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Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit - Kapitel 6
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6.

Beim Abendtische erzählten die Jünglinge dem Oheim, wie angenehm sie diesen Tag auf dem Lande zugebracht hätten. Der Oheim ließ sich erzählen und sah während der Erzählung verdrießlich auf Hadem. Als aber Ernst über den Undank und die Ungerechtigkeit klagte, die man gegen den Kammerrath ausgeübt, und von diesem Manne in dem Gefühle sprach, in welchem er ihn ansah, endlich gar seinen Oheim dringend bat, sich für ihn zu verwenden, sagte der Präsident in einem rauhern Tone, als er bisher noch gethan hatte:

»Herr Hadem, wissen Sie wohl, daß ich Präsident dieser Kammer bin? daß ich des Thoren Abschied unterschrieben habe? daß ihm widerfahren ist, was er mehr als verdient hat? Soll mein Neffe etwa von Ihnen lernen, sein Oheim sei ein ungerechter Mann? Und was soll Das heißen, daß Sie die jungen Leute zu einem Thoren führen, dessen Beispiel, Narrheit und Spiegelfechterei so verderbend als ansteckend für sie sind? Zu einem Phantasten, der die fürstliche Kasse mit der Rechten bestiehlt, um mit der Linken, wie Hans Eulenspiegel, Almosen zu spenden! Ich mag mich jetzt nicht weiter über diese Sache herauslassen und sage Ihnen nur so viel, daß dieses nicht die Leute sind, zu denen ein Hofmeister die ihm anvertrauten jungen Edelleute führen muß, da sich in der Residenz und vorzüglich in meinem Hause bessere, anständigere und nützlichere Bekanntschaften für sie machen lassen.«

Hadem antwortete kalt und trocken:

»Den Schaden, Eure Excellenz, der durch diesen Besuch diesen jungen Edelleuten widerfahren sein mag, habe ich gegen Herrn von Falkenburg zu verantworten.«

Sie vergessen, mein Herr, daß ich nun seine Stelle vertrete! sagte der Präsident mit Unwillen.

Hadem erwiederte:

»Das Weitere nach der Tafel, Herr Präsident!«

Ernst trat bittend zu seinem Oheim, ergriff sanft seine Hand und küßte sie. »Sie irren sich, lieber Oheim; dieser Besuch ist uns sehr nützlich gewesen. – Verzeihen Sie mir meine Zudringlichkeit; und sollten Sie mir dieselbe auch nicht verzeihen, so muß ich doch noch einmal für den Kammerrath bitten, dem so viel Unrecht geschehen ist. Gewiß hat man Ihnen, in Ansehung seiner, nicht die Wahrheit gesagt; er hat Feinde, der gute Mann. – Hören Sie die Wahrheit von mir!«

Präsident. Ich weiß sie recht gut, lieber Neffe, die Wahrheit, und weiß auch, daß dieser Thor keinen größern Feind hat, als sich selbst. Vernimm nun mein letztes Wort über diesen, mir jetzt noch gehässigern Punkt. Laß dir dasselbe als ein Edelmann, der einst thätig in der Welt auftreten muß, von einem erfahrnen Geschäftsmann gesagt und unvergeßlich sein. Jeder Staat, er sei groß oder klein, besteht durch ein Ding, an das Alles gefesselt ist und gefesselt bleiben muß, das Alles durch feste, unabänderliche Ordnung in Abhängigkeit von sich hält. Dieses Ding, Ernst, heißt System: und nach ihm muß sich ein Jeder von uns bequemen, er sei und heiße, wie er wolle. Es ist unser Aller gewaltiger Herr und Herrscher. Der Fürst selbst muß sich ihm unterwerfen und gleicht dadurch dem Gott der alten Fabel, der zwar Alles beherrscht, aber von dem ewigen Schicksal, vor ihm selbst geboren, abhängt. Sieh, ich kann auch in Bildern reden und beweise dir nun, daß ich die Bücher gelesen habe, die dich zu erhitzen scheinen. (Er blickte nach Hadem und fuhr fort.) Jeder kühne Vernünftler nun, oder jeder heiße Schwärmer, der durch anmaßende Zurechtweisungen, unregelmäßige Eingriffe den festen Gang dieses kalten, unbiegsamen, nothwendigen Wesens, das Alles zermalmet, was sich ihm entgegenstellt, und das die Menschen zu ihrer eignen Erhaltung als Herrscher über sich erschaffen mußten, zu stören wagt, zerstößt sein leeres oder feuriges Gehirn an diesem in Erz gepanzerten Riesen. Ich habe bemerkt, daß die Metapher deine Lieblingsfigur geworden ist; so wirst du mich ja um so leichter verstehen.

Hadem saß da, als führen verzehrende Blitze aus dem Munde des Redenden. Er sah durch einige Athemzüge des gereizten kalten Mannes sein ganzes Gebäude erschüttert; die Blüthen seiner Hoffnung von einer giftigen Luft in dem Augenblick angehaucht, da sie eben aus der Knospe dringen wollte.

Ernst stand da, als habe sein Oheim durch einen Zauberspruch die Sonne verfinstert und ihn mitten in den Kreis scheußlicher, der Finsterniß entsprungener Gespenster gestellt.

Hadem wollte reden. Der Präsident hob die Tafel auf und trat mit ihm in ein Seitenzimmer. Er sprach:

»Es scheint nicht, Herr Hadem, daß Ihnen Das sehr gefalle, was ich so eben nothgedrungen sagen mußte. Ich glaube es gerne; denn ihr Herren, die ihr auf eurer Studierstube die Menschen und ihr Wesen nur aus Büchern kennen lernt, tragt gar zu gern eure abgezogenen Begriffe in die Welt über, in welcher ihr immer Fremdlinge seid und bleibt. Ich dachte wohl, daß Sie so etwas diesem Aehnliches vorbringen würden; darum endigte ich das Gespräch im Speisesaal. Glauben Sie mir, Herr Hadem, nichts ist jungen Leuten von lebhaften Gefühlen nachtheiliger, als wenn man ihre Erwartungen von den Menschen und ihrem Werth über die Grenzen der Wirklichkeit treibt. Denn entweder sieht der junge Mann ein, daß man ihm zu viel gesagt hat, und wirft plötzlich Alles als Lüge weg, wird ein schlechter Kerl; oder, hat er Kraft und Stolz, so wird er am Ende ein mißmuthiger, melancholischer Tropf, sich und Andern zur Last. Darum frage ich Sie nun als ein Mann, der Beides haßt: was denken Sie eigentlich in meinem Neffen zu erziehen?«

Hadem. Und so antworte ich Ihnen als ein Mann, der auch Beides haßt: – Wenn es mir glückt, wie ich zu hoffen Grund habe; wenn Aeußerungen, wie ich so eben vor der Zeit vernehmen mußte, mich nicht in meinen schönen Hoffnungen betrügen ...

Der Präsident ward finster-ernsthaft.

Hadem fuhr fort: Warum sollt' ich Ihnen nicht sagen, daß Bemerkungen, Bilder über die Gesellschaft, der wir einst beitreten sollen, so fürchterlich und ohne alle Vorbereitung aufgestellt, wie Sie es eben thaten, nur dann von uns ertragen und richtig beurtheilt werden können, wenn unser Herz schon so weit ausgebildet, schon seiner so mächtig geworden und mit der Vernunft in eine so richtige Uebereinstimmung gebracht ist, daß es unsre eigennützigen Leidenschaften, unsere selbstigen Triebe und Begierden, die aus dergleichen, auf sogenannte Erfahrung gegründeten Sätzen entspringen, meistern kann? Leicht nimmt der Mensch die Stelle des Ganzen ein und sieht es gerne für einen Gegenstand an, mit dem Der am besten auskommt, der ihn am klügsten zu seinem Vortheil zu benutzen weiß. Ich denke Ernsten und seinen Freund so hoch zu stellen, daß sie nie im Schlamm des Eigennutzes versinken können; und darum müssen die Flügel, die sie über diesem Pfuhl empor halten sollen, aus ihrem eignen Herzen wachsen. Hier haben Sie meine Antwort auf Ihre Frage und den ganzen Sinn meines Erziehungsplans.

Präsident. Und nochmals frage ich: was wollen Sie in meinem Neffen erziehen?

Hadem. Einen Menschen.

Präsident. Einen Menschen!

Hadem. Und zwar in dem Sinne, weil Sie doch die Bedeutung von mir hören wollen, daß er es nicht für sich allein sei, daß er es für Jeden sei, es für sich selbst, in jeder Lage des Lebens, er sei glücklich oder unglücklich, reich oder arm, verbleibe; daß er jeden Schlag des Schicksals, der Bosheit der Menschen ertragen lerne und keinem unterliege; daß er keinen größern Sieg kenne, als den Sieg über sich und seine eigennützigen Leidenschaften, über das Böse und Unrecht Anderer. Einen Menschen hoffe ich in ihm zu erziehen, der eine stille, gute That der größten und rauschendsten vorziehe und der den Menschen so durch sich und sein Wirken achten lerne, daß er ihn in keinem, auch in dem Geringsten nicht verachte; der fest glauben lerne und nie vergesse, daß es nur Leute der Art sind, wozu ich ihn bilden möchte, und wozu er so vielversprechende Anlagen hat, die das gepanzerte Gespenst, das Sie so fürchterlich schreckend auftreten ließen, noch so im Zaume halten, daß es die Menschen, die es, wie Sie selbst sagen, nur um ihrer Erhaltung willen geschaffen haben, nicht unter seinem ehernen Fuße zermalmen kann.

Präsident. Ein Stoiker könnte nicht erhabener sprechen! Setzen Sie das Horazische: er ist König! hinzu; und das Bild des Weisen ist vollendet. Freilich sind dieses gewaltige Machtwörter, Herr Hadem; aber ihr zauberischer Glanz verdunkelt sich gar schnell vor dem Zwitterlichte, das uns in diesem Sumpfe, wie es Ihnen das menschliche Leben zu nennen beliebt, noch immer leuchtet. Wir stecken nun einmal darin und müssen es sogar leiden, daß es uns Leute Ihrer Art von ihrer glänzenden Höhe zurufen. Indessen ist leider auch meinem Neffen ein Platz in diesem Sumpfe angewiesen, und er muß einmal darnach erzogen werden, daß er darin nicht versinke. Darum, Herr Hadem, einen Edelmann und keinen Menschen – Sie verstehen ja, was ich sagen will.

Hadem. Und so, Ew. Excellenz, daß jede Antwort überflüssig wäre.

Der Präsident wendete ihm verdrießlich den Rücken zu.

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