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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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15.

Die Freude, sich gerettet zu sehen, machte Giafarn schnell die Art vergessen, womit es geschehen war. Die Weissagung des Sterndeuters, der Gedanke, Ahmet, sein Verfolger, lasse endlich von ihm ab, weil er bei den letzten tragischen Vorfällen nicht erschienen, erfüllten abermals sein Herz mit Hoffnung einer glänzenden Zukunft. Er floh mit dem Sterndeuter über Berg, durch Thal, Wald und Einöde.

»Wirf dich links, Barmecide,« rief ihm der Sterndeuter zu; »ich wittere von der Spitze jenes dunkeln Waldes her ein Feld mit Leichen bedeckt, ein Fraß für die Vögel des Himmels und die Thiere der Erde. Zwei räuberische Stämme haben hier dem Tod ein Mahl aufgetischt, da sie uneins wegen der Beute wurden, die sie aus einer von ihnen verbrannten friedlichen Stadt schleppten. Laß sehen, ob noch etwas Geschmeide an ihren Leichen zu finden ist. Du sollst die Kleider eines Vornehmen anziehen, der Kittel des Derwisches ist kein Anzug für den künftigen Beherrscher Asiens.«

Giafar folgte seinem Befehl. Sie fanden das Feld mit blutigen Leichen bedeckt, wie der Sterndeuter gewittert hatte. »Hier ist wenig zu plündern,« schrie der Sterndeuter verdrießlich: die Sieger haben die Ueberwundenen ausgezogen. Sie liegen alle da, wie sie die Natur ins Leben gestoßen hatte. Gewöhne dich an diesen Anblick, Giafar, wenn du einst über Menschen herrschen willst. Ueber so geschmückte Felder eilt der Held zum Tempel der Unsterblichkeit. Tritt frisch zu und scheue das Blut nicht, das deine Füße netzt, es ist der Thau, der die Wanze des Ruhms auftreibt. Tod, sprach die Natur über alle ihre Söhne aus, erfülle ihren Ausspruch, gleichviel ob die Sichel die Aehre vor der Reife wegschneidet. – In jenem Gebüsche seh' ich einen Schimmer – es ist ein Krieger, der prächtig gekleidet zu sein scheint. – Eile zum Ziel, Giafar, und schnell, ehe dich die Zeit ermüdet. –

Giafar eilte nach dem Gebüsch, Schemi folgte ihm, riß dem entdeckten Krieger das Schwert von der Seite und gab es Giafarn in die Hand: »Dieses soll dir den Thron der Khalifen erwerben und mit dem Blute deiner Feinde geschmückt werden. Stille Tugend löst den Mann auf, nur Tapferkeit ist sein Werth und Preis.« Giafar empfing das Schwert und fuhr zurück, als er es für eben dasselbe erkannte, womit ihn Hagul bestochen hatte. Der Sterndeuter lächelte: »Ich sehe, es ist dir bekannt, nun so wisse, es war für dich von dem Schicksal geschliffen. Mit Recht besaßest du es einst: mit zwiefachem Rechte besitzest du es nun. Zertheile Reiche damit, damit dein erhabener Geist sie zu einem großen Ganzen zusammenfüge. Wer groß werden will, muß in den Menschen nur Feinde und Sklaven sehen!«

Hierauf reichte er ihm einen Turban hin: Fährst du auch vor diesem zurück, so laß dich lieber von Ahmet leiten, der deine aufstrebende Kraft zu zermalmen strebt. Besser, bedecke dein Haupt damit. Der Strauß an des Khalifen Turban, aus Edelsteinen gebildet, wird ihn einst besser zieren, als dieses Diadem von Perlen. Lege dies Gewand an, und dann wirf deinen Blick auf diesen Elenden. So mag es allen deinen Feinden ergehen. Dieser hier hat Hagul des Schwerts und des Turbans halber ermordet, so erreicht die Rache den Ungerechten. Wirf ihr ein starkes Bollwerk entgegen!«

Giafar wollte sich in Bemerkungen über diese Vorfälle einlassen, als ihn das nahe Wiehern einiger Pferde unterbrach. »Horch,« sagte Schemi, »sie fordern den Helden ins Schlachtfeld!« Sie eilten nach dem Ort, woher das Wiehern kam, und fanden zwei zum Kriege gerüstete Pferde, schwangen sich darauf und sausten über das blutige Schlachtfeld davon. Auf einmal befanden sie sich unter dem Gewühl eines versammelten Heers. »Glück zu, ihr Krieger,« rief Schemi, »der Barmecide, der Abkömmling der alten Könige Persiens, bringt euch Sieg!«

Man empfing Giafarn mit brüllendem Freudengeschrei, das in der düstern Einöde erschallte. Der Führer lud ihn auf einen Zug gegen einen feindlichen Stamm ein, der vor einigen Tagen Viele von den Ihrigen erschlagen hätte. »Noch liegen sie dort unbegraben,« setzte er hinzu, »und sollen es bleiben, bis ihre herumschwebenden Geister gesehen haben, wie wir sie rächen.«

Giafars Blut wallte bei dem Anblick dieser wilden Schaar. Des Sterndeuters Weissagung zeigte sie ihm als Werkzeuge seiner künftigen Grüße, und er griff kühn in das Heft seines Schwerts. Der Sterndeuter raunte ihm ins Ohr: »Es sind Tatarn, Feinde des Khalifen und der Perser!« Ein blutgieriger Blick war die Antwort, die er dem Führer gab. Er sprengte zum Vortrapp, die Schaar brauste über die Haide und machte nicht eher Halt, bis sie den feindlichen Stamm erblickte.

Dann schrie der Sterndeuter: Tod dem Heer, das der Barmecide angreift! Die Schaar wiederholte es, und Giafars Schwert wüthete unter den Feinden, wie die Sichel des Todes. Je mehr er Blut fließen sah, je gieriger ward er, zu vergießen. Jeder Schwertschlag sollte ihm den Weg zum Thron, auf welchen er nun seine Aussprüche so gerecht als feurig fühlte, öffnen. Der Feind floh, und noch schnaubte er auf dem blutigen Schlachtfelde. Die Tatarn erstaunten über seine Wuth und seine Thaten, nahten ihm wie einem höhern Wesen, knieten vor ihm nieder, baten ihn, ihr Führer zu werden, und forderten ihn auf, sie gegen neue Feinde anzuführen. Er antwortete: »Wenn ihr mir gelobt zu folgen, wohin ich euch führe, so will ich euer Haupt sein!« Sie jauchzten ihm zu, und der Sterndeuter rief: »Persien ist euer!«

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