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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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4.

Die kleine Nichte Fatime gab Giafarn öfters Gelegenheit, seine Weisheit, die nun einmal in Apathie zerfrieren sollte, zu prüfen; aber immer mußte die sanfte Gluth, welche sie seinem Herzen einflößte und die allein vermögend gewesen wäre, sein verworrenes Denken zu glücklicher Harmonie zu stimmen, von den Dunstwolken, die sein Gehirn zusammentrieb und sein idealischer Sinn vergoldete, erstickt werden. Nur seit kurzem war sie in den Zeitpunkt getreten, worin das Dasein eines Mädchens bedeutend wird, das Herz anfängt, sich zu öffnen, und sprechende Blicke, liebliche Scham die Veränderung des innern Zustands andeuten. Dann zaubert die Einbildungskraft die flüchtigen Gedanken zu sinnlichen Bildern, und die gereizte Phantasie strebt, den Schleier, der vor der Zukunft hängt, zu durchblicken. Leise und zaghaft zieht ihn die Neugierde weg, bis es ihr endlich gelingt, die Gottheit, welche er verbirgt, in ihrem Glanze zu entdecken. Fatime glich ganz dem ätherischen Bilde, das wir uns unter Psyche, der Braut Amors, denken, und ihr schönes Körperchen floß so sanft um ihre schöne Seele, als seien sie aus einem Stoffe geschaffen. Giafar fühlte dies in seinem Innersten, wenn er sie zu Zeiten über das Moos der Felsen dahin schweben oder unter dunkeln Bäumen am rauschenden Wassersturz ruhen sah. Oft zeigte ihm ihr unbefangener Sinn, der nur Gutes sah und ahnete, ihre Heiterkeit, die nichts trübte, als Giafars Stirne, den wahren Pfad des Glücks. Noch öfter verwirrten ihn ihre naiven Fragen und ihre glückliche Auslegung der ihm so dunkel scheinenden Dinge: er war aber nun einmal ein Philosoph geworden, und sein denkender Geist hatte es darauf angelegt, nichts leicht zu finden und nach natürlichem Maße zu messen; er lächelte und sann dann über Fatimens Auflösungen so lange nach, bis sie so philosophisch dunkel wurden, als die Auflösungen seiner Weisen. So stand es mit Giafarn, als er eines Tags, nachdem er sich lange den düstern Betrachtungen über das moralische Uebel überlassen hatte, von seinem Dache auf die Klippe stieg, um sein erhitztes Gehirn abzukühlen. Tief unter ihm rauschte der Euphrat dahin; lange sah er dem hinfließenden Wasser nach, bis er endlich aufwärts blickte und am fernen Horizont einen fürchterlichen, schwarzen Sturm entdeckte. Noch trieben die schweren und dunkeln Wolken leise herauf; aber bald rauschten sie unter dem Gesause der Winde heran, thürmten und schoben sich auf und über einander, als drohten sie der stillen Erde Vernichtung. Die Heerden, die Thiere des Waldes, die Bewohner der Luft suchten Schutz ohne Blöcken und Geräusche. Der Donner rollte dumpf in der Ferne – rollte näher – die Blitze schossen durch die Luft, die Felsenwohnung Giafars erbebte in ihrem tiefen Grunde bei dem fürchterlichen Schall; die Eichen, Fichten, Cedern und Pappeln zerbrachen und stürzten von Klippe zu Klippe. Giafar sah und hörte dieses große Schauspiel mit ängstlicher und schaudervoller Bewundrung an. Unter dem Gesause, unter dem Beben vor möglicher Vernichtung seines Selbsts vergaß er seine Philosophen und fand es natürlich, daß der Mensch in dieser fürchterlichen Erscheinung das nähere Dasein eines Wesens vermuthe, das dem verwegnen Geschlecht der Sterblichen seine Macht, Gewalt, Zorn und Rache sinnlich machen wollte. Auf einmal ertönte es durch die Atmosphäre, als zerrissen die Himmel, als zerberste die Kraft, die den Erdball im Schweben erhält. Der Sturm hatte eine ungeheure Wolke an das ferne Gebirg getrieben, sie zerriß an den Felsen und goß eine Fluth herunter, die den Strom über seine Ufer drängte und den ganzen Erdstrich unter Wasser setzte.

Giafar sank betäubt nieder, ohne zu begreifen, was geschehen war. Die Sonne drang wieder hervor, das dunkle Gewölke zerfloß vor ihrem Glanze, und der herrliche Bogen des Himmels dehnte sich ihr gegenüber in seinem sanften Schimmer aus. Wer fühlt nicht nach einem wilden Sturme, der durch Schall, Krachen, Zerstörung, schaudervolle Verfinsterung, plötzliches drohendes Feuer die fürchterlichste Sprache eines erzürnten Gewaltigen zu sein scheint, wie natürlich die rohen Söhne der Natur in dieser lieblichen Erscheinung ein Zeichen der Gnade, Versöhnung und neuer Hoffnung erblicken mußten. Giafar wollte sich nun diesen Empfindungen überlassen, als er auf einmal den aufgeschwollnen Fluß wahrnahm, der fürchterlich einherrauschte und Menschen, Thiere, Häuser, Geräthe und Bäume mit sich fortriß. Er sah die Unglücklichen mit der Fluth kämpfen und dann verschwinden. Bei diesem Anblick brach er in folgende Klagen aus:

»Welche tyrannische Macht gebot diesem Sturme, zu zerstören und ganze Geschlechter zu verschlingen? In einem Augenblick zu vernichten, was Jahrhunderte erfordert, um zu werden, was es war! Ein Theil der Erdbewohner wird von den Fluthen dahingerissen, und Keiner rettet, Keiner kann retten! Wozu? Warum dieser Sturm? Daß er in einem Nu die Früchte der Vergangenheit mit dem Keim der Zukunft aufreibe, eine schaudervolle Lücke im Ganzen mache, die nun Geheul und Jammergeschrei der Verlaßnen ausfüllt! Unbegreifliches Loos der Menschen! Ich vergieße Thränen über euch und knirsche in Wuth, mit euch verwandt zu sein, da ich nichts als euch beklagen kann. Wohin ihr auch flieht, bleibt ihr Sklaven der Furcht und der Nothwendigkeit, seid nirgends eures Daseins und der Verhältnisse, die ihr zu euerm Glück entwerft, gewiß. Floh ich darum die Gräuel der Verwüstung eines grausamen und tollen Khalifen, um in der Einöde die Natur mit noch grimmigerer Wuth Tausende ihrer Kinder auf einmal zerstören zu sehen? Wer leitet die Herrscher der Welt, die Blitze, die Fluthen, die Winde zum Verderben der Menschen? Sklav deiner innern und der äußern Natur, des Windes, der dich umsaust, der Luft, die dich in deinem Gleichgewicht erhält, der Erde, die dich trägt! Sklav alles Dessen, was dich umgibt und dich mit den Klauen der Gewalt umfaßt! – Selbst aus der fernen, unfaßlichen Zukunft schießen die Ungeheuer deiner Einbildungskraft hervor, zermalmen deine Kräfte und erschüttern deine Sinne, daß dem Bebenden der Genuß des Augenblicks nicht werde! So lange du athmest, sollst du gewaltsam leiden, jede Widersetzung heißt Empörung, und fliehst du endlich in den Schooß der Natur, so umfaßt sie dich zwar mit mütterlichen Armen, aber um dich zu erwürgen, wenn du am sichersten zu ruhen glaubst. – Im Grabe soll Ruhe sein – und wenn sich dann ein Faden zu neuer Dauer anspinnt, wer steht dir dafür, ob es nicht darum geschieht, um dich an ein neues Joch zu knüpfen?«

Seine Klagen wurden auf einige Augenblicke von einer Begebenheit unterbrochen, die ihm trotz seinen Augen unglaublich schien. Ein einzelner Mann warf sich in die Fluth, faßte der Unglücklichen, so viel er ihrer ergreifen konnte, rettete sie auf die nächste Klippe, Kind, Mutter und Greis. Dieses wiederholte er, ohne zu ermüden, und hielt sie über dem brausenden Strome, als trüge ihn eine nur ihm eigene oder eine göttliche Kraft. Giafar erstaunte und fuhr fort: »Vortrefflich, du Edler! aber du kämpfest vergebens mit der zerstörenden Gewalt, die ihr Spiel mit uns treibt. Diesen und Jenen rettest du – Tausende verschlingt er – doch glücklich ist dein Loos, auch nur Einen gerettet zu haben; du findest hohen Lohn in deiner That; aber ob er dir es danken wird, daß du ihn zu neuen Qualen erweckst –«

So verfiel er in neue Klagen, als auf einmal eine feierliche Stimme erscholl:

»Barmecide! du würdest besser gethan und menschlicher gehandelt haben, diesen Unglücklichen beizustehen, als hier über Gott und die Natur zu klagen, die du beide nicht begreifst. Hätte ich's, wie du gemacht, so könntest du nun deine Mutter und deine Nichte beweinen. Leichter ist es, dem Ursprunge der Uebel der Welt nachzusinnen, als die uns verliehene Kraft anzuwenden, eines derselben zu heilen.«

Der Retter der Unglücklichen war es, der den engen, steilen Pfad zu Giafars Pavillon erstiegen hatte, ohne daß er es gewahr wurde; ein Mann in voller Kraft des Lebens, auf dessen Stirne tiefes Denken und jene Erhabenheit ausgedrückt waren, die nur aus dem Gleichgewicht unsrer Seele mit allem Aeußern, aus der Gewißheit entspringen, die Wage, worauf man die Dinge der Welt abwägt, am rechten Punkt gefaßt zu haben. Sanftmuth lächelte um seinen Mund; aber der Ernst und das Feuer seines Blickes überwältigten und unterjochten den Verstand und das Herz.

Giafar staunte ihn an und konnte keine Worte finden. In demselben Augenblick sprang Fatime herein, seine Mutter folgte ihr und sprang in seine Arme. Ihre nassen Gewänder, ihr Beben, ihre Freude zeugten von ihrer Gefahr. Fatimens nasses, dünnes Gewand schmiegte sich an ihren schlanken Leib, an ihre jungfräuliche Brust, welche hindurch schimmerte und ihren lieblichen Umriß enthüllte. Ihre goldnen Locken träufelten, und so hing auch sie an dem Erstaunten und rief mit froher, bebender Stimme:

Wir sind gerettet, leben und können dich noch lieben!

Die Mutter. Dieser edle Unbekannte hat uns gerettet. Der Sturm überfiel uns in der Grotte. Wir wollten fliehen, die Fluth rollte hinter uns her, ergriff uns –

Giafar fiel dem Retter zu Füßen: Ich verdiene, daß dein gerechter Tadel den glücklichsten Augenblick meines Lebens verfinstert. – O, sage mir, wem danke ich mein und dieser Geliebten Leben?

Der Retter erwiederte: Fragst du mich, um mir zu danken, so erlass' ich dir die Mühe. Ich habe meinen Lohn in dem Augenblick geerntet und genossen, als sie dich umfaßten.

Giafar. Sei, wer du wollest; ich sah dich über den Fluthen schweben, ihnen trotzen; nach deinen Thaten, nach dem Geiste, der auf deiner hohen Stirne ruht, zu urtheilen, bist du keiner der Menschen, wie ich sie bisher gesehen habe. Entreiße nicht deiner schönen That die Frucht, die sie nun eben in meinem Herzen aufzutreiben beginnt. Sage, wie soll ich dich nennen? Wie dich halten? Wo dich wieder finden?

Retter. Du willst es; nun, so nenne mich Ahmet, Halems Sohn. Ich bin ein Mensch gleich andern – komme – gehe – wirke und bereue. Fange an und vollende nicht. Helfe die allgemeine Zerstörung befördern und beschleunige die meinige. Wähle und verwerfe, wünsche und genieße nicht, was mir gewährt ist. Verschwinde dann und hinterlasse nichts, als die Folgen meiner guten und bösen Thaten. Gerne spüre ich dem Grund meiner und andrer Menschen Handlungen nach, aber selten entdecke ich etwas, das mich erfreut. Die Stirne des Denkers reizt mich zu Gesprächen; doch lieber seh' ich Wärme des Herzens, Wohlgefallen an dem Menschen und der Natur in den Blicken des Weisen. Giafar, wenn zwei Menschen sich nahen und vertraulich werden, so spinnet sich für Beide ein neues Dasein an; dauert es auch nur eine kurze Zeit, so erweitert es doch die Grenzen unsers Geistes um etwas und legt unsere moralische Kraft auf eine neue Probe. Laß mich nun zu jenen Unglücklichen eilen; hat die Fluth auch meine einsame Wohnung verschlungen, so kehre ich wieder und bitte dich um Schutz. Er verschwand.

Giafar horchte mit gespannter Seele auf die Worte Ahmets, und als dieser verschwand, überließ er sich zum erstenmal, nach seines Vaters Tode, dem reinen Entzücken, das jetzt sein Herz empfand. Er drückte die Hände seiner Mutter, sein Blick sank auf Fatime – ihr frohes Lächeln erweckte seine innigsten Empfindungen. Der düstre Nebel rollte einen Augenblick vor seinem Geiste weg. Er faßte sie in seine Arme, drückte einige Küsse auf ihre Lippen und fühlte ein ihm unbekanntes Glück des Lebens. Hierauf begleitete er sie in ihre Wohnung; sie wechselten ihre Kleider. Ahmet überraschte sie bei dem Abendessen, welches die Freude würzte, und der Retter nahm darauf ein Zimmer in Giafars Pavillon ein.

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