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Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit - Kapitel 2
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2.

Nicht weit von den Ufern des *** Flusses, lag auf einer Anhöhe das Schloß der Herren von Falkenburg, seit Jahrhunderten im Besitze dieses edlen Geschlechts. Ein biedrer, treuer, deutscher Sinn hatte mit dem alten, festen Felsenschlosse in diesem Geschlechte fortgeerbt und wurde vermuthlich dadurch so unverfälscht erhalten, daß sie den größten Theil ihres Lebens hier zubrachten. Ein dichter Eichenwald, der unsern Urvätern, den alten Germaniern, Schatten verliehen zu haben schien, empfing den Knaben in seinem kühlen feierlichen Dunkel. Felsen, mit der Erde geboren, lockten ihn auf ihre Höhe, daß er von ihren Spitzen die Anmuth, den Reichthum, die Herrlichkeit und Macht, womit die Natur die Gegend so schön und erhaben geschmückt hatte, in einem Ueberblicke genösse. Eine Höhle in dem nahen Gebirge, zu deren düsterem, weitklaffendem Schlunde man durch Felsenkrümmungen mühsam gelangte; in deren Mitte die Natur ein kühnes wunderbares Werk gebildet hatte, indem sie einen großen Raum zu einem Riesensale wölbte und die ganze Masse des Gebirgs auf ungeheure wild und regellos geformte und geordnete Säulen stellte, die verschlungen in labyrinthischen Gängen endlich zu einem Abgrunde führten, welcher sich, der Sage nach, weit unter dem Flusse weg verlor, lud die Seele des Jünglings zum Nachsinnen über die dunkeln Geheimnisse der Ober- und Unterwelt und ihre mächtigen unfaßlichen Kräfte ein. Fleiß und Kunst hatten die wilden Striche der Gegend mit Wiesen, Feldern und anmuthigen Gärten durchschnitten. Betriebsame, gesunde und ruhige Bewohner belebten diesen großen und lieblichen Schauplatz und prägten dem heranwachsenden Jünglinge früh ein reines, sanftes, durch die glückliche Beschränktheit einfaches und leicht zu fassendes Bild des menschlichen Lebens in das zarte Herz.

Glückliche Bewohner dieses Bezirks! Ihr kanntet keine Klagen über die Menschheit und ihr Elend, da ihr ihre Thorheiten, ihre Laster, ihren Wahn, die Quellen dieses Elends, nicht ahnetet! Euer froher Sinn, eure Genügsamkeit, eure Geduld und eure Hoffnungen, bei dem unabänderlichen Leiden, das uns die Nothwendigkeit aufgebürdet hat, um ihre geheimen Zwecke zu befördern, bewahrten selbst die Bewohner des Schlosses vor dem Mißbehagen, dem Mißmuth, dem grämlichen Nachsinnen, nicht selten dem einzigen Gewinn des verfeinerten Theils der Bewohner der Erde. Ja selbst der Städter, der Welt- und der Hofmann vergaßen, wenn eure reine Luft sie anwehte, der große Schauplatz eures Wirkens sie in Erstaunen setzte und eure gesunden Kinder sie anlächelten, was sie Bittres in der Welt erfahren, was sie sich durch Wahn und rastloses Jagen nach Glück zugezogen, und was sie der leicht- und tiefsinnige Philosoph über das Menschengeschlecht und seine Bestimmung gelehrt hatte. So ist das Leben auf dieser unsrer Mutter der Erde nur Denen kein Räthsel, die sie im Schweiße ihres Angesichts bebauen.

Hier nun erblickte Ernst von Falkenburg das Licht der Welt, hier empfing seine Seele die ersten lebendigen und kräftigen Eindrücke der Natur und nahm für immer die Farbe der Gegenstände an, die ihn umgaben. Unter solchen Menschen keimten die eisten, einfachen, reinen, moralischen Gefühle und Gesinnungen in seinem Herzen auf. Sein Vater, der im *** Dienste, beim Anfange des siebenjährigen Kriegs, so schwer verwundet ward, daß er Jahre lang darnieder lag, erwählte nach seiner Wiedergenesung den ruhigern Reichsdienst, um wenigstens etwas für eine Verfassung zu thun, die er aus Vaterlandsliebe schätzte und, als unmittelbarer Reichsritter, als Herr solcher Unterthanen, zu schützen alle Ursache hatte. Seinem Ernst gesellte er einen Jüngling zu, den ihm sein Jugendfreund und Dienstgefährte, nach der blutigen Schlacht bei Zorndorf, als Erbschaft hinterlassen hatte; und er erfüllte dessen Pflicht mit so vieler Treue und Zärtlichkeit, daß er das Glück genoß, Vater zweier hoffnungsvoller Söhne zu sein.

Diesen beiden Jünglingen gab er Hadem, den Feldprediger seines ehemaligen Regiments, zum Führer, den er wegen einiger nicht gewöhnlicher Thaten nie vergessen konnte und den er für eben so bescheiden, klug und rechtschaffen, als unterrichtet hielt. Er machte ihm Bedingungen, wie sie der deutsche Adel selten macht, und nahm ihn auf, wie der deutsche Adel selten Männer aufnimmt, denen sie so viel anvertrauen.

Hadem trat zu seinen Zöglingen mit Offenheit und Vertrauen und ward von ihnen in eben dem Geiste aufgenommen, mit welchem er sich ihnen nahte. Er faßte dadurch ein gutes Vorurtheil für seinen Beruf und entdeckte bald mehr, als er erwartete.

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