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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6.

Giafar fand den Kaiser in Gesellschaft seines Lieblings, der sich bei seiner Ankunft demüthig entfernte, im Herzen überzeugt, es sei das letztemal, daß der Barmecide die Macht hätte, ihn zu vertreiben. Giafar hielt dem Verschnittenen, sobald er den Rücken gewandt hatte, eine große Lobrede und bezeugte Seiner Majestät seine Verwunderung darüber, daß sie noch nicht darauf gedacht hätte, einem so fähigen und rechtschaffenen Manne einen ihm würdigen Posten zu verleihen. Der Monarch war hoch erfreut, seinen Vizir für seinen Liebling so gut gestimmt zu sehen, und Giafar nutzte den Augenblick, den Verschnittenen unter einem Vorwande augenblicklich als Satrape in eine Grenzprovinz des Reichs zu schicken. Der Befehl ward ausgefertigt, unterzeichnet, und der erstaunte Verschnittene mußte reisen, nachdem er sich auf des Kaisers Befehl bei seinem edlen Wohlthäter bedankt hatte.

Unterdessen brachte man die Wachteln, mit der Empfehlung des Vizirs Hasan von Seiten der Kaiserin. Giafar nahm sie selbst in Empfang, stellte sie vor den Kaiser im Namen seiner Gemahlin, empfahl ihm Hasan mit vieler Wärme und erinnerte ihn an sein kaiserliches Versprechen. Der Monarch weinte vor Freude über Giafars edle Gemüthsart, umarmte ihn und sagte entzückt: »So werde ich die goldnen Eier nun doch sehen, und der Vizir soll, weil du es so willst, seine Schätze zurück haben und Aufseher meiner Vögel werden. O Barmecide, welchen Schatz besitze ich in dir!«

Giafar nahm hierauf eine Wachtel aus dem Käficht, streichelte sie, liebkoste sie, pfiff ihr vor, netzte endlich unvermerkt seine Finger und fuhr ihr damit über den Rücken. Der Monarch freute sich innigst über Giafars Gefälligkeit und Theilnahme. Auf einmal zeigte ihm Giafar das Innere seiner Hand, die das glänzende und wunderbare Gefieder abgerieben hatte, und mit der andern hielt er dem Monarchen den Vogel in seinem kahlen, gemeinen Gefieder hin, das durch den hier und da zurückgebliebenen Firniß von Gold und Purpur noch widriger ward.

Der Monarch erblaßte und bebte: Giafar, ist dies Zauberei?

Giafar. Eine ganz natürliche – hier siehst du den Firniß (indem er seine flache Hand und die Wachtel hinhielt), womit sich der Verwegene erkühnte, einen so edlen und gutmüthigen Monarchen zu täuschen. Ich bedaure es, daß ich das Gute zurücknehmen muß, das ich für ihn gesprochen; aber konnte ich dieses voraussehen? Beim Propheten und dem Schwerte der Gerechtigkeit! nie ist Hochverrath kühner gewesen, und wär' ich zur Härte oder besser zu sagen zur strengen Gerechtigkeit geneigt, ich würde sagen, der Mann, der ein solches Verbrechen gegen den Kaiser von Indostan begeht, ist des Todes schuldig!

Der Monarch glühte vor Wuth. Er nahm den andern Vogel aus dem Käficht, überzeugte sich gänzlich von dem Betrug, ließ dann die Vögel fliegen, die mit lautem Ruf davon flatterten. Hierauf sagte er: »Sie haben sein Urtheil gesprochen! schicke ihm einen Strick, den Lohn des Betrugs!«

Giafar ging, den Befehl dazu zu geben. Die Wachteln riefen ihm von einem nahen Baume nach; eine kleine Wallung des Herzens wandelte ihn dabei an; aber schnell flüsterte ihm die Staatskunst zu: »Dein Vater, der tugendhafteste Mann in Persien, ward auf Befehl des Khalifen erdrosselt, weil er es zu gut mit seinen Unterthanen meinte, soll nun ein grausamer Vizir verschont werden, der so viel Böses gethan hat und den besten Monarchen mit gemalten Wachteln betrügen will, um mich zu stürzen? Dafür allein verdient er den Strick, weil er das Gute hindern will, das ich in Indostan gewirkt habe und ferner wirken werde.«

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