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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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11.

Giafar kam zu Bagdad an und ritt nach dem Markte, der mit einer so großen Menge Menschen angefüllt war, daß er kaum mit seinem Kameel hindurch konnte. Als er bei einer Karavanserie halten wollte, machte ihn ein starkes Geschrei streitender Parteien aufmerksam. Er nahte, und das Volk trat ehrfurchtsvoll aus einander. Kaum sah ihn einer der Streitenden, so schrie er: Meine Brüder, der Himmel schickt uns einen Barmeciden, einen Mann aus dem Stamme der Gerechten; laßt ihn den Streit, der uns entzweit, entscheiden. Das Volk antwortete: »Ja, ja, nur ein Barmecide kann diesen verworrnen Handel schlichten.«

Giafar erstaunte, sich abermals erkannt zu sehen, fand es aber nun, nach der Rede des Greises, natürlicher. Das Volk umfloß ihn, schien sich an seinem Blick zu weiden und begierig auf die Entscheidung einer Sache zu warten, an welcher es so heißen Antheil nahm.

Giafar. Bin ich doch nicht euer Richter und habe kein Recht dazu, eure Streitigkeiten zu schlichten! wendet euch an Den, den euch der Khalife zum Richter gesetzt hat!

Die Streitenden. Der Himmel hat dich gesandt! Wir lassen Alles auf deinen Ausspruch ankommen und vergleichen uns darnach.

Man trug ihm den Handel vor, er überdachte und sprach. Das Volk frohlockte, bewunderte seine Weisheit und seinen Scharfsinn. Der Lärm hatte den Statthalter herbeigezogen, der, als er die Ursache des Zwists und die Entscheidung des Barmeciden vernahm, vom Pferde stieg, ihn ehrfurchtsvoll grüßte und ihn bat, sein Haus mit seiner Gegenwart zu beglücken. Das Volk schrie: »Gib uns den Barmeciden zum Ober-Kadi, die Barmeciden sind strenge Diener der Gerechtigkeit und unbestechliche Richter!« Der Statthalter setzte Giafar in diese Würde ein, und er sprach mit so vieler Weisheit und Menschlichkeit Recht, daß seine Entscheidungen selbst Denen nicht ganz mißfielen, die dadurch ihre Sache verloren. Einer, der einen wichtigen Proceß verloren, trat mit den Worten zurück: »Gerecht wie ein Barmecide! Weise wie Ahmet!« Giafar erröthete ein wenig, als er dieses hörte, und hatte er vorher vergessen, sich nach Ahmet zu erkundigen, so reizte ihn dieses nun noch weniger dazu.

In Bagdad wohnte zu der Zeit ein am Hofe des Khalifen sehr angesehener Mann, Namens Hagul. Dieser suchte vor allen durch Gefälligkeit und seine Schmeicheleien die Gunst des Kadis zu gewinnen. Hielt er Gericht, so stand er unweit seines Sitzes und bewunderte seine Weisheit in stillem, doch sehr redendem Entzücken. Bald brachte er es auch dahin, daß Giafar keinen Ausspruch that, ohne auf ihn zu blicken und die Wirkung davon in seinen Augen zu suchen. Da Hagul dieses merkte, so bat er demüthig um die Erlaubniß, seine Söhne zu seinen Gerichtssitzungen mitbringen zu dürfen, die für sie eine Schule der Weisheit, Gerechtigkeit und Sittenlehre sein würden. Der Kadi bewilligte es gefällig und sagte heimlich in seinem Herzen: »Möchte doch Ahmet Zeuge sein, was Giafar in Bagdad wirkt!«

Hagul versuchte nun durch kleine Geschenke, die Güte des Ober-Kadis zu belohnen. Er fing damit an, daß er ihm so unbedeutende Dinge schickte; die nicht den geringsten Verdacht von Absicht erwecken konnten; als Früchte aus seinem Garten, Wild von seiner Jagd, wodurch er aber eben Das, was er suchte, erhielt, den gerechten Richter nach und nach an die Annahme von Geschenken zu gewöhnen. Dabei äußerte er immer mehr Entzücken über die Weisheit und Uneigennützigkeit Giafars, und Giafar gefiel sich immer mehr in dem Lobe Haguls. Den kleinen Geschenken folgten bald wichtigere, die Giafar nahm, weil er es für einen Mangel an guter Lebensart hielt, einen so höflichen, an dem Hofe des Khalifen so beliebten Mann wegen einer Kleinigkeit zu beleidigen.

Als Giafar bei ihm zum Besuche war, zeigte er ihm Schnüre auserlesener Perlen und sprach davon mit einer Gleichgültigkeit, daß der Barmecide bei sich dachte, es sei Schade, daß ein Mann einen so kostbaren Schatz besäße, den er so schlecht zu achten wüßte. Wie er nach Hause kam und sein Schwert ablegte, erstaunte er, daß er statt des seinigen ein mit kostbaren Steinen besetztes in seiner Hand sah, und noch mehr, da er statt seines Turbans einen mit jenen kostbaren Perlen umschlungnen von dem Haupte nahm. Er erinnerte sich, daß er bei Hagul sein Schwert abgelegt hatte, auch daß er einen Augenblick seinen Turban abgenommen, um sein Haupt zu kühlen. Die beiden Stücke glänzten ihm so sehr in die Augen, daß der aufwallende Zorn, den er bei der Entdeckung fühlte, nur in einen kleinen Unwillen überging. Doch ließ er auf der Stelle Hagul rufen, nahm sich vor, ihn recht hart zu behandeln, beides ihm zurückzugeben und für immer mit ihm zu brechen. Hagul erschien mit seiner gewöhnlichen Freundlichkeit, und als ihm Giafar mit Heftigkeit sein Betragen vorhielt, antwortete er:

»Ich sehe, edler Barmecide, du bist des armen Haguls müde und suchst nur eine Gelegenheit, meiner los zu werden. Ich kenne weder dieses Schwert noch diesen Turban, und wären sie mein gewesen, so würde ich es lieber sehen, daß dieser Turban dein weises Haupt ziere, als das meine – so wie jenes Schwert mit mehrerm Recht an der Hüfte des gerechten Richters dräut. Ich bitte dich, laß mich deine Gunst nicht durch ein Mißverständniß verlieren, das ich nicht zu erklären weiß. Nur der Khalife kann solche Geschenke machen!«

Hierauf entfernte sich Hagul demüthig, und Giafar hielt sich, weil es ihm so gefiel, an den Gedanken: es sei möglich, daß der Khalife, von seiner strengen Gerechtigkeit und Weisheit unterrichtet, ihm durch Hagul dieses Geschenk gemacht habe, weil er ihm aus Haß gegen das Andenken seines Vaters keine öffentliche Gunst erzeigen wollte.

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