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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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12.

Der Barmecide saß zu Gericht, und Hagul trat mit einer Klage vor ihn gegen den Greis Harmodas, den Abkömmling der ehemaligen Herrscher des arabischen Iraks, den einer der vorigen Khalifen in Schutz genommen und mit großen Gütern beschenkt hatte, damit er seines Ursprungs würdig leben könnte.

Die Klage lautete:

»Der Greis Harmodas sei ein Feueranbeter.« Dies zu beweisen, führte Hagul zwei Zeugen hervor, die ihn nach ihrer Aussage in einem dicken Walde unweit Bagdad diese Abgötterei hatten treiben sehen. Er forderte hierauf vermöge des Gesetzes des jetzt lebenden, großen und gerechten Khalifen, als Ankläger, das ganze Vermögen des Beklagten. Ueberdies, setzte er hinzu, spricht eben dieses weise Gesetz Jedem das Leben ab, den man bei dem Feuerdienst ergreift. Gott will es! der Prophet will es!

Das Volk schrie: Gott will es! der Prophet will es!

Giafar erschrack heftig über diese Anklage von einem Manne, mit dem er in einer solchen Verbindung stand, und sein Herz oder sein Gewissen lispelte ihm zu, es sei nicht richtig damit. Er erbebte, als die Zeugen ihre Aussagen beschwuren. Da er anfing, seine Zweifel über den Vorfall zu eröffnen, griff Hagul wie aus Zerstreuung, aber mit sehr redender Geberde, an seinen Turban und sein Schwert. Das Volk schrie: »Abgötterei! vollziehe das Gesetz! er ist ein Syrer, und Zeugen haben geschworen!« Giafar zitterte; aber er mußte nun dem Rechte seinen Lauf lassen.

Der Beklagte, ein bebender Greis, von seinen zwei blühenden, hoffnungsvollen Söhnen unterstützt, wankte vor Giafars Stuhls. Man theilte ihm die Anklage mit, und er antwortete in dem Tone eines Mannes, der schon einer andern Welt zugehört, der es verschmäht, am Rande des Grabes über Angelegenheiten der Erde zu reden.

Harmodas. Giafar, du stammst aus königlichem Blute, wie ich! Deine Vorfahren verloren den Thron Persiens, die meinen die Herrschaft über den arabischen Irak. Du und ich, deine und meine Verwandten leben durch die Gnade der Sieger über unsre Väter! Noch mehr, du bist ein Barmecide und wirst diesen großen Namen durch keinen ungerechten und übereilten Ausspruch entehren. Nie hat sich Einer deines Geschlechts eines solchen Verbrechens schuldig gemacht. In mir siehst du einen abgelebten Greis, der nur dann wieder leben wird, wenn er diese Hülle abgeworfen hat, darum kann ich dir nur danken, wenn du mich schneller, als der langsame Tod, nach dem Ort beförderst, nach dem ich mich sehne; aber ich bin es diesen meinen blühenden Söhnen schuldig, deine Gerechtigkeit aufzufordern. Es würde ein Leichtes sein, dir zu beweisen, daß es meine von dem Khalifen geschenkten Güter sind, die diese Anklage gegen mich hervorbrachten. Auch könnte ich anführen, es sei unmöglich, daß ich, ein Abkömmling der Beherrscher des arabischen Iraks, welche die Abgötterei mit dem Schwerte verfolgt haben, mich einer solchen Thorheit schuldig machen sollte. Doch warum soll ich deiner Weisheit vorgreifen? Nur dieses betheure ich, bei Gott und dem Propheten, daß ich seit zehn Jahren, wegen Entkräftung des Alters, keinen andern Schritt aus meinem stillen Hause gethan habe, als vor deinen Richterstuhl. Auch dachte ich nie mehr vor einem weltlichen Richter zu erscheinen. Sich mich an, erwäge und richte! Meine Wangen, die durch keine Handlung meines Lebens beschämt sind, sollen es nun nicht durch unwürdiges Bitten werden. Verdammst du mich, so mögen diese Jünglinge, die einzigen Zweige großer Männer, durch Muth und Weisheit zu erwerben suchen, was ihnen deine Ungerechtigkeit raubt, und gelingt ihnen auch dieses nicht, so werden sie sich nach dem Beispiel deines edlen Vaters ihrem Schicksal ohne Murren unterwerfen, das, wenn es auch den Tugendhaften gänzlich niederwirft, ihm doch die Kraft nicht nehmen kann, sich über es selbst zu erheben.

Diese letzten Worte besonders gruben sich mit flammendem Griffel in Giafars Herz; aber das Volk, das den Greis Harmodas wegen seiner Reichthümer haßte, murrte; die Zeugen, die nochmals und zwar beim Leben des Khalifen schwuren, besonders die wiederholten Geberden und Bewegungen Haguls betäubten ihn. Er sprach mit bebender Stimme, als spräche er sein eigenes Todesurtheil:

»Das Gesetz des Khalifen verdammt dich; die Barmeciden sind darum gerecht, weil sie das Gesetz erfüllen und ihm gehorchen. Die Wahrheit besteht aus der Zeugen Mund. Ich kann nur dein Schicksal beweinen.«

Das Volk schrie: O des gerechten Richters!

»Beweine das deinige!« rief der Greis; »führt mich zum Tode und meinen Ankläger in meine Wohnung!« Er lehnte sich auf seine Söhne.

Eben wollten ihn die Gerichtsdiener seinen Söhnen entreißen, und schon wandte sich Hagul mit seinem Gefolge nach Harmodas' Wohnung, als der Statthalter mit Ahmet durch die Menge drang.

Ahmet rief mit einem schrecklichen Tone: »Noch ist das Gericht nicht geschlossen, ihr Männer von Bagdad! Steige herunter von deinem Sitze, Barmecide, und laß einen unbestochnen Richter deine Stelle einnehmen. Stehe indessen zu meinen Füßen und schwitze Todesangst unter deinem reichen Turban.«

Giafar senkte seine Augen zur Erde, um den Blick des Strengen zu vermeiden.

Hierauf ließ Ahmet einen der Zeugen entfernen und forderte den andern auf:

Sage, wahrhafter Zeuge, in was für einem Walde hast du den Greis Harmodas den Feuerdienst begehen sehen? Erster Zeuge. In einem Eichenwald.

Ahmet. Merkt dies, ihr Männer von Bagdad! – In welcher Gegend? Gegen Mittag, Abend, Mitternacht oder Morgen?

Erster Zeuge. Gegen Abend.

Ahmet. Wie weit von Bagdad?

Erster Zeuge. Eine Parasange mag es sein.

Ahmet. Entferne dich. Der zweite Zeuge trat vor.

Ahmet. Sage, wahrhafter Zeuge, in was für einem Walde hast du den Greis Harmodas den Feuerdienst begehen sehen?

Zweiter Zeuge. In einem Fichtenwald.

Ahmet. Merkt dies, ihr Männer von Bagdad! – In welcher Gegend? Gegen Mittag, Abend, Mitternacht oder Morgen?

Zweiter Zeuge. Gegen Morgen.

Ahmet. O des wahrhaften Zeugen! – Wie weit von Bagdad?

Zweiter Zeuge. Drei Parasangen, wenigstens.

Ahmet. O der wahrhaften Zeugen und des gerechten, weisen Richters! – Männer von Bagdad, schämt euch eures Frohlockens über den Tod eines Unschuldigen, den ihm ein bestochener Richter zuerkannt hat. Was vernehmt ihr nun aus der widersprechenden Aussage dieser falschen Zeugen? Seht ihr nicht, daß es von Hagul erkaufte Sklaven aus nördlichen Ländern sind, die nicht einmal die Gegend eurer Stadt kennen? Ihr alle wißt, daß zwei Tagreisen von Bagdad kein Wald zu finden ist; ihr alle wißt, daß weder Fichten- noch Eichenwälder in euren Gegenden sind, und gleichwohl haben sie den edlen Harmodas, der eine in einem Eichen-, der andre in einem Fichtenwald, und zwar ganz nah von hier, den Feuerdienst begehen sehen? Falsche Zeugen, schon liegt das Schwert der Gerechtigkeit auf eurem Nacken!

Die Zeugen fielen nieder, bekannten: Hagul habe sie zu dieser Aussage erkauft, und baten für ihr Leben.

Das Volk rief: O des weisen Ahmets! o des weisen Ahmets!

Ahmet. Statthalter, richte die Schuldigen, die falschen Zeugen, den bestochenen Richter und Den, der ihn dazu machte. Dieser Turban und dieses Schwert sind Haguls und sprechen des unwürdigen Barmeciden Urtheil. Er verschwand.

Statthalter. Dank sei es dem weisen Ahmet, der diese schreckliche That verhindert hat, womit du, nachdem ich dich aus Vertrauen auf deinen Namen und deine Tugend zum Richter gesetzt habe, diese Stadt beflecken wolltest. Du hast den Tod verdient, den der edle Harmodas leiden sollte: doch Asien soll nicht sagen, Bagdad habe das Blut eines Barmeciden vergossen. Deine Ahnen haben auch uns Gutes gethan, so entweichet ihr unwürdiger Enkel, mit Schande belastet, von unserm Boden. Du, Hagul, verlasse unsre Stadt vor Untergang der Sonne, du bist ein gefährlicher Bürger. Die falschen Zeugen richte das Gesetz!

Das Volk jauchzte, drang sich zu dem Greise und liebkoste Den, welchen es einen Augenblick vorher mit großer Freude verurtheilen hörte.

Der Statthalter gab Hagul, ganz gegen unsre Gebräuche, den Turban und das Schwert zurück. Giafarn ließ er einen Beutel reichen, und das Volk stieß ihn unter Vorwürfen aus dem Thor Bagdads. Die Thränen liefen über seine Wangen, die Scham drückte seine Augen zu Boden, und sein Herz zersprang unter der Last der verdienten Vorwürfe.

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