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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5.

Giafar war nach und nach mit Ahmet so vertraut geworden, als es dessen Ernst und ihn durchdringender Blick erlauben wollten. Er fühlte seinen Verstand von ihm unterjocht, ohne daß es jetzt sein Herz beschwerte, dunkel ahnte er aus seinem Betragen, daß sein Schicksal durch ihn eine andere Wendung nehmen müßte, und erwartete den Augenblick mit Sehnsucht. Als sie eines Tages auf der Klippe saßen und das von den Trümmern der Verwüstung bedeckte Thal vor sich liegen sahen, sagte Giafar mit einem tiefen Seufzer:

Aber wozu dieser Sturm? Warum dieser Wolkenbruch?

Ahmet (kalt). Vielleicht um ein fern wohnend, aus Durst verschmachtend Volk zu tränken, einen Boden zu wässern und zu befruchten, dessen Quellen die Sonne vertrocknet hatte.

Giafar. Diese Antwort ist mir nicht neu, und das, was sie in sich faßt, hat mich nur zu oft empört. Mußte er Diese ersäufen, um Jene zu tränken? Hier Weiber zu Wittwen, Kinder zu Waisen machen, damit das Blut Jener gekühlt werde? Wird es ein Trost für diese Unglücklichen sein, daß nun Jene, die ihnen nichts sind und sein können, auf ihre Kosten gerettet worden?

Ahmet. Sie leiden, seufzen, vergessen und bauen wieder auf, was der Sturm zerstört hat; sie können die ewigen Gesetze der Nothwendigkeit nicht, denen sie unterworfen sind, empfangen das Gute aus den Händen der Natur ohne Dank und das Böse ohne Groll.

Giafar. Beim Propheten, auch ich habe das sogenannte Glück der thierischen Stumpfheit in Persien bemerkt, und wenn du damit die Grausamkeiten des Khalifen rechtfertigen willst, so muß es dir freilich unbedeutend scheinen, ob ein Wolkenbruch, der mit der Verwüstung einer Sündfluth herunterstürzt, dasjenige bewirkt, was ein wohlthätiger, unschädlicher Regen eben so wohl hätte thun können. Gehe nun hin, Mensch, und nenne die Natur deine Mutter! Ahmet. Hast du die Wasser gegen die Bedürfnisse der Erde abgewogen und weißt du bestimmt, ob ein sanfter Regen das bewirken konnte, was der Sturm bewirkte?

Giafar. Bei dem Gefühl des Menschen, es ist scheußlich zu denken, daß hier ein Erdstrich mit seinen Bewohnern aufgefressen werde, damit ein ferner, uns unbekannter blühe! Dies ist es, was ich empfinde und was meinen Verstand erdrückt. Wenigstens ist es dem Menschen zu verzeihen, wenn er gegen Den murret, den er sich so mächtig denken soll und den er gleichwohl handeln sieht, wie die beschränkten Sterblichen, die nicht selten gezwungen sind, ein vermeintes und zwar sehr kleines Gute durch ein großes Uebel für sich oder andre zu erkaufen.

Ahmet. So scheint es freilich.

Giafar. Scheint es nur? und dies wäre alles, was ein Mann wie du mir antworten könnte oder wollte? Gleichwohl weißt du, daß dem Menschen Alles nur Schein ist, daß er sich leider damit begnügen muß. – Wenn aber nun einer diesen Schein oder Schleier gewaltsam wegzureißen strebte, um zuzusehen, was er uns verbirgt? Und wenn er nun, indem er das trügerische Gewebe seines Scheinglücks zerstört, die Anordnungen eines Wesens mit zu frechem Blicke musterte, in dessen Macht es stand, unser Glück etwas fester zu gründen, und das sich uns ohne Zweideutigkeit enthüllen konnte!

Ahmet. Mit gleichem Rechte magst du hadern, daß dir die Materie des Lichts ein Geheimniß sei. Ziehe die Sonne dem Erdball näher, das wohlthätige Licht, das dich erwärmte, dir leuchtete und die Saat des Feldes zur Reife trieb, wird Gluth werden und dich und ihn zerschmelzen.

Giafar. Das Bild ist treffend, vielleicht schön; aber es läßt mich kalt, denn ich sehe dieses Thal vor mir.

Ahmet. Wie, und wenn dieses Wesen alles Dieses nun gethan hätte, was du forderst? Wenn es sich nun mir und dir und Jedem offenbart hätte, der mehr auf die innere Stimme, als auf die üppigen Verirrungen eines verdorbenen Verstandes hören will?

Giafar. Ahmet, der Verstand kann hier nicht entscheiden, das Gefühl, das diesen vergleichen lehrt und uns von unserem Elende jeden Augenblick so schmerzlich überzeugt, scheint mir dazu allein berechtigt. Ich habe den Khalifen und seine Sklaven Dinge begehen sehen, die mir die Welt zur Hölle machten. Vor meinen Augen wurde mein edler Vater erdrosselt, weil er es mit der Tugend hielt, und ich Elender fiel in Betäubung vor dem Verschnittenen nieder, der mir im Namen des Tyrannen den dritten Theil seines Vermögens zusagte. Noch glühe ich vor Scham, und nie werde ich diesen Stachel aus meinem Herzen ziehen können. Ich floh und rettete mich in diese wilde, unzugängliche Einsamkeit, wie der bebende Vogel vor dem Geier. Hier glaubte ich mich sicher in Ruhe und hoffte, die Wunden meines Herzens sollten heilen; plötzlich verwüstet ein Wolkenbruch meine Einsamkeit, ertränkt Tausende vor meinen Augen, damit, wie du sagst, ein fernes Volk, das mir und ihnen nichts ist, gerettet werde – es sei so; aber ich sehe hierbei nichts als Unordnung, Mangel und Gebrechen in dem Ganzen und weiß nicht, warum ich vor allen Thieren die so hoch gepriesene Fähigkeit erhalten mußte, dieses recht tief zu fühlen und recht klar zu denken.

Ahmet. Ich begreife es, daß ein fühlender Mensch, der von früher Jugend ein Zeuge der Gräuel der Tyrannei war, der einen so edlen Vater durch sie verlor, und den der Egoismus gegen diese Frevel weder verkälten noch zum Mitschuldigen machen konnte, oft vor diesen Verbrechen zurück starren mußte, fasse es, daß ein solches Schauspiel, worin weder Zweck noch Verstand zu erblicken ist, deine sich eben entwickelnde Vernunft verwirren mußte, und daß du in dieser Betäubung nicht mehr wußtest, ob du den Menschen allein anklagen, oder ob du außer seiner Sphäre die Ursache dieser Uebel suchen solltest. In so weit rechtfertigt dich mein eigenes Herz, und es macht sogar dem deinigen in einem gewissen Sinne Ehre.

Giafar. Ahmet, wer sein Herz einmal gefühlt hat, kann Der kalter Zuschauer dieser Verwüstungen bleiben? Wie kochte es in meinem Busen, wenn ich mein Unvermögen empfand, diesen Gewalthätigkeiten Einhalt zu thun. Oft trieb mich das Nachdenken über die Unvernunft der Tyrannen, die durch ihre Grausamkeiten gegen sich selbst wüthen, bis zum Wahnsinn. Wenn ich dann die Augen aufschlug und den Himmel heiter über diesen schwarzen Gräueln hängen sah, mußte ich nicht denken, er achte unsers Daseins nicht und habe das schreckliche Loos über uns geworfen, noch mehr von der Gewalt unsers Gleichen, als der Gewalt der Natur zu leiden? Kann unser Verstand, der jeden Augenblick durch eine neue peinliche Erscheinung zerrüttet wird, die Wunden des Herzens heilen? Ich spürte den Ursachen dieser Uebel aus allen Kräften nach; aber nur zu geschwind entdeckte ich, daß eben über dem, was der Mensch am begierigsten zu wissen wünscht, und wozu ihn ein innerer, unwiderstehlicher Trieb zu berechtigen scheint, das schwärzeste Dunkel liegt. Da ich nun diesen verworrenen Knäuel nicht selbst loswickeln konnte, versuchte ich es durch die Weisesten der Menschen der alten und neuen Zeit, las ihre Schriften –

Ahmet. Und fandest in dem stolzen Gewebe ihrer Systeme die Beweise der Armuth, der Pein ihres Geistes, das Unerforschliche nicht erforschen zu können. Dein Verstand verwirrte sich von nun an noch mehr, und deine Zweifel wurden stechender.

Giafar. Ach, wie ekelhaft wird uns die Menschheit durch diese Demüthigung, wenn wir sehen, daß Männer, ausgerüstet mit dem feinsten Verstand, mit dem schärfsten Blick, die Alles wissen, was der Mensch durch Erfahrung, Fleiß und Anstrengung erhaschen kann, die Alles durchforscht haben, uns gerade darüber, worüber wir sie fragen, keine befriedigende Antwort geben können.

Ahmet. Dies ist nun freilich demüthigend und sollte uns, deucht mich, von dem Wahn heilen, das erforschen zu wollen, was man uns so geflissentlich verbirgt; aber hast du dich auch je gefragt, ob es zu unserm Glücke so nöthig ist? Ob eine entscheidende Antwort auf die kühne Frage vielleicht nicht das wenige Glück, das wir, wie du selbst nicht leugnen wirst, genießen, gänzlich zerstören würde? So unsinnig wirst du doch nicht sein, den Schleier von dem ungeheuren All, wovon du nur einen unausdrückbaren kleinen Theil umspannen kannst, ganz wegziehen zu wollen? Denn eben so leicht möchtest du die Gewässer des Weltmeers mit deinem Trinkbecher messen wollen. Würdest du nicht über die Ameise, die hier im Moose vor uns kriecht, lachen, wenn sie mit dem Schöpfer haderte, daß sie nicht jenes Gebirge, so wie wir, übersehen kann? Gelänge es uns nun auch, einen Zipfel von diesem Schleier aufzuheben, würden wir mehr als ein kleines Theilchen von einem ungeheuren Ganzen sehen können? Würden wir, da das Ganze über unsere Fassung geht und wir die Theilchen nirgends einzupassen wissen, mehr damit unternehmen können, als mit den übrigen Bruchstücken?

Giafar. Macht diese Ueberzeugung unsere Lage besser? Warum mußten wir einen Theil fassen und begreifen können, da das Ganze über unsre Vorstellung geht? Geschah es darum, um uns lüsterner auf das zu machen, was uns vorenthalten ist? Oder sollten wir darum den unbedeutendsten Theil begreifen, um unsere Beschränktheit, unsere Stumpfheit desto peinlicher zu fühlen?

Ahmet. Vielleicht weil Befriedigung hierüber durch einen einzigen Schlag das ganze moralische Wesen des Menschen vernichten und das edelste Geschöpf des Unnennbaren zwar zu einer vollendeten, aber auch zu einer sehr langweiligen und sich selbst sehr lästigen Maschine machen würde. Barmecide, du hast bisher nach nichts gestrebt und weißt nicht, in wie weit uns der rechte Gebrauch unsrer Kräfte veredeln und weiser machen kann.

Giafar. Weiser?

Ahmet. Ich sage weiser und in eben den Dingen, die dir so dunkel scheinen.

Giafar. (ward ernsthaft und schwieg einige Augenblicke). Ich glaube dich zu verstehen – indessen ist es die Schuld des Blinden nicht, wenn er von den Farben falsch urtheilt. Wozu nützte uns die Dämmerung, wenn wir in Finsternis; wandeln sollen, ohne je das Licht zu sehen.

Ahmet. In deinem Herzen ist Licht, warum löscht es dein Verstand aus?

Giafar. Nach meiner Erfahrung war es das Herz, das den Verstand auslöschte.

Ahmet. Weil beide eine Uebereinstimmung voraussetzen, die nur der Lohn der wahren Weisheit ist. Würden die Menschen mehr auf dieses arbeiten, so würde es mir ein Leichtes sein, dich von dem zu überzeugen, was ich dir nun sagen will. Ich bin nicht so verwegen, es dir für Wahrheit zu geben; welcher Sterbliche vermag dies von Dingen zu sagen, die, wie ich glaube, zu unserm Glück verborgen bleiben mußten. Denn entweder würde durch ihre Entdeckung unsre Kraft stehen bleiben oder sich daran zerschlagen. Ich gebe dir meine Meinung, und dies ist Alles, was über diese Gegenstände der größte und hellste Kopf vermag. Auch bin ich weit entfernt, sie dir aufzudrängen, und noch weniger geneigt, mit dir darüber zu streiten – nur bitte ich dich, spanne deine Erwartung nicht zu hoch; Alles, was ich kann, ist, vielleicht den Zweifeln, die dich quälen, den giftigen Stachel auszureißen, und gelingt mir dieses, so habe ich genug gewonnen.

Giafar. Du hast sie schon durch deine That erschüttert, und das, was ich auf deiner Stirne, in deinen Augen lese, verspricht mir die Heilung der Wunden, die sie hier gerissen haben.

Ahmet. So mag nun mein Gefühl zu dem deinen reden. Mich deucht, man kann, nach Allem, was wir um uns vorgehen sehen, mit Recht behaupten, daß die meisten Plagen der Menschen aus Wahn, Unwissenheit, Stolz und Eitelkeit entspringen, und daß sie eben dadurch die Herrschaft und Politik ihrer listigen Mitbrüder, wo nicht ganz geschaffen, doch wenigstens befördert haben und sie noch in Kraft erhalten. Daraus folgte denn, daß wir den Hauptkampf, den wir im Leben zu bestehen haben, meistens mit Phantomen kämpften, die wir selbst geschaffen haben und durch Feigheit und Gewohnheit unterhalten. Der denkende Mensch fühlt sich zugleich der Natur unterworfen, und je mehr er beobachtet, je stärker überzeugt er sich von dieser zwiefachen Abhängigkeit, dieser seinen Stolz demüthigenden Beschränktheit, und will alsdann das Wiefern und Warum erkennen: will wissen, zu welchem Zwecke er da ist, und kann er keine Antwort erzwingen, so möchte er wenigstens erfahren, warum die Natur, so zu sagen, mit ihm auf halbem Wege stehen geblieben ist und ihn da nur ahnen läßt, wo er Gewißheit fordert.

Aus deinen Aeußerungen vernahm ich, daß dieses dein Fall ist. –

Giafar. Völlig; möchtest du mir doch diese Räthsel lösen!

Ahmet. Umschließt doch auch meinen Geist die Hülle des Fleisches, wie den deinen! Doch laß uns immer weiter in dieser Finsternis herumtasten, vielleicht daß wir hier oder da etwas ergreifen, woran wir uns halten können. Da die Natur immer fortwirkte und immer schwieg, und der Mensch keine bestimmte Antwort auf seine Fragen erhalten konnte, so nahmen endlich sein Stolz und seine Eigenliebe die Auflösung über sich. Auch war er mit dieser Auflösung so wohl zufrieden, daß er sie bald zu Glaubenslehren machte, und so entstanden die Worte Schicksal, Verhängniß, Vorsehung und Leitung höherer, unsichtbarer Wesen. Verstehst du sie?

Giafar. So weit, daß ich die ersten als ein lästiges Joch abschüttle, und was jene höhere Wesen betrifft, so denke ich von ihnen zu erhaben, als daß ich sie zur Ursache oder zu Mitschuldigen unserer Thorheiten machen sollte.

Ahmet. Und doch geschieht dieses, sobald du den Damm mit Gewalt durchbrechen willst, der dich einengt, sobald du dich von deiner Mutter, der Erde, losreißest und in der Höhe suchest, was du nur in dir und nirgends anders finden kannst. – Laßt uns wiederum einlenken. –

Da diese Worte nun einmal da waren, so fanden sich bald Köpfe, die sie mit so viel Schrecken, Furcht und Hoffnung zu umspinnen wußten, daß es ihnen leicht fiel, den Geist und die trotzenden Kräfte ihrer übrigen Brüder in unauflösliche Ketten zu schmieden. Der Mensch, Giafar, konnte nur durch seinen edelsten Theil, auf den er auch noch unterm Joche so stolz ist, zum Sklaven werden, und damit er der Freiheit ganz vergesse, mußte er über den wahren Gebrauch desselben irre geführt werden und ihn nie anerkennen lernen. Er mag nun erst gemeldeten Worten eine Bedeutung geben, welche er will, so ist es doch, wie du selbst äußerst, unmöglich, daß er den Unnennbaren nicht auf die eine oder die andre Art zum Mitschuldigen oder zur Ursache seiner Handlungen mache, da dieser, nach der frömmsten Meinung, die Gräuel, welche dich in der moralischen und physischen Welt so sehr empören, voraussieht, die Macht hat, sie zu hindern, die Gewalt hatte, uns und die Natur anders zu bilden, und nun gleichwohl alle moralische Gräuel zuläßt und der Materie den Samen zu solchen dir mißfallenden physischen Ereignissen beimischte. Du siehst, wie ich mich deiner Meinung nahe.

Giafar. Ich sehe es wohl, aber ich fühle auch den Stachel meiner Zweifel um so schärfer. Ahmet, was würde man wohl von einem König sagen, der die Gabe hatte, die Verbrechen seiner Unterthanen vorauszusehen, und sie darum nicht daran verhinderte, um das Vergnügen zu haben, sie erdrosseln und spießen zu lassen! Dieses gliche so ziemlich unserm Khalifen, wie denn seine Haushaltung überhaupt sich der Haushaltung der Natur zu nahen scheint. Ich sehe voraus, was du darauf antworten wirst; aber eben Das, was man darauf antwortet, verwirrt den Knoten; der Mensch urtheilt nur mit und durch die Sinne, die Kanäle seiner Begriffe und alle metaphysischen Grübeleien führen am Ende dahin, daß man diesen Knoten in Verzweiflung zerhaut.

Ahmet (sehr ernst). Darf dies der Mann, der sich und seinen Werth, sein Gutes und Böses, mit dem Werth, dem Guten und Bösen, Andrer noch nicht abgewogen hat?

Der kalte und ernste Ton, womit Ahmet dieses sagte, verwirrte Giafarn. Er erröthete und sah vor sich hin.

Ahmet. Vielleicht werde ich das nicht antworten, was du zu erwarten scheinst. Ich gestehe dir vielmehr ein, daß du mit Recht dem Meister die Fehler seines Werks zuschreibst und folglich mit gleichem Rechte dem Urheber der Welt, den du hier unter dem menschlichen Begriff von Werk- und Baumeister denkst, die vermeinten oder wirklichen Gebrechen dieser Welt –

Giafar. O Ahmet, beinahe fürchte ich, du nimmst deine Zuflucht zu den zwei berühmten, sich entgegenstrebenden Geistern und suchst den Samen des Nebels in der Materie, den Ahermen hineingepfuscht haben soll. Wahrlich eine so unsinnige Meinung, daß sie den Schöpfer der Welt mehr herabwürdigt, als die verwegensten Zweifel.

Ein kaltes, spöttisches Lächeln bildete sich um den Mund Ahmets; er blickte scharf in die Augen Giafars, der sein Herz in diesem Augenblicke von einer sonderbaren Empfindung zusammengedrängt fühlte.

Ahmet fuhr fort:

Wenn wir nur diesen Ahermen oder Geist des Bösen schon gefunden hätten?

Giafar. Wie das? Wo?

Ahmet. Ich hätte vielleicht vor allen Dingen fragen sollen, ob denn dieses so geradezu Gebrechen sind, und ob es nöthig ist, eine entfernte Ursache aufzusuchen, da uns die wahre so nahe liegt.

Giafar. So nahe – nun –

Ahmet. Du sollst sie aus dem Folgenden selbst herausnehmen. Höre dann, was Ahmet über den Menschen, seinen Zweck und über die Hebel denkt, die dich so empören, daß du deiner Kraft zum Guten selbst vergißt.

So wie das ganze Geheimniß der Natur in dem Menschen, Ideen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln, nur darin besteht, daß sie ihn empfindlich für Schmerz und Vergnügen machte, so scheint seine moralische Entwicklung bloß davon abzuhängen, daß sich in der Gesellschaft sein Sinn für Ordnung, das Gute, ihm und andern Nützliche, entfalte. Der Unbegreifliche hat diesen Sinn von moralisch Gutem und moralisch Bösem in unsern Busen an Selbstliebe und Selbsterhaltung geknüpft, dem Menschen Vernunft zu unterscheiden. Verstand zu erwägen, Willen zu wählen gegeben und ihn dadurch von allen uns bekannten Geschöpfen abgesondert. Dieser Sinn ist zugleich mit seiner physischen Natur aufs innigste verwebt und hängt mit ihr, so sein, geistig und erhaben du auch deine moralischen Verhältnisse betrachten magst, aufs genaueste zusammen. Nie würden die moralischen Empfindungen (denn dieses sind sie mehr, als Räsonnements) haben Wurzel fassen können, wenn sie mit unserem physischen Wohlsein nicht verknüpft wären, so aber wird das Wohlbehagen unsers zwiefachen Daseins nur durch die reine Verbindung beider befördert, oder durch den Mißbrauch des einen oder des andern gestört und oft ganz zerrissen.

Diese moralischen Pflichten und Verhältnisse entstehen, sobald die Menschen in Gesellschaft zusammentreten. Der Samen dazu liegt in ihrer Natur, entwickelt sich durch das Streben, ihren Zustand immer zu verbessern, aus dem Gefühl der Selbsterhaltung, der Sorge für sich und Andere, und es erfordert weiter keine höhere Macht, diesen Keim herauszutreiben. In dem Fortlauf der Zeit entwickelt sich Dieses alles in das Feinere, wird endlich von spekulativen Köpfen aufgefaßt und in Systeme von Recht und Unrecht, moralischen und politischen Pflichten und Verhältnissen geformt. Da nun dieses auf verschiedene Art und nur gradweise geschieht, so sind darum die moralischen Begriffe eines Volkes die bestimmten Zeichen seiner Rohheit, Kultur, Regierungsverfassung, seines edlen Zustands und seiner Verderbniß. Hier arbeitet also die politische Verfassung entweder gleichförmig mit der moralischen Stimmung des Menschen, oder gegen dieselbe, nach ihr angemessenen oder widerstrebenden Gesetzen und bestimmt den Begriff vom moralisch Guten und moralisch Bösen, veredelt oder zerrüttet die menschliche Natur. – Um es noch sinnlicher zu machen: so wie der Unnennbare in Steine, Pflanzen und Metalle den Druck und Stoß zu ihrer Entwicklung gelegt hat, daß sie durch fest bestimmte und dem Zweck gemäße Veränderungen gehen müssen, um Marmor, Ceder oder Gold zu werden, ebenso hat er das Streben, sich zu vervollkommnen und seine verschiedenen Kräfte auf dem Wege dahin zu äußern, in den Menschen gelegt. – Scheint dir dieses anders?

Giafar. Die Erfahrung spricht dafür; indessen dünkt mich, dieser Satz ließe sich auf jeden Gegenstand der Natur eher anwenden, als den Menschen, der, wenn er einen gewissen Punkt der Verfeinerung erhalten hat, seinen Originalcharakter ganz auszuziehen scheint und alsdann seine moralischen Verhältnisse so zernagt, daß es oft zum Räthsel wird, wie die Bande noch zusammenhalten.

Ahmet. Und wer kann die Grenzen des Menschen bestimmen? Wer kann sagen, er überschreitet seine Natur, sobald er über diese oder jene Linie tritt? Wo ist seine Natur? Ist er nicht Alles, was er ist, vermöge seiner Natur, er befinde sich, wo er wolle, unter den Horden der Wilden oder in dem Gewühle üppiger Städte? Glaubt nicht Jeder, da wo er sei, sei auch des Menschen wahre Lage? Das moralische Element des Menschen, wenn ich es so nennen darf, ist grenzenlos wie seine Einbildungskraft. Er mußte Alles werden können, wenn der Mächtige ein Wesen aus ihm machen wollte, das sich selbst Quelle seiner Selbstständigkeit und Bewirker seiner moralischen Schöpfung sein sollte. Und eben dieses ist es, was ich Entwicklung seiner Kräfte nenne.

Giafar. Ein stolzer Gedanke, der stark in meinem Herzen faßt.

Ahmet. Vielleicht, daß er Licht in deinem Geiste anzündet. – Nur dadurch konnte ihm die Pflicht auferlegt werden, den Gebrauch seiner Kräfte zu verantworten. Dadurch wird der Sklave von seiner drückenden Kette befreit, und er darf es nicht mehr wagen, seine Laster mit seinem niedrigen Zustand zu entschuldigen.

Giafar. Und was hinderte den Mächtigen, uns gleich vollkommener zu machen? Warum legte er den Funken zu gefährlichen Leidenschaften in unser Blut, der, sobald er Flamme wird, das Streben nach dem Guten so schnell und leicht aufzehrt? Sind wir nicht ihr Sklav? Ist unser Leben nicht ein rastloser Kampf mit den uns aufgedrungenen Tyrannen?

Ahmet. Frage dein Herz, Giafar, ob es sich der Ketten nicht schämt, womit es deine Verirrungen fesselt? Hat er dir nicht einen warnenden Geist in den Busen zum Wächter bestellt, den du erst einschläfern, dessen Stimme du erst betäuben mußt, wenn du von dem Wege weichen willst, den er dir zeigt? Und wo bliebe alsdann dein eignes Verdienst, das Werk deines Herzens, der Lohn des Kampfes, des Sieges deiner Vernunft über diese gefährlichen Leidenschaften? die Wahl zwischen Guten und Bösen, deine Freiheit, der Ursprung deiner Große, deines Stolzes, wenn auch oft deines Elends! Wo das erhabene Vorrecht, das dich von allen Geschöpfen der Erde unterscheidet, deine Kräfte zu nutzen, wie es dir gefällt, und dein Wirken als Folge deiner freien Entschließungen anzusehen? Du kannst den Drang deiner innern Natur bemeistern, wenn du willst. Gute Thaten läßt sich Keiner nehmen, und Jeder sieht sich nur dann nach Mitschuldigen um, wenn er vor seinem Gewissen erschrickt oder schlechte laut verantworten soll. Vollkommen wäre der Mensch ohne Verdienst, weil es ohne Kampf wäre; frei und nur fähig, vollkommner zu werden, wird jede seiner Tugenden und edlen Handlungen sein Werk, die er zwischen sich und seinen Schöpfer als Beweise seines Werths hinstellt.

Giafar. Ahmet, du erhebst meine Seele aus dem Staube und gibst meinem Geiste die Freiheit! O daß ich nie mehr von dieser stolzen Höhe heruntersänke, die ich an deiner Seite zu ersteigen strebe!

Ahmet. Du wirst dich in dieser Höhe erhalten, wenn du dich davon ganz überzeugest, daß der Mensch, durch seinen innern Sinn und freien Willen, Herr und Schöpfer seines Schicksals, Vollender seiner Bestimmung ist. Er kann durch seine Thaten, durch sein Wirken den Gang der moralischen Welt stören, zerreißen oder befördern. Nach seiner Lage und seinem Wirkungskreise ganze Völker glücklich oder unglücklich machen, und das ganze Menschengeschlecht zusammen von dem Bettler bis zu dem König, jedoch nach seinem Einfluß, ist der Werkmeister der sogenannten moralischen Welt. Ueberzeugt von dieser einfachen Lehre, wirst du bei jeder deiner Handlungen auf ihre Folgen sehen. Und wird sie nicht deinen Geist erheben, da sie dich von allem Zwang, allem Druck jener eisernen Nothwendigkeit befreit? Nur sie macht dich zu einem selbstständigen Wesen und setzt dich mit deinem Urheber in die innigste und reinste Verbindung, wenn du seinen Zweck erfüllst und die Harmonie der Welt befördern hilfst.

Giafar. Mein Herz ist durchdrungen von Dem, was ich gehört habe. Deine Gedanken sind groß, und noch erhabener liegen sie auf deiner Stirne. Dein Blick scheint die Verhältnisse der Welt auf einmal zu durchforschen, und dein Herz die wilden Dissonanzen derselben in Wohlklang zu verwandeln; aber er überzieht auch ihre widrige Schwärze nur einen Augenblick mit einem täuschenden Glanze. O Ahmet, warum muß ich Das, was meinen Geist durchglüht, nur wie einen schönen Traum ansehen! Wenn ich zurück denke, welchen schlechten, unsichern Händen diese deine moralische Welt anvertraut ist, so wird meine Qual um so peinigender. Ist es nicht schrecklich zu denken, daß ein Khalife, weil er so oder so erzogen ist, dieser oder jener Schooßneigung fröhnt, die ihm dieser oder jener Günstling oder Lehrer zu geben wußte, über das Schicksal vieler Millionen nach allen diesen zufälligen Ereignissen entscheiden soll? Welche Schauder müssen mich dann überfallen, wenn ich die Geschichte, das Protokoll der Verbrechen und Thorheiten der Menschen, aufschlage! Wenn ich lese, daß Herrschsucht, Geiz und Raubsucht, Eroberungsgeist, unsinnige Rache, elende Streitigkeiten, lächerliche Mißverständnisse, verschiedene Meinungen, die Keiner versteht, oft einen Theil der Erde mit Blut getränkt und Völker von den entferntesten Welttheilen gegen einander getrieben haben, sich zu erwürgen! Ahmet, schimmernd ist deine Meinung; aber Giafar hat das Unglück, keine über diesen unbegreiflichen Punkt fassen zu können. Sage mir, ist es ein Trost für die Unglücklichen, zu wissen, der Mensch bestimme selbst sein Schicksal, wenn ein Einzelner, den der Zufall ihnen vorgesetzt hat, ohne Furcht ihr Henker sein und sie zu Werkzeugen seiner thörichten Leidenschaften machen kann? Ist nicht vielmehr alle Hoffnung von Rettung für sie verloren, wenn sie einmal gewiß sind, daß der Menschen Schicksal nur von dem Menschen abhängt, und daß kein Mächtiger dabei wirkt oder hindert. Glaubst du, daß mir dieser Gedanke, der nun mein Herz beflügelt, damals zur Beruhigung hätte dienen können, da ich meinen edlen Vater darum erdrosseln sah, damit ein Elender an seine Stelle trete und das Gute, das er gethan, mit seiner Spur vernichte?

Ahmet. Hast du die letzten Worte deines Vaters vergessen?

Giafar. Ahmet kann diese Frage nicht im Ernst thun.

Ahmet. So hast du wenigstens ihren Sinn nicht recht gefaßt. Der Barmecide, Giafar, sollte in die Spur seiner Ahnen treten, und so hättest du vielleicht den Weg durchlaufen, den er nicht vollenden konnte. Wenigstens hättest du durch deine Thaten den Persern zeigen müssen, wie gefährlich es für sie sei, einen Mann aus deinem Geschlecht, der sich für sie zu opfern fähig war, so schnell zu vergessen. Wenn ich anders deinen Vater kannte, so würde er noch heute denselben Pfad betreten, und sollte er auch gewiß sein, daß ihn derselbe Lohn erwartete. Sprach er von den Menschen und ihrem Schicksal, so sprach er als ein Mann davon, der seinen Werth mit beiden ausgeglichen hatte.

Giafar. Meine Schamröthe beweise dir, daß ich diesen Vorwurf tief empfinde.

Ahmet. Es ist leichter, über die Stürme des Lebens zu murren, als sie zu bekämpfen –

Giafar. Auch ich habe Kraft dazu, den Willen hast du schon erweckt.

Ahmet. Indessen laß mich dir antworten. Weißt du auch die Folgen jener grausamen That des thörichten Khalifen? Ahnest du, was für ihn, für dich, für ganz Persien einst daraus entspringen soll und muß? Würde es für dich tröstender gewesen sein, den Unnennbaren als gleichgültig oder mitschuldig bei dieser höchst ungerechten That anzuklagen? Würde es dein Herz erleichtert haben, wenn du ihm vorgeworfen hättest, er habe sie zugelassen, dieselbe gar, ich weiß nicht aus welchen dunkeln Ursachen und zu welchen Zwecken, veranstaltet? Versuche es nur, das Böse, das sich die Menschen einander thun, und ihre Thorheiten mit der Vorsehung oder der Leitung des Höchsten auszugleichen. Schnell wirst du dann mit dem trägen Pöbel glauben, sie gebe den Tyrannen eine giftige Geißel in die Hände, um die jung aufblühenden Geschlechter für die Sünden der vergangenen zu züchtigen. Nur dann, wenn wir das Böse, das uns widerfährt, als Verhängniß und Züchtigung annehmen, verleihen wir unsern Verfolgern und Peinigern Kraft. Es ist Stumpf- und Feigheit, wenn sich Millionen von Einem Ihresgleichen mißhandeln lassen. Ein augenblickliches Nachdenken wird dich zu der wahren Quelle zurückführen; du wirst sehen, daß aus dem Mißbrauch der Religion, der Regierung und der Wissenschaften, welche die Schöpfer unsers Glücks sein sollten, all' unser Elend fließt. Aus Herrschsucht, Ehrgeiz und Stolz hat der Priester, der Beherrscher und der Philosoph den Menschen früh von dieser einfachen Lehre entfernt und den Himmel durch Schrecken und Hoffnung in sein Bündniß gezogen und zu seinem Mitverschwornen gemacht; aber es ist Menschenwerk und besteht nur so lange, als der Wahn uns blendet. Wer diesen Mißbrauch duldet, verliert das Recht zu klagen.

Hast du ein Beispiel, daß eine höhere Macht dem Völkerwürger, dem Menschenzertreter Einhalt gethan hätte? Von Anbeginn der Welt erschallt die Klage, das Glück begünstige nur die Ungerechten. Der Mensch nur soll das Unrecht, das ihm von Menschen kommt, rächen und ihm Einhalt thun, thut er dieses nicht, so gibt er sein angebornes Recht auf; denn er geht frei aus den Händen der Natur hervor, begabt mit dem Gefühl für sein Wohl und für sein Recht.

So sind Unwissenheit, Mißbrauch unsrer angebornen Kräfte die einzigen Quellen unsers Elends. Nur in ihrem rechten Gebrauche besteht unser Wohl. Selbstsucht, niedriges Interesse, Leidenschaften, die wir zu feige sind, zu bekämpfen, und die dann erste tiefe Wurzel fassen, wenn man den Menschen über seine Würde und seinen Werth irre geführt hat, müssen erst seinen Verstand durch Sophismen blenden, sein natürliches Gefühl tödten, bevor er eine der Gesellschaft und dadurch ihm schädliche Behandlung begehen kann.

Giafar. Und dieses eben scheint die Klippe zu sein, woran wir gewöhnlich scheitern, wenn wir uns auf dieses gefährliche Meer des Lebens wagen. Was dem großen Haufen der Menschen vortheilhaft scheint, scheint ihm auch gut, und dazu ist ihm jedes Mittel gleich. Er spricht wohl von der Tugend, handelt aber, als ob er sie unter die Schwärmereien müßiger Köpfe rechnete.

Ahmet. Und eben darum, weil man sie mit einem falschen Schimmer überzogen hat. Bringe sie der Natur des Menschen näher, und er wird in ihr seine Erhalterin erkennen.

Giafar. Und was versteht Ahmet unter diesem vielsinnigen Wort?

Ahmet. Unter der gewöhnlichen, die das Band der Gesellschaft ausmacht: sorge für dich, ohne den Schaden Andrer; aber dieses Band wird von edlern Menschen, die man mit Recht Helden der Tugend nennt, enger zusammen gezogen, wenn es erschlaffen will. Unter diesen verstehe ich jene Männer, die ohne Rücksicht auf sich selbst, auch mit Gefahr ihres Lebens, das Beste der Menschen durch Weisheit und edle Thaten zu befördern suchen. Die Nachwelt spricht ihren Namen mit jener Ehrfurcht aus, die man nur für erhabene Wesen fühlt. Durch Jahrtausende geht ihr Wirken, und die Saat, die sie gesaet, blüht noch in künftigen Geschlechtern auf. Solche Männer bewunderte Asien unter den Barmeciden. Und größer, bewundernswürdiger waren sie, da sie den Thron, von welchem sie Gewalt verdrängt hatte, durch ihre Tugend und Weisheit zum Glück des Volkes zusammenhielten, als da sie darauf saßen. Oft haben Männer ihrer Art tief gesunkene Völker wiederum emporgehoben und die Verbindung mit ihrem Urheber erneuert, welcher die moralische Verderbniß aufgelöst hatte. Giafar, ein solcher Mann war dein Vater; laß dich nun eine Welt anekeln, die er für einen Wirkungskreis des Guten hielt.

Giafar. Tief verwundest du; doch die Heilung will ich selbst bewirken, denn auch ich will streben, in ihren Kreis zu dringen. Aber sage mir, wer von ihnen war des Guten, das sie so heiß zum Besten der Menschheit entworfen haben, gewiß? Wie oft betrügt hier der Erfolg die Absichten. Sehen wir nicht täglich, sah ich es nicht durch das Beispiel meines Vaters, daß oft aus dem Guten Böses entsteht und, was den Widerspruch noch peinigender macht, sogar aus dem Bösen Gutes? Erlaube mir, dir die Worte eines Dichters anzuführen, die er einem dieser Helden der Tugend in den Mund legt, der, was er sagt, durch seinen schrecklichen Fall bewies. Er antwortete seiner Tochter in einem gefahrvollen Augenblick, da sie sich schmerzlich beklagte, daß ihr als Weib große Thaten versagt seien und sie nur geboren wäre, zu bewundern und zu beweinen, Folgendes:

»Hadere nicht, mein Kind, schön ist dein Loos, bloß tief und fein zu fühlen, ohne dein Herz mit Thaten zu beladen, womit der Mann so selten sich und Andern nützt. Ja, wenn Gutes thun und wollen auch immer Gutes wirkte und bliebe. So aber verschieben sich die Zwecke des Gerechtesten, und ihre Reinheit liesest du nur in dem Spiegel deiner Seele. Was du hier warm und groß entworfen hast, wird in dem finstern Gang durch der Menschen Kopf und Herz oft zum scheußlichen Gespenst, das dich bei seiner endlichen Erscheinung in Zweifel über deine Thaten setzt, und bist du innig mit ihnen einverstanden, wenigstens in Zweifel: ob es nicht besser sei, die Menschen dem Taumel zu überlassen, der sie so verwirrend treibt.«

Ahmet. Giafar, wenn du die Worte dieses Helden der Tugend, die der Ausbruch einer augenblicklichen Empfindlichkeit zu sein scheinen, für Ueberzeugung nimmst, so wirst du nie in jenen erhabenen Kreis gelangen. Wer dieses zur Lebensregel macht, ist nicht von Rücksicht auf seinen Vortheil frei. Und sagt er nicht: ihre Reinheit liesest du nur in dem Spiegel deiner Seele? – Allerdings, und eben in diesem Beschauen, das allen Genuß der Erde übertrifft, findet er auch seiner Thaten Lohn. Wird er alsdann nicht die Stärke seines Geistes aufbieten, um sich bloß in dem Lichte zu beschauen, in dem er erscheinen mußte, wenn der Erfolg seinen Zweck gekrönet hätte? Nach seinem Sinn war die That ganz und vollendet, da er sie entwarf, und auch im Mißlingen würden ihn die Menschen so ansehen, wie er sich selbst betrachtet, wenn sie gerechter und mit ihrem eignen Besten einverstandner wären. Ist der Mensch nicht zum Wirken geboren?

Giafar. Unleugbar.

Ahmet. Ich hoffe doch, nur zum Wirken des Guten.

Giafar. So sollte es sein, und daß es nicht so ist, darum hadere ich, darum bin ich unglücklich.

Ahmet. Und doch ist uns dieses für jetzt genug. Wir könnten nun sagen, daß diese Welt, wenn auch nicht die beste, doch gerade so gut ist, als sie sich die Menschen einander machen, und folglich wäre das moralische Böse, welches dich so sehr empört, ihr eignes Werk. Was das sogenannte physische Uebel betrifft, so scheint mir dieses nicht anders, als jene Nothwendigkeit oder Bewegung zu sein, die allen Dingen Dasein, Wachsthum, Fortgang und Gestalt gibt, und welches, vermöge seines beziehenden Verhältnisses, diese Benennung kaum verdienen kann. Wir entdecken in Allem, was die Natur um uns wirkt, etwas so fest Bestimmtes, das nie ermangelt. Jedem Geschöpfe der Natur, von dem Elephanten bis zu dem kleinsten Insekte, von der Ceder bis zu der kleinsten Pflanze, ist eine gewisse Impulsion aufgedrückt und aufgezwungen, welcher es folgen muß. Die Regeln und der Instinkt sind sichtbar und fühlbar, nach welchen sich jedes Wesen entwickeln, leben und vergehen muß. Hier entdeckt man jene unbegreifliche Macht, die auf Ewigkeit, wenn du dieses Wort verstehst, jedes Ding geordnet hat, so und nicht anders zu sein. Nur der Mensch erhebt sich durch seinen moralischen Sinn und die daraus fließenden von ihm abhängigen Handlungen über diese physische Nothwendigkeit, und bringt durch dieses sein moralisches Dasein eine neue Schöpfung hervor, die selbst über seine Dauer geht.

So wie nun Schmerz und Vergnügen die Entwicklung der moralischen Kräfte hervorbringen, so sind alle Aeußerungen, Erscheinungen und Ausbrüche der Natur, Erdbeben, Stürme und Ergießungen nichts anders, als das Streben und die Beförderung der physischen Kräfte zur Veränderung, Hervorbringung und Auflösung der Dinge, und da sie nicht anders, als durch Bewegung, Zusammensetzung und Trennung hervorgebracht werden können, so mag und muß der Theil um des Ganzen willen zerrüttet werden. Eine vollkommne Welt (und nur jene nennt ihr so, worin dieses nicht geschähe) ist ein lebloses Ding, das der Natur widerspricht. Vollkommenheit schließt Unveränderlichkeit, Stille, Dauer, Stätigkeit und gänzliche Vollendung in sich – verträgt selbst das Fühlen, das in dem Menschen Alles hervorbringt, nicht und zerstört mit unserm Werth alles Glück, das wir genießen.

Scheint dir nun der Zweck, den wir dem Menschen hier beilegen, nicht groß und edel, da er sich nach unsrer Meinung von seinem Entstehen bis zu seinem Hinscheiden in einer fortlaufenden Entwicklung befindet und sich dann auflöst, wenn er so weit vollendet ist, als es seine Dauer, Lage und Kräfte verstatteten? Glaubst du nicht in gewissen Stunden in deiner Brust warm zu fühlen, es müsse dir noch eine höhere Entwicklung bestimmt sein? Nur des Menschen Geist ist weder durch Raum und Zeit beschränkt, und er hat sich als ein durch seine Natur berechtigter Eroberer in eine künftige eingebildete Welt geschwungen, die ihm, ob sie gleich ganz außer seiner Fassung liegt, doch vermöge seiner Ahnung und seines Strebens nach Vollkommenheit zu einer wirklichen wird. Wäre dieses Gefühl nicht mit seiner Natur verwebt, wer hätte es erwecken können? Wer es ahnen können, um es zu erwecken? Und wäre es auch durch Stolz, Wahn oder Eitelkeit oder ängstlichen Wunsch, fortzudauern, erzeugt worden, wer hat in uns die Stimme des Gewissens, den inneren, immer wachen und richtenden Geist unsrer Handlungen und unsrer geheimsten Gedanken erweckt? Nie ist ihm ein Sterblicher entflohen, und konnte die Erziehung allein diese Herrschaft über das ganze Menschengeschlecht hervorbringen? Bringt die Erziehung etwas hervor, das in der Natur des Menschen liegt?

Sage zu dem Menschen in finsterm Mißmuth, er sei ein verworfnes, elendes, nur zum Bösen geneigtes Geschöpf, und du wirst seine moralische Kraft zerdrücken, ihm das Laster zur Nothwendigkeit machen oder ihm wenigstens Entschuldigungen seiner Verbrechen und Thorheiten darreichen. Ueberzeuge ihn, jede schlechte Handlung sei ein Widerspruch seiner edlen Natur, er sei ein freies, unabhängiges, zum Guten geschaffenes Wesen, des Großen und Erhabenen fähig – mache ihn aufmerksam auf die Beweggründe seiner Handlungen und ihre Folgen, und du wirst ihn erheben, seine Leidenschaften veredeln, ihn über sein wahres Interesse erleuchten und ihn in nähere Verbindung mit dem Geist der Welt setzen.

Genug und schon zu viel. Erwäge nun, Barmecide, ob du deine Bestimmung dadurch erfüllst, daß du, eingeschlossen in diese unzugänglichen Felsen, mit der Natur haderst, ohne das Geringste zu deinem und dem Besten deiner Brüder beizutragen. Doch der Mensch ist Schöpfer seines Werths, Glücks und Schicksals, der Samen des Guten liegt in dir wie in Jedem, er keime nun auf oder ersticke, die Zeit rollt dahin, verschlingt den Feigen und den Thätigen; aber die Alles verzehrende vermag nicht, die Spur des Edeln zu vertilgen, und sie selbst ist gezwungen, ihn der Zukunft zu verkündigen.

Nach diesen Worten erhob sich Ahmet und wollte gehen. Giafar hielt ihn bittend zurück.

Ahmet, siehst du nicht, wie mein Herz sich in dem System gefällt, das du mir entfaltet hast! Alle meine Kräfte erheben sich in edler Thätigkeit, zu beweisen, wie ich so lebhaft empfinde – o gern möchte ich hinzusetzen: und noch lebhafter glaube. Nie suchte ich etwas anders, als der Menschen Wohl, die Linderung ihrer Leiden. Meiner gedachte ich und gedenke ich nicht. Ich würde mich gerne zu ihrem Besten aufopfern, und in diesem Augenblick fühle ich, daß das Bewirken desselben alle meine peinigenden Zweifel stillen müßte. Werde dieses mein Loos; und sollte auch dein ganzes moralisches Gebäude ein bloßer Traum sein, so ist er doch so erhaben, umschließt das Ganze mit einer so schönen Harmonie, flößt dem Menschen einen so edlen Stolz ein, führt so gerade zu dem einfachsten Zweck des Lebens, daß der Verstand, der Alles so gerne benagt, selbst von seinem lichten Glanze bezaubert wird. Darf ich nun wagen – zu sagen – du habest meinen Zweifel eher eingeschläfert, als geheilt. – Ahmet, wenn ich einen Blick über das ganze Menschengeschlecht werfe und das wilde Gewühl wie ein verworrnes, sausendes Chaos vor meinen Augen schwimmt und mein Gehör betäubt – wenn ich überdenke, wie Jeder von den Umständen abhängt und nur Das thun und ausführen kann, was sie ihm erlauben –

Ahmet. Sprich immer frei, was ich so deutlich in deinen Augen lese! Du willst hinzusetzen: so sinkt der Flug meines Herzens. Weiß ich doch, daß deine Spekulation die Flügel des schönen Enthusiasmus in dir, wo nicht gelähmt, doch wenigstens zerknickt haben. Nur dies ist der Gewinn, den sie uns verleihen. Giafar, der Mann, der jede seiner Handlungen nach seinem Gewissen abwägt; ist in Ansehung seiner darüber so gesichert, daß er sich weder von den Umständen treiben läßt, noch von ihnen abhängt. Gewöhnlich sind diese Umstände oder Hindernisse nichts anders, als Rückblicke, die wir auf eignen Vortheil und unsre Schooßneigungen werfen. Nur die Furcht, diese aufs Spiel zu setzen, macht uns feige, und dann scheint uns das Wesen der Menschen ein schreckendes Gewühl zu sein, dem wir entweder zu entfliehen suchen, oder von dem wir uns, um größern Gewinnst, mit forttreiben lassen. Freilich ist beides leichter, als mit einiger Gefahr an der Herstellung der Ordnung dieses Gewühls zu arbeiten. Giafar, ich sage dir noch einmal, mit diesen Gesinnungen wirst du die Zahl der Helden der Tugend nicht vermehren; aber eben dieses sollte dich bescheidner in deinem Urtheil machen. Geh und prüfe erst meine Lehre durch die That, und wenn die Wärme deines Herzens, die nun in deinen Augen glänzt, keine augenblickliche Entzündung ist, so wirst du einst erfahren, was ein Einzelner vermag, der den festen Entschluß faßt, gut zu sein.

Giafar. Ich fasse oder vielmehr ich fühle deinen ganzen Sinn. Die Dunkelheit entweicht aus meinem Geiste, die Zweifel entfliehen, und ich sehe einen bestimmten Weg des Lebens vor mir. Ja, es scheint mir sogar ein Leichtes, die höchste Tugend auf diesem Pfad zu erreichen. Kann der Mensch durch Willen und Kraft, durch seinen moralischen Sinn Herr seiner Handlungen werden und bleiben, so soll mir's gelingen, mich und die Welt von deinem System zu überzeugen. Ich will es zu dem meinen machen und nach edlen Thaten so rein in diese Einsamkeit zurückkehren, als ich sie verlassen kann. Und was thue ich wohl hier mehr, als daß ich der Neigung meines Herzens folge? daß ich mir das süßeste, reinste, erhabenste Glück erwerbe, das den Sterblichen auf dieser Erde beschieden ist? Du weißt, all mein Gram, all mein Leiden, all mein Hader entsprang nur daraus, daß ich leiden sah und nicht helfen konnte! nichts zum Besten der Unglücklichen unternehmen konnte! Zeige mir den Weg dazu, und solltest du mich auch auf eine Bahn führen, auf welcher ich als Opfer fallen sollte, ich bin bereit dazu!

Ahmet. Vergiß die Feinde nicht, die im Hinterhalt deines Herzens lauern. Bekämpfe Stolz, Herrschsucht, Wollust, Geiz, Rache und Selbstsucht, wenn du dein Herr bleiben, ein Wohlthäter der Menschen und ein Held der Tugend werden willst. Und dann vergiß nie bei deinem Urtheil, daß der Beherrschte und der Herrscher auf Erden nur Menschen sind.

Giafar. Ich fürchte diese niedrigen Leidenschaften nicht, und nie hatten sie Gewalt über mich. Ich will den Menschen durch mein Beispiel zeigen, das moralische Uebel sei ihr Werk.

Ahmet. Dein Unternehmen ist groß.

Giafar. Giafar soll Ahmets System durch seine Thaten und Wirken erweisen; oder Ahmet soll eingestehen, es sei ein schöner Traum, das Uebel sei das Werk eines Mächtigern, und wir seien ohne Rettung auf die Erde zum Leiden hingestreut.

Ahmet. Ich nehme den Kühnen beim Wort. Giafar, ich bin der Mann, so wenig ich es auch scheine, dich in Lagen zu versetzen, wo du alle deine Kraft, deinen Verstand, deine Erfahrung, erworbene Kenntnisse und besonders deinen moralischen Werth zeigen kannst. Ich reise morgen nach Indostan, willst du mir folgen?

Giafar. Wohin du willst.

Ahmet. Am Ende deines Laufs (daß er rühmlich werde, hängt von dir ab) wollen wir deinen Thaten, ihrem Ursprung, ihren Folgen, den geheimsten Triebfedern und den verstecktesten Empfindungen deines Herzens nachspüren. Du selbst sollst alsdann dein Richter sein, verdammen oder lossprechen. Diese Stunde wird dir mehr Licht geben, als ich es jetzt vermag.

Giafar. Ich fürchte sie nicht.

Ahmet. Du wirst einen strengen, vielleicht einen gefährlichen Beobachter in mir finden.

Giafar. Ahmet, ich bin ein Barmecide, floh aus Haß gegen die Laster die Welt; werde ich mich nun hineinwerfen, um sie auszuüben?

Ahmet. So wage es und werde durch dich, was du werden kannst. Sieh, die Sonne ist über unser Gespräch untergegangen. Gib Befehl zu deiner Reise und laß uns deiner Familie unsern Entschluß bekannt machen. Tröste sie mit dem Gedanken, du würdest heitrer wiederkehren.

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