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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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10.

Lange irrte Giafar in der Wildniß herum. Seine Zunge erstarrte von glühendem Durst, und nirgends entdeckte er Wasser, ihn zu löschen. Unter dieser Marter eilte er immer fort. Plötzlich sah er ein blühendes, angebautes Thal vor sich, aus dessen erfrischendem Grüne sich einige Gebäude empor hoben. Das Feuer seines Blutes machte ihn seinen äußern Zustand und die Scham darüber vergessen; er warf sich schnell in eine dichte Allee, die zu diesen Gebäuden führte. Als er ihnen näher kam, entdeckte er eine schöne und einfache Moschee, über deren Eingang folgende Worte in eine Marmorplatte gegraben waren:

»Stiftung des Barmeciden Malek! Kehre ein, wenn du reines Herzens bist!«

Der Name seines Hauses, den er sonst mit so vielem Selbstgefühl hörte und las, fuhr wie ein peinigender Vorwurf durch sein Gewissen. »O ich fühle mein Herz nicht rein,« seufzte er und wandte sich beschämt von der Schwelle der Moschee nach dem andern Gebäude, über dessen Eingang er folgende Worte las:

»Kehre hier ein, müder Pilger, ruhe aus und laß dich erquicken. Der Barmecide Malek, der seine Wallfahrt vollendet hat, ladet dich ein. Wohl Dem, der nach guten Thaten ruht.«

»Ach,« seufzte Giafar, »sähest du deinen Enkel hier, in Bettlerslumpen, sterbend durch Durst, verfolgt von Menschen und so beschämt, daß er nicht an der Thüre der Karavanserie zu klopfen wagt, die dem ganzen Menschengeschlecht sich öffnet! Hättest du die Menschen gekannt, mein edler Ahnherr, du würdest eher deine Schätze ins Meer geworfen haben, als sie zum Besten eines so betrügerischen Geschlechts zu weihen.«

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als sich die Thüre öffnete. Ein Greis trat heraus und reichte ihm mit freundlichem Willkommen die Hand, führte ihn ein, übergab ihn den Sklaven, die ihn ins Bad brachten, wuschen, salbten, beräucherten und ihm dann reine Kleider anlegten. Der Greis empfing ihn und führte ihn in einen großen Saal, worin sich Personen verschiedenen Standes und Alters um mit Speisen besetzte Tafeln gelagert hatten. Der Greis stellte ihn der Gesellschaft mit diesen Worten vor:

»Gäste des Barmeciden Maleks, des Wohlthäters der Menschen, grüßt in diesem Manne seinen Enkel Giafar!«

Die Gäste standen von ihrem Lager auf, legten ihre Hände über die Brust und grüßten ihn mit diesen Worten: »Willkommen, Barmecide Giafar, möchtest du deinen Vätern gleichen!«

Giafar stand beschämt und erstaunt da. Der Greis sagte ihm: »Wundere dich nicht, daß wir dich kennen. Ein Barmecide braucht sich da, wo seine Ahnen einst gewandelt haben, nicht zu nennen. Dein Geschlecht unterscheidet sich durch seine Gesichtsbildung wie durch seine Thaten von den übrigen Menschen!«

Giafar fühlte sich nun wieder, sein Blut wollte rascher stießen, er griff nach einer Schüssel – und in demselben Augenblick hörte er den Wachtelschlag. Er wandte sich nach dem Orte, woher er kam, und sah die zwei ihm bekannten Wachteln auf dem offenen Fenster sitzen, die ohne Aufhören ihren gewöhnlichen Ruf anschlugen. Der Bissen, den Giafar genommen, wollte nicht die Kehle hinunter, er erblaßte, schlug endlich beschämt die Augen auf und sah um sich, wie ein Mensch, den plötzlich ein Zeuge einer bösen That überrascht, und der sich nun ängstlich überzeugen will, ob die Anwesenden den Schlag seines Gewissens auf seiner Stirne gelesen haben! aber da er Ahmet an einer Tafel gegen sich über gelagert sah, der ihm gerade in die Augen sah, erstarrte er, als zerschnitte die Sichel des Todes die Sehnen seines Lebens.

Ahmet erhob sich, nahte ihm mit dem Blick, der ihn so oft zermalmt hatte, und sagte: »Barmecide, genieße der Frucht der Tugend deiner Ahnen und fühle in den Mauern, die sie den Pilgern des Lebens gebauet haben, daß Wohlthaten noch in späten Zeiten unsern Nachkommen nützen.«

Er entfernte sich; Giafar wollte ihm nachfolgen, aber sein ernster und strafender Blick fesselte ihn auf seinen Sitz. Alle Anwesenden sahen mit ängstlicher Verwunderung auf Giafarn, nur der Greis sprach freundlich zu ihm, gab ihm einen Sklaven und Gold und sagte ihm: »Barmecide, eile nach Bagdad und suche den weisen Ahmet zu versöhnen. An der Schwelle der Karavanserie wirst du zwei Kameele finden – denke deiner Ahnen und strebe, die Gunst des weisen Mannes durch würdige Thaten wieder zu gewinnen.

»Des weisen Mannes!« seufzte Giafar, als er das Kameel bestieg. »Ach, seine Weisheit kostet mich viel!«

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