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Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit - Kapitel 5
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5.

Beim Niederlegen sagte Hadem zu seinen Zöglingen:

»Morgen besuchen wir den Kammerrath Kalkheim; aber ihr müßt früh aufstehen, damit wir durch seine blühenden Felder wandeln, bevor die Sonne den Morgenthau ganz aufgetrocknet hat. Die Lerche erhebt sich dann mit schmetterndem Gesange.«

Sie brachen früh auf, und nach einigen Stunden sagte Hadem zu den Jünglingen:

»Hier fangen die Felder an, die unter des Kammerraths Aufsicht und Leitung bebauet werden. Vergleicht sie mit denen, an welchen wir vorüber gegangen sind. Bemerkt doch, wie viel höher und voller die Aehren stehen, wie auf diesem überall blühenden und grünenden Schauplatze kein Fleckchen unbenutzt geblieben ist. Das ganze Land gleicht einem einzigen großen Garten: so unschädlich und geschickt, für Aecker und Wiesen, sind die Fruchtbäume angelegt. Ehemals entbehrten die Einwohner der Gegend diesen frischen und erquickenden Genuß, und nun danken alle diese Bäume dem Kammerrath ihr Dasein und füllen reichlich die Behälter der Hausmütter. Die Kinder empfangen die süßen, gesunden Früchte aus den Händen der Mutter und genießen sie unter dem Andenken ihres Wohlthäters. Von jenem Hügel werden wir das Dorf schon sehen, in welchem der Glückliche wohnt, dessen wohlthätiger Geist diesen einst rauhen und unfruchtbaren Strich Erde so schön und blühend geschmückt hat. Es soll heute das Ziel unsrer Wanderung sein; den Rückweg nehmen wir durch eine andere Gegend: denn seine Verwaltung erstreckt sich über mehrere Dörfer und Felder.«

Ferdinand hatte viel zu fragen. Hadem mischte in seine Antworten seine Gesinnungen über das Glück der Beschränktheit und Einfalt, um dem Geiste des reizbaren Jünglings die Richtung zu geben, die er ihm wünschte.

Als sie an das reine, wohlgebaute Dorf kamen, führte Hadem sie gerade nach dem Hause des Kammerraths. Sie traten hinein, und Hadem bemerkte schon in dem Vorhause eine ihn befremdende Veränderung. Er öffnete die Thür des Zimmers, worin sonst Kalkheim wohnte, und fand hier Alles verändert. Die Wände, die er bei seinen ehemaligen Besuchen mit den verschiedenen Werkzeugen des Ackerbaues bemalt sah, waren blendend weiß übertüncht. Die Schränkchen an diesen Wänden, in welchen der Kammerrath, in Flaschen oder unter Glase, alle nöthigen Gesäme in systematischer Ordnung aufbehielt, waren abgebrochen; das Bücherbrett im Winkel, alle Geräthschaften waren verschwunden, und das ganze Zimmer strotzte von langen Tischen und leeren Bänken. Hadem glaubte sich in dem Hause geirrt zu haben und wollte schon umkehren, als ihm aus dem Winkel eine traurige Stimme zurief:

»Nur immer zu, meine Herren!«

Hadem fragte nun nach dem Kammerrath, und der Mann sagte noch klagender:

»Ach, daß Gott erbarme! Er wohnt schon lange nicht mehr hier; aber ich armer, zu Grunde gerichteter Mann – ein Gastwirth ohne Gäste – wohne hier in einem Wirthshause, das ihr zum ersten Mal als Gast betretet!«

Hadem. Ein Wirthshaus?

Wirth. Ja, ja! ein Wirthshaus, so schön, als nur eins im Lande sein kann, und so unbesucht, als eins in dem großen Deutschland. Haben Sie denn das Schild nicht gesehen, das so prächtig vergoldet über die Straße hinüberhängt? Pracht von außen, Herr, und Elend im Innern. Gras wächst vor meiner Thüre, daß der Hirt die Kühe nicht vorüberbringen kann, wenn er hinaustreibt. Haben Sie Das nicht bemerkt?

Hadem trat an das Fenster und las die Aufschrift: zum Verschwender! mit großen goldnen Buchstaben. Das Schild selbst war mit einem anspielenden Gemälde geziert, das den Geist verrieth, der es angegeben hatte. Und nun erfuhr Hadem: der Kammerrath sei von der Kammer abgesetzt worden; man habe das Haus um einiger Schulden willen verkauft und zu einem Wirthshause gemacht. »Aber,« setzte der Wirth hinzu: »es ist ein Kauf, der mich zum Bettler macht. Kein Bauer des Dorfs und der Gegend hat noch den Fuß über meine Schwelle gesetzt. Mit Vergnügen sieht Jeder das Gras vor meiner Thüre wachsen und sagt laut: ich müßte in diesem Hause entweder verhungern oder toll werden. Der Kammerrath, der mich bedauert, ist noch der Einzige, der mich zu Zeiten besucht; aber selbst sein Beispiel vermag nichts über die Halsstarrigen, die nie an meinem Hause vorübergehen, ohne einen Fluch in ihren Bart zu murmeln. Und mich recht elend zu machen, spricht Keiner ein Wort mit mir; Keiner dankt meinem Gruße; in der Kirche muß ich allein sitzen, und selbst die kleinen Kinder laufen schreiend weg, wenn ich sie anreden will. Ich war bei dem Pfarrer; auch der schweigt und seufzt und scheint unzufrieden mit der Kammer.«

Ferdinand. Und warum setzte denn die Kammer ihn ab? Was hatte er Böses gethan?

Wirth. Böses? Junger Herr, darüber wäre Vieles zu reden! Die Kammer muß es ja wohl wissen. – Ich klage und jammre nun auch umsonst bei ihr. –

Und wo ist denn der Kammerrath? fragte Hadem besorgt.

Wirth. Dem geht es recht gut! Jetzt wohnt er bei dem Schulzen. Er ändert seine Wohnung von Woche zu Woche; und ist er bei den Wohlhabenden eines Dorfes herum, so zieht er auf das nächste und so immer fort. Da ist es denn ein Lärmen, Singen und Schreien, wenn der Sonnabend kommt! Da führen ihn Mütter, Kinder und die Alten mit Hund und Allem, was lebt, so freudig und mit solcher Ehrfurcht in die neue Wohnung ein, als wäre ein Engel vom Himmel gestiegen, um das Haus reich, glücklich und Alles darin gesund zu machen.

Hadem eilte nun mit seinen Zöglingen nach dem Hause des Schulzen. Die Hausfrau war in der Küche beschäftigt; und als man sie nach dem Kammerrath fragte, öffnete sie freundlich die Thüre. Den Kammerrath fanden sie an dem Bette eines kranken Knaben sitzen, mit der rechten Hand einen Fliegenwedel und mit der linken ein großes Pflanzenbuch auf dem Arme haltend.

Als er die Eintretenden gewahr wurde und Hadem erkannte, bewillkommte er ihn, ohne aufzustehen und ohne sich anders zu entschuldigen, als daß er mit einem Blick auf den kranken Knaben hinzeigte.

Hadem stellte ihm seine Zöglinge vor, drückte ihm die Hand, zog einen Schemel näher und setzte sich bei dem Bette nieder. Der Kammerrath stellte nun sein Kräuterbuch zwischen seine Füße und bewegte leise den Wedel über dem Angesicht des Kindes.

Hadem erkundigte sich, was dem Kinde fehle, das er so freundlich besorge; und der Kammerrath antwortete:

»Ein böser Bube hat ihm einen Stoß gegeben, der üble Folgen haben könnte, wenn das Kind nicht so artig und geduldig litte, was wir zu seiner Heilung thun. Ich suche nun noch kräftigere Kräuter zu Bähungen aus; – denn, unter uns gesagt, ich lege mich seit einiger Zeit auf die Kräuter- und Heilkunde, um doch dem guten Volke durch etwas nützlich sein zu können. Sie müssen mich aber ja nicht verrathen, Herr Hadem, und auch Ihre junge Herren nicht. Erführen es die Apotheker und der Landphysikus, so würden sie gewiß schreien: ich schade ihnen.«

Hadem. Sollten sie?

Kammerrath. Ich habe es ja erfahren, daß man nicht behutsam genug gegen Leute sein kann, die der Eigennutz zu Einem Körper verbindet. Ich war es nicht genug, Herr Hadem; wenigstens sagen sie so. Aber was soll ich thun? Wie Sie sehen, werde ich den Fehler wohl behalten.

Hadem drückte ihm noch wärmer die Hand, und Ernst trat näher.

Hadem. Wir sind in Ihrem Hause gewesen, lieber Kammerrath.

Kammerrath (lächelnd). Und haben mich dort nicht gefunden, weil es mein Haus nicht mehr ist. Aber doch haben Sie mein Porträt auf dem großen Schilde gesehen. Wenigstens soll es mich vorstellen, getroffen oder nicht.

Hadem. Sie?

Kammerrath. Sagen Sie, ist es nicht eine Thorheit von der Kammer, dem armen Manne mit aller der Vergoldung und närrischen Pracht so viele Kosten zu verursachen? Wenn die Kammer sich einen Spaß machen wollte, so hätte sie doch ökonomischer dabei verfahren müssen. Dafür heißt sie die Kammer; und Das hätte sie auch hier nicht vergessen sollen.

Hadem. Was wir da sahen, lieber Kammerrath, ist nichts anders als ein dauerndes Denkmal Ihrer Tugend, und durch seine Bosheit ein noch schändlicherer Beweis von dem Unsinn und der Undankbarkeit der Kammer. Ich ahne, woher es kommen mag; und Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir sagten, wie es möglich war, wie Das geschehen konnte, was ich von dem jetzigen Bewohner Ihres Hauses erfahren habe.

Kammerrath. Der arme Mann dauert mich; ich mußte die unschuldige Ursache zu seinem Elende sein.

Hadem. Wollten Sie uns erzählen –

Kammerrath. Ich rede so ungern davon.

Hadem. Nun, so kurz, als es die Bosheit verdient; wir lernen dann von Ihnen, sie zu vergessen.

Kammerrath. Nur auf diese Bedingung. Nun, lieber alter Freund, die Kammer sagt: der Kammerrath Kalkheim sei ein Narr; und daran mag wohl etwas sein. Aber Das weiß die Kammer nicht, daß ich immer ein sehr glücklicher Narr war und es noch bin. Ich habe für die Bewohner der hiesigen Gegend allerlei gethan, und die Leute wußten mir es Dank. Sie werden wohl gesehen haben, wie es mit ihren Feldern, Häusern, Scheunen und Ställen steht; Das nun machte mir so viele Freude, daß ich gar nicht daran denken konnte, es mache andern Leuten Kummer. Auch dachte ich so wenig daran, was es mir etwa kostete, daß ich mir gar nicht einfallen ließ, die fürstliche Kammer, die doch dabei gewann, würde mir es verargen. Aber sie sagen, ich sei nicht klug, verdürbe die hiesigen Bauern, die unter anderer Leute Aufsicht ständen, und machte sie unzufrieden, weil Die, unter deren Aufsicht sie ständen, gescheidtere Männer wären, und man sie nicht darum als Kammerräthe über die Bauern gesetzt hätte, um solche Narren wie ich zu sein. Sie sagen, ein Strich Landes müsse nach eben der Regel behandelt werden, wie der andere, und der Kammerrath, welcher von dieser Regel abweiche, schade Denen, die bei dieser Regel blieben. Ja, ein solcher Kammerrath schade am Ende dem Fürsten selbst: denn der Fürst könne doch unmöglich so verfahren, wie der Kammerrath, der von der Regel abweiche, wenn er Fürst bleiben wolle. Man müsse sich wohl hüten, sagen sie, die Ansprüche der Bauern über die Gebühr zu reizen, weil es sonst kein Ende damit nehme; und das Allerklügste, wie das Beste, sei, Alles bei dem Alten zu lassen. Dies kann nun so wahr als klug sein; mir thut es nur leid, daß es so ist. Und sehen Sie nur, wie sich Alles sonderbar fügen und schicken muß. Vor einiger Zeit brannten in einem der benachbarten Dörfer einige Häuser mit Habe, Fahrt und der eingeführten Ernte ab. Das Elend war groß, und ich wußte, wie langsam Alles bei der Kammer, vermöge dieser Regel, geht. Ich wich also, mit gutem Gewissen, meinte ich, ein wenig von dieser Regel ab, nahm von meinem Eignen, was ich zusammenbringen konnte, und lieh das Fehlende aus der fürstlichen Kasse; denn sehen Sie nur, zehn Monate hatte ich schon von meinem Gehalt verdient, zwei Monate hatten bis zur Zahlung noch zu laufen. So borgte ich demnach nur, was ich schon abverdient hatte. Wie dieses die Kammer erfahren hat, das weiß ich nicht. Man kam auf einmal, untersuchte die Kasse vor der gewöhnlichen Zeit, und als man sie eröffnete, sagte ich den Herren, was und warum ich es gethan. Man erschrak gewaltig, bedauerte höchlich den besondern Vorfall, wollte gehörigen Orts melden, und ich erhielt nicht lange hierauf meinen Abschied wegen des gefährlichen Beispiels, das ich gegeben. Der Abschied enthielt noch allerlei sonderbare Vorwürfe, Vorwürfe, Herr Hadem, die ich gar nicht vermuthen konnte. Aber man erfahrt Allerlei in dieser Welt, wenn man nicht so klug ist, wie die Herren. Es meldeten sich noch einige Schuldner, und so verkaufte man geschwind mein Haus mit dem Gärtchen und machte den Mann, der jetzt darin wohnt, zum Bettler. Ich kann ihm nicht helfen, so viele Mühe ich mir auch gebe; denn die Bauern sind so eigensinnig, so aufgebracht – und, denken Sie, der arme Mann kann nicht einmal das Gärtchen nutzen – was soll er mit den Kräutern und Gesäme machen, das ich dort gepflanzt habe, das Ihnen so viel Freude machte! Alles fault, lieber Herr Hadem!

Einen Augenblick, ich muß doch der guten Schulzin sagen, daß sie etwas mehr zum Mittag anrichte; die jungen Herren werden Hunger haben. Der Schulze wird nun bald nach Hause kommen. Denken Sie nur, der eigensinnige Mann wollte den Branntwein zu den Umschlägen nicht bei dem Wirthe zum Verschwender kaufen, so sehr es auch Noth that; er lief lieber nach dem Städtchen. –

Er gab Hadem den Fliegenwedel und ging hinaus.

Hadem setzte sich vor das Bett und blickte nach seinen Zöglingen. Ferdinand bat um den Fliegenwedel. Ernst sah unverwandt nach der Thüre; und als der Kammerrath wieder hereintrat, ging er ihm entgegen, begleitete ihn bis zu seinem Schemel und setzte ihn zurecht, als Hadem aufstand. Der Kammerrath sagte:

»Alles ist bestellt. Mir ist es sehr lieb, Herr Hadem, daß ich einmal der häuslichen Sorgen los bin. Ich konnte nie mit dem Gesinde zurecht kommen, weil ich das Zanken nicht verstehe; und recht zu zanken, ist eine größre Kunst, als Sie wohl glauben. Man muß nach dem Sinne eines Jeden zu zanken wissen, wenn es wirken soll. Nun habe ich mehr Häuser als unser guter Fürst, und nicht die geringste Sorge dabei. Darum sage ich eben: wenn die Kammer Recht hat, daß ich ein Narr bin, so bin ich ein sehr glücklicher Narr!«

Ernst ergriff seine Hand: O Gott! laß mich es so werden!

Hadem sah Ernsten gerührt an. Ferdinand bewegte den Fliegenwedel stärker. Der Kammerrath lächelte und sagte zu Ferdinand:

»Sie machten es recht gut, wenn es ein wenig langsamer ginge. Ich will indessen die Kräuter dort pflücken!«

Ernst half ihm; und Hadem unterhielt sich mit dem Kinde, das ihm erzählte, was es von dem Kammerrath gelernt habe.

Der Schulze kam nach Hause. Man setzte sich zu Tische, und die Zeit verflog unter Gesprächen über das Leben des Landmanns. Der Kammerrath legte zu Zeiten die Umschläge auf, und Hadems Zöglinge gingen ihm zur Seite, wohin er sich wendete. Er begleitete die Rückkehrenden: der Abschied ward wie von Freunden genommen, und Ernst pflückte beim Heimwandeln in den blühenden Feldern einen Kranz von Feldblumen und Aehren, den er sehr fest und sorgfältig zusammenfügte und dann am Arme trug. Er bestimmte ihn im Geiste zur Zierde seiner gewählten Blende in der Höhle; da sollte er als ein Denkmal des Mannes hangen, der dieses Paradies geschaffen hatte und dessen Tugend und Güte so rein waren.

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