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Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit - Kapitel 8
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8.

Der Präsident ward nach Hofe gerufen, und der Fürst gab ihm mit freundlicher Miene den Brief seines Neffen. Er las, beobachtete dabei diese Miene, gab den Brief lächelnd zurück und erzählte dann dem Fürsten in einem leichten Tone, was Abends vorher zwischen ihm und seinem Neffen vorgefallen sei. Zugleich gab er dem Fürsten zu verstehen, er glaube, der Hofmeister verwirre dem jungen Menschen den Kopf; bat dann für den Jugendstreich um Vergebung und versicherte dem Fürsten, er wolle Alles in der Stille in Ordnung bringen.

Der Fürst antwortete:

»Ich habe Ihrem Neffen gar nichts zu vergeben und bin so wenig gegen ihn aufgebracht, daß ich ihn vielmehr zu sehen wünsche. Der Brief ist schön, ruhig und bescheiden abgefaßt. Ich erinnere mich von langer Zeit her keines, der mir so viel Vergnügen gemacht hätte. Herz und Verstand sprechen hier, und meine Räthe schreiben nie so. Der junge Mensch that, was ich selbst so gern thue; er will einem nützlichen Manne helfen, und dazu wählte er den geradesten Weg. Diese Einfälle kommen unsern jungen Leuten jetzt eben so selten, wie den Alten, und darum muß man ihn so behandeln, daß man ihn nicht abschrecke. Leicht könnten wir hier das Gute zerrütten, das sich mit so vieler Güte, mit so unschuldigem Vertrauen zeigt. Sorgen Sie nur dafür, daß der Kammerrath wieder angestellt werde; denn ich glaube der Erzählung Ihres Neffen mehr, als Ihren Räthen. Diese verdrehten aus Liebe zur Ordnung einen Umstand, den der junge Mensch viel richtiger gefaßt hat.«

Der Präsident äußerte: Es sei nie sein Wille gewesen, den würdigen Kammerrath in Unthätigkeit zu lassen. Was geschehen sei, habe ihm selbst sehr leid gethan; aber das Sonderbare der Umstände habe ihn dazu gezwungen. Der Posten, den er ihm jetzt bestimme, sei von der Art, daß der Kammerrath in demselben alle seine Eigenheiten, ohne Nachtheil für Andere, ausüben könne; nur bitte er Seine Durchlaucht, ihm noch einige Frist zu geben, damit sein Neffe nicht etwa glauben möge, er habe es durch die Klage bewirkt. Er fürchte die Folgen davon nur für seinen Neffen, da die Welt seinem Benehmen wahrscheinlich eine andere Wendung geben werde, als es die wirklich gute Absicht des Jünglings verdiene. Auch wage er es, Seine Durchlaucht zu bitten, seinen Neffen jetzt nicht zu sehen; es könnte zu viel Aufsehen machen, vielleicht gar den Stolz des jungen Menschen reizen: und nichts sei gefährlicher für Jünglinge von der sonderbaren Geistesstimmung seines Neffen. »Gewiß,« setzte er hinzu, »wird Niemand in der Residenz, da doch im Grunde die Klage seinen Oheim betrifft, so darüber denken, wie Ew. Durchlaucht und ich. Soll ich nun den Jüngling dem Unwillen der Welt über eine Handlung aussetzen, für die er, wie Sie selbst zu sagen geruhen, Lob verdient?«

Der Fürst fand seine Vorstellung billig und weise. Er nahm den Brief aus den Händen des Präsidenten zurück und äußerte:

»Sagen Sie Ihrem Neffen, daß ich diesen Brief, als ein mir gethanes Gelübde, aufbewahren will; daß ich, wenn er ein Mann sein wird, nach diesem Briefe urtheilen werde, ob er gehalten hat, was er hier verspricht, wozu er sich durch einen solchen Schritt als Jüngling verpflichtet. Sagen Sie ihm, daß ich auf ihn rechne – und Ihnen wünsche ich Glück zu einem solchen Neffen.«

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