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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 35
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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9.

Giafar kam in voller Gemüthsruhe in seinen Palast. Im Gehen schon hatte er den Entschluß gefaßt, den Vorfall mit dem Khalifen seiner Mutter und Fatimen zu verschweigen, die Folgen davon ruhig abzuwarten und sich von nun an auf die gefährlichsten Kämpfe vorzubereiten, zu denen Der immer gewappnet sein muß, den das Schicksal der Laune eines Regenten unterworfen hat. Er verschloß sich in sein Kabinet und lief das Geschehene im Geiste durch. Sein Herz schlug, als er sich in die Lage zurückfühlte, da er niederfiel und seine Henker erwartete; aber hohe Begeistrung ergriff ihn, als er sich des Augenblicks erinnerte, da Abbassa, gleich einem himmlischen Boten der Gerechtigkeit, hereinschwebte und ihn so sanft ins Leben zurückrief. Er fühlte den leisen Druck ihrer Hand warm und wonnevoll in seinem Herzen. – »Ich habe meine Pflicht gethan,« rief er in seliger Zufriedenheit; »und es erfolge, was da wolle; sei Armuth, Schmach, Spott, Verachtung, Tod mein Loos – dir, dem reinen Willen, das Gute nur zu thun und zu befördern, bleib' ich treu! O Ahmet! Ahmet! wo ist die moralische Harmonie der Welt, wenn ein Haroun solcher Thaten fähig ist, sie von einem Barmeciden fordert, dessen Tugend er zu achten scheint, den er, nach seinen eignen Aeußerungen, um seiner Tugend willen sich zugeeignet hat! Doch ist sie nicht hier in meiner Brust? Was ist es, das mich leitet auf diesem gefährlichen, schlüpfrigen Pfade? Was gibt mir Kraft und Festigkeit? Was verlieh mir Muth, dem zürnenden, drohenden Blicke des mit Macht ausgerüsteten Mannes zu widerstehen? Zitterte ich vor ihm? Was erhob mich über des Todes Schrecken, da er wüthend mich verließ und ich dalag, den Streich erwartend? Fühlte ich je mehr des Menschen Werth und Würde, als in dem Augenblick, da ich den grausamen Befehl des Khalifen bestritt? Nie empfand ich erhabener, als da ich die Pflicht durch den Tod versiegeln sollte. Nie war ich glücklicher, als jetzt, da ich die Prüfung männlich überstanden habe. Und ein Lohn ward mir dafür, der mein Herz mit Wonne füllt – sie kam – gleich einer Tochter des Himmels schwebte sie gegen mich – berührte mich – Ahmet, du sprichst wahr – es ist kein Traum, was ich nun fühle – Die Thaten meiner Väter, die noch heute in den Herzen der Menschen leben, beweisen es mir, die plötzliche Flucht des Khalifen bekräftigt es, und noch klarer, noch unwidersprechlicher Das, was ich jetzt fühle, was mich so glücklich, so zufrieden macht.«

Haroun sprach mit Giafar von dieser Angelegenheit weiter kein Wort; er erzeigte ihm in Gegenwart des Hofs so viele Achtung und Freundschaft, daß Jeder den Barmeciden für den erwählten Günstling hielt. Selbst Giafar glaubte, er habe endlich Eingang in sein Herz gefunden, und er würde sich dem angenehmen Traum gänzlich überlassen haben, wenn ihn nicht allzu oft der kalte Spott, die bittern Widersprüche und das plötzliche Zurückhalten des Khalifen in den vertrautesten Augenblicken überzeugt hätten: man könne wohl die kalte Achtung eines Monarchen, dem man mit Treue dient, erwerben; aber nie anders seine zweideutige, gefährliche Freundschaft, als wenn man es nach seiner Weise thut. Abhängigkeit von ihnen gelte ihnen für die erste Tugend, und jede andre hielten sie für Anbetung eines fremden Götzen, dessen Altar man neben den ihren setzt. Er ließ sich durch diese Bemerkung in seinem Gange nicht stören, ertrug die Laune Harouns, so lange sie nur ihn traf; aber unerschütterlich stand er, sobald sie Einfluß auf die Entscheidung der Verhandlungen zu haben schien. Nur in seinem kleinen Kreise fand er Entschädigung für die Kränkungen, die er des Tages so oft erlitt. Um sich nun zu Hause ganz glücklich zu machen, eröffnete er seiner Mutter, daß er sich den folgenden Tag mit Fatime vermählen wollte, und bat sie, seine Geliebte darauf vorzubereiten. Hierauf rief er Masul, befahl ihm, Alles zu seiner Hochzeit einzurichten, schärfte ihm besonders ein, eine Mahlzeit für seine Freunde, die Armen, zuzurichten und Jedem, der sich zeigte, ein reichliches Almosen darzureichen.

Masul sah ihn an und lächelte: Herr, dazu hat dein Knecht den besten Willen; gib du ihm nur die Mittel dazu. So eben wollt' ich vor dich treten, um die Rechnung von dem Golde, das ich vorgefunden, abzulegen. Deine Kasse ist leer, bis auf den letzten Derhem leer.

Giafar. Wie das?

Masul. Freilich, du – du hast sehr wenig davon genossen; doch lies nur selbst. Sieh, diese große Summe haben deine Verwandten – diese noch größere deine Freunde – du nennst sie so – aus der Nähe und Ferne, erhalten. Diese kleine hier hast du auf dich gewandt, und wenn du morgen Hochzeit machen willst, so mußt du deine Braut zwischen die Armuth und deine Tugend setzen, zwei Gäste, Herr, die bis auf den heutigen Tag diesen Palast noch nicht betreten haben.

Giafar. Die Gäste, die du nennst, sind mir so achtungswerth, daß ich dir sogar um ihretwillen deine kühne Spötterei verzeihe. Masul, wir wollen in Zukunft klüger sein, mit unserm Vorrath so verfahren, daß er länger dauert. Indessen auf morgen mußt du zu helfen suchen; morgen kann ich unmöglich sparsam sein. In dem Palaste hier sind viele Sachen von großem, mir ganz unnützem Werthe – greife zu, Masul – nur laß mich und meine Freunde auf meinem Hochzeittag nicht darben.

Masul. Dies geht nicht an, diese Geräthschaften gehören dem Khalifen; für sie muß ich mit meinem Kopfe stehen. Dieser Palast, sagte man mir, als man ihn mir übergab, gleicht einer Karavanserie – deren Geräthschaften man sich nur so lange bedienen darf, als man darin herbergt.

Giafar. Freund, golden sind deine Worte, das Beste nehm' ich mir davon heraus, und wenn wir wieder Gold haben, so bezahl' ich dich dafür mit hundert Derhem. – Kannst du derweilen nichts von meinen Gütern heben, wenigstens darauf borgen?

Masul. Hast du vergessen, daß du sie deiner zahlreichen Sippschaft zum Gebrauch vertheilt hast? War es nur zum Pachte, so will ich gleich Boten an sie senden, um den Ertrag zu fordern; doch diese Boten müssen gehen und wiederkehren – auf morgen wenigstens kannst du nicht Hochzeit halten.

Giafar. Meine Anverwandten darfst du nicht beunruhigen, aber meine Hochzeit leidet keinen Aufschub. Geh, guter Masul, zu des Khalifen Schatzmeister und laß dir etwas auf mein künftiges Gehalt auszahlen.

Masul. Recht gerne; doch vielleicht weißt du nicht, daß der Khalife vor dir einen sehr strengen Befehl durch alle seine Staaten hat ergehen lassen, Keinem etwas vorauszuzahlen, damit, wie er selber sagt, Jeder hübsch in Ordnung bleibe, sich nach seinem Einkommen richte, nicht heut' im Ueberfluß lebe und morgen darbe, oder gar, ich weiß nicht, durch was für Mittel die gemachte Lücke zu füllen suche.

Giafar. Das ist sehr weise von dem Khalifen, und um meinetwillen soll sein Befehl nicht verletzt werden.

Masul. Doch wird der Schatzmeister gerne mit dir eine Ausnahme machen – mit Freuden wird er's thun, um dich ihm zu verbinden – aber dem Khalifen muß er es sagen, und dabei kannst du nur gewinnen. Denn wenn der Khalife unsere Lage erfährt, wird er nicht eilen, unsere leere Kasse zu füllen? Ja, ja, ich gehe, Herr, damit deine Freunde nicht so leer ausgehen, wie diese Tage her.

Giafar. Daß sie leer ausgehen müßten, dies ist wohl das Härteste, denn sie rechnen auf mich; doch sie müssen sich nun schon gedulden, bis wir wiederum reicher werden. Wir wollen indessen immer unsere Hochzeit feiern und dann leben, wie wir können. Der Garten dieser Karavanserie, wie du diesen Palast sehr weise nennst, ist voller Gemüse und süßer, reifer Früchte – der Bräutigam und die Braut lieben sie – besorge du damit die Tafel, wenn du nichts anders hast.

Masul. So mag ein Derwisch in seiner verborgenen Zelle leben, aber nicht ein Großvizir, auf den ganz Asien die Augen richtet.

Giafar. Was der Großvizir ißt, das ist für Asien gleichviel, nicht was er thut. Geh, dabei bleibt's, bis wir wieder reich werden.

Masul. Wie, wenn wir borgten; wer wird, wer darf mir abschlagen, wenn ich in deinem Namen fordere?

Giafar. Eben darum darf es nicht geschehen – und, Masul, wenn nun der Herr der Gläubigen dem Großvizir auf einmal bedeuten ließ, diese Karavanserie zu verlassen, und er die Rechnung, die heimlichen Schulden nicht bezahlen kann? Ein besseres, anständigeres Mittel, oder es bleibt bei unsern Früchten.

Masul. Nun, so nimm indessen von Denen, denen du so viel gegeben hast.

Giafar. Masul, du hast den Koran nicht gelesen, wie ein wahrer Muselmann ihn lesen muß – er muß ihn fühlen – muß die Worte des Propheten tief empfinden – (Auf- und abgehend, sich dann zu Masul plötzlich kehrend.) – Weise mir die Dürftigen ja sanft ab, versprich ihnen zwiefach auf die Zukunft – ich bitte dich, Freund, laß mich milde in dir erscheinen. Uebrigens bleibt es so auf morgen.

Masul. Wie?

Giafar. Wie ich schon gesagt habe. Die Namen der Gäste will ich dir schriftlich geben.

Masul. Ich werde sie wohl am Hofe nicht zu suchen haben, da wir so nüchtern leben wollen. – Erlaube nun, daß ich dir den reichen Juden Nabal anmelde; seit diesem Morgen wartet er in der Halle. Giafar. Erst heute habe ich über ihn gesprochen; bedeute ihm, er möge sich wohl bedenken, bevor er vor mich tritt; denn wenn Das, was er vorzubringen hat, nicht Stand hält, so möchte es ihn gereuen.

Nabal trat mit einigen der Aeltesten seines Volks herein. Er hatte eine reiche Karavane eingeführt und des Khalifen Zölle betrogen. Nach dem Gesetz hatte Giafar die ganze Ladung dem Schatze des Khalifen zugesprochen. Nabal sagte kein Wort davon. Er dankte Giafar im Namen seines Volks für seine Großmuth gegen die gesammte Judenschaft, stellte als ihr Abgesandter ein Kästchen mit Juwelen auf den Tisch und sprach von einem mit Gold beladenen Thier, das vor der Thür des Palastes hielte. Bat ihn dann sehr dringend, er möchte dies als einen Beweis der Dankbarkeit annehmen, daß er die Juden schützte, gütig behandelte und ihren Armen eben so großmüthig Almosen spendete wie dem Muselmann. Plötzliche Röthe stieg auf die Wangen Giafars. Der Zorn wollte sein Herz aufschwellen, eine mildere Empfindung siegte. Masul winkte ihm bedeutend. Die Scene mit Hagul malte sich vor Giafars Geist – er sah beschämt zur Erde, doch schnell erhob er seinen Blick. Nabal lächelte seinen Begleitern zu und glaubte sich seines Sieges gewiß.

Giafar wandte sich zu ihm: Daß ich den Armen deines Volks wohl will, will ich dir beweisen; und du selbst sollst eine gute That begehen, indem du vielleicht auf eine schlechte sannst. Um deßwillen untersuche ich deine Absicht nicht. – Rufe einen Kadi herein, Masul.

Der Kadi kam. Giafar sprach: Freund, hier habe ich ein Geschäft für dich, das der Muselmann für das angenehmste hält, das du mir danken wirst. Dieser Jude, den du kennen wirst – wer kennt den reichen Nabal nicht? – brachte mir dieses Kästchen mit Juwelen, ein mit Gold beladenes Thier, das, wie er sagt, vor meiner Thüre steht. Dies alles bracht' er mir im Namen seiner Brüder, weil ich, wie er sagt, kein Feind seines Volks bin. Nun sind die Menschen seines Volks mir Menschen, die des Schutzes mehr bedürfen, als der Muselmann, den das Schicksal zu ihrem Herrn gemacht hat. Nimm hin und theile den Ertrag des Schatzes hier, sammt dem Golde, womit das Thier beladen ist, in drei gleiche Theile. Mit dem einen begib dich nach der Synagoge der Juden, rufe ihre Vorsteher zusammen, laß dir die Armen ihres Volks vorführen und vertheile ihn, im Namen Nabals, unter sie. Mit dem andern wandere durch die Viertel der Stadt, begib dich in die Karavanseries, geh keine Hütte vorüber und vertheile ihn, im Namen Nabals, unter die Dürftigen unsers Volks. Diese Gabe wird ihre zu oft strengen Herrn milder gegen sie gesinnt machen. Den dritten Theil gib den armen Christen, frei oder Sklave, und zwar in deinem Namen, damit auch du Gewinn und Dank einernten magst.

Beschämt und traurig ging der Jude. Masul blickte unwillig auf seinen Herrn: wir haben keinen Derhem mehr! Morgen Hochzeit, und hier wirfst du einen Schatz weg, der uns auf einmal in Ueberfluß versetzen könnte.

Giafar. Sei nicht böse, Masul; nun erst wird mir die Mahlzeit bei der Hochzeit schmecken; denn morgen speise ich mit Tausenden, und der Gedanke ihrer unerwarteten Freude, die Stillung ihrer Noth macht mich reicher, glücklicher, als alle Schätze Indiens. Sieh, so reich sind wir plötzlich geworden.

Masul. Reich? Wie?

Giafar. Freilich reich – du weißt noch nicht, wie reich, frei und glücklich das Geben macht; wie traurig, abhängig und klein das Nehmen. Dies fühlte der Prophet, darum wiederholte er seinen Schülern so oft dieses Mittel, freudig zu sein.

Masul schlich zu dem Khalifen, hinterbrachte ihm Giafars Vorhaben und erzählte ihm Alles, was er gesprochen hatte, was eben vorgegangen war.

Haroun lächelte, bewunderte, und durch sein Lächeln, durch seine Bewunderung brach ein Zug von Mißmuth. Verdrießlich sagte er zu Masul: »Thu, wie er dir befohlen hat – doch warte, die lustige Geschichte seiner Hochzeit sollst du der Prinzessin selbst erzählen.« Er eilte zu Abbassa und sagte laut lachend: Was gibst du mir für eine Neuigkeit oder für eine wirkliche Geschichte, die ganz wie ein Märchen klingt! Eine Geschichte, die sich nicht zugetragen hat, seitdem Vizire und Khalifen lebten. Du mußt mir sie abschmeicheln und daß du es thun wirst, weiß ich ganz gewiß, sobald ich dir nur den Mann nenne, der die Hauptperson der Geschichte ist, sobald ich dir nur sage, daß er morgen Hochzeit feiert.

Abbassa. Hochzeit – Giafar – und mit wem?

Haroun (ernsthaft). Giafar! Hab' ich ihn doch nicht genannt – dir doch nicht gesagt, daß er es ist! – könnte es kein Anderer meines Hofs sein?

Abbassa. Und dies verdrießt dich, daß ich's errathen habe? –

Haroun. Eben dies – weil ich dich damit überraschen wollte.

Abbassa. Nun dies hast du, Bruder.

Haroun. Hab' ich? – Nun ja, eine Hochzeit – seine Hochzeit und das mit einer Jungfrau – die beinah – nicht ganz – doch nah so schön als meine Abbassa ist. – Gefällt dir diese Hochzeit nicht? Ich kann sie mit einem Wort vereiteln.

Abbassa. Warum sollte sie mir mißfallen. Nur dir könnte es mißfallen, daß die Braut so schön, nah so schön wie deine Abbassa sein soll! Warst du es nicht, der diese Möglichkeit nie eingestehen wollte?

Haroun. Vielleicht auch nicht – denn da meine Abbassa nicht mein sein kann, es vielleicht nicht einmal wollte, wenn sie auch könnte, so wär' es doch noch ein Ersatz, eine Schönheit zu besitzen, die ihr so nahe kommt – so nahe – daß man sie beide zusammen sehen müßte, um darüber zu entscheiden.

Abbassa. Und hast du sie gesehen?

Haroun. Was sieht Haroun in Bagdad nicht? Nun möchtest du auch wissen, was sie für Manieren, für Verstand hat – gedulde dich, es soll geschehen.

Abbassa. Um so besser; doch ich sehe das Lustige nicht, merke von der Geschichte nichts, die wie ein Märchen klingen soll. Was ist wohl gewöhnlicher, als daß ein Mann ein Weib nimmt?

Haroun. Gleichwohl weißt du, daß dieser Barmecide nichts wie andere Menschen thut. Du sollst einen Beweis davon hören.

Der Khalife ließ Masul eintreten, der auf Harouns Befehl seine Unterredung mit Giafar, die Geschichte mit Nabal umständlich wiederholte.

Abbassa athmete nicht während der Erzählung. Ihre Augen schimmerten in sanftem Glanze – ihre Wangen färbte das weichste Roth, welches das feine Gefühl des Herzens nur darauf hauchen kann. Haroun beobachtete sie genau – er entließ Masul, als er geendet hatte, und Abbassa wandte sich nach einer kleinen Pause zu ihm:

Bruder, du versprachst mir ein lustiges Märchen; doch dieses da klang so erhaben angenehm, daß, um meine Empfindungen darüber ganz auszudrücken, ich so möchte lächeln können, wie ich mir träume, daß Engel lächeln, wenn sie unsichtbare Zeugen schöner, guter Thaten sind.

Haroun. Du wünschest dir, was du in diesem Augenblick schon hast.

Abbassa. So hab' ich's nun, da ich deine Empfindungen in deinen Augen lese. Daß dein künftiger Geschichtschreiber dies Märchen ja nicht vergesse! Es wird dich verherrlichen, und die Nachwelt wird sagen, welch ein Mann muß Haroun gewesen sein, der solche Diener hatte, sie aufsuchte und ihrer achtete. Du weißt es wohl, wie wenig Gutes die Geschichte von den Herrschern der Menschen aufgezeichnet hat! – Doch sage mir, mein ernster Bruder, wirst du ihn in dieser Verlegenheit lassen?

Haroun. Ganz gewiß! Er muß besser Ordnung lernen; Das, was bei ihm schön und groß ist, dir wenigstens so scheint, kann leicht für Andere, endlich für ihn selbst schlimme Folgen nach sich ziehen. Ist diese Freigebigkeit in seinem Herzen gegründet, so muß sie in Thorheit ausarten; ist sie erkünstelt, so verdient er die Bestrafung. Was würde aus uns werden, wenn ich gäbe, wie er gibt. Der kann leicht geben, der ohne Mühe jede Stunde von Tausenden nimmt, um Einen zu bereichern. Der Mann, der seinen im Schweiß erworbenen Erwerb mit dem Armen theilt, thut mehr durch eine Kupfermünze, als ich durch meinen Schatz thun kann. Ich nehme, er erwirbt – gibt mir, damit ich geben kann.

Abbassa. Vortrefflich, Bruder; aber paßt dies auf den Barmeciden? Doch wie sollt' ich dir es beweisen, da du seine Tugend selbst bezweifelst, sie erkünstelt nennst.

Haroun. Schwester, nichts leidet weniger Uebertreibung und lauten Anspruch, als die Tugend. Würde meine Abbassa so anmuthig schön sein, das Herz durch ihre Reize so entzücken, wenn sie uns zu zeigen bemüht wäre, wie schön sie ist? – Der Mensch bleibt immer Mensch, ein Augenblick voll hoher Spannung, Laune – von – ich weiß nicht was – gibt uns für die Zukunft keine Sicherheit. Das, was sich so stark, so geflissentlich auszeichnet, taugt in einem Staate nicht, wo Einer herrscht; und der durch so schreiende, auffallende Tugenden hervorragende Vizir kann mir gefährlicher werden, als der, welcher dieses durch Laster thut. Diesen macht jeder falsche Schritt, jede Bosheit, jedes ausgeübte Unrecht zu meinem Sklaven, da jenen jede seiner Handlungen über mich erhebt. Viel lieber will ich den zum Bösen Geneigten durch meine Strenge zur Erfüllung seiner Pflichten zwingen, als Dem, der die Tugend übertreibt, mit spähendem Blick nachforschen, ob seine Tugend Maske sei – ob er mir durch sie nur wichtig, bedeutend werden oder mir gar trotzen will.

Abbassa. Hört' ich wirklich meinen Bruder? Spielt er nur mit seiner Schwester? Was hat dieses edle Herz vergiftet, was es mir, die ich so nah daran zu liegen glaubte, so ganz unkenntlich gemacht? Ich weiß die Zeit, wo Haroun den Menschen alles Gute und Große zutraute, wo er an diesem Mann nicht gezweifelt hätte, wo er ihm auf das bloße Gerücht über Berg, Thal und See, durch Hitze und Kälte gefolgt wäre, um ihn sich zu gewinnen. Wen soll ich mehr bedauern, den Mann, den dieses Mißtrauen unschuldig trifft, oder den, der das gefährliche, die Tugend verzehrende Gift in seinem Busen nährt?

Haroun. Mich! Mich! Nur hier, vor dir, in diesem kleinen, seligen Bezirk kann und darf ich Mensch sein; sobald ich ihn verlasse, bin ich der Mann, der über Millionen herrscht, der seine Herrschaft über die Menschen durch die Herzen und den Geist, nur dem Scheine nach, mit andern theilen darf. Wer diesen Schein – diesen geborgten Schein – nicht tragen will, den muß ich bewachen. Klugheit muß nun meine Tugend sein; mich vor Täuschung zu bewahren, meine erste Regel.

Abbassa. Armer Giafar! besser, du wärst in deiner Einsamkeit geblieben.

Haroun. Arm – Er – Er, den Abbassa bedauert? – in Gegenwart ihres Bruders bedauert? – so sanft bedauert? Der die Herzen meiner Unterthanen sich zueignet, mit mir den Schatz zu theilen droht, nach dem allein ich geize – ihn mir vielleicht raubt? Was ist mir die Herrschaft über Asien, wenn ich nicht mehr sagen kann, ich bin Herr der Herzen? – Ha, sage mir, ob ich's noch ganz von dem deinen bin?

Er entfernte sich hastig, verließ Abbassa erstaunt über sein Betragen, seine letzte Aeußerung. Sie konnte den Sinn davon nicht fassen und verlor sich in düstern Betrachtungen. Harouns Betragen widersprach ihrer Erfahrung nach seinem Herzen, seiner bisherigen Denkungsart, seinem ganzen vorigen Leben. Nie hatte sie die kleinliche Eifersucht auf die Tugenden und Fähigkeiten Anderer an ihm bemerkt, ihn immer, selbst gegen seine Feinde gerecht gesehen. Nun sah sie ihn eifersüchtig auf einen Mann, von dessen Tugenden nur er die Früchte erntete, den er darum berufen hatte, weil er hoffte, er würde so handeln, wie er that. Durch Betrachtungen dieser Art, durch das Gefühl des Mitleids gewann der Leidende nach und nach in ihrem Herzen, was der eifersüchtige, unbegreifliche Bruder verlor; sie dachte den Mann noch größer und erhabener, den ihr Bruder zu fürchten, zu beneiden schien, da er vor ihren Augen bisher nie einen zu fürchten, zu beneiden Ursache fand. Nur in seinen Tugenden, seinem Muth, seinen guten, edlen Thaten hatte sie gelebt, jetzt theilte sich ihr Herz und gewöhnte sich an den Gedanken, man könnte nicht allein ihm gleichen, man könnte ihn übertreffen.

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