Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Simon Gfeller >

Geschichten aus dem Emmental

Simon Gfeller: Geschichten aus dem Emmental - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus dem Emmental
authorSimon Gfeller
year1956
firstpub1914
publisherA. Franck
addressBern
titleGeschichten aus dem Emmental
pages278
created20131213
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Bürden

Nach Aufzeichnungen eines alten Pfarrers

Hansueli Reber, vielgeprüfter, unvergeßlicher Freund, Dein liebes Bild möchte ich in diesen Blättern festhalten ...

Der letzte Schlag der Totenglocke war am Verhallen; zitternd erstarben die leisen Klänge in der weichen Luft des mildwarmen Nachsommertages. In stiller Ergriffenheit harrte das Schärlein Trauernder zwischen den verwaschenen Leichensteinen und schmucklosen Holzkreuzen des Friedhofes. Über der offenen Gruft hing Dein Sarg in den Seilen der Totengräber. Plötzlich zuckte ein heller Schein über die entblößten Häupter der Leidtragenden. Zwei weiße Falter huschten heran, setzten sich mit zierlichen Füßchen auf den spiegelnd schwarzen Sargdeckel, fächelten lieblich mit den Flügeln und verließen ihren Platz erst, als zögernd die Seile emporgezogen wurden. Ein paarmal noch kreisten sie im holden Sonnenglanz über Deiner friedvollen Ruhestatt, dann schwangen sie sich über die Kirchhofmauer und die Hausdächer empor und waren in blauer Ferne verschwunden.

Mir aber zitterte das Herz in leiser Wehmut. Sollte alles Frohe und Freundliche, alles Gütige und Starke, was Du uns vorgelebt hast, ebenso jäh und spurlos erlöschen, wie der verklärende Schimmer, den die 10 leichtbeschwingten Sommervöglein für eine armselige Minute über Dein Grabesscheiden ausgegossen hatten? ...

In jener Stunde gelobte ich mir im stillen, aufzuschreiben, was ich aus Deinem Leben erfahren und erahnt habe, und was Du mir gewesen bist.

*

Von ihm möchte ich erzählen und weiß es nicht besser zu wenden, als daß ich von mir selbst anfange.

Als ich noch junger Pfarrer zu Kleindorf war, hatte ich mit meinen Bauern einen harten Stand. In meinem Kopfe gärten allerhand Weltbeglückungspläne; ein heißes Begehren, zu wirken und zu helfen, lebte in mir. Hundert Glücks- und Freudenbrünnlein hätte ich graben und in die dürren, kahlen Lebensäcker meiner Gemeindegenossen leiten mögen. Aber je eifriger ich grub, desto geschäftiger deckten ungeschickte Hände wieder zu. Predigte ich von der Schönheit der Frühlingsnatur, so hörte ich vor der Kirchentüre spötteln: «Der Pfarrer hat gut schwätzen, er muß nicht mit dem Heuwagen auf die Station fahren!» Schilderte ich Familienfrieden und Eheglück, dann hieß es hinterrücks: «Meine Alte wäre auch weniger brummig, wenn ich ihr für Küche und Haushalt eine eigene Magd halten könnte, wie es in den Pfarrhäusern Brauch ist!» Suchte ich ihre Tierfreude zu wecken, gleich murrte irgendwo einer: «Daß Gott erbarm! Erst letzte Woche habe ich meine beste Milchschenkin in die Tenne hängen und auswägen müssen. Solche Freude erlebt man an den Tieren, ja!» Unglücklicherweise ließ ich einmal verlauten, auch der Pfarrer könne nicht wissen, wie es im Himmel aussehe und wo er sei, und galt nun gar für einen Dummkopf. «Von 11 einem solchen Pfarrer ist Trost und Hülfe zu erwarten! Er weiß ja nicht einmal, wo der Himmel ist, wie will er einem denn hineinhelfen! Und hat doch so lange studiert und bezieht einen solchen Lohn!»

Kurz, ich mochte anpacken, wo ich wollte, so griff ich fehl; all mein Werben um Vertrauen schien umsonst; ich vermochte nicht zu erwarmen in Kleindorf. Jeder Schritt, den ich tat, wurde schadenfroh bemäkelt. Diese Lust am Verdrehen und Verkleinern, gepaart mit unbezähmbarer Klatschsucht und verdrüssiger Klagemeierei, verleidete mir Menschen und Amt. Ratlos stand ich da und wußte mir nicht zu helfen. Zu jener Zeit merkte ich noch nicht, daß viele Bauern das Klagen als Schutzmauer gegen den Neid der Nachbarn und die Begehrlichkeit der Steuerbehörden aufrichten. Eine Ahnung davon dämmerte mir erst später auf, als ich einmal hörte, wie der Dorfwirt mit grimmigem Humor seine drei hell und lustig singenden Kinder anbarschte: «Wollt ihr die Schnäbel halten, dumme Dinger, oder wenigstens die Fenster schließen, sonst meinen die Bauern, es gehe uns viel zu gut und kaufen aus Ärger sonntags ihren Schoppen beim Brunnen.» Ebensowenig wußte ich, wie viele Menschen, und nicht bloß Bauern, sich durch Leidensklagen Ansehen und Wichtigkeit beilegen möchten, und ließ mich deshalb zu leicht rühren. Vor allem aber fehlte mir die Gabe, unbeirrt durch Bemängelung und Herabsetzung in Ruhe und Selbstsicherheit meine Wege zu gehen. Ich hatte das Warten und Geduldhaben noch nicht gelernt und wollte helfen, bevor man mich notwendig hatte und bevor ich über ein wurzelechtes Lebenswissen und eine selbsterworbene Herzenskundigkeit verfügte. Natürlich kam mir meine 12 eigene Unzulänglichkeit erst später zum Bewußtsein, und ich suchte die Gründe meines Mißerfolges ausschließlich bei der Gegenpartei.

Besonders schlimm kränkte ich mich eines Sonntags zur Zeit der Kornreife. Ich hatte mit Ernst und Wärme eine Erntepredigt gehalten und schritt sinnend zwischen den Gräberreihen der Kirchhofpforte zu. Da hörte ich außerhalb der Kirchhofmauer einen föppeln: «Ja, ja, unser Pfarrer hat gut plappern. Er kann die ganze Woche am Schatten sitzen und braucht keinen müden Arm zu machen, derweil unsereiner an der Sonne braten und sich abschinden muß. Ich möchte wohl sehen, was der für Beine machte beim Garbenladen.» Und der andere meckerte hämisch Beifall. Das war mir zuviel. Mit zornrotem Kopf schritt ich zur Kirchhofmauer, entschlossen, die Schwätzer gebührend zur Ordnung zu weisen. Kaum tauchte aber meine Gestalt auf, duckte das Ausschänzelerpack den Nacken und kniff feige aus. Der eine davon war ein Mitglied des Kirchgemeinderates ...

Da ging ich nach Hause, riß meine Bäffchen herunter, schmiß den Predigermantel in eine Ecke und preßte die heiße Stirne gegen eine Fensterscheibe. Bestürzt schaute meine liebe Frau zu und fragte in erschrockenem Tone, was mir wieder Unebenes begegnet sei. Zornbebend erzählte ich den Vorgang und schnaubte in meiner ungestümen Jugendwut: «Lieber möchte ich Rinderhirt sein als Seelenhirt in diesem heillosen Neste.»

Bei Tische vermochte ich vor Unmut kaum einen Bissen hinunterzuwürgen, und meiner Frau stand das helle Wasser in den Augen. Ihre begütigenden Reden fielen auf ungelockertes Erdreich. Zu oft war meine Wunde gereizt worden, so leicht hörte sie nicht auf zu 13 schmerzen. Durchs Gehirn flogen mir abenteuerliche Pläne; Aufgabe des verfehlten Berufs oder zum wenigsten Demission und Wegzug erschienen mir in der ersten Hitze unvermeidlich. Dem verärgerten Tage folgte eine schlaflose Nacht, in der ich endlose selbstquälerische Betrachtungen anstellte. Was wissen sie, die Harten, die Stumpfen, die Satten, die Spöttischen und Übergescheiten, von den seelischen Nöten eines Pfarrers, der nicht ein Mietling sein möchte! Erst gegen Morgen gelang es mir, ein Zipfelchen Schlaf zu erwischen, und ich erwachte mit einem schweren, benommenen Kopfe. Vergeblich suchte ich zu arbeiten; meine Gedanken waren zu unstet und flüchtig; die Unruhe rann mir durch alle Nerven; ich hatte kein Bleiben an meinem Studiertische.

«Geh lieber ins Freie», riet meine besorgte Frau. «Wolltest du nicht in den Erlengraben und jemanden besuchen?»

«Damit sich die erntenden Bauern wieder über mich ärgern und neidgifteln: ‚Der hat Zeit zum Herumflanieren, während unsereins hart werken muß!‘» murrte ich.

«Ach, du solltest dir doch nicht jeden Unverstand so zu Herzen nehmen und dich nutzlos quälen. Wenn es dir in der Nähe nicht paßt, so geh doch weiter! Zwei, drei Tage kannst du wohl abkommen. Wie wäre es mit einer Gratwanderung in die Küherweiden hinein? Ich bitte dich, geh; es wird dir gut tun. Nachtlager findest du leicht eins in einem Bergwirtshause.»

«Und du?»

«Ich hüte derweilen Haus und Kind; geh du nur unbesorgt und komm zufrieden wieder heim!»

Und während ich immer noch unschlüssig dastand, packte sie schon emsig meinen Rucksack.

14 Eine halbe Stunde später hatte ich den Weg bereits unter den Füßen. Wohin die Reise gehen sollte, wußte ich selbst nicht genau, irgendwo in die abgelegenen Alpweiden hinein. Vorläufig suchte ich den nächsten Hügelzug zu gewinnen. Mürrisch schritt ich fürbas, schaute kaum weder rechts noch links und war froh, daß mir kein Mensch begegnete. Der Tag war schön, und die Sonne hatte Kraft. Bald fühlte ich auf meiner Stirn großtropfigen Schweißtau. Das Hemd feuchtete sich, und die Jacke klemmte, bis ich sie auszog und unter den Rucksackdeckel versorgte. Hemdärmelig schritt ich weiter über das grobknollige Kieselgeröll des Bergweges, meinen Hakenstock mit der Stahlspitze tüchtig brauchend.

Allgemach begann der unleidliche Druck auf meinem Gehirn zu weichen, das dumpfe schwere Gefühl in meiner Brust sich zu verflüchtigen. Mit jedem hervorbrechenden Schweißtropfen reinigte sich nicht nur das Blut, sondern auch die beklommene Seele. Die frische Luft tat mir unendlich wohl. Bald wanderte ich, bald rastete ich und ließ die Blicke schweifen. Was mir bei dieser Wanderung alles durch die Gedanken zog, weiß ich nicht mehr; aber ein Bild grub sich in meinen Sinnen unauslöschlich fest.

Es war Nachmittag geworden, und mein steiniger Weg schlüpfte unvermutet aus einem schattigen Walde hinaus. Rechter Hand lag an freier hausdachsteiler Halde ein Roggenäckerlein, eine richtige, der Sonne voll zugekehrte Brandseite. Erdreich konnte man's nicht wohl nennen. Erdarm wäre die richtigere Bezeichnung gewesen; denn an mehreren Stellen stachen die Steinrippen beinahe durch die schmächtige Erdhaut hindurch. Doch hatte das wohldurchsonnte und sorgsam 15 bearbeitete Schäumchen Erde dennoch beleibte Garben hervorgebracht, wenn sie auch etwas dünn in der Zeile lagen. Mann, Frau und Kinder begannen eben mit dem Eintragen. Der Mann stellte sein Räf zurecht, spannte das starke Seil aus und schichtete sich eine hohe Bürde auf. Die Frau legte fünf Garben in ein Wurfseil, und das älteste Mädchen half ihr binden und die Garben auf das Schnittende stellen. Jetzt bohrte sie mit der Faust ein Nest in die Halme, stieß den unbedeckten Kopf hinein und ließ sich gleichzeitig auf die Knie nieder. Ein Ruck und Schwung, das Mädchen hob am schweren Ende aus Leibeskräften, und die Last ruhte auf Kopf und Schultern der Frau.

Mir war, als müßte ich ihr tragen helfen. Unwillkürlich war ich einen Schritt über den Wegrand hinausgetreten und sah nun zu, wie die Frau, Tritt um Tritt festen Stand suchend und die Absätze und Schuhränder tief in die Erde grabend, abwärts strebte, ihrem Häuschen zu, das unten in einer kleinen Mulde seitlich am Abhang lehnte. Hinter ihr drein stöffelte schreiend der Zweitjüngste, den offenen Latz seiner Erstlingshosen über die struppigen Stoppeln schleifend. Die wackere Älteste wollte nacheilen und ihm das fatale Hintertürchen schließen; aber der rauhe Zuruf des Vaters begehrte ihre Hilfe für das Binden und Aufstellen seiner Bürde. Derweilen er in die Tragbänder schlüpfte, das Tragkissenringlein unter den Räfdeckel schob, das rechte Bein möglichst unter den Leib zog und den zwiegriffs gefaßten knotigen Räfstecken seitlich in den Boden stieß, mußte sie ihm die Bürde im Gleichgewicht halten. Jetzt, nachdem er sich postiert hatte, ließ er die Last behutsam nach vorn neigen, um sie mit Rücken, 16 Schultern und Kopf fassen zu können; der geduckte Rücken streckte sich langsam; der Fuß des vorgestreckten linken Beines scharrte die Erde auf und grub sich in den Boden; sachte beschrieb die Bürde einen Viertelskreis nach rechts um ihre Horizontalachse; das linke Bein stand, das rechte kniete. Wuchtig stützten sich die sehnigen Arme auf den Räfstecken, ein hartes Kraften, Atemanhalten, Rotwerden des Gesichtes und Herauswulsten des Halses, und das rechte Knie war gestreckt, die Bürde gehoben.

Mir verschlug's beim Zuschauen fast den Atem. Wie, wenn die Bürde vornüberstürzte und den in den Tragbändern hängenden Mann mitschwang? Wie, wenn er einen Mißtritt tat oder die schwankende Last nicht im Gleichgewicht zu halten vermochte? Doch meine Befürchtung war grundlos. In Zickzacklinien abwärts steigend, schritt er so sicher einher und meisterte seine Bürde so offensichtlich, daß meine anfängliche Besorgnis wich.

Unterdessen trat die Frau schon aus der schmalen Einfahrt heraus, zupfte sich widerstrebende Ährenreste aus den zerzausten Haaren und trocknete sich den Schweiß von der Stirne und den glühenden Wangen. Dann schob sie das Tuch zwischen Hemd und Brust – sie trug nur ein Unterkleid und hatte keinen Kittelsack zur Verfügung – und knöpfte dem über die erfahrene Nichtachtung höchlich erbosten Büblein das flatternde Hemdzipfelchen wieder hinter das lottrige Falltürchen. Noch ein begütigendes Wangenstreicheln, und ungesäumt schritt sie wieder bergauf an ihre Arbeit. Ich aber wandte mich rasch zum Gehen; denn ich schämte mich, vor dieser hart werkenden Frau als gaffender Müßiggänger 17 zu stehen. Zurückschauend gewahrte ich noch, wie sie rüstig eine neue Bürde zusammentrug und zugleich mit neckischem Kuckuckruf den immer noch nicht ganz besänftigten Kleinen zu geschweigen und bei guter Laune zu erhalten suchte.

«Gugguh, gugguh!» klang's hinter mir drein, hell, warm und lieblich. Die schwere Bürde beugte der tapferen Frau wohl den Nacken; aber die Seele blieb ungeknickt und spannkräftig.

So hätte ich meine Gemeindegenossen alle gerne gesehen. Leuchtende Augen unter schweißtriefenden Brauen, Blicke, die nicht bloß im Wust und Unrat der Erde umherkrochen, sondern sich in die Höhe und Weite schwangen, Nacken, die sich immer wieder strafften unter den Sorgenbürden des Lebens. Feuer hätte ich in ihren Herzen anfachen mögen, lebendige Feuer, die das Unreine verzehren, die verhärtete Kruste von Schmutz, Erdenstaub und Seelenkehricht durchfressen, damit Friede, Freude und Lebensmut siegreichen Einzug halten können. Bisher war es mir nicht gelungen. Aber warum nicht? Das wurde mir nun nach und nach klar. In herzlicher Beschämung hielt ich Selbsteinkehr. War ich selbst ein Starker und Geduldiger, der seine Bürde mutig trug, ein fröhlicher Überwinder? Lange noch lag ich an jenem Abend droben beim Bergwirtshaus unter dem freien Sternenhimmel und sann beim friedsamen Schellengeläute der Herden, die in der Nachtkühle weideten, sann und konnte nicht fertig werden mit Luftschlösser bauen. Die Bitterkeit war von mir gewichen, mit dem lieblichen Kuckucksruf war mir ein warmer Lenzhauch fröhlichen Glaubens und Vertrauens in die Seele gedrungen.

18 Am andern Morgen hatten sich die Hitzwellen des Menschenbeglückungsfiebers freilich schon etwas gelegt. Ich hatte schlecht geschlafen. Ob die Bettdecke zu schwer war oder ob ich mich vor dem Zubettgehen zu sehr aufgeregt hatte, genug, ich schleppte im Traum schwere Roggengarben einer steilen Halde entlang und fühlte mich beim Erwachen müde und mißgestimmt. Der grüblerische Verstand begann an den gestrigen Erlebnissen und Plänen zu zausen, und bedeutend ernüchtert, doch leidlich bei Laune, trat ich den Heimweg an.

Auf der Rückreise wollte ich im Erlengraben, der auch zu meiner Gemeinde gehörte, einen Krankenbesuch abstatten. Dort lebte nämlich der Stumperfranz, ein sonderbarer Kauz, über den mir die wunderlichsten Dinge zu Ohren gekommen waren. Haar und Bart lasse er ungeschoren wachsen wie die Nasiräer des alten Testaments. Geistige Getränke genieße er nicht, und Speise berühre er keine außer Milch und Brot. An schönen Sonntagen steige er auf eine aussichtsreiche Höhe und halte dort unter einer mächtigen alten Linde seinen Gottesdienst. Wie es mit seinem Glauben beschaffen sei, wisse allerdings niemand, da er menschenfeindlich und verschlossen sei. Einige hielten ihn für einen harmlosen Narren, andern, besonders Frauen, sei er unheimlich. Kein Mensch könne aus ihm klug werden. Nicht einmal, wo er ursprünglich herstamme, sei bekannt. Früher habe er sich mit Tannenstumpen sein Brot verdient, und keiner habe es ihm an Beherztheit und Waghalsigkeit gleich tun können. Mit einer Kraft und Behendigkeit sondergleichen sei er auf die höchsten Tannen hinaufgeklettert; ohne eine Spur von Schwindel habe er den Wipfel abgesägt und im Nu die Äste heruntergehackt, 19 und die Bauern, welche Trämelholz fällen wollten, ohne ihren Jungwuchs zu beschädigen, seien oft froh gewesen über ihn. Sobald ihn aber einer habe ausforschen wollen, sei er auf und davon. Jetzt habe er das Tannenstumpen aufgegeben und erschwinge den Lebensunterhalt mit Holzbödenmachen, Leiternanfertigen und allerhand leichtern Holzarbeiten. Vor Zeiten habe er nie einen festen Wohnsitz gehabt; jetzt wohne er seit etwa zwei Jahren bei Hansueli Reber, dem Knochenstampfer im Erlengraben, in einem eigenen Stübchen. Aber auch jetzt noch stürme er halbe Nächte lang in den Wäldern umher, und wo der Wald am dichtesten und dunkelsten sei, da scheine es dem Tannenstumper am besten zu gefallen.

Diesen Sonderling aufzusuchen hatte mich schon lange gelüstet. Einmal hatte ich ihn auf der Straße gestellt und angeredet. Doch nach wenigen kurzen Worten hatte er mich kaltblütig stehen lassen und unbeirrt seinen Karren weitergeschoben. Ermutigend war diese Begegnung keineswegs, und ich machte keinen fernern Versuch, mit ihm bekannt zu werden. Jetzt aber, nachdem er schon längere Zeit bettlägerig gewesen, redete ich mir ein, es sei meine Pflicht, ihn zu besuchen. Ein wenig Neugierde mag freilich dahinter gesteckt haben, sicherlich trieb mich aber auch ehrliche Besorgnis. Der Mann stand allein, wie leicht konnte es ihm am Notwendigsten gebrechen!

Es mochte um die zweite Nachmittagsstunde sein, als ich an meinem Ziel anlangte. In einer kleinen Ausweitung des Tälchens stand rechts am Wege ein scheunenartiges Gebäude, dessen Fenster oder Heiterlöcher mit Läden fest verschlossen waren. Das gewaltige oberschlächtige Wasserrad, das an der morgenseitigen Wand 20 unbeweglich auf festen, eichenen Unterlagern ruhte, benahm mir jeden Zweifel: dies mußte die Knochenstampfe sein. Jetzt, in der Erntezeit, stand sie freilich außer Betrieb. Unbenutzt strömte das Wasser in prächtigem Bogen aus dem Schußkanal neben dem Rad hinunter in die gemauerte Wasserkammer, wo es weißgischtend aufklatschte und glitzernde Tropfen an das Gezweige und Blattwerk des Ufergebüsches emporsprühte.

Einen Scheibenschuß weiter oben, wo die sanftgeneigte Talsohle in einen ziemlich steil ansteigenden Abhang überging, stand ein Kleinbauernhaus und ein speicherartiges Gebäude, in dessen Erdgeschoß drei Fensterchen einen Wohnraum vermuten ließen. Dort mochte der Einschlupf des Stumperfranzen sein, und ungesäumt beschritt ich den rechtwinklig abbiegenden Seitenweg, welcher neben der auf Bockstützen ruhenden Wasserleitung hinaufführte. Da niemand zugegen war, den man hätte fragen können, steuerte ich geradenwegs auf die Speicherwohnung zu, dem Geratewohl auch etwas überlassend. Die obere Hälfte der Türe stand halb offen und ließ den Blick frei in ein schneckenhauskleines, armselig ausgestattetes Kuchelein. Ich pochte an; niemand regte sich. Offenbar mußte aber doch jemand zu Hause sein, sonst hätte man beim Hinausgehen die Türe eingeklinkt. Nach kurzem Besinnen schlüpfte ich unter dem Korbbogen des Türeingangs durch und trat über den Lehmboden bis zur Stubentüre, spürte aber in diesem Augenblick deutlich, wie schwer es sei, einen Menschen zu besuchen, wenn man nicht weiß, ob man willkommen ist. Allein ich tröstete mich, daß ich in guter Absicht komme, und klopfte mit dem Hakenstock vernehmlich an.

21 Drinnen ließ sich ein Geräusch vernehmen, wie das Knacken einer alten Bettstatt. Wieder ein Geräusch; diesmal ein Rascheln wie im Stroh, dann ein Schlurfen, und die Türe spaltete sich ein klein wenig auf. Ein Riemen Hanfbart und Gesicht mit einem tief liegenden, erregt flackernden Auge erschien in der Öffnung.

«Wer ist da?» klang es mir mißtrauisch entgegen.

«Gut Freund», antwortete ich; denn mir war, als hätte mich eine Schildwache angerufen.

«Wer bist du?» Ungeduld und verhaltenes Grollen lagen in dem tiefen Tone.

«Ich bin der Pfarrer.» Damit meinte ich, mein Eindringen hinlänglich gerechtfertigt zu haben. Die Würde meines Amtes sollte wie ein Keil in die Türspalte dringen und sie schleunigst verbreitern, hoffte ich.

«Was willst du hier?» fuhr der Frager hartnäckig weiter.

«Man hat mir gemeldet, Ihr seied krank, und darum möchte ich nachsehen, wie es Euch geht.» Nun, meinte ich, sollte die Türe doch endlich zum Aufgehen geölt sein.

Der drinnen besann sich eine kleine Weile, dann kam der Bescheid.

«Ich habe niemanden kommen heißen. Laß mich in Ruhe!»

Türe zu – Riegel vor – punktum!

Über die Maßen verblüfft stand ich da. So was war mir meiner Lebtag noch nie begegnet. Sollte ich zornig werden oder lachen? Erst stieg mir das Blut ein wenig in den Kopf, dann reizte mich die komische Seite. Ein hinausgeworfener Pfarrer mit überschüssigem Vorrat von Trost und Wohlwollen, das war neu und absonderlich und fing an, mich zu belustigen.

22 Natürlich blieb mir nichts übrig, als den Rückzug anzutreten; an der energisch kundgegebenen Willensäußerung war nicht zu rütteln. Eigentlich geschah mir so unrecht nicht. Unsereiner dringt in die Familien ein und nimmt als fast selbstverständlich an, daß man willkommen sei, darum schadet es nicht viel, wenn man einmal abblitzt und merkt, wie ungelegen man kommen kann. Der Mann drinnen war doch wenigstens offen und ehrlich. Zehn andere hätten die Türe geöffnet, Freude und Dankbarkeit geheuchelt und den Besuch ins Pfefferland gewünscht. Er dagegen nahm kein Blatt vor den Mund, und das gefiel mir.

So schied ich ohne Groll von seiner Schwelle, hemmte aber unwillkürlich den Schritt, als mein Blick auf des Knochenstampfers Heim fiel, dem die Nachmittagssonne gar viel Liebes tat. So hell und freundlich lag es da, daß ich meinte, in ein stillvergnügtes, gutes Menschenantlitz zu schauen. Sonnenwarmes Goldbraun leuchtete auf seinen Wangen, und die blitzsaubern Fenster äugten gescheit und frohherzig unter dem weit vorspringenden mattvioletten Schindeldach hervor, das sich traulich unter das eigenwillig naturkrumme Geäst herrlicher alter Bäume schmiegte, die als trotzige Wächter daneben standen. Kein Künstler hätte die knorrigen Gesellen, die wie treue Eidgenossen ihre kraftstrotzenden Arme schützend über das Haus reckten, geschickter gruppieren können. Jahrzehntelange Kameradschaft in Sturm und Sonne hatte sie zusammengefügt und zusammenhalten gelehrt. Untenher des Hauses sonnte sich eines jener altheimeligen Kraut- und Blumengärtlein, in denen all die lieben Blümlein und würzigen Arzneikräuter unserer Väter und Mütter noch unbeengt und 23 unbeschämt von charakterlosen Modepflanzen geruhig fortblühen dürfen. Im Hintergrunde umzogen die Hofstattbäume das Ganze mit einem mächtigen Grünhag, als wollten sie fremden Eindringlingen den Zutritt wehren.

Während meine Augen sich noch schauend und staunend ergötzten, fuhr meine Hand schon suchend in die Rocktasche. Seit meinen Studentenjahren führte ich immer ein kleines Skizzenbuch mit mir, und wenn mir eine Baumgruppe, ein Haus oder eine Wolkenpartie recht gefiel, so versuchte ich, das Geschaute mit einfältigen Strichen festzuhalten. Kunstwerke kamen freilich dabei keine heraus, denn ich war ein recht ungeschickter Zeichner; aber meine Erinnerung hatte später feste Anhaltspunkte. Nach meiner Gewohnheit griff ich also zum Stift und begann eifrig zu zeichnen. Dabei muß ich mich wohl länger verweilt haben als beabsichtigt. Bevor ich den letzten Schattenstrich getan hatte, sah ich den Knochenstampfer mit der Sense auf der Schulter vom Acker heimkommen, was mir sehr angenehm war, denn ich redete gerne ein paar Worte mit ihm.

Hansueli Reber war ein freundlicher und leicht zugänglicher Mann. Selten habe ich ein Gesicht gesehen, das so deutlich und unverkennbar einen lautern und treuherzigen Charakter widerspiegelte.

Die Geradheit und Gutherzigkeit leuchtete ihm förmlich aus den hellgrauen Augen und allen Falten des Antlitzes hervor. Sein Alter mochte in der Nachbarschaft der Fünfzig liegen; das immer noch volle Haupthaar war beinahe grau, der Kragenbart unter dem Kinn tüchtig gesprenkelt. Die mittelgroße, ziemlich untersetzte und breitschultrige Gestalt schritt noch ungebeugt einher. Das Hemd stand vorn offen und ließ eine kräftig 24 behaarte, sonnverbrannte Brust frei. Mit der Sonne schien er überhaupt in Freundschaft zu leben; denn er ging barhaupt, und seine Hemdärmel waren weit über die braunen, sehnigen Arme zurückgestreift. Grißhosen, Cotonnehemd und derbe Nagelschuhe, das war alles, was er am Leibe trug.

Mit ihm kamen auch seine Frau und sein Sohn. Sie hieß Lisbeth und war mit ihrem leichtgewellten, sorgfältig gescheitelten Braunhaar und der blühenden, reinen Hautfarbe immer noch ein appetitlich Weibchen, obschon sie kaum ein Halbdutzend Jahre weniger zählte als er. Leicht zur Fülle neigend, entbehrten ihre Formen trotz ihres Alters noch keineswegs der gefälligen Rundung, und die tief braunen Augen wußten noch nichts von Mattigkeit. Sie kleidete sich einfach und nicht ohne Geschmack. Auch ihre Gesichtszüge verrieten Wohlwollen, ließen im übrigen jedoch auf keine außerordentlichen Geisteskräfte schließen.

Johannesli, der Sohn, drückte sich bald mit Vaters Sense, Steinfaß und Mähriemen beiseite. Das linkische und, wie es schien, etwas verzärtelte Bürschlein war eben der Schule entwachsen, steckte aber offenbar noch über Gebühr in den Kinderschuhen.

Bald stand ich mit dem redseligen Kleinbauern in lebhaftem Gespräch. Meine anerkennenden Worte über sein freundliches Heim taten ihm wie einer Katze das Kraueln am Halse. Mit der lieben Einfalt einer kindlich unbefangenen Seele stimmte er in meine Lobsprüche ein und geriet alsbald in hellen Eifer, mir das ganze Besitztum samt all seinen Annehmlichkeiten und verborgenen Vorzügen vorzuweisen. Ich mußte näher zu der Baumgruppe treten, deren Schönheit mich gefesselt 25 hatte. Ich mußte den reichen Fruchtbehang des gewaltigen Gelbbirnbaums bestaunen und vernehmen, wie der alte Sauergrauech als ein gewissenhafter Gevattersmann alljährlich sein ansehnliches Patengeschenk austeile. Ich mußte wissen, daß gedörrte Gelbbirnen fast besser schmecken als Feigen und daß man grünsaure, mit Zucker und Zimmet bestreute Grauechschnitzlein in der Blut- und Leberwurstzeit nach dem Schlachtfest nur höchst ungern entbehre. Ich mußte den hochragenden Saarbaum bewundern, der als dritter im Bunde zwar keine Früchte spenden konnte, dafür aber kühn seine Stirn dem Blitze darbot. Ich mußte von dem herrlichen Brunnen trinken, dessen Wasser Hansueli nicht genug rühmen konnte, weil es auch in trockenster Sommerzeit seine Kühle behalte und nicht versiege und auch in kalten Wintern nicht vereise. Ich mußte die glatthaarigen, saubergehaltenen zwei Milchkühe mit Namen kennenlernen und den mit der glückhaften Eigenschaft der Fräßigkeit gesegneten starkwüchsigen Schweinen meine Anerkennung zollen. Ich mußte – törichtes Wort! – wie herzlich gern tat ich's! – also: Ich ging mit ihm in die Pflanzung und stimmte bei, daß die weißgrünen Kohlköpfe von der gedrungenen, festgeschlossenen Sorte bis im Herbst sicherlich fast mäßkübelgroß sein werden. Ebenso konnte ich mit gutem Gewissen bestätigen, daß das fingerdicke Rübli, welches mir Hansueli auszog und zu kosten gab, außerordentlich zartfaserig sei, und begreifen, daß Frau Lisbeth auf ihre Stangenbohnen stolz war. Ich glaubte aufs Wort, der Boden müsse tiefgründig und humusreich sein; denn am Kornacker stand die reifende Frucht so schön ebenmäßig dicht und dennoch 26 ohne Windnester und Lager, alle Ähren gleichmäßig hoch, wie abgeschoren, und zwischen den festlich mit gelben Fähnlein geschmückten Stengeln junge, sprießende Grassaat, daß jeglicher Tadel verstummen mußte. Ja, der Acker hatte es leicht, seine Schuldigkeit zu tun; ihm leuchtete die Sonne doppelt, einmal vom Himmel herunter und zum zweiten aus den Augen seines Besitzers.

Und wie wir so dastanden und über das früchteschwere kleine Halmenmeer wegschauten, wurden diese Augen feucht, und Hansueli Reber sagte still ergriffen: «Es will mich oft schier überwältigen, daß Gott mir, dem armen Knechtlein, so viel Liebes und Schönes anvertraut hat!» Da wallte es auch in mir auf wie gerührtes Lachen und glückseliges Weinen, und ich knurrte in mich hinein: «Stockblinder Tor du! Unter lauter hagebuchenen Geldkratzern, verkniffenen Neidhammeln, boshaften Klatschmäulern und kraftarmen Grämlingen meinst du zu sitzen, und nun steht einer vor dir, so unlistig und seelenrein, so voll zufriedenen und genügsamen Sinnes, so dankbar und vertrauend, ein wahres Kind Gottes! Am liebsten nähme der sein Häuschen, seine Bäume und sein Erdreich abends mit sich ins Bett unter die warme Decke und schlänge entschlafend seine Arme drum!»

Während wir unsern Rundgang fortsetzten, erzählte mir Hansueli, wie er ein Bauernknecht und Lisbeth Dienstmagd gewesen sei, wie sie ein Sümmchen Geld erhaust und ein kleines Erbe gemacht hätten, und wie er sich dann das Gütlein habe kaufen können. Dabei machte er von den Mühen und Anstrengungen, die hinter ihnen lagen, wenig Aufhebens und verfiel niemals in einen prahlerischen Ton. Er hatte auch nicht nötig zu prahlen, sein kleines Besitztum zeugte laut genug für 27 ihn. In solcher Üppigkeit gedeiht der Graswuchs nur bei sorgfältigster Pflege, und da, wo bereits eingegrast war, zeigte der Rasen einen Schnitt, als hätte man das Rasiermesser und nicht die Sense gebraucht. In der ganzen Hofstatt fand sich keine Mistel und kein bemooster und verlauster Baum, am Gartenhag fehlte kein Nagel und kein Scheielein.

Aus Furcht, lästig zu fallen und an der Arbeit zu säumen, hatte ich mich mehr als einmal verabschieden wollen; aber Hansueli duldete es nicht, daß ich ging, und Lisbeth hatte derweilen schon den Kaffee bereitet, womit sie mich bewirten wollte. Eine Absage wäre als Kränkung empfunden worden, und so setzte ich mich mit ihnen zu Tische. Ich hatte es nicht zu bereuen; denn das luftgeräucherte Dörrfleisch, welches Lisbeth noch vom sonntäglichen Mittagessen her im Küchenschrank gehabt hatte, schmeckte ein hübsches Brosämlein besser als gepfefferte, versalzene und gesalpeterte Metzgware, und das Specksalätlein stammte von guten Eltern. Nun konnte ich auch, was ich beinahe vergessen hätte, über den Stumperfranz Auskunft einziehen und gewann rasch die Überzeugung, daß ihm mit Geldunterstützung nicht gedient sei. Der Mann habe zum Leben genug, erfuhr ich, vielleicht wäre mir sogar ein Stuhl an den Kopf geflogen, wenn ich ihm etwas angeboten hätte. Zu Zeiten sei er wild und unwirsch, niemand außer Hansueli solle ihm zu nahe kommen. Auch der Frau Lisbeth habe er einmal ein Brot, das sie ihm schenken wollte, zur Türe hinaus nachgeworfen. Die Frauen hasse er wie Gift und Teufel. Und doch, behauptete Lisbeth, streiche er ihnen heimlich nach. Ihr selbst folge er mit den Augen überallhin auf ganz unleidliche Weise. Sie 28 empfinde ein Grauen und hüte sich vor ihm; denn sie halte ihn für einen Weibervölkler. Hansueli hingegen redete milde und behutsam, wie einer, der eine fremde Wunde nicht vor aller Augen entblößen will. Niemand wisse, was der Stumper Schweres erlebt habe. Soviel aber sei sicher, daß er unglücklich verheiratet gewesen und von seiner Frau betrogen worden sei. Aus vereinzelten Äußerungen zu schließen, müsse sie zu einer herumziehenden Bande gehört haben, mit der auch der Stumper eine Zeitlang laichte. Wie die beiden auseinandergekommen seien, wisse niemand zu sagen. Der Stumper rede nie davon, bloß aus seinen Verwünschungen könne man sich ein Weniges zusammenreimen. Er sei schrecklich mißtrauisch und habe vordem nie längere Zeit am gleichen Ort bleiben können. Hier necke ihn niemand, man lasse ihn gewähren, und das empfinde er dankbar. Zu Hansueli habe er einmal gesagt: Du bist der einzige Mensch auf Erden, der gegen mich nie falsch war. Du brauchst mich nicht zu fürchten, dir tue ich kein Leid an, so wahr mir Gott helfe. Manchmal rede er dann verwirrtes Zeug von Adam und Eva und behaupte, die letztere sei nicht vom lieben Gott, sondern vom Teufel erschaffen worden, den Menschen zum Fluch. Auch komme ihm zeitweilig vor, er sei schon früher einmal auf der Welt gewesen, damals habe er aber Simson geheißen. Doch bat mich Hansueli, niemand etwas davon zu erzählen, damit der Arme, der im übrigen ziemlich harmlos sei, nicht geneckt werde. Das versprach ich gerne.

Mittlerweile war es Zeit geworden, heimzugehen. Herzlich verabschiedete ich mich von den heimeligen Leuten und verhieß ihnen gerne, bald wiederzukommen. 29 Draußen waren die Schatten länger geworden, das mahnte mich zur Eile. Und doch mußte ich im Talauswärtsschreiten noch einmal innehalten und dem Heim des Knochenstampfers einen Blick schenken, denn endlich, endlich hatte ich eine Scholle gefunden, wo ich festwachsen konnte. Von dieser Seite beguckt, erschien das Dächlein wie ein großer Hut, geschmückt mit einem grünen Buschen und einer kecken Feder. Ich winkte ihm einen letzten freundlichen Gruß zu und kletterte wohlgemut den Hügelzug hinauf, der den Erlengraben von Kleindorf trennt. Schräg der Seite nach wand sich der steinige Weg in Spechtenflügen ziemlich jäh empor zur Höhe des Hügelrückens, doch störte mich die rasche Steigung wenig; mit meinen Gedanken beschäftigt, achtete ich ihrer kaum. Meine Lebensgeister waren mächtig angeregt worden durch die Begegnung mit den schlichten, gutherzigen, lebenstapfern Leuten; ich hatte meine ganze jugendliche Spannkraft wiedergewonnen. Ach, was ist doch ein gütiger Mensch voll fröhlichen Vertrauens für eine herrliche Gabe Gottes und wie kann man sich an ihm erquicken und erbauen! Wie durch Zauberschlag verwandelt, fühlte ich mich plötzlich stark und hoffnungsfreudig; Heimatgefühl durchströmte meine Seele und sagte mir: «Hier ist dein Platz! Zähe und ungeschlacht ist der Boden, den du bearbeiten willst; aber es ist dennoch guter Grund.»

Die äußerste Kuppe des Hügelkammes, den ich beschritt, bildet einen beliebten Aussichtspunkt, Tannenbühl genannt. Zu seinen Füßen liegt auf einer Terrasse Kleindorf, und weiterhin schweift der Blick über waldige Hügel bis zu den Schneebergen. Noch stand die ganze Landschaft mit ihren blühenden Kleematten, 30 schwarzgrünen Kartoffelfeldern und fahlgelben Kornäckern unter reichster Sonnengnade. Entzückt blieb ich stehen, entblößte mein Haupt und sog andachtsvoll mit schönheitsdurstigen Augen das unendlich wohltuende Bild ein. Welch unbeschreiblichen Frieden, welch edle Ruhe atmeten die sonnenselig träumenden Wälder in ihrer königlich stolzen Gelassenheit und Stille! Wie quoll freudigstarke Hoffnung empor aus dem warmen Gelbgrün der belichteten Hänge! Wie verheißungsvoll und trostreich winkten die Ährenfelder in ihrer goldschimmernden Pracht!

«Sonnengnade», klang es in mir, «wie erfüllest du Himmel und Erde. Auch der geringsten vergissest du so wenig, als eine Mutter ihrer Kinder vergißt. Du schenkst dem Wolkenrande milden Schein und webst der armseligsten Hecke ihren Goldschleier. Du tauchst das elendeste Lotterdach in leuchtende Farbe und liebkosest das verkrüppeltste Bäumchen mit verklärendem Dufte. Du lockst der zottigen Hummel in der zartroten Blütenröhre des Klees ein Tröpfchen süßen Nektars hervor und weckest mit belebendem Hauche das Mücklein zum freudetrunkenen Tanze. Durch das dichteste Geäst des Waldes brichst du dir Bahn. Du umschmeichelst das trotzige Gestämme mit sanfter Glut und gibst auch dem verborgensten Moospflänzlein sein Schlücklein Licht zu trinken. Du schenkst in unendlicher Güte deine Huld auch dem verrufenen Giftkraut, wärmst seine Wurzeln und reifst seinen Samen. Vielleicht preßt dereinst gerade aus ihm ein einsichtsvoller Arzt den rettenden Saft für einen armen Kranken. Du kennst nicht Hohes und Tiefes, aller erbarmst du dich; kein Abgrund ist dir zu schaurig, kein Gletscher zu kalt.»

31 Sonnengnade – auch mir war sie hold, auch mir geschah ein Sonnenwunder. Während ich staunte und sann, drang mir der helle Schein mit warmer Liebkosung hinunter zu den Wurzeln meiner Seele und zeugte Leben. Wie ein Quell aus verborgenen Tiefen sprang mir das Schriftwort ins Bewußtsein: Ihr seid das Licht der Welt! Mir war plötzlich, als stünde der Herr und Meister, der dieses Wort gesprochen, neben mir und wiese mit ausgestrecktem Arm und friedenstillem Antlitz hinunter auf die sonnengesegneten Fluren, über denen in lichter Majestät der Alpen unvergleichliche Schönheit thronte. Da strahlte das schlichte Wort vor mir auf wie ein Kleinod von wundersamster Leuchtkraft, enthüllte der schauenden Seele seinen verborgenen Reichtum und zeigte ihr ein herrliches Ziel. Und ein Blühen und Glühen hub an in meiner Brust, als müßte und könnte ich alles Düstere, Traurige, Frierende und Tote aus der Welt schaffen.

So stand ich, bis der letzte Strahl der Abendsonne verglommen war, dann machte ich mich auf den Heimweg. Zu Hause angelangt, gab ich meiner Frau einen stürmischen Kuß, wehrte aber ihre Fragen ab: «Später. Es ist alles gut! Gedulde dich; ich muß arbeiten!»

Bis weit über Mitternacht saß ich am Schreibpult. Der Text der Predigt, die ich ausarbeitete, hieß: Ihr seid das Licht der Welt!

Das war für mich ein Wendepunkt zum Guten und darum ein unvergeßlicher Glückstag.

*

Einige Zeit später, genau wie lange, weiß ich nicht mehr, saß in meinem Studierzimmer Hansueli Reber, der Kleinbauer und Knochenstampfer aus dem Erlengraben. Er 32 steckte in den Sonntagskleidern und hatte sich eine schwarze Krawatte vorgebunden. Auf seinen Knien ruhte zwischen den Händen der Leidhut, und seine Stimme war ernst und feierlich; denn er brachte mir die Nachricht, der Stumperfranz sei letzte Nacht gestorben. Wann man ihn begraben könne, fragte er, und ob ich das Leichengebet halten wollte. Auf meine Erkundigungen, woran der Sonderling gelitten habe und wie er gestorben sei, erhielt ich die zögernde und bekümmerte Antwort: «Erhängt hat er sich. Heute morgen haben wir ihn aufgefunden, kalt und starr. In seiner eigenen Wohnung hat er sich aufgeknüpft. Den starken eisernen Haken hatte er schon lange vorher an der Zimmerdecke befestigt, und auch das Seilstück hing daran. Als ich ihn einmal fragte, wozu das dienen solle, antwortete er grinsend: ‚Kraftübungen!‘ Da er auch sonst seine Absonderlichkeiten hatte, achtete ich weiter nicht darauf, sondern bemerkte bloß zu Lisbeth: ‚Jetzt will der alte Eigensinn gar noch so stark werden wie Simson, der ihm immer im Kopfe rumort. Gib acht, das wird auch der Grund sein, warum er sich Haar und Bart wachsen läßt und die geistigen Getränke meidet.‘ ‚Wenn er nur nicht etwas Ungeratsames anstellt‘, erwiderte sie. ‚Mir ist manchmal, als führe er Böses im Schilde. Aus allen Winkeln und durch alle Spalten glotzt er mir nach. Ich weiß nicht, was ich davon denken soll.‘ Ich suchte sie zu beruhigen. Die nächsten Tage gingen ohne Widerwärtigkeit vorüber. Der Stumper fühlte sich unwohl. Ich wollte zum Arzt; der Kranke wehrte heftig ab, trotzdem er keinen Bissen genießen mochte und schlecht aussah. Das einzige, was mir gelang, war, ihn ins Bett zu mustern, und hin und wieder nahm er etwa auch eine Tasse 33 Milch von mir an. Da Lisbeth ihm mißtraute, ging ich allemal selbst, bis gestern abend. Ich hatte alle Hände voll zu tun, und damit die Milch nicht erkalte, ging diesmal Lisbeth mit dem Töpfchen. Er war ja krank und ich in der Nähe. Da geschah das Schreckliche. Kaum war sie zur Türe hereingetreten, stürzte er sich auf sie und wollte sie aufs Bett niederreißen. Sie schrie und rang mit ihm, ich hörte den Lärm und eilte zu Hülfe. Er war wie ein wildes Tier; aber als er mich erblickte, ließ er ab von ihr. ‚Schlechter Hund, ist das dein Dank!‘ schrie ich ihn an, und es zuckte mir in den Fäusten, ihn aus Leibeskräften durchzuwalken. Aber Lisbeth keuchte:‚Fort, fort! Er ist verrückt; komm, komm!‘ Sie zitterte am ganzen Leibe, und ich hatte Mühe genug, sie zu beruhigen. Ich geleitete sie in unsere Stube und überließ ihn sich selbst. Lisbeth duldete nicht, daß ich noch am gleichen Abend mit ihm abrechnete, sie war vor Entsetzen außer sich. Bald meinte sie, ich solle den Landjäger holen; dann aber fürchtete sie sich vor dem Alleinsein, und schlafen konnte sie die halbe Nacht nicht. Wir berieten, was zu tun sei, und wurden einig, auf alle Fälle müsse der Stumper unverzüglich fort. ‚Vielleicht‘, sagte ich, ‚geht er von selbst, und ich finde am Morgen die Stube leer.‘ Heute, nach dem Morgenessen schaute ich nach. Die Türe war von innen verriegelt, also war er noch da. Aber alles Rufen nützte nichts, niemand wollte aufmachen. Durchs Fenster hinein sah ich ihn hangen. Da sprengte ich die Türe ein; aber es war zu spät. Auf dem Tischblatt lag dieser Zettel.»

Damit reichte er mir einen Fetzen vergilbtes Papier. Darauf standen in ungefüger Schrift die Worte: «Vergebt mir; ich habe schwer gekämpft und gelitten.»

34 Die Worte überraschten mich sehr. Ich drehte den Zettel hin und her und sann. Dann schüttelte ich den Kopf und konnte mich nicht enthalten, zu sprechen: «Das sieht gar nicht nach Geisteskrankheit aus.» «Nicht wahr», fügte Hansueli bei. «Was soll man denken?» Wieder überlegte ich. «Am besten wird sein, zu schweigen über das, was dem Tode vorausgegangen ist, schon um eurer Frau willen, die nicht ins Gerede kommen darf.» Hansueli nickte. «Und das Richten überlassen wir Gott, der sich der friedlosen Seele in Gnaden erbarmen möge.»

Dann beredeten wir alles Notwendige, und Hansueli ging, nachdem ich ihm noch einen freundlichen Gruß an Frau Lisbeth aufgetragen hatte.

Das traurige Schicksal des Tannenstumpers erschütterte mich tief. Ob ich wollte oder nicht, ich mußte diesem Lebensrätsel nachgrübeln. Hatte er in geistiger Gestörtheit gehandelt oder in sinnlicher Leidenschaft? Hatte er sich Haar und Bart wachsen lassen, damit sie ihn erinnern an seine Mannheit? Hatte er seinen Leib karg gehalten mit reizloser Nahrung, um nicht die Herrschaft zu verlieren über sich? Hatte er diesen rebellischen Leib abmüden und unterjochen wollen, wenn er halbe Nächte in finstern Wäldern umherirrte? Haßte er die Weiber, weil er nicht auf hören konnte, ihrer zu begehren? Kam er sich vielleicht deswegen vor als ein zweiter Simson? Schwer gelitten und gekämpft habe er. Worin mochte dieser Kampf bestanden haben? Ich mußte an Lisbeth, die muntere Bäuerin mit den frischfarbigen Wangen und dem gewellten Braunhaar, denken und wie er ihr heimlich nachschielte. Ich sah ihn vor mir, wie er mit glühender Begierde in den Augen den Bewegungen ihrer 35 drallen Gestalt folgte. Aber Hansueli Reber, der Mann ohne Falsch war es, der ihm, dem Unstäten, eine Freistatt geboten hatte. Welche bodenlose Schlechtigkeit, dem Weibe des Gütigen, Wohlgesinnten nachzustellen! Nie und nimmer durfte das geschehen! Wer solch unerhörte Tat begehen konnte, durfte nimmer auf Erden weilen. Der eiserne Haken an der Decke mahnte: Siehe wohl zu, was du tust! An dem Tage, wo du dich vergissest und das Gastrecht schmählich entheiligst, wartet deiner das Gericht. Aber die böse Lust wächst, die Entbehrung spornt die Begierde, und die Blicke müssen häufiger und länger auf das Seilende gerichtet bleiben. Kraftübungen vornehmen, nennt der Mann das, wohl Kraftübungen, aber nicht des Leibes. Er trägt, wie alle Menschen, eine Bürde, und seine Bürde ist schwer. Niemand kann sie ihm tragen helfen; denn er, der Mißtrauische, Verbitterte, mag niemandem offenbaren, was auf ihm lastet. Darum wird er zuletzt müde und matt, gibt den Kampf auf, fällt und unterzieht sich dem vorausbestimmten, selbstauferlegten Richterspruche.

Solcherlei Bilder und Gedanken rief die erhitzte Einbildungskraft in mir wach. Täuschte sie mich, träumte ich bloß, narrte mich ein Spiel von Zufälligkeiten, oder war ich der Wahrheit auf der Spur? Ich wage es bis auf den heutigen Tag nicht zu entscheiden. Soviel aber begriff ich: Bewußt oder nicht, krank war seine arme Seele und vermochte sich nicht zum Lichte durchzuringen und Frieden zu finden. Darum fiel an seinem Sarge kein hartes, verdammendes Wort. Mir wurde es um so leichter, dem Unglücklichen zu verzeihen, weil ich hoffte, mit ihm seien auch die bösen Wirkungen seiner Tat aus der Welt geschieden. Lisbeth hielt ich für eine kerngesunde 36 Natur, die den erlebten Schrecken rasch verwinden werde. Leider hatte ich mich getäuscht. Der Blitzstrahl, der so jäh das friedlichstille Glück der Familie getroffen hatte, war kein Kaltschlag gewesen. Der Schicksalsfunke fand seinen Zunder und glühte weiter.

*

Als die Leiche des Stumpers auf dem Friedhofe ruhte, atmete auch Hansueli Reber erleichtert auf. Seine Frau hatte ihm schwere Sorge bereitet. Der gewaltsame Überfall hatte ihre Seele mir Grauen erfüllt. Nun, hoffte der ängstlich Besorgte, werde sie sich allgemach beruhigen und das Gleichgewicht wiederfinden. Auch er vermochte sich nicht auszudenken, was die Vorstellung, Gegenstand solch höllenheißen Begehrens gewesen zu sein, in einer Frauenseele für entsetzliche Verwirrung anstiften könne. Je länger je mehr mußte er aber innewerden, daß in Lisbeths innerstem Wesen irgendwie eine Wurzel losgerissen worden sei.

Ihren Geschäften ging sie zwar nach wie sonst; aber ihre Gedanken wußten wenig von dem, was ihre Hände taten, und ihre frühere Heiterkeit und Selbstsicherheit war wie ausgelöscht. Ein grübelnder Ausdruck erschien auf ihrem Gesichte, ein fremder Glanz in ihren Augen. Und dieser Glanz, dieses Leben der Augen trat in seltsamen und beängstigenden Gegensatz zu der kalten Starrheit der Gesichtsmuskeln. Die sonst so harmlos Mitteilsame wurde plötzlich wortkarg und verschlossen. Einmal beobachtete Hansueli durchs offene Fenster, wie sie vor dem Spiegel stand und eingehend und gespannt ihr Ebenbild musterte und studierte. Obschon ihm solches an ihr neu war, hätte er wohl dem kleinen Vorfall wenig 37 Bedeutung beigemessen; aber als sie sich ertappt sah, schoß ihr das Blut in die Wangen, und sie machte ihm in gereiztem Tone unfreundliche Bemerkungen. Es war nicht das erste Mal, daß er sich über die geringschätzige Art, wie sie ihm gelegentlich begegnete, aufregen mußte. Womit er eine solche Behandlung verdient habe, vermochte er sich nicht zu erklären; zu ihrem völlig veränderten Wesen fehlte ihm jeglicher Schlüssel. Nachts lag sie stundenlang im Bette und starrte mit offenen Augen in die Finsternis. Ab und zu verrieten zitternde Atemzüge und schwere Seufzer, daß sie von Gedanken und Vorstellungen heimgesucht werde, die sie quälen, von denen sie aber trotz Qual und Grauen nicht loskommen könne. Wieder einmal redete ihr der Mann begütigend zu: «Nun schlaf doch! Was kann dir denn geschehen, wenn ich bei dir bin? Gib mir deine Hand. Oder, wenn du doch nicht schlafen kannst, schütte mir dein Herz aus und sage mir, wo es dir fehlt und was dich quält.» Doch sie stieß erregt seine Hand zurück: «Laß mich in Ruhe, es ist nicht nötig, daß du mich auch noch plagst mit deinem kindischen Händegeben und Gefrage.»

Da wandte er sich bitter gekränkt ab und ließ sie. In diesem Augenblick hatte er mehr das Gefühl, sie verhärte sich eigensinnig, als daß sie krank und bemitleidenswert sei, und Ungeduld und Unleidigkeit drängten ihm eine scharfe Zurechtweisung auf die Zunge. Doch bezwang er sich, und als er am Morgen ihre hilflose Traurigkeit und Niedergeschlagenheit bemerkte, war er froh, geschwiegen zu haben. Schamhaft schlug sie ihre Augen nieder und wich ihm aus, wie eine, die mit Entsetzen in Abgründe der eigenen Seele geblickt hat und darüber in Verzweiflung geraten ist.

38 So kam die dritte Nacht seit dem Begräbnis. Frühzeitig fiel Lisbeth in Schlaf, und ihr Mann frohlockte, nun sei es gewonnen. Voll Zuversicht schloß auch er die Augen. Plötzlich, mitten in der Nacht, weckte ihn ein wilder, markerschütternder Schrei; es klang wie der Wehelaut eines tödlich Getroffenen. Entsetzt sprang er auf und fand seine Frau in heftigen Weinkrämpfen.

«Um Gotteswillen, was hast du, was kann ich dir helfen?» fragte er angstvoll und umschlang sie mit den Armen. Sie zitterte am ganzen Leibe. «Hat dir etwas Schreckliches geträumt oder bist du krank?» Sie schluchzte. «Red doch, damit ich etwas tun kann für dich.» Da preßte sie zwischen stoßweisen Schluchzern hervor:

«Nun – ist – es – geschehen!»

Wieder drang er in sie:

«Was ist geschehen?»

«Das Unglück!» stieß sie hervor.

«Welches Unglück?»

Statt einer Antwort stieß sie ihn heftig von sich, vergrub das Antlitz in die Kissen und weinte. In seiner Ratlosigkeit wollte er Licht anzünden.

«Lösch das Licht aus», kreischte sie mit unnatürlicher Stimme, «und laß mich in Ruhe!»

Aufs höchste betroffen stand er da. Um sie nicht noch mehr aufzuregen, tat er ihr den Willen, tastete sich ins Bett und horchte gespannt auf ihre Atemzüge. Nach langer Zeit weinte sie sich in Schlaf, und auch er fiel, von Abgespanntheit übernommen, in einen unruhigen Halbschlummer.

Am Morgen hatte sich Lisbeth leidlich erholt; sie sah besser aus als die Zeit her. Hansueli drang ernstlich in 39 sie, sie solle doch zu ihm Vertrauen haben und ihm offenbaren, was sie bedrücke. Wenn sie krank sei, gerne wolle er den Arzt holen. Was das gewesen sei mit dem Schrei und dem Weinen in der Nacht? Doch auch diesmal war sein Drängen fruchtlos. Sobald er zu reden begonnen hatte, nahm ihr Gesicht einen versteinerten, feindseligen Ausdruck an. Sie wollte sich an nichts erinnern können; ihr fehle nichts, sie sei gesund, aber er quäle sie, wo er könne. Da gab er es auf, mit ihr zu reden.

Die nächsten Tage verflossen ruhiger. Lisbeth gab keinen besondern Anlaß zu Besorgnissen. Gewissenhaft erfüllte sie ihre häuslichen Pflichten. Ein Fremder hätte an ihr nichts Auffälliges gefunden, nur wortkarg und verschlossen blieb sie. Zu Zeiten hatte ihr Antlitz einen geistesabwesenden Zug, und sie geriet in brütendes Sinnen. Hansueli hoffte auf die heilende Zeit, hatte Geduld und ließ sie gewähren. Nur eines kam ihm seltsam und ganz unerklärlich vor: Sobald sich Lisbeth unbeachtet glaubte, schlich sie hastig hinaus zum Brunnen und wusch sich Gesicht und Hände, bis sie brannten ...

*

Die Behausung des Tannenstumpers blieb nicht lange unbewohnt. Des Tanngratschusters Tochter, die Marei, suchte ein solches Stübchen. Ihr Vater, den sie in seinen alten Tagen treulich gepflegt hatte, war gestorben, und nun stand sie allein in der Welt. Doch hatte sie so viel ertaglöhnert und zusammengelegt, daß sie ihr Leben von nun an einigermaßen nach eigener Wahl einrichten konnte. Ans Heiraten dachte sie nicht mehr, da sie schon die Vierzig hinter sich hatte. Dienstmagd zu sein, sagte ihr auch nicht zu. Nicht zwar, daß sie die Arbeit gescheut 40 hätte, gegenteils war sie als eine richtige Werkader bekannt und geschätzt; aber alte Köpfe fügen sich schwer in neue Ordnungen, und je älter der Mensch wird, desto weniger gern läßt er sich schuhriegeln. In einem eigenen Stübchen selbständig schalten und walten zu dürfen, schien ihr etwas so Schönes, daß sie dafür gerne kurz abbeißen und sich mit wenigem begnügen wollte. Denn ihre Mittel waren bescheiden und langten nicht für eine teure Wohnung. Das Stübchen im Wohnspeicher des Knochenstampfers hätte ihr außerordentlich gut gepaßt. Rebers waren ihr als rechtliche und wohlmeinende Leute bekannt. Der Wohnzins erschien ihr mäßig, und die Aussicht, ihn durch Taglohnarbeit abverdienen zu können, fiel auch in die Waagschale. Nur eines lag ihr quer: daß sich der Tannenstumper in dem Stübchen, wo sie mutterseelenallein wohnen sollte, erhängt hatte. Aber im Grund war sie ein beherztes Frauenzimmer, das sich umschauen durfte, wenn es hinter ihr raschelte. Darum gab sie Hansuelis verständigem Zureden Gehör und sagte zu, und der Knochenstampfer war froh, sie als Mieterin gewonnen zu haben. Er hoffte, weibliche Gesellschaft und Unterhaltung werde auf Lisbeth wohltätig wirken und sie am ehesten von ihren verschrobenen Grübeleien abziehen. Sie hatte schon lange weiblichen Umgang entbehrt und war vielleicht deswegen wunderlich geworden. Auf alle Fälle war nun eine Stütze zur Hand, die rasch einspringen konnte, wenn seiner Frau etwas zustoßen sollte. Nachdem er mit Marei den Mietkontrakt beredet hatte, machte er auch Lisbeth Mitteilung davon und fragte sie um ihre Meinung; doch zeigte sie für diese Angelegenheit wenig Interesse und sagte weder ja noch nein.

41 So zog denn die neue Mieterin ein. Anfangs kam es ihr etwas unbehaglich vor, und besonders abends mußte sie die Ohren nach verdächtigen Geräuschen spitzen. Doch verlor sich dieses Gespanntsein bald, als sich nichts Unliebsames ereignete. Marei hatte ein kindlich vertrauendes Gemüt. Wenn sie ihr Nachtgebet verrichtet hatte, so war ihr, als sei nun eine starke Schutzmauer um sie gezogen. Sie wußte sich auch im neuen Heim unter der Hand des Allmächtigen.

So erzählte sie mir selbst, als ich einmal flüchtig ihre persönliche Bekanntschaft machte und dabei eine Überraschung erlebte, die ich kurz erwähnen muß. Eines meiner Unterweisungskinder im Erlengraben lag krank. Als ich es besuchen wollte, kam ich auch bei der Knochenstampfe vorbei. Am Wege kehrte eine Frau abgezogenen Flachs mit einer langen Stange. Beim Grüßen wendete sie mir ihr breites, ehrliches Gesicht voll zu, und augenblicklich wußte ich, daß mir dieses Gesicht schon irgendwann und irgendwo begegnet sein mußte. Doch vermochte ich es trotz angestrengten Nachsinnens nicht heimzuweisen. Auf dem Rückwege knüpfte ich deshalb mit der Frau ein Gespräch an. Sie grub dicht am Sträßchen Kartoffeln aus, und nach einigem Hin- und Herreden wußte ich, wen ich vor mir hatte. Es war die fröhliche Garbenträgerin, deren Tapferkeit ich auf meiner Gratwanderung bewundert hatte. Als ich ihr berichtete, daß ich sie für die Hausfrau und Familienmutter gehalten habe, schüttelte sie lächelnd den Kopf: des geizigen Krähennest-Peters Frau möchte sie nicht sein, sie habe dort schon in den wenigen Tagen beinahe den Verleider bekommen, als sie für die bettlägerige Frau eingestanden war.

42 Doch nun will ich weiterfahren von ihr zu erzählen, wie ich sie aus Hansueli Rebers Schilderungen kennengelernt habe: Tagsüber war sie fleißig wie eine Ameise. Sie lief in den Wald, las Holz zusammen, hackte und schichtete es auf. Sie sammelte Tannzapfen; viele Körbe voll schleppte sie heim und dörrte sie an der Sonne, bis sich die Schuppen emporsträubten. Sie bepflanzte ihr Gärtchen, fegte ihr Stübchen, flickte an den Kleidern, hing ein Wäschlein an die Leine oder strickte an einem Strumpfe. Keinen Augenblick ging sie müßig.

Beim Hausbauer hatte sie schon nach wenigen Tagen einen gewaltigen Stein im Brette. Das war auch gar nicht verwunderlich. In aller Herrgottsfrühe schon stand sie im Grasgarten, um beim Eingrasen behülflich zu sein. Sollte rasch eine Botschaft ausgerichtet werden, sie hatte flinke Beine. Hatte man sie auf dem Acker nötig, gleich war sie bei der Hand. Jegliches Werkholz paßte ihr zwischen die hartgearbeiteten Finger. Mähen und Furchenhacken konnte sie, einem Mannenvolk zum Trotz. Ohne Wesens zu machen, griff sie überall da an, wo es ersprießlich war. Kollerten die Gelbbirnen im Weg herum, die Marei las sie zusammen und stellte sie in die Küche. Warf der Wind ein Wäschestück von der Leine, alsbald stand sie daneben und steckte es fest. Rannten die jungen Schweine in der Hofstatt herum und wollten sich nicht wieder in den Stall sperren lassen, ungeheißen half sie wehren. Blieb ein Feldgerät draußen liegen, sie erspähte und verörterte es. Vergaß der Bauer einmal seine Bluse neben dem Acker, sicherlich brachte Marei sie heim und ersparte ihm einen Gang. Immer war sie bereit, für ihn ein Gelenk zu biegen. Das tat ihm wohl, und er sagte mehr als einmal zu seiner Frau:

43 «Wie gut ist es doch, daß wir mit der Marei geakkordet haben. Man weiß gar nicht mehr, wie wohl man lebt, seit sie hier ist. Was wollten wir anfangen, wenn wir die Marei nicht hätten!»

Auf solche Worte hin kräuselten sich Lisbeths Lippen allemal zu einem kalten, höhnischen Lächeln. Ein verbissener Zug erschien in ihrem Antlitz, ein finsterer Glanz in ihren dunkeln Augen. Sie widersprach nie, stimmte aber auch nicht mit einer einzigen Silbe in diese Lobsprüche ein, obschon ihr Marei tat, was sie ihr an den Augen absehen konnte. Hansueli hatte ihr mitgeteilt, daß seine Frau seit dem traurigen Ende des Stumpers oftmals ein wenig eigen sei, daß die unselige Tat sie erschreckt habe und Schonung geboten sei. Marei konnte das gut nachfühlen und empfand aufrichtiges Mitleid mit der verängstigten Seele. War sie beim Hausbauer auf dem Taglohn und aß am gemeinsamen Tische, dann räumte sie, sobald das Schlußgebet gesprochen war, das Geschirr in die Küche und stellte sich ungeheißen an die Abwaschbank. Und bevor noch rasch der Besen über den Lehmboden gezogen, das Feuer im Herde versorgt und der Kessel mit Wasser gefüllt war, ging sie nicht auf den Acker. Anfangs ließ sich das Lisbeth gleichmütig gefallen; aber zu einem vertraulichen Verhältnis zwischen den Frauen kam es nicht. Seit jedoch der Bauer in seiner Herzenseinfalt die Mieterin so sehr rühmte, drehte sich bei Lisbeth der Wind. Wollte ihr Marei abwaschen helfen, so nahm ihr Lisbeth das Geschirr aus der Hand. Rührte Marei einen Besen an, so verschwand Lisbeth in der Nebenstube und riegelte sich ein. Füllte die Taglöhnerin den Wasserkessel, dann leerte ihn die Bäuerin und holte anderes. Kurz, Marei fand es geraten, 44 im Hause möglichst wenig mehr anzurühren, und Hansueli merkte, daß seine Zunge eine Torheit begangen hatte. In Zukunft legte er sich ein Schloß vor den Mund, aber Geschehenes konnte er nicht ungeschehen machen.

Lisbeth war unzugänglicher denn je. Jedes vertrauliche Wort, jede Zärtlichkeit wies sie zurück. Einzig für Johannesli, den Sohn, hatte sie noch etwas spärliche Freundlichkeit übrig. Häufig geriet sie wieder ins Brüten und vergaß darüber ihre Arbeit. Manchmal wurde ihr beim Abwaschen das Wasser kalt, oder das Feuer im Herde ging aus, und die Mahlzeit war nur halb gekocht. Abends war die Lampe noch ungeputzt. Die Schweine mußten revoluzzen, bevor sie ihr Fressen erhielten, und nur die Hühner waren angenehm überrascht, das Gartengätterlein offen zu finden. Oder es kam vor, daß sich die Milch zischend über die Gußplatte des Kochherdes flüchtete vor dem sengenden Feuer. Schmälte der Mann ein einzig Wort nur, dann war Feuer im Dach. Lisbeth schaute so gehässig und rachsüchtig drein, daß er sich scheute, sie anzublicken. Ihr Gesicht hatte sich stark verändert; harte Linien entstellten die einst so gutherzigen Mienen, und in den Augen brannte beständig der unheimliche, finstere Glanz. Hansueli wurde ganz weh zumute, wenn er sie betrachtete. Sprach er vom Arzt, dann kam die spöttische Antwort: «Ich bin so gesund wie du, du wartest umsonst auf meinen Tod.»

Zeitweise verfiel Lisbeth dann wieder in eine unheimliche Hast und Geschäftigkeit. Dann klirrten die Löffel und Gabeln ihr seltsam unter den Händen; die Diele knarrte seufzend unter ihren Tritten; die Türe schoß unwillig ins Schloß; die geschwellten Kartoffeln rollten ihr beim Ausschütten über den Tisch hinaus, und 45 die Milch spritzte ihr beim Aufstellen ungeberdig über den Kachelrand hinaus. Dann zerriß ihr beim Aufziehen der Schwarzwälderuhr die Kette, woran der Gewichtstein hing; der Küchenboden hatte eine unheimliche Anziehungskraft für Heimberger Geschirr; irgendwo lauerte ein umgekrümmter Nagel auf die günstige Gelegenheit zum Kleiderzerreißen, und auch der alte Besen kannte die Ecken nicht mehr.

Wenn auch Lisbeth den Fliegenschmutz an den Fensterscheiben und das Unkraut im Garten nicht mehr sah, für gewisse Dinge hatte sie um so schärfere Augen und Ohren. Standen Hansueli und Marei irgendwo beisammen, so sah sie es um die Ecke; sprachen die beiden miteinander, so hörte sie es durch eine Mauer hindurch. Halbstundenlang konnte sie ihnen durch eine Fensteröffnung oder Ritze zuschauen, wenn sie auf dem Acker arbeiteten. Das unzeitige Waschen hatte sie schon längst wieder aufgegeben, gegenteils kämmte sie sich zeitweilig nicht einmal die Haare und hielt ihr Gewand schlecht in Ordnung.

Eines Abends saß Hansueli unter der Kuh beim Melken. Früher hatte er dabei oft gejodelt oder ein Lied gesungen. Nunmehr war ihm das Jodeln längst vergangen. Während er noch an der Arbeit war, kam Marei mit ihrem Milchhäfelein, um ihren Liter frisch von der Kuh weg zu holen. An der Stalltürschwelle blieb sie wartend stehen, und die beiden führten irgendein gleichgültiges Gespräch.

Auf einmal kam mit raschen Schritten die Lisbeth gegangen. Ihr Gesicht flammte, und die Augen glänzten fiebrig. Unversehens gab sie Marei einen heftigen Stoß, daß diese auf den Stallgang zu Boden stürzte und den Milchtopf in Stücke schlug.

46 «Krieche doch zu ihm unter die Kuh, du Ehebrecherin, du Lumpenmensch!» schrie Lisbeth und trat die Gefallene mit Füßen, schrie und tobte wild. Hansueli sprang auf, stellte rasch den Kessel weg, ergriff seine Frau bei den Armen, schüttelte sie unsanft und fuhr sie an: «Was soll jetzt das heißen! Besinne dich, was du tust und redest!»

«Hilf ihr nur, hilf ihr nur! Ihr beide seid längst ein Pack zusammen.» Und sie spie ihm in ohnmächtiger Wut ins Gesicht. Da fuhr ihr seine flache Hand klatschend auf den Mund.

«Und du bist eine wüste, böse Frau!»

Sie suchte sich loszureißen, kratzte, biß, kreischte und heulte; aber er hielt sie fest.

Derweilen war Marei aufgestanden. Still und betroffen ging sie davon. Heiße Tränen rollten ihr über die Wangen. «Nie wieder einen Schritt unter dies Dach!» das war ihr unwiderruflicher Entschluß.

Auf Lisbeths Wutausbruch folgte ein schrecklicher Weinkrampf. Hansueli, schon reuig, sie geschlagen zu haben, führte sie in die Stube und legte sie aufs Bett, wo sie sich in Zuckungen hin und her wand. Er vermochte nicht, sie zu besänftigen, die Kehle war ihm wie zugeschnürt vor Grauen. War das die Frau, neben der er fast zwei Jahrzehnte lang gearbeitet, gegessen und geschlafen, deren Gedanken letzten er zu kennen vermeint hatte, oder war es ein wildfremdes Geschöpf? Wie konnten dieser Frau, der er nie eine Falte seiner Seele verborgen hatte, solche grundlosen, giftigen Vorstellungen ins Hirn steigen? Die ganze Nacht mußte er sich abquälen mit den unglückseligsten Seelenmartern.

Bisher war er durchs Leben gegangen wie ein Pflug durch gute fruchtbare Ackererde, sachte und geradlinig. 47 Mancher Stein hatte dabei die Pflugschar geritzt; aber sie hatte ihn kräftig beiseitegeschoben, war scharf und unverletzt geblieben, hatte sich nicht aus der Richtung sprengen lassen, und kein zersetzender Rost hatte sich an ihr einzufressen vermocht. Gelegentlich war sie auch einmal auf Fluhsätze gestoßen oder hatte sich im Gewirr verschlungener Wurzeln festgehakt; aber auf Fluhsätzen findet der Fuß festen Stand, kann der Pickel arbeiten und lossprengen Stück um Stück, wenn es auch mühsam geht, kann gute Erde aufgeschüttet werden, Wurzeln können gelöst und durchschnitten werden; es ist ein fester Angriffspunkt gegeben, ein Absehen des Zieles und Gelingens dabei. Wenn aber Geschirr und Pflug ins Bodenlose hineingeraten, bei jedem Hub und Ruck tiefer und tiefer sinken, der Fuß keinen zuverlässigen Grund findet, da wird alle Kraft eitel, der Mut klein und die Hoffnung ein erlöschender Docht. So war es in Hansuelis Leben. Alles Widerwärtige, Feindselige, das ihm begegnet war, hatte sich packen und ordnen oder umgehen lassen, war zuletzt klar und überwindlich geworden. Jetzt ragte das Dunkle, Rätselhafte, Unangreifbare und doch Unabweisbare in sein Leben hinein. Zum ersten Male wich der vertrauenden Seele der feste Untergrund des Begreifens und Verstehens, und sie blieb stecken in lähmender Bangnis, im Gefühl niederdrückender Ohnmacht und Hilflosigkeit. Sollte sie völlig wurzellos werden, ein Spiel dunkler Mächte, oder sollte die Wurzel bloß in tieferes Erdreich verpflanzt werden, wo sie vom Urquell alles Lebens und Seins noch reichlicher gespeist wurde?

Es war gut, daß Hansueli zu dieser Zeit viel Arbeit hatte, die ihn ablenkte. Lisbeths giftige Trümpfe hätten 48 ihn sonst zur Verzweiflung gebracht. Sie war unermüdlich und bewies ein unheimliches Geschick und einen verblüffenden Scharfsinn im Aufrupfen ausgesuchter Bosheiten. Je näher sie bei ihm sein und je ärger sie ihn quälen konnte, desto wohler schien ihr zu sein. Sobald sie ihn nicht sah, hatte sie keine Ruhe und kein Bleiben mehr.

Marei kam nie mehr unter das Dach, sie hielt ihren Vorsatz getreulich. Auch zur Arbeit erschien sie nie wieder und kündete unverzüglich die Wohnung.

Mit dem Bauer verlor sie nie mehr Worte, als unumgänglich notwendig, und beide vermieden peinlich jeden bösen Schein. Ein einzig Mal noch hatte er mit ihr eine längere Aussprache, dankte ihr für ihre Arbeit und ihr Gutmeinen und bat sie, ihm und seiner von Eifersucht verblendeten Frau nicht zu zürnen. Dann wichen sie einander aus, als lebten sie in bitterster Feindschaft, und Marei zog, sobald sie einen andern Unterschlupf gefunden hatte, aus.

Hansueli hatte auf diesen Zeitpunkt neue Hoffnungen gerichtet. Vielleicht wurde es besser, wenn Marei weit weg war. Doch das Opfer der gutherzigen Taglöhnerin war umsonst. Die Eifersucht hatte sich zu tief in Lisbeths Seele eingefressen. Nach wie vor verfolgte sie ihres Mannes Tun und Lassen auf Schritt und Tritt. Arbeitete er auf dem Acker, bereitete er unten in der Stampfe Knochenmehl oder besorgte er den Stall, immer hatte sie Not zu wissen, wo er sei. Unzählige Male mußte Johannesli Auskunft geben oder nachschauen, was der Vater tue. Kam dann gar ein weibliches Wesen durchs Sträßchen gegangen, hatte sie erst recht keine Weile mehr. Dann konnte die Milch wieder über den 49 Küchenboden laufen, die Speise jämmerlich anbrennen, und zum Nachtisch gab's häßliche Anschuldigungen.

Sobald Fremde sich der Wohnung näherten, ging Lisbeth beiseite und schloß sich ein. Trotzdem blieb Hansuelis Unglück den Nachbarn nicht verborgen. Von den Wohlmeinenden traute ihm zwar niemand etwas Schlechtes zu. Die Böswilligen hingegen spürten eine gewisse Genugtuung. «Hat der Ruhmnarr endlich auch seine Krippe voll zu kauen! Sonst nahm er immer den Mund so voll, als ob er schon im Vorhimmel wäre. Nun wird es ihm wohl ein wenig das Ruhmhorn verstopft haben, seit er weiß, was seine Lisbeth für ein Kaninchen ist. Ein böses Räf war sie alleweile.»

Auch an guten Ratschlägen fehlte es nicht. Der Seitenbauer, sein nächster Nachbar, wußte ein unfehlbares Mittel, den Weibern die Mucken aus dem Kopf zu treiben. «Ein vierfaches Seil an die Wand hängen und allemal, wenn sie ein krummes Maul ziehen, zuhauen damit, solange man einen Arm rühren kann. Das fegt die Spinnhuppen weg und stärkt den Gehorsam. Schmier sie doch einmal gründlich aus, dann hast du bald wieder Frieden und Eintracht. Wenn sie dich erteufelt, warum erteufelst du sie nicht auch?»

So der Rat dieses Sachverständigen. Hansueli wies ihn mit Abscheu von sich. Sosehr sie ihn manchmal gequält hatte, so weh ihm namentlich tat, wenn ihre Reden ins Gemeine ausarteten, für diese Roßkur war sie ihm doch noch zu gut. Vor solcher Behandlung schützte sie sein Charakter und das Andenken an die gemeinsam verlebten Jahre des Glücks. Zudem gab es auch bei Lisbeth Momente, wo durch all den Nebel hindurch ein leiser Strahl der alten Liebe zu schimmern schien.

50 In einer solchen günstigen Periode traf es sich, daß ich Hansueli Reber einen Besuch abstattete. Nach Wochen war die Kunde von seinem ehelichen Zerwürfnis auch zu mir gedrungen, doch hatte ich nur oberflächlichen Bericht erhalten. Auch er offenbarte sich mir damals nicht ganz, und mit Fragen in ihn zu dringen, hatte ich nicht den Mut. Er sah so schmalwangig und hohläugig aus, das Unglück hatte so hart an ihm gezimmert! Im Laufe des Gespräches legte er mir die Frage vor, ob ich seine Frau für geisteskrank halte oder nicht. Nach dem wenigen, was ich damals vernommen hatte, getraute ich mir nicht, ein Urteil abzugeben, und mochte ihm nicht die Hoffnung rauben, obschon mir schien, daß Anzeichen von Geistesstörung vorhanden seien. Ich erklärte ihm darum, daß die Beurteilung des Geisteszustandes Sache eines erfahrnen Arztes sei und auch dieser in schwierigen Fällen erst dann zu entscheiden wage, wenn er den Patienten in der Anstalt längere Zeit genau beobachtet habe. Ich meinte, das klug gemacht zu haben – ach, hätte ich meinen Hansueli Reber schon damals besser gekannt! Natürlich bat ich ihn auch herzlich, sich an mich zu wenden, wenn ich ihm etwas helfen könne, und nahm Abschied, ohne Lisbeth gesehen zu haben.

*

Ein trübseliger Winter ging zu Ende, und ein hoffnungsfreudiger Frühling zog ins Land. Bald grünten und blühten Baum und Strauch, und frohes Leben regte sich allenthalben. Nur im Heim des Knochenstampfers im Erlengraben wollte die Trübsal und Drangsal nicht weichen. Immer noch geriet Lisbeth ins Brüten und Horchen, ins Gifteln und Schelten und machte ihrem Manne das Haus 51 zur Hölle. Immer noch hatte er ihren Anwürfen mit Engelsgeduld standgehalten. Aber einmal wurde es auch ihm zu viel, als sie ihn wieder aufs Blut quälte. Die Bitterkeit und der Zorn stiegen ihm in die Kehle, er konnte nicht mehr reden wie ein Mensch, sondern stieß Laute aus wie ein mißhandeltes Tier. Die Sonntagskleider riß er aus dem Schranke, ein frisches Hemd aus dem Tröglein und die bessern Lederschuhe unter dem Ofentritt hervor. Dann versorgte er sich mit Bargeld, setzte den Wollhut auf und übergab dem weinenden Johannesli das Kassenbüchlein.

«Jetzt gehe ich fort. Ich halte es nicht mehr länger aus. Dinge einen Knecht. Um mich sorge dich nicht. Sobald ich irgendwo angestellt bin, schreibe ich dir. Vielleicht kann ich dir auch etwas Geld heimschicken. Versorge das Büchlein gut. Behüte dich Gott! Hilf dir, wie du kannst! Wein doch nicht so!»

Lisbeth starrte ihn mit entgeisterten, weitaufgerissenen Augen an. Da griff er nach der Türklinke; nicht einen Blick schenkte er ihr. Jetzt schrie sie auf:

«Geh nicht fort, geh nicht fort. Ich lasse dich nicht gehen, du darfst nicht. Johannesli, hilf!»

Sie klammerte sich an ihm fest.

«Weg jetzt! Nun ist es einmal genug!» Er schüttelte sie ab. Sie krallte sich mit beiden Händen an seinem Westenkragen fest. Mit einem heftigen Ruck wollte er sich befreien. Da rissen die Westenknöpfe ab und rollten über den Stubenboden. Sie sank in die Knie, immer noch mit den Händen krampfhaft festhaltend. Knirschend löste er ihr die Finger. Laut weinend rutschte sie ihm auf den Knien nach und erhob flehend die Hände. Doch schon schmetterte die Türe ins Schloß. Mit raschen Schritten 52 eilte Hansueli wegabwärts, er konnte ihr Schreien nicht mehr anhören. Wie er das Sträßchen erreicht hatte und sich talauswärts wendete, tönte ihm das Muhen seiner Lieblingskuh in die Ohren. Wie sie ihm leid taten, die lieben Tiere! «Wer wird sie nun versorgen, daß es ihnen an nichts gebricht», dachte er. Ach, hätte er ihnen doch wenigstens noch die Raufe voll gestopft! Fast nötete es ihn, umzukehren und das noch nachzuholen. Doch nein, es konnte nicht sein. Er marschierte bis zur Wegkehre. Hier mußte er halten und sich umschauen. Einen letzten Blick mußte er seinem lieben Heim schenken. Die Strahlen der scheidenden Abendsonne lächelten lieblich darauf nieder. Da war ihm, als ob sich tausend Arme nach ihm ausstreckten und ihn zurückzögen. «Kehre um!» winkte ihm die goldgelbe Löwenzahnmatte, «wir beide gehören zusammen.» «Willst du nicht schauen, was für schwere, volle Ähren ich für dich reife», mahnte der saftiggrüne Kornacker. «Hast du ganz vergessen, wie viele Vier-, Sechs- und Achtbösche von unsern herrlichsten Nüssen wir dir für deinen Johannesli geschenkt haben», erinnerten die behäbigen Haselbüsche oben am jäh abfallenden Rain. «Wer wird nun mein Sonntagsgast sein», klagte der Wintersitzplatz oben am Waldsaum, wo der Schnee immer am frühesten schmilzt und die ersten Blütenbüschel der Tormentille erscheinen. «Geh, wenn du ein Tor bist», zürnte der Kartoffelacker, «wo in aller Welt findest du solche mehligen Kartoffeln, wie ich sie dir gespendet habe?» «So viele Jahre habe ich dir Schutz und Schirm geboten, deine Habe geborgen und deinen Schlaf bewacht, und nun kehrst du mir den Rücken», ereiferte sich das sonnbeglänzte Dach. Und durch die blustbehangenen Fruchtbäume ging ein 53 leises Zittern und Beben wie von verhaltener Trauer; die Amsel oben auf der Spitze der großen Rottanne hörte auf zu singen; der Holunderstrauch und die Büsche am Bächlein senkten wehmütig ihre Blätter. Alle machten sich schön, so schön wie sie noch nie gewesen waren, und alle baten vereint: «Kehre um, da es noch Zeit ist, wir gehören zusammen, wer wird uns so lieb haben wie du?»

Lange schaute er hin, schaute von einem Liebern zum andern, bis ihm heiße Tränen die Augen verdunkelten und er nicht mehr sehen konnte. So weinten Adam und Eva, als sie aus dem Paradiese mußten. Tropfen um Tropfen rieselte über die hagern Wangen. «O wie gerne wollte ich bleiben; aber sie richtet mich zugrunde. Die bösen Blicke, die vorwurfsvollen Mienen, die gehässigen Worte, die aufreizenden Gebärden, die schlaflosen Nächte, die friedlosen Tage, nein ... nein ...» Er wandte sich zum Gehen. Da erblich langsam der helle Schein auf den Bäumen, Grasmatten und Äckern; die leuchtende Schönheit erlosch; düster und bekümmert standen Haus und Garten, Wiesen und Hofstatt. Nur die steil aufragende Pappelspitze erglühte in festlicher Abendschöne, als hätte sie noch immer Hoffnung. Und wieder wurzelte sein Fuß am Boden, den letzten Schimmer noch wollte der Wanderer verglimmen sehen, vielleicht zum letztenmal verglimmen sehen, und dann hinaus in die weite, fremde, unfrohe Welt.

Jetzt öffnete sich oben im Hause die Türe, und heraus schritt, ebenfalls sonntäglich gekleidet, soweit es die Zeit erlaubt hatte, Lisbeth eilfertig quer durch die Grasung hinunter dem Sträßchen zu.

Hansueli beschleunigte seine Schritte. Da fing sie an 54 zu laufen. Laufend und rufend eilte sie hinter ihm her. Daraus erkannte er, sie sei entschlossen, ihm zu folgen, wohin es gehe; darum wartete er. Bis auf wenige Schritte trat sie an ihn heran. Dann blieb sie zögernd stehen und rang ratlos die Hände. Demütig schwieg sie und erwartete, daß er sie anrede. Nun fing er wieder an zu marschieren. Sie ging hinter ihm her. Nun stand er still. Da blieb auch sie stehen und wartete wie ein Hündlein, das einen schlimmen Streich verübt hat und sich nicht mehr getraut, fröhlich an den Herrn hinaufzuspringen.

So konnte es nicht weitergehen. «Warum kommst du mir nach? Bin ich denn nirgends sicher vor dir und deiner Bosheit!» herrschte er sie an.

Sie schluchzte herzerschütternd. «Ich weiß nicht, warum es über mich kommt, daß ich so sein muß. Hab Erbarmen mit mir, ich kann nicht anders. Wenn du gehst, so muß ich mitkommen!» Jammer, Elend, Herzbeben zitterte aus ihrer Stimme.

«Gott und Vater im Himmel, was ist das für eine Zuversicht!» seufzte er halb entwaffnet. Jetzt wagte sie ein scheues Näherkommen, und wie sie bei ihm war, schlang sie ihm die Arme um den Hals, preßte ihn an sich und küßte ihn, küßte ihn, wie sie ihn seit den Tagen ihrer jungen Ehe nie mehr geküßt hatte, und netzte ihm mit ihren Tränen seine Wangen. «Lieber, Lieber, Lieber!» stammelte sie dazwischen.

Ihre Herzensnot entwaffnete ihn ganz. Er konnte nicht länger widerstehen und duldete, daß sie ihn am Arm nach Hause zog. Alles, was er wollte, versprach sie ihm. Es war, als hätte ihr die Angst das Eis des Herzens geschmolzen und die Fesseln der Zunge gelockert. An jenem Abend konnte sie zu ihm reden von den Schatten, 55 die sie verfolgten, ohne ihn zu reizen, wahr und ergreifend in ihrer Unbehülflichkeit. Er glaubte ihr und flehte zu Gott um Kraft, zu ertragen, was ihnen auferlegt war. Zum erstenmal seit langem ruhte sie friedlich atmend an seiner Brust.

In der Nacht rüttelte sie ihn heftig: «Erwache, erwache, sie ist wieder da!»

Schlaftrunken hob er den Kopf: «Wer ist da?»

«Sie, sie, die Marei. Jetzt kommt sie als grüne Eidechse! Siehst du sie nicht, wie sie sich ankrallt, dort, dort am Fenster, wie sie die glotzenden Augen rollt! Sie will nicht, daß ich bei dir schlafe. Hilf mir; halte mich!»

Sie klammerte sich an ihn, und er spürte, wie ihr das Herz in wilden Schlägen pochte.

«Sei ruhig; ich halte dich; niemand kann dir etwas tun!»

«Schau, wie sie mit der gespaltenen Zunge nach mir sticht und geifert. Willst du jetzt weg, verfluchtes Untier!»

Blitzschnell riß sie sich los, ergriff einen Schemel und schmetterte ihn so wuchtig hin, daß das ganze Fensterkreuz klirrend in Stücke flog. Dann lachte sie gellend auf und kroch wieder unter die Decke:

«Nun wirst du wohl genug haben für Zwanzig!»

*

Nun war der Nebelschleier zerrissen. Jählings hatte das Unfaßbare Gestalt angenommen. Jetzt konnte Hansueli Reber nicht mehr im Zweifel sein, welcher Art Bürde auf seine Schultern niedergesunken war. Mir bangte sehr um ihn. Daß das Schicksal just ihn, den Weichherzigen und wehrlos Gütigen, so hart treffen mußte, war 56 mir unendlich leid. Ich hatte keine Ruhe, bis ich wußte, wie er es aufnehme. Konnte ich ihm auch nur spärlichen Trost spenden, so wollte ich ihm doch den guten Willen beweisen und teilnehmend die Hand drücken.

Zu meiner großen Erleichterung fand ich ihn ruhig und gefaßt. Meines Trostes bedurfte er nicht. Ihn tröstete die Kraft und Weisheit der einfältig reinen Herzen, der Glaube.

«Das Schwerste ist von mir genommen; meine Frau ist mir wieder geschenkt. Sie ist nicht töricht und kindisch, nicht gemein und schlecht, nicht boshaft und rachsüchtig. Sie ist nur krank, und es trifft sie keine Schuld. Was wir tragen, kommt von Gott. Das ist mir der beste Trost; denn aus Gottes Hand kann ich das Leiden geduldig annehmen, nachdem ich so viel Gutes empfangen habe. Nun kann ich meine Frau wieder liebhaben und bin nicht mehr so einsam.»

So sprach er, und kein selbstquälerisches Murren oder Hadern kam über seine Lippen, nur sein armes Weib beklagte er. Von Versetzung in eine Anstalt wollte er nichts hören.

Mir rannen heilige Schauer durch Leib und Seele. Wie oft hatte ich beklommen geseufzt: «Kann auch das Schilf aufwachsen, wo es nicht feucht ist!» Nun erfuhr ich: «Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle.» Das Wort: «Ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürcht' ich doch kein Unglück; denn du bist bei mir», war vor meinen Augen Fleisch geworden.

Diese Stunde hat mir köstlichen Gewinn gebracht. Sie hat mir die Menschen lieb werden lassen und mir Vertrauen und Freudigkeit gegeben, unter ihnen zu wirken. Ich war gekommen, um Kraft zu erwecken, und 57 hatte nun selber Kraft empfangen. Neugestärkt und im Innersten erhoben ging ich von dannen.

*

Sieben Jahre lang hat er die Bürde getragen als ein Mann und Christ. Sie hat ihm manchmal einen Seufzer ausgepreßt; denn er war ein Mensch und besaß menschliche Schwäche; aber sie hat ihn nicht zum Seelenkrüppel verunstaltet. Wohl blichen seine Haare, wohl furchte sich sein Antlitz; aber aus seinen Augen leuchtete Freundlichkeit und gütiger Ernst; im Gärtlein seines Gemüts öffnete sich immer noch ab und zu ein bescheidenes Blütenknösplein.

Die sinnlosen und schmählichen Anschuldigungen seiner Frau ertrug er mit vollkommener Sanftmut und Geduld. Wenn sie so recht schwer hatte und wider ihn eiferte, sprach er mit mildem Erbarmen: «Rede dich aus; entleere das gesammelte Gift; schrei! Wenn dir nur leichter wird, dann ist alles gut.» Selbst wenn sie ihn wie mit ausgeklügelter Bosheit zu verwunden trachtete, ließ er es sie nicht entgelten.

Wie schon früher, folgte auf die Eiferzeit fast regelmäßig eine Schonzeit. Leise, wie ein todwundes Vöglein seine gelähmten Flügel zu heben versucht und kraftlos wieder sinken läßt, kämpften in der Seele die Gotteskräfte der Liebe und Treue gegen die starren Fesseln des Wahns und erweckten in Lisbeth ein verschwommenes Empfinden, sie habe eine schwere Verfehlung gutzumachen. Dieses dunkle Gefühl äußerte sich nie in Worten oder Liebkosungen, sondern es trieb sie zur Arbeit. Frühmorgens schon stand Lisbeth hinter einem Werk und gönnte sich keine Ruhe bis tief in die Nacht 58 hinein. Ihr ganzes Schalten und Walten war eine hinreißende Bitte um Erbarmen und Verständnis. Und nie in seinem ganzen Leben erschütterte etwas Hansueli Rebers Herz so tief wie diese lautlose und unbewußte Flehgebärde. Manchmal, wenn seine Frau sich mit heißer Mühe abrackerte, wurden seine Augen feucht. Dann nahm er ihr das Werkzeug aus der Hand, strich ihr liebkosend über den Scheitel und sagte: «Tu dir nicht zu viel, du Arme, Liebe, Gute! Ich sehe wohl, du möchtest meine liebe, brave Lisbeth sein, wenn du nur könntest; aber du bist wie ein Bienlein, dem eine garstige Spinne mit ihren Fäden die Flügel umwunden hat.» Und wenn er dann so liebreich mit ihr sprach, war es, als hätte ihr der Wind ein paar Töne einer lieben, altbekannten Melodie hergeweht; ein leiser Abglanz scheuen und stillen Glückes verschönte ihr Antlitz; die beiden durften einen Augenblick ihre Bürde anlehnen und Atem schöpfen.

Sieben Jahre lang hat es bei Lisbeth gewechselt wie der zu- und abnehmende Mond. Diese sieben Jahre sind auch mir unvergeßlich geblieben. In dieser Zeit hatte ich den Hansueli Reber fast jeden Sonntag in der Kirche. Und wenn er kam, dann wußte ich: Dich hat einer nötig! Drum ließ ich die ganze Woche nicht nach, bis ich erbauliche Trostworte gefunden hatte. Um das Urteil der Menge kümmerte ich mich nicht mehr groß. Wenn Hansueli Reber bei der Bitte des Schlußgebetes: Dein Wille geschehe! still nickte, war ich für meinen guten Willen belohnt genug. Nicht ein beliebter Mann und berühmter Redner wollte ich mehr sein, sondern ein Helfer allen denen, die eine Bürde trugen. Darum gewann mein Leben Reichtum und Fülle; von einer Bürde auf den eigenen Schultern wußte ich wenig mehr. Später 59 durfte ich erfahren, daß ich in dieser Zeit nicht nur eine Seele erquickt, sondern auch andere gewonnen hatte. Ein rechtes Liebes- und Lebenswort, geboren aus herzlichem Wohlwollen, findet manchmal einen guten Ort, wo man es nicht vermutet. Nach und nach wurde mir mein Wirkungskreis so lieb, daß ich mich nicht mehr hätte davon trennen mögen. Besonders gerne erinnere ich mich der heiligen Sonntage, wo das Abendmahl ausgeteilt wurde. Wenn ich die Männer und Frauen mit züchtig gespannten Gliedern zum Tische des Herrn kommen sah, als träten sie vor den Thron Gottes, wenn sich auf ihren Gesichtern die aufrichtigste und tiefste Ehrfurcht vor dem Heiligen spiegelte, dann wallte mir allemal das Herz auf, und ich sprach bei mir: Liebe Brüder und Schwestern, gerne will ich bei euch sein, und wenn eure Fehler noch so groß wären ...

Nach sieben Jahren schwerer Prüfung kam unerwartet eine Änderung. Früher und strenger als gewöhnlich hatte der Winter eingesetzt. Schon im November schneite es ein, und an Hansueli Rebers Wasserleitung hingen rockärmeldicke Eiszapfen. Hansueli konnte nicht mehr viel verrichten mit Knochenmehlstampfen. Die Wasserkraft langte nicht, das ganze Werk in Betrieb zu setzen. Doch hatte er für die Frühjahrsdüngung schon einen ansehnlichen Vorrat bereit und hoffte auf günstigere Tage. Hin und wieder brachten die Nachbarn ein paar Säcke Korn, um sie brechen zu lassen und für ihr Vieh kräftiges Beifutter zu gewinnen; denn in dem nassen Sommer vorher war gehaltarmes Heu gewachsen. Für das Geschäft des Kornbrechens reichte die Kraft immer noch hin, und eines Abends stand Hansueli in seiner Stampfe und füllte den mächtigen Steintrog nach. 60 Draußen klirrte es vor Kälte. Vom Wasserrad hatte er erst das Eis herunterschlagen müssen, bevor es sich regelrecht drehen konnte. Noch stand die Leiter an der höchsten Bockstütze angelehnt. Der Schußkanal war abgelenkt; ungehindert ergoß sich das Wasser hinunter in die steinerne Kammer. Das große Wasserrad ruhte unbeweglich auf seiner Achse. Drinnen verteilte Hansueli beim Schein der Laterne das Korn in die Löcher des Troges. Dann griff er nach dem Seil, das durch ein Loch der Wand hinauslief. Ein kräftiger Ruck, um den Schußkanal einzuschalten ... da ertönte draußen ein markerschütternder Aufschrei. Zitternd vor Schreck ließ der Knochenstampfer das Seil wieder fahren; es schnellte auf, und das Wasser rauschte hinunter wie vorher. Mit bebender Hand ergriff er die Laterne, eilte hinaus und zündete. Drunten auf dem Steingrunde der Wasserkammer lag ein Bündel Kleider. Er stellte die Laterne ab und kletterte, sich mit einer Hand am Gesträuch festhaltend, hinunter. Drunten, o Gott, lag sein armes, irres Weib. Er hob sie auf und kroch mühsam mit ihr empor – er hielt eine Leiche in seinen Armen.

Offenbar hatte ihr der Wahn wieder Gestalten vorgespiegelt. Darum war sie ihrem Manne nachgeschlichen und hatte auskundschaften wollen, was er tue und ob er allein sei. Durch das Heiterloch in der Wand hatte sie heimlich hineinspähen wollen. Darum war sie auf die Leiter gestiegen. Ob nun diese an dem vereisten Holze abgeglitten, oder ob jäher Schreck den Sturz verursachte – wer vermag's zu sagen?

Auf den Armen trug der Knochenstampfer sein totes Weib ins Haus, und drei Tage nachher haben wir sie begraben. Hansueli betrauerte sie aufrichtig, doch äußerte 61 er keinen übertriebenen Schmerz. «Ihr ist wohl geschehen – und uns auch», bekannte er ehrlich.

«Nun könntet ihr doch die Marei als Haushälterin einstellen», schlug ihm noch auf dem Kirchhof der Seitenbauer vor und maß ihn aus den Augenwinkeln mit beobachtenden Blicken.

«Das wird nicht geschehen», sagte er ruhig, «ich will nicht den Leuten Anlaß geben zu Gerede. Wir werden uns ohne Haushälterin behelfen müssen.» Dann trat er mit seinem Sohne den Heimweg an.

*

Ein mutter- und frauenloses Haus gleicht dem Tag ohne Sonne. Nur wo ein treubesorgtes Frauengemüt waltet, zieht Sonntagsstimmung ein in die Familie. Erst die unermüdlich ordnende Frauenhand schafft das Haus um zum behaglichen Heim. Wo man sie missen muß, fehlt die rechte Familienluft, fehlt des Lebens schönster Schmuck. Das spürten auch Hansueli und Johannes. Ohne weibliche Hilfskraft konnte ihr Haushalt nicht gedeihen. Die hunderterlei Sorgen und Verrichtungen des Hauswesens stahlen ihnen unverhältnismäßig viel Zeit und lagen ihnen schwerer auf als die übrige Arbeit. Was eine richtige Frau nur so aus dem Ärmel geschüttelt hätte, schuf ihnen Kopfzerbrechen. Darum machten sie sich mit Unlust dahinter oder ließen es auch sein. Auf die Länge konnte es nicht so weitergehen.

«Johannes soll doch eine Frau anstellen», rieten die Nachbarn.

Gewiß, das wäre die natürlichste Lösung gewesen. Das heiratsfähige Alter hatte er mehr als erreicht. Auch brauchte er den Mädchen nicht mehr auf die 62 Strumpfbänder zu stehen, wenn er ihnen einen Kuß geben wollte. Aus dem schüchternen Büblein war ein lang aufgeschossener Bengel geworden. Zwischen den Schultern war er freilich etwas schmal geblieben, und mit besonderer Hübsche oder Körperkraft konnte er nicht prahlen. Doch das hätte sich gegeben. Heutzutage kriegt ja jeder, sei er ein aufgestengelter Sprenzel oder ein dicker Krüschmüder, doch eine Frau, wenn er nur versteht, tüchtig das Maul aufzureißen und keck nach den Schürzen zu langen. Aber die glorreichen Heldentugenden des Maulaufreißens und ungenierten Zutappens gingen Johannes eben ab. Ihm war es nicht wie manchem andern gelungen, das linkische und unentschlossene Wesen mit den verwachsenen Bubenkleidern abzulegen. Die Natur hatte ihn bestimmt, als ein stilles Wasser zu fließen, und die Krankheit der Mutter tat ein übriges, um jegliches sprudelnde Überschäumen zurückzudämmen. Das mit einem Zuschuß von Geringschätzung vermischte Bedauern der Nachbarn scheuchte ihn ins Haus zurück, und nirgends fand sein Selbstgefühl gesunden Nährboden, auf dem es Wurzel schlagen und fröhlich ins Kraut schießen konnte. Darum traute er sich nicht an die Mädchen heran, und sie hielten ihn für einen Schüchterling und Stubenhocker. Ja, wenn man sich eine Frau nur so hätte vom Baum schütteln können wie eine süßreife Pflaume, hätte Johannes sicher zugegriffen. So aber begnügte er sich, dem schönen Geschlechte durch Türschlitze und Fensterlöcher angelegentlich nachzugucken.

Unter diesen Umständen mußte sich Hansueli doch bequemen, eine Magd ins Haus zu nehmen. Einer tüchtigen, treuen und zuverlässigen Person bestandenen Alters werde der Vorzug gegeben, hieß es in der 63 Ausschreibung. Aber diese untadeligen Hausfrüchte wachsen nicht an allen Hägen und stehen nicht das ganze Jahr zu Markte. Hansueli brauchte sich mit Auswählen und Vorzuggeben nicht zu plagen; die einzige Hilfskraft, die sich meldete, mußte ihm recht sein.

Trine, die Neue, wies übrigens eine Reihe nicht zu unterschätzender Vorzüge auf. Ihre Seelenruhe war nicht leicht zu trüben; denn ihr Wahlspruch lautete: «Es kommt nicht darauf an.» Wenn sie morgens früh geweckt wurde, bewies sie ein seltenes Beharrungsvermögen und eine treue Anhänglichkeit ans Bett. Bei Tische erwahrte sie sich durchaus als eine tüchtige Kraft. Sie war aber auch eine ausgezeichnete Futterverwerterin, der man einen reichen Stoffwechsel schon von weitem ansah. Im Gebrauch von Seife übte sie weise Sparsamkeit, und im Umgang mit Besen und Bürsten befliß sie sich zartester Schonung. Bei der Arbeit zeigte sich ihre Zurückhaltung im hellsten Lichte. Sie zerrieb keine Tücher beim Waschen, und gefährlich spitzigen Gegenständen begegnete sie mit großer Vorsicht; Nadeln und ungeputzte Messer berührte sie nicht ohne Not. Kam der Briefträger oder sonst jemand unter die Haustüre, dann verfehlte Trine nicht, ihre Unterhaltungsgabe und Standhaftigkeit leuchten zu lassen. Sogar der Zug zum Höhern, zur Geistigkeit, ging ihr nicht ab: Mit außerordentlicher Gewissenhaftigkeit studierte sie die Inserate des Amtsanzeigers, um zu vernehmen, wo ein Ausverkauf von Winterfinken, ein Wettgrännet, Weggliesset, Sackgumpet oder Antrinket abgehalten werde. Kurz, Trine war ein Tugendklumpen erster Güte.

Nun hat aber alles auf der Welt seine Licht- und Schattenseite, und unglücklicherweise fiel es Hansueli Reber 64 ein, die Tugenden seiner Haushälterin immer nur von der Schattenseite aus zu betrachten. Zur Strafe für diese finstere Gewohnheit vermochte er auch von dem freundlichen Schimmer, den eine Frau ins Haus bringen und ausstrahlen soll, wenig zu erspähen und mußte sich vergeblich nach Besserem sehnen.

Manchmal hat aber das Schicksal ein Einsehen, und wenn es einem auch nicht just zu dem verhilft, was man gerne möchte, pflanzt es einem doch ein bescheidenes Blümlein an den Weg.

Eines Tages traf Hansueli, als er von einem Geschäftsgang heimkommend im Wirtshaus einkehrte, ein hellhaariges, freundliches Schulmädchen, das von der Gemeinde verkostgeldet werden sollte. Der nichtsnutzige Vater des Kindes steckte im Arbeitshaus, die brave und fleißige Mutter sei an der Auszehrung gestorben, lautete der Bericht der Wirtin. Sie redete Hansueli dringlich zu, er solle sich des Kindes annehmen, es scheine gut geartet und ordentlich erzogen zu sein. Die Kleine dauerte ihn aufrichtig, und da sie zu seinem gütigen Vaterantlitz sofort Zutrauen faßte und Freude bezeugte, zu ihm zu kommen, willigte er ein. Die Armenbehörde gab ihre Zustimmung, und andern Tags brachte der Gemeindediener die neue Hausgenossin nebst ihrem Bündlein Kleider. Lineli lächelte den Hausvater freundlich an mit seinen blauen Augen und fühlte sich bald heimisch am warmen Ofen. Der Gemeindegewaltige erquickte und erwärmte sich an einem dargebotenen Schnaps. Um sich erkenntlich zu zeigen und eingedenk der Würde und Verantwortlichkeit seines Amtes, gab er dem Kinde noch einen kräftigen Zuspruch, ehe er den Staub von seinen Füßen schüttelte. Er hätte sich das wohl ersparen 65 dürfen. Lineli, das stille, ernste, über seine Jahre hinaus gereifte Kind, fügte sich in die Haushaltung ein, ohne nennenswerte Sorgen zu bereiten. Nicht nur der Vater, auch Johannes und Trine mochten es leiden; denn es nahm ihnen manchen Tritt ab. Ein Sprengbub oder Sprengmädchen ist für die Erwachsenen gar bequem. Trine hatte nun jemand, den sie meistern und dem sie im Notfall die Schuld in die Schuhe schieben konnte. Sie gefiel sich sehr in der Rolle der besorgten Mutter und predigte Erziehungsgrundsätze, die ihr für die eigene Person überflüssig und beschwerlich, für andere aber passend und wertvoll erschienen. Sie gehörte zur zahlreichen Schar derer, die den Kindern den kostbaren Erbschatz elterlicher Weisheitslehren unabgenutzt überliefern. Für Kindererziehung halten sich, kraft der Zahl ihrer Jahre, auch solche befähigt, die selber noch die Strumpfrohre im Kot nachschleifen. Wenn einer auf dieser Erdenwelt nichts leistet und aus sich selber nichts zu machen weiß, eines versteht er sicher: an Kindern herumzudressieren. War Trine sich selbst überlassen, so lebte sie in Schmutz und Unordnung so vergnügt wie die Laus im Haarwald. Ließ aber Lineli einmal sein Schulbüchlein liegen oder kratzte die Schuhe zu flüchtig ab, dann erwachte in Trine die zünftige Hausfrau, der solches ein Greuel ist. Sie geriet in Eifer wie ein Bußprediger und kam sich selbst erhoben und wer weiß wie wichtig vor. Dafür überließ sie dem Kinde mit rührender Uneigennützigkeit allerhand Arbeiten, an denen es sich üben und tüchtig werden konnte. Diese Uneigennützigkeit ging so weit, daß der Hausvater Schranken setzen mußte. Bei ihm fand das Kind Schutz und Stütze und schloß sich ihm mit großer Innigkeit an. Zu ihm 66 hatte es von Anfang an ein absonderliches Vertrauen gefaßt und erzählte ihm, wenn sie allein waren, unaufgefordert dies und jenes aus seiner Vergangenheit.

«Wir hatten auch Tassen mit Goldrändchen, fast gleiche, wie die da sind. Da kam Vater betrunken heim, ganz betrunken. Da mußte Mutter hart weinen. Und da zerschlug Vater alle, alle Tassen.» Einmal, an einem Sonntagnachmittag, saßen sie auch allein in der Stube. Der Hausvater las in der Zeitung. Das Kind saß neben ihm und betrachtete ihn lange ernsthaft. Endlich fragte er lächelnd: «Was siehst du auch an mir? Habe ich Hörner?» Aber das Kind verzog keine Miene.

«Vater, warum hast du so weiße Haare?»

«Kind, solche Haare bekommt man, wenn man viel Kummer hat oder wenn man alt wird.»

Da nickte es still. «Mutter hatte auch schon viele und war nicht sehr alt.»

Noch öfters bemerkte er, daß die Kinderaugen sich auf seinen Haarschmuck richteten, und einmal fragte er es:

«Machen sie dir immer noch Gedanken, meine weißen Haare?»

Statt einer Antwort schmiegte sich das Kind an ihn. Als er ihm freundlich den Arm umlegte, sagte es leise, als handle es sich um ein schönes Geheimnis:

«Ich möchte gerne einmal mit der Hand darüber fahren.»

Und er mit gütigem Lächeln: «Tu's nur, Kind, ich bin lange nicht mehr gestreichelt worden», und hob es auf den Arm.

Da strich es mit scheuer Liebkosung über das eisgraue Haupt, so zart und leise, als liege unter seiner 67 Hand die wundersamste Kostbarkeit der Welt, und ein eigener Glanz lag in seinen ernsten Augen.

Johannes hatte dem Kinde seinen alten Schlitten zurechtgemacht und geschenkt. Aber wenn es sonntags mit dem Vater spazieren durfte, stellte es den Schlitten in die Ecke. An Vaters Hand zu gehen war ihm das Schönste. Manchmal hüpfte es vor ihm her wie ein mutwilliges Zicklein und ergötzte ihn durch muntere Einfälle. Meistens aber schritt es ernst und gesetzt, ja mit einer gewissen feierlichen Würde neben ihm her wie ein Großes. Gelegentlich, wenn er freundlich mit ihm plauderte oder ihm ein Geschichtlein erzählte, ging der Kinderblick wie in weite Fernen. Er hielt das anfangs für Zerstreutheit und schmälte: «Aber du hörst ja gar nicht zu.» Da sagte es einmal ganz unvermittelt: «Mutter redete ganz, ganz anders als du, und doch ist mir oft, ich höre sie sprechen, wenn du erzählst.» Diese Worte eröffneten ihm einen tiefen Einblick in die Geheimnisse dieser Kinderseele.

Von Johannes hatte die Kleine viel Neckereien zu erdulden; er war als ein unabtreiblicher Plagegeist hinter ihr her. Schmälte der Vater deswegen mit ihm, so brummte er halb unmutig, halb lachend: «Der fremde Strupf hat angehends beim Vater mehr Recht als ich.» Das war Wasser auf Trinens Mühle. Ihr saß beständig das Wort auf den wulstigen Lippen: «Aus dem Meitli gibt's nichts. Viel zuviel wird ihm nachgelassen. Ich bin anders durch die Knüttleten gejagt worden.» Es ärgerte sie, daß ihre Ermahnungen dem Kinde nicht tiefer zu Herzen gingen. Denn je stärker sie niederhielt, desto lustiger flimmerte es in Linelis blauen Augen. Schalt aber der Vater einmal, dann weinte es mit einer 68 Heftigkeit, die bewies, wie stark es empfand. Nur Trine wollte es nicht gelingen, die Sünderin zur Buße und Bekehrung zu leiten, und das vermochte sie schier nicht zu verwinden.

Wenn am Sonntagnachmittag des Seitenbauers Lise auf Besuch kam, berichtete sie mit Vorliebe, was für schwere Sorgen ihr die Erziehung des Kindes bereite, und malte es tüchtig schwarz an. Die Lise, in der kleinen Zehe außen noch etwas mit dem Seitenbauer verwandt, galt für eine Werkige und Tüchtige. Darum war Trine stolz auf diese Freundschaft, lud Lise allemal dringend zum Wiederkommen ein und anvertraute ihr die tiefsten Geheimnisse. Daß die beiden Mägde sich wechselseitig besuchten, fiel niemandem auf. Lise hatte schon gar nicht die Art, sich auffällig zu machen. Sie war kein ungattlich Weibsbild, soweit es den Körper anbetraf; mittelgroß gewachsen, festknochig und stämmig, verriet ihr Körperbau zähe und ausdauernde Kraft. Nur war sie über die Pflaumenweiche längst hinaus und fing schon an zu vertrocknen und zu schmurren. Der Kleidung nach hätte man sie nicht für eine Magd, sondern für eine Kleinbauerntochter gehalten. Sie hatte Erspartes am Zins und ließ sich das Geld für währschafte Kleider nicht reuen. Sonntäglich ausstaffiert, hinterließ sie den Eindruck der Nettigkeit. Bei ihren Besuchen blieb sie nie zu lange und ließ sich auch nie bewirten. In ihrer Rede nahm sie sich in acht, sprach vorsichtig abgewogen und wie es für ihren Stand paßte. In ihrem Kommen und Gehen lag keine Störung oder Aufdringlichkeit.

Anfangs drückte sich Johannes, wenn sie kam. Er fürchtete das Hänseln und Auszäpfeln. Als sie ihm aber mit anwährender Gleichmütigkeit begegnete, wich er ihr 69 nicht mehr aus, sondern ließ sich mit ihr ins Gespräch ein. Bald freute es ihn sogar, mit ihr zu plaudern. Manchmal war sie gleicher, manchmal andrer Meinung als er; aber immer hörte sie ihm mit einem gewissen Respekt zu. Was sie vorzubringen hatte, schien ihm Hand und Fuß zu besitzen, und es wollte ihn bedünken, auch ihm komme mehr als sonst in den Sinn, wenn er mit ihr redete, er spüre festen Boden unter seinen Füßen. So sprach er sie denn ganz gegen seine sonstige Gewohnheit auch unbefangen an, wenn er ihr auf der Straße oder bei einem Feldspaziergang begegnete, und faßte Vertrauen zu ihr.

Nach und nach wurde auch sie mitteilsamer. Besonders über Trine anvertraute sie ihm manches, das die Magd in sehr zweifelhaftes Licht setzte, und beschulte ihn, wie er der Haushälterin über ihre Veruntreuungen kommen könne. So verging der Sommer.

Anfangs Winter wurde in der Käshütte das Käsgeld für einen Teil der Sommerware verteilt. Damit verband sich alljährlich ein kleines Festchen, Bossennacht geheißen. Der Käser löste eine Bewilligung für das Wirten und eine Freinacht, bestellte ein Faß Weißen und eins Roten, tüchtige Vorräte von Wecken und Bratwürstlein und eine flotte Handharfenmusik. An langen Tischen, die der Wirt geliehen hatte, jaßten, politisierten oder sangen die Alten. Derweilen schrägelten draußen im Käsespeicher oder auf dem Küchenboden mit löblicher Ausdauer die Jungen. Manches zaghafte Füßlein versuchte sich hier vor beschränkter Öffentlichkeit erstmalig in einem unbeholfenen Walzer und eröffnete damit eine siegreiche Tanzbodenlaufbahn.

An der Bossennacht fehlte auch Johannes nicht, 70 obschon er des Tanzens unkundig war. Die Rücksicht auf die Einnahmen des beliebten Käsers gebot ihm, mitzumachen. Früher wäre er manchmal lieber zu Hause geblieben; dieses eine Mal ging er nicht ungern. Ob die Lise auch da sein würde? Gewiß war sie da und tanzte. Doch schien ihr nicht viel daran zu liegen. Sie wollte frühe nach Hause, ließ sie Johannes wissen, als er ihr das Glas brachte und sie ihm Bescheid tat. Das war nicht in den Wind gesprochen. Als sie einige Zeit später aufbrach, verschwand auch Johannes unauffällig. Beide hatten den gleichen Heimweg, und in kurzem hatte er sie eingeholt. Johannes war aufgeregt.

«Hat uns jemand fortgehn sehen?»

«Ich glaube nicht», erwiderte Lise gelassen.

«Sie meinten sonst, ich ginge mit dir heim,» fuhr er nach einer Pause fort.

«Das könnte wohl sein.»

«Daß ich mit dir heim ginge?» Er ließ sich näher zu ihr.

«Nein, daß sie das meinten.» Sie wich nicht, obwohl er sie mit der Schulter berührte und schneller zu atmen begann. Johannes kämpfte mit einem Entschlusse.

«Was sagtest du, wenn ich dir einmal fenstern käme?»

«Das kann ich jetzt nicht wissen. Du müßtest halt erwarten, wie es dir erginge.»

«Und wenn ich grad heut mit dir käme?»

«Und wenn es dann jemand vernähme?» Lises Ton klang eine Färbung schärfer.

«Und wenn! Aber es vernähm's niemand», stieß er aufgeregt hervor.

Sie kamen an die Kehre, wo sich ihre Wege schieden.

«Soll ich kommen?» würgte er heraus.

71 «Soll ich dich kommen heißen?» gab sie kalt und unbewegt zurück.

Da zauderte er nicht mehr, sondern ging mit ihr. Von da an stahl er sich hin und wieder am Samstagabend fort, wenn nicht frischer Schnee gefallen war.

Nach einigen Wochen verlangte Johannes, die Magd müsse aus dem Hause. Er wies ihr Veruntreuungen nach.

«Aber wo eine andere hernehmen und nicht stehlen?» wendete der Vater ein.

Auf diesen Einwurf hatte Johannes gewartet.

«Wir brauchen gar keine mehr; ich möchte heiraten.» Überrascht schaute der Vater auf. Ihm war am Sohne nichts Besonderes aufgefallen.

«Du heiraten? Das ist mir das Neueste! Hast denn schon etwas dazu?»

«Mehr als genug», hätte Johannes erwidern können, begnügte sich aber mit einem verlegenen Kopfnicken.

«Ist mir ganz recht, ganz recht. Heißt das, wenn's eine gefreute Person ist.»

«Die Lise.»

«Die Lise?» machte der Vater gedehnt.

«Sie hat Geld am Zins.»

«Nicht deswegen meine ich. Reich genug ist mir eine bald. Aber warum gerade die Lise? Das gibt eine räße Frau. Hast dir's auch ordentlich überlegt?»

«Es ist halt Muß dabei», würgte Johannes rot werdend hervor.

«Bist du sicher?»

«Die Lise sagt's, und es wird wohl so sein.»

«Das ist eine andere Sache. Nun muß sie dir auch gut genug sein zum Heiraten. Dann sag ich nichts mehr dawider. Sie ist wenigstens eine hausliche und werkige Person.»

72 Nun drang Johannes nicht mehr darauf, daß die Magd Knall und Fall aus dem Hause müsse. Er durfte sich Hochzeitskleider anmessen lassen, das war die Hauptsache. Wenn er auch keine hochzeitliche Miene aufsetzte, atmete er doch erleichtert auf. Der Vater mühte sich redlich, seine Verstimmung und Besorgnis nicht merken zu lassen.

Trine erhielt die Kündigung. Sie schied schwer gekränkt. Als Abschiedsmelodie blies sie in verschiedenen Tonarten: «Undank ist der Welt Lohn.» Auf die Kunde, wer ihre Nachfolgerin sei, fiel ihr der Daumen in die Hand. Sie schimpfte mit Inbrunst über Lise, die falsche Klapperschlange, und suchte in aller Geschwindigkeit noch ein Nestlein voll Sündeneier zu legen, indem sie das Güterkind gegen die zukünftige Hausfrau aufwies.

Im Nachwinter wurde Hochzeit gefeiert, eine ganz stille, ohne Reise, ohne Festmahl, ohne törichte Geldverschleuderung. So wollte es Lise. Doch einige Nachtbuben, die ihr nicht grün waren, sorgten für geräuschvolle Zutat. Am Vorabend des Hochzeitstages brach plötzlich ein Heidenspektakel los. Muldenziehen, Peitschenknallen, Hornblasen und Plärren schallte höhnend durch das friedliche Tälchen, und als Lise am Morgen den Kirchgang antrat, fand sie den Weg mit Strohhäckseln bestreut. Sie preßte die schmalen Lippen fest zusammen; ihre graugrünen Augen funkelten vor verhaltener Wut, und ihre Nase wurde noch spitzer. Johannes erlebte keinen anmutigen Hochzeitstag.

Die ersten Wochen blieb Lise noch an ihrem alten Platze. Erst müsse der Schreiner ihren Hausrat fertigmachen; sie ziehe nicht mit leeren Händen ein wie eine Bettlerin, erklärte sie Johannes, und dabei blieb es.

73 Der Umzug schob sich hinaus bis in den Frühling. Eines Nachmittags schwenkte ein Füderchen Möbel bei der Knochenstampfe ins Seitensträßchen ein. Der Seitenbauer brachte Lises Trossel. Sie selbst schritt nebenher und half Bett, Tisch, Schrank und Stühle abladen. Die Begrüßung fiel etwas kurz und einsilbig aus. Lise schien jetzt daran gelegen, ihren währschaften Hausrat passend und sorgfältig zu verörtern. Während sie und Johannes das besorgten, bewirtete der Hausherr den Fuhrmann mit Käse, Brot und Wein; Lise hatte es abgelehnt, mitzuhalten. Der Seitenbauer stieß wieder mit vollen Backen ins Lobhorn: «Froh soll er sein, der Johannes, daß er sie bekommen hat. Die kehrt ihm mehr ein als manche, die ein großes Vermögen mitbringt. Die wird ihm bei der Arbeit die Waage halten.» Er war äußerst aufgeräumt, der Seitenbauer, seine stechenden Augen glitzerten vergnügt, und ein listiges Lächeln verschlüpfte sich in seinem Bart, als er das Fuhrwerk gewendet hatte.

Am selben Abend schon trat Lise ihr Hausfrauenamt an. «Lineli kann dir kochen helfen», hatte der Vater angeordnet, «es weiß, wo die Vorräte sind und die Sachen hingehören.» Dienstfertig eilte das Kind herzu und mühte sich, der neuen Meisterin recht an die Hand zu gehen. Wortlos ließ sie es gewähren. Als es aber im Eifer, ihr zu dienen, bemerkte: «Ei, das ist zuwenig Fett; Vater mag die Rösti nicht trocken; wir nehmen sonst viel mehr», fragte Lise scharf, das Mädchen vom Herde wegschiebend: «Willst du mir vorschreiben, wie ich kochen soll?»

«Nein, nein», stotterte das Kind erglühend, «ich meinte nur ...» Zufällig hatte der Vater diese Worte mitangehört. Sie befremdeten ihn; trotzdem zeigte er ein 74 freundliches Gesicht. Als man nach dem Essen und Abwaschen noch ein Weilchen am Tische saß, begann er väterlich:

«Nun soll's in unserem Hause wieder heimelig werden. Wir sind so froh, nun wieder eine Frau bei uns zu haben. Wir wollen einander auch immer recht in die Hände arbeiten und Geduld miteinander haben. Das Schönste ist doch ein Haus des Friedens, wo man einander ein gutes Wort gönnt und eines dem andern tragen hilft.»

Auf Lise schienen die wohlmeinenden Worte nicht sonderlich Eindruck zu machen. Um ihre Lippen zuckte ein geringschätziges Lächeln. Sie erwiderte kein Wort, begann bald darauf zu gähnen und begehrte ins Bett.

Lise war eine Frühaufsteherin. Sie verließ ihr Lager, nachdem es kaum recht angewärmt war, und Johannes mußte aus den Federn, schier ehe seine Hosen recht verplampet hatten. Unzeitig früh stand das Morgenessen auf dem Tisch, und als das Mannenvolk immer noch im Stalle zu schaffen hatte, protzte Lise auf:

«Nun ist der Kaffee kalt und die Kartoffeln sind verbraten! Wir sollten nicht erst essen, wenn andere Leute schon auf dem Acker sind.»

«Die will das Meisterheft am ersten Tage in die Faust bekommen», dachte der Vater, und laut sagte er: «So spät ist es noch keineswegs. Wir haben nie früher gegessen und ich möchte lieber nicht zu viel neue Bräuche.» Johannes sah während dieser Rede stumm auf den Rand seiner Tasse. Der Kaffee war richtiges Lürliwasser, eine kraftlose Schwenke und Tränke. Lise war nicht gleicher Ansicht wie jene Kaffeemutter, die meinte: «Wenn der Kaffee schon teurer wird, ist das doch kein Unglück! 75 Wenn er nur nicht den Geschmack verliert!» Lises Brühe mundete den Männern schlecht; aber sie hielten an sich und – schluckten.

Eine halbe Woche später konnte man mit der Feldarbeit beginnen. Das Wetter war günstig. Oben am Rain sollte ein Kartoffeläckerchen in Angriff genommen werden. Angefurcht hatte man im Herbst, den Dünger geführt im Winter. Jetzt sollte der Rasen abgeschält werden. Das mußte von Hand mit der Hacke geschehen. Zum Vorschälen mit dem Pflug war das Land zu steil. Man stellte sich in den untern Ecken des Äckerchens auf. Hansueli und Johannes führten die Hacke rechtshändig, Lise linkshändig. Sie warf ihre Jacke weg, schürzte den Kittel hoch und schlug drein. Scholle um Scholle flog ab; kein Streich ging ihr fehl. Bald hatte sie die Ecke links weggeschnitten. Derweilen schälten in der Ecke rechts die Männer Streifen um Streifen weg, immer schräg hinunter gegen die Mitte zu, so daß jeder neue Streifen länger war als der Vorhergehende und das geschälte Stück die Form eines Dreiecks aufwies. Von Zeit zu Zeit schaute Johannes hinüber, wieviel Lise verrichte, und bemerkte mit Erstaunen, daß ihr Dreieck fast ebenso schnell wachse wie das der Männer. Da schwang auch er seine Hacke behender, bis ihm der Schweiß durch die Bartstoppeln lief, die ihm dünn wie Armeleutekorn am Kinn sprossen. Auch der Vater merkte Lises Absicht, die Männer zu übertrumpfen, und legte sich tüchtig ins Geschirr. Trotzdem trafen sich die Spitzen der geschälten Dreiecke fast in der Mitte des Ackers, und Lises Augen funkelten spöttisch auf. «Sie hat den Teufel im Leibe», dachte Hansueli, «aber sie wird bald zahmen. Mit Dreinschießen wie der Stier in den 76 Krieshaufen ist's noch lange nicht getan. So viel Ausdauer wie ein Weibervölklein werden wir auch noch besitzen; die Länge macht die Strenge.» Er täuschte sich. Lise schwang das Werkholz mit unverminderter Kraft und Behendigkeit, und die Männer mußten sich roden, wenn sie ihr einhalten wollten. Von Tabakanzünden konnte nicht die Rede sein.

Endlich wurde der Vater unmutig: «Wir wollen doch nicht so hunden! Morgen ist auch noch ein Tag.» Und zu Lise: «Du solltest doch deinen Zustand bedenken. Wie leicht könntest du dir schaden.»

Doch die Lise kräuselte geringschätzig die Lippen. «Mir schaden?» Und sie hengstete eher noch ärger aus. Die Männer waren froh, als sie gehen und das Mittagessen kochen mußte. Jetzt durften sie doch einmal den Rücken strecken.

Dem Mittagessen fehlte die Würze eines gemütlichen Gesprächs, den Speisen der richtige Familiengeschmack. Man spürte, daß der Kochlöffel nicht mit Lust und Liebe gehandhabt worden war. Lise selber schlang die Bissen so heiß hinunter, daß sie vom Geschmack wenig wahrnahm. Noch waren die Männer kaum halb gesättigt, als sie aufstand. Jetzt beeilten sich auch die andern. Lineli trug das Geschirr hinaus und half abwaschen. Der Vater ging in den Stall; eine Kuh war nähig. Johannes hätte noch gerne in die Zeitung geblickt, die, Lineli gebracht hatte, als es von der Schule heimkam. Er getraute sich aber nicht recht. Als er durch die Küche hinausging, schaute er seiner Frau einen Augenblick zu. Ihre Wangen waren heute frischer als sonst. In einer verliebten Anwandlung trat er leise hinter sie und löste ihr den 77 Schürzenbändel auf. Aber Lise war nicht aufgelegt zum Schäkern. Wenig fehlte, so hätte sie ihm einen Guß Abwaschwasser ins Gesicht geschmissen. Verdutzt und betreten drückte er sich.

Draußen auf dem Stallbänklein gedachte Hansueli seufzend der Nachmittagsarbeit. Zum erstenmal wies sie ihm ein unfreundliches Gesicht. Sonst war er ihr wahrhaftig nie ausgewichen. Daß jeder junge Morgen ein gerüttelt und geschüttelt Maß davon bringe, war ihm so selbstverständlich erschienen wie der Sonnenaufgang, und daß man am Abend mit müden Gliedern seinen Strohsack aufsuche, so ordnungsgemäß wie der Sonnenuntergang. Ja, ohne Müdigkeit am Abend hätte ihm sein Arbeitsgewissen keinen rechten Frieden bewilligt. Sonst war ihm die Arbeit gewesen wie ein Lebensatem. Morgen und Abend hatte sie ihm zusammengerückt. In ihr hatte er sich selbst vergessen, manches Leid in sie versenkt, nun sollte sie ihm verleidet werden. Nachdem er jahrzehntelang als freier Mann gearbeitet hatte, sollte er wie ein Sklave gejagt werden, stempelten ihn die spöttischen Blicke der Sohnsfrau zum Faulenzer, ohne Rücksicht auf sein Alter und die Schwäche seines Armes. Das tat ihm weh.

Als man auf den Acker kam, maß Lise mit kritischen Blicken ab, wieviel in der Zwischenzeit geschafft worden sei, und wieder rümpfte sie unverkennbar die Nase über die Männerarbeit. Der Vater ließ sich jedoch nicht beirren. Mit ruhiger Gleichmäßigkeit arbeitete er weiter, wie er es gewohnt war.

Diesmal war nun auch das Kind gekommen, Lineli führte die Hacke aber noch sehr unbehülflich und verrichtete wenig und keineswegs vorzügliche Arbeit, wie 78 es von einer Anfängerin nicht anders zu erwarten war. Doch zeigte es guten Willen, und der Vater war damit zufrieden. Nicht so Lise. Beständig hatte sie zu nörgeln und zu tadeln. Es ging, bis das Kind in Tränen ausbrach und der Vater sagte: «Man muß doch auch Verstand haben.»

Jetzt schwieg Lise freilich und zwar gründlich. Mit bösem Gesichte hackte sie drauf los, als wäre sie mutterseelenallein auf dem Acker. Auch der Vater war neuerdings verstimmt. Lises Benehmen erschien ihm unverschämt. Kaum war sie da, regierte sie schon in alles hinein.

Nach einer Weile suchte Johannes, dem auch unbehaglich zumute war, Lise zu besänftigen. Er hatte zur Erfrischung ein paar Äpfel in die Rocktasche gesteckt. Den schönsten bot er seiner Frau an. «Schaff du», war ihre Antwort. Da gab er den Apfel dem Kinde und war auch ärgerlich.

Ähnliche Vorkommnisse ereigneten sich in der nächsten Zeit fast jeden Tag. Bald dokterte Lise an dem Kinde herum, bald an ihrem Manne. Immer hatte sie etwas zu keifen. Das Ministern und Regenten wollte kein Ende nehmen. Nur dem Hausvater wagte sie einstweilen noch nicht, das böse Maul anzuhängen. Dafür bezeigte sie ihm ihre Meinung durch Blicke, Mienen und Gebärden. Hansueli war manchmal ganz starr über ihre Unverfrorenheit.

Eines Morgens schenkte sie dem Kinde Kaffee ein. Der Vater hatte befohlen, daß es wenigstens am Morgen Milch erhalten solle, damit es für den langen Schulhalbtag gehörig ernährt sei.

«Wofür soll jetzt das wieder gut sein?» fragte er.

79 «Ich wüßte nicht, warum es das Güterkind besser haben sollte als wir. Wir müssen arbeiten, nicht es. Kaffee tut's auch für die Prinzessin. Wenn wir schon etwas mehr Milch in die Käserei bringen können als bisher, ist's auch nicht schade.»

«Zu befehlen habe vorläufig noch ich. Das Kind erhält seine Milch.» Er öffnete das Fensterflügelein und schüttete den Kaffee hinaus. «Und in Zukunft schenke ich ihm ein.»

Da stand Lise mit zornrotem Kopf auf, schleuderte den Löffel in die Stube hinaus und schmetterte die Stubentüre hinter sich zu, daß es krachte. Den ganzen Tag kam sie nicht mehr zu Tische.

Von da an hatte Lineli ein böses Verding. In keinen Schuh mehr gut war es der Lise.

Kurz darauf gab's einmal in der Küche beim Abwaschen Lärm. Lineli hatte eine Tasse fallen lassen, und Lise schrie mit ihm. Sie schüttelte es am Arme. Lieber hätte sie es bei den Haaren genommen. Da kam der Vater und fragte:

«Was ist los, was geht da vor?»

«Es hat eine Tasse zerschlagen.»

«Sie hat mich gestoßen, da fiel sie mir aus der Hand.»

«Das lügst du. Kaum angerührt habe ich dich, da hast du sie auf den Boden geworfen ganz mutwillig.»

Diese Zumutung erregte das Mädchen so, daß es kein Wort mehr hervorbrachte, sondern nur laut aufschluchzte.

«So gebt doch Ruhe! Wegen einer Tasse wollen wir kein solches Geschrei anstellen.»

«Aber es braucht nicht noch zu lügen», beharrte Lise rechthaberisch.

80 «Das Kind hat mich noch nie angelogen», sagte der Vater ruhig, «wenigstens soviel ich weiß, nicht.»

«Ja, wenn man dumm genug ist, alles zu glauben ...», höhnte Lise.

«Das bin ich eben nicht ...», erwiderte er bedeutsam.

Damit hatte er nun wieder in den Ast gesägt. Lise beklagte sich bei Johannes. Natürlich beleuchtete sie den Vorfall in ihrer Weise. Johannes zweifelte nicht an ihren Worten, machte dem Vater eine saure Miene und murrte:

«Man sollte dem Meitli nicht immer den Kopf groß machen.»

«Das will ich auch nicht; nur vor ungerechter Behandlung will ich es bewahren.»

Dazu fand er in der Folgezeit Gelegenheit genug. Beinahe hätte Lise auch seinen guten Glauben zu erschüttern vermocht. Eines Tages hatte das Mädchen ein Stücklein Zucker gemaust. Es bekannte sofort. Von da an fehlte im Küchenschranke jeden Augenblick etwas. Das eine Mal war Butter abgeschnitten worden, das andere Mal Birnensaft genascht. Ein drittes Mal fehlten Äpfel auf der Hurde, und einmal war sogar ein Zwanziger abhanden gekommen. Steif und fest behauptete es Lise. Wenn man sie hörte, so mußte man ihr fast glauben, so viele Einzelheiten und Nebenumstände wußte sie anzuführen. Natürlich konnte nur Lineli die Täterin sein.

Ernst und eindringlich stellte der Vater das Kind zur Rede. Heftig weinend beteuerte es seine Unschuld. Lise, die keine unanfechtbaren Beweise beizubringen vermochte, riet, ihm mit der Rute über das Nackte die Verstocktheit auszutreiben, und als Hansueli das ablehnte, stichelte und giftelte sie in einem fort.

81 Bald darauf steckte ein Zufall dem Vater ein Licht auf. Von einem sonntäglichen Mittagsmahl waren Rauchfleischreste übriggeblieben. Lise hatte sie auf den Küchenschrank gestellt. In ihrer Abwesenheit nahm der Vater absichtslos ein Stücklein davon und gab es der Katze. Gleich darauf erhob Lise ein großes Geschrei, das «Meitli» habe mehrere große Stücke eingesackt und verzehrt. Diesmal war der Vater sicher, daß das Kind grundlos verdächtigt wurde, und nun wußte er, wie gewissenhaft Lise ihre Anschuldigungen abwog. Sie hatte sogar die Stirne, zu behaupten, er habe das wegen der Katze nur erfunden, um dem Schoßkind aus der Tinte zu helfen. Damit kam sie nun freilich nicht wohl an, sogar bei Johannes ging diese Dreistigkeit ins Lebendige. Es war nicht das erste Wäschlein, das er mit Lise auszuringen hatte, aber das erstemal, daß ihm ihr Verhalten die Schamröte in die Wangen jagte.

Getreu seiner stillen Art, verlor Hansueli Reber über den Vorfall weiter keine Worte mehr, obschon es in ihm gärte. Früher hatte jedes Familienmitglied dem andern einen Wert zugetraut; jetzt waren sie alle heruntergemarktet. Offenbar hielt Lise ihn selber für einen arbeitsscheuen Dummkopf, den Johannes für einen blöden Schwächling und das Kind für eine abgefeimte Näscherin und Diebin. Seit Johannes sich erkühnt hatte, ihr die Stange zu halten, behandelte sie ihn zeitweilig mit einer schnöden Geringschätzung, die den Vater empörte. Wenn sie ihn weder achtete noch liebte, warum hatte sie ihn denn geheiratet? Etwa um in ein warmes Nest sitzen zu können? Und sollten nun vielleicht alle, die ihr im Wege waren, aus diesem Neste hinausgeärgert werden? Fast schien es so, der Vater konnte sich dieses 82 Verdachtes kaum mehr erwehren. Wenn Lise ein Gartenbeet umgrub, traf es sich, daß sie den schönsten Rosenstock anhackte, so daß er welkte und verdorrte. Blühende Geranienstöcke waren seit Lises Hiersein mehr vom Gesimse gefallen als vorher in drei Jahren. Wollte der Vater am Morgen oder Abend die Kühe tränken, so war das Wasser im Brunnentrog fast immer verunreinigt. Mit der heißen Asche ging Lise so leichtfertig um, daß Hansueli aus der Besorgnis gar nicht herauskam. Wie manchmal legte er sich die Frage vor: Handelt sie aus Übelwollen und Bosheit so oder aus Unachtsamkeit, Ungeschick und Vergeßlichkeit? Denn darüber gingen Hansueli die Augen auf: Lises Ring- und Schwingplatz war der Acker; in Haus und Küche blühten ihr keine Kränze. Sie war ein gut eingeübtes und arbeitswilliges Ackerpferd, aber keine gewiegte Hausfrau. Mißbehagten ihr die Hausarbeiten vielleicht deswegen, weil sie spürte, daß sie darin keine Meisterin war? Ach, wie gerne hätte Hansueli mit ihr Geduld gehabt, wenn es nur das gewesen wäre! Jede junge Frau muß mit Ernst und Hingabe lernen, bis sie sich die tausend glückbringenden Ränklein und Pfiffe angeeignet hat, über die eine rechte Hausmutter verfügt. Aber Lise wollte auf dem blinkenden Panzer der Selbstgerechtigkeit, mit dem sie sich umgürtete, keine Rostflecklein sitzen lassen. Nahte man ihr mit Rat oder Tadel, so war es, als hätte man mit Stahl auf einen Feuerstein geschlagen. Ihre grenzenlose Selbstgefälligkeit zuckte unter der leisesten Berührung, in ihrem Dünkel erblickte sie die Hausgenossen weit unter sich. Besonders das Kind verfolgte sie mit einem ganz unerklärlichen Haß; Hansueli fragte sich nur, ob sie vielleicht mit dem Kinde ihn treffen wolle. 83 Andern Kindern, die etwa sonntags auf Besuch kamen, strich sie aus eigenem Antrieb ein Butterbrot. Nur Lineli sollte ihr nicht zu nahe kommen. Es schien Hansueli, als leide auch Lise an einer Krankheit, wie seine verstorbene Frau, nur nicht an Eifersucht, sondern an Quälsucht.

Eines Tages vergriff sie sich tätlich an dem Kinde und mißhandelte es. Sie meinte, der «Alte» befinde sich drunten in der Knochenstampfe. Lineli hatte im Keller Kartoffeln entkeimt. Nach Lises Meinung hatte es viel zu wenig verrichtet, und sie mutete ihm zu, es habe die Zeit benutzt, im Keller herumzuschlürmen und alles auszufirmen. Das Kind wehrte sich, es habe sich keinen Tritt von der Arbeit entfernt. Jetzt brannte sie auf: «Ich will dir das unverschämte Widermaulen abgewöhnen, mag der Alte nachher sagen, was er will», schlug es mit Fäusten und riß es an den Haaren, bis es schrie. Da stand urplötzlich der Vater vor der Kellertüre und wurde Zeuge des wüsten Auftritts.

«Was habt ihr zusammen?»

«Widermaulen tut es immer, das freche Geschöpf!»

«Ich habe nicht ...»

«Willst jetzt das Maul halten!» schrie Lise und schlug neuerdings zu, daß dem Kinde die Nase blutete.

«Aufgehört nun, es tut's jetzt», stieß der Vater finster blickend hervor und befreite das zitternde Mädchen. «Komm zum Brunnen und wasch ab.»

Hansueli zweifelte nicht an der Unschuld des Kindes. Lise mißhandelte es ja täglich und stündlich mit Blicken, Gebärden und Worten ohne die geringste Ursache. So konnte es nicht weitergehen, es mußte Abhilfe geschafft werden. Diese feige Lust einer verunkrauteten Seele an 84 der Qual eines wehrlosen Geschöpfes vermochte er nicht länger mitanzusehen, und verhindern konnte er sie nicht, solange das Mädchen im Hause war. Darum mußte es fort. In einer schlaflosen Nacht erwog er, wo eine barmherzige Seele wäre, die es aufnähme. Dabei erinnerte er sich der Marei, seiner ehemaligen Mieterin. Bei dieser guten Seele wäre es geborgen. Sein Entschluß stand fest.

Am nächsten Sonntag brachte er das Kind hin. Weder Lise noch Johannes ahnten, was er vorhatte, und Lineli reiste gehorsam mit ihm ab, ohne das Ziel zu kennen.

Anfangs erschrak Marei gewaltig und besegnete sich schier vor der schweren Aufgabe, die sie übernehmen sollte. Als aber Hansueli schilderte, wie Lise das Kind quäle und verfolge, kriegte es gar wunderlich in dem Herzen der alten Person, und das verschüttete Brünnlein ihres Muttertriebes begann warm zu rieseln. Sie konnte nicht nein sagen.

Auf dem Heimwege enthüllte der Vater dem Kinde seine Pläne. Es war ihm dabei zumute wie einem Arzte, der dem Kranken die unausweichliche Notwendigkeit einer Operation klarmachen muß. Zu seiner Überraschung war Lineli zu allem willig. Kinder fügen sich häufig in bittere Lebensnotwendigkeiten mutiger und geduldiger als Erwachsene. Ihr Lebensvertrauen ist noch nicht durch zu viele traurige Erfahrungen verstümmelt. In der folgenden Woche brachte er Lineli mit Einwilligung der Armenbehörde an den neuen Pflegeort. Der Abschied war ein schmerzlicher; aber die Marei strich mit ihrer großen, plumpen Hand gar sanft über die Haare des Kindes und fand den Mutterlaut, der jeglichem Weh die Schärfe nimmt.

85 Als Hansueli heimkehrte, empfingen ihn Lise und Johannes mit einem Schwall von Vorwürfen.

«Nun soll ich es aus dem Hause getrieben haben», geiferte sie. «Vor der Behörde und allen Leuten stellst du mich als einen bösen Drachen hin, weil ich den Strupf zur Arbeit und Ordnung anhalten wollte. Aber warte nur, das will ich dir eintreiben.»

«Du hättest doch wenigstens mir vorher ein Wort sagen dürfen», sekundierte ihr Johannes. «Als wir es nicht nötig hatten, nahmst du es ins Haus; jetzt, wo es uns bald als Kindermädchen hätte dienen können, muß es weg. So muß einem das Leben verleiden!»

«Du bist nicht der einzige, dem es verleidet, und ich bin nicht der, welcher uns so gebettet hat», gab der Vater bitter zurück.

«O ich meine, Ihr hättet auch nicht zu erklagen», fuhr jetzt Lise auf. «Die Arbeit darf man Euch abnehmen, das findet Ihr in Ordnung, aber um seine Meinung fragt man unsereinen nicht. Der Schinder möchte so dabei sein.»

Auf diesen Grundton war die Familienmusik in Zukunft abgestimmt. Dem Vater war seit dem Wegzug des Kindes, als sei alles Liebe und Freundliche aus seinem Leben geschieden. Lise machte ihre Drohung nur zu wahr: Sie legte ihm ohne Schonung in den Weg, was sie konnte. Ihr unbehilflicher Zustand erpreßte ihr manchmal zornige Tränen. Sie mußte sich von den Männern die Kochhäfen abstellen und die Tränkemelchtern mit dem Schweinefutter hinaustragen lassen. Das empfand sie als eine Demütigung. Sogar Johannes bekam für solche Liebesdienste nur Ärgerworte als Belohnung.

86 Auch bei der Feldarbeit konnte es Lise den Männern nicht mehr zuvortun, und das verdroß sie. Die Nachbarn hätten zu ihren Weibern sprechen sollen: «Wo stecket ihr auch so lange? Rebers Lise ist schon eine Stunde auf dem Acker.» Es hätte heißen sollen: «Seit die Lise bei Rebers ist, sind sie immer ein halbes Werk voran.» Das zu hören wäre für sie Balsam gewesen. Und nun ging ihr alles so schwer; sie mußte Haushaltung schleppen, konnte nicht als erste ausrücken und das wohlklingende Lob nicht einheimsen. Nicht einmal ein Mädchen hatte sie, das hatte der Alte ihr zuleid aus dem Hause getan.

In dieser Zeit setzte sich Lise in den Kopf, es müsse ein anderes Gütermädchen her, und Johannes unterstützte sie. Der Vater aber, verbittert von all dem Schlimmen, das ihm Lise angetan hatte, schlug es rundweg ab und blieb fest dabei. Weicher bettete er sich nun damit freilich nicht. Von nun an ließ Lise in der Haushaltung mit Fleiß alles schlitteln und sah weder Staub noch Kehricht mehr. Was focht es sie an, wenn die Speisen nur halb gargekocht auf dem Tisch erschienen; sie hatte ja keinen rechten Appetit! Mochte der Alte selber schauen, wie er mit den zähen Brocken fertig wurde! Was gingen sie seine schadhaften Zähne an! Ihm geschah es recht, wenn er halbsatt vom Tische mußte, und wenn er über Magenweh klagte, lächerte es sie nur. Sie war noch nie krank gewesen und wußte nicht, wie Krankheit tut. Wer sich für krank ausgab, stand bei ihr im Verdacht, er schütze Schmerzen vor, um sich der Arbeit zu entziehen.

Es traf sich, daß mir Hansueli in jenen Tagen sein Herz ausschütten konnte, wie schon mehrmals, seit die Lise im Haus war. Sein Geschick bewegte mich tief, und 87 ich suchte ihn zu trösten. Ich richtete seine Hoffnung auf das zu erwartende Kind.

«Wenn etwas Lises Herzfrost aufzutauen vermag, so ist es das Kind. Ein holdes Kinderlächeln, ein Unschuldsblick aus reinen Kinderaugen haben schon oft Wunder vollbracht, Kinderhände schon manchmal Zornesfalten geglättet auf gerunzelten Stirnen. In der Liebe zu dem Kinde werdet ihr euch alle finden und vereinigen. Das Kind wird euer Friedensengel und Glücksbringer sein. Ihr, Hansueli, habt Euch immer ein Töchterlein gewünscht, vielleicht wiegt Ihr nun in Euren alten Tagen noch eines auf den Knien. Und wenn Ihr erst angefangen habt Kinderlieder anzustimmen, trägt vielleicht auch ein so scharfbewehrter Heckendorn, wie die Lise ist, noch ein paar genießbare Früchte. Denn in einem Menschenherzen hat mehr Gutes und Böses nebeneinander Platz, als man in einen Maltersack hineinstopfen könnte, und die Lise ist zwar ein unwirsches und stachliges Geschöpf; aber es mangelt ihr nicht an Kraft und Tüchtigkeit.»

«Das wohl», gab Hansueli zu und reichte mir die braune Rechte mit den dicken Adern auf dem Handrücken zum Abschied, «aber ob wir uns einmal verstehen lernen ...» Er schüttelte bloß wehmütig das graue Haupt und ging.

Erst nach einigen Wochen sah ich ihn wieder und vernahm den fernern Verlauf.

Zu Beginn der Erntezeit war Lises schwere Stunde gekommen, nachdem Lise ungeduldig und ungebärdig gelitzt und um sich gebissen hatte wie eine hässige Fohlenmutter. Als Kindbetterin stellte sie sich tapfer. Den muntern Stammhalter betrachtete sie mit einer 88 gewissen zornigen Neugierde und Genugtuung, als wollte sie sagen: So also siehst du aus, du Knirps, der mir so viel Ungelegenheit bereitet hat! Sie wollte den Jungen selbst nähren, gab es aber nach einigen mißlungenen Versuchen auf. «Wenn du nicht willst, hast du gehabt», kanzelte sie ihn ab. Sie hatte von ihrem Sprößling mehr Fleiß und Anstelligkeit erwartet. Der Kleine wandte sich hartnäckig ab; die Mutterbrust floß ihm zu spärlich. Ob es dem Bürschlein da zu wenig warm und weich war? Lise hatte nicht übel Lust gehabt, ihm ein Brätschlein zu verabfolgen. Indessen fand sie sich rasch mit der Tatsache ab. Daß sie ihn nicht zu nähren hatte, brachte auch Vorteile mit sich. Sie durfte unbesorgt die Windeln im kalten Wasser waschen und brauchte sich weniger in acht zu nehmen mit Speise und Trank.

Vorläufig war sie aber noch nicht so weit. Zu ihrem Ärger bekam sie eine kranke Brust und mußte das Bett hüten. Die Hebamme hatte das Aufstehen strenge untersagt und die Abwartefrau verantwortlich gemacht. Lise trotzte und stand dennoch auf; das bekam ihr jedoch schlecht. Von Schwindel ergriffen, sank sie zusammen und mußte schleunigst wieder unter die Decke gebracht werden. Zornig kehrte sie sich gegen die Wand, verbiß und mußte trotzdem weinen: Jetzt ging die Erntezeit vorbei, ohne daß sie helfen konnte. Gewiß hielten die andern sie für eine Faulenzerin! Das war für sie eine bittere Demütigung. Nun durfte sie, die Gepflegte, die unnütze Versäumerin, nicht einmal austurnieren mit dem unangstlichen Mannenvolk, wie es in ihrer rauhborstigen Art lag. Zu ihrem geheimen Erstaunen gab ihr aber niemand ein Unwort, und sie fand keine rechte Gelegenheit, aufzubrennen. Hansueli und Johannes 89 duselten sich allmählich in eine friedliche und versöhnliche Stimmung hinein. So gut hatten sie es noch nie gehabt, seit Lise da war. Sie genossen Ferientage. Oder rötete sich der Morgenhimmel besserer Zeiten? Trog das leise wehende Hoffnungsfähnlein nicht, mit dem die Zukunft freundlich grüßend winkte?

Ab und zu hatte zwar Lise immer noch über dieses und jenes zu brösmen und zu kurmeln, besonders wenn der Großvater den kleinen Ernstli hätscheln wollte.

«Er soll mir nicht verzärtelt werden! Ich will nicht, daß ein Hösel aus ihm werde. Wartet nur, bis ich aufgestanden bin und ihn selber besorgen kann!»

Hansueli nahm solche Drohungen nicht allzu wichtig. Es wird manches Messer gewetzt, ohne daß man seine Schärfe am eigenen Fleisch erfahren muß! Wer kann glauben, es beleidige eine Mutter, wenn man ihr Kind liebkost?

Die Taufe ging vorbei. Hansueli und Lises Schwester Barbara vertraten Patenstelle. Daß der Großvater als Gevatter mitwirken durfte, erfüllte mich mit Genugtuung. Ich schloß daraus, das Wägelein rolle nun regelrecht auf allen vier Rädern und finde von selbst die richtige Straße. Aber Wunsch und Wirklichkeit stimmten wieder einmal nicht überein. Als ich einige Zeit nachher mit Hansueli zu reden kam, merkte ich, daß die Steine des Anstoßes noch nicht weggeräumt, das Harzen und die Reibungen noch nicht überwunden seien. Doch wußte er auch zu Lises Entlastung etwas vorzubringen:

«Gotte Barbara hat mir manches erzählt aus Lises frühern Jahren. Sie soll eine traurige Jugend hinter sich haben. Mit Füßen sei man auf ihr herumgetrampelt. Der 90 eigene Vater habe ihr die ersten Ersparnisse entwendet und verschnapst. Köpfig sei sie von klein auf gewesen; aber die Schläge, die sie dafür bekommen habe, hätte nicht manches Kind ausgehalten. Da man ihr mißtraute, habe sie lange keinen rechten Platz gefunden und sei ausgenutzt und übervorteilt worden. Das alles habe sie erbittert und ihren Charakter vergiftet. – So wird man denn mit ihr Geduld haben müssen», schloß er den kurzen Bericht.

Nun, zum Geduldhaben war Hansueli Reber der richtige Mann, da durfte ich ruhig sein. Wochen schwanden dahin, ohne daß ich üble Nachricht erhielt. Dann mußte ich erinnert werden, daß auch gehämmertes Eisen durch Unvernunft verderbt und brüchig gemacht werden kann.

Eines Morgens früh stand der Mann aus dem Erlengraben wieder in meinem Studierzimmer.

«Helft mir, Herr Pfarrer, sonst weiß ich nichts Besseres zu tun, als zur Schnapsflasche zu greifen oder einen Strick zu suchen und mich aufzuhängen, wie der Stumper getan hat.»

«Gott und Vater», rief ich entsetzt, «was ist mit Euch vorgegangen, Hansueli?» Ich hatte mir eingebildet, dieser Wackere sei gegen alles Erdenleid gerüstet und gefeit, und nun sah er aus wie das aschgraue Elend.

«Ich halt's nicht mehr länger aus. Die Lise ...» Die Bewegung übernahm ihn, daß er nicht weitersprechen konnte, und die Tränen rannen ihm in die Bartstoppeln.

Ich bat ihn, Platz zu nehmen, und suchte ihn zu beruhigen. Nach und nach gewann er die Herrschaft über sich zurück und begann zu erzählen. Wie Geröll von einer aufgefrierenden Felswand lösten sich die Anklagen gegen seine Peinigerin von seinen zuckenden Lippen. 91 Wichtiges und Nebensächliches kollerten ihm ungeordnet durcheinander.

Ein Metzger, mit dem er schon öfters befriedigende Geschäfte abgeschlossen hatte, war gekommen, um Hansueli ein unträchtiges Rind abzuhandeln. Der Knochenstampfer hatte ihm das Tier so geschätzt, daß die Möglichkeit offen blieb, daran einen bescheidenen Gewinn zu erzielen. Da fuhr Lise dazwischen: Zwei Napoleon höher müsse der Preis angesetzt sein, sonst lasse sie das Rind nicht aus dem Stalle.

Nun gibt es für einen Bauern kaum etwas Beschämenderes, als wenn sich die Weiber öffentlich und ungefragt in solche Händel mischen. Auch der Knochenstampfer wurde über diese unbefugte Einmischung borstig. Scharfen Tones gebot er Lise, in die Küche zu gehen und nachzuschauen, ob ihre Abwaschgebse gefegt sei. Sogar Johannes drängte: «Geh, geh; man muß es ungern haben; das ist nichts für dich.»

«Ungern oder nicht, das ist mir dreckgleich», blechte Lise erbost aus. «Wenn das Mannenvolk zu lamaschig ist, sich zu wehren, muß das Weibervolk in die Stricke liegen! Was nützt es mir, zu arbeiten, bis mir das Fleisch von den Knochen fällt, wenn ihr euch beim Handel immer über den Kübel bühren laßt! Der Metzger soll meinetwegen Leute aushonigen, die es besser erleiden mögen als wir.»

«Was, aushonigen?» juckte und muckte der Händler zornig auf. «Da gibt es auszuhonigen, ja! Überhaupt bin ich gewöhnt, mit Männern zu handeln. Unterröcke auszustauben ist nicht meine Sache.» Darauf blieb Lise die Antwort nicht schuldig. Sie stichelte und giftelte weiter, bis der Metzger sein Angebot zurückzog und 92 zornig scheltend, er sei kein Wucherer und Betrüger, den Weg hinuntersteckelte.

Vor dem Fremden hatte Hansueli immer noch an sich gehalten und nicht überwallen lassen, was in ihm kochte. Jetzt sprudelte ihm der siedende Zorn heraus.

«Wenn du mir noch einmal das ungewaschene Maul in einen Handel hineinhängst, so jage ich dich fort wie einen Hund. Im Stall und Handel will ich Meister sein, und deiner Unverschämtheit bin ich endlich satt.»

«Und ich lasse mir das Maul nicht verbinden und will auch etwas zu befehlen haben. Und so leicht wirst du mich nicht mehr los. Ich steige dir nicht aufs Wasserrad, daß du mich hinunterschmettern kannst, das denke nur ja nicht», hohnlachte sie.

Dieser giftige Stich kam unerwartet. Vor Betretenheit blieb Hansueli sprachlos.

«Nicht, nicht,» stotterte Johannes, ängstlich dem Vater ins starre Gesicht blickend, «das hättest du nicht sagen sollen.»

«Warum nicht?» begehrte sie auf, und ihre harte Gelle klang nicht einen Grad weniger protzig.

«Ja, warum nicht?» seufzte Hansueli bitter, «es geht zu allem übrigen.» Dann schritt er müde und schwerfällig der Stube zu.

Johannes schaute ihm besorgt nach. Diesmal stellte er sich entschieden auf des Vaters Seite, so entschieden, als ihm möglich war, und machte Lise Vorwürfe, so wie er Vorwürfe machen konnte. Aber da kam er übel an. Lise feuerteufelte erst recht auf und warf ihm alles Elende vor. Wenn er nicht ein schlappschwänziger Hösel und Pfösel wäre, so hätte er schon längst versucht, das Heimwesen in seine Hände zu bekommen. Statt dessen 93 stecke er den Kopf zu dem Alten unter die Decke und sie müsse hier zeitlebens Magd sein. Aber nun wolle sie ihm das Gebiß eintun und am Leitseil sägen, bis er wisse, wo hindurch und in welcher Gangart.

Am Abend riß sie ihr Bett auseinander und trug es über die Küchenstiege hinauf in die Kammer; dann holte sie auch die Wiege mit dem kleinen Ernstli nach. Die Magd gehöre ins Gaden, erklärte sie im Hinausgehen und ließ das Weiße in den Augen hervor, daß niemand über ihre boshaften und schadenfrohen Absichten im Zweifel bleiben konnte. Nachher schob sie geräuschvoll den Riegel.

Drei Wochen hielt es Johannes ohne Lise aus und trotzte standhaft mit ihr. Dann hörte ihn der Vater mehrfach an der verschlossenen Kammertüre Einlaß begehren, wieder die Treppe hinunterschleichen und sich schlaflos und ärgerlich auf dem Lager wälzen. Lise schwor, die Türe nicht eher zu öffnen, bis sie Bäuerin sei oder wenigstens bindende Zusicherungen erhalten habe.

Eine Weile wand sich Johannes in der Klemme hin und her, dann verlangte er wirklich halb mürrisch, halb ängstlich, der Vater solle ihnen das Heimwesen abtreten und in die Speicherwohnung ziehen. Lise wolle es absolut so, und er könne sie nicht zu anderem bereden.

Als der Vater diese stockend vorgetragene Botschaft vernahm, verzog sich sein Mund zu einem bittern Lächeln, und er hatte es nicht eilig, Ja und Amen zu sagen. Tagelang wartete Johannes auf eine klare und bündige Antwort; der Vater tat, als hätte er nichts gehört, und seine Miene blieb undurchdringlich. Jetzt wurde auch Johannes ungeduldig, brummte und ließ seinem Unmut bei jeder Gelegenheit freien Lauf. Lise stachelte ihn 94 noch mehr auf, und wenn sie dem Vater einen Dorn ins Fleisch treiben konnte, sparte sie es nie. Sogar das Kind mußte ihr als Werkzeug dienen, dem Alten wehe zu tun. Triumphierend erklärte sie ihm, der Kleine gehe ihn nichts an. Ja sie jagte ihn von der Wiege weg, und als Hansueli das Kind einmal aufhob, riß sie es ihm mit Schmähworten aus den Armen. Und Johannes schwieg dazu.

Das war gestern geschehen, und so standen die Dinge, als er zu mir kam. Jetzt, was tun?

Ich tröstete ihn und versprach werktätige Hilfe. Vorerst aber bat ich um Bedenkzeit, damit das fernere Vorgehen wohl überlegt werden könne. Denn augenblicklich war mir nur das eine klar: Er durfte den Löffel nicht unbedacht aus der Hand geben, sonst harrte seiner das denkbar traurigste Alter. Gottlob kam meine Warnung nicht zu spät, und gerne versprach er mir, ohne mein Wissen keine entscheidenden Schritte zu unternehmen. Und obschon ich ihm nur meinen guten Willen und herzliche Teilnahme hatte zeigen können, verließ er mich gefaßter, als er gekommen war.

Aber beim guten Willen und billigen Trostworten durfte es nicht bleiben. Ich mußte Wege finden, ihm zu helfen, mußte ihm Vorschläge unterbreiten können, die praktisch durchführbar waren, eher fand ich keine Ruhe. Das schuf mir nicht wenig Kopfzerbrechens. Gerne hätte ich mich mit meinem Schwager Albert beraten, der um jene Zeit bei mir auf Besuch war. Er hatte Rechtswissenschaft studiert, verwickelte Handelsgeschäfte geleitet und sich dabei viel Welterfahrung und Menschenkenntnis angeeignet. Mich ließ er, wie das unter Schwägern bräuchlich ist, manchmal seine 95 Überlegenheit fühlen und spöttelte gerne über meine unnützliche Bücherweisheit und pfarrherrliche Lebensfremdheit. Indessen focht mich dieses Belächeltwerden nicht sonderlich an, und für einen guten Rat hätte ich es unbedenklich in den Kauf genommen. Aber bei der Sinnesart meines Schwagers war nicht anzunehmen, daß er sich für meinen alten Freund stark zu erwärmen vermöge. Wie so viele Erfolgreiche und Weltglückliche hüllte er sich gerne in die hörnerne Haut der Fühllosigkeit und warf mit großartigen Worten um sich: «Mit Dulden und Tragen, Hoffen und Stillesein bleibe man mir gefälligst drei Schritte vom Leibe weg! Harte Haut und Tatkraft sind eine bessere Kampfrüstung für das Leben. Wer ein Mann ist, fährt dem Schicksal keck mit der Faust an die Gurgel und würgt es an die Wand hinauf oder krautet es unter seinem Knie zusammen! Ist einer dazu zu schwach und gutmütig, so lasse er sich das Fell über die Ohren reißen.»

Wenn ich an diese Leitsätze im Weltanschauungsbekenntnis meines Schwagers dachte, verging mir die Lust, ihn ins Vertrauen zu ziehen. Trotz seiner Geriebenheit konnte er mir nicht helfen. Wenn ihn just seine Spottlaune gestachelt hätte, wäre er imstande gewesen, zu raten: «Der Alte soll doch die ganze Rasselbande zum Loch hinausschmeißen und eine ältere, aber wohlunterhaltene Haushälterin einstellen und mit ihr fleißig anstimmen: Freut euch des Lebens! Dann mag dieser Kümeler und Schlabian Johannes, der nichts Besseres verdient, selber schauen, wie er mit seinem krummzinkigen Reibeisen fertig werde.»

Nein, an eine solch leichtfertige und brutale Lösung zu denken, verboten mir die grauen Haare meines 96 vielgeprüften Freundes und mein Amt. Meine Aufgabe war das Brückenschlagen und Versöhnen, nicht das Scharfmachen und Auseinanderreißen. Sich der Lise kurzerhand zu entledigen, ging nicht an; denn Johannes hing trotz alledem an ihr. Und wie konnte Hansueli sich glücklich fühlen, wenn er den Sohn die Gattin und das Kind die Mutter entbehren sah? Aber wenn nun Lise nicht zum Einlenken und einem ordentlichen Verhalten gebracht werden konnte? Was blieb dann dem Vater übrig, als das Feld zu räumen, um sich vor ihren giftigen Stichen zu schützen? Und doch erschien mir ein solcher Ausgang ganz und gar unleidlich und unannehmbar. Wie schwer mußte es dem alten Manne werden, von seinem mühsam erwerkten Heim, von seinen Tieren, seinen Bäumen, seinen Äckern und seiner Arbeit zu scheiden. «Nein, nein», schrie es in mir, «diese reine, reiche und tiefgründige Natur darf nicht unterliegen! Sollen denn die Weichmütigen und Gutherzigen, die Edeln und Gewissenhaften allemal untendar kommen und die Harten und Boshaften, die Selbstsüchtigen und Gewissenlosen obenauf? Sollen die Unflätereien des Lebens auch in dieser kindlichfrommen, gottinnigen Seele allen fröhlichen Glauben an die Gerechtigkeit und alles Gute mit ihrem Schmutze überkrusten?»

Die Sorgen brachen mir den Schlaf, und schon am folgenden Tage eilte ich in den Erlengraben, entschlossen, mit dieser querköpfigen Lise ein ernstes Wort zu reden. Hansueli war in der Knochenstampfe beschäftigt; das Werk befand sich in vollem Gang. Die eisernen Stämpfer schmetterten wuchtig nieder auf die spröden Knochen in den Löchern des granitenen Steintroges. Knochenstaub wirbelte umher; es war ein Poltern, 97 Klopfen, Krachen und Stäuben, daß einem fast Hören und Sehen verging, Ein Ruck und Anhängen des Seils und die treibende Kraft war ausgeschaltet. Noch einige Drehungen des Wendelbaumes, dessen Lüpfer die schweren Eisenknechte emporhoben, und man hörte bloß noch das geschwätzige Plätschern des befreiten Wasserstranges.

Hansueli wollte mich ins Haus führen; ich wehrte ab. Hier konnten wir uns ungestört besprechen, und ich erfuhr, es habe sich seit unserem letzten Beisammensein nichts Nennenswertes ereignet.

Das schien aber nur so; in Wirklichkeit war die Lage doch eine veränderte. Hansueli hatte sich schon halb und halb mit dem Gedanken vertraut gemacht, dem Sohne das Gütlein in Pacht zu geben.

«Genau besehen, ist es so Unerhörtes nicht, was mir zugemutet wird. Der junge Zahn stößt den alten ab, und wenn der alte Baum anfängt, morsch und spitzendürr zu werden, fällt und zerholzt man ihn, und ein junger nimmt seine Stelle ein, das ist der rechtmäßige und natürliche Verlauf der Dinge. Mich kränkt nur, daß man mich nicht still beiseite treten läßt, sondern mir mit der Faust den Weg weisen will ins Land der Alten. Das Alleinsein fürchte ich nicht; lieber will ich einsam als im Unfrieden leben. Nur eines fürchte ich: Lise werde mich auch in meinem Altenstübchen nicht in Ruhe lassen und mein Nachgeben werde ihre Begehrlichkeit erst recht ins Wachstum treiben.» So sprach er, und sein bekümmerter Blick ging verloren in die Weite, als suche er die Zukunft zu ergründen. Er hatte überwunden; aber wie schwer es ihm geworden, zeigte mir dieser still klagende Blick. Er war bereit, das Opfer zu bringen, das 98 ich ihm nicht hätte zumuten dürfen, nun konnte Rat werden.

Ergriffen von seiner selbstlosen Gesinnung, seinem verständigen und versöhnlichen Wesen, gelobte ich mir aber auch, ihn von nun an energischer gegen Übergriffe in Schutz zu nehmen.

«Eilt nicht zu sehr mit dem Nachgeben», sprach ich. «Euer Entschluß bestätigt Euren Wert und macht Eurem Herzen Ehre. Nun sollen aber auch die Jungen zeigen, daß sie Eurer Gunst und Gabe würdig sind. Bequemt sich die Schwiegertochter zu einem anständigen Verhalten und erweist sie Euch die schuldige Rücksicht, dann mögt Ihr ihnen das Gütlein pachtweise überlassen. Vorerst aber laßt sie eine Probezeit durchmachen. Halten sie Euch, wie es sich gebührt, so mag der Vertrag in Kraft treten, den ich Euch werde ausfertigen helfen. Denn dafür muß gesorgt werden, daß Ihr den Haken in der Hand behaltet und die Kette aushängen könnt, sobald es not tut. Lise soll merken, daß Ihr nicht mehr allein steht und schutzlos ihren bösen Launen preisgegeben seid. Mit ihr will ich heute kinderlehren, daß sie noch eine geraume Weile daran denkt, und wenn Ihr einverstanden seid, suchen wir sie nun auf.»

Wir gingen und kamen zu den drei Bäumen vor dem Hause. Wackere grüne Eidgenossen waren's, Haus und Menschen zu Schutz und Trutz verbündet, als ich sie das erste Mal erblickte; jetzt standen sie starr und kahl da, als wüßten sie, daß alles warmblütig Lebensfrohe aus diesem Hause geflohen sei, als trauerten sie darüber, daß sie kümmerlicher Lebenskargheit Wache stehen sollten.

99 «Seht Ihr», sagte ich zu Vater Hansueli, «wie jeder der drei Getreuen sein eigenes Gesicht zur Schau trägt! Jeder hat seine besondere Art des Wuchses und bringt die Frucht, die ihm von Natur eigen ist. Der Sauergrauechbaum kann nicht Gelbbirnen tragen und der Gelbbirnbaum nicht Sauergrauech. Freilich kann der Baum unter Berücksichtigung seiner Art umgepfropft werden. Manchmal hilft aber alles Veredeln nicht, die aufgesteckten Schosse verdorren, und das Wilde schlägt durch. So haben auch die Menschen ihre Art nicht gekauft. Manche gleichen den Holzapfelbäumen, die nur herbe, bittere Früchte bringen können; das wollen wir bei unsern Veredlungsversuchen nicht vergessen.»

Er schaute mich sinnend an, nickte still, und wir traten über die Schwelle.

Lise strickte an einem Strumpf; das Büblein schlief; Johannes hackte irgendwo Reiswellen. Ohne lange Umschweife erklärte ich Lise den Zweck meines Kommens und hielt ihr mit scharfen Worten ihr liebloses Betragen vor. Sie blieb verstockt, preßte die schmalen Lippen zusammen, und meine Vorwürfe prallten an ihr ab wie Beilhiebe an gefrornem Holz. Das regte mich auf, und nur mit äußerster Anstrengung bewahrte ich meine Selbstbeherrschung. Ein einzig Mal lief etwas wie Verwunderung über das trotzige Gesicht des hartbissigen Weibes, als ich mich neben Hansueli stellte, den Arm um seine Schultern legte und mit Nachdruck erklärte: «Dieser ehrwürdige Mann ist mir wie ein Bruder; ich schätze wenige so hoch wie ihn. Ich dulde nicht ferner, daß Ihr ihn unehrerbietig behandelt, und wenn ich gegen Euch die ganze Gemeinde zum Kampf aufrufen müßte.»

100 «Oh, es gibt andere, die auch nicht den Narren an ihm gefressen haben», höhnte sie, und ihre Augen funkelten verächtlich.

«Wer zum Beispiel?» begehrte ich zu wissen.

«Das geht Euch nichts an, das sage ich nicht!»

«Sie wird ihren ehemaligen Meister, den Seitenbauer meinen,» mischte sich Hansueli ein. «Mein Gütchen hätte so schön zu seinem Heimwesen gepaßt, und er kann immer noch nicht verwinden, daß ich ihm beim Kaufe zuvorgekommen bin. Ich merkte schon seit langem, daß er Lise den Kopf groß gemacht und sie gegen mich aufgewiesen hat. Ich begreife nur nicht, daß sie immer noch auf ihn hört; denn er hat sie ausgenutzt und mit Rühmen dazu gebracht, daß sie ihm für zwei arbeitete.»

«Er hat mir wenigstens einen Lohn gegönnt, und hier erhalte ich nichts. Wenn der Alte wieder heiratet, kann ich mit leeren Händen abziehen. Er soll nur nicht meinen, wir hätten von seinen Besuchen bei der Marei nichts vernommen.»

«Ich habe das Kind besucht, das du vertrieben hast. Nicht der Marei wegen bin ich gegangen ...»

«Das du vertrieben hast», äffte Lise nach. «Ich hab' es nicht vertrieben. Dem ist nicht überschehen von mir. Aber du hast es gern dorthin gegeben, um einen Vorwand zu haben für deine Besuche bei der Marei, die dir immer so wert war. Man redet genug davon.»

«Wer redet davon?»

«Die Kirchgänger und die Marktleute!»

«Und dir hat's der Seitenbauer eingeblasen und dir weis gemacht, ihr müßtet das Haus räumen, und du warst so einfältig, es ihm zu glauben!»

101 Statt einer Antwort schnitt Lise eine Grimasse, und ich mußte mich ins Mittel legen. Ich schlug Hansueli vor, zukünftig sowohl Johannes als auch Lise einen angemessenen Lohn auszurichten, und er willigte ein. Dann versuchte ich Lise zu überzeugen, wie töricht ihr Verdacht sei und wie sie durch ihr unfreundliches Verhalten den Vater just zu dem treiben könnte, was sie verhüten wolle.

Mittlerweile kam auch Johannes heim, um nachzusehen, warum er kein Vieruhrbrot erhalten habe. Nun sprach ich auch ihm zu und rückte mit den verabredeten Vorschlägen heraus. Der junge Mann hätte nach uraltem Brauch die Schuld gerne seiner Eva aufgebürdet, doch die hielt ihre Schultern nicht geduldig dar. «Als du mir nachliefst, versprachst du mir immer, zu sorgen, daß der Alte uns das Gütlein abtrete. Ist es wahr oder nicht?»

Johannes mußte kleinlaut gestehen, es sei so. Darum verließ Lise den Kampfplatz nicht als eine Besiegte. Trotzig schritt sie mit dem erwachten Kinde auf den Armen zur Türe hinaus, ohne mir einen Blick zu schenken oder meinen Abschied abzuwarten, und sosehr mich ihr Wesen abstieß, nötigte sie mir doch mehr Respekt ab, als ihr schwächlicher Mann.

Ob mein Eingreifen die erhoffte Wirkung erzielte, ließ sich vorderhand nicht abschätzen. Hatte ich auch nur wenig ausrichten können, dem alten Freunde gereichte mein Beistand doch zum Troste, und er entließ mich mit einem warmen Händedruck.

Vierzehn Tage später wiederholte ich meinen Besuch. Lise durfte nicht meinen, ich fürchte mich vor ihren graugrünen Stechaugen, oder ich lasse mich durch den weiten Weg abschrecken. Sie sollte mich auf dem Plan 102 finden, wenn meine Worte bei ihr nichts gefruchtet hatten. Es schien aber, sie wolle nun doch die Hörner einziehen. Hansueli war weniger klaghaft über sie als sonst.

Auf dem Heimwege kam ich mit einem Nachbar des Knochenstampfers ins Gespräch. Er wußte mir Interessantes über den Seitenbauer zu berichten. Der Seitenbauer hatte im Rausche allerhand ausgeplaudert, woraus mit Sicherheit zu schließen war, daß er Lise von Anfang an planmäßig und mit boshaftester Absicht aufgehetzt hatte. Er war es, der Lise die Meinung beigebracht hatte, ihr Mann und ihr Schwiegervater seien schwachsinnige Tröpfe, mit denen man nach Belieben umspringen dürfe. Mit diesem fertigen Urteil war sie in das Haus getreten und hatte ihrer Herrschsucht und bösartigen Natur ungescheut die Zügel schießen lassen. Leuten, die von andern hinter dem Rücken nur verlacht und verspottet wurden, glaubte sie keine Rücksicht schuldig zu sein. Andernfalls hätte sie wohl ihre selbstsüchtigen Absichten besser verdeckt und wäre klüger und vorsichtiger zu Werke gegangen.

Mir und meinem Freunde kam nun auch zustatten, daß ich nach und nach fest in meine Gemeinde eingewachsen war. Mein entschiedenes Eintreten für ihn zog die öffentliche Meinung auf seine Seite. Man fand plötzlich Lises Aufführung über die Maßen abscheulich und nahm keinen Anstand, ihr das bei schicklicher Gelegenheit fühlbar werden zu lassen. Kein Wunder, daß sie mich von nun an ingrimmig haßte. An ihrem Gewährsmann und Helfershelfer, dem Seitenbauer, hatte sie wenig Rücken. Wie mir gemeldet wurde, soll er sie mit dem rohen Scherze vertröstet haben: «Die zwei 103 schönsten Dinge auf dieser Welt sind eine geschabte Sau und ein toter Schwäher; gedulde dich, bis der Alte die Nase unter der Erde hat.»

Lise befolgte den Rat. So schwer es ihrer unbändigen Natur wurde, sie legte sich Zurückhaltung auf. Hansuelis Berichte, die er mir sonntags an der Kirchentüre abstattete, lauteten meistens ziemlich befriedigend.

Bei meinem nächsten Besuche traf ich schon Handwerker an, welche die Speicherwohnung für ihn instand setzten. Er war zum Rückzug entschlossen und malte schon wacker am Bilde eines ruhigen und friedsamen Lebens, das ihm die Zukunft bescheren sollte. Vor den Fenstern seines winzigen Stübchens lag ein Stücklein Erdreich ummauert. Im Frühjahr sollte es umzäunt und ausgeebnet werden zu einem heimeligen Gärtlein. Nicht weit davon ruhte auf Sockeln ein neues Häuschen für vier Bienenvölker.

«Viel zu lange schon habe ich faule Eier ausgebrütet», erklärte er. «Nichts ist unfruchtbarer, als unglückseligen Gedanken und Gefühlen nachzuhängen! Man kommt nicht weiter damit, als wenn man Wolken aufklaftern oder Nebel zwirnen wollte. Zu einem Entschluß kommen, Neues in Angriff nehmen, das vertreibt die bösen Dünste und Aufwallungen. Glaubt nicht, ich habe es schon erstritten. Steine wagt mir die Lise zwar nicht mehr anzuwerfen, sie legt sie bloß vor meine Füße. Der Holzapfelbaum kann nicht Gelbbirnen tragen, das habe ich jetzt begriffen. Aber ich bin auch nicht gezwungen, die Holzäpfel aufzulesen und hineinzubeißen.»

Das gefiel mir. Jetzt war alles auf guten Wegen. Ich lud Hansueli ein, mich zu besuchen, wenn er mich nötig habe. Er kam nicht; dagegen sah ich ihn öfters in der 104 Predigt, und ich freute mich über sein stilles, gütiges Vaterantlitz, sooft ich ihn erblickte.

Im Frühling erwachte in mir eine rechte Sehnsucht nach ihm. Ich mußte wissen, wie es ihm ging, wieder einmal seine freundliche Rede vernehmen, in seine milden, klaren Augen schauen. Wahrscheinlich fürchtete er, mich an der Arbeit zu versäumen und mir lästig zu fallen, darum suchte er mich nie auf. So ging ich denn zu ihm.

Es war ein lauterklarer Tag. Als ich oben auf der Höhe des Tannenbühls stand, blinkten die Schneeberge im reinsten Weiß, winkten mir frohen Wandergruß herüber und leuchteten den emsig werkenden Landleuten zu ihrer Arbeit. Mir weitete sich das Herz, wie das erstemal, als ich hier stand, und im Weiterschreiten dachte ich: Wie muß die Mahlzeit im Freien schmecken, wenn über der Schale Rand solche Pracht hereinfunkelt! Und wie gut ist es doch, daß diese ewig junge Schönheit nicht in Fässer und Flaschen abgezapft, nicht in Käskübel verpackt oder in Stanniolpapier eingewickelt und verschickt werden kann, sie wäre vielleicht schon längst verschachert. Denn manchmal will es scheinen, als sei der stolze Schweizernacken gar schmieg- und biegsam geworden und wolle sich neuerdings den Schandspruch aufbrennen lassen: Kein Geld, kein Schweizer! Doch mochte ich mir nicht den schönen Tag durch trübe Gedanken vergiften lassen.

Meinen Hansueli Reber traf ich im Gärtlein. Er hackte, pflanzte und hatte rote Backen wie ein Junger. Erfreut reichte er mir die erdige Hand über den neuen Staketenzaun. Aus dem Bienenhäuschen flogen zwei Völker und kehrten mit gelben Höschen wieder heim. Die 105 Immen hatten schwer zu tragen an ihren Brötlein und suchten ein Ausruhplätzchen, wo sie sich verschnaufen konnten, bevor sie mit ihrer kostbaren Beute zum Flugloch hereinschlüpften. Ungeniert setzten sie sich auf Hansuelis Hemdärmel, Stirne und Kragenbart. Furchtlos und geduldig ließ er sie gewähren, bis sie von selber abflogen. Dann durfte ich eintreten in sein kleines Gartenreich und vernehmen, was er schon angesäet habe und was er noch plane. Die fertigen Beete waren mit flachen Kieselsteinen aus dem nahen Bache sauber eingefaßt, die zweckmäßig angelegten Wege mit gesiebten Tannennadeln nett bestreut. Längs des Zaunes öffneten einige Sträucher und ein Stock hundertblättriger Rosen ihre Laubknospen. Sie stammten aus dem Hausgarten. Lise hatte sie ausgerissen und über den Zaun geworfen, worauf sich Hansueli der Verschmähten erbarmte und sie zu Ehren zog.

Nutzen und Schaden war nun den Jungen angegangen; Hansueli hatte ihnen das Gütchen um einen billigen Zins verpachtet. Jetzt durfte Lise ministern und regenten nach Herzenslust, der «Alte» redete ihr nicht mehr drein, und Johannes war wie Teig in ihrer Hand. Das verhaßte Blumenzeug wurde ausgerodet, die Beete zusammengerissen, um Hockbohnen und Krausekohl pflanzen zu können. Auch der Garten sollte zinsen helfen.

Sein Stübchen hatte Hansueli einfach, aber behaglich eingerichtet, sogar zwei Bilder schmückten die Wand, und zwischen ihnen hing als liebstes Angedenken eine Photographie der Lisbeth.

«Anfangs hielt es mich hart», erzählte er, als wir uns auf dem Bauern-Ruhbett niedergelassen hatten. «Und gut war es, daß ich gefreute Arbeit hatte. Ich weiß nicht, 106 wie ich es sonst durchgefochten hätte. Jetzt bin ich schon ein wenig eingewöhnt und empfinde dankbar die Ruhe und den Frieden meines kleinen Heims. Keine Lise stört mich mehr innert diesen Wänden, und es ist mir eine große Wohltat, ihre Katzenaugen, ihre spitze Nase und ihre verkniffenen Lippen nicht mehr beständig ansehen zu müssen. Und das Gütchen kann sie mir nicht mit einem Aschentuche überdecken, so gern sie's täte, und kann mir nicht wegnehmen, was ich hier erlebt habe und was es mir lieb gemacht hat. Die paar Gartensträuchlein sind gottlob nicht das einzige, was ich hinübergerettet habe. Um mich will ich nicht mehr klagen. Wenn es nur Johannes besser hätte; er dauert mich manchmal, ich kann nicht sagen wie sehr. Wie die drüben nun geizt und rackert, es ist nicht mehr zum Aushalten! Niemals kommt ein frischgebackenes Brot auf den Tisch; damit es nicht zuviel brauche, läßt sie es erst schimmlig werden. Die Äpfel kommen selten ab der Hurde, ehe sie angefault und wenig mehr nutz sind. Die Milch gelangt nur tropfweise zur Verwendung; das Dörrobst läßt sie vermilben und das Fleisch, will ich wetten, wagt sie nicht zu kochen, bis Würmer drin sind. Ihre Kleider hängen im Schrank, ach Gott, es könnte eines einen Riß oder Flecken kriegen, und Hudelzeug tut's auch, sogar für den Sonntag. Und dann dieses Hustern und Hotten, Hunden und Jagen, diese entsetzliche Vielgeschäftigkeit ohne Ende! Lise wird dürr wie ein Zaunstecken; es nimmt mich nur wunder, daß sie es aushält. Aber sie hat einen Starrkopf, härter als ein Dangelstock! Glaubt Ihr etwa, Herr Pfarrer, ich dürfte ihr hin und wieder das Büblein hirten? Nein und abermal nein, das gibt ihr der Böskopf nicht zu. «Von meinem 107 Kind steht nichts im Akkord», hat sie mir spitz geantwortet, als ich mich ihr anerbot.»

Lange noch plauderten wir, diesmal bei einem Glase Wein. «Denn», sagte Hansueli lächelnd, «jetzt habe ich Zeit.»

«Dieser Mensch», sagte ich auf dem Heimwege zu mir selbst, «ist wie ein wurzelechter Rosenstrauch. Zweimal ist der Frost über ihn gegangen und hat ihm Blüten, Blätter und Zweige verbrüht. Aber der Wurzeln Kraft und Saft trieb neue Knospen hervor. Die Gemütswärme im Herzkämmerlein trotzte allen Frösten. Freude und Schmerz hat sie ihm verdoppelt, darum ist sein Leben tief und reich geworden. Nur wer fühlt, der lebt. Wer nicht mit den Nöten des Lebens gerungen hat, dem sind auch des Lebens Freuden nur laues Spülwasser; wie der Trunk aus klarem Freudenquell erfrischt, spürt er nie; er ist kein rechter Kampfsoldat, bloß ein Schlachtenbummler des Lebens. Kampf ist dem Menschen gesund und stählt seine Kraft; zu beklagen sind nur die Opfer, die nach hoffnungslosem Ringen zermalmt werden.»

Übrigens war Hansueli Reber den Nöten des Lebens noch keineswegs entronnen. Sie drangen zu ihm herein und folgten ihm nach in sein friedliches Stübchen. Noch war kein Jahr verflossen, seit er sich auf sein Altenteil zurückgezogen hatte, kursierte im Erlengraben ein häßliches Gerücht, er unterhalte ein Verhältnis mit seiner ehemaligen Mieterin, der Marei. Einige Besuche, die er ihr um des anvertrauten Kindes willen abstattete, mochten zu dem Gerede Anlaß gegeben haben. Gemeine Seelen lebten wohl daran; erfreulicherweise gab es aber auch Männer und Frauen, die der Verleumdung kräftig entgegentraten. Die Urheberin dieser neuen 108 Kränkung war vermutlich Lise; doch hatte sie es einzurichten gewußt, daß man sie nicht behaften konnte. Seit ich mich offen an Hansuelis Seite gestellt hatte, war sie bedeutend vorsichtiger geworden. Der boshafte Streich brachte meinen Freund nicht aus der Fassung, wurmte ihn heimlich aber doch mehr, als er sich den Anschein gab.

Ich sann nach, wie ich ihm zu Hilfe kommen könne, und nach einigen Wochen bot sich mir eine Gelegenheit. Ein Mitglied des Kirchgemeinderates war gestorben. Ich setzte es durch, daß Hansueli Reber mit dem Ehrenamt betraut wurde. Es kostete mich manchen Gang und manches eindringliche Wort. Weil ich aber sonst stets vermieden hatte, eigensinnig in die Gemeindeangelegenheiten hineinzuregieren, nahm man diesmal auf meinen Herzenswunsch Rücksicht. Das war eine Genugtuung für meinen Freund und mich! Wie die Lise spie und schimpfte! Keinen Fuß mehr setze sie in meine Kirche, zehnmal lieber mache sie den Weg ins Nachbardorf. Ein solcher Speisprediger, der denen in den Kirchgemeinderat verhelfe, die ihn mit Wein bewirten und ihm saufen helfen, könne ihr gestohlen werden.

Je nun, das Mißfallen der Lise hat mich nicht umgeworfen, gegenteils empfand ich, wie ich gestehen muß, nicht geringe Schadenfreude über ihren Ärger. Sie hatte es in dieser Zeit gar nicht leicht, die Lise. Sie fühlte sich zum zweitenmal Mutter und gebärdete sich, als hätte ihr nichts Schlimmeres zustoßen können. Der gute Johannes wurde behandelt wie ein Verbrecher und mußte den Kratten tragen, mehr denn je. Lise gedachte, ihn durch Hungernlassen zu zähmen und zu bestrafen; aber Hansueli erbarmte sich seiner, steckte ihm heimlich Eßbares zu und riet ihm, beim Melken eine Tasse mit sich in den 109 Stall zu nehmen und sich an der frischen Milch schadlos zu halten. Und Johannes ließ sich das nicht zweimal sagen.

Als ihnen ein Mägdlein geboren wurde, durfte ich es nicht taufen. Lise wartete, bis sie bei Kräften war und trug es ins Nachbardorf, und zwar an einem Freitag. Taufemahl gab es diesmal keines. Die Nachbarn verzogen ob diesem Gebaren die Mundwinkel und schickten ihr spöttische Blicke nach.

Im Laufe der Zeit schob sich aber das Gewicht der Bürde allmählich wieder auf die Männerseite hinüber. Die Pflege und Erziehung der Kinder verursachte Unstimmigkeiten und Streit zwischen den Eltern. Lise war eine parteiische Mutter. Sie ließ dem Buben alles Recht und vernachlässigte das zweitgeborne Mädchen. Unwillkommen war es erschienen, unwert wurde es von ihr gehalten. Umsonst verschwendete das stille Kind sein liebliches Lächeln an die Mutter, sie mochte es nicht und betrachtete es als eine zuwidere Last. Um so mehr nahm sich der Vater der Kleinen an und trug sie, wenn Lise abwesend war, auch hinüber zum Großvater, trotzdem Feuer im Dach war, wenn Lise dahinter kam. Auch dem Büblein verbot sie strenge, hinüberzugehen. Das fand der Kleine sehr unbequem und ließ sich nur durch Schläge davon abhalten. Der Großvater besaß nämlich ein liebes, kleines Dachshündchen, zu dem es den Buben an allen Haaren hinzog. Dem Früchtchen machte es grausame Freude, Kaninchen, Hunden, Hühnern und Katzen mit seiner Peitsche aufzumessen. Johannes wehrte eifernd, Lise schwieg oder entschuldigte, und die Tiere flüchteten sich. Selten erwischte er eines, an dem er seine rohe Lust auslassen konnte. Da entdeckte er ein anderes Spielzeug zum Mißhandeln, sein Schwesterchen. 110 Eben hatte es die ersten zagen Schritte in das unendliche Meer der Wohnstube hinaus gewagt und stand noch recht wackelig auf den schwanken Beinchen. Nur einen kleinen Stoß brauchte ihm das liebe Brüderchen zu geben, dann purzelte es so lustig in die Stube hinaus, lustig für das liebe Brüderchen. Dann kam die Mutter: «Was hast du wieder zu schreien, ach, was man doch für eine Mühe mit dir hat», und riß es unsanft am Ärmlein in die Höhe. Unterdessen stand das artige Brüderchen daneben und schaute unschuldig zum Fenster hinaus oder einer Fliege nach. «Lieg jetzt hier und schweig, sonst will ich dich lehren stille sein!» Sie schmiß ein Decklein auf den Boden und das Kind darauf. Hatte sich die Türe hinter ihr geschlossen, dann ging die Unterhaltung wieder los. Brüderchen nahm einen Stecken und stach das Schwesterlein ins Bein. Das Kind strampelte und schrie. Jetzt öffnete sich die Türe; zürnend erschien die Mutter. Schwesterlein bekam seinen Teil. Solches wiederholte sich fast alle Tage. Aus dem Fenster seines Stübchens sah Hansueli oft zu, wenn die beiden Kinder auf der Türschwelle saßen, in der Dachtraufe spielten oder auf der Kellertreppe sandelten. Immer wieder nahm der Bub dem Schwesterchen das Spielzeug weg, plagte und reizte es zum Schreien. Ein paarmal kam er herüber und drohte: «Bub, dich haue ich nächstens einmal durch, daß du nicht mehr sitzen kannst!»

«Rühr ihn an, wenn es dich gelüstet», schrie Lise daraufhin. «Der Bub geht dich nichts an; pack dich hinüber, wo du hingehörst.»

Sie wäre ihm mit den Nägeln ins Gesicht gefahren, wenn er seine Drohung ausgeführt hätte. Triumphierend wies der Bub dem Großvater die Zunge.

111 Vom Vater aufmerksam gemacht und bestärkt, wachte Johannes über seinem Kinde und verhütete, was ihm möglich war. Zum erstenmal gab er nicht nach. Das reizte Lise zur höchsten Wut. Wilde, wüste Zänkereien folgten. Lise, ihrer selbst nicht mächtig, schlug Johannes ins Gesicht. Da packte er sie, ein minutenlanges Ringen begann, und endlich warf er sie zu Boden. Als Hansueli herüberkam, lag Lise auf der Stubendiele, Johannes kniete auf ihr und hielt sie fest, obschon sie ihn mit den Nägeln geschürft hatte, daß er im Gesicht ganz blutig war.

«Laß sie jetzt aufstehen», mahnte Hansueli.

«Es pressiert noch nicht damit», keuchte Johannes, «hast mich manchmal gequält, du; jetzt hört's auf, dafür will ich dir gutstehen!»

Er schüttelte sie noch ein paarmal mit einer Kraft, die er noch nie in sich verspürt hatte. Endlich ließ er ab von ihr. Doch kaum hatte er losgelassen, sprang sie ihm wieder an wie ein böser Hund. Hansueli wollte sie halten; aber Johannes schrie:

«Weg! Ich!»

Diesmal war der Kampf bald entschieden. Johannes brauchte seine Kraft mit aller Rücksichtslosigkeit; ein Ruck, ein Schwung und Lise lag wieder auf dem Rücken. Die Kindbetten und selbstauferlegten Entbehrungen hatten ihrer Kraft zugesetzt.

«Weißt du jetzt – wer – Meister ist? Probier's noch einmal – dann schlag ich dir deinen harten Tüssel auf der Diele weich ...»

Er zeigte ihr versuchsweise, wie das gemeint sei.

«Nicht, nicht», wehrte Hansueli ab, und die Kinder schrien beide mörderlich. Da ließ er Lise aufstehen; ihr fiel das zerrissene Gewand vom Leibe; die Kleider 112 zusammenraffend und ihre Blöße bedeckend, flüchtete sie ins Nebenzimmer.

Hansueli besänftigte die entsetzten Kinder, und Johannes trocknete sich mit dem Sacktuch das Blut ab.

«Sie hat angeschlagen», berichtete er dem Vater, «und gut ist's, daß sie es getan hat. Allzulang hat sie mich für einen völligen Schwächling gehalten. Oh, du weißt nicht, wie sie mich gequält und erniedrigt hat! Du hast nur am Tage zuschauen können ...! Alles habe ich über mich ergehen lassen ... Aber das Kind soll sie mir nicht mißhandeln und unterdrücken. Eher schlag' ich sie tot oder lasse mich von ihr scheiden. Von heute an ändert's in unserem Hause. Nimm du das Kind nur mit dir hinüber, jetzt befehle ich. Vorläufig bleibt es bei dir.»

Hansueli machte große Augen, als er seinen Sohn so sprechen hörte. Er nahm das Kleine auf den Arm wie einen kostbaren Schatz und ging.

Drei Tage lang trotzte Lise in der Kammer und rührte die Arbeit mit keinem Streich an. Wenn Johannes in der Nähe war, schloß sie sich ein. Am Morgen des vierten Tages stand er vor der Türe:

«Mach auf und komm heraus!»

Keine Antwort.

«Zum letztenmal: Mach auf!»

Keine Antwort.

«Nun gut», murmelte er, holte im Küchenwinkel die schwere Schlägelaxt, stellte sich auf, schwang die Axt, und nach wenigen Streichen fuhr die Türfüllung splitternd aus dem Rahmen und gewährte ungehinderten Durchgang.

Im Nebenzimmer stand Lise mit einem Gesicht, das eine Farbe hatte wie ein Leinlaken.

113 «So», sagte Johannes, «heute hast du noch Zeit, dich zu besinnen, was du tun willst. Trittst du morgen nicht zur Arbeit an, so schaff' ich dich aus dem Hause, wenn du nicht vorziehst, selber zu gehen. Entweder tust du deine Pflicht und führst dich auf, wie es Brauch ist, oder du wanderst. Nun wähle selbst!»

Damit machte er kehrt, ließ sie stehen und kümmerte sich nicht um sie.

Am Nachmittag sah er sie talaus schreiten, das Büblein an der Hand. Wie sich später herausstellte, ging sie zum Seitenbauer, wohl um Rat zu holen. Vermutlich fand sie nicht, was sie erhofft hatte. Keine offenen Arme streckten sich ihr entgegen. Sie mußte erkennen, daß sie allein stand. Wenigstens kehrte sie in der Abenddämmerung wieder zurück und war später auf den Seitenbauer äußerst schlecht zu sprechen. Vielleicht flößte ihr auch Johannes' so plötzlich erwachte Tatkraft Respekt ein. Genug, sie griff wieder zur Arbeit, wenn auch mit finsterem Gesichte.

Johannes ließ sie einige Tage ruhig gewähren; doch als sie mit Koldern nicht fertig werden konnte, stellte er sie zur Rede. Es setzte einen heißen Wortkampf ab. Johannes verlangte Unterwerfung oder Ehescheidung und ließ nichts abmarkten. Nachdem er in zwei Schlachten Sieger geblieben war, nahm er das Oberkommando für sich in Anspruch. Lise knurrte und rüttelte an seinem Willen, durfte es aber nicht mehr zum Äußersten kommen lassen. Ihr erging es wie einem gezüchtigten Köter: Einmal ins Hundshaus gejagt, hält er nie mehr stand, kläfft aber um so mehr aus dem Hinterhalt.

Hansueli unterstützte den Sohn mit Rat. Trotzdem ihm die wüsten Auftritte in der Seele weh taten, spürte 114 er eine gewisse Erleichterung, weil Johannes endlich Kraft zeigte, sich Luft zu schaffen. Auch die Pflege des Enkelkindes brachte ihm angenehme und willkommene Ablenkung, und er ließ die lange aufgestauten Großvatergefühle breit hervorbrechen. Aber wenn er an die Zukunft dachte, wurde ihm trübe zumute. Was für ein kummervolles Alter stand Johannes bevor! Was für ein armer Tropf wurde aus ihm, wenn einmal das Söhnlein der Lise erwachsen war und die Zügel an sich reißen konnte! Denn die beiden hielten zusammen durch dick und dünn, und immer deutlicher artete der Bub seiner Mutter nach, die jederzeit einen Verspruch für seine boshaften Streiche fand.

Die Erziehung des Buben führte fortwährend zu unerquicklichen Reibereien. Lise konnte es nicht ansehen, daß ihn der Vater strafte; Johannes konnte es nicht ansehen, wie ihn Lise verzog; beiden verleidete das Leben. Johannes sah keinen Ausweg mehr als die Scheidung und ließ sich vom Rechtsanwalt beraten; auch Hansueli wußte keine bessere Lösung.

Aber es kam anders.

Eines Vormittags wollte Lise ein Stück Garten umgraben. Johannes ging auf den Acker, Hansueli in die Knochenstampfe mit dem Mädchen an der Hand. Der Bub blieb bei der Mutter.

Als Johannes heimkam, saß Lise halb entkleidet auf dem Brunnenrand. In den Armen hielt sie das Büblein und schaute ihm unverwandt und starr ins bleiche Gesicht. Am Boden lagen Höschen, Strümpflein, Schühlein und Lises Obergewand – alles voll Kot! Das Jaucheloch stand offen; Lachen von Jauche umgaben den Rand. Lise hielt um den nackten Körper des Kindes ihr 115 eigenes Gewand geschlungen, als wolle sie ihn vor Kälte oder Gefahr schützen.

Mit einem Blicke überschaute Johannes die grause Verwirrung. Im Nähertreten schlotterte ihm ein Schauer durch die Glieder, dann entfuhr ihm ein entsetztes: «Herr Jesus Gott!» Das Knäblein war tot. Lise gab keinen Laut von sich. Trockenen Auges starrte sie immer nur in das entseelte Kinderantlitz. Erst als ihr Johannes die Leiche aus den Armen nehmen wollte, stand sie auf, schritt wie eine Nachtwandlerin in die Stube und legte das Kind auf ihr Bett, ohne es aus den Armen zu lassen. So über ihr Bett geneigt, halb stehend, halb liegend, verharrte sie stundenlang. Manchmal streichelte sie mit den erkalteten Händchen die Wange, wie das Kind ihr so oft getan hatte, als es sich noch des Lebens freute.

Johannes' erstes war, den Großvater zu rufen. Tieferschüttert kam dieser herbei. Seine ersten zusammenhängenden Worte lauteten: «Das ist furchtbar für sie. Mach' ihr doch ja keine Vorwürfe!»

Sie ließen Lise gewähren. Wie das Unglück geschehen, vermochten sie sich selber zu erklären. Lise hatte den Garten mit Mist und Jauche gedüngt. In ihrer Arbeitshast hatte sie vergessen, den Jauchebehälter wieder zu decken. Das Büblein war drunten im Garten, nichts mahnte sie an die Gefahr. Aber der Kleine konnte sich nicht lange am gleichen Orte stille halten. Unvermerkt wischte er zum Gartentürchen hinaus mit seiner Peitsche, vielleicht einem Huhn oder einer Katze nach, durch den Brunnenschopf. Da geschah das Unglück. Unterdessen grub Lise emsig weiter, ohne nach rechts oder links zu schauen. Als sie auf die Suche ging, war es zu spät. Neben dem Jaucheloch lag noch der starke 116 Holzrechen, den sie von der Wand heruntergerissen hatte, um damit in der gräßlichen Brühe zu fischen.

Endlich mußte man Lise doch stören. Gegen Abend fragte Johannes sie: «Willst du nicht auch etwas genießen?» Heftig schüttelte sie den Kopf. Niedergeschlagen äußerte Johannes zum Vater:

«Sie gefällt mir nicht. Wer weiß, ob es nicht kommt wie mit der Mutter. Wenn sie nur weinen könnte.» Da ging auch Hansueli zu ihr hinein. Sie achtete es nicht. Erst als er ihr die Hand auf die Schulter legte, wendete sie sich ihm zu und schaute auf. Den Blick vergaß er nie mehr. Es war ein Blick, der ihm mehr ans Herz griff, als alle Worte vermocht hätten. Er konnte nicht anders als ihr beide Hände entgegenstrecken und sprechen:

«Um des heiligen Gottes Willen glaube nur eines nicht, du Arme: Daß wir dir das gönnen mögen!»

Leise zitterten ihm die Worte aus Herzensgrund herauf, Vatergüte leuchtete auf seinem bekümmerten Antlitz, und die Augen wurden ihm feucht. Lise erfaßte seine Vaterhände nicht, vielleicht hatte sie sie nicht einmal gesehen. Groß und forschend hing ihr Blick an dem milden Greisenantlitz, als wolle er in das verborgenste Inwendige hineindringen. Plötzlich ging eine Erschütterung durch ihren Leib. Mit zuckenden Lippen stammelte sie:

«Das dank' ich dir einmal!» Dann warf sie sich über das tote Kind und erstickte ihr wildes Schluchzen in der Bettdecke.

Still, wie er gekommen, wandte er sich wieder zum Gehen und ließ sie ausweinen.

Trotz der schlaf losen Nacht legte sie am andern Morgen wieder Hand an. Alle Anordnungen für das 117 Begräbnis überließ sie den Männern. Ohne Einspruch ließ sie geschehen, daß das Kind auf dem Gemeindefriedhof begraben wurde und ich das Leichengebet hielt. Es war für mich keine leichte Aufgabe; ich wollte Eindruck machen auf Lise. Jedes Wort befühlte ich rundum, ob ihm nicht eine verwundende Spitze anhafte, bevor ich es den andern anfügte. Vergebliche Mühe. Lise, die jede Nacht getreulich bei ihrem Liebsten Wache gehalten hatte, kam nicht zum Begräbnis. Vor keinem Menschen zeigte sie sich. Wir warteten, solang es möglich war, und Johannes ängstigte und ärgerte sich sehr. Flüchtig blitzte ihm der Gedanke durch den Kopf, sie könnte sich ein Leid antun. Nach einigem Zaudern entschloß er sich aber doch, dem toten Kinde das Geleite zu geben.

Auch mich befremdete Lises Verhalten. Haderte sie mit mir, haderte sie mit dem lieben Gott, oder fürchtete sie, vor den Neugierigen die Fassung zu verlieren?

Im Urteil der Leichengänger kam sie schlecht weg. Man nahm es gewaltig schief, daß sie nicht ans Grab gekommen war, die meisten waren empört über sie. «Da sieht man wieder einmal, was für eine sie ist», hieß es, «ein Tier hat mehr Herz für seine Jungen.»

Nach dem Begräbnis eilte Johannes ungesäumt nach Hause. Er traf Lise am Brunnen. Sie wusch. Ihr spitzes Gesicht schien kalt und unbewegt. Nur ihre Augen brannten. Johannes atmete erleichtert auf, als er sie bei der Arbeit sah. Zugleich quoll ihm Verachtung und Bitterkeit auf wider sie. Wenn es ihr nicht an Kraft und Fassung zur Arbeit gebrach, hätte sie wohl auch ihr Büblein zum Grab geleiten können. Die, und sich ein Leid antun, diese Herzlose! Seine Mundwinkel krümmten sich abwärts. «Wir haben umsonst gekummert», erklärte er 118 dem heimkehrenden Vater, «Lise bleibt Lise, und wenn man einen Mühlstein über sie wälzte.»

«Was weiß ich», überlegte Hansueli, «du könntest dich täuschen. Sie ist eine Verschlossene. Sei du gut mit ihr und nimm ihr ab, was du kannst. Vielleicht gewinnst du sie jetzt. Es ist doch ein guter Kern in ihr, wenn er auch hart ist. Probieren wir noch einmal im Guten. Von Scheidung kann vorläufig nicht wohl die Rede sein.»

Hansueli redete aber nicht nur so, er handelte auch danach. Er forderte Johannes auf, Bethli, das jüngere Kind, nun wieder ins Haus hinüberzunehmen. Die Mutter sollte ihr einziges Kind nicht entbehren. Er selbst war zufrieden, wenn er es hin und wieder bei sich haben durfte.

Johannes nahm das Kind und trug's hinüber. «Der Vater meint, es würde dir kurze Weile machen», sagte er zu Lise. «Er soll's jetzt nur behalten», antwortete Lise kurz und trocken. Darüber regte sich Johannes neuerdings auf. Doch Hansueli pochte noch öfters an.

«Wollen wir nicht auf Ernstlis Grab einige Stöcke schöne Blumen pflanzen», schlug er Lise vor,« die Nachbarin hat mir Nelkenstöcklein anerboten, junge, weiße.»

Sie maß ihn mit einem ruhigen, nicht unfreundlichen Blick und erwiderte: «Das halte, wie du willst.»

Daraufhin ließ Hansueli ein Kreuz aufs Grab setzen und bepflanzte es selbst. Aber erst nach Wochen ging Lise hin, um es anzuschauen. An einem Sonntagnachmittag war's. Johannes wollte sie begleiten. «Dann bleibe ich zu Hause», erklärte sie. «So geh doch allein», rief er unwirsch. Sie ging, verriet aber keinem Menschen, wohin, und als sie zurückkehrte, merkte man ihr nicht die Spur von einer Gemütsbewegung an.

119 «Sie hat auch den Buben nicht liebgehabt», urteilte Johannes, «sie hätschelte ihn nur, um uns damit zu ärgern.»

«Fast sollte man es meinen», antwortete der Vater; auch ihm kam sie unbegreiflich vor. Im übrigen hatte er sich nicht mehr über sie zu beklagen. Sie fügte ihm keine absichtlichen Kränkungen zu. Eher wich sie ihm aus.

Dafür war Johannes um so öfter vor seiner Türe. Wegen jedem Flohpick hatte er etwas zu kümmeln. Unmerklich und allmählich begann sich das Blatt zu wenden: Johannes fiel ab, und Lise stieg in des Vaters Wertschätzung. Gewiß war sie manchmal unwirsch und sauertöpfisch, das steckte ihr nun einmal im Blute. Aber an Angriffslust, Eifer und Ausdauer bei der Arbeit übertraf sie Johannes weit. Er verplemperte manches Endchen Zeit, und seine stete Klaghaftigkeit verleidete dem Vater.

Wie fast alle Anfänger, mußten auch Johannes und Lise Unglücksfälle im Stall erleben. In der Sommerhitze wurden ihnen die Schweine krank und mußten geschlachtet werden. Johannes warf die Schuld auf Lise, sie halte zu wenig Ordnung und Reinlichkeit, lasse das Futter sauer werden und halte auch nicht regelmäßige Futterzeit inne. Lise weinte. Sie hatte auf schönen Erlös gehofft und viel Mühe aufgewendet. Gewiß hätte größere Reinlichkeit nichts geschadet; aber wo sollte sie die Zeit dazu hernehmen? Darum empfand sie die Vorwürfe als ungerecht und unbillig. Sie wehrte sich; es gab wieder einmal Zank und Tubeltage.

Diesmal stellte sich Hansueli offen auf Lises Seite. «Du hättest den Stall ebensogut reinigen können, wie sie», sagte er zum Sohne. «Wenn sie dir soviel auf dem 120 Acker draußen hilft, darfst du ihr wohl von der Hausarbeit etwas abnehmen.»

«Mutter hat diese Arbeit doch immer selbst besorgt», murrte Johannes.

«Ja. Dafür brauchte sie aber weniger auf dem Felde zu helfen. Von der Lise noch mehr Arbeit zu verlangen, wäre unvernünftig. Sie arbeitet mehr als du, glaub's nur.»

Das ging bei Johannes ins Guttuch. Er kam nicht so bald wieder zum Vater, um vor dessen Türe seinen Kleinkram abzulagern.

Zu Lise bemerkte Hansueli bei passender Gelegenheit: «Nimm's nicht so schwer wegen den Schweinen, du hast dein möglichstes getan, das muß man sagen. Ich will dann bei der Zinszahlung ein Einsehen tun und euch nicht hart halten.»

Und wieder einmal sah ihn Lise mit großen, überraschten Augen an und sagte nachher zu Johannes: «Du bist viel der Wüstere als der Alte. Der hat doch auch noch Verstand mit einem.»

Es kam Hansueli gelegen, daß er einen bescheidenen Sparbatzen beiseite gelegt hatte. Die Knochenstampfe klopfte ihm nicht mehr viel heraus. Öfters ließ er sie durch einen Taglöhner besorgen, um sich recht seines Enkelkindes annehmen zu können. Nach Geldzusammenscharren stand sein Sinn nicht mehr, für seine geringen Bedürfnisse hatte er bald genug.

Später trat etwas ein, das er sich nie hätte träumen lassen: Er ging manchmal hinüber und half Lise und Johannes bei der Arbeit, wenn sie ihn nötig hatten. Zur Erntezeit hatte er diesen Brauch angefangen. Garben lagen draußen, ein Gewitter drohte. Johannes und Lise banden den Rest. Da litt es ihn nicht in seinem Stübchen. 121 Er schirrte die Kühe ein und brachte einen zweiten Schneggen hinaus. Und Lise wies ihn nicht vom Acker und lief auch selbst nicht davon, sondern nahm die Hilfe an. Johannes lud; sie gab die Garben hinauf; Hansueli hielt die Kühe und fuhr nach; alles kam trocken unter Dach. Er half auch noch die Garben ablegen und schlagen. Unterdessen bereitete Lise die Zwischenmahlzeit. Als der Vater seiner Wohnung zusteuern wollte, trat Lise zu ihm und sagte unsicher:

«Wenn du magst, trink den Kaffee mit uns, aber nicht, daß du mußt ...»

Johannes horchte auf; dem Vater lief ein freundliches Aufleuchten über das Gesicht, und er erwiderte ohne Besinnen: «Gern!»

Seitdem erwarb er drüben wieder ein Stück von seinem alten Heimatrecht. Worte machen, war der Lise ihre Art nicht, und süße Mienen brachte sie keine zustande. Aber aus ihrem Tun und Lassen verspürte er doch eine versöhnlichere Gesinnung. Sie mied, was ihm zuwider war, und begegnete ihm nie mehr unehrerbietig. Das genügte ihm.

Eines Sonntags, als Johannes in der Predigt war, überraschte der Großvater Lise vor einer Kiste, die allerhand Andenken an das verunglückte Söhnlein enthielt. Nun wußte er, daß sie ihren Verlust noch nicht verwunden hatte, obschon sie nie davon sprach. Denn ihr Gesicht spiegelte deutlich genug einen zerrissenen, unglücklichen Seelenzustand wider. Johannes sprach noch öfters von dem verstorbenen Knaben; aber ohne wärmeres Gefühl. Wahrhaftig, bei Lise war tieferer Grund. Sie litt schweigend, und das brachte sie dem Großvater näher 122 als alles, was sie sonst getan hatte, ihn zufriedenzustellen.

Winter und Frühling waren vorbei; die Heuernte brach an. Oben am steilen Rain lag dürres Futter. Hansueli hatte es an Walmen geschichtet und laden geholfen. Zwei hochgetürmte Schneggeten standen zur Heimfahrt bereit. Diese war schwierig und nicht ohne Gefahr. Mit vereinten Kräften steuerten die drei das erste Füderchen den steilen Schrägweg hinunter. Auf dem Ebenen ließen sie es stehen und wollten das zweite nachholen. Lise ging voraus. Sie war voll Arbeitseifer wie immer auf dem Felde. Johannes und Hansueli kamen nach. Letzterer hatte mit kurzem Atem zu kämpfen. Ungeduldig wartete Lise auf sie, es ging ihr zu lange. Schon hatte sie sich in die Stange gestellt, die Handhaben ergriffen und hob prüfend die auf den Schlittensohlen ruhende Last.

«Nicht, nicht», schrie Johannes, «es wird dir zum Meister!»

Sein Warnungsruf kam zu spät. Kaum hatte Lise die Handhaben angerührt, kam das Fuhrwerklein in Gang. Vergeblich preßte sie mit aller Kraft die Schlittensohlen auf den Boden. Auf dem trockenen, harten Erdreich bremsten sie zu wenig. Wuchtig drängte die Last nach. Mit Not vermochte Lise in den Schrägweg einzurenken. Die Last jagte sie aus und trieb sie in langen Sprüngen vor sich her. Trotzdem verlor sie ihre Geistesgegenwart nicht. Mit äußerster Kraftanstrengung riß sie die Stangen herum gegen das obere Wegbord. Das hätte zur Rettung führen können. Unglücklicherweise war das Füderchen schief geladen und die schwerere Hälfte auf der Unterseite. Darum überschlug es sich bei dem 123 heftigen Anprall, stürzte über den schmalen Wegrand hinaus und überrollte sich, bis es von den hohen Haselstöcken und anderem Unterholz aufgehalten wurde. Lise, die noch in der Stange war, wurde mitgeschleudert. Hoch im Bogen flog sie hinunter in die Haselbüsche.

Das alles geschah kaum fünf Schritte vor den Augen der Männer, und doch hatte keiner helfen können.

«Häb, häb!» hatten sie geschrien und waren ihr entgegengeeilt. Zum Eingreifen kamen sie nicht, so unglaublich rasch ging alles vor sich. Wie gelähmt standen sie in der ersten Bestürzung und starrten mit entsetzt aufgerissenen Augen über den Wegrand hinunter in den Haselrain. Dann ermannten sie sich und kletterten hinunter.

Lise war im Stürzen ebenfalls durch einen Haselstock aufgehalten worden. Totenbleich lag sie da. Die Kleider hingen ihr zerfetzt am Leibe. Blut floß ihr aus Mund und Nase. Sie atmete noch, doch schien ihr das Bewußtsein geschwunden. Hansueli kniete zu ihr hin und bettete ihr Haupt sorgsam in seinen Arm. Er redete ihr zu, was, das wußte er selbst nicht. Auch Johannes stieß Angstworte aus, er schlotterte. Erst nach geraumer Zeit kam ihnen die Fassung und Überlegung wieder.

Sie versuchten Lise in die Höhe zu heben. Kaum rührten sie an, stieß sie einen gellenden Wehelaut aus. Sie warteten. Dann probierten sie es auf andere Weise, sie aufzurichten. Wieder tat sie einen Schrei. «Laßt mich liegen und sterben», jammerte sie in erschütternden Tönen. «Mein Rücken, mein Rücken!» Ihre Rede verlor sich in unverständlichem Gewimmer.

«Spring zum Nachbar», befahl Hansueli. «Er soll 124 sofort den Arzt holen. Dann komm wieder. Sie sollen uns helfen. Ich will hier warten.»

Johannes eilte. «Bring Wasser mit dir!» rief ihm der Vater nach.

Unten bei der ersten Heufuhre lag das Kind und schlief sanft. Sie hatten es ganz vergessen. Mit Halmen spielend, war es eingenickt. Jetzt nahm es Johannes mit ins Nachbarhaus.

Unterdessen kniete Hansueli immer bei der Lise, hielt ihr Haupt, strich ihr von Zeit zu Zeit liebkosend mit der zitternden Hand über das Haar und sprach ihr Geduld ein. Sie litt schwer. Auch ihn schmerzten die Knie, die Beine schliefen ihm ein; aber er hielt stand.

Eine halbe Ewigkeit schien verstrichen, als Johannes mit den Männern vom Nachbarhause anlangte. Gierig schlürfte Lise von dem frischen Wasser. Daneben kamen die Männer mit leeren Händen. Erst als sie sahen, daß ein gewaltsames Aufrichten und Wegtragen Lises Tod herbeiführen könnte, rieten sie her und hin, was zu tun sei. Man holte endlich ein breites und langes Brett, hieb den Haselstock um und schob es nahe an den Leib. Mit unsäglicher Anstrengung wälzte sich Lise selber auf das Brett, dann verlor sie die Besinnung aufs neue. Doch nun konnten die Männer anpacken, schafften sie mit vieler Mühe in den Weg hinauf, trugen sie auf einer Bahre nach Hause und hoben sie samt dem Brett auf ihr Lager. So mußte sie bleiben, bis der Arzt anlangte, sie auskleidete, untersuchte und mit höchster Vorsicht selber anders bettete. Über ihren Zustand war auch er nicht völlig im klaren. «Abwarten», lautete sein Bescheid.

Lise starb nicht. Ihr drohte das härtere Geschick, als Krüppel weiterleben zu müssen. Tag für Tag kam der 125 Arzt in der ersten Zeit, untersuchte und befragte sie. Tag für Tag las er auch in ihren Augen die gleiche bange Frage und antwortete: «Es kann schon noch gut kommen.» Sobald sie aber die kleinste Bewegung versuchte, mahnte sie ein stechender Schmerz, daß dieses Ziel noch in weiter Ferne liege. Das brachte sie fast zum Verzweifeln! Draußen so viel Arbeit, jede Hand so kostbar, und sie mußte im Bette liegen, steif wie ein Stück Holz. Heiß wallte es in ihr auf. Sie ballte die Fäuste und hätte etwas zerschlagen mögen, austoben wie ein wildes Tier. Noch lebte in ihren Armen etwas von der alten Kraft, im Herzen etwas von ihrem alten Trotz und wehrte sich. Aber von Woche zu Woche wurde der Widerstand schwächer. Das Leiden sog ihr den Mut und die Hoffnung aus dem Herzen, die Kraft aus ihren Gliedern. Langsam nahm der Schmerz ab und machte einer bleiernen Müdigkeit Platz. Etwas Dunkles und Schweres senkte sich auf sie herab und lastete wie ein ungeheurer Alb auf ihrer Brust, daß sie weinen mußte, manchmal stundenlang.

Dem Vater gegenüber hatte der Arzt nicht hinter dem Berge gehalten: Verletzung der Wirbelsäule und vermutlich auch des Rückenmarks. Man müsse sich auf ein langwieriges Krankenlager gefaßt machen, vielleicht auch auf einen bleibenden Nachteil. Daraufhin hatte Hansueli sofort Hilfskräfte einzustellen gesucht. Mit Mühe und Not hatte sich endlich ein Taglöhner gefunden, der Johannes die Heuernte beendigen half. Eine Krankenpflegerin war nicht aufzutreiben. So mußte Hansueli selbst den größten Teil der Pflege übernehmen. Gutherzige Nachbarfrauen unterstützten ihn darin und nahmen ihm nach altem, schönem Bauernbrauch einen 126 Teil der Nachtwachen ab. Aber auch so blieb seine Aufgabe eine schwere. Die Haushaltung, das Kind und die Kranke gleichmäßig zu bedenken und betreuen, ging fast über seine Kräfte. Ihm kam zu statten, was er in frühern, schweren Tagen gelernt hatte.

Nächtelang saß er am Krankenlager seiner ehemaligen Widersacherin und bewegte ihr Schicksal in seinem Herzen. Selbst ein leidgeprüfter Mann, ermaß er die Tiefe ihres Schmerzes, verstand ihre seelische Zerrissenheit. Er hatte eine schwere Bürde zu tragen gehabt; die ihrige war schwerer. Ihm hatte im Dunkel immer ein Sternlein der Liebe und des Vertrauens geleuchtet. Sie mit ihrem kalten Gemüt war grenzenlos arm, ehe Tod und Krankheit sie beraubt hatten, arm an Liebe, arm an Freude, arm an Vertrauen und Glauben. Dann mußte sie das einzige, was ihr lieb war, lassen, ihr Kind. Nun sollte ihr auch das einzige, worauf sie stolz war und trotzte, genommen werden, ihre Arbeitstüchtigkeit. Den Wipfel ihres Lebensbaumes hatte der Sturm gebrochen und gestürzt. Was blieb, schien ein entästeter, entblätterter und blütenloser Strunk.

Hilflos, in unsäglicher Traurigkeit lag sie da. Sooft sie sich zu erheben suchte, sank sie kraftlos auf ihr Lager nieder. Da schwand der letzte Schimmer von Groll in Hansuelis Herzen, und auch Johannes wandte sich mit nassen Augen ab, er konnte dem Jammer nicht zusehen. Keiner sah mehr das häßliche, spitze Gesicht der Lise, vergessen war ihre saure, unfreundliche Art; sie sahen an ihr nur mehr das schmerzenreiche Menschentum und suchten zu trösten und zu helfen. Die kleinste Handreichung, die ihr der Vater tat, war getragen von reiner Herzensgüte und zarter Rücksicht. Keine Stunde 127 verging, in der er nicht feurige Kohlen auf der Lise Haupt sammelte. Voreinst hatte sie diese Vatergüte als Schwachheit und Dummheit verachtet, wie hundert gedankenlose und unerfahrene Menschen im Dünkel ihrer Kraft und Größe tun. Aber nun war sie schwach und klein geworden und konnte sich nicht mehr dagegen wehren und verhärten. Sie nahm, was ihr geschenkt wurde, und es gab Augenblicke, in denen sie sich schämte, daß sie es unverdient annehmen mußte.

Viele Wochen lag sie nun schon darnieder. Schmerz fühlte sie nicht mehr; aber ihrem Kreuz fehlte die Kraft. Doch brauchte ihr niemand mehr zu wachen, und tagsüber durfte der Großvater den Hausgeschäften nachgehen, ohne sich viel um die Kranke zu kümmern; Lise machte wenig Anspruch auf Zeitvertrieb; ihre einzige Gesellschaft bildete das Kind. Während der langen Krankenzeit hatten sich die beiden mehr und mehr gefunden. Lises Denken und Fühlen war anders geworden, erfreulicher auch ihr Verhältnis zu dem Kinde. Es plauderte mit ihr, spielte an ihrem Bette, kletterte zu ihr hinauf, kämmte ihr die Haare, streichelte ihr die Wangen und reichte ihr, was sie nötig hatte. Auch Blumen brachte es ihr, und Lise hatte zum erstenmal recht Zeit, sie zu betrachten, und empfand vielleicht auch zum erstenmal eine Ahnung von ihrer Schönheit. Solange das Kind da war, vergaß sie ihr Elend, und die Stunden eilten rascher. Fehlte es ihr, so kehrten die schwermütigen Stimmungen wieder, und manchmal so stark, daß die Männer fürchteten, sie verliere den Verstand.

Eines Tages hörte Hansueli sie beten. Es war ein Aufschreien aus Herzensnot, so heiß verlangend, daß sich ihm die Haare sträubten. Nie in seinem Leben hatte er 128 ähnliches gehört. Was mußte sie durchkämpft und durchlitten haben! Das Wasser schoß ihm in die Augen, und er seufzte: «Tröst' Gott die arme Seele!»

Nach Monaten zeigte sich eine deutlichere Wendung zum Bessern. Lises Kraft kehrte wieder; aber es ging so langsam wie das Wachsen eines Baumes. Wie ein Kind mußte sie lernen, zuerst das Sitzen. Doch war schon das eine Wohltat für sie. Sie konnte Äpfel rüsten, Kartoffeln schälen oder Suppenbrot einschneiden. Sogar das ehemals verhaßte Nähen und Stricken verkürzte ihr die Zeit. Dann kam das Gehen an die Reihe. Anfangs mußte sie geführt werden, und der erste Guck zum Fenster hinaus wurde ihr zum wichtigen Ereignis. Später eroberte sie die Stube auf Krücken. Auf einem Stuhle sitzend, begann sie den Besen zu ziehen. War eine Ecke gereinigt, so rückte sie weiter und gab nicht nach, bis die ganze Stube gekehrt war. Nach einiger Zeit dehnte sich ihr Reich auch auf die Küche aus, doch vermochte sie noch lange nicht, die schweren Kochgeschirre abzustellen. Das preßte ihr noch manchen schweren Seufzer, manche bittere Selbstanklage aus. Die Station Ungeduld lag noch lange nicht hinter ihr. Es kam vor, daß sie ihre Krücken fortwarf, sich an eine Wand lehnte und zornig weinte. Doch endlich kam die Zeit, wo ihr Hansuelis Hakenstock Stütze genug war. Sie steckte die Krücken ins Feuerloch und kochte sich einen Kaffee damit. Das gab ihr Mut und Kraft, und bald turnierte sie schon wacker aus mit Hühnern, Katzen und dem Mannenvolk. Ihre Rüstigkeit wuchs von Woche zu Woche, und die Schwäche verlor sich bis auf einen ganz geringen Rest. Sie konnte wieder ungehindert Weg und Steg brauchen, nur wenn sie mit dem Mannenvolk wetteifern wollte in 129 schwerer Arbeit, merkte sie, daß es nicht mehr ging. Immerhin konnte sie mit dem Ausgang zufrieden, ja recht zufrieden sein. Zuzeiten war sie es auch wirklich. Die schweren Heimsuchungen hatten die Schattenseiten ihres Charakters gemildert. Sie hatte erfahren, wie schwach und gebrechlich einer werden, wie sehr er die Hilfe der andern benötigen kann, und das ruhige und besonnene Walten ihres Schwiegervaters, seine rücksichtsvolle und gütige Art hatten ihr in den Leidenstagen so wohl getan, daß sie es nie mehr ganz vergessen konnte. Erwachte auch einmal die eifernde Lise wieder und geriet ins Keifen und Schelten, so dachte Johannes deswegen noch lange nicht an Ehescheidung.

Im nächsten Frühjahr stand Hansueli Reber zum letztenmal in meinem Studierzimmer.

«Ich möchte mein Amt als Kirchgemeinderat niederlegen», meldete er. «Der weite Weg fängt an, sich mir schwer an die Füße zu hängen. Mein Gehör ist schwach geworden; ich verstehe wenig mehr von der Predigt, darum lasset mich austreten.»

Ich bat ihn, wenigstens noch die nächste heilige Zeit seines Amtes zu walten, damit in Ruhe ein Nachfolger gewählt werden könne, und er sagte zu.

Am Ostertage war die Reihe an ihm, den Kelch zu halten. Als ich auf die Kanzel trat, leuchtete mir vom Ehrenplatze aus sein Haar schneeweiß entgegen. Leise Wehmut ergriff mich, als ich bedachte, daß es das letztemal sei. Während des Gemeindegesanges ließ ich meine Blicke über die Köpfe der Andächtigen schweifen, und plötzlich blieben sie haften am Gesicht der – Lise. Die Lise in der Kirche: Es gab mir einen förmlichen Ruck. Und während ich meine Predigt hielt, schimmerte auf 130 dem Grunde meiner Seele der Freudengedanke: Die Lise ist wieder zur Kirche gekommen, und wärmte und verklärte jedes meiner Worte.

Die Predigt war geschlossen. Wer nicht das Abendmahl genießen wollte, ging. Ich verließ die Kanzel und trat an den Taufstein. Suchend glitten meine Blicke über die Frauenseite. Nirgends erblickte ich die Lise. Das beunruhigte und enttäuschte mich. Der Freudenschimmer in meiner Brust wollte erbleichen. Die heilige Handlung begann. Ich hatte das Brot gebrochen, vom Kelch getrunken. Vor mir stand Hansueli Reber mit freudig-ernstem Gesicht, empfing feierlich den Becher aus meiner Hand und stellte sich mir zur Rechten. Der Zug der Männer reihte sich hintereinander. Betend standen die Frauen auf und schlossen sich an. Nein, Lise war nicht da. Meine schöne Hoffnung zerfloß. Jetzt kam die letzte Reihe heran und plötzlich – das Herz klopfte mir – die Allerletzte in der Reihe war Lise. Bescheiden hatte sie sich hintenangestellt, sie wollte die letzte sein, der Hansueli den Becher reichte. Mit niedergeschlagenen Blicken und gebundenen Schritten trat sie näher. Erst, als ich ihr das Brot reichte, schaute sie auf und maß mich mit einem rätselhaften Blicke. Jetzt trat sie zu den Kelchhaltern und wartete ruhig, bis ihr Hansueli den Becher reichen konnte. Sie zitterten beide, die rauhen, hartgearbeiteten Hände, die gebende und die empfangende. In Lises Augen schimmerte es feucht, und Hansuelis Friedensgesicht strahlte in heiliger Rührung! Versöhnung, o schöner, o unvergeßlicher Tag!

*

131 Von der Versöhnung blieb einer ausgeschlossen, und dieser eine war ich. Lise, die in ihrer Krankenzeit meine Besuche hartnäckig abgelehnt hatte, blieb in der Folgezeit ebenso hartnäckig meinen Gottesdiensten fern. Meine Einmischung in ihre Angelegenheiten hatte sie zu tief erbittert, und der Ast am Holzapfelbaum blieb bis ans Ende seiner angestammten Frucht treu. Aber das war zu verschmerzen. Die Hauptsache blieb, daß sie meinem alten Freunde öffentlich die Ehre gegeben und ihre frühern Verdächtigungen durchgestrichen hatte.

Etwas mehr als zwei Jahre später betteten wir Hansueli Reber ins kühle Grab. Es liegt nicht weit entfernt von dem Lisbeths. Ein Eisenkreuz steht darauf inmitten freundlicher Blumen. Nicht Lises Hände haben sie hergepflanzt. Daß sie sich mit ihrem Schwiegervater bis zum Ende leidlich vertrug, war alles, was man von ihr erwarten konnte. Eine wackere, blonde Handwerkersfrau hält das Grab in Ehren – Hansueli Rebers einstige Pflegetochter ...

 


 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.