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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 32
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6.

Morgens schickte der Khalife Khozaima zu Giafar, um ihn zu bedeuten, er sollte zur öffentlichen Audienz erscheinen. Giafar zog aus seinem Palaste, von dem jauchzenden Volke begleitet. Man empfing ihn an der Pforte des Palasts des Khalifen, führte ihn durch die glänzenden Prachtsäle, und in dem Augenblicke, da man die Thüren zu dem Thronzimmer öffnen wollte, trat Khozaima heraus und sagte laut: der Khalife könne ihn heute nicht sehen. Lächelnd blickte er auf ihn; Giafars Miene veränderte sich nicht. Einen Monat ließ der Khalife verstreichen, ohne nur Giafars zu erwähnen, und Giafar durfte seinen Palast nicht verlassen, ohne den Khalifen gesehen und seine Befehle empfangen zu haben. Er dankte dem Khalifen für den Aufschub, ohne der Ursache nachzudenken, und wandte die verstattete Ruhe an, noch ernstre Betrachtungen über seine künftige Lage anzustellen. Sein einziger Zeitvertreib war, Almosen auszutheilen und den Mahlzeiten beizuwohnen, die er in seinen Gemächern für die Armen zubereiten ließ. Das Volk, das nicht begreifen konnte, warum der Khalife den Barmeciden von sich entfernt hielt, ersann ein Märchen nach dem andern, und jeder Tag vermehrte den Enthusiasmus für den verschloßnen Großvizir. Haroun belustigte sich an ihren Märchen, ihrer Ungeduld und glaubte, es sei bloß dieses, was ihn ergötzte. Zugleich dachte er sich an seiner Schwester zu rächen, die ihn oft um die Ursache seines Betragens fragte und ihr Verlangen, den sonderbaren Mann zu sehen, immer lauter werden ließ. Khozaima bekam endlich einen neuen Auftrag und hoffte schon im Geiste, die zweite Audienz würde wie die erste enden. Er betrog sich. Giafar trat vor den Khalifen, neigte sich zur Erde, und sein Herz glühte in der Gegenwart des blühenden, schönen, kraftvollen Herrschers Asiens, den er im Traume seines Reichs entsetzt, den zu tödten er das Schwert gezogen hatte, und der dem Bilde von Zug zu Zuge glich, das ihm im Gesichte erschienen war. Haroun saß in aller Hoheit auf seinem Throne, schien sich in Giafars Verwirrung zu gefallen und winkte ihm, sich zu entfernen.

Nach dieser Audienz schien der Khalife den mit so vielem Feuer erwarteten Großvizir ganz vergessen zu haben. Daß ihn keiner seiner Höflinge an ihn erinnerte, war zu erwarten. Auch seine schöne, tief fühlende Schwester schwieg, beobachtete ihn genau und erwartete, was aus dem ihr unbegreiflichen Betragen Harouns werden sollte. Das, was sie kränkte, war sein Zurückhalten, seine erkünstelte Kälte über diesen Punkt, die dunkle Ahnung eines neuen, ihr bisher unbekannten Zugs in dem Herzen des Mannes, der ihr nie etwas verbarg, der immer sein größtes Glück in der Mittheilung seiner geheimsten Gedanken und Empfindungen fand. Der Khalife dachte indessen Giafars nur allzusehr und erhielt täglich Bericht aus dem Innern seines Hauses.

Giafar fand es nun freilich sonderbar, daß ihn Haroun aus seiner Einsamkeit gezogen hatte, um ihn in seiner Residenz zum Einsiedler zu machen; noch weniger konnte er sein Betragen mit dem ausgleichen, was er von seiner frühern Jugend wußte, nun von seiner thätigen Regierung hörte. »Mit mir zu spielen, dachte er bei sich, dazu ist er zu ernsthaft, und noch ernsthafter ist der Posten, zu dem er mich berufen hat. Doch sei es, was es wolle, er ist ein Mensch – Regent – wer kann ihr Herz ergründen! Vielleicht will er mir nur zeigen, daß er mich entbehren kann, und da ich ihn nicht suchte, so ist's an ihm, mir seinen Willen kund zu thun, nicht an mir, ihn darum zu fragen.«

Nach und nach ließen die Aufwartungen der Großen bei ihm nach, und er befand sich plötzlich in einer Lage, in welcher sich noch kein Minister befunden hat, in Ungnade zu sein, wenigstens es zu scheinen, bevor er seinen Posten angetreten hatte. Nur Khozaima kam zu Zeiten, sah ihn mit der Miene des Bedauerns an, die beim Hofmann an Verachtung grenzt. Er gab ihm auch wohl aus Mitleid zu verstehen, er müßte den Khalifen, der ihn vielleicht vergessen hätte, bitten lassen, ihn im Divan einzuführen. Giafar antwortete: »Der Herr der Gläubigen gebietet über mich. Meine Pflicht ist, seinen Befehl zu erwarten und ihn dann zu erfüllen. Wohin er mich auch stellt, steh' ich an meinem Platz.«

Er fuhr in seinem angefangenen, stillen Leben fort, theilte seine Zeit zwischen Nachdenken, Almosen spenden, der Gesellschaft seiner Mutter und Fatime. Das Volk murrte über den Khalifen; er hörte es oft mit eigenen Ohren, und dieses Murren war einer der Bewegungsgründe seines Betragens, ob er sich's gleich nicht gestehen wollte. Eines Abends, als eben Giafar an der Seite Fatimens ganz vergessen hatte, daß er in Bagdad sei, kam ein Eilbote vom Khalifen, forderte ihn auf, ihm schnell zu folgen. Er warf sich in sein Gewand, und der Bote bedeutete ihm, ohne Geräusch und Begleitung ihm nachzufolgen.

Der Khalife ruhte neben seiner Schwester auf dem Sopha und hielt ihre Hand vertraulich in der seinen. In ihrem rechten Arm ruhte ihre Laute. Er hatte ihr kein Wort von der Erscheinung Giafars gesagt. Die Thüre öffnete sich, Giafar trat herein und ließ sich zu Harouns Füßen nieder. Als ihm der Khalife winkte, sich zu erheben, stellte er sich gerad und frei vor seinen Sitz hin. Es erfolgte eine kleine Pause, und nur der unerwartete Anblick der Schönheit der Prinzessin, ihr Blick voll Geist und Güte versetzte ihn in wunderbares Erstaunen, das aber bald in Verwirrung überging, da er bemerkte, wie die feurigen Augen Harouns gleich Blitzen über ihn hinschossen, dann forschend auf der sanft erröthenden und niederblickenden Schwester ruhten.

Ernsthaft begann Haroun: Giafar, um dich zu sehen, dich meiner geliebten Abbassa zu zeigen, muß ich dich suchen lassen. Schon vierzehn Tage – ja beinahe vierzehn Tage bist du hier in Bagdad, wenn ich mich anders recht erinnere –

Giafar. Nachfolger des Propheten, zwei Monate sind's, und etwas darüber.

Haroun. Wie, zwei Monate ließest du vergehen, ohne das Amt anzutreten, zu welchem ich dich berufen habe? So hat denn durch deine Schuld mein Volk das Glück entbehrt, das ich ihm durch dich zudachte. Wahrlich, du hast die verlornen Tage zu verantworten.

Giafar. Herr, mein Ruf hierher liegt in deinem hohen Willen, nicht in meinem Werth, nicht in der Meinung von meinem Werth; und nicht zwei Monate, mein Leben durch hätt' ich auf deinen Befehl gewartet. Was habe ich gethan, durch was mich ausgezeichnet, um es wagen zu dürfen, nach der hohen Würde aufzublicken, zu der du mich berufen hast?

Haroun. Bescheidenheit und Demuth haben immer dein Haus dem Neid entzogen, durch sie schmückt ihr eure Tugend; darum wünscht' ich, daß die deine meiner strengen Macht ihren sanften Schimmer leihen möchte. Ich, der von früher Jugend in Lagern, unter rauhen Kriegern lebte, lernte mehr, Menschen zu verderben, sie mit Härte zum Gehorsam zu zwingen, als sie im Frieden zum wahren Glück zu leiten. Du sollst nun die Heerde wie der milde Hirt weiden, während sie mein Schwert beschützt. Abbassa sah ihren Bruder bedeutend und forschend an. Haroun fuhr fort: Wie, du schweigst? –

Giafar. Herr der Gläubigen, es beliebte dir zu sagen, die Bescheidenheit sei eine Tugend unsers Hauses; die meine nun, da ich noch nichts Gutes und Großes gethan habe, verdient diese Benennung nicht; aber daß ich deinen fein verhüllten Spott nicht verdiene, dieses fühl' ich, dieses seh' ich ein. Herr, deine Befehle zu erfüllen, Das auszuführen, was du entwirfst, Werkzeug in deinen Händen zu sein, so weit das Glück deines Volks, mein Gewissen, meine Kenntniß von Recht und Unrecht es erlauben, dazu glaube ich mich von dir berufen. Ob dieses auch mir nützlich sein möge, das hab' ich nicht erwogen, erwäge es nicht und mag vielleicht einst dadurch allein verdienen, zu meinem Hause gezählt zu werden.

Haroun (zu seiner Schwester). Wahrlich, der Mann spricht gut.

Zufriedenheit goß sich über das Angesicht der Prinzessin. Der Khalife wandte sich voll Ernst zu Giafar:

Um deines Namens willen hab' ich dich zum Vizir erhoben. Aus Dankbarkeit gegen deinen Vater, dem ich das Leben danke, der das seine verlor, weil er der blinden Rache meines Bruders nicht gehorchte. Dieses nur war das Verbrechen deines Vaters, das ihm Hadi nie verzeihen konnte. So zahl' ich meine Schuld an seinen Sohn ab. Als Regent muß ich hier meine Rechnung mit ihm schließen; die deine beginnt von dem Augenblick, da ich dich in dem Divan einführe. Viel fordere ich von dem Manne, der deinen Namen führt, der stolz und kühn auf seine Tugend über die weite Kluft hinschreitet, die ihn von mir trennt; der sich durch sie so dem Throne naht, als könnte er ihm Glanze verleihen und keinen mehr von ihm empfangen.

Giafar. Richte mich, Herr, nach meinen Thaten und laß dein Urtheil nur von Dem bestimmt werden, was allein dabei mir zur Leitung dienen soll.

Haroun. Und das ist?

Giafar. Die Gerechtigkeit. Haroun. Die Stütze meines Throns, der nur ich meinen Ruhm verdanken will. Bei dem Glanze Gottes, du hast ein großes vielfassendes Wort gesprochen; erwäge seine Bedeutung wohl. Sie ist die schwerste aller Tugenden, denn alle schließt sie in sich ein. Ganz gerecht ist nur Der, der Alles sieht und hört, der Alles in einem Nu erwägt, den weder Leidenschaft, weder Trug, noch List verblenden. Wer ist gerecht auf Erden?

Giafar. Der, welcher für sich nichts fürchtet, noch hofft; der gegen dich, den Mächtigsten auf Erden, zu entscheiden wagt, wenn du Unrecht hast. Der ohne Rücksicht nach deinen und der Natur Gesetzen losspricht und verdammt; der, welcher dir seinen Willen nur in so fern unterwirft, als er hiermit besteht, dieser ist so gerecht, als der Mensch es sein kann. Das Verborgene, das Zufällige sieht nur, der Alles sieht, und dieser richtet nach den Absichten, die unser Thun bestimmen, nach den Kräften des Geistes, die er uns verliehen hat. Wohl weiß ich, was ich wage, indem ich so frei dir rede; doch, Herr, wenn meine freie Aeußerung dir mißfällt, so schicke mich schnell in meine Einsamkeit zurück; beschränkt, wie ich dort lebte, war ich des wenigen Guten, das ich thun konnte, gewiß, und das Böse traf nur mich.

Haroun. Mir mißfällt nicht, was du sagst; nur spannst du dadurch meine Forderung, meine Erwartung immer höher. Du mußt dich und deine Kräfte kennen; dies vorausgesetzt, glaub' ich Alles, was du willst. Jeder Andere als du würde mir verwegen scheinen. – Nahe – hier, vor meiner erstaunten Schwester Augen, laß uns Hand in Hand einen Bund schließen, wie ihn Herr und Diener selten schließen. Der Diener werde mein Freund. Bereite dich, morgen in dem Divan zu erscheinen.

Nach Giafars Entfernung wandte sich Haroun zu seiner Schwester: Was hältst du nun von dem Manne?

Abbassa. Viel verspricht er, und wenn er Das hält, was seine männliche Zuversicht zu verbürgen scheint, so sehe ich ihn als ein Geschenk des Himmels an. Wird er nicht meinen edlen Bruder von dem Mißtrauen heilen, zu dem ihm die Menschen bisher so viel Grund gegeben haben? Und ich, die ich sie, trotz allen widrigen Aeußerungen, immer vertheidigte, werde endlich siegend sagen dürfen: die Menschen sind, wozu sie ihre Herrscher machen, was sie ihnen zu sein erlauben. Gut und edel, wenn sie es selber sind, wenn sie die Tugend achten, wenn sie dieselbe allein zum Preis und Gewinn zu machen wissen. Zu welchen dieser Giafar meinen großen Bruder zählt, beweist die edle Freiheit seiner Rede, wodurch er ihm, ohne es zu suchen, das größte Lob ertheilt hat.

Haroun. Was der Mann nun ist oder scheinen will, dies fühl' ich und seh' es gerne. Was aus ihm werden kann, was er unter dieser glänzenden Achtlosigkeit auf sich und Glück verbirgt, dies weiß ich nicht und muß es zu erfahren suchen. Die Barmeciden, Liebe, die königlichen Barmeciden, wie sie das Volk in seinem Taumel so gerne nennt, haben diese Stelle unter den Khalifen schon oft bekleidet, waren immer durch den Ruhm ihres Hauses, den Ruf von der Voreltern Tugend her die Herren ihrer Herren, oder strebten wenigstens, es zu sein. Und Dieser da, der so laut ruft: so bin ich, so werd' ich sein! wollt ihr mich oder nicht? Gleichviel, ihr könnt mich nicht größer und glücklicher machen, als ich bin – Dieser da, der so rund seine Gesinnungen ausdrückt und, Geliebte, der, so männlich schön gebildet er dir auch scheinen mag, das freilich seiner Tugend ein gewisses feierliches, anziehendes und sogar erhabenes Ansehen gibt – dieser Mann sage ich – (lächelnd) – nein, erschrick nur nicht – dieser Mann hat mehr Eindruck auf mein Herz gemacht, als mir lieb ist, als mir vielleicht zuträglich ist. Sieh, den Zauberkreis, welchen zu unserm und der Menschen Besten der Wahn und die Vorurtheile bewachen, den muß Keiner zu betreten wagen, und wer es wagen will, der wage es ja mit leisen Schritten, verberge sich ja sorgfältig unter unser magisches Gewand. Gut, gut, er thut es kühn und offen, und gerne will ich sehen, wie wir beide zusammengehen mögen. Eins nur wünsch' ich, er hätte gethan, wovon er so viel gesprochen hat, und davon geschwiegen.

Abbassa. Bruder, sende schnell den Mann in seine Einsamkeit zurück.

Haroun. Ohne ihn erprobt zu haben? Und warum?

Abbassa. Weil es eben so schädlich für den Regenten ist, sich für einen Menschen, und sei es auch um der ausgezeichnetsten Tugend willen, zu feurig und rasch zu interessiren, als dieser Tugend mit zu scharfen Blicken nachzuforschen. Mensch muß er dann doch bleiben, wenn wir mit ihm leben, ihn ertragen sollen. Wie leicht macht der Späher Fehler zu Tugenden und Tugenden zu Fehlern. Du weißt, wem ich hier nachspreche.

Haroun. Vortrefflich, Listige! Doch höre – und zwar abermals ein Gleichniß – nenne es, wie du willst. Nimm an, ein Zauberer, eine Fee, ein Geist brächte dir einen Wunderstein – groß und glänzend, wie der Morgenstern uns erscheint – dieser Wunderstein – enthielte einen Talisman – und der Zauberer oder Geist sagte zu dir: Schönste der Sterblichen! dieser Stein hier hat seines Gleichen nicht auf Erden, und dir nur, als der Würdigsten durch Geist und Reiz, bestimm' ich ihn; doch wisse, sobald du dich damit schmückest, und dies mußt du, wenn du ihn annimmst, wird sein magischer Glanz durch den Talisman, den er in sich enthält, die Augen der Menschen so an sich ziehen, daß er deine eigne Schönheit verdunkeln wird, daß man die glückliche Besitzerin des einzigen Kleinods nicht mehr vor dem Glanze des Kleinods bemerken wird. Würdest du ihn annehmen – ihn tragen wollen?

Abbassa. Entsetzliche Frage an ein Frauenzimmer! Und noch dabei so ernst und rasch gethan! Gleichwohl erfordert die Antwort des Nachsinnens sehr viel – (Eine Pause) – Nun sieh – ich – ja, ich würde ihn annehmen, ihn tragen, wenn er alle Die, welche mich damit geschmückt sähen, glücklich machte.

Haroun (aufstehend und heftig). Und ich – ich würde ihn zerschlagen.

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