug auf den Äckern. Ach, wenn ihm nichts mehr Sorge bereitet hätte als der Unterhalt des Leibes! Aber mit dem andern wollte es nicht rücken. Die Frau war immer noch nicht gefunden. So schwer hatte er sich das Freien nicht vorgestellt. Schon hatte er die Schuhsohlen durchgelaufen und die Rechte noch immer nicht entdeckt. Mehr als eine hatte er gefragt: «Willst du mich? Willst du meine Frau sein?» Mehr als zehn hatte er heimlich ins Auge gefaßt und probiert, ihnen zu flattieren. Von einer hatte er eine Ohrfeige bekommen, die andern hatten ihn ausgelacht.

Wenn aber so viel auf dem Spiel steht, gibt man nicht ab, ohne das Letzte versucht zu haben. Bauernknechte boten sich ihm als Helfer an, wenn er ihnen einen Liter Schnaps zahle. Trotz anfänglichen Mißtrauens ging er auf das lose Spiel ein und opferte seine letzten, so mühsam gesammelten Bettlerbatzen. Sie halfen ihm zu einem als Weibsbild verkleideten Knecht in die Kammer, und dieser versprach, ihn zu heiraten, «sobald die Eichhörnchen brüten». Aber nachdem sie genug Schindluderei mit ihm getrieben und sich über ihre Großtat halb zu Tode gelacht hatten, tauchte, wie verabredet, ein «Nebenbuhler» auf, prügelte den Genarrten und warf ihn in den Brunnentrog.

Nun war ihm für einige Zeit das Heiratsfieber gesunken, doch gab er auch jetzt seine Pläne noch nicht endgültig verloren, obschon er sich dabei der Gefahr aussetzte, erwischt zu werden. Einmal wäre er bei einem Haar dem Landjäger in die Fänge gelaufen. Ein 219 andermal begegnete er zu seinem Schrecken einem Mitglied der Armenbehörde. Doch faßte er sich, und es gelang ihm, dem schlechtunterrichteten Manne einen Bären aufzubinden. Er habe drei Tage Urlaub bekommen, um einen kranken Bruder zu besuchen, behauptete er fest. Auf die Frage, wie es ihm in der Anstalt gefalle, erwiderte er finster: «Schlecht – es sterben so viele.» Wie das Essen sei? «Schlecht – man möge nicht essen.» Wie die Behandlung? «Schlecht – man lasse einen nie in Ruhe.» Damit trottete er weiter. Bei der nächsten Sitzung der Behörde erfuhr jener Armenpfleger, daß Urlaubern stets ein schriftlicher Ausweis in die Tasche gesteckt werde, daß der Suppentöter längst ausgebrochen sei und ihn genasführt habe.

Fast ein Jahr nachher wurde der Suppentöter wieder eingebracht. Frau hatte er keine gefunden; alle hatten ihm den Rücken gekehrt, die einen schimpfend, die andern mit Gespött. Nun waren auch sie schuld, daß er wieder zurück mußte an den verhaßten Ort.

Mit finsterem Gesichte trat er über die Schwelle der Anstalt und kam für die erste Zeit an den Klotz. Dieser Klotz war mit einer Kette an seinem Knöchel befestigt, beim Gehen mußte er ihn auf dem Arm tragen und war jedem Kinde als Ausreißer kenntlich gemacht.

Nachdem der Suppentöter den Reiz der Freiheit bewußt gekostet hatte, erbitterte ihn der Anstaltszwang noch um so tiefer. Tag und Nacht wühlte es in ihm. Schlecht waren alle Menschen, eine elende Horde. Vergeblich suchte ihn der Anstaltsvorsteher mit verständigen Worten zu belehren. Niemand konnte ihm das Gefühl aus dem Herzen reißen, daß an ihm ein himmelschreiendes Unrecht begangen worden sei und 220 begangen werde, solange man ihn an einem Orte festhalte, der ihm auf den Tod zuwider sei.

Nach wenig Tagen entwich er aufs neue. Den Klotz trug er nach. Beim ersten Waldbach machte er halt. Mit harten Kieselsteinen hämmerte er so wuchtig und lange, bis die Kette brach. Den Klotz schleuderte er ins Wasser, daß es klatschend aufspritzte. Frei, frei! Aber wie lange? Die Verfolger sind ihm auf den Fersen. Hinter dem Brückenpfeiler lauert der Landjäger schon auf ihn. Ehe er die Heimat erreicht hat, wird er verhaftet.

Wieder geht es zurück in die Anstalt. Die Feinde unter den Anstaltsinsassen hänseln ihn. Der Vorsteher verweist es ihnen; aber er muß den Fehlbaren bestrafen; denn böses Beispiel steckt an, und Ordnung muß sein. Der Suppentöter erhält einige Tage Zellenhaft.

Da sitzt er nun in seiner Zelle und stiert ins gleiche Loch. Nur die Kieferknochen arbeiten hinter den hager gewordenen Wangen. Die Fäuste ballen sich. Um die Lippen zuckt es; in den Augen brennt ein unheimliches Feuer. Bisher war er ein harmloser Mensch, der keinem Lebenden, weder Mensch noch Tier, ein Leid zufügen konnte. Aber wie ist man umgesprungen mit ihm, wie hat man es ihm gelohnt! Alles an ihm schreit nach Rache. Die Nahrungsmittel schiebt er unberührt zur Seite. – Endlich muß man ihn herauslassen.

In einer der nächsten Nächte brach Feuer aus in der Anstalt. Eines der Nebengebäude brannte nieder. Mit äußerster Mühe konnte das Hauptgebäude gerettet werden. Man mutmaßte Brandstiftung. Der Verdacht lenkte sich auf den Suppentöter. Als die Flammen hoch empor loderten, hatte er seine wilde Freude nicht 221 verbergen können. Noch in selber Nacht wurde er verhaftet und, begleitet von den Verwünschungen seiner Genossen, ins Untersuchungsgefängnis abgeführt.

Das Verhör bot wenig Schwierigkeiten. Er versuchte keine langen Winkelzüge, sondern legte ein offenes Geständnis ab. Es schuf ihm Befriedigung, zeigen zu können: Seht, ich habe mich gerächt für das angetane Unrecht! Trotzig hielt er allen Fragen stand.

Am andern Morgen fand man ihn in seiner Zelle erhängt. Mit den Hosenträgern hatte er sich an der Türangel aufgeknüpft. Der Menschheit, die ihn den Suppentöter geheißen und so lange mißhandelt hatte mit ihren Begriffen von Ordnung, Recht und Gesetz und mit ihrem Helfenwollen, streckte er die Zunge heraus. 222

 

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