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Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit - Kapitel 4
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4.

In der Residenz *** wohnte nun Hadem mit seinen Zöglingen in dem Hause des Präsidenten von ***, Ernstens mütterlichem Oheim. Hier fanden sie alle die feine Höflichkeit und allen den kalten Anstand, wodurch sich die Vornehmen von dem Volke unterscheiden und womit sie ihre Genüsse zu veredeln glauben. Hadem hatte die Jünglinge hierzu weder vorbereitet, noch ihnen Regeln des Betragens vorgeschrieben; er wollte auch hier ruhiger Beobachter sein und bleiben. Ernst schien ihm, in den ersten Tagen, einer Pflanze zu gleichen, die, durch Versetzung, in dem einheimischen Boden ihre Lebenskraft gelassen hat; aber Hadems Gegenwart wurde auch ihm bald, was dieser der erste Morgenthau und die wiederkehrende Sonne sind. Er drang sich hier noch fester, noch inniger an ihn, und in ihren Blicken drückte sich, ohne weitere Erklärung, ein Verständniß über alles Neue und Besondere aus. Bald ging auch Ernst so sicher und fest einher, wie in seinem Eichenwalde. Ferdinand ward in Kurzem der Liebling des ganzen Hauses. Die neuen Gegenstände belebten seine Einbildungskraft, reizten seine Ehrbegierde, seinen Stolz, seine Eitelkeit; und durch die Aufregung dieser Empfindungen wurden ihm die Verhältnisse der Menschen unter einander so deutlich, daß er, gleichsam aus natürlichem Triebe, ohne weiteres Nachsinnen und weiteren Vorsatz Jedem gab, was er zu wünschen schien; denn es war Das, was er selbst von ihm erwartete. Dem Oheim, der die Jünglinge von seinem Schwager auf einige Zeit gefordert hatte, um zu sehen, was sie versprächen, gefiel zwar Ernstens festes Betragen, weil er es dem Bewußtsein zuschrieb, das der junge Mensch von seinem Range und seiner künftigen Rolle in der Welt empfände; aber ihm gefiel auch das Lob, das Jeder dem muntern, artigen und gewandten Ferdinand ertheilte.

Er sprach hierüber mit Hadem; doch bevor ihm dieser seine Gedanken sagen konnte, fiel er ihm ins Wort:

»Verstehen Sie nur! Ich will darum gar nicht, daß Ernst eigentlich so, wie dieser arme Ferdinand, werden soll. Ernst soll fühlen, was er ist, was aus ihm wird, was ihn erwartet. Ferdinand ist ein armer Waise, der sein Glück machen muß; und ein solcher Mensch kann nie artig genug sein. Was ich eigentlich wollte, wäre, daß Ernst zu Zeiten zeigte: auch er könnte es sein, wenn es ihm so gefiele. Dadurch, lieber Herr Hadem, unterscheidet sich der Mann von Stande, dessen Glück und Ansehen gewiß ist, von dem, der Beides noch suchen muß: der Eine thut Alles, weil es ihm so gefällt; und der Andere, weil er muß. Hätte Ferdinand zu hoffen, was mein Neffe zu hoffen hat, so sagte ich, er thut zu viel; und nun sage ich, er kann nicht genug thun.

»Und sehen Sie doch nur! Die Natur hat Das, was ich sage, selbst in den beiden jungen Leuten angedeutet. Bemerken Sie nur den schönen, schlanken, kühnen Wuchs Ferdinands! Seine feurigen, schwarzen Augen! Seine anlockende Gesichtsfarbe! Sein Feuer, seine Lebhaftigkeit; sein einschmeichelndes, immer zuvorkommendes, lächelndes Wesen! Da steht der Abenteurer, der Wagehals, ganz ausgerüstet zum Kampfe mit der Glücksgöttin. Es wird ihm nicht fehlen, glauben Sie mir. Und nun mein Neffe – man kann eigentlich nicht sagen, daß er schön sei; aber er ist mehr als schön – er hat etwas Feierliches, etwas Eignes, ihn von allen Unterscheidendes an sich – etwas, das mehr auf die Seele, als auf die Augen wirkt – und da liegt ja der Unterschied, den ich bemerkte. Ferdinand wird den Weibern gefallen, und Das kann ihm nützlich sein; Ernst verständigen Männern und den Weibern, wenn er will!«

Hadem schwieg nach diesen ihm unerwarteten Aeußerungen, und der Präsident legte ihm sein Schweigen als Bescheidenheit aus: in seinen Augen das Hauptverdienst an Leuten ohne Stand.

Hadem ließ Ernsten gehen und nutzte jede sich darbietende Gelegenheit, Ferdinands gereizte Eitelkeit zu mäßigen.

In dem Hause des Präsidenten versammelten sich der Hof und die Angesehensten der Stadt. Seine zwei Töchter und sein Sohn empfingen von ihrer Seite die Fräulein und jungen Herren, mit ihren Gouvernanten und Gouverneuren, und übten sich in ihren Zimmern in den Rollen, die in dem großen Gesellschaftssaale gespielt wurden. Natürlich mußte Hadem mit seinen Zöglingen dieser Versammlung beiwohnen. Ernst hörte und sah zwar; aber er schien nur zu träumen bei Dem, was er hörte und sah; Ferdinand hingegen war hier ganz in seinem Elemente.

Zum ersten Mal hörten sie jetzt von Romanen und wunderbaren Begebenheiten reden; und als die junge Gesellschaft ihre Unwissenheit in einer so wichtigen Sache entdeckte, erstaunte man, bedauerte und ließ es sich sehr angelegen sein, sie mit dieser nöthigen Kenntniß zu bereichern. Hadem sah die Unmöglichkeit ein, seine Zöglinge vor einem Uebel zu bewahren, das alle Stände unsers Zeitalters ergriffen hat. Man gab den Jünglingen die Romane des Tages. Ferdinand verschlang sie; Ernst, dem ein Wunderbares andrer und höherer Art vorschwebte, konnte das Wesen, Leben, Handeln und Denken der Menschen in denselben gar nicht begreifen und würde von aller weiteren Neugierde auf immer geheilt worden sein, wenn ihm die Tochter des Präsidenten nicht einen gegeben hätte, der sein Herz zerriß, ausdehnte und seine Seele folterte, spannte, erhob, niederdrückte und zermalmte. Wer kennt nicht die feurigste, vollendetste Darstellung des heutigen Genius?

Auch Ferdinand las diesen Roman, und seine Einbildungskraft entbrannte so gewaltig, daß er von diesem Augenblick nichts Größeres, Erhabneres und Nachahmungswürdigeres kannte, als die Lage dieses jungen Helden, sein pathetisches Ende, das er als ein Opfer hoher Tugend für ein Geschlecht ansah, für welches man nach seiner jetzigen Stimmung nichts weniger thun könnte. Alles, was sonst so tief, stark und schön Gedachtes und Gefühltes über Menschen, Schicksal und Natur darin lag und was einen so mächtigen Eindruck auf Ernsten machte, entwischte ihm.

Natürlich ward nun dieses der Hauptgegenstand der ersten Unterhaltung in dem jugendlichen Kreise. Ferdinand malte seine Gefühle mit den stärksten und lebhaftesten Farben und fand in den jungen Fräulein um sich her, die sich als den Gegenstand seiner Begeisterung und seines Heldenmuths ansahen, sehr aufmerksame und gespannte Zuhörerinnen. Begeistert rief er, indem er seine feurigen, schwarzen Augen gegen Amalien, die dreizehnjährige Tochter des Ministers ***, eins der reizendsten Geschöpfe, wendete: »O, es muß ein süßer, erhabener Tod sein, für seine Geliebte zu sterben! Ich wünsche mir ihn!«

Keine der Zuhörerinnen widersprach, und nur einige Junker, die schon weiter in der Erfahrung gekommen waren, lächelten. Amalie erröthete sanft, und die Tochter des Präsidenten fragte Ernsten, in dessen Augen sie ein ihr fremdes Gefühl zu bemerken glaubte, was er davon dächte. Er antwortete gelassen, indem sein Blick auf eben diese reizende Amalie fiel: »Ich schlage des Mannes Bestimmung höher an.«

Alles schwieg, und Amaliens Wangen färbten sich höher. Ein Blick schoß unter ihren langen Augenwimpern auf Ernsten hervor; dann sah sie gegen den Boden.

Hadem trat nun näher und sprach:

»Ich höre Ihnen wirklich mit Verwunderung zu und kann gar nicht begreifen, wie junge Leute, die weder den Werth des Lebens, noch die Bestimmung des Menschen kennen, sich anmaßen, über Dinge zu reden, die ihnen eben so fremd als dunkel sein sollten. Da es aber nun einmal so ist, so will ich Ihnen doch sagen, was mein Zögling unter den Worten gedacht hat, die Ihnen so sonderbar vorzukommen scheinen. Er meint, der Mann habe höhere und bedeutendere Pflichten, als für ein Mädchen zu seufzen oder zu sterben; und ich hoffe, er soll auch dann noch so denken, wenn er erfährt, was Dies ist, von dem Sie so früh vor der Zeit reden. Jetzt weiß er es gewiß nicht; aber sollte er es einmal empfinden, so bin ich gewiß, er würde für die Person, für die er es empfände, noch weit größere Uebel ertragen, als das ist, welches man sich unter dem Tode denkt; und doch würde er leben und eben durch sein Leben beweisen, wie würdig er ihrer sei. Die Liebe, um das Wort nur zu nennen, das Sie so leicht aussprechen, soll den Mann erhöhen, nicht niederwerfen; und derjenige, welcher darum stirbt, weil ihm das Schicksal den Gegenstand seiner Leidenschaft vorenthält, ist ein Kranker, der vermuthlich an der Versagung jedes andern heißen Wunsches gestorben wäre: denn er wollte über seine Kräfte. Des jungen Menschen Schicksal, das dieses Buch so meisterhaft darstellt, lag eben so sehr in seiner ihm eignen Denkungsart, der düstern, forschenden Stimmung seiner Seele, seinen Begriffen über die Natur und die Verhältnisse der Menschen gegen einander, als in seiner leidenschaftlichen Lage; ja, sie gaben eigentlich seiner leidenschaftlichen Lage die auszeichnende Farbe und mußten endlich die Katastrophe hervorbringen, die schon so früh in ihm vorbereitet war, gegen die er auch so wenig kämpfte, daß er ihr vielmehr langsamen Schritts und mit einer Art innern Genusses entgegen geht. Er gleicht einem seltenen, lieblichen, interessanten Kinde, das einen düster erhabenen, dichterischen Traum schwärmt, bevor seine Vernunft ganz erwacht ist. Ich bewundere das Buch, als dichterische Darstellung der Wirkung dieser gefährlichen Leidenschaft, gewiß mehr als Sie, aber ich bewundere nicht den Helden, den es uns darstellt. Ich könnte ihn zu Zeiten sogar hassen, weil er den Muth unserer Jünglinge erschlafft und die Köpfe unserer Mädchen so verwirrt, daß sie beide Das zu einem übertriebenen, romantischen Spiele machen, was doch die Natur und die Gesellschaft zum wichtigsten und ernsthaftesten Geschäfte des Lebens gemacht haben. Die Männer sind in der Welt, um Beweise ihres Verstandes und Muthes zu geben; und die Weiber, wenn ihr Verstand und ihr Herz nicht durch Romane verdorben sind, achten nur die Männer, welche dieses thun. So war es bei den Völkern, die wir noch jetzt bewundern, die wir nur so lange zu bewundern Ursache finden, als dieses dauerte. Welche seelenkranke, erbärmliche und niedergedrückte Männer müssen die nicht sein, die in solchen Spielen der Phantasie Ersatz für Thätigkeit und Muth finden können; die ihre Weiber und Töchter schon bis dahin gebracht zu haben scheinen, daß sie ihnen solche Erschlaffung, Weichlichkeit und Feigheit für die einzigen Heldentugenden anrechnen, deren sie noch fähig sind! Glauben Sie darum ja nicht, daß ich Dieses dem Dichter zuschreibe. Er denkt weder der Thoren noch der Schwachen; noch weniger will er ihnen Bilder zur Nachahmung in seinem Helden aufstellen. Ihn ergreift die Liebe zu einem Gegenstand; die Begeisterung übt ihre Gewalt an ihm aus. Sein entflammter Genius thut Dasselbe an euch, indem er euch durch Angst, Staunen, Furcht, Grausen und alle menschliche Gefühle in seinen magischen Kreis bannet, in welchem eine Gottheit ihn gefesselt hält und aus dem er selbst nicht eher treten kann, als bis ihn seine mächtige Beherrscherin entläßt.

»Ich sehe wohl, daß ich Ihnen lästig falle; mein Rock mag es entschuldigen. Eigentlich spreche ich es nur um eines Einzigen willen; und dieser versteht mich. Um Ihnen übrigens den Unterschied zwischen meinen beiden Zöglingen zu zeigen, will ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen; dann mögen Sie selbst urtheilen, wer von ihnen, im Fall der Noth, für Freundin und Freund mehr zu thun fähig wäre.«

Er erzählte hierauf den Vorfall in der Höhle, beschrieb den furchtbaren Abgrund, seine Angst, den Ausgang des Vorfalls und endigte mit den Worten:

»Wer war nun hier der Muthigste? Er, der in die Höhle gleiten wollte, um der Erste zu sein, der uns sagen könnte, ob die einfältigen Märchen des Volkes gegründet wären; oder Der, welcher um den thörichten Freund zu retten, hinein zu springen drohte, hineingesprungen wäre?«

Keiner der Gesellschaft schien das Edle des Zuges zu fühlen, den ihnen Hadem von Ernsten mittheilte, und Aller Augen, außer Amaliens Augen, wendeten sich jetzt nach Ferdinand. Sein Vorsatz schien ihnen größer, kühner, obgleich seine eigene jetzige Beschämung so laut gegen ihn sprach. Hadem bemerkte hier die gewöhnliche Wirkung des Romanen-Lesens auf die alltäglichen Menschen, das alle einfache, natürliche Gefühle in ihnen verzerrt und verdunkelt und an deren Stelle einen erkünstelten Kitzel der Phantasie und der Eitelkeit setzt.

Ernst schien in diesem Augenblick ein Verbrechen begangen zu haben. Er athmete kaum, und nur die sichtbare Verwirrung seines Freundes erweckte ihn aus seiner Betäubung. Er eilte auf ihn zu; die glühenden Wangen der Jünglinge berührten sich, und einige Thränen, von verschiednem Gefühl erzeugt, drängten sich zwischen ihre Küsse.

Amalie allein sah gerührt dieser Umarmung zu. Sie sah immer auf Ernsten: aber nun verweilte ihr begeisterter Blick länger auf Ferdinand. Dieser bemerkte es und drängte sich zu ihr, von ihrem Blicke angezogen. Noch ganz von dem vorigen Gefühle belebt, das jetzt unter dem Rosenschimmer der Scham, von Beleidigung der jugendlichen Eitelkeit hervorgebracht, sanfter auf seinen Wangen und in seinen Augen glühte, stand er schweigend vor ihr. Sie sah ihn lächelnd an und sagte:

»Sein Sie froh, daß die Fräulein in der Residenz zu mitleidig oder zu klug sind, Sie bei dem Worte zu nehmen, das Sie so rasch ausgesprochen haben. Wir würden sonst bald über Ihre Leiche weinen müssen; und Das wäre doch zu früh.«

Ferdinand erwiederte, und ein Flammenblick begleitete seine Worte:

»Für eine einzige Thräne aus solchen Augen wollte ich es schon wagen.«

Und noch kühner setzte er hinzu:

»Spotten Sie nur; aber hüten Sie sich, zu diesem Fenster hinauszuwinken: denn ginge auch der Sprung durch die Erde, ich folgte dem Winke doch.«

Nun zog sich Amalie sanft von ihm weg, faßte eine Gespielin unter dem Arme und ging an das Klavier im Nebenzimmer.

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