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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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19.

Giafar fühlte dunkel in seinem erschrocknen Geiste, Ahmets unbegreifliche Gewalt, welcher er so oft unterlegen, habe ihn von dem Throne der Khalifen gestürzt und in diesem brausenden Sturm auf seinen Sopha geschleudert. Er blickte ihn bebend an, und nun schössen die Frevel seiner Thaten, wie von der Verzweiflung befiederte Pfeile des Todes, durch sein Herz und Gehirn.

Ahmet brach endlich sein furchtbares Schweigen: »Ist dies der Mann, der gegen Gott und die Natur verwegen murrte? Der Held der Tugend, der die Quelle des Nebels außer dem Herzen der Menschen suchte: der auszog, die Harmonie der Welt wieder herzustellen? Mord, Verwüstung und Zerstörung sind nun auf deiner Stirne eingegraben! Deine Fußtritte haben den Erdboden mit dem Blute der Unschuldigen bezeichnet. – Wehklagen und Geheul erheben sich zum Himmel, wo du gewesen bist, und alle Tugenden deiner Ahnen können deine Verbrechen nicht vergessen machen. Wie, und auch mich, deinen Lehrer, deinen Freund und Retter, wolltest du tödten? O Barmecide! Barmecide! wie leicht ist es, den Unnennbaren und die Natur zu meistern, und wie schwer, ihren Wink zu erfüllen!«

Giafar. Furchtbarer; wer du auch seist, so verlasse mich, daß ich nicht in Wuth über dich herfalle. Ich kann deinen Anblick nicht ertragen – du hast mein Dasein vergiftet, dies sei dir genug. Die Rache an mir sei mein Werk.

Ahmet. Erst, kühner Vernünftler, will ich dir deine Thaten, ihren Ursprung und ihre Folgen näher ans Herz legen. Du sollst hier liegen und vor dem strengen Richter zittern, den du aufgefordert hast. Ich warnte dich vor dir selbst, ich warnte dich vor der Stunde, die uns, nach deinem Wirken in der Welt, zusammenbringen würde; sie ist da, und du bebst, und das Bewußtsein deines Wahnsinns nagt an deiner Seele. Ich will die Gluth in deinem Gewissen noch mehr aufblasen, damit sie dich langsam aufzehre! Verhülle immer dein Angesicht; das Feuer, das du in deinem Busen gesammelt hast, kühlen keine Thränen, kühlt keine Reue, die von dir mißhandelte Menschheit steigt als Ankläger gegen dich auf! Stolz hast du mich aufgefordert, dich auf die Bühne des Lebens zu stellen, damit deine eingebildete Tugend einen würdigen Kampfplatz hätte. Ich habe es gethan, dich dahin gestellt, wo du Völker beglücken konntest! Du wolltest mir durch dein Beispiel beweisen, der Mensch sei nicht freier Herr des Guten, und meine Lehre sei ein Traum, dessen die Erfahrung lache. Wir wollen nun deine Thaten mit meiner Lehre vergleichen und dann untersuchen, wie und warum Giafar den Gang der moralischen Welt zerrissen hat, den er befördern wollte, den er befördern konnte – daraus werden wir sehen, mit welchem Rechte du dich über die Uebel der Welt beklagest, mit welchem Rechte du die Menschen hassest, mit welchem Rechte du dich gegen den Mächtigen empörst, der dir hohe Kraft zum Guten verliehen, die du allein zur Befriedigung der niedrigsten Leidenschaften genutzt hast –

Barmecide –

Giafar. Ah, verschone mich mit einem Namen, dessen Last mich vernichtet –

Ahmet. Du hast nun deinen Werth mit dem Werth der Menschen abgewogen. Hasse sie, wenn du dich selbst ertragen kannst. Wage, den Erhabenen zum Mitschuldigen der Verbrechen und Thorheiten der Menschen zu machen, wenn ich die deinen in ihrer scheußlichsten Gestalt aus den Winkeln deines Herzens gezogen habe. –

Giafar (aufspringend). Schrecklicher! keine Macht soll mich weiter vor deinem Angesicht fesseln. Ich höre nicht mehr auf dich. Du hast mich durch Vorspiegelung dieser stillen Wohnung entrissen, wo meine Thorheiten nur mir schaden konnten. Du hast über mich gesiegt, wie du es wolltest. Ich bin ein Mörder, ein Ungeheuer, besudelt mit allen Lastern und Verbrechen: sie sind mein Wert, die Werke meiner Leidenschaften. Ergötze dich an meiner Verzweiflung – labe dich an dem scheußlichen Schauspiel, das ich dir bereiten will. Ich eile, meinen Schädel an den Felsen mit dem Bewußtsein dieser Verbrechen zu zerschlagen, und möge mich dann gänzliche Vernichtung verschlingen. –

Ahmet ( hält ihn zurück). Wohl, ich überlasse das Urtheil über dich deinem innern Richter. – Richte dich streng! schaudere vor deinem tiefen Fall und dann raffe deine Kraft zusammen und erhebe dich! Sieh, wenn ich dir die Folgen deiner Handlungen vorstellte, wie ich sie vor mir sehe – dir die Millionen Fäden sichtbar machte, die du zur Befriedigung deiner Leidenschaften in der moralischen Welt zerrissen hast, an welchem das Glück so vieler Geschlechter und ihrer Nachkommen bis ins Unendliche geknüpft war, so würde dich die Vorstellung davon erdrücken, als risse ich jenes Gebirg aus seiner Wurzel und schleuderte es auf dein Haupt. Des Menschen Dasein ist an keine Zeit gebunden, grenzenlos läuft es durch die Kreise der moralischen Welt. Jede seiner Handlungen ist eine neue Schöpfung, ein abermaliger Auswurf der Saat zu neuen Entstehungen, zu Schöpfungen in der Zukunft. Die Masse des Wirkens eines Einzigen übersteigt die Kraft der Vorstellung: die Summe des deinigen würde dich vernichten, ich fasse sie und schaudere davor zurück: doch ich will, du sollst leben. War es nicht die unsinnige Weissagung jenes elenden Sterndeuters, die den Durst nach Herrschaft, die Ansprüche auf einen Thron, den das Schicksal zerschlagen hatte, in dir erweckte?

Giafar. Schrecklicher! was mit mir vorgegangen, begreife ich nicht! Nur fühle ich in meinem Innersten jetzt wie bevor, daß ich den Thron der ganzen Erde nicht mit dem Leiden eines Einzigen erkaufen würde.

Ahmet. Was du thun sollst – kannst – einst mußt – doch richte dich nur immer auf, ich nehme dir die ungeheure Last mit einem Wort von dem Herzen, und zerschmettert sie dich einst, so fühle sie noch schaudernder: denn sie ist alsdann nur deines Herzens Werk. Das, was nun mit dir vorgegangen ist, war ein Gebilde, das ich vor deine Sinne schuf und das dein Verstand ausdeuten mag.

Giafar. Ein Gebilde?

Ahmet. Ja, ein Gebilde; aber ein Gebilde, das sich so lebend aus deinem Herzen entwickelte, daß du es für Erfahrung an dir selbst nehmen kannst –

Giafar. Ein Gebilde!

Ahmet. Ein Traum, der dir für Wirklichkeit gelten kann. Du hast nur einige Stunden geschlafen, hast diesen Sopha nicht verlassen, und ich bin nicht von deiner Seite gekommen. Ich habe dich durch Erfahrung unterrichtet, ohne daß dein Wahnsinn dir oder Andern schaden konnte. So wie du dein Gesicht in dem Spiegel siehst, stellte ich dir deine Seele nackend vor. Durch die Wirkung auf deine entflammte Einbildungskraft setzte ich dich in alle die Lagen, in denen du dich, seitdem du dich niedergelegt, befunden hast. Ich zeichnete deinen Sinnen die Luftgestalten vor, deine Leidenschaften ergriffen sie, und dein Herz übte seine Kraft und seinen Werth daran, als wenn sie wirkliche Wesen wären. Wachend und thätig lebend wäre Giafar in diesen Lagen eben Das geworden, was er in der Vorstellung war. Möchte dieses Gesicht nun den kühnen Vernünftler bescheiden machen!

Giafar. Ahmet – wie? – ein Traum – und ich bin nicht Khalife gewesen?

Ahmet. Wenigstens hast du die Erfahrung gemacht, wie schlecht du dich dazu schicken würdest, wie leicht es sei, die Herrscher der Erde zu verdammen, und wie schwer, es besser als sie zu machen.

Giafar. Meine Hände sind rein von Blut – ich bin kein Mörder – habe nicht den Derwisch erdrosselt – Fatimen nicht ermordet – bin kein Verwüster der Erde –

Ahmet. In denselben Umständen hätten dich Wollust, Geiz, Herrschsucht, Schmeichelei, Verschnittene und Sterndeuter dazu gemacht. –

Giafar. Verzeihe, wenn ich einen Augenblick daran zweifle, so wahrscheinlich es auch ist. Nur meine, dem Menschen so gefährlichen Sinne wachten; die helle Vernunft schlief allein. Der edelste Mann mag scheußliche Dinge im Traum begehen, und Giafar, der sein Dasein nicht durch die kleinste Ungerechtigkeit um eine Sekunde verlängerte, erkennet sich nicht in dem Gebilde dieser scheußlichen Thaten. Noch einmal, meine Vernunft schlief, mein Herz war erstarrt, und wachend fühle ich mich nun wieder der Mann, der ich war, der ich bin! Nur einen Wunsch empfinde und denke ich, Gutes zu wirken, die Menschen nach meinen Kräften von den Uebeln zu heilen, an welchen sie leiden, und sollte ich auch mein Dasein wagen!

Er versank in tiefes Nachsinnen, während welchem sanfte Begeisterung seine Züge zu erleuchten schien.

Ahmet beobachtete ihn einige Minuten und fuhr fort: deine Vernunft war nur allzu wach, arbeitete nur allzu sehr zum Vortheil dieser gefährlichen Sinne; aber der Wille zum Guten, die Sympathie, die Quelle des Guten, der Geist oder innere Richter, der über die Handlungen wachen, ihre Folgen vorfühlen soll, diese schliefen bei dem Glanze des Glücks ein, den ich um dich gezogen habe.

Giafar. Ha, träume ich noch? Wer bist du, Unbegreiflicher, der du so auf den Menschen wirken kannst und darfst?

Ahmet. Was ich bin, faßt und trägt dein Sinn nicht. Noch bin ich, was du bist, und scheine mit gleichen Organen ausgerüstet zu sein. Hüte dich, daß ich dir nie ohne diese Hülle erscheine; denn wenn ich wiederkehre, so erscheine ich ein furchtbarer Richter über das Leben, das du nun beginnen wirst. Die Stunde der Thätigkeit naht, die Menschen rufen dich zum Wirken auf, laß dir dies Gesicht zum Spiegel in deinem künftigen Leben dienen. Du wirst hoch stehen, und Haß, Neid, Rache und Unwissenheit werden an deinen Wurzeln nagen. Deine Tugend soll erprobt werden, wie es nie die Tugend eines Menschen ward. Stehe fest und trotze deinen Verfolgern. Mäßigkeit und Gerechtigkeit seien deine Begleiter; suche die Thorheiten der Menschen, die Quelle des Uebels der Welt, zu heilen, so weit du es vermagst. Fällst du dann, so reiche dir die Tugend die Hand, wie es Ahmet that, da dich der Sturm an der Erde zu zerschmettern drohte.

Nach diesen Worten blendete eine helle Flamme Giafars Augen, und als er aufblickte, war Ahmet verschwunden.

Der Barmecide saß lange in stummem Erstaunen da und wußte nicht, wie ihm geschehen war. Er glaubte, ein Genius aus der erhabenen Sphäre der Unsterblichen sei heruntergestiegen, um sein Herz von seinen quälenden Zweifeln zu heilen, ihn zur Selbsterkenntniß zu bringen und zu einem großen Leben vorzubereiten. Seine Sinne konnten dieses Chaos noch nicht entwickeln, noch nicht die Täuschung gehörig von der Wahrheit unterscheiden, und sein Verstand fing nur nach und nach an, Licht und großen Zweck in diesem Gebilde zu erblicken. Doch fühlte er immer noch einige Unruhe darüber, ob auch Das, was er mit einer solchen Wahrheit und Wirklichkeit gefühlt und gethan hatte, eine bloße Täuschung sei.

In diesen Gefühlen überraschte ihn ein Sklave, der zu ihm trat, ihm anzukündigen, Alles sei zu seiner Abreise nach Indostan bereit. Als Giafar Indostan nennen hörte, goß sich Schamröthe auf seine Wangen. Er antwortete stammelnd – »Die Reise ist vollbracht, entlade die Thiere von ihrer Bürde.«

Nun erkannte er ganz, Das, was mit ihm vorgegangen, sei ein warnendes Gesicht, das ein um das Wohl der Menschen besorgter Genius ihm offenbart habe, um ihn über seine peinigenden Zweifel zu beruhigen.

Kaum vernahmen seine Mutter und Fatime, Giafar habe seine Reise aufgegeben, so eilten sie beide zu ihm. Freude und Liebe führte sie in seine Arme. Seine Mutter dankte ihm für seinen Entschluß, bei ihr zu bleiben, Fatime sagte nichts; aber ihr sanfter, heitrer Blick, der den reinsten Genuß und die schönste Freude ausdrückte, warf den wohlthätigsten Schimmer in seine Seele. Alles, was mit ihm vorgegangen war, zerfloß in ihrer Gegenwart, und er fühlte nichts als das Glück der Liebe und Freundschaft. Nur bei ihrem Eintritt schauderte die Scene in Samarcand durch seine Seele.

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