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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 28
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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2.

Giafar rüstete sich mit seiner Familie zur Reise, übergab sein Gut einem armen Nachbar und warf am letzten Abend seine ganze Büchersammlung in die Flamme. Lächelnd sah er sie zu Asche werden; ihn dünkte, alle die in ihnen verschloßnen bösen Geister führen nun zürnend heraus, daß sie ihn ferner nicht mehr quälen könnten. Er schüttete die Asche in den Euphrat und rief: »Werde sammt meinen Zweifeln in das Weltmeer getrieben und kehre dann nur mit ihnen zurück, wenn der Fluß, der dich dahinreiht, sich gegen seinen Strom wendet!«

Den folgenden Morgen begab er sich unter der glänzenden Begleitung der Abgesandten Harouns auf den Weg nach Bagdad, wo der Khalife sein Hoflager hielt.

Um zu wissen, wie sich ein Mann benehmen wird, den ein mächtiger Fürst der Erde unerwartet zu einem hohen Posten berufen hat, muß man genau auf die ersten Bewegungen seiner Seele lauern; seine Aeußerungen behorchen, bevor er Zeit findet, nach der Maske der Verstellungen zu greifen und seine feurigen Wünsche, kühnen Hoffnungen, frohen Aussichten, plötzlich entsprungenen Entwürfe in das Innerste seines Herzens zurückzuziehen. Man muß aufmerken, wie er die Glückwünsche der vermeinten und wirklichen Neider, der über und unter ihm Stehenden annimmt, was er für sich, seine Angehörigen für Anstalten macht, wie sich diese gegen Andere benehmen; aus welchen Beobachtungen sich dann mit vieler Gewißheit bestimmen läßt: ob sich der Fürst und das Land des Berufenen zu erfreuen haben werden. Ist nun dieser Fürst einer der größten der Erde, welch eine Probe für das Herz und den Verstand! da die Lieblingsneigungen des Menschen, Eitelkeit, Stolz, Wahn, Gold- und Herrschbegierde auf einmal so rasch den Damm überspringen können, der sie bisher eingeengt hat. Schrieben wir Satiren, so würden wir hier einen Finanzminister anführen, der beim Antritt seines Postens in einem sehr verschuldeten Reiche (wie bekannt die ergiebigsten für den Finanzminister) eine große Summe von einer Gesellschaft Kaufleute borgte und sie bald darauf mit einem ausschließenden Handelszweig bezahlte; einen Staatsminister, der, um sich auf seine Rolle vorzubereiten, in dem ersten Augenblick seiner Erhebung ein heilig gegebenes Wort seinem Freunde brach, mit der Entschuldigung, die Verpflichtungen der Großen hatten keinen Maßstab und bänden nur nach ihrem Vortheil; einen Schriftsteller, der die Zuschrift seines neuesten Werks an seinen Wohlthäter zerriß, weil er ihn, nach erhaltener Beförderung, nicht mehr brauchte und die Welt nicht daran erinnern wollte, was er ihm schuldig sei. Giafar wußte von Diesem allen nichts. Er saß auf seinem Pferde und schien mehr zu träumen, als zu denken. Stiegen auch Wünsche in seinem Herzen auf, so betrafen sie nicht ihn; machte er Entwürfe, so knüpfte er sie nicht an den unreinen Faden des Eigennutzes: dachte er des Fürsten, zu dem er zog, so wünschte er ihn weise, gerecht und menschlich; gleichgültig gegen sein eignes Loos, wünschte er nur, daß er ihm wenigstens erlauben möchte, jenes sein zu dürfen. Das Vergangene beschäftigte ihn mehr als das Zukünftige. Er durchlief die Geschichte seines Vaters, seines Hauses, der Regierung der Khalifen bis auf den letztermordeten; und fand nach allen seinen Betrachtungen nichts wunderbarer, als sich nun auf dem Wege zu sehen, die Zahl der verunglückten Werkzeuge nach aller Wahrscheinlichkeit zu vermehren. Diese Betrachtungen schlugen ihn indessen nicht nieder. Der Gedanke, die Gefahr für gewiß zu nehmen, sie nie um seinetwillen zu scheuen, siegte über jede düstre Vorstellung. Des vermeinten Ahmets Lehren drangen immer tiefer in sein Herz, und er faßte nun einen Entschluß, der über diese Lehren ging: sie vorzüglich an sich selbst zu proben und ihren Erfolg mehr von sich, als von der Welt und Andern zu erwarten. »Es sind Menschen, zu denen ich wandere,« rief er; »und ich bin ein Mensch! Ein Mensch, der in Kurzem von einem Menschen abhängen muß, und zwar von einem, der die Kraft und den Willen vieler Millionen lenkt! Dessen Athem das Glück und Unglück dieser Millionen bestimmt! Es sei; kann ich die Menschen nicht anders machen, als sie sind, so kann ich doch vermeiden, ihnen in Dem zu gleichen, worüber ich sie tadele. Reicht meine Kraft nicht hin, so auf sie zu wirken, wie ich wünsche, so reicht sie doch dahin, meinen Willen durch die Vernunft zu dem Wirken zu bestimmen, das sie mir verstatten. Klar fühle ich, daß das Gute und Böse unser Werk ist, daß es aus der Einrichtung der Gesellschaft, aus unsern Handlungen gegen die Gesellschaft fließt; daß Der, welcher seine Pflicht dem moralischen Gesetz gemäß erfüllen will, Furcht, Eigennutz, Selbstsucht überwinden und nur aufs allgemeine Beste blicken muß.«

Seine Mutter bemerkte mit innigstem Wohlgefallen seine Ruhe und segnete die Stunde, die ihn von dem düstern, gefährlichen Trübsinn geheilt hatte. An dem festen, gleichen Sinn, womit er alle schmeichelnde Ehrenbezeugungen annahm, erkannte sie ihren edlen Gemahl, und sie würde sich diesem angenehmen Traum mit Freuden überlassen haben, wenn sie nicht gefühlt hätte, daß er durch eben diese Gleichheit in Gesinnung und Betragen der nämlichen Gefahr entgegenging. Fatime hing voll unschuldiger Zärtlichkeit, voll süßer Erwartung an seinen Augen und erheiterte seinen tiefen Ernst. In ihr sah und hoffte er nur den gewissen Genuß, glücklich zu machen und glücklich zu werden. Die Sonne ging ihnen in einem Thale unter, das frisches Grün, schlängelnde Bäche, Pappeln, Cypressen, Myrten und blühende Fruchtbäume schmückten. Der kühle, sanfte Wind, der um Giafars Stirne spielte, verwehte die ernsten Betrachtungen über die Welt und ihre Bewohner. Der Wohlgeruch der Blüthen, das Murmeln der Bäche, das ferne Geräusch einiger Wasserfälle, die von den Hügeln herunterschossen, das magische Spiel der letzten goldnen Strahlen der Sonne in den leise bewegten Wipfeln der Bäume stimmten sein Herz und seine Phantasie zu dem reinen Genuß des Glücks, das ihm so heiter aus den Augen der Geliebten entgegenstrahlte. Still wandelte sie an seiner Seite, und ihre Hand berührte die seine so sanft und leise, wie der Gedanke an ihn ihr Herz. Er lagerte sich mit ihr und der Mutter unter einen blühenden Mandelbaum. Lange sah er dem Spiele des Westes zu, der die Blüthe bald auf Fatimens Nacken, bald auf ihren Busen, bald auf ihren Schooß hauchte. Unschuldig lächelnd blickte sie ihn an, und ihr Herz schien dem seinen zuzulispeln: »warum bist du nicht so glücklich, wie ich!« Er war es in diesem Augenblick, verstand den stillen Wunsch, faßte ihre Hand, drückte sie an seine Brust und Lippen und rief: »Ja, Ahmet, du hast Recht, das Gefühl ist die Quelle unsers Glücks; zur Quelle unsers Elends machen wir es dann nur, wenn üppige, überkünstelte Einbildungskraft und grübelnde Vernunft unser Herz vergiften!«

Ahmet! riefen die Mutter und ihre Nichte: wo ist der wunderbare Mann hingekommen, dem wir so Vieles schuldig sind?

Giafar. Mit Recht nennt ihr ihn wunderbar. Er verschwand, wie er kam, und ich weiß nicht, woher er kam, wohin er entflohen ist. Doch vielleicht umschwebt er uns in dem Augenblick, da wir von ihm reden, vernimmt, was wir von ihm reden.

Mutter. Umschwebt uns? – Giafar – wer war er? – Ein Zauberer – Geist – einer der uns zugetheilten Schutzgeister – eines der Wesen, die, wie der Prophet sagt, zwischen Gott und dem Menschen stehen?

Fatime. Wer er auch sei, ein gutes Wesen ist er gewiß, denn hat er uns nicht von dem Tod errettet?

Giafar erschrack, daß er sich so weit herausgelassen hatte. Die Weiber bemerkten seine Verwirrung und drangen nun um so mehr in ihn. Er sah sie beide mit feierlichem Ernste an und begann: Gut, ich will euch dieses Geheimniß vertrauen. Auch ist es nöthig, meine Mutter, daß du die Gesinnungen ganz kennen lernst, in welchen ich mich jener Klippe nahe. Sehe ich nicht, daß dich meine plötzliche Erhebung so sehr täuscht, daß du gern das schreckliche Ende meines Vaters vergessen möchtest.

Mutter. Vergessen möchte – ihn? Mein Sohn, nur die Bewunderung des edlen Mannes trocknete meine Thränen, und wohl mir, sollte ich je Thränen über dein Schicksal weinen, wenn auch sie dieselben trocknet. Du hast deine Mutter nie gekannt – ihr verlaßt, vergeßt uns, sobald ihr mit den Männern gehen könnt. In der Einsamkeit, worin wir nun lebten, vermiedest du mich; deine Düsternheit, deine Bücher machten dich auf mich und die Menschen achtungslos. Vielleicht wirst du mich näher kennen lernen. Mich täuscht deine Erhebung nicht, und wenn ich mich ihrer freue, so geschieht es darum, weil das Andenken meines Gemahls durch dich wieder aufleben wird, weil ich ihn in dir wieder zu sehen und zu bewundern hoffe.

Giafar. Verzeih, meine Mutter, daß Dünkel mich so weit verblendete, dich lehren zu wollen. Bedurfte ich eines Genius aus jener unbekannten Welt, da mir Jahiah Saffahs Gemahlin zur Seite lebte!

Beide. Eines Genius?

Giafar. Ja, eines Genius, eines Wesens höherer Art. Dies erhellt wenigstens aus Dem, wie er auf mich wirkte, was er mit mir vornahm – wie ich ihn in hellen Flammen verschwinden sah.

Die Weiber rückten ihm näher. Sanft schaudernd drängte sich Fatime an ihn. Die Mutter horchte mit gespannter Aufmerksamkeit, und Giafar erzählte seine geheime Geschichte mit Ahmet, von der Unterredung auf dem Felsen bis zu seinem Erwachen auf dem Sopha. Um Fatime zu schonen, berührte er nur leise, was sie betraf. Furcht, Angst, Schauder und Bewunderung fühlten die Horcherinnen. Nur am Ende athmeten sie aus freier Brust. Fatime saß in tiefem, ehrfurchtsvollem Staunen vor dem Manne, zu dem sich unsterbliche Wesen herunterließen. Der weibliche Sinn der Mutter faßte in gleichem Augenblick dies Gefühl noch höher und sagte laut: »Giafar müßte zu großen Dingen, zur Erfüllung der hohen Zwecke seines Vaters geboren sein, da Wesen der andern Welt ihn unterstützten.« Giafar wollte sich einen Augenblick in dieser Vorstellung gefallen; aber der Schauder, der ihn überfiel, als er Ahmet bei seinem Erwachen erblickte, rauschte kalt durch sein Herz. Ohne diese Empfindung jetzt erklären zu können, ohne der Erklärung nachspüren zu wollen, sprach er: »Mutter, er verschwand und überließ mich meiner Kraft, ohne daß er sich mir zu erkennen gab. Vermuthlich erschien er nur, um sie in mir aufzuwecken. Er sei, wer er wolle, ich fürchte ihn nicht, solange ich so denke und empfinde, wie ich nun thue. Er vernehme meine geheimsten Gedanken und Wünsche, er sei unsichtbarer Zeuge meines Thuns! Erhaben wäre der Gedanke, unter dem Einflusse hoher, mächtiger Wesen zu stehen, wenn er unsre Freiheit nicht beschränkte, unsre natürliche Stärke nicht zermalmte, uns nicht fühlbar machte, wir seien Sklaven der Nothwendigkeit und nur Mittel uns unbekannter Zwecke. Er selbst sagte mir, was du werden willst, mußt du durch dich werden, damit deiner Thaten Lohn dein erworbener Gewinnst sei. Zeigte er mir dadurch nicht, was der Mensch durch seine Kraft vermag? Kommt zur Ruhe; in wenigen Tagen umsaust uns Geräusch, und umsonst werden wir nach solchen Thälern seufzen. Das, was ich euch vertraute, bleib' euch ewig ein Geheimniß; denn leicht mißdeuten die Menschen, was sie nicht begreifen!«

Je näher sie der Residenz des Khalifen kamen, je mehr eilte das Volk hinzu, den Barmeciden zu sehen und zu begrüßen. So zog nun Giafar an den Hof des größten Herrschers in Asien, fest entschlossen, keine Linie von der Gerechtigkeit zu weichen, ein Unternehmen, das, seitdem die Menschen die Erde bebauen und verwüsten, gewöhnlich gleichen Lohn gefunden hat.

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