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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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9.

So hatte nun Giafar in Bettlerslumpen und unter dem muthwilligen Gespötte des Pöbels die Hauptstadt Indostans verlassen: lange eilte er keuchend fort, bis er endlich ermüdet niedersank. So wie er sich nur einen Augenblick gesammelt hatte, schoß Alles, was mit ihm vorgegangen war, wie glühendes Feuer und Skorpionen in seinen Busen und in sein Gehirn. Er sah die reizende, wollustathmende Kaiserin vor sich liegen, den Dolch ihres Gemahls in dem Busen wühlen, den er einen Augenblick vorher, in warmer Fülle des Lebens, unter seinen heißen Lippen schwellen und sich gegen ihn bewegen fühlte. Da seine Phantasie sich nun an diese empörende und wollüstige Vorstellung hielt, so glitschte sein Gewissen über den Anlaß zu dieser tragischen Entwicklung, selbst über seine Schuld weg, und er fing bald an, seinem Schmerz dadurch Luft zu machen, daß er den weisen Ahmet mit den wildesten Tönen des Hasses und des Gefühls der Rache verwünschte.

»Nur er ist es,« fuhr er fort, »der mir aus Neid und Mißgunst diesen unmenschlichen Streich gespielt hat, der ihn so lange aufsparte, um sich endlich auf das grausamste an mir zu rächen. Mich zu verhöhnen, führte er mich nach Industan, mich um so empfindlicher, um so tiefer zu stürzen, stellte er mich auf eine Höhe, welcher ich würdig war, die ich ohne seine Bosheit und Kabale durch meinen Verstand, durch das Große und Edle meiner Entwürfe und Thaten behauptet hätte. War es meine Schuld, wenn mich Verhältnisse mit den Menschen und ihre Schlechtigkeit zwangen, zu ihrem Besten Mittel zu befolgen, die ich von Herzen verabscheue. Wahrlich seine Meinung über den Menschen schien mir nie mehr Hirngespinst als jetzt, und nie war es mir klarer als jetzt, daß sich der Schöpfer in seinem Zweck mit uns betrogen hat, wenn er ja einen mit uns hatte. Wenn dieser Zweck reine Tugend, reine Religion, menschliche Regierungsform und moralisches Einverständniß unsers Daseins mit dem in unsre Herzen gelegten Gefühl ist, so sucht man wenigstens umsonst eine Spur davon auf diesem verworrenen Erdboden. Die Menschen sind keines derselben fähig und entfernen sich in dem Augenblick um so weiter davon, je näher wir sie ihnen zu bringen streben. Aber wer ist er, der Geheimnißvolle, der Mann, dem Alles gehorcht, der Völker mit einem Wink leitet und den Pöbel im wildesten Aufruhr fesselt? der den Arm eines nach meinem Blute dürstenden Feindes erstarren macht? der meine Seele mit einem Blick außer Fassung bringt? Er ein Weiser, der mich stürzt, damit ein wilder Tiger über Indostan herrsche? der mir das einzige Gut, das ich je auf der Erde erkannte, in dem glücklichsten Augenblick meines Lebens so schrecklich entriß! Nur ein fühlloses Ungeheuer konnte die Hand eines so erbärmlichen Monarchen zum Mord gegen das schönste Weib der Welt bewaffnen und durch einen abscheulichen Streich mein Glück und alle das Gute vernichten, das aus unserer Verbindung entspringen sollte. O daß ich ihn in meinem gerechten Grimm ergreifen könnte, um mich an ihm zu rächen!«

Hier fuhr, wie eine schnell auflodernde Flamme, das Gespräch mit Ahmet und die daraus entflossene Verbindung durch seine Seele. Seine letzten warnenden Worte über den Trug des Glücks, seine Rettung von der Wuth des Pöbels und Hasans drangen mit Dolchstichen durch sein Herz. Er blickte einen Augenblick hell über seine Thaten und ihren Bewegungsgrund – verglich sie mit seinem Vorhaben – seine Thränen rollten in seinen Bart: aber die starren schmutzigen Lumpen, die er um sich hüllte, verdrängten alle andern Empfindungen. Er raffte sich auf und faßte den Entschluß, durch Abwege, über entlegene Gebirge, unbesuchte Einöden nach Hause zu schleichen und sich an Ahmet zu rächen, wo er ihn ergreifen würde.

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