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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 29
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3.

Als Giafar noch eine Tagereise von Bagdad entfernt war, schickte ihm Haroun Khozaima einen seiner vornehmsten Höflinge entgegen, ihn zu bewillkommnen und in den ihm bestimmten Palast einzuführen. Diesem Khozaima hatte der Khalife die glückliche Wendung seines Schicksals zu danken. Lange war er der innigste Vertraute des Khalifen Hadi, der Beförderer seiner Thorheiten, Ausschweifungen und Ungerechtigkeiten; aber plötzlich erweckten das allgemeine Mißvergnügen der Großen, die empörenden Aeußerungen des Volks, die Anhänglichkeit Aller an Haroun seine Furcht. Da nun Hadi ihm um diese Zeit einen neuen aus dem Staube gezogenen Günstling vorzuziehen schien, so nannte er seine Furcht Eifer fürs allgemeine Beste und sann auf Mittel, wie er sich dem Nachfolger durch einen wichtigen Dienst empfehlen möchte. Hadi selbst beförderte seine Absicht. Er war, trotz der Anordnungen seines Vaters, entschlossen, seinen Bruder Haroun von der Thronfolge auszuschließen und sie seinem Sohne zu verschaffen. Um dieses sicher zu bewirken, mußte Haroun sterben. Er trug Khozaima die Ausführung eines Entwurfs auf, der so fein und sicher ausgedacht war, daß Haroun, bei aller seiner Vorsicht, hätte unterliegen müssen. Khozaima schwor bei dem Haupte des Khalifen, Haroun sollte durch seine Hand sterben. Noch dieselbe Nacht machte er die Mutter des Khalifen mit der Gefahr ihres zweiten Sohnes bekannt. Er sprach zu der Angstvollen von seinem Hasse gegen den ungerechten Khalifen, seiner Liebe zu dem großen, edlen Haroun und bewies ihr, es sei kein anderes Mittel, ihn zu retten, als eine schnelle, rasche That. Hadi ward in seiner Mutter Harem vergiftet, und Khozaima zwang durch Furcht vor nahem Tod seinen Sohn, dem ausgerufenen Khalifen Haroun in Gegenwart der Großen den Eid der Treue zu schwören. Der Dienst war groß, und da er noch nicht sehr lange her geleistet worden, selbst am Hofe nicht ganz vergessen.

Khozaima ergrimmte in seinem Innern, als er von dem Khalifen vernahm, er habe Giafarn aus seiner Einsamkeit zur ersten Stelle des Reichs gerufen; aber mit freudigem Lächeln, mit gebeugtem Knie dankte er ihm, daß er das große Geschlecht der Barmeciden zum Glanze seines Throns, zum Glück seiner Völker wieder aus dem Staube emporzuheben gesonnen sei. »Furcht vor ihrem Ursprung, vor ihrer Größe, ihrem Einfluß auf das Volk,« setzte er hinzu, »nöthigten deinen Bruder, die Barmeciden zu entfernen; doch du, Herr, der du an Größe des Geistes, Tapferkeit, Weisheit und Gerechtigkeit alle deine Vorfahren übertriffst, hast die Vergleichung nicht zu fürchten.«

Haroun antwortete kalt: der große Khalife Omar vergebe dir. Weißt du, warum mein Bruder Giafars Vater erdrosseln ließ? – Er würde noch heute leben, wenn er meinen Bruder auf seine Gefahr nicht abgehalten hätte, mich zu ermorden. Ich war damals an seinem Hofe ohne Argwohn, ohne bewaffnete Freunde, wie leicht wäre es ihm gewesen, mich zu tödten oder mich durch meines Bruders Sturz zu retten? Das Schicksal hatte dir es vorbehalten, und dir danke ich, was du gethan hast; ihm danke ich, was er unterlassen hat.

Khozaima stand da, als dächte er dem Sinne der letzten Worte nach; Haroun schlug ihm leise auf die Schulter, lächelte und fuhr fort: Wir, die wir über Menschen herrschen, brauchen Menschen verschiedener Art, achten jeden nach Dem, wodurch er sich hervorthut. So stellen wir den Verschlagenen und Kühnen gegen unsere Feinde, weil wir sie vernichten wollen; dem Volke setzen wir Männer entgegengesetzter Art vor, weil wir es erhalten wollen. Dir, Khozaima, übergebe ich, wenn es Noth thut, das Schwert gegen meine Feinde, ihm die Wage der Gerechtigkeit und richte jeden von euch nur nach seinen Thaten.

Khozaima nahte nun Giafarn mit eben den Gesinnungen, mit welchen jeder begünstigte Höfling dem neuen Minister naht. In dem Augenblick, da er um seine Gunst buhlt, forschet er nach seiner Stärke und Schwäche, schmeichelt dieser mit glatter Zunge, während er in seinem Herzen Gift zu den Farben mischt, mit welchen er jene zu schildern denkt. Demüthig, ehrfurchtsvoll, freundlich und lauschend auf Miene, Stellung und Worte nahte Khozaima dem Barmeciden. Er fand ihn eine halbe Tagreise von Bagdad, bei einem frugalen Mahl, schlecht gekleidet, achtlos auf seine Ergießungen und so einfach in Worten und Geberden, daß er des gewählten Großvizirs gelacht hätte, wenn ihm nicht sein hoher Ernst, seine gedankenvolle Stirne, seine feurigen Augen, der feine und durchdringende Blick der Beobachtung bedeutet hätten, er stände vor einem Manne, welcher der Leute, wie er sich fühlte, mehr gesehen; der sich seines Werths bewußt, ihn nicht in die äußern Zeichen setzte, die der Wahn erfunden hat, unsere Nacktheit zu verbergen. Giafar nahm mit tiefer Achtung, mit Würde und Anstand des Khalifen Grüße an, und als ihm Khozaima durch eine feine Wendung zu verstehen gab, was er zur geschehenen Staatsveränderung beigetragen habe, antwortete er mit kaltem Ernste: als ich den Hof des Khalifen Hadi verließ, warst du sein Busenfreund; ich hoffe nun, Khozaima, des Khalifen Harouns Regierung wird die That überglänzen, wodurch Hadi's Schicksal entschieden ward. Und wenn Absichten dieser Art deine Hand geleitet haben, so rechtfertigt wohl auch dich das Glück der Millionen, das dadurch befördert ward.

Da der Alles vorsehende Hofmann doch auf diesen graden Ausfall nicht vorbereitet war, so fuhr er zurück, nahte aber gleich wieder, lächelnd:

Daran zu zweifeln, ob der Khalife diese deine Hoffnungen erfüllen würde, wäre ein Verbrechen, dessen sich nur der schuldig machen kann, der ihn nicht kennt. Harouns Muth setzte und erhielt seinen Bruder auf dem Thron, zum Lohn wollte er ihn ermorden – doch wohin verleitet mich meine Verlegenheit? Beim Propheten, ich hätte nicht geglaubt, daß ich, der Abgesandte des Khalifen an seinen Diener, heute eine Handlung vertheidigen müßte, welcher der Khalife Thron und Leben dankt, und die zu gleicher Zeit den Tod deines gerechten Vaters rächte! Ich rathe dir, den Beherrscher der Gläubigen darüber zur Rede zu setzen.

Giafar. Wir verstehen uns nicht ganz. Du wolltest mich, wenn ich anders dich begreife, durch Berührung dieser That von deiner Wichtigkeit überzeugen, und darum legte ich sie dir, nicht dem Khalifen, näher. Warum sollte ich dem Khalifen verschweigen, was ich dir sagte? Für die Rache meines Vaters kann ich dir nicht danken; diese kommt nur mir zu; und wenn ich ihm einst gleiche, bin ich gerächt genug.

Khozaima. Nun verstehe ich dich nicht.

Giafar. So wird es der Khalife.

Sie begaben sich auf den Weg. Khozaima sprach viel von dem Hofe, den Hauptpersonen desselben, ihren Verhältnissen, aber er konnte Giafars Aufmerksamkeit nicht fesseln. Als sie in Bagdad ankamen, strömte ihnen das Volk entgegen und schrie: »Gruß und Friede dem Sohn des edlen Josiah Saffahs! dem edlen Barmeciden!« Giafars Herz schlug bei diesem Freudengeschrei, und sein Traum malte sich in seinem ganzen Umfang vor seinem Geiste. Stärker, beklommen schlug sein Herz, da er über den Markt hinzog, wo er im Gesichte als Richter saß. »Ahmet! Ahmet!« lispelte er leise: »ich danke dir für die Warnung! Tief fühle ich den ganzen Umfang der Pflichten, deren Erfüllung dieses Volk mit Recht von dem Mann erwartet, dessen Name durch die Tugend seiner Vorfahren geheiligt ist. Ich will ihn so rein erhalten, als sie mir ihn überliefert haben!«

Khozaima beobachtete ihn genau während des Zugs, und ergrimmte er über das Freudengeschrei der Bagdaner, so ergrimmte er noch mehr über die Art, wie es Giafar aufnahm, denn die Regungen seines Herzens, die sich in seinen von sanften Thränen glänzenden Augen zeigten, ließen ihn merken, daß er die Hoffnungen des jauchzenden Volks zu erfüllen hoffte. Er führte ihn in den für ihn zugerichteten Palast. Giafars Brüder und Verwandte, die Haroun alle aus der Verbannung zurückgerufen hatte, empfingen ihn an der Pforte. Er umarmte jeden von ihnen, segnete den Khalifen und überließ sich der Freude des Wiedersehens. Der Palast war aufs prächtigste ausgeschmückt. Die Diener und Verschnittenen zeigten ihm die Reichthümer – öffneten Zimmer voll prächtiger Gewänder, einen Kasten voll Gold, deuteten auf seinen großen, blühenden Garten, und Khozaima übergab ihm die Wiedereinsetzung in seine väterlichen Güter. Giafar sah kalt über das Gold und die Pracht hin und verschloß sich mit seinen Brüdern und Verwandten.

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