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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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10.

Am Morgen des Vermählungstags brachte ein Verschnittener aus dem Harem der Prinzessin der Braut Giafars einen reichen Schmuck und ein prächtiges Gewand. Masul stellte er eine Summe Golds zu und sagte ihm: er möge nur dem Großvizir sagen, es sei ein Hochzeitgeschenk des Khalifen. Heiter erwachte der Barmecide, freudig begrüßte er den jungen Tag, er sah ihn als den schönsten seines Lebens an. In Fatime erblickte er die zärtlichste Geliebte, die treuste Freundin, die zuverlässigste Teilnehmerin seines Glücks und Unglücks, in deren Armen er allen Kummer zu vergessen hoffte, den er im Geiste vorsah. Der längst erwünschte Abend kam, die wenigen Gäste erschienen, die Ceremonie ging vor; man begab sich in den Speisesaal, und Giafar erstaunte über die Pracht der Tafel, noch mehr über die Musik, die bei ihrem Eintritt ertönte und das Glück der Neuvermählten in Begleitung sanfter Instrumente besang. Er schrieb die Ueberraschung dem Khalifen zu, und sein Herz dankte ihm still dafür.

Die glückliche Mutter wollte nun die blühende, schüchterne Braut durch den Saal nach dem Schlafgemach führen, als Khozaima hereintrat und dem Barmeciden einen schriftlichen Befehl folgenden Inhalts überreichte: »Giafar, verstoße dein Weib! Ueberliefere sie nach der Verstoßung dem Ueberbringer meines Befehls! Daß sie rein aus deinem Hause trete, dafür steht mir dein Kopf! Die Braut ist verwandt mit dir, das Gesetz des Propheten untersagt die Ehe!«

Giafar erblaßte – bebte – sank einem der nahestehenden Gäste in die Arme. Die Mutter eilte hinzu, er erwachte durch den heftigen Ausbruch ihres Schreckens aus seinem Erstarren. Er sah auf Fatime, Thränen rannen über seine Wangen, über seine zitternden Lippen. Ahmet! Ahmet! stammelte er und blickte wieder mit dem tiefsten Schmerz nach Fatime, die sich bleich, sprachlos an ihn lehnte. Die Gäste standen in Angst um ihn herum, und nur Khozaima sah kalt auf das peinvolle Schauspiel.

Der Khalife ist in Irrthum, rief Giafar; Fatime ist die Nichte meiner Mutter, von einem Halbbruder her, und diese Ehen verbietet der Koran nicht.

Khozaima. Der Herr der Gläubigen, der Nachfolger des Propheten ist Erklärer des Gesetzes!

Kraft schoß in das Herz des Barmeciden. Sein Blick riß sich von der Gegenwart und heftete sich auf die Zukunft, auf Das, was er war, was er sein sollte. Er führte seine Mutter und Fatime in ein Seitenzimmer und las ihnen den Befehl des Khalifen vor.

Was willst du thun? fragte die Mutter in bangem Tone, während sie die hinsinkende Fatime unterstützte.

Giafar. Gehorchen, Mutter, mit zerrißnem Herzen gehorchen und in dem tiefsten Schmerz erwarten, ob Das die Wunde heilen mag, wofür dieser Khalife keinen Sinn zu haben scheint.

Fatime. Du willst mich – verstoßen! verwerfen!

Giafar. Können wir der Gewalt entfliehen? – Und könnten wir's, darf ich der Pflicht entfliehen, deren grausame Last ich nun empfinde? Sie will es, daß ich mich von dir, meinem besten Theil, allen meinen Hoffnungen auf Glück nun trennen soll und muß. Ich verstoße dich in dem Augenblick, da du mein geworden bist, da ich der Stunde nahte, die mich für vergangenen Kummer trösten, auf künftigen stärken sollte. Ich verstoße dich, damit ich zum Besten Anderer leben mag, damit dieser harte, mir unbegreifliche Mann an die Tugend zu glauben lerne. Was aus mir wird, das weiß ich nicht; nur Dieses fühl' ich, ich bin nicht um meinetwillen da, bin nicht da, um glücklich zu werden. Was aus dir werden wird, das ahne ich, und diesen Gedanken zu ertragen, geht noch über meine Kraft. Fasse dich – unterstütze sie, meine Mutter; weinen wollen wir, wenn sie uns verlassen hat. Ich muß die schrecklichen Worte aussprechen und dem Glücke nachseufzen, das mit dir auf immer von mir weicht.

Die Unglücklichen traten in den Saal zurück. Der Priester und der Kadi erwarteten sie. Giafar sprach die Formel der Ehescheidung aus, schlug sein Gewand über sein Angesicht, eilte davon, von dem Jammergeschrei der Geliebten begleitet.

Khozaima führte Fatimen nach einem verschleierten Tragsessel, begleitete sie nach dem Harem Abbassa's, in dessen Vorhalle sie Haroun erwartete. Er raunte ihr ins Ohr, als sie in die Halle trat: »Der Herr der Gläubigen empfängt dich selbst!« Ein Schrei der Verzweiflung war ihre Antwort. Haroun ergriff ihre Hand, sprach ihr Trost zu und führte sie in die Gemächer der Prinzessin. Das Schluchzen, das Seufzen der Betäubten erreichte das Ohr Abbassa's, sie sprang erschrocken von ihrem Sopha auf, eilte nach dem Zimmer, woher die Klagen ertönten, und Haroun sprach ernst und kalt zu ihr:

Schwester, hier bring' ich dir einen furchtsamen, schönen Gast! Es ist Giafars Wittwe, bevor sie sein Weib geworden ist. Auf meinen Befehl verstieß er sie. Tröste sie und sage ihr, sie heiße von nun an Zobaide und werde des Khalifen Gemahlin.

Abbassa sah ihren Bruder mit erstaunten, strafenden, durchdringenden Blicken an, aber die Thränen der Unglücklichen fesselten bald ihre ganze Aufmerksamkeit. Leblos war sie zu ihren Füßen hingesunken, sie richtete sie sanft auf, drückte sie wider ihren Busen und suchte ihre Empfindungen durch zärtlichen Zuruf zu erwecken. Fatime schlug die Augen auf, erblickte den Khalifen und sank an ihrer Trösterin Busen.

Abbassa. Entferne dich, Nachfolger des Propheten! Erlaube mir wenigstens, daß ich die Unglückliche wieder in das Leben rufe, das du ihr zur Last gemacht zu haben scheinst. Das Volk nennt dich den Gerechten! Du warst einst stolz auf diesen Titel! – O bei dem erhabenen Propheten, dessen Sitz du füllst, ich wünsche nicht, daß dein künftiger Geschichtsschreiber auch diese That aufzeichne. Durch welche kannst du sie vergessen machen? Geh, laß mich mit ihr über sie, über mich, über dich und über den Mann weinen, dem du Das geraubt hast, was ihn allein über die Launen seines strengen, argwöhnischen, ungerechten Herrn trösten konnte. Ich habe genug gelebt; mein Bruder ist mir ein dunkles, peinigendes Räthsel geworden.

Haroun. Sieh sie als meine Gemahlin an! Die Zeit wird lehren, wer Unrecht hat.

Giafar saß indessen in düsterm Gram und klagte der Verlornen nach. Er fühlte den hämischen, tückischen Schlag der tyrannischen Gewalt, den Spott, die Verachtung, Mißhandlung der Menschheit und ergrimmte in seinem Innern. Schon wühlten wilde, finstere Gedanken in seinem Geiste, schon schossen bittre, empörende Empfindungen in seinem Herzen auf. Die Mutter beobachtete die Bewegungen seiner Seele, las seine Gedanken in seinen starren Augen, den dunkeln Falten seiner Stirne. Mit feierlicher Stimme rief sie ihm zu: Sohn, dies ist das Loos der Barmeciden, war deines Vaters Loos! Dafür, daß sie Unrecht leiden und keines begehen, segnen sie die Völker Asiens. Leide und weine jetzt; morgen zeige dem Khalifen, daß du größer bist, als er! daß du das Unrecht, welches er dir thut, um des Guten willen, das du ihm thust, ertragen kannst.

Giafar. Mutter, was hab' ich von dem Manne wohl noch zu erwarten, der einer so gewaltsamen, so grausamen That fähig ist! Und gegen mich, der ich ihm mit Treue und Eifer diene! der ich nur seinen Ruhm, nur sein Bestes suche?

Mutter. Eben dadurch bist du größer als er. Durch diese That hat er dich hoch über sich erhoben. Erniedrigt, beschämt sitzt der mächtige Beleidiger auf seinem glänzenden, goldnen Throne, während du, der Beleidigte, so lange du deinem edlen Zweck getreu verbleibst, erhaben auf dem Staube der niedrigen Erde sitzest.

Giafar. Wer kann mir den entrücken? Verlor ich ihn aus den Augen, da mich die Schreckenspost erschütterte? Er rase – mein Wille ist mächtiger, als seine Macht, und vergebens strebt er, sich ihn zu unterwerfen. Zum blinden Werkzeuge des seinigen will er mich machen, darum martert er mich durch seine Laune, seine Widersprüche und seinen kalten, bittren Spott – darum greift er nur gewaltsam durch mein Herz – es sei, er zerreiße es, quäle mich, verfolge mich, mein Geist ist über ihn, über seine Gewalt erhaben. Ja, Mutter, ich will auf dem Posten verharren, zu dem er mich berufen hat, Alles ertragen und leiden, was bloß mich betrifft, und unerschütterlich vor ihm stehen, wenn er mich zum Unrecht gegen Andere zwingen will.

Mutter. Nun höre ihn, Ahmet! – Nun höre ihn, mein Gemahl! Hört ihn, Geister seiner Väter!

Giafar. Seht mich leiden, seht mich aufgerichtet in meinen Leiden, und wenn ich falle, ihr Geister meiner Väter, so falle ich euer würdig. Doch ihr wart – seid ihr nun? wo seid ihr? – Sei auch Das, was euch leitete, was ich nun so warm empfinde, ein Traum; es ist ein süßer, erhabener Traum, und wenn andere Wesen über uns sind, so ahnen wir sie nur durch diesen Traum. Trocknet er meine Thränen über die Verlorne nicht, so unterstützt er mich – Mutter, überlaß mich diesem Traume – morgen muß ich vor dem Räuber meines Glücks erscheinen, und dies will ich, meiner würdig.

Er brachte die Nacht schlaflos in den einsamen Gängen seines Gartens zu, kämpfte mit seinen Leiden, mit den immer aufwallenden Empörungen seines Herzens. Oft rief er: »Ahmet! Ahmet! Ist dies die moralische Harmonie der Welt? Dies der Lohn Derer, die sie zu befördern suchen?« Er wünschte seine Erscheinung in seinem Groll, glaubte ihn in jedem Geräusch zu hören, in jedem Schatten, den das Spiel des Winds bewegte, zu sehen. – Morgens trat er vor den Khalifen ernst und kalt, sprach von den vorhabenden Geschäften, als sei nichts vorgefallen. Nie war Haroun freundlicher gegen ihn; er bewilligte Alles ohne Widerspruch, was ihm Giafar vortrug. Es gelang ihm, einen Mann zu retten, der ein Verbrechen begangen hatte, weil man ihn durch ein größeres dazu gereizt hatte, und den mehr der Zorn des Khalifen, als das Gesetz verdammt hatte. Schon ein Gewinn, sprach der Barmecide in seinem Herzen. Als er gehen wollte, rief ihm Haroun nach: Ich höre, dein Schatz sei leer.

Giafar. Herr, ich hatte keinen Schatz und sammle keinen; war nie reicher und bin nun nicht ärmer.

Haroun. Freilich, wenn du so fortfährst, muß ich es wohl aufgeben, dich reich machen zu wollen. Bettler müßten durch dich reich und du zum Bettler werden. Wer sind die Leute, die du nährst, denen du das Leben so leicht machst, daß sie der Hände nicht mehr brauchen?

Giafar. Die nähre ich nicht, die ihre Hände brauchen können. Meine Almosen, Herr der Gläubigen, erhalten Leute ohne Schutz und Hülfe; Christen, Griechen, Juden, Armenier, Aegypter, alles Menschen, die deinem und andern Krieger Schwert ihr Elend danken.

Haroun. Ich danke dir, daß du da ersetzest, wo wir gezwungen schaden müssen. So thut Jeder von uns seine Pflicht. Ich, der den Thron der Khalifen und die Muselmänner schützen und vertheidigen muß, kann und darf nicht fragen, wem ich dadurch weh thue. Barmecide, du hast den besten Theil gewählt, du heilst das Böse, das ich thun muß. Nimm diese Anweisung auf meinen Schatzmeister; dem königlichen Barmeciden soll es unter Haroun nicht an Mitteln fehlen, Gutes zu thun.

Giafar sah, daß es eine Anweisung auf eine große Summe war. Herr, sprach er, beinahe sollt' ich glauben, du wolltest etwas bezahlen, das keinen Preis hat, das du, so reich du bist, nicht bezahlen kannst – doch warum sollten die Unglücklichen um meiner Bedenklichkeit willen leiden? Irr' ich mich, um so besser; irr' ich mich nicht, so spricht mich der Gebrauch von der Beschämung frei. Der Geber frage sein eigenes Herz, indem ich ihm meinen Dank abstatte.

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