Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Maximilian Klinger >

Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/klinger/giafar1/giafar1.xml
typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090201
projectida4e000f4
Schließen

Navigation:

Drittes Buch

1.

Satan, der Herrscher der Hölle, saß ernst und düster auf seinem erhabenen, ehernen Throne. Die Mächtigen des dunkeln Reichs standen um ihn herum, wie die Höflinge um einen Fürsten, der eben die Nachricht erhalten hat, seine Kasse sei leer, alle Mittel, sie zu füllen, erschöpft, den Unterthanen weiter nichts mehr zu nehmen, und sein Nachbar, unterrichtet von der Erschöpfung, im Begriff, den besten Theil seiner Staaten an sich zu reißen. Doch war nur das Letzte der Fall Satans. Zum zweitenmal war sein Botschafter am Hofe Karls des Großen mit widrigen Berichten zur Hölle gefahren. Die ersten lauteten: »Karl habe die Sarazenen auf Spaniens Grenzen völlig geschlagen.« Da nun Satan sich immer schmeichelte, die Sarazenen würden die der Hölle so fürchterliche Religion endlich aus Europa, wie aus Afrika und Asia verdrängen, so fuhr er ergrimmt auf; doch lieh er noch diesmal dem Fürsten Moloch sein Ohr, der ihm folgenden Trost zurief:

»Worüber ergrimmst du, Herrscher der Hölle? Haben nicht die Pfaffen und deine Schüler, die Philosophen, ein so scheußliches Gewebe von Unsinn und niedrigem Eigennutze aus dieser uns furchtbaren Religion gemacht, daß keine Spur ihres reinen Ursprungs mehr zu entdecken ist? Laß den Ewigen nun ergrimmen, dessen Wort und Werk seine Ebenbilder und Günstlinge so schändlich verpfuscht haben. Die Hölle kann nur durch die Ausbreitung dieser Pfaffenreligion gewinnen. Auch ich ergrimmte einst, da die Opfer aufhörten, die der weise Salomo an den mir geweihten Altären schlachtete. Doch, bei dem Blute der Säuglinge, das vor meinem Bilde in den Flammen zischend dampfte, ich tröste mich nun wieder, da ich sehe, daß die Söhne des Staubs, welche sich der Ewige durch einen neuen Bund erkauft hat, ihre Brüder zu Tausenden der religiösen Wuth schlachten, die, bei deinem Throne sei es geschworen, weit verderbender ist, als wir alle hier zusammen genommen. Befiehl nur, die Schatten der letzten Jahrhunderte zu mustern, und du wirst für einen Nachfolger Mahomets Tausende Jenes finden, bei dessen Namen die Hölle erbebt.«

Aber anders ward es Satan zu Muthe, als er nun vernahm: Karl habe endlich die Sachsen zur allein seligmachenden Religion mit dem Schwerte bekehrt und die Ueberbliebenen in dem von ihrem Blute gefärbten Flusse getauft. Er warf seinen knotigen Zepter auf den ausgebrannten, hallenden Boden, schüttelte sich auf seinem Throne, daß die Grundfeste des dunkeln, unendlichen Gewölbes erbebte, die Teufel auf dem erschütterten Boden wankten, das Gesindel der Hölle zitternd und heulend niederfiel und die Verdammten in den aufgerührten Pfuhlen fluchten und brüllten. Nur Satan stand unerschüttert – er sah dem Beben der ungeheuren Höhle einen Seigerschlag zu – freuete sich seiner Kraft – setzte sich nieder – streckte seinen Arm aus, und die schwankende Wage stand. Die Mächtigen sahen ihn erstaunt an; aber er dachte als Herrscher bei sich: »Kann es doch nichts schaden, daß ich ihnen zu Zeiten durch den Sinn fahre und ihnen zeige, was ich vermag!«

Schnell hüllte er sein Angesicht wieder in Dunkel, und seine Stimme erscholl nun durch die Hölle, wie wenn der Donner eines zwischen den Alpen gefangenen Gewitters in tausendfachem Wiederhall an den Felsen erschallt. »Soll ich nun wiederum einen Theil meines Reichs verlieren? Sollen alle kräftige Söhne der Natur auf Erden vertilgt werden, und die Hölle sich von nun an bloß mit Sündern füllen, die Mönche und Tyrannen ausgesogen haben? Sollen nur Schattengestalten herunterfahren, und keine Geister mehr, die mir durch genialischen Schwung und jovialische Laune die düstre, einförmige Herrschaft über die Hölle erträglich machen? Soll ich hier auf meinem ehernen Thron sitzen, wie der Abt eines Klosters, der über Bauchpfaffen herrscht? Was! soll die Hölle, einst der Zufluchtsort kühner, kraftvoller, aufrührischer Geister, nun der Aufenthalt des Auswurfs von Menschen werden, deren Verlust der Ewige nicht einmal vermißt?«

Kalt und plump erwiederte Moloch: »Was doch der Zorn für ein wunderliches Ding ist! Selbst der erhabene Satan vergißt seinen Vortheil, wenn ihn der Zorn ergreift. Doch stellt er sich nur so grimmig. – Hörst du denn nicht, daß er sie mit dem Schwerte bekehrt, in ihrem Blute tauft, nach der sanften Art der eifrigen Christen? Bedenke doch nur, was dies Werkzeug des Glaubens auf Die wirkt, gegen die es geführt wird; aus Denen machen muß, die es führen? Laß diese Apostel nur wüthen, Satan; die Hölle öffnet sich den Bekehrern und den Bekehrten, und was ihre künftigen Laster betrifft, so versichere ich dich, du selbst wirst in Verlegenheit sein, sie zu benennen. Ich dächte doch, die Schatten, die zahllos aus dem griechischen Reiche herunterfahren, hätten dich endlich überzeugt, daß diese Christen zu denen dem Menschen eignen Lastern solche neue und originelle gefügt haben, die ihren blöden Vorfahren gänzlich unbekannt waren. Vermutlich werden diese auch nur darum von dem Patriarchen in Konstantinopel und dem Manne, der über die sieben Hügel herrscht, verdammt.«

Obgleich Satan Dies alles faßte und den Vortheil dieses Bekehrungsgeschäfts für die Hölle einsah, so fühlte er doch in diesem Augenblick zu viel als herrschender Fürst, um den Verlust eines ganzen Landes so leicht ertragen zu können. Mit bittrem Grimme dachte er an die Verwüstung seiner Tempel in Sachsens Hainen und verharrte noch immer in seinem düstern Sinne. Schon fingen die Teufel an, des langweiligen Hofzwangs müde zu werden, als Fürst Leviathan wie der Pfeil des Todes hereinfuhr. Da sie ihn erblickten, erhoben sie ein Jubelgeschrei, und Leviathan! Leviathan! erscholl bis in den äußersten Winkel der Hölle.

Satans finstre Stirn heiterte sich auf, da er seinen Liebling so schnell daher fahren sah. Er reichte ihm die Rechte, die Leviathan ehrerbietig küßte. Hierauf zog er ihn sanft zu seinen Füßen und fragte ihn mit melancholischer Freundlichkeit: Hasser, Verderber der Söhne des Staubs, was bringst du aus Asien?

Leviathan. Nicht viel; du weißt, daß, seitdem Mahomet dieses Volk zum Dienst des Ewigen geführt hat, in Asien für die Hölle schlechte Zeiten sind. Doch nur Geduld, die Begeisterung wird sich schon legen! – Puh! willkommen, Dampf der Hölle! Wohl mir, daß ich wieder da bin, wo man Das, was man ist, so ganz ist. Beim Geheul und Winseln der Verdammten, ein Teufel könnte unter den Schwächlingen seine Kraft verlieren, wenn er lange mit ihnen hausen müßte. Indessen höre, was Leviathan gethan hat. Ich kann eben nicht sagen, daß ich stolz darauf bin, doch hoffe ich auf deinen Beifall, wenn Das reift, was ich ausgesäet habe.

(Mit kaltem Stolze.) Es ist nichts weniger, als der gänzliche Umsturz des Hauses der stolzen, uns verhaßten Barmeciden.

Satan und die Teufel riefen erstaunt: Das Haus der Barmeciden?

Leviathan. Ja, das Haus der Barmeciden! der Thoren, die seit Jahrhunderten für das Glück der Menschheit arbeiten, welche die Wunden zu heilen streben, die Asiens Herrscher ihren Sklaven schlagen! Die durch ihr Beispiel und Wirken der Hölle mehr Seelen entrissen haben, als die unsinnigen Kriege der Prälaten in Konstantinopel herunter fördern können! Wir erinnern uns kaum, daß einer dieses Geschlechts herunter gefahren sei, vielleicht daß wir nun diesen erhaschen und dem Geschlechte der Thoren durch ihn ein Ende machen.

Satan. Und Alles, was du gethan hast, läuft auf ein Vielleicht hinaus? Ist dies ein Wort für Leviathan, der nie einen Sterblichen belauscht hat, ohne das Register seiner künftigen Sünden, die Gewißheit seines Falls mitzubringen? Als du begannst, dacht' ich schon, er sei gefallen und Alles mit ihm, was diesen Namen trägt.

Leviathan. Hört es, alle ihr Teufel, ich habe die Erfahrung seit Jahrtausenden gemacht: der Sitz der Undankbarkeit ist ein Thron! – Verzeihe die rasche Aufwallung, Herr, und vernimm, was ich entworfen habe. Durft' ich ihm Gewalt anthun? Durft' ich Dem nahen, um den ich schon so lange in der Ferne vergebens herum schwebte?

Satan. Was? sprichst du nicht von Giafar? Steht der nicht nah an der Grenze meines Reichs, seitdem er sich in die Arme meiner Tochter, der Philosophie, geworfen hat?

Leviathan. Ja, er hat den Zauberbecher des Wissens gekostet, doch noch ferne halten ihn sein thörichtes Herz, seine eiskalte Vernunft von unserm Reiche. Er nagte an dem unauflöslichen Knoten, wie der thörichte Goldmacher an unserm Geheimniß, kämpfte mit den Hirngespinnsten seiner verwilderten Einbildungskraft, strebte, lechzte nach Wahrheit und ertappte, was der Sohn des Staubs immer ertappt, seine Gestalt in Verzerrung. So sah ich eine alte Vettel aus rothen, triefenden Augen nach einem kraftvollen Jüngling blinzen; ich hauchte in ihre vertrocknete Phantasie, sie fühlte sich im Frühling ihres Lebens, da hielt ich ihr schnell einen Spiegel vor, sie spuckte auf das Glas, das ihr die scheußliche, runzlichte Larve zeigte, und watschelte heulend davon. Doch der Mißgriff vermochte nicht, das Herz dieses Thoren zu vergiften, wie ich es hoffte; er murrte nicht über sein Elend, er murrte über das Elend Anderer und jammerte nur, daß er es nicht heilen konnte. Höre nun, wie ich ihn gefaßt habe, bemerke den feinen, auf das Herz des Menschen berechneten Plan, und dann erstaune – ihn will ich durch den Götzen seines Hauses – durch Das stürzen, was die Menschen Tugend nennen, und sein ganzes Geschlecht unter den Trümmern des erhabenen Hirngespinnsts begraben.

Satan (lächelte und liebkoste Leviathan). Laßt mir doch die plumpen Teufel näher treten, die sich nur immer an das Gesindel von Menschen machen, das schon als Eigenthum der Hölle geboren wird. Sie sollen hier von einem gewandten Leviathan lernen, wie man nach Absichten handelt und den Wolkenrittern beikommt. Ich wittre aus dem scharfen Blick des Fürsten etwas Neues und Originelles – horcht auf!

Die Teufel nahten, wie Hofleute, denen ihr Fürst winkt, die Thaten seines Günstlings anzuhören.

Leviathan antwortete Satan: Das Lob am Ende der That! Ich saß auf den Trümmern Persepolis' und erinnerte mich mit Freude des Zerstörers der herrlichen Stadt. Unter dem Schutt hatten sich Unglückliche verkrochen, die der Grausamkeit des Khalifen Hadi und seiner Statthalter entflohen waren. Vom wilden Peiniger, dem Hunger, getrieben, fraßen sie das Ungeziefer, welches das Gift mit der Fäulniß zeugt, verfluchten beim ekelhaften Schmause ihr und des Wütherichs Dasein. Ihre Flüche entzückten mich, und ich wünschte dem Menschenverderber das Alter des Greises. Plötzlich sah ich Astargoth mit des Khalifen Hadi dunkelm Schatten an mir vorüberfahren. Ich schwang mich ihm nach und vernahm: »seine Mutter habe ihn vergiftet, um den uns verhaßten Haroun zu retten.« Betäubt sank ich auf den Schutt zurück. Was hatten wir durch den Frevel des Weibes gewonnen? Er war schon unser. Gelang es ihm gegen seinen Bruder, da war Gewinnst für uns zu hoffen, und gern hätte ich dann diesem das Paradies seines Propheten gegönnt. Der Gedanke, daß nun Asien, welches der Unsinn des Vergifteten verwüstete, durch Harouns Weisheit wieder blühen sollte, machte mich so rasend, daß ich dreimal die ungeheuern Rümpfe von Säulen umfaßte, um sie auf die Flucher unter mir zu stürzen – sie wankten im Grunde und standen. Ich fühlte die Macht, die sie hielt, und entfloh. Verdammt sei die Kraft, die in ihrer Ausdehnung gehemmt ist und zurück gedrückt ihrem Besitzer zur Marter wird! Gift, Grimm und Rache trieben mich so schnell, daß ich durch die Luft schoß, wie der Neid durch das Herz des Sohns des Staubs beim Anblick des Glückes eines andern des verhaßten Geschlechts. Ich schlich um Harouns Palast, und, Satan, was ich nicht zu wagen hoffte, ich durfte ihm nahen; denn in seiner Brust wüthet eine verschlossene Gluth, welche die Tugend dieses Stolzen aufzuzehren droht, sie vielleicht verschlingt.

Satan. Verdammtes, abermaliges Vielleicht – Leviathan, zum erstenmal hört man dir an, daß du unter Menschen warst.

Leviathan (stolz). Meine Absicht ging auf Männer, nicht auf Menschen. Wer bemerkt den Fall eines Menschen? Nur der Fall von Männern, wie diese hier, erschüttert die moralische Welt.

Satan. Um so mehr hasse ich dein Vielleicht. Ich weiß, worauf du deutest, und sage dir, Haroun ist gefallen.

Leviathan. So erhebe die Hölle ein Siegsgebrüll; ich aber, der ich seine Kraft gewogen habe, sage vielleicht, und abermals vielleicht. Satan, was kannst du von einem Manne anders sagen, welcher der forschenden Vernunft durch Frömmigkeit, der Güte durch Strenge, der Wollust durch Ehrgeiz, der Herrschsucht durch Menschlichkeit, der strengen Gerechtigkeit durch Milde die Wage hält? der bei jeder seiner Thaten auf die Folgen sieht? Versuche es nur mit einem der Regenten, der weise genug ist, der Tugend aus Interesse anzuhängen! Ich, der Bescheidene, sehe voraus, daß er diese geheime Gluth nur durch den Fall eines Andern besiegen kann, und ist es Giafar, der ihn retten muß, so ist Harouns Sieg über sich ein Sieg für die Hölle; denn auf einen Regenten, wie Haroun, folgen, wenn es recht gut geht, Thoren; aber diese Barmeciden glänzen seit Jahrhunderten, durch Stolz und Vorurtheil, in ununterbrochener Reihe, als Heroen der Tugend, und ein Sieg über sie ist ein Sieg über die ganze Menschheit. Ich vernahm, daß Haroun Befehl gab, diesen Giafar, um der Tugend seines Hauses willen, als Großvizir nach seinem Hofe zu rufen. –

Satan. Hm, ein Einfall, der den Herrschern in Asien selten kommt!

Leviathan. Und den er als Herrscher bereuen soll! Der Wunsch kam rasch aus dem Herzen des Khalifen, und ich sah bei seiner Entstehung, was ein Barmecide unter einem Haroun, und ein Haroun durch einen Barmeciden wirken könnte. Ergrimmt fuhr ich nach dem Euphrat, um diesen Giafar in seiner gewählten Einöde zu belauschen. Die Natur arbeitete in fürchterlicher Gestalt, die Erde auf Kosten des Lebenden zu erfrischen. Ein wilder Sturm raste, die Wolken zerrissen an dem Gebirg, der Euphrat ergoß sich und brauste, bedeckt von den Söhnen und Töchtern des Staubes und ihrer Habe, dahin. Das Brüllen des Sturms, das Sausen der Gewässer, das Winseln und Geheul der Verunglückten entzückten mein lauschendes Ohr, noch mehr entzückten mich die kühnen Worte, die ich durch den Sturm vernahm. Giafar stand auf einem Felsen und haderte mit dem Ewigen über die Zerstörung. Schon kannte ich ihn für einen der Thoren, die da fassen wollen, was dem Staube versagt ist, die sich zum Mittelpunkte der ungeheuern Maschine machen und dem Mächtigen den Plan seiner ihnen unbegreiflichen Haushaltung nach ihrem stumpfen Sinn, ihren schwachen, kränklichen Nerven, ihren selbstigen Begriffen von Glückseligkeit und ihrem kindischen Stolze zuschneiden. Der Ewige hatte sein Auge von dem frechen Empörer gewandt, sein guter Engel war bei diesen wilden Ergießungen von ihm gewichen. Mein Blick durchdrang sein und Harouns Herz; ich sah, daß ihn der Ruf des Khalifen von seinem Wahnsinn heilen würde – und reif war mein Plan. Ich erhob mich, schwebte über den tobenden Fluthen und gaukelte ihm ein Blendwerk vor. Mir mußten Mutter und Nichte ihre Rettung danken, ob sie dieselbe gleich nur ihrem eilenden Fuße schuldig waren. Dann kroch ich in die Maske eines ehrwürdigen Weisen, nahte ihm plötzlich und schalt ihn über seine Vermessenheit. Meine Worte, mein erhabnes Aeußre, meine vermeinte gute und gewagte That, das Wunderbare, in das ich mich hüllte, unterjochte seinen Verstand und sein Herz. Bald gaukelte ich ihm eine Art von Theodicee vor, um ihn für den Hof des ruhm- und herrschsüchtigen Khalifen zuzurichten. Schwatzte als Philosoph im Geiste der Menschen, der Wissenschaften, die du sie gelehrt hast, und flickte ein System zusammen von glänzender Wahrheit, täuschenden Irrthümern, aufgeputzt mit Sinn und Unsinn, Licht und Dunkel, wobei ich Sorge trug, daß der Mensch überall als Mittelpunkt der Schöpfung hervorragte. Satan, bei der ersten Gelegenheit will ich dich damit einschläfern. Der Sohn des Staubes wollte das dünne, schimmernde Gewebe mit seinen groben Sinnen betasten, ich zerhieb den Knoten, zog eine leuchtende Wolke vor seinen Verstand, kitzelte seinen Stolz und entflammte, begeisterte seine Einbildungskraft. Ich sprach ein Langes und Breites von der hohen Bestimmung des Menschen, seiner Selbständigkeit, weitern Veredlung durch sich, von der Freiheit des Willens, die, wie du weißt, die Lieblingsgrille dieser Sklaven der Sinnlichkeit ist. Dann würzte ich das Ganze mit einem Zusatze von moralischer Harmonie der Welt, von der Verbindung durch sie mit dem Ewigen, und zeigte ihm, wie sie diese Harmonie durch ihre Thaten befördern und stören können. Um endlich alle seine Kräfte auf Einen Punkt zu spannen, bewies ich ihm, wie nur Geister seines Schlags die Welt von den moralischen Uebeln heilen könnten, und wie die physischen nur Hirngespinnste wären, die ihre Unwissenheit erzeugte. Das Herz verschlang die trüben Erfahrungen des Verstandes, alle seine vorigen edlen Gefühle, die sein düstres Forschen erstickt hatte, erwachten, er glühte –

Satan. Warum verstummst du auf einmal?

Leviathan. Bei der Hölle – der Mensch ist ein erhabenes, sonderbares Wesen! Mit Erstaunen, Grimm, mit Durst nach Rache sah ich diesen an – kalt gegen den Ewigen, wie alle Forscher des Unfaßlichen, empört von den Uebeln und Leiden Andrer, gleichgültig gegen sich selbst, belebt ihn der reinste, nun stärkste Wille zum Guten. Seine Vernunft senkte Licht in sein Herz, das Herz gab dieser von der empfangenen Wärme und Klarheit zurück, und von beiden getragen und begeistert, erhob er sich über das düstre, verworrne Labyrinth, in das ihn seine Einbildungskraft und Erfahrung geschleudert hatten. Eben der Mann, der mit dem Ewigen haderte, ihn in finsterm Mißmuth lästerte, der ein ungeheures System nach dem andern aufstellte – der an der Tugend verzweifelte, während er vor dem Gedanken des kleinsten Verbrechens zurückschauderte, derselbe Mann, der ein Spiel der Zweifel, des Unsinns und der Widersprüche war, würde damals wie jetzt eher sein kurzes Dasein aufgeopfert, als eine Handlung begangen haben, durch die der schlechteste seiner Brüder hätte leiden können. Was hat der Ewige mit dem Menschen gemeint? Bildete er ihn darum so elend, beschränkt und widersprechend, um die Erhabenheit, die er mitten in seine Brust gedrückt hat, merkbarer zu machen? Um deutlicher zu zeigen, nur dadurch sei er sein Werk? Verflucht, daß ich diese Bemerkung an Diesem machen mußte!

Satan. Und dreimal verflucht, daß du mir sie wiederholst. Ha, wer spricht dahier, wie ein faselnder Mönch? Was soll mir dieses mystisch-platonisch-poetische Geschwätz? Ist dies Leviathan, der Verderber der Menschen? O des herrlichen Stücks Arbeit für einen Teufel! In einem Sohne des Staubs die schlafenden Tugenden bis zur Schwärmerei zu erwecken, dann vor mich mit siegversprechender Miene zu treten und in dem Narren dem ganzen verhaßten Geschlechte eine Lobrede zu halten, weil es dir an Sinn und Gewandtheit fehlte, ihn zum Bösewicht zu machen!

Leviathan erwiederte kalt: Satan, alle, die da herrschen, gleichen sich; rasch im Wollen, noch rascher im Urtheil! Ich sagte dir und wiederhole dir: diesem Giafar war nicht durch das Laster beizukommen, und ich, sei es auch bloß um der Neuheit willen, bin stolzer darauf, ihn durch die Tugend, als durch das Laster zu stürzen. Mir schmeichelt nur ein Sieg, den ich durch einen feinen, absichtsvollen, auf Menschenkenntniß gebaueten Plan erwerbe; und wenn er deines Beifalls nicht werth ist, so schenke ihn meinetwegen immer den stumpfen Geistern deines Reichs, die so brausend und keuchend herunterfahren, wenn sie einen elenden Kerl aufgefangen haben, der schon auf dem Wege zur Hölle war.

Satan. Kann ich gelassen anhören, wenn du in Gegenwart der Großen meines Reichs die Söhne des Staubs erhebst? Hat nicht auch die Hölle ihre Schwächlinge? – Doch fahre fort, Geliebter, der Eifer für des Reiches Beste verblendete mich –

Leviathan. Voll großer Entschlüsse schlummerte der Barmecide ein, und ich, um ihm Mißtrauen gegen sich selbst beizubringen, ihn dadurch ganz auf meinen Zweck zu spannen, dabei gelegentlich zu beobachten, ob nicht im Innern seines Herzens ein Funken verborgen glimmte, den ich nach Umständen zur Flamme der Wollust, der Herrschsucht und Goldbegierde aufblasen könnte, gaukelte ihm ein Gesicht vor, in welchem ich meine ehrwürdige Rolle fortspielte und ihn sich selbst in der verworfensten erscheinen ließ. Er wußte nicht, wie ihm geschah, ich hatte seine Vernunft eingeschläfert und nur seine Sinne berührt. Bei seinem Erwachen wollte ich die Wirkung dieser auf sein Herz beobachten; aber Verzweiflung war sein Erwachen. Ich stand an seiner Seite, und jedes meiner Worte ward seiner Brust zum Biß der Schlange. Er sprang auf, das Erinnern seiner Thaten mit seinem Gehirne an die Felsen zu zerschmettern; gern würde ich ihn dazu angetrieben haben, wenn sich meine Macht so weit erstreckt hätte, wenn mir's um ihn allein zu thun gewesen wäre. Ich entwickelte ihm die Täuschung, sprach in warnendem Tone von den nahen, harten Prüfungen seiner Tugend und verschwand, um mich nach den Begriffen seines Volks zu modeln, in der lichten Gestalt eines Genius. Die Gesandten Harouns kamen an, und nun rüstet sich mein Held der Tugend, die Harmonie der Welt an des Khalifen Hofe zu befördern.

Satan. So fahre schnell hinauf und blase diesen Khalifen an; denn wenn nun er, der, wie wir alle wissen, selbst ein Stück von Wolkenritter ist, sich in dem noch heißern Wolkenritter gefiele –

Leviathan. Es hat weder Noth noch Eile; ich kenne das Herz der stolzen Herrscher durch Erfahrung in der Hölle und auf Erden. Wer hier, unabhängig von dir, das Böse thun wollte, der würde eben so gut fahren, als Der dort oben, welcher das Gute, unabhängig von seinem Herrn und Herrscher, thun wollte. Sei ganz unbesorgt; denn wenn der Teufel, hört' ich einmal einen jovialischen Burschen sagen, einmal einen ganz ehrlichen Kerl an den Hof gebracht hat, so kann er von ihm Abschied nehmen und das Weitere den Hofleuten und seinem Herrn überlassen.

Satan (lächelte). Giftiger Schmeichler!

Leviathan. Laß nun wirken, was ich angelegt habe. Die Tugend muß dem Menschen in einem sanften, leichten, gefälligen und freundlichen Gewand erscheinen, wenn er sie an Seinesgleichen ertragen soll; am Hofe muß sie gar ihren hohen Glanz mit dem von dem Herrscher erborgten Schimmer übertünchen, wenn sie sich da erhalten will. Davon weiß dieser Barmecide nichts. Ihm habe ich sie zur Dichterei gemacht. Das, was seine weisern Vorfahren mit Bescheidenheit und Kälte gethan haben, wird er nun mit ernstem, kraftvollem, schonungslosem Nachdruck thun. Hast du je gehört, daß ein Großer dem Kleineren verzieh, wenn dieser sich durch Eigenschaften auszeichnete, durch die er selbst sich auszuzeichnen dachte? Erträgt der Sohn des Staubs die Vorzüge seines Bruders? Und wie ein Herrscher? – Wenn er nun einst den gewöhnlichen Lohn der Tugend eingeerntet hat, das schreckliche Gefühl darüber an seinem edlen Herzen nagt, seinen erhabenen Verstand verdunkelt und ihm seine Aufopferung Raserei scheint, der Glauben an die Tugend wankt, die Zweifel ihn von neuem überfallen und die Blendwerke von Größe und Rache vor seinen Augen spielen, so müßte er mehr als Mensch sein, wenn ich ihn nicht zum schrecklichen Zerstörer eben dieser moralischen Welt machte, von welcher er nun so dichterisch schwärmt. Schon sehe ich die Ungeheuer sich bilden, die den stolzen Wolkenritter erdrücken werden; und dann will ich vor ihn treten, ihn entweder zum Narren oder zum Verbrecher machen, und gelingt mir dieses nicht, so soll er wenigstens in Verzweiflung das Phantom verfluchen, dem er nachgejagt hat.

Satan. Vortrefflich, Leviathan; tief ist dein Plan gedacht, reif seh' ich ihn. Mit Entzücken genieß' ich im Voraus den Sieg über diese Barmeciden, der, wie du richtig sagst, ein Sieg über die ganze Menschheit ist. Merkt doch genau, ihr trägen Teufel, auf meines Leviathans Worte und lernt von ihm, wie man die Wolkenritter stürzt. Der süßeste Triumph für die Hölle ist der Fall des Gerechten durch seine Tugend, und unser herrlichstes Schauspiel, ihn von den Klauen Derer zerreißen zu sehen, denen er sich aufgeopfert hat. Damit uns dieser Genuß nicht fehle, daran arbeiten die Unsinnigen vom Anbeginn der Welt, und auch nur so konnten sie ihr Glück zerstören.

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.