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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8.

Die Worte Ahmets verhallten in den Ohren des Barmeciden; das trugvolle Glück wiegte ihn noch sanfter ein und lispelte ihm zu: Ahmet sei ein mürrischer, neidischer Mensch, der ihn darum in seiner glänzenden Laufbahn zu stören suche, weil er mißvergnügt sei, daß er sein Glück und seine Macht nicht mit ihm theile, das gleichwohl, da der Pöbel eine so hohe Meinung von ihm habe, unmöglich sei. Auch müßte er, nach ihrer Abrede, die Probe allein und unabhängig bestehen, und er würde bald den ernsten Moralisten von dem Wahne seiner überspannten Meinung über den Menschen überzeugen können.

So ging er nun auf seinem Wege ungestört fort, glaubte, in dem Geiste Ahmets für das Glück Indostans zu arbeiten, und that nichts anders, als dem Drang seiner Leidenschaften zu folgen, die seine Schmeichler nach Gebühr vergötterten.

Die Kaiserin, die endlich den Lohn des überlieferten Opfers ernten wollte, ließ ihn in ihre Gärten bitten. Kunst und Ueppigkeit hatten in denselben Alles zusammengetragen, was das reiche Indostan vermag, und es so geordnet, daß die Sinne bei dem Eintritt in ein Meer von Genuß versanken. Da aber Astarte wollte, daß der Barmecide von diesen wollüstigen Gegenständen nur gereizt werden sollte, ohne daran hängen zu bleiben, so hatte sie dafür gesorgt, daß geistige Empfindungen die gröbern in dem Augenblick der höchsten Spannung unterdrücken mußten. Dieses sah sie zugleich als ein Mittel an, sein Herz mit seinen Sinnen zu fesseln. Strebte er, einer schlanken, wollüstig sich windenden Houri den Schleier zu entreißen, so verschwand sie in einer Rosenlaube, die eine weibliche Bildsäule umschattete, welche dem rohesten Erdensohn feine Gefühle eingeflößt hätte. Dann lockten ihn Geflüster und Gelächter scherzender Mädchen nach einem andern Gebüsche, schon sah er sie in Gruppen sich schlingen und bewegen – sich küssen – er drang nach ihnen – hinter ihm ertönte eine Musik, die durch den Eindruck auf seine Seele seinen Fuß an den Boden fesselte, und so sehr auch seine gröbern Sinne sie mit sich fortreißen wollten, so vermochten sie doch nichts über diesen Zauber. Die feinsten Wohlgerüche erfüllten die Luft. – Die Musik verlor sich in eine sanfte Stille, nur von dem Geräusche kleiner Wasserfälle unterbrochen. Auf einmal hörte er einen Gesang aus einem nahen Bosket, der ihn bis zur seligsten Auflösung entzückte – er eilte nach dem Bosket und fand Astarte von ihren reizenden Sklavinnen umgeben. Bei seiner Erscheinung verschwanden sie. Astarte lag auf einem Ruhebette, und die feinste Wollust schien ihre Stellung geordnet zu haben. Ein leichtes Gewand schwebte um ihren reizenden Körper, wie die Westwinde um die Glieder der badenden Nymphe. Eine angenehme rosenfarbne Dämmerung erfüllte plötzlich das Bosket – sie ward durch eine gemalte Wolke von Nesseltuch bewirkt, welche die Vertrauten Astartes durch einen Zug aufrollten und die das ganze Bosket umschloß. Giafar war seinem Glück nah, War nah, durch einen Frevel ein Bündniß zur künftigen Herrschaft über Indostan zu befestigen, als ihn auf einmal Ahmets fürchterliche Stimme aus dem süßen Wahn aufschreckte und durch seine Seele sauste.

Der rosenfarbene Nebel zerstoß, und Ahmet führte den Kaiser, der einen Dolch in der Hand hielt, mit diesen Worten in das Bosket: sieh, so lohnt der Barmecide dein Vertrauen!

Die Kaiserin that, was einer auf diese Art überfallenen Dame zukommt, sie sank in Ohnmacht, und der wüthende Monarch stieß ihr den Dolch in die entblößte, milchweiße Brust. Das Blut spritzte über Giafar, er faßte sich zusammen, dachte an sein eigenes Selbst, sah grimmig auf Ahmet und warf sich durch das nächste Gebüsch auf die Flucht.

Kaum hatte er sich aus den kaiserlichen Gärten gerettet, als er seinen Ober-Verschnittenen unweit des Hauptthors des Palastes antraf, der ihm ein Pferd zuführte und ihn folgendergestalt anredete:

»Barmecide, ich weiß, was dir begegnet ist, und seh' es leider an dem Blute, womit du besteckt bist. Alles Dieses ist das Werk des weisen Ahmets. Er hatte deine Zusammenkunft mit der Kaiserin ausgespäht, den Monarchen davon unterrichtet und ihn selbst nach den Gärten seiner Gemahlin geführt. Auch hat er den Vizir Hasan errettet, in dem Augenblicke, da man ihn erdrosseln wollte. Du siehst hieraus, wie weit seine Freundschaft für dich geht. Uebrigens ist keine andre Rettung für dich als die Flucht, und dazu soll dir dieses windschnelle Pferd behülflich sein. Ich thue hierbei nicht mehr für dich, als ich für viele deiner Vorgänger längst gethan habe. Die Veränderung im Staat macht mir Vergnügen, und ich liebe den Wechsel des Glücks. Ich verstehe die Kunst, den Leidenschaften der Großen so lange zu schmeicheln, bis sie klein werden. Gewöhnlich brauche ich nicht viel Zeit dazu, und es ist ein Spiel, das einem Verschnittenen nur einen kleinen Ersatz für einen so großen Verlust gewählt. Eile, ich gehe nun, unsern vorigen Herrn zum zweitenmal zu empfangen. Grüße die Tugend von mir, Barmecide, wenn du sie ja erhaschest, und erzähle ihr, was für Wunder du um ihretwillen in Indostan gethan hast!«

Die Wuth über die Entdeckung des Verraths Ahmets hatte Giafars Sinne so betäubt, daß er die Bedeutung der letzten Worte Asuphs nicht fassen konnte oder wollte; er warf sich auf den flüchtigen Springer und eilte davon. Als er in die Hauptstraße kam, ertönte ein furchtbares Geschrei: »Der Barmecide! der Barmecide! er will entfliehen! er, der unsre Hoffnung täuschte! der uns noch unglücklicher machte, als Hasan! Da flieht er, befleckt mit dem Blute unserer Kaiserin! beladen mit den Thränen und Flüchen der Unglücklichen und Verfolgten! Laßt uns sie rächen und ihn zerreißen!«

Der Barmecide bebte – das Geschrei und Herzudrängen der Menge machte den flüchtigen Springer stutzen. Giafar trieb ihn an mit zitternden Knieen und Fersen – er bäumte sich, sprang vorwärts und warf den Bebenden zu Boden. Das Volk fiel über Giafarn her, riß ihm sein Geschmeide, seine Prachtkleider ab, bedeckte ihn mit Lumpen der Bettler, die sich um ihn versammelt hatten und ein großes Jubelgeschrei über seinen Fall anstimmten. Sie theilten sich in die von ihnen zerrissenen Fetzen seines Gewandes und tanzten wild um ihn herum. Hasan ritt mit seinem Gefolge die Straße herauf, ein Theil des Volks goß sich ihm unter Siegsgeschrei entgegen, führte ihn zu Giafar und schrie mit rasender Wuth: »Hasan, wir rächen dich an deinem und unserm Feinde! Du sollst sehen, wie wir ihn zerfleischen wollen!« Mein sei eure Rache, rief Hasan, sprengte gegen Giafarn und zog sein Schwert, ihm das blasse Haupt vom zitternden Rumpfe zu trennen. Ahmet erschien, und der wüthende Haufe floß aus einander. Er rief dem Vizir zu: »Greife der Rache nicht vor, er wird ihr nicht entfliehen!« Sobald Hasan Ahmets Stimme vernahm, drückte er gehorsam sein Schwert in die Scheide, beugte sich demüthig gegen ihn, sah mit Verachtung auf Giafarn und rief in einem näselnden Tone: »Ein Barmecide! He! he! Ein Barmecide!«

Der Pöbel näselte das Wort nach, geleitete den halbtodten Giafarn unter Spott und Hohn aus der Stadt und stieß ihn über die Grenzen derselben.

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