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Geschichten aus dem Emmental

Simon Gfeller: Geschichten aus dem Emmental - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus dem Emmental
authorSimon Gfeller
year1956
firstpub1914
publisherA. Franck
addressBern
titleGeschichten aus dem Emmental
pages278
created20131213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Christine Brand

Wenn der alte Moosriedschulmeister – Gott hab' ihn selig – in seinen braunroten Plüschpantoffeln auf der Sandsteinterrasse vor seinem Wohnstöcklein hin und her spazierte, von Zeit zu Zeit mit der Rechten das schneeweiße Kinnbärtlein strich oder das schwarzsammetene Imikäpplein zurechtrückte und dazu straßauf und straßab guckte, dann plagte ihn in der Regel der Menschenhunger. Schwerhörigkeit hatte den Alten gezwungen, vom Amte zurückzutreten, obschon er immer noch lebhaften und regsamen Geistes war und am Sinnieren, Räsonieren und Fabulieren große Freude hatte. Nur fehlte ihm jetzt sein altgewohntes Publikum. Den Schülern, die ihm willig und gläubig zugehorcht hatten, erzählte nunmehr ein anderer Geschichten, und seine treue Lebensgefährtin, die ihn von allen am besten verstanden hatte, ruhte auf dem Friedhof. Wohl tauschten die Nachbarn, wenn sie vorbeikamen, gern ein paar freundliche Worte mit ihm; aber wegen seiner Übelhörigkeit war in Wechselrede mühsam mit ihm zu verkehren, und seinen Geschichten zu lauschen, fehlte ihnen meistens die Zeit. So fühlte er sich denn oft recht einsam und empfand einen Besuch als eine Wohltat, besonders wenn der Gast in der Kunst, ausdauernd und stillschweigend zuzuhören, wohlbewandert war. Das Brünnlein seiner Rede, einmal im Fließen, wollte geruhsam plätschern, man 142 durfte es nicht so bald ableiten oder zum Abtropfen zwingen. Übrigens lohnte es sich wohl, ihm zuzuhören. Der Alte hatte viel erfahren und zu mehr als einem Törchen in das große Uhrwerk des Menschenlebens hineingeguckt. Was er erlebt und beobachtet hatte, wußte er nicht ohne Geschick zu schildern, und seine schlichte Erzählkunst kürzte mir manche Stunde. Selten verließ ich ihn, ohne von ihm einen guten Wink oder anregende Gedanken empfangen zu haben.

Es war an einem trüben, unfreundlichen Stubenhocksonntag, als ich ihn wieder einmal aufsuchte. Ich traf ihn in seinem wohldurchwärmten Stübchen am Schreibpult, wo er in alten Briefen und Papieren herumkramte. Mir schien, er packe seine Erinnerungsschätze etwas unmutig zusammen, und ich fürchtete schon, mein Kommen bedeute für ihn diesmal eine unliebsame Störung. Als ich mich aber mit einer Entschuldigung zurückziehen wollte, bat er mich zu bleiben und räumte seine sieben Sachen in eine Schublade. Dabei fiel ihm ein altes Lichtbildchen zu Boden. Da ihm das Bücken schon etwas sauer wurde, hob ich den Flüchtling auf und gewahrte auf dem abgeblaßten Kärtchen die Halbfigur eines jungen Mädchens.

«Betrachten erlaubt?» fragte ich.

«Warum nicht», nickte er und schloß das Pult.

Ich durfte mir zum Anschauen also gemächlich Zeit gönnen und trat ans Fenster.

Das verblichene Bildchen wies einen feingeschnittenen Mädchenkopf, der anmutig auf schlankem Halse saß. Über der Stirne scheitelte sich glatt anliegendes Haar, dessen reiche Flechtenkrone mit einem breiten Sammetband festgehalten war. Den landläufigen 143 Begriffen von Frauenhübsche entsprach das Bild nicht völlig, dafür zeichneten die Wangen zu schmal. Aus den Augen aber leuchtete es wie stiller Ernst und schwärmerische Weichheit, und der Mund formte sich in zartestem Liebreiz. Immerhin hätte mir das Bild kaum mehr als ein flüchtiges Wohlgefallen abzugewinnen vermocht, wenn ich nicht plötzlich auf der Rückseite die Aufschrift entdeckt hätte: Dem treuen Freunde. Christine Brand.

«Gilt die Widmung dir?» konnte ich mich zu fragen nicht enthalten.

«Was meinst du?»

«Ob die Aufschrift dir gelte?»Ich redete fortan lauter.

«Jaso. Natürlich gilt sie mir.»

«Dann ist diese Christine Brand wohl ein alter Schatz von dir?» neckte ich lächelnd.

«Schatz? Nein, das nicht. Obwohl es mich, wie ich gestehen will, zu einer Zeit hoch beglückt hätte, wenn sie's gewesen wäre.»

«Also eine heimliche Liebe», neugierte ich, «ein romantisch-bittersüßer Jugendschwarm?»

«Beinahe so etwas», gab er lächelnd zu.

«Das mußt du mir beichten, der heutige Nachmittag ist wie geschaffen dazu!»

Der Alte wiegte überlegend den Kopf: «Es könnte dir zu lange dauern, und ich kriege wohl kaum mehr alles zusammen, was dazu gehört; mein Gedächtnis fängt doch auch an zu schwachen.»

Ich lächelte bloß und zwinkerte mit den Augen.

«Nein, nein, das ist es sicher nicht. Meine Person spielt in der Geschichte nur eine nebensächliche Rolle, und auf das, was du meinst, vermag ich mit ruhigem Lächeln zurückzublicken. Aber ich erwäge, wie schwer 144 es ist, der Menschen innerstes Wesen zu erfassen, ihren Schwächen und Vorzügen gerecht zu werden und ihren Charakter wahr und treu zu schildern. Ihr behenden Jungen reimt euch Charakterzüge und Lebensschicksale der Leute aus ihren Gesichtszügen und andern Äußerlichkeiten zusammen und kennt euch fix und fertig aus im Nu (der Sprecher unterstrich seine Worte mit einem spöttischen Lächeln, damit ich merke, der Seitenhieb gelte mir); wir langsamen, unbehilflichen Alten wären froh, wenn wir verstünden und zu deuten wüßten, was sich vor unsern Augen ereignet. Denn des Menschen Seele ist wie ein tiefer See, der Menschen Gefühls- und Tatenleben wie Wellenspiel und Wogendrang dieses Sees. Ein Sonnenstrahl fällt durch den Wolkenriß: die Wellen wabern und lohen in hellem Brand. Glitzlichter tanzen ihren Funkenreigen; sie wachsen auf blauem Grund wie schneeweiße Blümchen: der See ist plötzlich eine Märchenwiese. Gespenstische Wolkenschatten huschen heran: das frohe Glanzblau erstirbt, und trauriggraues Düster starrt dir entgegen. Wetterstürme brausen, und trübe wallt es auf aus den Tiefen. Wellenkämme schäumen rauschend auf, stürzen ineinander und zerrinnen. Wogen treiben an dir vorüber. Welche die andere verstärkt und weitergetrieben, welche die andere gehemmt und verschlungen hat, du weißt es nicht. Dein Auge ist zu arm, um das große Mit- und Durcheinander zu entwirren und im einzelnen und ganzen zugleich zu erfassen, dein Geist zu schwach, um auch nur das wechselvolle Spiel der Kräfte an der Oberfläche zu begreifen und berechnen. Wer erst vermißt sich, die dunkeln Gewalten und Geheimnisse zu ergründen, die in der Tiefe schlummern? Der klarste Wasserspiegel spottet deiner 145 Bemühungen und äfft dich: je näher du dich zu ihm niederbeugst und je angelegentlicher du hineinspähst, desto deutlicher strahlt er dir dein eigenes Bild entgegen. Manche freilich wähnen, die tiefsten Wunder und Urgründe erforscht zu haben, wenn es ihnen gelungen ist, recht schlüpfrigen und ekligen Schlamm heraufzuholen ...»

Der weißhaarige Alte schaute lange versunken in tiefes Sinnen wie in ferne Weiten, und ich hütete mich, ihn zu stören. Das Grundwasser seiner Seele war angebohrt und in Wallung; das Brünnlein mußte bald hervorspringen. Ich wartete geduldig und hatte mich nicht getäuscht. Nach einer Weile begann er wieder:

«Was bleibt uns zur Untätigkeit verdammten und überflüssig gewordenen Alten anderes übrig, als unser eigenes Leben und was damit verbunden war, rückschauend noch einmal zu durchwandern und genießen? Fast reizt es mich, dir die Geschichte der Christine doch noch zu erzählen. Nur mußt du vorlieb nehmen mit dem Stückwerk, das ich dir bieten kann, und mir einen gelegentlichen Seitensprung nicht verargen.»

Ich beruhigte ihn und gab meiner freudigen Erwartung Ausdruck.

«Vorerst sollst du dich behaglich einrichten; denn das Alter macht geschwätzig, und so bald werde ich nicht zu Ende kommen.» Er wies mir meinen Sitzplatz an auf dem gradlehnigen, altväterischen Ruhbett, holte mir von seinem gutartigen, blonden Holländertabak, der mir so ausgezeichnet mundete, und rückte den Aschenbehälter herbei. «Stopf aber nicht so fest, daß du einen Schusterdaumen bekommst und vorzeitig hohlwangig wirst», scherzte er mit vergnügtem Blinzeln; «das Kraut 146 steht dir zur Verfügung für eine unbeschränkte Zahl von Ladungen!»

Ich dankte, zündete an und nestelte mich bequem in die Ecke. Er rückte sich ein dünnes Kissen in den leicht erwärmten Ofenwinkel, setzte sich darauf und streckte seine Beine länglings über die Ofenplatte. Ein kurzes Besinnen, dann hub er an zu erzählen:

«Am letzten Allerheiligentag vor sechsundvierzig Jahren hielt ich drüben in Moosried zum erstenmal Schule. Ich war ein blutjunges Bürschlein, kaum zwanzig Jahre und kam direkt aus dem Seminar. Meine Habseligkeiten versperrten nicht viel Raum in der Welt, und die Moosrieder Bauern brauchten ihre Pferde nicht abzurackern, als sie mich abholten. Bett, Tisch, Stühle, Koffer und Bücherkiste hatten wohl Platz auf einem Brückenwägelein, und Katzenköpfe knallte man keine los, als ich einrückte. Mein erstes war, daß ich mich nach einem Kostort umschaute. Eine reichhaltige Auswahl stand mir dabei nicht zu Gebote. Der Weiler Moosried bestand damals aus vier Bauernhäusern samt Nebengebäuden, einer Käserei und einem Schulhaus. Die übrigen zu meinem Schulkreis gehörenden Häuser lagen mir schon zu fern ab. Ich fragte den Präsidenten der Schulpflege um Rat. Der Mann hieß Andreas Dreyer und wurde von jung und alt Ried-Rees genannt. Er war Besitzer zweier Bauerngehöfte zu Moosried und ein mit Geld wohl untersetzter Filz. Das größere Gut mit dem neuen, stattlichen Hause bewirtschaftete er selbst, das andere hatte er an einen Lehenmann verpachtet. Ried-Rees wollte aber mit mir nichts zu tun haben. Ein Wurf junger Schweine, deren Alte mit Tod abgegangen war, setzte seinen Milch- und Speisevorräten so arg zu, daß 147 er es unmöglich wagen durfte, auch noch einen jungen, hungrigen Schulmeister an die Kost zu nehmen. Die Ehre, mich beköstigen zu dürfen, überließ er uneigennützig seinem Pächter Jakob Brand. Dieser willigte nach einigen Bedenklichkeiten ein. Ich mußte geloben, ich wolle bei der allgemeinen Familienkost vergnügt sein, keine Extraleckerbissen verlangen und insbesondere die gesottenen Kartoffeln nicht verachten. Dann durfte ich mich zu Tische setzen und probieren, ob es mir schmeckte. Wir bildeten eine ansehnliche Tafelrunde. Oben am Tische saß der Hausvater; links und rechts schlossen seine Kinder an, drei Buben und zwei Mädchen, und unten am Tische, zwischen Knecht und Magd, wies man mir meinen Platz an. Die Hausmutter fehlte; die Geburt eines Spätlings hatte sie das Leben gekostet. Mutter und Kind ruhten, wie mir Jakob Brand erzählte, seit fünf Jahren auf dem Friedhof. Das Hausfrauen- und Mutteramt verwaltete die älteste Tochter; Christine hieß sie; ihr Bild hast du soeben betrachtet. Sechzehnjährig hatte sie in der Mutter Fußstapfen treten müssen; liebe Hoffnungen waren ihr mit der Heimgegangenen ins Grab gesunken. Sie wäre so gerne Lehrerin geworden. Der alte Lehrer hatte diesen Wunsch in ihr wachgerufen und genährt; denn sie war sein Liebling. Was er an Büchern besaß, lieh er ihr gerne und versprach ihr kräftige Nachhilfe. Und nun auf einmal zerriß der Tod all die zarten Traumgespinste!

Das Buch mußte aus der Hand gelegt werden; der Platz des eben der Schule entwachsenen Mädchens war von nun an am Kochherd, am Waschbottich und an der Backmulde. Christine fügte sich willig und lebte sich mit jugendlicher Anpassungsfähigkeit in ihr neues Werk 148 ein. Als ich ins Haus des Brand Jakob kam, war die Einundzwanzigjährige in der Führung der Hausgeschäfte bewanderter und sicherer als manche längst Verheiratete. Im Hause herrschte eine Ordnung und Reinlichkeit, wie sie in damaliger Zeit noch lange nicht überall anzutreffen war. Jede Woche wurde gesamstaget, das heißt der Stubenboden aufgefegt, das Küchengeschirr blank geputzt und das Fensterglas funkellauter gerieben. Christinens Angehörige liefen nicht mit zerfetzten Hemdsärmeln und klaffenden Kleiderwunden umher. Abends nadelte sie bei spärlichem Lichte bis in alle Nacht hinein. Zwilchhandschuhe mußten geflickt sein, Überstrumpfknöpfe angenäht, Ellbogenlöcher gestopft, Hosengesäße gesattelt, und das Strümpfesohlen und Fersenkappen wollte kein Ende nehmen. Und was nur schon das Obstdörren in selbem Winter für eine Aufgabe war! Die Fruchtbäume hatten so reich getragen, daß die Obstbettler, wenn man ihnen die Säcke füllen wollte, anhielten: ‚Nur nicht zuviel, nicht zuviel! Vergelt's Gott, vergelt's Gott!‘ Vom Mosten wußte man noch wenig und besaß auch die notwendigen und zweckmäßigen Geschirre nicht. Der Verkauf von Grünobst beschränkte sich auf das, was in die Dörfer und Städte geliefert werden konnte; über die Grenze ging noch keins. So rüsteten wir denn fast jeden zweiten oder dritten Abend unsern Korb Äpfel oder Birnen, und die Christine mußte dörren und dörren, bis ihr die Schnitze im Traume nachliefen. Manche Frauen, wenn sie von der Arbeit bedrängt sind, werden unliebenswürdig und kriegerisch, geraten ins Jagen und Jasten, ins Schimpfen und Schelten, und wer in ihre Nähe kommt, hat augenblicklich seinen Träf weg. Christine hingegen bewahrte 149 auch in arbeitsreichen Zeiten fast immer ihr freundliches und ruhig-heiteres Wesen. Gewiß war auch sie auf ihre Hausfrauentüchtigkeit nicht wenig stolz. Lobte ein Gast ihr lockeres, braungebackenes Brot, rühmte eine ältere Nachbarsfrau ihre Kochkunst, oder die Wäsche lag wieder einmal weiß und glatt und wohlgeordnet im Schrein, dann strahlte ihr Gesicht von jener freudigen Genugtuung, die der schönste Lohn aller treuen und erfolgreichen Arbeit ist. Daraus leitete sie aber noch lange kein Recht ab, die andern abzukanzeln oder ihre Leistungen zu übersehen und zu mißachten. Mitunter freilich ward auch ihr die verfrühte Mutterrolle schwer genug. Wenn andere Mädchen auf den Markt, an den Spinnet oder Tanzsonntag gingen, schickte sie ihnen lange, sehnsüchtige Blicke nach. Dann erwachte auch in ihr der Drang nach Lebensfreude, der diesem Lebensalter eigen ist. Ihr kam zum Bewußtsein, wie beengend ihre jungfrische Lebenskraft an die nüchterne Pflicht gefesselt war. Das junge Blut rebellierte, das Herz pochte in heißem Verlangen, und die ledigen Jahre wollten ihr in trübem Lichte erscheinen, weil sie so selten an den Lustbarkeiten der andern teilnehmen durfte. Brand Jakob pflegte solche Anfälle nicht wichtig zu nehmen; mochte es unter dem Mieder der Tochter würgen und wogen, wie es wollte, das berührte ihn wenig ...»

«Doch nun habe ich», unterbrach sich der Erzähler, «gar nicht die richtige Reihenfolge innegehalten. Uns Alten ist freilich die Tüchtigkeit am Menschen die Hauptsache; aber wenn man jung ist, fällt anderes ebenso schwer in die Waagschale. Das erste, was ich an der Christine bemerkte, waren durchaus nicht ihre Hausfrauentugenden, sondern ihre strahlenden Augen, ihr 150 blaßroter Mund, ihre ganze eigenfeine Schönheit. Ich erinnere mich noch deutlich, wie es mich überrieselte, als ich das erstemal am Tische saß und diese sonnenwarmen Augen auf mich gerichtet fühlte. Sie saß auf dem Vorstuhl, mir schräg gegenüber, und ermahnte mich wiederholt mit freundlichem Lächeln zum Zulangen. Der Umstand, daß sie hätte Lehrerin werden mögen, sicherte meiner Person und meinem Beruf von Anfang an ihr Wohlwollen. Ich fühlte mich bald recht heimisch im Hause des Brand Jakob. Christine konnte plaudern und scherzen, steckte voller Einfälle und neckte sich mit mir aufs unbefangenste. Der köstliche Wohllaut ihres leisen Lachens war mir eine Offenbarung seelischer Schönheit, und ihre selbstlose Hingabe für die Ihrigen rührte mich tief. Kurz, ich erblickte nur Vorzüge an ihr und war auf dem besten Wege, mich Hals über Kopf in sie zu verlieben. Sobald ich aber schön tun wollte, wich sie mir mit großer Geschicklichkeit aus und wußte mich stets gutartig ablaufen zu lassen, daß mir der Mut verging. Ihre Überlegenheit, die ich nicht anerkennen wollte und dennoch spüren mußte, machte mich oftmals fuchsig. Mir schien, mit einem Menschen, der bare sechshundert Franken verdiene, sollte man nicht so umspringen. Denn nach meiner Meinung konnte man mit einer solchen Summe Berge versetzen. Meine Kenntnisse schätzte ich ebenfalls nicht gering ein und war nicht wenig stolz auf die Menschenkenntnis und Welterfahrung, die ich mir schon erworben hatte. Großer körperlicher Vorzüge konnte ich mich allerdings nicht rühmen. Ich war ein aufgestengelter Dünnling und noch kein richtiger Mann, sondern nur das aufgesteckte Längenprofil eines solchen, und mit meinem Bartwuchs stand es keineswegs 151 glänzend. Aber immerhin, was nicht war, konnte noch werden, und für Spreu ließ ich mich ungern ansehen ...

Da erfuhr ich eines Tages von den Jungburschen, Christine habe längst einen Schatz und sei wahrscheinlich bereits heimlich mit ihm versprochen. So etwas hatten mich meine Welterfahrung und Menschenkenntnis nicht ahnen lassen, und darum stürzte mich diese Kunde aus allen Himmeln herunter. Daß auch andere Burschen begehrlich die Hand nach der lieblichen Blume ausstrecken könnten, war mir gar nicht eingefallen. In naiv jugendlicher Selbstsucht hatte ich mir eingebildet, sie sei eigens für mich gewachsen. Nun war ich zu spät gekommen, und das traf mich hart. Ich zog mich zurück und fand plötzlich mein leeres Wohnzimmer heimeliger als Brands belebte Familienstube. Wenn mich Christine einlud, am Abend beim Rüsten zu helfen, schützte ich Arbeit vor und ging heim. So klug war ich doch, daß ich meine schwere Enttäuschung verarbeitete, ohne jemandem davon zu sprechen. Nur meiner alten Geige vertraute ich mein Leid an und entlockte ihr manchen wehlichen Seufzer. Christine gegenüber suchte ich den Unbefangenen zu spielen. Meine Verschlossenheit und Wortkargheit kam ihr aber doch ungewohnt vor, und manchmal ruhten ihre Augen forschend auf mir. Es ist wohl möglich, daß sie ahnte, was in mir vorging. Wenigstens behandelte sie mich mit Nachsicht und gleich bleibender Freundlichkeit. So argwöhnisch ich sie auch beobachtete, nie bemerkte ich ein geringschätziges oder übermütiges Spottlächeln auf ihren Lippen. Andernfalls hätte ich sofort das Haus geräumt, das stand bei mir fest. Solcher Dummheit, die mich am sichersten verraten hätte, wäre ich wohl fähig gewesen.

152 Großes Verlangen trug ich danach, jenen Burschen kennenzulernen, der sie mir, wie ich mir einredete, vorweggestohlen hatte. Samstag abends ging ich extra zum Barbier, um mir den keimenden Bart locken zu lassen, und mischte mich nachher am Wirtshaustisch unter das junge Volk. Meine Mühe war nicht vergebens. Karl Flück, der älteste Sohn des Gummbauern, Christinens heimlich Verlobter, war auch anwesend. Ich hatte erwartet, einen besonders flotten und stattlichen Burschen zu finden; nun schien es einer zu sein, von denen zwölf auf ein Dutzend gehen. Warum sich die Christine, dieses lebensvolle, frische Geschöpf, just einen solchen Menschen auserlesen hatte, vermochte ich nicht zu begreifen. Er ragte weder durch Körpergestalt noch Begabung unter den andern irgendwie hervor und stammte aus einer kinderreichen, keineswegs besonders begüterten Familie. Man rühmte ihm nach, daß er ein tüchtiger Schaffer sei, wußte aber auch von jähzornigem, ungehobeltem Wesen Beispiele. Als ich vorsichtig mit gemachter Gleichgültigkeit nachforschte, wie wohl Christine zu diesem Anbeter gekommen sei, hieß es: ‚Nachgelaufen ist er ihr; fast die Füße abgetreten hat er ihr. Auch war sie ihm zu Dank verpflichtet. Als sie einmal abends vom Dorf durch den Riedwald heimkehrte, wurde sie in der Nähe der Gumm von einem Vaganten angefallen und vermochte sich seiner kaum mehr zu erwehren. Da kam Karl Flück dazu, befreite sie, und das mag sie ihm hoch angeschlagen haben. Und zudem, was ist mit dieser Christine denn Besonderes los? Vermögen wird wenig vorhanden sein bei Brands, und wenn fünfe ein Kuchlein teilen, gibt's magere Stücke. An Tänzern hatte es ihr nie gefehlt; aber zum Taufstein begehrte sie 153 keiner zu führen als Karl Flück ...‘ Nun hatte ich doch wenigstens einige Anhaltspunkte. Ich hatte zu wenig bedacht, wie sehr sich die Glut der Liebe in so vielen Fällen nach der Höhe der Katasterschatzung und dem Versteuerbaren richtet, zu wenig überlegt, wie solches auf ein empfindsames Mädchenherz einwirken mußte. An dieser kalten Berechnung der andern gemessen, gewann Karl Flück entschieden. Immerhin mochte ihm Christine mehr aus Dankbarkeit und Gutherzigkeit als aus warmer Zuneigung ihr Jawort geschenkt haben. Liebe, schien mir, sollte ein Mädchen einem solchen Menschen nicht entgegenbringen können. Mir kam er entschieden widrig und abstoßend vor, seine Augen gefielen mir nicht, versteckte Brutalität lauerte darin. Oder waren meine Augen parteiisch? Trübten Eifersucht, Neid und Mißgunst mein Urteil? Ich vermochte nicht ins klare zu kommen. Der ungewohnte Weingenuß regte mich auf, spiegelte mir beängstigende Zukunftsbilder vor, und mein Kopf war von Gedanken schwer, als ich ihn aufs Hauptkissen legte. Wenn er sie roh behandelte, wenn sie unglücklich wurde ... Ach, der Christine hätte ich alles Glück gönnen mögen!

Am andern Tage dachte ich wieder nüchterner. Sie hatte durch ihre Wahl in meinen Augen ein weniges von ihrem Werte eingebüßt. In Zukunft vermochte ich ihr kecker und selbstbewußter entgegenzutreten. Sogar dazu verstieg ich mich, sie mit ihrem Schatz zu necken; aber meine Neckereien glichen unausgereiften Schattenseitentrauben, sie schmeckten herb und säuerlich. Wenn Christine nicht gewußt hätte, wo der Hase im Kohl lag, jetzt merkte sie es sicher. Meine geheime Wut auf diesen Karl Flück schimmerte zu deutlich durch. An ihm 154 selber hatte ich keine Gelegenheit, sie auszulassen, er ließ sich nie blicken; das Verhältnis wurde vor den Leuten geheimgehalten. Mich nahm sehr wunder, ob er sie im verstohlenen besuchte. Ein paar Abende paßte ich ihm auf, bis mir die Kälte beinahe die Zehen vorn abgefressen hatte. Dann verleidete mir das undankbare Geschäft, ich schlüpfte unter die warme Decke und kümmerte mich nicht weiter darum.

Nun begab es sich ausgangs jenes Winters, daß der langjährige Moosried-Käser starb. Die Stelle wurde unverzüglich ausgeschrieben, und es meldete sich eine beträchtliche Zahl von Bewerbern. Die Wahl des neuen Käsers gab im Weiler viel zu reden. Die Moosrieder hielten auf ein schönes Mulchen Käse und waren nicht zufrieden, wenn ihre Abrechnung nicht die höchste war im Umkreis. Das war nun in den letzten zwei, drei Jahren nicht mehr der Fall gewesen. Der Käsherr klagte, die Ware sei zu wenig offen, und ließ Ausschuß liegen. Die Bauern gaben dem Käser schuld, er brenne den Teig zu stark ein und bringe die Käse zu spät in die Heizung. Der Käser schob die Schuld auf mangelhafte Einrichtungen in der Hütte und klagte über schlecht gereinigte Transportgeschirre. So hatte der Tod ein schon ohnehin gestörtes Verhältnis gelöst und die Bauern der unangenehmen Aufgabe enthoben, ihren alten Käser wegzuwählen. Nun wollten sie sich wohl versehen und nur einen ganz tüchtigen anstellen. Abordnungen wurden ausgeschickt nach allen Seiten, um Auskünfte einzuziehen. An der Hüttengemeinde erschien das letzte Bein, während bei meiner Wahl die Schulgemeindeversammlung kaum beschlußfähig gewesen war. Ich wurde mit Bitterkeit inne, wieviel wichtiger ihnen die Wahl eines 155 Käsers galt. Aber eben, dem Käser vertrauen sie die kostbare Milch ihrer Kühe an, geben ihm Werte in die Hand, die in die Zehntausender steigen, und zum Lehrer schicken sie bloß ihre Kinder!

Der Neugewählte hieß Rudolf Roth und stammte aus einer bestbekannten Käser- und Schwingerfamilie. Sein Vater hatte mit Käsen und Milchkaufen ein beträchtliches Vermögen erworben. Rudolf hatte ihm dabei von Kindsbeinen an geholfen und sich die außerordentlich günstige Gelegenheit zur gründlichen Erlernung des Berufes wohl zunutze gemacht. Trotzdem mußte er auch noch zum Onkel in die Schule, und dieser übernahm es, ihn in die letzten Finessen der Käsebereitung einzuführen. Nach Beendigung der Lehrzeit hatten ihm Vater und Onkel zu einer Stelle verholfen, die er so wohl ausfüllte, daß nur ein Lob darüber zu vernehmen war. Von jener Stelle weg meldete er sich in Moosried und stellte sich persönlich vor. Und fast mehr noch als seine glänzenden Zeugnisse wirkte seine gewinnende Persönlichkeit. Er verstand mit den Leuten in Ernst und Scherz zu reden und besaß die Gabe, sich angenehm und beliebt zu machen. Darum wurde er beinahe einstimmig gewählt, und als die Hüttengemeinde ausging, nickten sich die Moosriedbauern vergnügt zu, rieben die Hände und schmunzelten, als ob ihnen ein unverdientes Glück widerfahren wäre.

Natürlich schloß auch ich bald einmal mit dem Neuen gute Bekanntschaft. Ich kann nicht sagen, wie froh ich war, an ihm einen geeigneten, fast gleichaltrigen Genossen zu finden. Die Käser sind im allgemeinen ein Stand, auf den das Land stolz sein kann, und gar mancher Landlehrer hält gerne und treu zusammen mit 156 einem intelligenten Käser. Bald war ich in der Freizeit fast mehr in der Käshütte als im Schulhause daheim. Rudolf war ein lustiger Fink, der jedem schnell ein heiteres Gesätzlein zu pfeifen verstand. Nie langweilte man sich bei ihm, und wer ihm bei der Arbeit zusah, mußte gestehen, er sei ein Prachtskerl. Hei, wie spielten seine Armmuskeln, wenn er den Käse auf der Presse kehrte! Wie flogen beim Salzen im Käsespeicher die schweren Laibe hinauf in die obersten Schubfächer! Die anstrengendste Arbeit bewältigte er spielend, Ermüdung schien er nicht zu kennen. Alles an ihm atmete Frische und Spannkraft, Selbstsicherheit und Männlichkeit. Und wie seine Augen in ungebrochenem Jugendfeuer blitzten, so sieghaft froh, so bezwingend! Man mußte ihn gern kriegen; ich selber war eine Zeitlang ganz vernarrt in ihn. Und erst die Weibsleute! Welches Landmädchen möchte nicht gerne Käserin werden oder Sennin, wie man sie damals nannte? Wer darf so aus dem vollen schöpfen wie eine Sennin? Wem fließen Milch und Rahm so reichlich zu einem Nidelkaffee; wer darf so keck in den Käse einhauen, so tief in den Butterhafen langen, so himmlisch unbesorgt kücheln und die Kartoffeln schmalzen, bis sie von selber aus der Pfanne spazieren, wie eine Sennin? Und nun denke man sich als Zugabe und Krone dieses süßen Loses noch einen Mann von der Währung Rudolfs, und man wird begreifen, daß verschiedene Bauerntöchter von nun an selber mit dem Butterkörbchen in die Hütte liefen und daß der Verbrauch von Halbpfundanken merkbar zunahm. Man wird sich auch nicht sehr verwundern, daß die Störennähterin von Moosried plötzlich alle Hände voll zu tun hatte und daß die Sonntagsspaziergänge der ledigen Mädchen 157 auffallend häufig bei der Käserei vorbeiführten. Wer alle Feuerlein anblies und nachher vergnügt den Buckel einzog und lachte, war natürlich Rudolf. Er hatte es faustdick hinter den Ohren und verstand es, die Unwitzigen hinters Licht zu führen, siebenmal für einmal.

Da die Käserei und das Haus des Brand Jakob nur durch einen Garten voneinander getrennt waren, konnte es nicht ausbleiben, daß Rudolf schon in den ersten Tagen seiner Ankunft mit Brands in freundnachbarlichen Verkehr trat. Als ich ihm mitteilte, Christine sei bereits vergeben, horchte er kurz auf und meinte leichthin: ‚Das ist fast schade. Die Christine ist ein verteufelt nettes Mädchen, einmal nicht so ein rotes, dickbackiges Rundapfelgesicht, sondern etwas Apartes, Rassiges! Na, wenn sie schon einen hat, desto besser; dann darf man doch zu ihnen ruhig unters Dach treten, ohne daß die Leute Anlaß haben, ihre Mäuler aufzureißen, man grütze um Weibervolk!‘

Am nächsten Sonntagnachmittag saßen wir zusammen bei Brands, nahmen ein Kartenspiel zur Hand und vergnügten uns mit Nußbocken. Brands Walnußbaum hatte reichlich getragen, und zu Anfang des Spiels bekam jedes eine Anzahl Nüsse geschenkt. Um diese wurde nun gespielt. Jedes legte eine beliebige Anzahl vor sich auf den Tisch. Sobald die Einsätze bereit lagen, gab der Bockhalter das Spiel. Jeder Spieler erhielt der Reihe nach seine Karte, die letzte schlug der Spielgeber für sich selbst. Wer eine niedrigere Karte besaß als er, verlor seinen Einsatz. Wer das Glück hatte, eine höhere zu erwischen, gewann vom Spielgeber oder Bock, wie wir ihn kurz nannten, so viel Nüsse, als er gesetzt hatte. Zuerst hielt ich den Bock; aber ein trauriges Pech verfolgte 158 mich. Lauter Siebner und Achter schlug ich und kam so von Sack und Pack, daß ich Anleihen über Anleihen aufnehmen mußte. Christinens Brüder fielen fast unter den Tisch vor Lachen, und auch die andern hatten unbändige Freude an meinem heillosen Mißgeschick. Als ich meine Schulden nicht mehr bezahlen konnte, pfändeten sie mir spaßweise den Hut und hielten darüber eine lustige Geltstagssteigerung ab, wobei der Käser als Weibel amtierte. Zuletzt versorgte mich Christine gutmütig mit neuem Vorrat, und der Bock wanderte weiter zu Rudolf. Ich prophezeite, es werde ihm gehen wie mir; aber meine Prophezeiungen trafen schändlich daneben. Kaum hatte er das Spiel in den Händen, so wendete sich das Blatt. Der Bock, der mich in Schulden gestürzt hatte, machte ihn reich. Ehe eine Viertelstunde um war, hatte Rudolf schon ein halbes Armkörblein voll gewonnen. Er spielte mit so unverschämtem Glück, daß kaum eines mehr einen rechten Einsatz wagen durfte. Darüber geriet er in eine mordsvergnügte Stimmung, riß Witz über Witz und hunzte und hänselte uns, so sehr er konnte. Einzig Christine hielt ihm noch die Stange und versuchte immer wieder ihr Glück, obschon sie die Hauptverliererin war. Einmal sagte sie:

‚Jetzt probiere ich's mit sieben; sieben ist eine heilige Zahl!‘ Und ihre Augen flammten auf in einem scheuen, süßen Trotze, der ihr wunderlieblich stand.

‚Und ich gewinne doch‘, lachten seine Augen, und er fing, während er das Spiel mischte, schalkhaft an zu erzählen: ‚Es war einmal ein böser Wolf, der fraß sieben Gitzelein ...‘

‚Aber zuletzt ging es ihm schlecht‘, fiel sie triumphierend ein; denn sie hatte einen König erhalten.

159 ‚Und ich gewinne doch‘, lachten seine übermütigen Augen. Er kehrte seine Karte, es war das Herzaß. Da strich er langsam die sieben ein und erzählte dazu behaglich: ‚Es war einmal ein böser Wolf, der fraß sieben arme, arme Gitzelein ...‘

‚Ich setze noch einmal sieben‘, unterbrach sie ihn und bekam vor Eifer ganz rote Wangen.

‚Und ich gewinne sie‘, glitzerten seine Schelmenaugen. Aber diesmal verlor er. Christine erhielt eine Dame und er bloß einen Neuner. Nun war das Erzählen an ihr, und mit spöttischer Stimme und funkelnden Äuglein fuhr sie fort:

‚Und als der böse Wolf gestorben war, kehrten die Gitzelein wiederum alle heim in den warmen Stall.‘

Ruhig zahlte er den Gewinn aus, mischte die Karten aufs neue und erklärte:

‚Jetzt fange ich an zu hexen. Hokus, pokus, malokus – mokus, pokus, halokus! Nun wollen wir schauen, wer obenauf kommt!‘

‚Wegen dem Lirumlarum! So setze ich zwölf, grad extra!‘ trotzte sie.

‚Recht so‘, nickte er, legte jedem mit einem Hokus, Pokus oder Malokus seine Karte hin, kehrte den Kreuzkönig obenauf und lachte übers ganze Gesicht; er hatte sämtliche Einsätze gewonnen. Als er Christinens Häuflein behändigte, seufzte er mit weinerlicher Stimme:

‚Und die zwölf Söhne Jakobs zogen nach Ägyptenland und wohneten allda bis an ihr seliges Ende.‘ Und der Triumph verjagte ihn fast.

So ging es noch eine ganze Weile. Je waghalsiger Christine setzte, desto sicherer verlor sie. So hitzig hatte sie noch nie gespielt. Ehe wir uns versahen, war es Zeit, 160 Vieruhrbrot einzunehmen, und Christine bewirtete uns mit Käse, Brot und süßem Branntwein. Mit dem Kaffee ging man damals noch sparsamer um als heute, und Zwischenmahlzeiten gestattete man sich lange nicht in allen Häusern. Wir hatten darum allen Grund, mit unserer Wirtin zufrieden zu sein. Rudolf ließ ihr keine Ruhe, bis sie mit ihm anstieß, und bevor er fortging, schenkte er ihr seine gewonnenen Nüsse bis auf einen ‚Höck‘, den er zum Andenken an den lustigen Nachmittag und das fabelhafte Spielerglück aufbewahren wollte.

Von da an konnte sie nie mehr neben ihm vorbei, ohne daß er ihr irgend etwas Schnakisches anhängte, und Gelegenheit, sie zu sehen und zu necken, gab es nun fast tagtäglich. Jeder milde Frühlingstag lockte Christine in den Garten. Die Rosenstöcke mußten aus ihrer Winterhaft befreit werden. Beete gab es umzustechen, neu zu formen und anzusäen, Wege zu reinigen, Pflänzlinge zu versetzen, und der Buchshag mußte geschnitten werden. Christine arbeitete mit jener freudigen Geschäftigkeit und Beflissenheit, die allemal die Frauen ergreift, wenn die ersten sonnigen Frühlingstage ins Land ziehen und ihnen erlauben, von ihrem lieben Gartenreich wieder Besitz zu ergreifen.

Nun war es seltsam: wenn sie so rank und schlank durch den Garten ging, so geschickt mit Spaten und Rechlein hantierte, sich so geschmeidig zu ihrer Arbeit niederbog, dann traf es sich, daß auch Rudolf draußen etwas zu besorgen hatte. Es gab eine Melchter unter die Brunnzube zu stellen. Ein Käsdeckel mußte an die Sonne gerollt werden, damit man mit dieser warmen Unterlage einen Käse, der nicht nach Wunsch Loch 161 machen wollte, mehr treiben konnte. Immer war etwa auch ein Kästuch auszuschwenken und zum Trocknen an die Zeugstange zu hängen. Und wie gut schickte es sich dann, schnell im Vorbeigehen irgendein Neckwort über den Zaun hinüberzuspicken! Was konnte es Hübscheres geben für Rudolf, als nachmittags, wenn sein Verschnaufstündchen angebrochen war, ein wenig an den Gartenhag zu lehnen, zuzuschauen, wie gefällig sich die Beete unter Christinens erdigen Händen formten und ebneten, und ein bißchen mit ihr zu spaßhändeln! Dabei wußte es der Schlaumeier einzurichten, daß seine Aussetzungen wie verkapptes Lob klangen. Die schnurgeraden Gemüsebeetkanten sollten krumm sein, die wohlabgemessenen Weglein ungleich in der Breite. Die Zwiebeln, behauptete er, setze Christine mit dem Wurzelende nach oben, die Rüblein säe sie zu dicht, den Salatsamen zu dünn. An allem hatte er zu mäkeln. Aber Christine verstand sich auf diese Sorte Kritik sehr wohl, lächelte nur leise in sich hinein oder strich sich mit dem Handrücken die widerspenstigen Haare zurück und entgegnete leichthin: ‚Ja, wirklich?‘ oder ‚Es wird nicht so gefährlich sein!‘ oder ‚Es kommt nicht darauf an!‘ Es schien ihr aber doch daran gelegen, daß ihr Werk tadellos aussehe. Immer wieder sah sie daran noch etwas zu verbessern und konnte fast nicht fertig werden. Zuletzt kehrte sie alle Weglein mit einem alten Besen und ließ nicht nach, bis Vater Brand mit der großen Schnellbänne in die Gerbe fuhr, um Lohe zu holen, die man sorgfältig zwischen die Beete streute. Nun könne man doch auch im Garten etwas holen, ohne allemal die Schuhe kotig zu machen, frohlockte Christine und ließ ihre Augen befriedigt über ihre Schöpfung gleiten.

162 Im Garten zu holen gab es nun zwar in der nächsten Zeit noch nicht viel, höchstens einige Kocheten Winterspinat und hin und wieder ein paar Halmspitzchen Schnittlauch für die Suppe. Und doch zog es Christine immer wieder dorthin. Sie mußte doch nachschauen, ob ihre Aussaat auch ebenrecht dicht und gleichmäßig errinne, ob sich nicht etwa ein Rosenstock von der Stütze losgerissen, mußte achtgeben auf Erdflöhe, Schnecken und anderes Ungeziefer. Dabei war es schlechterdings nicht zu vermeiden, daß hin und wieder ein verlorener Blick auf die Käshütte und ihre Bewohner fiel. Ebenso leicht konnte der Zufall wollen, daß nun der Käser gerade notwendigerweise eine Gepse verschwellen oder einen Milchschruf beim Brunnen reinigen mußte. Das ließ sich nun doch nicht wohl abtun, ohne mit der hübschen Nachbarin ein paar Worte zu wechseln; denn wer mag den Vorwurf der Unhöflichkeit und krautsauren Verbissenheit auf sich laden? Auf ein Zaungespräch mehr oder weniger kommt es in der Welt doch nicht an, und wenn einmal ein freundlicher Verkehr angeknüpft ist, läßt er sich nicht so leicht abbrechen.

Wir andern hatten uns ja auch nicht zu beklagen. Wenn Christinens Brüder nirgends zu finden waren, brauchte man sie nur drüben in der Käserei zu suchen, dort traf man sie sicher, und wenn Rudolf etwas Drolliges erlebt oder erlauscht hatte, ließ es ihm keine Ruhe, bis er es uns erzählen konnte. Manchmal, wenn er bei mir oder bei Brand Jakob auf der Terrasse stand, fügte es sich, daß Christine in der Küche wirtschaftete und seine Worte ebenfalls vernahm. Dann durfte aber Kätheli, die jüngere Schwester, die noch zu mir in die Schule ging, nicht dazwischen klappern; denn es 163 geziemt den Kindern zu schweigen, wenn Erwachsene reden.

Einen ganz besondern Spaß schien es Rudolf zu verursachen, Christine mit ihrem Schatz zu necken. Trug sie eine nette Schürze oder einen hübschen Flauti, dann war er hinter ihr her: ‚Es ist doch schade, daß das der Karl nicht sieht; du würdest ihm sicher gefallen. Aber tags läßt er sich nie blicken, und nachts sind alle Katzen grau!‘

Und merkwürdig: Hatte ich die Christine necken wollen, die Münze zum Herausgeben hatte ihr nie gefehlt; neckte er sie, so wurde sie verlegen wie ein Schulmädchen, wußte nicht wo aus und ein oder wurde zornig und eilte weg. Allemal trieb er sie in die Enge, und nicht immer mit den feinsten Wendungen. Ich weiß nicht, woher es kam, aber ich mußte mich darüber ärgern, obschon es mich nicht das geringste anging. Ich konnte es nicht verputzen, daß sie ihm nicht energisch aufs Dach stieg. ‚Reib ihm doch auch einmal Nesseln unter die Nase!‘ riet ich ihr. Aber rat' einer den Weibern! ‚Er meint es wohl nicht so böse‘, entschuldigte sie ihn, ‚und es ist nur dumm von mir, immer so rot zu werden.‘ Und dann horchte sie auf, ob nicht etwa aus der offenen Hüttentür ein Jodler ertöne. Das und manches andere fiel mir nun doch auf. Wenn sie Kartoffeln über die Kellerstiege hinauftrug, riß es ihr Gesicht hüttenwärts. Wusch sie beim Brunnen, so wanderten ihre Augen beständig hinüber. Räumte sie in der Küche auf oder kehrte den Küchenboden, immer blieb die obere Hälfte der Haustüre offen, und ihre Augen glitten, wie unbewußt, suchend hinaus. Redete man sie unvermutet an, so schrak sie zusammen. Einmal sah sie durch das 164 Fensterflügelein zu, wie Rudolf und sein Knecht einen neuen Käse vom Keller in den Speicher trugen, und vergaß darüber ihre Arbeit. Wir waren allein in der Stube. Da fuhr mir heraus:

‚Wenn ich Karl Flück wäre ...‘ Erschreckt trat sie zurück, schaute mich mit ihren großen, unschuldigen Augen hilflos an, wurde flammend rot und verschwand zur Türe hinaus. Ich aber dachte bei mir selber: ‚Mich nimmt nur wunder, wie das herauskommen soll.‘

Bald darauf vernahm ich von Rudolfs Hüttenknecht Dinge, die meine Unruhe noch vermehrten. Ich weiß nicht, ob du den alten Brauch kennst, der sich mancherorts bis auf den heutigen Tag erhalten hat. An den Sonntagen liefert ein Bauernhaus nach dem andern dem ledigen Käser, der sich werktags selber beköstigt, ein schmackhaftes Mittagessen, das gewöhnlich aus geräuchertem Fleisch und Gemüse besteht. Nun war die Reihe, das Mittagessen zu liefern, auch an den Brand Jakob gekommen, und Christine hatte Sauerkraut gekocht und für Käser und Hüttenknecht ein leckeres Laffli aus dem Speicher geholt und gesotten. Da Kätheli in der Kinderlehre war und die Buben wie gewöhnlich irgendwo herumschwarbelten, trug sie es selber hin. Rudolf bestürmte sie, sie solle mithalten, und als sie das nicht wollte, bat er, sie solle wenigstens den Tisch decken helfen. ‚Mich schickte er natürlich hinaus‘, erzählte der Knecht, ‚aber ich dachte: Bürschlein, dir komme ich schon über den Stecken hinein! Ich trogelte recht vernehmlich in meinen Holzboden zur Küche hinaus. Draußen jedoch schlüpfte ich blitzschnell aus den weiten Trögen, kehrte barfuß in die Küche zurück und schaute durch das Astloch in der Holzwand, was in der Stube 165 vorgehe. Natürlich hatte er sie schon umhalst und wollte sie küssen. Sie wendete sich heftig weg und sagte ängstlich: Nein, nein, nein! Aber er ließ sie nicht los, sondern zog sie fester an sich: Nur einen, nur einen einzigen! Und dazu schaute er sie an – du weißt, wie er Augen machen kann. Sie sagte noch immer: Nein, nein, nein! wendete sich aber nicht weg. Da hatte er schon, was er wollte. Als sie ein Weilchen nachher herauskam und scheu neben mir vorbeiging, war sie rot bis an die Ohrläppchen. Ich saß auf dem Stiegentritt, schnitt meine Zehennägel ab und hatte nichts gesehen.‘

‚Nützer ist dir jedenfalls, du habest nichts gesehen und redest zu niemandem davon‘, sagte ich, um den Knecht einzuschüchtern und ein Gerede zu vermeiden; ‚es könnte dich leicht deine gute Stelle kosten!‘

‚Ist gar nicht nötig, mir das zu verbieten‘, erwiderte er; ‚ich tät's der Christine nicht zuleide, sie hat mir nie etwas in den Weg gelegt. Dir durfte ich es schon sagen, du hassest sie ja auch nicht!‘ Und dazu lachte er verschmitzt, der unangenehme Mensch!

Einen Augenblick erwog ich, ob mich der Bursche nicht vielleicht angelogen haben könnte. Doch hielten meine Zweifel nicht lange stand; der Bericht trug zu sehr den Stempel der Wahrheit. Das glich Rudolfen.

In jenen Tagen herrschte mich Christine einmal barsch an: ‚Was siehest du mich immer so an! Du verleidest mir!‘

‚Ich kann ja gehen, wenn ich dir am Weg bin!‘ gab ich nicht ohne Schärfe zurück. Doch war sie bald wieder freundlich. Ich zog aber doch vor, die Abendstunden in meiner Wohnung zu verleben oder einen Abendspaziergang zu machen.

166 Es war gegen Mitte Mai zur Zeit der letzten Baumblüte. Der Vollmond ließ sein mildes Licht über Busch und Baum und Feld und Wald niederrieseln. Wie Silber schimmerte es auf den Straßen und tief niederhängenden Schindeldächern. Blütenduft strömte durch mein offenes Fenster. Da hielt ich es nicht länger drinnen aus; die wunderbare Mondnacht lockte mich ins Freie. Ein Fußweg, der sich durch die Matten schlängelte, leitete mich hinaus an den leise rauschenden Moosbach. Ich zog ihm nach, und mit mir wanderte als treuer Begleiter der wonnige alte Kerl, der Mond. Ein paarmal verschwand er für Augenblicke hinter dem dichten Ufergebüsch; doch schon nach zwei, drei Schritten lachte er mir aus dem Wasserspiegel wieder fröhlich entgegen: ‚Da bin ich auch schon; ich mußte nur schnell unter den Stauden durchschlüpfen!‘ Auf Schritt und Tritt paßte er sich mir an als ein willfähriger Kamerad. Lief ich schnell, so pressierte es auch ihm, schlenderte ich gemütlich, so schien er zu winken: ‚Nur gemach, wollen uns Zeit lassen!‘ Fein war's! Aber auf einmal fiel mir ein, wieviel feiner es noch wäre, wenn ein anderes liebes Gesicht so treulich neben mir wanderte, mir auf Schritt und Tritt so hold entgegenleuchtete. Eine wehmütig sehnsüchtige Stimmung bemächtigte sich meiner. Ich wendete meinem Wanderkameraden schnöde den Rücken; unwillkürlich setzten sich meine Füße in Bewegung heimzu. Ehe ich mich dessen versah, stand ich zu Hause in Brand Jakobs Hofstatt, lehnte mich an einen mächtigen Baumstamm und schickte meine Blicke hinüber zu Christinens Kammerfenster.

Die Moosrieder Bauernhäuser hatten ihre Lichteraugen längst geschlossen. Friedlich träumten die Gärten, 167 und ich träumte mit ihnen, lange, lange. Es war schwül. In den weißleuchtenden Blütenwipfeln erhob sich ein stilles Wehen. Warme Luftwellen säuselten um mein Antlitz. Durch die Baumkronen strich der Föhn, der gefürchtete Blütenverderber. Während die ahnungslosen Menschen schliefen, schlich er heimlich einher und begann sein Zerstörungswerk. Unter seinem sengenden Atem welken die zarten Blütenblätter, kräuseln sich langsam zusammen und verwandeln sich in mißfarbene Zeltchen, die schlimmen Schädlingen zum bequemen Schlupfwinkel dienen. Ein paar Tage bloß, und der hoffnungsreichste Fruchtansatz ist durch Wurmfraß gefährdet. Mir tat es leid um die herrlichen Blüten. So lange hatten sich die Knospen gesehnt nach Licht und Sonnenwärme, so verheißungsvoll sich gerüstet zum fröhlichen Aufbrechen, und kaum hatte sie die Sonne zu jubelndem Leben erweckt, fuhr der sengende Hauch darüber!

Langsam löste ich mich vom Stamme des Baumes und wollte mein Lager aufsuchen. Da öffnete sich leise und sacht die Käshüttentüre. Ein Mann trat auf den Zehen heraus, schlüpfte draußen in die Lederpantoffeln und schlich durch die Hofstatt dem Hause des Brand Jakob zu. Ich drückte mich hinter den Baum und atmete kaum.

Der Bursche, es war natürlich Rudolf, schickte einen forschenden Blick umher, ohne etwas Verdächtiges zu gewahren, und ging ohne Umschweife auf sein Ziel los. Unter Christinens Fenster, das zu ebener Erde lag, machte er halt. Ein leises Klopfen mit dem gekrümmten Finger, ein Warten, ein Flüstern durchs Flügelein, und das Fenster öffnete sich. Gewandt schwang sich Rudolf auf die Fensterbank; ein Vorhangzipfel wehte leise, und behutsam schlossen sich die Fensterflügel.

168 Mir wirbelte das Hirn. Weiß der Himmel, was mir alles durch den Kopf schoß. Hingehen und mit den Fäusten zornig am Fenster trommeln? Wegsteine holen und die Scheiben einschmeißen? Und nachher? Sich auslachen lassen: Seht den lüsternen Schulmeister, wie er sich geärgert hat, weil ihm das Fenster verschlossen blieb! Und zudem: Das erstemal mochte das Fenster doch wohl nicht so rasch aufgegangen sein; Warnung kam zu spät. Und schließlich: Was gingen anderer Leute Liebesgeschichten mich an?

Und doch wurmte und würgte es mich elendiglich. Im Nachhausetrotten sagte ich zu mir: ‚Blöder Tor, siehst du nun! So muß man es anfangen bei den Weibsleuten! Ohne Federlesens zutappen mit allen fünfen! Das gefällt ihnen; so wollen sie es gerne!‘ Meine Lippen verzerrten sich; ich konnte mir nicht genug tun in Zorn, Scham und Verachtung. Dieser Rudolf! Diese Christine! Daß er so handeln konnte, war am Ende noch zu begreifen; aber für sie gab es keine Entschuldigung, nein, gar keine!

Trotz meiner Empörung schlief ich gut und bis in den lichten Morgen hinein. Erst unmittelbar vor dem Erwachen irrlichterte mir etwas von der Geschichte durch mein Gehirn. Ich stand vor Christine und erblickte ein rotes Schandmal auf ihrer Stirn. Eben wollte ich sie anreden und ihr Vorwürfe machen, da wieherte unter meinem Fenster ein vorüberfahrendes Pferd, und ich erwachte.

Am hellen Tage schaute ich das nächtliche Abenteuer bedeutend kühler an. Mich betraf's ja nicht: mochten die zwei dann selber tragen, was sie sich auf bürdeten. Allerdings, gegen Christine konnte ich nicht mehr sein wie 169 vorher. Höflich und artig wollte ich sie in Zukunft behandeln, aber frostig und kalt. Sie sollte innewerden, daß sie meine Achtung verloren hatte!

Doch wie erging es mir? Als ich zum Essen kam, grüßte sie mich so zutraulich und unbefangen wie nur jemals. Wer dem andern nicht frei und offen ins Auge schauen durfte, war ich. Nur wenn sie zur Seite blickte, wagte ich verstohlen, ihr Antlitz zu mustern; eine eigentümliche Neugierde trieb mich dazu. Was stand in den Augen der schönen Sünderin geschrieben? Trug sie das Brandmal ihrer Schande auf der Stirn? O ich Einfältiger! Wie sie vor mir stand, erschien sie mir lieblicher und begehrenswerter denn je. Konnte dieses blütenzarte Antlitz so viel Duft der unberührten Mädchenhaftigkeit nur vortäuschen? Nein, diese strahlenden Augen wußten von keiner Schuld; nein, hinter dieser klaren Stirn konnte nichts Unreines wohnen! Zwiespalt erhub sich in mir; ich wußte nicht mehr, was ich von ihr denken sollte. Hatte mich ein nächtlicher Spuk genarrt, oder log ihre Unschuldsmiene? Tagelang beschäftigte mich diese Frage. Existierte ein Versprochensein mit Karl Flück am Ende nur im Gewäsch neuigkeitensüchtiger Leute? Nein, diesen Gedanken mußte ich sofort wieder fallen lassen. Ihr ganzes Benehmen, wenn sie geneckt wurde, sprach dagegen. Aber halt – konnte ein Verhältnis, wenn es wirklich bestanden hatte, nicht erkaltet und in aller Stille wieder gelöst worden sein? Gelöst worden sein, vielleicht erst in den letzten Tagen? Gewiß, so konnte es sich verhalten.

Ich atmete wie befreit auf. Wenn nur der unvertilgbare Makel der Falschheit und Untreue von ihr abfiel! Daß sie als Kind des Volkes altem, wenn auch nicht 170 löblichem Landesbrauch folgte und ihrem Einziggeliebten das Fenster öffnete, erniedrigte sie in meinen Augen nicht. Hatten nicht meine eigenen Blicke verlangend auf ihrem Fenster geweilt? Stand es mir also an, den Sittenrichter zu spielen? Bitter genug fiel es mir zwar und wurmte mich unaufhörlich, daß Rudolf und nicht ich ihre Liebe erobert hatte. Aber was ließ sich dagegen tun? Wer will der Liebe ihre Bahn vorschreiben? Wie eine unabwendbare Naturgewalt war sie über Christine hereingebrochen; jede neue Woche brachte mir neue Bestätigung. Wenn Rudolf, den ich sonst zu meiden angefangen hatte, und ich Brands beim Heuen aushalfen, dankte mir Christine mit anerkennenden Worten; aber wieviel süßern Dank spendeten ihre Augen ihm! So sehr sie sich mühte, sie konnte es nimmermehr verbergen, wie gut sie ihm war. In seine Nähe riß es sie, seinen Worten lauschte sie, ihm galt ihre Sorge bei der Mahlzeit; wir andern zählten nur halb. Nicht nur mir fiel es auf, auch die Dienstboten und Brand Jakob maßen sie oft mit erstaunten und forschenden Blicken.

Da kam der Tag des Heuerntefestes. Am Sonntagnachmittag saßen wir bei Fleisch und Wein; Küchlitürme und Gemüseplatten bedeckten den Tisch. Brand Jakob war guter Dinge. Viel und gutes Futter war eingebracht worden; kein Unfall hatte das Werk aufgehalten. Der gezuckerte Rotwein machte ihn redselig. Frühere Ernten wurden besprochen; das Gespräch lief vom Hundertsten ins Tausendste. Rudolf neckte sich mit den Buben; Christine ging auf in Hausfrauengeschäftigkeit und ermunterte uns fleißig zum Zugreifen. Eben wollte ich mit ihr anstoßen. Plötzlich erbleichte sie. Das Glas in ihrer Hand neigte sich, der Wein floß aufs Tischtuch. 171 Sie zitterte und ließ kraftlos ihre Arme sinken. Ihr Blick irrte an mir vorbei durchs Fenster. Dem Hause zu schritt Karl Flück. Entschlossen steuerte er auf die Haustüre los und klopfte. Christine stand wie angewurzelt und stützte sich schwer auf den Tischrand. ‚Geh doch hinaus und frag, was er wolle!‘ sagte der Vater.

‚Kätheli soll gehen‘, lehnte Christine tonlos ab, ‚ich muß ...‘

‚So geh!‘ beschied der Vater, und das Kind lief und kam wieder. ‚Vater solle herauskommen; er fragt etwas wegen einem Rind, das wir verkaufen wollen.‘

‚Was, Rind verkaufen? Wir haben doch kein Rind zu verkaufen!‘

‚Geh doch, Vater!‘ drängte Christine.

Brand Jakob schaute erst verwundert von einem zum andern, dann stand er auf und ging. Karl setzte sich gemütlich aufs Kellerläublein und erklärte des langen und breiten, was ihn hergeführt habe. Brand Jakob hörte zu, machte Zwischenbemerkungen und kratzte sich verlegen in den Haaren. Er merkte wohl, daß Karl darauf wartete, in die Stube geheißen zu werden. Irgendwie hatte er aber ein unbestimmtes Gefühl, daß Karls Kommen Christine unangenehm sei, und nun wußte er sich nicht zu helfen. In der Hoffnung, der Besuch entferne sich endlich, zögerte und zögerte er, bis Karl fragte, ob es nicht erlaubt wäre, Christine zu grüßen. Das konnte ihm Brand Jakob nicht wohl abschlagen, und so traten die beiden in die Stube.

Christine stand bleich und verstört neben dem Ofentritt und rieb mit einem weißen Handtüchlein mechanisch an einer Gabel. Karl faßte sie sofort ins Auge, schritt zu ihr hin und bot ihr die Hand:

172 ‚Grüß' Gott, grüß' Gott! Da treffe ich's einmal gut! Ich bin auch gern dabei, wo's lustig geht!‘

Wie im Scherz hielt er ihre Hand fest, die sie ihm entziehen wollte, und verdeckte mit einem Lächeln, das einem heimlichen Knirschen verzweifelt ähnlich sah, daß er ihr Gewalt antat. Christine brachte kein Wort heraus, und ihre Blicke wichen zur Seite. Finger um Finger mußte sie aus seiner Faust lösen; ihr Gesicht rötete sich, und Empörung sprühte aus ihren Augen. Sie mochte wohl spüren, daß er sie am liebsten bei den Armen ergriffen und geschüttelt oder geschlagen hätte. Trotzdem bezwang sie sich, wies ihm einen Platz an und bewirtete ihn, wie man einen geschätzten Gast bewirtet. Karl aß und trank und erzählte auch hier wieder, was ihn hergeführt habe. Es sei ihm leid, wenn er ungelegen komme. Aber wenn man einen guten Kauf machen wolle, dürfe man nicht zu Hause hinter dem Ofen sitzen bleiben. Man müsse wohl darauf achten, wie Kauf und Lauf gehe. Ein anderer komme einem sonst zuvor und man habe das Nachsehen. Und er sei nicht einer, der sich die Sache vor der Nase wegschnappen lasse. So schloß er mit einem heisern, gezwungenen Lachen und schaute Christine vielsagend an. Sie mußte mit ihm anstoßen. ‚Aber in die Augen schauen, sonst gilt's nicht!‘ kommandierte er, und als das Glas in ihrer Hand leise zitterte und ihre Augen seinen Blick nicht auszuhalten vermochten, verschärfte sich das höhnische Zucken um seine Mundwinkel. Dann wandte er sich wieder an den Vater und tat, als wäre er hier zu Hause. Wir andern waren für ihn nicht vorhanden.

Das war eine Luft im Zimmer – topp, wie vor einem schweren Gewitter! Hier der unheimliche Bursche, dem 173 die schwarzen Haarbüschel die niedere Stirn fast bedeckten, und unter diesen Haarbüscheln zwei Augen, in denen mühsam niedergehaltener Zorn und Schmerz glühte. Dort Rudolf mit zusammengezogenen Brauen und aufeinandergebissenen Zähnen verächtlich lächelnd. Zwischendrin Christine, deren Herzklopfen man zu hören vermeinte – nein, das hielt ich nimmer länger aus; ich stand auf, murmelte irgendeine Entschuldigung und ging hinaus. Das war auch für die andern das Zeichen zur Auflösung der ungemütlichen Tischgesellschaft. Die Spannung entlud sich ohne den gefürchteten Donnerschlag. Rudolf schritt der Hütte zu, um den Käse zu kehren, und kam nicht wieder. Christinens Brüder ließen mir keine Ruhe, bis ich mit ihnen ein Stöckelspiel machte, dem Brand Jakob durchs offene Fenster zusah. Christine war verschwunden, wahrscheinlich hatte sie sich in der Kammer eingeriegelt. Karl klebte immer noch und klebte, obschon ihm der Vater nur mit halbem Ohr zuhörte. Endlich stand auch er auf und mußte abziehen, ohne Christine gesehen und ihr gedankt zu haben, obschon ihm gewaltig viel an diesem Danken und Lebewohlsagen gelegen schien.

Was am selben Abend noch geschah, habe ich schon tags darauf vernommen. Karl kehrte wieder, um Christinen zu fenstern. Er fand das Fenster geschlossen und niemanden, der ihn einlassen wollte. So ließ er sich jedoch nicht abspeisen; denn er hatte getrunken und war aufs höchste aufgeregt. In der Wut schlug er mit der Faust ein Fensterkreuz ein und drang ins Zimmer. Er fand es leer. Christine hatte vorausgeahnt, daß er kommen und Einlaß begehren werde. Um ihm nicht Rede und Antwort stehen zu müssen, hatte sie sich zu ihrer 174 Schwester ins Gaden hinauf geflüchtet und ihre Kammer von außen verschlossen. Ihr Bett fand er unberührt, die Türe vermochte er nicht zu öffnen. Ihm blieb nichts übrig, als wieder zu gehen. Fluchend und schimpfend entfernte er sich und warf, bevor er heimging, in der Käserei ein paar Scheiben ein. Rudolf und der Hüttenknecht eilten heraus, um ihn zu verprügeln. Es gelang ihm aber, ihnen zu entwischen.

Am andern Morgen nahm Brand Jakob seine Tochter ins Gebet. Sie gestand ihm, es sei ihr unmöglich, den Karl Flück zu heiraten, sie gehöre längst einem andern.

‚Meitli‘, fuhr der Vater auf, ‚mach nicht, daß du zwischen Stuhl und Bank fällst! Sieh dich vor, was du beginnst!‘

Als er aber hörte, es sei Rudolf recht, das Aufgebot zu bestellen, je eher, je lieber, schlug bei ihm der Wind um. Der wohlhabende Freier, der seiner Tochter eine gesicherte Existenz bieten konnte, war ihm lieber. Brand Jakob hatte so lange und mühsam um den Batzen gerungen, wie sollte er den Franken nicht schätzen?

‚Die Christine ist ein kluges und praktisches Mädchen‘, rühmte er mir; ‚sie weiß ihren Vorteil wahrzunehmen. Halt, wenn man auf dem Pferd reiten kann, setzt man sich nicht auf den Esel. Der Karl Flück hat mir sowieso nie recht eingeleuchtet. Ist ein unholder Bursch; es nimmt mich nur wunder, daß sich die Christine einmal mit ihm eingelassen hat. Nun hat sie ihn abgeschüsselt, was mir nur recht sein kann. Verbrüllen und vermaledeien wird er sie nun zwar; denn er war wie versessen auf sie und ließ ihr keine Ruhe. Aber an solchen Sachen stirbt man nicht; eine solche Wortschweize ist noch bald einmal eingetrocknet und hat bald verstunken.‘

175 ‚Ja, hat ihm denn Christine nicht längst sein Wort zurückgegeben?‘

‚Wie es scheint, hat sie schon seit langem daran herumstudiert und manchen Brief angefangen und wieder zerrissen. Und mündlich durfte sie es ihm erst nicht ausrichten, wenn er einmal kam. Ob er sie dauert oder ob sie ihn fürchtet, ich kann's nicht sagen. Offenbar ist ihm dann von anderer Seite etwas ins Ohr geblasen worden, und jetzt wird er wohl wissen, woran er ist. Christine hat ihm geschrieben, einen langen, dicken Brief. Das beste wird sein, nun sobald als möglich zu hochzeiten; das beißt verschiedenem den Faden ab.‘

In der folgenden Zeit geschah es, daß Christine mich manchmal forschend betrachtete und mich einmal fragte: ‚Warum gehst du immer gleich nach dem Essen wieder weg? Sind wir dir nicht mehr gut genug?‘ Ich zuckte die Achseln, behauptete, ich hätte nicht immer Zeit zu langen Unterhaltungen, und nahm die Türe in die Hand. Sie hatte viel von ihrer Frische verloren, die Christine; manchmal schaute sie recht bekümmert drein und gar nicht wie eine glückliche Braut. Unerwartete Geräusche erschreckten sie, daß sie zusammenfuhr; um geringer Ursachen willen brach sie in Tränen aus. Sie sah aus wie eine Blüte, die der heiße Föhn angesengt hat ...

An einem der nächsten Sonntage fand die Eheverkündung von der Kanzel herunter statt. Karl Flück saß, wie die Leute nachher erzählten, neben der Orgel auf der Vorlaube. Als der Pfarrer seinen Spruch getan hatte, stieg er bleichen Gesichtes und mit brennenden Augen die Vorlaubentreppe hinab und schlug, ohne nach links oder rechts zu blicken, den Nachhauseweg ein. Das gab 176 zu reden. Die Leute brandmarkten Christinens Schlechtigkeit mit höchster Entrüstung. Manches Neidfeuerlein trieb jetzt seinen Qualm zur Rauchküche hinaus. Aus Brand Jakobs Hause war niemand zur Kirche gegangen. Man ließ das Wetter rauschen und blieb unter Dach.

Am andern Morgen früh stand Christine beim Brunnen und wusch irgendein Geschirr. Der Vater war im Stalle mit Melken beschäftigt; die andern besorgten auf dem Felde das Eingrasen. Plötzlich stand Karl Flück neben ihr. Wo er gewesen, verriet sein Rock, an dem Tannennadeln und weiße Harzflecken klebten. Als Christine in sein Gesicht schaute, stieß sie einen Angstschrei aus. Karl sah aus wie ein Halbverrückter; das schwarze Haar hing ihm in zerzausten Büscheln wild um die Stirn, und die weit aufgerissenen Augenlider ließen das Weiße unheimlich hervortreten. Abwehrend streckte sie ihm ihre Hand entgegen und wollte in die Küche fliehen. Doch er packte sie rauh am Arm und hielt sie fest.

‚Jetzt wartest du noch einen Augenblick!‘ Seine Stimme fuhr mühsam und kreischend wie eine eingeklemmte Säge durch die Stimmritze. ‚Wissen mußt du doch noch, was ich diese Nacht durchgemacht habe ...‘

‚Es tut mir leid um dich; ich wollte dir nicht weh tun. Ich habe dir doch ...‘

‚Warum hast du mich denn so schändlich hintergangen, mir gegenüber stets die Strenge, Sittsame gespielt und dich hinter meinem Rücken aufgeführt wie ein Schachenmensch! Du elendes, miserables Geschöpf, fälscher als Galgenholz ...‘

‚Laß mich los, oder ich schreie!‘ Sie riß an ihrem Arm; er hielt wie ein Schraubstock zusammen.

177 ‚Schrei doch! Es wissen ja alle, wie du mich zum Narren gehalten hast! Aber weißt, Christine, es soll dir vergolten werden. Wenn das wahr wird, was ich dir heute nacht angewünscht habe, dann erlebst du nicht manche glückliche Stunde mehr. Es gibt noch eine Vergeltung, verlaß dich drauf! Und wenn dich das Unglück geschlagen hat, selbiges Mal will ich dann lachen ... lachen ...‘

‚Was ist da los?‘ fuhr Brand Jakob dazwischen und trat mit der Mistgabel in der Hand aus der Stalltüre. ‚Was hast du hier zu suchen? Was stößest du solch verwegene Frevelworte aus! Mich hast nie gefragt um die Christine, und ich hätt's nie zugegeben! Und darauf kommt's an ...‘

‚Aber gewußt hast's und nicht darwidergeredet!‘ keuchte Karl und spuckte verächtlich gegen Brand Jakob aus.

‚Jetzt laß sie los und mach, daß du fortkommst, oder ich steck' dir die Mistgabel in den Ranzen, du Unflat!‘ schrie dieser ergrimmt.

Da loderte es in Karls Augen grell auf. ‚Das ist mein Dank und Glückwunsch‘, hohnlachte er, spuckte Christinen ins totenblasse Gesicht, schleuderte ihren Arm weg und ging.

Wütend erhob Brand Jakob die Gabel zum Stoße. Aber Christine fiel ihm in den Arm und riß die Gabel zur Seite: ‚Unglücks ist genug!‘ stöhnte sie. Sie hatte Mühe, den Vater zu bändigen.

‚Hättest ihm doch wenigstens die Faust aufs freche Maul gehauen!‘ polterte er und vermochte sich noch lange nicht zu beruhigen. Christine erwiderte nichts, ging ins Haus und schloß sich ein. Am selben Tag mußten Kätheli und ich das Essen rüsten und tischen; sie 178 kam nicht mehr zum Vorschein. Als Rudolf vernahm, was sich ereignet hatte, stieß er eine Zeile Flüche aus und ärgerte sich, weil man ihn nicht gerufen hatte. ‚Der Kerl soll mir nicht unter die Fäuste laufen, sonst mach' ich ihn kalt!‘

Von jenem Tage an hatte Christine den festen Boden unter den Füßen verloren. Vater und Bräutigam redeten ihr zu, sie solle sich die Schimpfworte und Verwünschungen nicht zu Herzen nehmen. Karl habe doch nun seine wahre Natur enthüllt und gezeigt, was für ein rachsüchtiger und brutaler Mensch er sei. Gott danken und froh sein solle sie, daß sie von ihm los sei. Was das für eine Ehe gegeben hätte mit einem solchen Zornnickel; geprügelt und mißhandelt hätte er sie, bevor ein Vierteljahr vergangen wäre. Rudolf versuchte auch, sie mit allerhand Späßen aufzuheitern, vermochte aber selten, ihr ein Lächeln abzulocken. Manchmal schaute sie ihn mit großen, fragenden Augen seltsam an, als vermöge sie nicht zu begreifen, wie er lachen könne. Still und in sich gekehrt, ging sie ihren Geschäften nach. Eines Morgens bat sie den Vater, ob sie nicht ihr Bett in seiner Schlafstube aufschlagen dürfe. Er willfahrte ihr, schüttelte aber heimlich den Kopf. ‚Hab's gefürchtet, daß es ihr zu nahe gegangen sei‘, sagte er zu mir. ‚Du machst dir keine Vorstellung, wie sie dreingeschaut und ausgesehen hat an jenem Morgen. Gut ist's, daß jetzt bald Hochzeit ist, nachher wird's schon wieder bessern.‘

Als der Hochzeitsmorgen anbrach, war Christine eine blasse Braut. In ihrem Hochzeitsstaat sah sie zwar lieblich aus; aber aller frohe Übermut war von ihr gewichen. Als Rudolf kam, um sie abzuholen, brach sie plötzlich in Tränen aus. ‚Nun mußt du mit einer zur Kirche, die 179 man angespuckt hat‘, sagte sie mit zuckenden Lippen. ‚Ach, laß nun doch die dumme Geschichte sein, wie sie ist! Ich habe noch nie gesagt, daß du mir nicht recht seiest!‘ stieß er ein wenig ärgerlich heraus. Da trocknete sie ihre Tränen und trat mit ihm über die Schwelle. Draußen harrte Brand Jakob mit dem bespannten Fuhrwerk. Als sie abfuhren, schauten ihnen Neugierige aus allen Fenstern nach und tauschten ihre Bemerkungen aus. Einige Dienstboten waren sogar bis zum Schulhaus gekommen, um besser sehen zu können, und Ried-Reeses alte Magd erläuterte ihnen den Fall.

‚Habt ihr sie betrachtet?‘ eiferte die Alte. ‚Schaut eine Glückliche etwa so aus? Mit deren ihrem Glück ist es nicht weit her. Sehet dann zu, wie es ihr geht! Verwünscht hat er sie, und das Pflaster zieht schon. Kein Zweifel, der Fluch wirkt schon jetzt. Möcht' nicht eine solche Last auf dem Buckel tragen, und wenn ich dafür eine reiche Bäuerin sein könnte. Denn man muß sagen: sie ist selber schuld. Mit dem einen versprochen sein und derweilen einen andern anlocken und einziehen – auf eine solche Schlechtigkeit gehört sich was. Untreu bringt Reu, sagte meine Mutter immer, und mehr als eine Geschichte wußte sie darüber zu erzählen. Einer ließ eine im Stich, nachdem sie in Hoffnung war, und wollte sein Kind nicht anerkennen. Da wünschte sie ihm an, daß er dafür an seinen Kindern gestraft werde. Er verlachte ihre Verwünschung und heiratete eine andere. Die schenkte ihm zwei schöne Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, die ihm sehr lieb waren. Er hütete sie sorgsam, und sie gediehen und machten den Eltern große Freude. Das weilte sich so, bis die Kinder siebenjährig waren. Da gingen eines Sonntags Vater und 180 Mutter in die Kirche. Den Fluch hatten sie längst vergessen und überließen die Kinder dem Dienstmädchen. Sie spielten vor dem Hause, und das Mädchen mußte das Mittagessen rüsten. Plötzlich gesellte sich zu den Kindern ein schwarzes Kätzlein. Um den Hals hatte es ein Schnürlein, mit dessen Ende es spielte, als wollte es sagen: Komm, fang mich, jetzt erwischest du mich! Der Knabe wollte es fangen; aber allemal, wenn er nach dem Schnürlein griff, tappte er daneben, und das Kätzlein lockte ihn weiter hinter das Haus. Zuletzt sprang es auf den Weidstock neben dem Weiher. Der Knabe holte ein Leiterchen, um ihm nachzusteigen; das Mädchen sah ihm zu. Das Kätzlein lockte immer wieder und spielte das Schnürlein dem Knaben fast gar in die Hände. Plötzlich glitt das Leiterchen seitwärts ab, und das Knäblein fiel mit einem Schrei in den tiefen Weiher, um den der Vater einen hohen Zaun hatte machen lassen. Das Mädchen schrie um Hilfe; das Dienstmädchen rannte herbei, aber es wußte sich nicht zu helfen; der Zaun war ihm hinderlich. Es holte den Nachbar; der zerschlug den Zaun und zog das Knäblein heraus; aber es war schon längst gestorben. Als die Eltern heimkehrten, war es kalt und starr, und als sie hörten, wie das schwarze Kätzlein gelockt hatte, wußte der Vater: Es kommt nicht von ungefähr; der Fluch hat sich erfüllt ... Das hat mir die Mutter erzählt für eine teure, feste Wahrheit!‘

Solcherlei Reden wurden um jene Zeit in mehr als einem Nachbarhause geführt, und es war nur gut, daß Christine nichts davon vernahm.

Bald nach der Verheiratung verlangte Rudolf, daß seine Frau zu ihm ziehe. Brand Jakob hätte Christine 181 gerne noch behalten; denn Kätheli war der Haushaltung noch nicht mächtig, und es mußte eine Magd eingestellt werden. Auch Christine wäre nicht ungern noch einige Zeit zu Hause geblieben; aber Rudolf setzte seinen Willen durch. Sie solle es schön haben bei ihm; er wolle ihr die Mucken schon aus dem Kopfe treiben, den ganzen Tag solle sie nicht aus dem Lachen herauskommen. So malte er ihr die Zukunft aus.

Als der Schreiner Christinen den notwendigen Hausrat beschafft hatte, fand der Umzug statt, und Rudolf bemühte sich, seine Vorsätze auszuführen. Morgens versteckte er Christinens Kleider, damit sie lange im Bett bleiben müsse und ausschlafen könne. Bei Tische füllte er ihr immer noch auf den Teller, wenn sie längst satt war. Kaum hatte sie die Tasse halbleer getrunken, schenkte er ihr wieder ein. Wollte sie arbeiten, so nahm er ihr das Werkzeug weg; verlangte sie es wieder, so hielt er es in die Höhe, wie man einem Hündlein ein Stück Zucker in die Höhe hält. Sie sollte bitte! bitte! machen, ihm Küsse geben, sollte lachen und fröhlich sein um jeden Preis. Hatte sie die Milch auf dem Feuer, so versäumte er sie, lockte sie weg oder hielt sie fest, bis die Milch überkochte. Stand sie irgendwo vertieft und gab nicht acht, dann schlich er leise hinzu, umfaßte sie und fand ihren Schreck komisch. Kein Tag verging, ohne daß er ihr diesen oder jenen kleinen Streich spielte. Christine verkannte seine gute Absicht, sie aufzuheitern, nicht. Und doch schien sie allemal aufzuatmen, wenn ihn seine Arbeit ganz in Anspruch nahm. Sie machte auch den Versuch, ihm bei der Arbeit an die Hand zu gehen, wünschte auch seine Arbeit von Grund aus kennenzulernen; aber er gab ihr zum Spaß völlig 182 verkehrte Auskunft und Anleitung, oder er schickte sie weg; denn sie sollte es gut haben und nicht mit seiner Arbeit geplagt sein. Dieses Guthaben ging Christine nicht selten so nahe, daß sie weinte, und lieferte sie erst recht ihren trüben Gedanken aus. Dazu machte Christine auch anderweitig drückende Erfahrungen. Einmal, als ich, wie das häufig geschah, abends ein Weilchen in der Käshütte zubrachte, erzählte sie mir:

‚Weißt du, wie es mir letzten Sonntag gegangen ist? Ich ging in die Kirche. Frühe, damit ich nicht mit den andern müsse, machte ich mich auf den Weg. Als ich in die Kirche kam, war sie noch fast leer. Ich setzte mich in eine Bank. Die Kirche füllte sich langsam. Hinter mir und vor mir besetzten sich die Bänke. Bekannte gingen an mir vorüber; keine Hand streckte sich mir entgegen; keine Freundin setzte sich neben mich. Als ob ich mit einer ansteckenden Krankheit behaftet wäre, hielten sie sich fern. Dazu hinter mir und vor mir ein Zischeln: «Das ist jetzt die ...», «So, so, die ist es ...», und Blicke, die mir das Blut in die Wangen trieben. Ich spürte sie, diese Blicke, ohne aufzusehen. Ich durfte ja die Augen nicht erheben. Starr blickte ich in mein Gesangbuch. Ich wollte ein Gebet lesen; aber die Worte hatten keinen Sinn, ich vermochte ihren Sinn nicht zu erfassen. Die Scham betäubte meinen Verstand. Ich wollte das Kirchenlied singen helfen. O wie gerne habe ich früher ein schönes Kirchenlied singen helfen – keinen Ton brachte ich heraus. Als der Pfarrer zu predigen anfing, schaute ich gradaus, immer nur auf ihn. So groß war meine Furcht, zudringlichen Blicken zu begegnen, die mich verdammten. O wie schön ist es, wenn man jedem frank und frei in die Augen schauen darf, wie schön, 183 wenn man spürt: Die andern mögen dich leiden; sie schätzen dich; niemand sinnt dir Böses; alle wollen dir wohl. Und wie schwer ist es, wenn man fühlen muß: Du bist verachtet; alles Schändliche und Böse trauen sie dir zu und meiden dich darum!‘

Es war das erstemal, daß sich Christine offen gegen mich aussprach. Ich suchte ihr zu beweisen, daß das in der Kirche nur ein böser Zufall gewesen sei. Aber vergeblich, meine Worte machten ihr keinen Eindruck. Sie wußte andere Beispiele anzuführen, hatte unglücklicherweise Gespräche belauscht, die sich auf sie bezogen und sie verurteilten; dagegen vermochte ich nicht aufzukommen.

Nun wurde mir auch erklärlich, warum sie sich so scheu vor allen Menschen zurückzog. Niemals blieb sie in der Käseküche, wenn die Milchträger kamen. Holte jemand Butter oder Käse, im Nu war sie verschwunden. Kam jemand durch die Straße, sie ließ den Wasserkessel im Stiche und flüchtete hinter die verbergende Türe. Rudolf lachte sie deswegen aus und verdeckte ihr Tun mit scherzhaften Entschuldigungen: Meine Frau hat einen Schranz im Kittel und darf sich nicht sehen lassen. Oder: Meine Frau muß erst noch eine saubere Schürze anlegen. Oder: Meine Frau muß noch schnell ein Küchenwappen abwaschen, und dergleichen mehr. Manchmal wurde er aber doch ärgerlich über sie. Sonntagnachmittags wollte er spazieren mit ihr. Anfangs ging sie mit, bat ihn aber, mit ihr wegab zu gehen in den Wald oder an den Moosbach hinaus. Das paßte ihm schlecht, er suchte Gesellschaft, wollte ihr die Menschenscheu abgewöhnen und brachte sie unter die Leute. Da bat sie ihn, allein zu gehen und sie daheim zu lassen.

184 Als der Winter kam und der erste Schnee fiel, schlug er ihr vor, eine Schlittenfahrt zu machen. Sie bat ihn inständig, ihr das zu ersparen. Darüber wurde er wütend und gab ihr böse Worte: Heulerin, Langweilerin und Steckkopf, bis sie weinte und eine halbe Nacht nicht aufhören konnte.

An den langen Winterabenden, wenn ich nicht für die Schule zu arbeiten hatte, ging ich öfters zu ihnen. Rudolf hatte mich dringend eingeladen, und Christine sah mich nicht ungern kommen, vor mir flüchtete sie sich nie. Wir saßen am Tische, Rudolf und ich, und vertrieben uns die Langeweile mit Damenbrett oder Mühlespiel. Christine, deren gesegneter Zustand nicht mehr zu verheimlichen war, beschäftigte sich mit einer Näherei oder klapperte mit ihren Stricknadeln. Ihr Gesicht war schmal geworden und zeigte einen müden, krankhaften Ausdruck. An unserem Gespräche beteiligte sie sich selten. Wenn Rudolf wieder einmal den Witzbold herauskehrte und seine Späße mit schallendem Gelächter begleitete, schauerte sie zusammen. Sosehr sie sich Gewalt antat, den Mund zu einem Lächeln zu formen, die großen traurigen Augen straften ihn Lügen. Wie oft hatte ich das Gefühl: Jetzt fängt sie an laut aufzuweinen, und ich saß wie auf einer Hechel. Einige Male, als es Rudolf auch gar zu bunt trieb mit Witzeln und leichtfertigem Reden, stand sie leise auf, tat, als ob sie etwas holen müsse, und entfernte sich. Ich gab mir redlich Mühe, etwa auch ein ernstes, anregendes Gespräch einzuleiten, und Christine ging dankbar darauf ein. Doch kaum waren wir im Zuge, fuhr Rudolf mit unpassenden Bemerkungen dazwischen und zog alles ins Lächerliche. Andern zuhören und bei einem Gesprächsgegenstand 185 verharren, war nicht seine Sache. Lieber führte er selber das große Wort. Einmal hatte ich ein neues Buch mitgebracht und wollte daraus vorlesen. Christine freute sich sehr darauf. Aber schon nach wenigen Seiten mußte ich aufhören; das Vorlesen langweilte Rudolf so, daß er anfing zu gähnen und mutwillig Geräusch verursachte. Christinens feine Nasenflügel zitterten vor Ungeduld. ‚Kannst du nicht auch einmal fünf Minuten ruhig sein und dich benehmen wie ein verständiger Mensch?‘ fragte sie ihn in gereiztem Tone. Damit hatte sie aber seine Eitelkeit schwer verletzt. Er nahm die Mütze vom Nagel, machte uns eine spöttische Verbeugung und sprach lächelnd: ‚Meine Herrschaften, ich empfehle mich Ihnen!‘ Danach ging er ins Wirtshaus und kehrte erst nach Mitternacht wieder heim. Es mögen für Christine schlimme Stunden gewesen sein; denn sie war ihm trotz allem mit rührender Unterwürfigkeit ergeben. Ein unfreundliches Wort von ihm, ja schon ein unfreundlicher Ton oder eine saure Miene konnten sie zu Tränen reizen. Tränen aber waren ihm das Verhaßteste auf der Welt, und wenn sie anfing zu weinen, wurde er grob: ‚Wehr dich doch, schimpf mit mir, sag mir, was dir in den Mund kommt, nur heule nicht!‘ schrie er sie an. ‚Wenn du heulst, ist mir immer, ich müsse über eine Wand hinaufkrabbeln. Das halte der Teufel aus! Du hast nicht einen Funken Humor, sondern nur ganze Sümpfe voll Augenwasser!‘ Auf solche gelegentliche Ausfälle hin härmte sie sich tage- und nächtelang bitterlich. Darüber lachte er sie wieder aus, titulierte sie Närrchen oder Kriegsschiff oder sonstwie und wollte die barschen Worte durch Küsse auslöschen. Zufrieden, vergnügt, heiter sollte sie wieder sein; ob sie konnte, fragte er nicht lange.

186 Solange Rudolf seine Arbeit zu besorgen hatte, war es noch leidlicher gegangen; aber mit dem Wintermonat hatte das Käsen für eine Zeitlang aufgehört. Nun hatte er wenig zu tun, saß die halbe Zeit in der Stube und langweilte sich sträflich. Er hatte gehofft, bei seiner Frau Zeitvertreib und Kurzweil zu finden, und sah sich getäuscht. Nichts machte sie unglücklicher, als wenn er sie als Spielkätzchen behandeln wollte. Jetzt, wo das Beste an ihm, seine Arbeitskraft und Berufstüchtigkeit, brach lag, mochte sie es erst nicht leiden. Ich vermute, daß es zu jener Zeit unter ihnen zu stürmischen Auftritten gekommen ist. Wenigstens lief Rudolf auffallend häufig ins Wirtshaus und kam meist spät und angetrunken heim. Hin und wieder kam er auch einmal zu mir ins Schulhaus. Ich kann aber nicht sagen, daß mir seine Gesellschaft besonders Vergnügen bereitet hätte. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, äußerte er sich über Christine so abschätzig und wegwerfend, daß es mir weh tat. ‚Bist ein Glückspilz, Schulmeister, daß du sie nicht gekriegt hast! Bist ihr ja auch vors Gärtlein gelaufen und um den Zaun gestrichen; meinst, ich hätte es nicht gemerkt? Jetzt kannst lachen, weil ein anderer in die Patsche geraten ist. Ich wollte, du müßtest auch mal ein paar Wochen neben einem solchen Jammerlappen leben, dem es nie zu treffen ist. Würdest dann deine Heiligen auch erfahren!‘ Ich verwies ihm diese schmähliche Rede, wollte ihn auf seine Fehler aufmerksam machen; was half's? Wer will einen Menschen bekehren, der so felsenfest von seiner Vortrefflichkeit überzeugt ist! Statt auf mich zu hören, ging er zum Brand Vater und klagte ihm, wie schon mehrmals, die Ohren voll. Brand Jakob suchte ihn zu beschwichtigen und schob 187 die Schuld auf Christinens Zustand. ‚Meine Selige hatte, als sie mit Christine ging, auch ihre Seltsamkeiten. Einmal mußte ich mitten in der Nacht aufstehen und ihr unreife Äpfel vom Baum herunterschlagen, weil sie ein unbezähmbares Gelüsten danach empfand. Und reizbar und empfindlich werden sie fast alle. Unsereins kann sich halt gar nicht vorstellen, wie ihnen zumute ist. Immerhin will ich mit der Christine reden.‘ Und er redete mit ihr, schonend, vorsichtig und erreichte so viel, daß sie sich wieder ein paar Tage härmte und das Gefühl hatte, sie habe ihr Vaterhaus verloren, das ihr bisher in schweren Stunden manchmal noch Trost und Zuflucht geboten hatte. Das war der ganze Gewinn der väterlichen Vermittlung.

Weihnachten stand vor der Tür. Rudolf sei für einige Tage nach Bern gereist, um seine Halbschwester, die dort als Krankenpflegerin und Vorgängerin lebe, zu besuchen und mit ihr Rücksprache zu nehmen, ob sie dann seinerzeit auch Christine ihren Beistand leihen wolle. Kätheli brachte mir diese Kunde und lud mich ein, am Abend in die Käshütte zu kommen und ein Buch mitzubringen. Ich ging und fand beide Schwestern dort; Kätheli war gekommen, um das Haus hüten zu helfen und bei der Schwester zu schlafen, damit sie sich nicht fürchte. Ich hatte mir einige Gedichte ausgesucht und las sie ihnen vor; hernach plauderten wir. Christine hatte ein Kindstschöplein fertiggestrickt.

‚Nun noch ein hübsches Spitzlein dran!‘ sagte ich.

Sie schüttelte ernst den Kopf.

‚Aha‘, fügte ich bei, ‚man muß zuerst wissen, ob Bub oder Mädchen; denn für einen Knaben paßt nur eine rote, für ein Mädchen dagegen eine blaue Borte.‘

188 ‚Nein, man muß zuerst wissen, ob das Kind gesund zur Welt kommt und einen freut. Mir steht es nicht an, Hochmut zu nähren und Hoffart zu treiben.‘

‚Nur nicht immer trübe Gedanken.‘

‚Ach, was hilft es, sich dagegen zu wehren; das Verhängnis nimmt doch seinen Lauf.‘

Sie spähte durch die dunkeln Fensterscheiben und horchte, ob nicht jemand komme. Nach einer Weile bat sie: ‚Lies uns noch etwas, es hat mir wohlgetan.‘ Und als ich nach Hause wollte, dankte sie mir und sagte: ‚Es war ein friedliches Beisammensein.‘

‚Ach‘, dachte ich, ‚wenn ich dir nur helfen könnte!‘

Nach drei Tagen war Rudolf noch immer nicht zurück und Christine in großer Unruhe, die sich steigerte, als er auch am vierten und fünften nicht kam. Am sechsten endlich eine Nachricht – aber leider ein Unglücksbrief! Ich habe das Schriftstück selber in den Händen gehalten und erinnere mich noch gut, wie es anfing: ‚Liebe Christine! Ich kehre vorderhand nicht mehr zurück. Ich halte es einfach nicht mehr aus bei dir. Ich reise nach Amerika ...‘

Ich ... Ich ... Ich ... So klang der Grundton des Briefes. Erst am Schlusse fand sich etwas für Christine Günstiges: An Geld solle es ihr nicht fehlen; ein Kassenbüchlein für sie liege bei Rudolfs Halbschwester und diese sei gerne bereit, ihr in der schweren Stunde beizustehen.

Ich war nicht dabei, als Christine diese Hiobsbotschaft empfing, aber nach allem, was ich hörte, muß es sie bis ins Mark hinein getroffen haben. Zu Gesichte bekam ich sie erst nach mehreren Tagen wieder, und ich vergesse nie, wie sie vor mir schamhaft errötete, als 189 hätte sie ein Verbrechen begangen. Im übrigen hatte sie sich schon ein wenig gefaßt und trug ihr Schicksal mit einer gewissen stumpfen Ergebung ins Unvermeidliche. Da ein anderer Käser gewählt werden mußte, räumte sie die Käshütte und kehrte mit ihren Habseligkeiten ins Vaterhaus zurück.

Am meisten regte mich auf, daß ihr der Vater trotz ihrem Elend noch Vorwürfe machte. ‚Du hattest einen braven und tüchtigen Mann, warum hast du ihm mit deinen ewigen Tränen das Leben derart versalzen, daß er es nimmer bei dir aushielt? Meiner Lebtag habe ich niemanden so unverständig sein Glück mit Füßen treten sehen!‘ räsonierte er unmutig.

‚Du vergissest, Vater, was auf mir lastet. Du kannst es nicht begreifen, niemand kann es. Alle Tage denken müssen: Ein Mensch lebt, der dich haßt. Wenn du stürzest und ein Bein brichst, es freut ihn! Wenn du krank und elend wirst, er hohnlacht! Und dir sagen müssen: Ich bin selbst schuld; ich habe schlecht gehandelt; mir geschieht nach Verdienst! Du weißt nicht, wie schrecklich es ist, wenn einem nachts einer mit feurigen Augen vor dem Bette steht: Verflucht sollst du sein, keine glückliche Stunde mehr haben! Wo soll man denn das Lachen hernehmen, wenn einem so zumute ist?‘ So verteidigte sie sich, und Brand Jakob stieß als einzige Erwiderung einen tiefen Seufzer aus.

Ein so trübes Neujahr hatte man in seinem Hause nie mehr gefeiert, seit die Mutter gestorben war. Je näher Christinens schwere Stunde rückte, desto banger wurde ihr. Bei ihr stand fest, daß das schwerste Unglück ihr noch bevorstehe. Das Schicksal ihrer Mutter stand ihr vor Augen; Sorge um ihr Kind drückte sie, und das 190 Verlassensein beelendete sie. Auch Rudolfs Halbschwester, die Ende Februar in Moosried eintraf und sich ihrer mit großer Freundlichkeit annahm, vermochte sie nicht zu trösten. Wie oft predigte Schwester Marie: ‚Ach, du liebe, gute Seele, warum quälst du dich so! Tausende und aber Tausende in der großen Welt haben gefehlt wie du, sind verwünscht worden wie du und ließen sich deswegen nicht den kleinen Finger weh tun, sondern lebten getrost weiter.‘ Aber ihre Worte blieben leerer Schall; ja ihr selbst wollte zuweilen die frohe Zuversicht schwinden.

Einige Tage später war die Stunde da. Christine blieb standhaft über Erwarten, und alles ging gut vorüber. Als man ihr das Kindlein in die Arme legte, war ihre erste zitternde Frage: Ist es, wie es sein soll? ‚Ein Prachtsbub ist's!‘ sagte Schwester Marie. Jetzt wagte die junge Mutter erst, einen Blick nach ihm zu tun. Äuglein, Öhrlein, Mündlein, alles, was sie mit diesem Blicke zu umfassen vermochte, alles war am rechten Ort. Den ordentlich drallen Ärmlein und Händlein fehlte kein Fingerlein, nicht einmal ein Nägelein. Kein Entenfüßlein verunstaltete die emporgezogenen Beinchen; die Zehlein waren wohlgebildet und richtig gegliedert. Kein Kainszeichen entstellte das zarte Gesicht, kein flammend Muttermal, keine Hasenscharte, kein Leberflecklein! Wohl schimmerte die Haut ein bißchen gelblich und stellenweise rötlich, aber sie war lauter und klar. Über das Köpflein breitete sich ein leiser Hauch von seidenen, flaumweichen Flachshärchen, ruhig und regelmäßig hob und senkte sich die rosige Haut über der Scheitelnaht, daß man jeden Atemzug zählen konnte. ‚Nicht überanstrengen! Haupt ablegen! Ruhig sein!‘ 191 gebot die Vorgängerin, und Christine gehorchte mit einem Seufzer unendlicher Erleichterung. Während der Kleine gewaschen wurde, gab er Zeugnisse einer gesunden Lunge und kräftigen Stimme von sich. Und als er nach einiger Zeit, an Christinens Brust gelegt, erwarmte und sich nach einigen mißglückten Versuchen schmatzend labte, da erwarmte auch ihr Herz und erblühte in neuen wunderbaren Gefühlen. Wie befangen in einem glückseligen Traume, richtete sie unbeschreibliche Blicke nach oben, und wie stille Verklärung legte es sich über ihr demütiges Antlitz. Ein goldner Morgensonnenstrahl drang durch die Vorhänge und umkoste Mutter und Kind mit mildem, lichtem Scheine.

In der folgenden Woche schrieb Schwester Marie einen langen Brief nach Amerika. Auch sie war über Rudolfs feiges Ausreißen bestürzt gewesen und hatte es mißbilligt von Anfang an. Jetzt, nachdem sie die Verlassene kennen und lieben gelernt hatte, zürnte sie ihm noch viel mehr. Sie vermochte wohl nachzufühlen, wie schwer Christine unter der Trennung litt, darum säumte sie nicht, den leichtfertigen Durchbrenner an seine Gatten- und Vaterpflicht zu mahnen, und mag ihm wohl tüchtig eingeheizt haben. Ihr teilnehmendes Wesen war für Christinens Seelenzustand die beste Arznei. Leider konnte ihr Aufenthalt in Moosried nur von kurzer Dauer sein. An einem Freitag trugen wir das Kindlein zur Taufe. Schwester Marie, Christinens älterer Bruder und ich vertraten Patenstelle. Nach der stillen Feier kehrte Marie wieder in die Stadt zurück. Beim Abschied legte sie der weinenden Christine den kleinen Jakobli in die Arme und sagte: ‚Das soll nun dein Tröster sein. Wem der Himmel ein solches Geschenk verleiht, dem zürnt er nicht.‘

192 Ja, das Kind! Wie schwach und hülflos ist solch ein Kind! Und doch gelingen ihm Siege, die keine Großmacht zu erfechten vermöchte. Was die Großen mit ihrer Kraft nicht zu bewältigen vermögen, schiebt eine Kinderhand beiseite; wo die vielgerühmte Klugheit der Großen kläglich versagt, bringt ein Kinderlächeln Licht und Klarheit. Der Unschuldsblick ihres Kindes wurde Christine zum Born, aus dem sie immer neuen Lebensmut trank, wenn die dunkeln Gefühle sie überschatten wollten. Gelang es dem Trübsinn auch, sich für einen Tag bei ihr einzunisten, abends scheuchte ihn das Kind sicher wieder weg. Wie hätte die Mutter düster dreinzuschauen vermögen, wenn es in seinem Decklein unter der Lampe auf dem Tisch lag, mit seinen runden Beinchen wob und strampelte und aus voller Herzenslust das herrliche Lampensternlein ankrähte! Wie hätte sie ohne Dankgefühl einzuschlafen vermögen, wenn der kleine, süße Kerl so weich und warm an ihrer Brust ruhte!

Zu Beängstigungen war freilich auch Grund vorhanden. Von Rudolf war immer noch keine Nachricht eingetroffen; auch Schwester Marie hatte keine mehr erhalten. Und doch hatte er ihr in seinem ersten Briefe versprochen, fleißig zu schreiben, und durchblicken lassen, daß er nicht abgeneigt sei, später wieder heimzukehren, wenn es Christinen gelinge, sich von ihrer Tränensucht zu befreien. Nun war das Büblein schon halbjährig und vom Vater jede Spur verlorengegangen. Niemand wußte, was man von ihm denken solle; an allerhand Mutmaßungen fehlte es nicht.

Nach einiger Zeit kam des Rätsels Lösung endlich an den Tag. Rudolf hatte Stelle gewechselt, und ehe er 193 die neue Adresse seiner Schwester mitgeteilt hatte, war ihm ein schweres Unglück zugestoßen. In einer Schlägerei war er übel zugerichtet und mit Messerstichen traktiert worden. Mehrere Monate hatte er im Spital zubringen müssen, und als er es endlich verlassen konnte, trug er bleibende Nachteile davon. Er schrieb, daß er seinen Beruf nie mehr werde ausüben können, und aus jeder Zeile seines Briefes sprach tiefe Niedergeschlagenheit und Reue. Dem lustigen Finken war das Pfeifen für einstweilen vergangen ...

Sobald es Rudolfs Gesundheit erlaubte und sich Gelegenheit zur Überfahrt bot, trat er die Heimreise an und fand vorläufig Unterkunft bei seiner Schwester in Bern. Nach Moosried zurückzukehren schämte er sich und bestürmte Christine in Briefen, mit dem Knäblein zu ihm zu kommen. Dessen weigerte sie sich jedoch standhaft, obschon es sie einen schweren innern Kampf kostete. Sie war entschlossen, sich in Zukunft nicht mehr als bloßes Spielzeug hin- und herschieben zu lassen, sondern wollte als Frau respektiert sein. Darum schrieb sie ihm, die Entfernung von Bern nach Moosried sei nicht größer als von Moosried nach Bern, und wenn ihm an der Wiedervereinigung ernstlich gelegen sei, wisse er wohl, wo sie wohne. Das mag ihn wohl erbittert haben; er machte ihr leidenschaftliche Vorwürfe, hielt ihr Kälte und Herzlosigkeit vor und ließ nachher eine Weile nichts von sich hören. Als er aber sah, daß sie fest blieb, bequemte er sich, ihr den Willen zu erfüllen.

Eines Abends traf er unvermutet in Moosried ein, hielt sich aber vor den Leuten verborgen und reiste zwei Tage später bei Nacht und Nebel wieder weg. Die Aussöhnung muß wohl eine vollkommene gewesen 194 sein; Christinens liebe, gute Augen bekamen wieder ihren alten Glanz, und wenn das Kind unartig war, hieß es von Stund an: ‚Bubi, lieb sein, was wird sonst Vater sagen, wenn wir zu ihm kommen und du so zwängst!‘

Einige Wochen später siedelte sie nach Bern über. Es war Rudolf gelungen, einen kleinen Laden zu kaufen und eine Milch-, Käse- und Butterhandlung einzurichten. Mit dem Gelde mußten sie sich freilich etwas hinziehen, das Amerikaabenteuer hatte in Rudolfs Vermögen eine erhebliche Lücke gerissen. Dafür war er ein gut Stück ernster, gesetzter und verständiger geworden, so daß das Lehrgeld nicht umsonst ausgeworfen war. Christine hatte sich über ihr Los nicht zu beklagen. Wenn ich meinem Göttibuben das Gutjahr brachte, fand ich die ganze Familie in einer Ordnung vor, wie es sich gehört. Die Kinderzahl wuchs nach und nach auf vier an, und nach wenigen Jahren mußte Rudolf sein Geschäft durch Anbau vergrößern. Ein reger Erwerbsgeist war über ihn gekommen, es drängte ihn, zuzugreifen mit beiden Händen von früh bis spät; er mußte es aber mit einer bewenden lassen, denn der rechte Arm hing ihm steif und kraftlos an der Seite. Sein rechter Arm war Christine; du hättest sie sehen sollen, wie gewandt und energisch sie überall anpackte, wie verständig sie in allem Bescheid wußte und wie frisch und blühend sie dabei aussah. Ja, wenn einer so eine Frau hat, ist es keine Kunst für ihn, vorwärtszukommen ...»

Der alte Schulmeister war müde geworden, sein Redebrünnlein war am Versiegen. Sinnend schaute er vor sich hin; das Bild der lieben Jugendgefährtin mochte wohl vor seinem geistigen Auge stehen.

195 «Und was ist aus jenem Karl Flück geworden?» fragte ich nach einer Weile.

«Richtig, das habe ich ganz vergessen! Als Rudolf nach Amerika durchgebrannt und Christine eine arme Verlassene war, zeigte Karl ohne Hehl, wie sehr er ihr dies Unglück gönnen möge. Seine unbezähmbare Rachsucht und Schadenfreude brachte ihn aber doch schließlich bei den Leuten in Unglanz. Als er eifrig eine Frau suchte, fand er an allen bessern Orten verschlossene Türen. Zwei Jahre später heiratete er eine begüterte Witwe, die aber nicht am besten beleumdet war und um ihrer scharfen Zunge willen gemieden wurde. Seine Ehe brachte ihm wenig glückliche Stunden. Der Fluch, den er über Christine ausgesprochen, fiel auf sein eigenes Haupt zurück. Denn es stehet geschrieben: Segnet, und fluchet nicht!»

Der Alte stand auf, ergriff das Bildnis der Christine, das immer noch auf dem Tische lag, betrachtete es eine Weile und verschloß es sorgfältig in sein Schreibpult. Ich dankte ihm herzlich für den schönen Halbtag, den er mir bereitet hatte, stopfte mir noch eine Pfeife und nahm bald darauf mit einem warmen Händedruck von ihm Abschied.

Als ich ihn wiedersah, hatten sie ihn in den Sarg gebettet ... 196

 


 

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