Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Maximilian Klinger >

Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 30
Quellenangabe
pfad/klinger/giafar1/giafar1.xml
typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090201
projectida4e000f4
Schließen

Navigation:

4.

Der Khalife saß mit seiner geliebten Schwester Abbassa in der Kühle der Abendluft, als Khozaima sich anmelden ließ, um ihn von Giafars Ankunft zu benachrichtigen. Heiter rief er ihm entgegen: Das Geschrei der Bagdaner hat mir laut verkündigt, was du mir sagen willst. Ich freute mich, eine Wahl getroffen zu haben, die Denen so wohl gefällt, deren Schicksal davon abhängt. Wie fandest du den Mann? Wie benahm er sich? Was sagte er? Kaum erinnere ich mich seiner noch.

Khozaima. Herr der Gläubigen, nur er scheint mir der Mann deines großen Reichs zu sein, der es verdient, deinen Ruhm, deine großen Thaten und dein erhabenes Geschäft, Asiens Völker zu beglücken, mit dir zu theilen. Ein Derwisch kann nicht demüthiger, der Khalife nicht stolzer sein. –

Haroun. Verstehst du den Mann, Geliebte?

Khozaima. Auf seine Tugend meine ich, Herr! Ich traf ihn eine halbe Tagereise von Bagdad an, und hätte mir seine Miene so düster erhaben, so denkend schön nicht angezeigt, er müßte der Mann sein, den du zum ersten Platz nach dir berufen hast, so hätte ich ihn, nach seinem Aeußern, nur für einen seiner Diener halten müssen. Aber als er sprach – bei deinem Glanze, alle Geister der Barmeciden wohnen in des Mannes Busen! Frei und kühn, unabhängig kühn; auf seiner innern Stärke ruhend, wie die Pyramiden, die du am Nil bewundert hast. Ich erschrack und begriff nicht, wo dies hinaus wollte. Verzeihe, Herr, ob ich gleich weiß, daß oft der erste Anblick täuscht, so fühlte ich doch in dem Augenblick die höchste Bewunderung, als er mich dadurch erschütterte, daß er mir geflissentlich, oder zufällig, meine ganze Nichtigkeit mit edler Kühnheit fühlbar machte.

Khozaima sah, daß ihm Haroun sehr aufmerksam zuhörte, und da dieser ihm mit der Hand bedeutete, fortzufahren, so gehorchte er schnell dem willkommenen Befehl.

Nachdem ich ihm deine hohe Botschaft überbracht hatte, die er mit Ernst und Würde annahm, sah er mich an, als wollte er meinem Geiste abfragen, wer der Mann sei, der vor ihm stände. Ich nannte mich, und da er nichts von Dem zu wissen schien, was doch alle deine Unterthanen wissen, so sagte ich ihm, was er doch erfahren muß. Ich hoffe, Khozaima, war seine Antwort, des Khalifen Regierung wird die schwarze That überglänzen, wodurch Hadi's Schicksal so rasch entschieden ward. Haben solche Absichten deine Hand geleitet, so rechtfertigt auch wohl dich das Glück der Millionen, das du durch diese That befördert hast. Beim Propheten, ich mußte mich vor dem sonderbaren Mann vertheidigen, daß ich eine That gewagt habe, die mir nicht ziemt, dir ins Gedächtniß zurückzurufen. Gut, daß deine erhabene Mutter nun in Damas ist, sonst würde auch sie dem strengen Richter Rede stehen müssen.

Abbassa lächelte, und Haroun, der ernsthaft vor sich hinblickte, heiterte sich plötzlich an ihrem sanften Lächeln auf. Er sah nach Khozaima und bemerkte einen Zug innerer Zufriedenheit über die Wirkung seiner Worte um seinen Mund.

Haroun. Mit Recht, guter Khozaima, nennst du ihn einen sonderbaren Mann. Freilich ist dies nicht die Aufführung eines Hofmanns, daß er dich, den ausgelerntesten, so rasch und rauh zur Selbsterkenntniß bringen wollte; dich, der so geschäftig, sich ihm wichtig und bekannt zu machen, von seinen Thaten spricht, die immer besser in dem Munde des Dritten klingen; Giafar ist also ein schlechter Höfling; doch ich habe noch nicht vergessen, daß ich ihn zum ersten Diener der Gerechtigkeit bestimmt habe.

Khozaima verbeugte sich tief.

Haroun. Nun weiter; wie benahm er sich beim Zuruf des Volks?

Khozaima. Ich sah Thränen in seinen Augen. Sein Haupt sank gedankenvoll gegen seine Brust.

Halroun. Du träumst! Du schwärmst! Wie? er wuchs nicht höher auf seinem Thier? Meine Gnade, die Wirkung davon machte ihn nicht stolzer? Er fühlte seine Wichtigkeit nicht? Bemerkte die Höhe nicht, worauf ihn ein einziges meiner Worte gestellt hat?

Khozaima. Es scheint, er ist und will nur groß durch sich sein, uns allein merkbar machen, daß ihn nichts größer machen kann, als er sich denkt und fühlt. Nur bei dem Anblick seiner Verwandten lächelte er, und da segnete er dich. Nicht die Pracht seines Palasts, nicht der Glanz des Goldes, nicht die Wiedereinsetzung in seine Güter rührten ihn. Für alles Dies vernahm ich keinen Dank: es schien, ich weiß nicht, über oder unter seinem Danke. Nie habe ich einen demüthigern, nie einen stolzern Mann gesehen; doch bewundern muß ich ihn, bis ich ihn begreife, bis ich weiß, was er dadurch sucht, was in ihm erkünstelt und natürlich ist. Ich wünsche deinem Volke Glück mit ihm; um seine Gunst will ich mich bewerben. Durch mich läßt er den Herrn der Gläubigen bloß fragen, wann er vor ihm erscheinen soll.

Haroun winkte ihm, sich zu entfernen. – Gedankenvoll ging der Khalife auf und nieder, denn obgleich sein Herz voller männlichen Tugenden war, so stieß sich doch der Herrscher an denen, die kein Herrscher an seinen Dienern gerne bemerkt: der Kühnheit, Unabhängigkeit des Geistes. Ihn dünkte, Giafar habe ihm durch sein Betragen mit Khozaima eben diese vorzüglich fühlbar machen wollen. Die Worte des Hofmanns: » er scheint mir allein der Mann zu sein, der es verdient, deinen Ruhm, das Geschäft, deine Völker zu beglücken, mit dir zu theilen,« klangen noch immer in seinem Ohr. Ein Gedanke schoß schnell durch seinen Geist: die Tugend des Dieners muß durch den Khalifen glänzen, nicht die Tugend des Khalifen durch den Diener. Er wandte sich zu seiner Schwester:

»Geliebte, was hältst du von dem Manne, den uns der listige Khozaima mit so vielem Pomp ankündigt?«

Abbassa. Bruder, den Mann, welchen der Hofmann mit so vielem Pomp ankündigt, den fürchtet er, dem sucht er zu schaden. Ich bin neugierig, diesen Barmeciden zu hören und zu sehen. Ich liebe ein Geschlecht, das vor grauer Zeit einst dieses Land beherrschte und sich nun, seines Ursprungs ganz vergessend, bloß durch Tugend auszeichnend, zwischen den Thron des Khalifen und das Volk hinstellt, gleich wach und sorgsam für beider Rechte. Wie ich gehört habe, haben seine Vorfahren viel darüber erlitten, und auch dies war meinem Bruder vorbehalten, die Tugend aller in ihrem Enkel zu belohnen. Unser Bruder Hadi fürchtete die Barmeciden, weil er so tief sich unter ihnen fühlte; aber Haroun ist nicht durch seinen Rang allein der Erste seiner Völker. – Doch du hörst mich nicht und lächelst mit dir selbst.

Haroun. Ich lächle über diesen Khozaima, über die Wichtigkeit, die er diesem Manne beizulegen sucht. Weiß er nicht, daß der Menschen Tugenden nur Das sind, was wir sie gelten lassen!

Äbbassa. Bruder! Haroun. Haroun! Haroun! Liebe! und sieh, unter Haroun soll ihr Preis hoch steigen, nur ihm wird er erworben. Jeden Sieg, den ich erfochten habe, erfocht ich durch die Schwerter meiner Treuen: doch ist er mein, weil mein Geist ihre Schwerter leitete. So flecht' ich mir den Kranz des Ruhms aus den Tugenden meiner Diener; denn ich bin es, der sie ausfindet, thätig macht, sie zu großen Thaten spornt und große Thaten gern belohnt. Sie alle sterben, verschwinden mit ihrem Namen und lassen mir, dem Einzigen, ihren Ruhm zur Erbschaft. Und diese, nur diese Erbschaft und dich will ich mit Keinem theilen. – Gold, Herrlichkeit und Pracht, so viel er will, nur keins von diesen muß er mir berühren wollen. – Ich verstehe diesen Blick, Abbassa! sei unbesorgt – freilich, der große Mann, der keines seines Gleichen um sich leiden kann, gesteht Dem, den er vermeidet, schon den Vorzug ein, und der Fürst, der Leute von Verstand, Muth und Tugend scheut, beweist der Welt, daß er seinen Werth nur dem Glanze des Thrones verdankt. Ist es so recht? Nun wohl, der Barmecide soll mir willkommen sein, wenn er Das ist, wofür er sich ausgibt, und ob er es ist, werden dies nicht mein und dein scharfer Blick ergründen?

Nach einer Pause, während welcher ihn die Prinzessin mit einiger Verwunderung ansah, fuhr er fort:

So weit ich die Menschen kenne, ist keiner so gut, als er sich darzustellen sucht, und keiner so schlecht, als ihn die Zunge des Neids und der Bosheit macht; aber Tugenden, welche sich so laut und schreiend ankündigen, müssen sich durch Proben erst erweisen.

Abbassa. Sonderbar, daß ich meinen Bruder zum erstenmal nicht ganz verstehe, daß, so viel Sinn auch in Dem, was er sagt, zu liegen scheint, ich doch den Sinn seines innern Sinnes nicht fasse.

Haroun. Den Sinn des innern Sinns, Spötterin! Gut, spiele nur mit Worten: hier hast du ihn klar. Wenn dir ein Kaufmann aus Indien einen Edelstein anbietet und ihn, als vom reinsten Wasser, anpreist, untersuchst du ihn nicht bei jedem Lichte, ob er seine falschen Strahlen spielt? Mit dem, den er dir als gewöhnliche Waare anbietet, der nur dazu dienen soll, den Werth des andern durch seinen mindern zu erheben, nimmst du's nicht so genau –

Abassa. Und so –

Haroun. Und so wie du es mit den Steinen machst, so mache ich's mit den Menschen und erfreue mich des Kaufs, wenn die Waare Dem entspricht, wofür sie ausgegeben worden ist; aber am Lichte muß sie besehen werden können. Dies nun ist der Sinn des innern Sinns!

Abassa. Verzeih mir, Bruder, wenn es der Thron der Khalifen ist, der dich so kaufmännisch gesinnt gegen die Menschen gemacht hat, so führst du nach deinen öftern Aeußerungen einen sehr unsichern Handel. Dein Gleichniß ist übrigens mehr witzig, als wahr; denn sieh, mein Stein kann an seinem Werthe durch die Probe nichts verlieren. Fühlt er doch mein Mißtrauen nicht! Kann er doch nicht ahnen, daß ich ihn für einen Betrüger halte! Und wenn er dieses könnte; wer steht mir dafür, daß die Beleidigung seinen reinen Glanz nicht düster färbte? In diesem Fall würde ich bedauern, eine kostbare Seltenheit zu einem gewöhnlichen Ding gemacht zu haben.

Haroun. Beim Propheten, so wahr und fein, als schön gedacht, und dies kann nur meine Schwester.

Abassa. Die gerne das Lob anhört, das sich der Lehrer in der Schülerin gibt.

Haroun. So küß' ich meine kleine Schülerin und wünsche –

Abassa. Was?

Haroun. Daß ich ihr nie einen andern Namen geben müßte.

Abassa. Ist Bruder und Schwester nicht zärtlicher!

Haroun. Kälter – zärtlich –

Abassa. Haroun –

Haroun. Ich höre, Abbassa –

Abbassa. Doch nur mit dem Ohr.

 << Kapitel 29  Kapitel 31 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.