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Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit - Kapitel 17
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8.

Noch obigen Betrachtungen lebte Renot in dem Hause des Herrn von Falkenburg so ruhig und heiter fort, als wäre nichts geschehen. Er behandelte Ernsten, wie dieser es wünschte, das heißt, er kümmerte sich nicht um ihn. Da aber auch Philosophen, von welcher Sekte sie sein mögen, ihren Systemen gerne Schüler gewinnen, um ihre Schätze durch sie auf die Nachwelt forterben zu lassen, so hielt sich Renot jetzt bloß an Ferdinand, in welchem er immer einen sehr aufmerksamen Zuhörer bemerkt hatte. Das unruhige Feuer der Ehrbegierde, der Reiz nach Genuß, das Verlangen, in der Welt zu glänzen und eine Rolle zu spielen, waren durch Renots schimmernde Schilderungen schon lange in seinem Herzen in brausender Währung. Er konnte kaum den Augenblick erwarten, auf dem Schauplätze, den man ihm so anlockend und bezaubernd malte, ein thätiger Mitspielender zu werden. Gewisse andere Begierden, die in diesen Jahren so stark und laut anfangen zu sprechen, und die der Blick der reizenden Amalie so mächtig erweckt hatte, zogen einen noch blendender« und reizendem Firniß über eine Welt, wo sie ihre Befriedigung ahneten. Renots Unterhaltung setzte sie in volle Flammen: denn er erzählte ihm gerne seine und Anderer Begebenheiten mit einem Geschlechte, das, nach seinen geäußerten Meinungen, nicht allein den Werth eines Mannes bestimmt, sondern auch über sein Glück entscheidet. Dieses alles that nun Renot in der Absicht, den jungen Menschen für die Welt zu bilden und ihn zum wahren Glücke zu führen. Demnach sah nun der lebhafte Ferdinand in seinem Hofmeister nicht allein den angenehmen Verkündiger aller der Genüsse, nach denen er sich sehnte, er sah in ihm auch den Mann, der ihm den leichtesten und sichersten Weg zu ihnen zeigte, der allein ihn lehren konnte, zu gefallen und die Herzen dieser Glücksgöttinnen zu gewinnen. Seine Einbildungskraft ward durch diese Vorspiegelungen immer reger, und Genuß, Liebenswürdigkeit, Gefühl der Ehre, in Renots Sinne, wurden bald die einzigen Gedanken, mit denen er sich beschäftigte. Renot bewies ihm die Nothwendigkeit seiner Lehre auch dadurch, daß er, als ein Waise, nur durch die Gaben, mit denen die Natur ihn so reichlich beschenkt hätte, Das ersetzen könnte, was ihm vom Glück und Schicksal vorenthalten wäre. Und hier ergoß er sich gewöhnlich in ein großes Lob über seine Gestalt, seinen Witz, seine Lebhaftigkeit, Anmuth und Gewandtheit und versäumte nie, Ernstens Betragen und Denkungsart lächerlich zu machen. Vertheidigte Ferdinand diesen gegen seine Sarkasmen, so sagte er: »Den Reichen ist Alles erlaubt: ihnen verzeiht die Welt sogar die sonderbarsten Grillen: aber ein Mann, der sonst nichts hat, als seine Talente und empfehlende Gestalt, muß sich hüten, einer Chimäre nachzulaufen, die noch Keinen glücklich gemacht hat, und die gewöhnlich damit endigt, daß sie die Geißel Derer wird, die mit ihr gebuhlt haben. Diejenigen, welche sie noch am besten behandelt, läßt sie, nachdem sie dieselben um allen wahren Lebensgenuß gebracht hat, als einen Gegenstand des Spottes und des Gelächters stehen; und die vom Elend Erdrückten und Erwürgten verweiset sie auf die Hoffnung über dem Grabe.«

Hörte und sah Ferdinand Ernsten, so dachte er freilich anders: aber doch glaubte er auch von ihm: es ließe sich zwischen Renots und Ernstens Denkungsart ein Vergleich stiften, vermöge dessen ein Mann von Ehre, mitten im Geräusche und Genüsse der Welt, es verbleiben könne: und die Welt zu genießen und zu benutzen, schließe die Tugend und Rechtschaffenheit nicht aus.

Das schöne Band der jungen Freunde wurde, wenigstens von Ferdinands Seite, durch diese Verschiedenheit der Gesinnungen von Tage zu Tage lockrer. Ernst sah es mit tiefem Kummer. Er zeigte Ferdinand seine Besorgnisse: aber so schonend er es auch that, so erblickte doch dieser in ihm mehr einen spähenden Beobachter und ernsthaften Zurechtweiser, als einen wohlmeinenden Freund. Renot unterhielt ihn in dieser Meinung.

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