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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 33
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7.

Der Divan versammelte sich, und der Khalife führte Giafar ein. Mit feierlichem Ernste stellte er ihn den Räthen vor, überreichte ihm das Siegel und bedeutete den Anwesenden Unterwerfung, Gehorsam gegen die Befehle, die durch Giafar von ihm ausgingen. Giafar setzte sich auf seine Stelle mit eben der Gemüthsruhe, als sei es sein gewöhnlicher Sitz. Nach Aufhebung des Divans, in welchem eben Das geschah, was in dem Senat jedes unumschränkten Reichs geschieht, ließ der Khalife Giafar und einige der wichtigsten Räthe in seine geheimen Zimmer rufen. Hier nun befahl Haroun dem Großvizir, bestimmten Bericht abzustatten von der Verfassung jeder Provinz, ihrem Ertrag, dem Charakter und Betragen der Statthalter, den Einkünften und Ausgaben des ganzen Staats, dem vorhandenen Schatze, den geheimen Verhältnissen im Lande und mit den Nachbarn. Giafar hörte dem Khalifen, der jeden Theil der Staatsverwaltung mit der größten Klarheit entwickelte, dem nichts in seinem ungeheuern Reiche unbekannt zu sein schien, mit Bewundrung und Erstaunen zu. Haroun, der dies beobachtete, sagte zu ihm: »Ich habe den Faden wiederum aufgefaßt, den dein Vater unter meinem Bruder angelegt hatte, raubbegierige und unwissende Diener hatten ihn zerrissen. Vollende du nun das Gewebe seiner Hand und hüte dich, so viel als möglich, vor Neuerungen; nur die äußerste Noth entschuldigt sie. Die Menschen fühlen unsre Leitung nur dann, wenn wir sie durch Störung des Gangs, zu dem wir sie gewöhnt haben, an unser Dasein erinnern. Ordnung, unerbittliche Strenge gegen Den, der sie stört, dies ist's, was ich vorzüglich von dir, von jedem meiner Diener fordere. Des unablässigen Drucks bedarf es nicht; je weniger das Volk unsre Hand fühlt, je glücklicher, sichrer lebt es, je mehr arbeitet es auf die Zukunft. So wie der fruchtbarste Regen der ist, dessen Geräusche du nicht hörst, so ist die beste Regierung die, deren Gang man nicht empfindet. Ich möchte darum meine Macht so unsichtbar machen können, wie es uns die Natur ist; wir sehen ihre Ordnung, empfangen, genießen ihren Segen, ohne die Mittel zu sehen, wodurch sie es bewirkt. Nur den Großen, denen ich die Ausübung meiner Macht anvertrauen muß, diesen möcht' ich wie ihr Schatten folgen können und immer vor den Augen stehen, denn von ihnen fordere ich Rechenschaft für das Vergehen des rohen Haufens. Dieser fehlt nur durch ihre Schuld. Harouns Grundsatz ist: Vater des Volks, Tyrann derjenigen Großen, die aus Bosheit und Habsucht vergessen, daß ich nur so in Jedem von ihnen erscheinen will.«

Das frohe Gefühl des Herzens schoß auf Giafars Wangen, schimmerte in feuchtem Glanze in seinen Augen. Haroun ward es gewahr und fühlte sich zu ihm hingezogen. Das Herz wollte das Band der Freundschaft näher zusammenziehen, der Geist des Herrschers blickte kalt darauf, es dehnte sich weiter aus. Es schien, als schwebe ein unsichtbares frostiges Wesen zwischen ihnen, das sie in dem Augenblick auseinander riß, da sie sich nahen wollten. Giafar verlor sich in den Gedanken Ahmets und sprach in seinem Geiste: » hier oder nirgends

Das Volk erwartete ihn an dem Palast des Khalifen, empfing ihn mit Freudengeschrei, segnete Haroun und begleitete den Vizir jubelnd nach seiner Wohnung. Es war ein Festtag in und um Bagdad, durchs ganze Land, wohin nach und nach das Gerücht erscholl.

Giafar ergriff nun das Steuer der Regierung, so weit es nur der Khalife ihn ergreifen ließ. Der Geist seines Vaters, die Erfahrung in Geschäften, die er unter ihm gemacht hatte, seine festen Grundsätze leiteten ihn. Er warf sich, ausgerüstet mit Klugheit, Muth und Menschenliebe, ohne für sich die Stürme zu befürchten, auf dieses unsichere Meer. Haroun bemerkte jeden seiner Schritte, vernahm jede seiner Bewegungen, wußte jedes seiner Worte und blieb kalter Zuschauer. Nur dann, wenn Giafar eine wichtige, verworrene Sache, die zu seinem Ruhme sich enden mußte, bis zur Entwicklung gebracht hatte, erschien er, ließ sie oft durch einen Machtspruch in Luft zerfließen, bis er ihr später eine Wendung geben konnte, die sie zu seinem Werke machte. Giafar ließ sich durch nichts in seinem festen Gange stören.

Khozaima und die Hauptpersonen des Hofs erschöpften ihre Beredtsamkeit vor dem Khalifen im Lobe Giafars. Sie sprachen nur von seinen hohen Tugenden, seiner Freigebigkeit, seiner Mäßigkeit, seinem Fleiße, seiner Milde bei Ausübung der Gerechtigkeit; führten bei jeder Gelegenheit seine Sprüche an, die, wie sie sagten, von Bagdad aus bis in die entferntesten Provinzen erschallten. Sie ermüdeten Haroun mit den Lobeserhebungen der Tugenden des Barmeciden so, daß er sie endlich so beschwerlich fand, als er zu Zeiten ihre Schmeicheleien zu finden glaubte. Die Prinzessin, zu welcher ihn der Khalife oft riefen ließ, um sich vertraut mit ihm zu unterreden, sprach aus reinerm Herzen über ihn, ertheilte ihm ein gemäßigtes, gegründetes Lob, das eben dadurch einen stärkern Eindruck machte. Der Mann, von dem er so viel Gutes hörte und sah, war ihm unausstehlich, ohne daß er sich gestehen wollte oder konnte, warum. Da nun Giafar sich immer bescheiden verhielt, mit der sanftesten Art fest auf seiner Weise blieb, ihm dabei ohne Furcht, in Angelegenheiten, wo das Recht für die bestrittne Sache war, widersprach, worüber er seine Räthe oft erstaunen sah, so fing er nun an, ihn in seinem Herzen geradezu der Heuchelei zu beschuldigen und ihm geheime, herrschsüchtige Absichten beizulegen. Giafar, der die Veränderung bemerkte, so sehr sich auch der Khalife zu verstellen suchte, verblieb so gerad und offen wie im ersten Augenblick. Nur Eins störte seine Fassung, und dies war ein dunkles, peinliches Gefühl, das aus der öftern Beobachtung floß: der Khalife liebe seine Schwester auf eine Art, die mehr an Leidenschaft als Bruderliebe grenzte. Die Liebkosungen, die er ihr erwies, waren mehr feurig als zärtlich; bei den ernsthaftesten Unterredungen schien er nur sie zu sehen, nur auf Das zu lauschen, was sie sagen würde. Oft unterbrach er sich und ihn mitten in der Rede – bat sie, eins ihrer Lieder in die Laute zu singen – sprach dann in Entzücken von ihren Reizen, ihrem Verstand, ihrem Gesang, ihrem Lautenspiel, den Liedern, die sie dichtete – und wenn Giafar in solchen Augenblicken ihn ernsthaft und aufmerksam anhörte und seinen Augen folgte, so sah ihn der Khalife als einen Mann an, der unser verborgenstes Geheimniß, dessen Entdeckung wir über Alles fürchten, entweder schon errathen hat oder doch zu errathen strebt. Von nun an ward ihm Giafars Tugend in eben dem Grade verdächtig, als sie ihm lästig war, und der edle Haroun, welcher der Vater seines Volks sein wollte, es wirklich war, faßte, durch viele dunkle, kleinliche Gefühle gedrängt, den sultanischen Entschluß, die Tugend des Mannes, der so rein seinen Zweck befolgte, den er deßhalb achtete, liebte, in dessen Gesellschaft er sich gefiel, auf die strengsten Proben zu setzen und dies in der Hoffnung, er würde ihnen unterliegen. Ein Triumph über die Menschheit, dessen sich nur ein Herrscher erfreuen kann und den wir beschränktere, glücklichere Menschen bedauern und beweinen. Um diese Proben giftiger zu machen, äußerte er die höchste Zufriedenheit gegen ihn, und nur Augenblicke von Laune, rascher Ungeduld und plötzlichen, bittren Spotts zeigten Khozaima, daß etwas Besonders in dem Khalifen vorging. Dieses zu ergründen, lauerte er auf Gelegenheit. Der Zufall diente ihm.

Als er eines Tags den Khalifen von einem Gastmahl unterhielt, das Giafar den Bettlern gegeben – und dabei erzählte, wie der Großvizir mit ihnen zu Tisch gesessen, wie freundlich er sie unterhalten hätte, fragte ihn Haroun plötzlich: Wer trug dir die Botschaft von meinem Neffen an Giafar auf?

Khozaima. Der, den du zu seinem Wächter gesetzt hast.

Haroun. Wie lautete der Auftrag?

Khozaima. Dein Neffe, Herr, ließ mich durch ihn bitten, ihn dem edlen Barmeciden zu empfehlen. Er flehte um Giafars Schutz und wünschte den größten, gerechtesten Mann in deinen Ländern nur ein einziges Mal zu sprechen, um ihn, und dich durch ihn, wenigstens davon zu überzeugen, daß er den Verdacht nicht verdiente, um deßwillen er als Gefangener bewacht würde. Er wisse wohl, die an Jahiah Saffah begangene grausame That seines Vaters könnte ihn, den unglücklichen Sohn, nicht empfehlen, doch zählte er auf das Mitleid, das der menschliche Giafar keinem deines Volks versagte,

Haroun. Und was antwortete Giafar auf dieses?

Khozaima. Sage, guter Khozaima – so nannte mich zum erstenmal der große Barmecide in sehr sanftem Tone – sage, guter Khozaima, daß ich dem unglücklichen Sohn die That des Vaters nicht gedenke, daß ich ihn bedaure, ihm meine Dienste, so weit sie reichen können und dürfen, von ganzem Herzen antrage. Daß ich ihn, überzeugt von der Großmuth des Nachfolgers des Propheten, versicherte, er würde nie vergessen, er sei seines Bruders Sohn. War er es nicht, setzte er hinzu, indem er mich scharf ansah, der zuerst unserm Herrn den Eid der Treue schwur, der dem von seinem Vater ihm aufgedrungenen Anspruch auf den Thron in Gegenwart der Großen feierlich entsagte? Kann der Khalife dies vergessen? Was den Besuch betrifft, den er von mir zu wünschen scheint, diesen kann ich ihm ohne Erlaubniß des Khalifen nicht abstatten. Ihn dem Khalifen zu empfehlen, schließt einen Zweifel in sich, der mir ein Verbrechen gegen den edlen Haroun zu sein scheint, den zu hegen ich keine Ursach' habe und nie zu haben wünsche.

Haroun. Und dies in Gegenwart der Bettler?

Khozaima. Sie sind seine Freunde.

Haroun. Daß du ihm die Botschaft in ihrer Gegenwart überbrachtest, dieses wollt' ich sagen.

Khozaima. Ich sprach leise in sein Ohr – er antwortete laut, und die Bettler segneten den guten Wirth.

Haroun. Wie leise du gesprochen hast, dies hat mir mein Geist gesagt. Doch gut; auch dieses; aber mein Neffe kann nicht leben – die Noth erfordert's, hat es längst erfordert – ich kann die That beweinen – doch geschehen muß sie, und dir übertrage ich sie.

Khozaima. Verzeihe, Herr! da ich es war, der den Vater gezwungen stürzen half und hierauf den Sohn zur Pflicht gegen dich überredete, so würde die That grausam scheinen, wenn ich sie beginge. Nur dann erst würde die reine Absicht meiner ersten That dem Volke verdächtig. Ja selbst dir, Herr, würde sie den Vorwurf der Grausamkeit zuziehen, und nur die allgemein erkannte Tugend des Barmeciden kann ihr den Schein von Recht verleihen.

Haroun. Und mir zur Probe seiner Treue dienen.

Khozaima stellte sich, als wenn er den Sinn nicht faßte, der in diesen Worten und noch mehr in den Blicken des Khalifen lag. Er eilte schnell zu Denen, die längst Eifersucht und Haß gegen Giafar verbunden hatte, und theilte ihnen die wichtige Entdeckung mit. Triumphirend schloß er: »Seine Treue will er proben! Also zweifelt er doch an seiner Treue – an seiner hohen Tugend? – Hatte ich nicht Recht, wenn ich euch immer sagte, der stolze Haroun wird den Mann nicht lange ertragen können, der, kühn und sicher auf seine schwärmerische Tugend, alle Abhänglichkeit von ihm abwirft; der nichts fürchtet, der, was er ist, nur durch sich sein und scheinen will? Träumender Barmecide! abhängig von ihm, ertrüg' er auch wohl das Böse, das du thun möchtest; unabhängig, wie du sein willst, verzeiht er dir das Gute nicht, das du täglich thust. Aber hat er nicht Recht? Ist diese stolze Tugend, dieses allzu ausgedehnte Wohlwollen, diese allzu kluge Tugend ihm nicht gefährlicher, als unsere Ränke, die uns zu seinen Sklaven machen? Er fühlt bereits, daß ihn Giafars Thaten in Schatten stellen, daß er sich durch die auffallende Art, wie er sie zu betreiben versteht, in jeder einen Sieg über seine Macht erwirbt. Fahrt nur fort, wie ihr angefangen habt; laßt uns unaufhörlich von des Barmeciden Tugend reden, ihm nur dafür danken, daß er uns den großen Mann gegeben hat. Ich, der ich am Hofe aufgewachsen bin, weiß, daß dies wirken muß, und der große Haroun müßte mehr als Mensch sein, müßte auf keinem Throne sitzen, wenn ihn kluge, innig verbundene Hofleute nicht endlich klein zu machen wüßten. Die That, die er jetzt von dem Barmeciden fordert, stürzt diesen oder macht ihn uns gleich.«

Auch der Hof hat seine Leviathane!

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