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Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit - Kapitel 7
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7.

Ernst ging wie im Traum auf das Zimmer. Sein innrer Sinn schwankte, und das hohe Gebilde seiner Seele, in jugendlicher Begeisterung errungen, schien hinter fernen dunklen Wolken, außer seinem Gesichtskreise, zu schweben. Der Sinn der Worte, die der Präsident gesagt hatte, bildete sich in ein furchtbares, drohendes Wesen um ihn aus; und schon jetzt würde es sich ihm, in dieser Spannung, enthüllt haben, wenn der Mann, der die Veranlassung dazu gab, nicht aus dem ihn umschattenden Dunkel hervorgetreten wäre. Seine reine, einfache Tugend warf einen sanften Lichtstrahl auf den Kranz, den er heute gepflückt hatte und der jetzt über seinem Hauptkissen hing. Die Wolken, die seine Göttin verhüllten, wurden wieder lichter.

Ferdinand! rief er nach langem Schweigen; du hast gehört, daß ich meinen Oheim umsonst für den Kammerrath gebeten habe. Der arme, gute Kammerrath! Wie konnte der Oheim mir eine so billige, so kleine, so gerechte Sache abschlagen!

Ferdinand. Wenn ich deinen Oheim recht verstanden habe, so hat er dir sie eben darum abgeschlagen, weil sie gerecht ist und er Unrecht hat. Auch dünkt es mich nach seinen Reden, daß es eben nicht die kleinste und leichteste Sache in der Welt ist, gerecht zu sein. Und um so besser, Ernst! Es ist mir recht lieb, daß es sich so verhält. Um so mehr können Die, welche den Muth haben gerecht zu sein, Lob und Ruhm in der Welt erwerben. Wie, wenn wir nun dem guten Kammerrath, trotz dem Oheim, zu helfen suchten, helfen könnten!

Ernst. Trotz dem Oheim? Und wie?

Ferdinand. Ich möchte gar zu gerne das ganze Fürstenthum in einen solchen Garten verwandelt sehen, den Hadem mit allem Rechte ein Paradies nennt. Und wenn ich mich so mitten hineinsetzen könnte, als sein Schöpfer –

Ernst. Dich? Was träumst du nun wieder von der Zukunft! Ich dachte, du wüßtest ein Mittel, dem Kammerrath zu helfen, ihm sein Haus, seinen Garten, seine Stelle wieder zu verschaffen!

Ferdinand. Dies ist es eben, was mich beschäftigt, und darum, Ernst, muß etwas Kühnes unternommen werden; etwas, das kein Mensch von uns erwartet, so etwas, das deinen klugen Oheim selbst in Erstaunen setzt.

Ernst. Und was?

Ferdinand. Es wird in der ganzen Stadt, am Hofe selbst Aufsehen machen, darauf verlasse dich. Ich dachte es mir schon heute, als ich an dem Bette des kranken Knaben stand, die Fliegen wegjagte und den guten Mann so reden und handeln hörte und sah.

Ernst. Schon da dachtest du es? Nun, so muß es gewiß ein guter Einfall sein, da du ihn in diesem Augenblicke gehabt hast. Ich dachte an weiter nichts, als wie glücklich er wäre, wie er gar nichts zu bedürfen schiene. Aber nun, Ferdinand, da ich meinen Oheim so von ihm reden hörte, denke ich ganz anders; und ietzt denke ich auch, daß ihn die Menschen brauchen; daß ihn Die brauchen, die an das Wesen, von welchem mein Oheim so ängstlich für mich sprach, gefesselt sind. Er nannte das kalte, ungeheure Ding: System; und mich überläuft ein frostiger Schauder, wenn ich das Wort ihm nachspreche. Ach, ich sehe es wohl, eben dieses furchtbare Wesen hat den guten Kammerrath zermalmet; und herrscht wirklich ein solches Ungeheuer überall, so fürcht' ich, Ferdinand, es wird auch mich zermalmen.

Ferdinand. Das würde es gewiß, wenn wir uns vor ihm fürchteten; aber das wollen wir nicht. Wir fürchten uns ja nicht vor andern Gespenstern, sondern lachen über den Wahn, der sie erzeugt. Und mit diesem da, das der Oheim so schrecklich malt, möchte ich am liebsten kämpfen.

Ernst. Auch ich könnte es; aber was hast du ersonnen?

Ferdinand. Geradezu an den Fürsten zu schreiben, der, wie Alle sagen, so gut ist, und ihm die ganze Geschichte des Kammerraths zu erzählen. Ich wette, er gibt ihm Alles zurück; und dann kann der Kammerrath noch mehr Gärten in des Fürsten Lande pflanzen.

Ernst (ging auf und ab). Und mein Oheim?

Ferdinand. Deinen Oheim hat die Kammer betrogen; wie hätte sonst er, ein so kluger Mann, etwas zum Nachtheil der Kammer und des Fürsten thun können? Hätte er es aber gekonnt, Ernst, so muß Einer aus Eurer Familie wieder gut machen, was der Andere schlecht gemacht hat, und so die Ehre der Familie retten. Mein Timoleon schonte seines Bruders nicht, als dieser anfing ungerecht zu sein.

Ernst. Ferdinand, ich will hoffen, mein Oheim hatte keinen Theil daran.

Ferdinand. Und wenn nun? Wir zeigen ihm doch, daß wir uns vor seinem Gespenste so wenig fürchten, als Hadem, den dessen Hervorrufen nur deßhalb zu bekümmern schien, weil er ganz anders von der Sache denkt. Und sagt uns Hadem nicht immer, daß man bei guten, gerechten Unternehmungen weder auf sich noch Andere Rücksicht nehmen müsse? Sollte ich nun etwas unternehmen, so würde ich eher Hadem als deinen Oheim um Rath fragen; denn mich dünkt, dein Oheim weiß recht gut, was sein Gespenst ihm nützt, kümmert sich aber nicht sehr viel darum, was es Andern schadet.

Ernst. So laß uns Hadem um Rath fragen.

Ferdinand. Auf keine Weise. Ich theile den Ruhm der ersten guten That, die wir unternehmen wollen, nur mit dir, mit keinem Andern, selbst mit Hadem nicht. Nur dir bin ich Dieses und Alles schuldig, von der Höhle her. Ernst, es muß eine Jugendthat sein; – und soll sie ihn recht freuen, die That, soll er sie als eine Wirkung seiner uns gegebenen Lehren betrachten, so muß sie ohne seine Leitung geschehen. Leicht könnte es ihm auch bei deinem Oheim, der ihn eben nicht zu lieben scheint, Verdruß machen; und da es etwas für die Gerechtigkeit Gewagtes ist, so müssen wir alle Gefahr allein bestehen.

In Ernstens Seele arbeitete die Vorstellung des Unternehmens mächtig. Schon entwarf er im Geiste, was er dem Fürsten schreiben wollte. Er wendete sich zu Ferdinand:

»Aber wie dem Fürsten den Brief zustellen?«

Ferdinand. Nichts ist leichter. Erinnerst du dich der dunkeln Laube am hellen Teiche, der grünen Insel gegenüber, wo wir ihn jeden Morgen von fern mit einem Buche allein sitzen sehen? Wir legen den Brief auf die Bank und verschwinden. Er kommt, findet, liest; und der Kammerrath erhält, was wir ihm wünschen.

Die Jünglinge kleideten sich aus. Hadem kam; er fand sie ruhig, sah in Ernstens Augen den Duft der schönen Begeisterung und schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß die Reden des Oheims ohne gefährliche Wirkung an ihm vorübergegangen wären.

Im Traume arbeitete der Gedanke in Ernstens Seele fort. Er erwachte sehr früh und rief Ferdinand. Da dieser von dem gestrigen Vorhaben nichts erwähnte und ganz ruhig im Bette blieb, so sprang Ernst auf, kleidete sich schnell an und schrieb dem Fürsten die Geschichte des Kammerraths in eben dem schönen und einfachen Gefühle, wie sein junges Herz sie gestern empfunden hatte. Er endigte mit den Worten: »Ich fürchte durch eine Bitte für den Kammerrath einen so guten Fürsten zu beleidigen, da jede Bitte einen Zweifel an seiner Güte und Gerechtigkeit voraussetzt.« Ehe Hadem und Ferdinand aufstanden, war Ernst schon in dem fürstlichen Garten gewesen und hatte sein Schreiben an Ort und Stelle gebracht. Auf den Schwingen der ersten guten That flog er nach Hause und lispelte die Zeitung davon in das Ohr des noch schlafenden Ferdinands.

Es war der erste Schritt, der erste Gedanke, den er Hadem verheimlichte; und dieser Schritt entschied über seine Denkungsart, die Stimmung seines Geistes und verdunkelte über den wichtigsten Punkt seines Lebens sein Gefühl so sehr, daß er dessen in späteren Zeiten nie mehr so mächtig werden konnte, wie er es in seiner schönen, blühenden Jugend im Busen trug.

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