Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Simon Gfeller >

Geschichten aus dem Emmental

Simon Gfeller: Geschichten aus dem Emmental - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus dem Emmental
authorSimon Gfeller
year1956
firstpub1914
publisherA. Franck
addressBern
titleGeschichten aus dem Emmental
pages278
created20131213
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zwölfischlägels Weihnachtsfeier

Ein stürmischer Christtag neigte sich dem Abend zu. Durch den breiten Talgrund der Emme raste eine grimmige Bise. Heulend pfiff sie um die Ecken der Häuser; unheimlich und eisige Kälte mitbringend, hornte sie durch die Schornsteine hinunter. In Hofstatt und Feld trieb sie mit dem feinen Staubschnee ihr ausgelassenes Spiel. Bald wirbelte sie ihn in toller Lust hochauf und garnierte Baum und Strauch mit weißen Strichen und Streifen, bald fegte sie ihn in breiten Wellen vor sich her, als müsse die letzte Falte der weiten, weißen Fläche ausgefüllt und geglättet sein.

Mitten durch Sturm und Schneegestöber kämpfte sich ein einsamer Wanderer. Vom Emmengrund herkommend, watete er mühsam durch tiefen Schnee über die Waldhofäcker. Es war ein alter Vagabund und Schnapsbruder, dem man den Spitznamen Zwölfischlägel angehängt hatte, weil er mit seinem gewaltigen Kopfe, seinem unförmlichen Leibe und seinen dünnen Schlotterbeinchen einem Glockenklöppel nicht ganz unähnlich sah. Ihn trieb die bittere Not auf die Bettelfahrt. Sein Magen knurrte; im Schnapsfläschchen war kein Tröpflein mehr, keine armselige Brotrinde in der Tasche, und der Nastuchzipfel, in dem sonst seine Krückenmünzen eingeknotet lagen, war leer. Darum wollte er heute noch die Waldhof-Bauernhäuser zu erreichen 133 suchen. Bei den reichen Waldhofbauern würde sich wohl auch für ihn ein Stücklein Festgebäck und ein Strohnachtlager in einem warmen Stalle finden.

Diese matte Hoffnung trieb ihn vorwärts durch das tobende Unwetter. Wolken und Schneestaub umwirbelten ihn, und die Windstöße warfen ihn manchmal fast um. Wie ein bissiger Hund schnappte die Bise nach seinen zerlumpten Kleidern. Den schäbigen Wetterhut riß sie ihm vom Kopfe und rollte ihn eine weite Strecke über den Schnee. Fluchend und schimpfend rannte ihm der Alte nach. Aber nicht einmal ausfluchen und schimpfen konnte er ordentlich; der Wind hinterhielt ihm den Atem, und wenn er sich bückte, um den alten Deckel zu erhaschen, hüpfte ihm dieser unter den Händen weg. Endlich erwischte er ihn, setzte ihn auf seine wildflatternden Haarsträhnen und hielt ihn mit der Hand fest. Doch verleidete es ihm bald; die Bise riß ihm fast die Haut von den steifgefrorenen Handgelenken. Da nestelte er sein schmieriges Nastuch hervor, faltete es länglich zusammen, legte es über den Hut und die blauangelaufenen Ohren und knöpfte die Zipfel unter dem Kinn fest. Dann bohrte er die Fäuste tief in die Hosentaschen, buckelte den Nacken krumm in den aufgestülpten Rockkragen und stapfte weiter. Immer wieder flogen ganze Hände voll Schneestaub in sein Gesicht, überzuckerten seine zwetschgenblaue Nase und überpuderten ihm die schwammigen Wangen. Eiszäpflein bildeten sich an seinem zerzausten Schnurrbart, und das Wasser lief ihm aus den schmerzenden Augen. Sein leerer Magen heizte schlecht, und die schadhaften alten Lumpen ließen die eisige Kälte aufs Lebendige dringen. Durchfroren, hungrig und völlig erschöpft erreichte er den Bauernweiler.

134 Die Dämmerung war schon längst hereingebrochen, als er vor der Gastwirtschaft «Zum Waldhof» haltmachte. Die Gaststube lag in tiefem Dunkel, denn sie war heute leer.

Im Bauernhaus, das auf der andern Seite der Straße stand und dem gleichen Besitzer gehörte, drang hingegen schon gedämpfter Lampenschein durch die gefrorenen Fensterscheiben. Dort hinüber zog es den Alten, und er pflanzte sich neben der geschnitzten Kellerlaube an windgeschützter Stelle auf. Seine heiß verlangenden Augen sogen sich an dem milden Lampenschimmer fest. Licht, Stubenwärme, o wer auch drinnen säße! Aber niemand zeigte sich, den man hätte um Einlaß bitten können, und anzuklopfen getraute sich der späte Gast nicht. Er wußte zu gut, wie unwillkommen er überall kam. Unschlüssig blieb er stehen, die Augen immer dem Lichte zugewendet. Endlich öffnete sich die Türe. Ein Duft von frischem Backwerk entströmte der Küche. Begierig sog ihn der Vagabund auf. Dann trat ein Knecht mit einer Laterne in der Hand heraus. Scheu und beklommen bot ihm der Draußenstehende guten Abend. Der Knecht leuchtete ihm ins Gesicht und dankte, fing aber zugleich an zu spötteln: «So, so, bekommen wir auch noch Visite, und so vornehme! Hättest eher kommen sollen! Wir hätten einen Drescher brauchen können. Und die vielen Reiswellen, die hätten gemacht werden sollen! Aber da war kein Zwölfischlägel zu erblicken. An der Weihnacht hingegen ließe man sich schon dorfen. Wär' schon nett, das!» Dann schlurfte er in seinen schweren Holztrögen gleichmütig dem Stalle zu. Der Zwölfischlägel wäre auch gerne mitgegangen, wenn die Rede etwas einladender geklungen hätte. 135 Niedergeschlagen blieb er stehen und schaute wieder in das Licht und hob bald den einen, bald den andern der entsetzlich frierenden Füße.

Drinnen in der Wohnstube legte die rüstige Bauernwirtin die letzte Hand an den Weihnachtsbaum. Ungeduldig drängten in der Nebenstube die Kinder: «Mutter, Mutter, willst du nicht endlich anzünden?» «Bald, bald», begütigte sie, «nur noch einen Augenblick Geduld! Ach, jetzt habe ich noch meine Schere verlegt! Frida, schnell hole mir die andere drüben in der Gaststube. Das Arbeitskörbchen steht auf dem Ofentritt.»

Dienstfertig eilte das älteste Mädchen hinaus, brachte die Schere und meldete, der Zwölfischlägel stehe draußen, zitternd und hungernd. Es kannte ihn noch, weil er ihnen früher manchmal Strohbänder gemacht hatte. Die Wirtin war nicht erbaut von dieser Kunde. «So, muß nun der auch noch herzulaufen!» sagte sie ärgerlich. «Fortschicken kann man ihn ja nicht bei dieser Kälte. Führt ihn in die Küche. Die Köchin soll ihm einen Teller Kartoffelsuppe geben oder soviel er mag, und dann kann er in den Stall.»

Die Kinder eilten mit dieser Botschaft hinaus, und bald saß der Zwölfischlägel hinter der dampfenden Abendsuppe. Aber er schlotterte, daß er kaum den Löffel zum Munde führen konnte, ohne zu verschütten. Seine Hosengestöße waren ihm steif und fest gefroren und standen ihm auf den Schuhen wie einem Trainsoldaten die Lederhosen. Der alte Mann dauerte die guten Kinder. Sie bestürmten die Mutter, ob er nicht auch in die Stube kommen und den Weihnachtsbaum ansehen dürfe. Erst schlug es die Mutter rundweg ab. «Er beschmutzt mir den Stubenboden. Und wenn er Läuse hat? 136 Nein, das schlagt euch aus dem Sinn!» Doch die Kinder wußten Rat. «Wir legen ein großes Stück Packpapier auf den Boden und stellen den Stuhl darauf, dann muß er sich dort stillhalten. Nachher tragen wir die Unterlage auf den Mist und waschen den Stuhl ab. Der arme Mann sagt, er habe noch nie einen Weihnachtsbaum gesehen. Noch nie, nie, nie! Denke doch, Mutter!» «So fragt den Vater; wenn er es erlaubt, will ich nicht dawider sein.» Jetzt ging's auf den Vater los, und sie ließen nicht nach mit Schmeicheln und Bitten, bis er sagte: «Nun, meinetwegen; er ist auch ein armer Teufel und hat nichts Gutes auf der Welt.»

Jubelnd eilten die Kinder in die Küche. «Hast du's gehört, Alter? Du darfst auch an den Weihnachtsbaum kommen! Vater und Mutter haben es erlaubt, und Mutter zündet bald, bald an! Oh, das wird lustig!» Seltsamerweise sträubte sich der Zwölfischlägel erst eine Weile und sah ganz bedrückt aus. Er wolle lieber in den Stall, er dürfe gewiß nicht in die Stube kommen, er sei wohlzufrieden mit einem warmen Nachtlager. Zuletzt ging er aber doch.

In der Stube war die ganze Haushaltung versammelt, und der einfach geschmückte Lichterbaum flammte in funkelnder Pracht. Geblendet hielt der Zwölfischlägel die Hand vor die Augen. Die Kinder führten ihn zu seiner Stabelle und schärften ihm ein: «Aber stillsitzen mußt du! Weißt, der Mutter ihren frischgefegten Stubenboden schmutzig machen mit deinen nassen Schuhen und Hosen darfst du nicht.» Er nickte eifrig, nahm verlegen Platz und saß auf seinem Stuhl so ehrerbietig steif, als ob er in der Kirche wäre. Dazu machte er so köstliche Glotzaugen, daß die Kinder an ihm ihre helle 137 Freude hatten und auch die erwachsenen Hausgenossen sich eines Lächelns nicht enthalten konnten. Das liebe, milde Licht und die herrliche Wärme taten ihm unsäglich wohl. Dankbar nickte er den freundlichen Kindern zu, die nicht müde wurden, ihn auf dieses und jenes Schöne besonders aufmerksam zu machen, und schaute vergnügt auf ihr munteres Treiben. Als sie sich sattgesehen hatten und mit hellen Stimmen ein altes Weihnachtslied ertönen ließen, faltete er stillergriffen die Hände.

Kaum war der letzte Ton verklungen, so pochte jemand an die Türe. Die Kinder sahen einander groß an, und die Mutter lächelte leise und bedeutsam. Über die Schwelle trat der Weihnachtsengel, und feierlich klang in die Stille hinein der alte, heilige Weihnachtsgruß:

Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden
Und an den Menschen ein Wohlgefallen. Amen!

Schneeweiß war das Gewand des Engels, schneeweiß der lange Schleier, der sein Gesicht verhüllte. Flügel hatte er zwar keine; aber die hatte er auch gar nicht nötig. Am Weihnachtstage berühren sich Himmel und Erde, so daß die Engel auf die Erde herniedersteigen können, auch wenn ihnen keine Flügel gewachsen sind. Kaum war der Engel in der Stube, so begab sich etwas Unerwartetes. Liseli, das fünfjährige Kleinste, trat unaufgefordert vor ihn hin. Schlicht faltete es seine Händlein und sagte mit heiligem Ernste sein Verslein her. Dabei schaute es mit seinen klaren, unschuldigen Äuglein dem Weihnachtskinde unverwandt ins Gesicht, so heiligfreudig und ehrfurchtsvoll zutraulich; wäre der liebe Gott selber vor ihm gestanden, die reinen Kinderaugen hätten ihn nicht freudiger, lieber und gläubiger anstrahlen können. Als das Mägdlein mit seinem Verschen zu 138 Ende war, beugte sich das Weihnachtskind ergriffen zu ihm nieder und sprach: «Du herziges Kind! Komm, ich muß dir einen Kuß geben.» Da schlug die Kleine munter und zutraulich ihr Ärmchen um den Hals des Engels und sagte: «Wart', so will ich dir auch einen geben.»

Unterdessen saß der Zwölfischlägel regungslos auf seiner Stabelle, hielt den Atem an, schaute mit weitgeöffneten Augen zu, und plötzlich erschütterte ein schwerer Atemzug seinen Leib. Zwei Tropfen lösten sich von seinen Wimpern, große, helle, schimmernde. Der liebliche Klang der Kinderstimme, der selige Glanz der Kinderaugen hatten ihm ans Herz gerührt. Ein Hauch aus besserer Welt umwehte ihn; ein schmerzhaft süßes Glücksgefühl durchschauerte und erhob ihn. Wie ein Träumender schaute und hörte er, wie ein Kind nach dem andern aufsagte und sein Geschenklein erhielt, wie sie ihre Liedlein sangen und ermahnt wurden, immer fromm und artig zu sein. Und er da mittendrin, ein Mensch unter Menschen; es war so unerhört neu und seltsam und schön! Keinen Blick konnte er vom Weihnachtsengel abwenden und merkte nicht, daß er den Mund offen vergaß.

Zuletzt kam der Weihnachtsengel auch zu ihm und bot ihm einen schönen, braunroten Bärenlebkuchen an. Da hielt er in demütiger Verschämtheit die Hände hinter die Stuhllehne und stotterte erschrocken: «Mir nicht, mir nicht! Ich habe es nicht verdient!» Aber der Engel legte ihm das süße Gebäck auf den Schoß und sagte freundlich: «Heute ist uns der Heiland geboren, der alle lieb hatte; darum darf keiner leer ausgehen.» Da drückte der Alte den Bärenlebkuchen mit beiden Händen an sich, und wieder schossen ihm Glückstränen in 139 die Augen. Wie verklärt blickte er der lichten Gestalt nach, als sie zur Türe hinausschritt.

Nun durften sich die Kinder besser rühren. Jubelnd zeigten sie einander ihre Geschenke und eilten damit zu Vater und Mutter. Auch zum Zwölfischlägel kamen sie, und die Kleine sagte altklug: «Gelt du, das Weihnachtskindlein ist ein Liebes und tut einem nichts zuleide.» Und er nickte fröhlich und dankbar. Dann kam auch Walter und bot dem Alten ein lebkuchenes Mühlenrad an; Frida stopfte ihm Baumnüsse in die Rocktasche, und die Kleine zog ihren Zuckerstengel aus dem klebrigen Göschlein: «Willst du ihn?» Doch der Vagabund schüttelte den Kopf: «Behalt ihn nur!», und da lutschte sie eifrig weiter.

Derweilen hatten die Eltern insgeheim etwas verhandelt, und die Wirtin ging hinaus. Als sie wiederkam, hatte sie ein Paar alte, aber noch brauchbare Schuhe und frischangestrickte Strümpfe in der Hand: «Wir wollen nicht geiziger sein als unsere Kinder. Vater und ich wollen dir nun auch noch etwas geben. Weil's Weihnacht ist! Du hast die Sachen, weiß Gott, blutnötig.»

«Aber sie verkaufen und das Geld verschnapsen sollst du nicht», schärfte ihm der Wirt ein. «Ich habe da noch ein paar verschliffene Halbfränklein beiseite gelegt, die mir niemand abnimmt. Die kannst du haben, wenn du sie begehrst, und damit anfangen, was du willst». Der Alte behändigte die kleinen Geschenke und sagte mit zitternder Stimme: «Vergelt's Gott!»

Eine Weile noch ergötzten sich alle an dem strahlenden Lichterbaum; dann erlosch eine Kerze nach der andern. «Ach, nun ist's wieder für ein Jahr vorbei», seufzten die Kinder, «nun müssen wir ins Bett!»

140 Da stand auch der Zwölfischlägel auf, legte ungeheißen sein Feuerzeug auf den Ofen, dankte nochmals und folgte dem Knecht in den Stall. Der Knecht schämte sich nun auch fast ein wenig, daß er den armen Kerl so spöttisch angelassen hatte, und meinte gutmütig: «Stroh mußt du reichlich haben. Und jetzt gib mir dein Schnapsplutzgerlein; ich will es dir füllen; das ist dir doch noch das Liebste. Du sollst nicht etwa meinen, ich sei ein Unhund!»

Fast mußte der Knecht nun noch anwenden mit Bitten, bis ihm der Alte das Schnapsfläschchen reichen wollte. Wäre nicht der Gedanke an den morgigen Tag und seine Beschwerden in ihm aufgestiegen, der Zwölfischlägel hätte es kaum hergegeben. Wenigstens rührte er am selben Abend keinen Tropfen von dem geschenkten Schnaps an. Als die Kinder und Dienstboten zur Ruhe waren und der Bauer die Türen schloß, hörte er den alten Vagabunden singen. Es mochte wohl ein Lied sein, das ihn noch die Mutter gelehrt hatte.

Zwei Monate später starb der alte Vagabund im Spital. In seiner Not nahm er unter seinem Kopfkissen einen harten, verkrümmelten Bärenlebkuchen hervor, legte ihn auf die keuchende Brust und faltete betend die Hände darüber. «Den hat mir das Weihnachtskind gegeben; laßt mir ihn», bat er die Wärterin. Da erhielt er ihn mit ins Grab ...

 


 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.