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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3.

Mit solchen Gesinnungen, unter solcher Marter des Geistes begab sich nun Giafar an den Euphrat und kaufte an dessen Ufern in einem wilden entfernten Striche eine große Strecke Landes. Jeder Wirthschaftsverständige wird Giafarn für einen Thoren halten, wenn ich sage, daß in dem Bezirk, den er gekauft hatte, die Natur erst vor kurzem aus dem Chaos hervorgedrungen zu sein schien. Der urbaren Felder waren so wenige, daß sie kaum seine Familie nähren konnten, hingegen waren Wald, Felsen, Gebüsche, Höhlen, Schlünde, Abgründe, Berg und Thal so graus, wild phantastisch unter einander geworfen, daß das Auge nirgends ein Ganzes fassen und die Seele sich überall, wie in einen engen, schaudervollen Zauberkreis eingeschlossen fühlte. Er ließ auf der mittlern Höhe ein geräumiges Haus für seine Familie bauen und für sich einen kleinen Pavillon zwischen die höchsten Felsen einklemmen, von dessen Dache er auf eine nach dem Flusse sich senkende Klippe steigen konnte. Nur hier hatte er einen weiten Horizont vor sich, den das weit entfernte Gebirge unterbrach.

Die wilden, verworrenen und düstern Gegenstände der Natur beschäftigten eine Zeitlang seine kranke Phantasie, und er gefiel sich in dem Schaudervollen, ohne doch das Erhabene zu fühlen, das in diesen kräftigen Auswürfen der jungen, von keines Menschen Hand unterjochten Natur lag. Dieser Ort schien ihm der schicklichste Aufenthalt für seinen Geist zu sein, und die Bilder, die seine Einbildungskraft aus diesem Chaos zog, schmolzen so schnell mit seiner Erfahrung aus der Welt in einander, daß er in dieser wilden Masse das verworrne, unfaßliche Ganze im Kleinen vor sich zu haben glaubte. Sein innerer Zustand ward bald noch schlimmer, da nun seine von großen und düstern Gegenständen erfüllte Phantasie Alles über die wirklichen Grenzen hinüberrückte. Er kroch zwischen den Felsen herum, wie ein gebannter Geist, und noch wäre es ein Glück für ihn gewesen, wenn er den Kampf bloß mit seinen Kräften auszufechten gehabt hätte. Die Ruhe, die Einsamkeit, die Entfernung von den moralischen Zerrüttungen der Gesellschaft, die er, sein Inneres ausgenommen, überall zu sehen glaubte, hätten vielleicht sein wundes Gefühl geheilt; aber Langeweile und Begierde, zu wissen, trieben ihn zu den Büchern seines Vaters. Er durchblätterte die Weisen, Geschichtsschreiber, die Lehrbücher seiner und andrer Religionen und wollte nun durch sie die Räthsel enthüllen, an deren Auflösung er für sich zu verzweifeln anfing. Alles, was er dabei gewann, waren noch giftigere Zweifel, Erweiterung seiner Einbildungskraft über das Vermögen des Verstandes, und ängstliches, fruchtloses Bestreben, das Unfaßliche zu denken und zu begreifen. Der Wahn trug ein lockres Gebäude nach dem andern zusammen, neue Zweifel zertrümmerten sie im Werden, bis sich endlich diese unermüdete Anstrengung in Gleichgültigkeit gegen Alles, Kälte und philosophische Apathie endigte, die nur Murren über die Beschränktheit der Kräfte des Menschen unterbrach. Entstand vorher sein Unwillen aus Güte des Herzens, aus Mitleiden, das er für die Geplagten empfand, so entsprang er nun aus einer unreinen Quelle, aus seinem beleidigten Stolze, das nicht ergründen zu können, wozu ihn sein heller Verstand und seine rastlose Anstrengung zu berechtigen schienen. Ehemals litt er und vergoß Thränen bei dem Leiden der Einzelnen, verlor das Ganze aus den Augen, und jetzt, da er das Ganze umspannen wollte, achtete er des Einzelnen nicht. Seine traurigen Nachforschungen trockneten sein Herz auf, ihm lächelte die Sonne nicht, kein goldnes Abendroth entzückte ihn mehr, und kein Vogel sang ihm Töne der Liebe. Kein Bach murmelte für ihn und lud seinen Geist zu sanfter Ruhe ein. Der hellgestirnte Himmel, der silberne Schein des Monds, die Ruhe der Natur rührten seine Seele nicht; er sah in Allem nur Täuschung, Genuß der Einbildung für wirkliche Qual. So nutzte er nun die Wissenschaften als Waffen, Krieg mit dem Urheber der Dinge zu führen, und bevölkerte Erde und Himmel mit Mißgeburten, die er mit den verschiednen Systemen der Weisen zeugte. Auch erntete er bald die übrigen gefährlichen Früchte der Einsamkeit und des tiefen Nachdenkens über den Menschen und seine Bestimmung in vollem Maße ein. Er sah sich auf einmal für ein besondres und höheres Wesen in Vergleichung aller andrer Menschen an, fand nun in seiner Natur und in seiner erhabenen moralischen Stimmung den Grund, warum er sich nicht mit ihnen vermischen konnte. Es dünkte ihm wohlgethan zu sein, daß er sich von einer durch niedrige Leidenschaften getriebenen wilden Heerde entfernt hätte, die ihn nicht fassen könnte und seine aus feinerem Stoffe gebildete Seele nur verunreinigen würde. So bläht Wahn den Denker noch dann oft auf, wenn er auch mit bittrem Unwillen fühlt, sein ganzes Wissen sei nichts anders, als Vermehrung seines Sprachvorraths, wodurch er Dinge benennen lernt, die seinem Ohr zwar Schall sind, aber seinem Geiste nie Wesen werden. Da nun der Stolz die Wage hielt, worauf sich Giafar gegen Andere abwog, so spannte er endlich sein Selbst zu einem so hohen Ideal von Tugend hinauf, daß entweder seine Natur zertrümmern, oder seine Seele zu dem wildesten Kampfplatz dieser sich widersprechenden Dinge werden mußte. Als er noch allein ging und seine Gedanken aus seinen eigenen Empfindungen flossen, war er wenigstens bescheiden und seufzte über das Elend, das er nicht hindern konnte; jetzt aber, da er bei den Weisen in die Schule gegangen war, floh diese schöne Tugend von ihm, und er glaubte sich durch das, was er aufgefaßt hatte, berechtigt, den Himmel zu mustern und, vermöge der Geschichte und seiner Erfahrung, das Menschengeschlecht zu verdammen.

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