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Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit - Kapitel 15
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6.

Ernstens Einbildungskraft schwebte mit leichten, rosenfarbenen Schwingen. Mit Ungeduld erwartete er den Untergang der Sonne; bei ihrem Aufgang stand er schon am Fenster, und als sie nun im Osten in ihrer ganzen Herrlichkeit auferstand, und der Teppich der Nacht ganz verschwunden war, und ihr goldnes Licht sich über die neue Schöpfung ergoß und sie schmückte, sah Ernst die Erfüllung aller seiner Hoffnungen, aller seiner Wünsche in diesem erhabenen Bilde am Horizont aufgehen.

»Du gehst mir auf,« rief er, »glänzendes Licht; und wenn du dort wieder hinter die Wolken trittst, so stehe ich schon in der Mitte meines wiedergefundenen Paradieses, und dann zieht die Nacht ihren Schleier zwischen mich und das, was ich hier erfahren habe. Dann stehe ich wieder in dem Tempel der Natur; ihr Priester wandelt mir zur Seite, und ich höre das Zulispeln seines Geistes – dort! dort werden mir seine Worte erst recht ganz lebendig werden!«

Und als sie nun ankamen und die Freude der Hausgenossen und aller Landleute sie empfing, als Jeder herbeidrang, um die lange Vermißten zu sehen, und jedes Freude sich in Blicken und Gebärden zeigte: da fühlte sich Ernst, wie er gewesen war. Und als er den schmerzlichen Augenblick überstanden hatte, in welchem er Renot in Hadems Zimmer treten und da sich einrichten sah, eilte er mit Ferdinand nach seinem Walde, den Felsen, dem Flusse, den Thälern und jauchzte in seinem Herzen, Alles so zu finden, wie er es verlassen hatte. Er trug ein weißes, seines Tuch in seiner Hand, in welches etwas eingeschlagen war; er verheimlichte selbst Ferdinanden, was es enthielte. Als er aber in die Höhle trat und die Blende erreichte, sagte er zu diesem:

»Ferdinand, alle diese Riesensäulen, welche den Berg tragen, hast du deinen, in der Geschichte berühmten Helden zu Denkmälern aufgestellt; ich lasse sie dir und fordere keine. Aber auch ich will ein Denkmal aufstellen, ein Denkmal meines Glaubens an die Tugend – an die Tugend, Ferdinand, die nicht erwägt, nicht berechnet, ein Denkmal der ungeteilten, die ganze Welt umfassenden und erhaltenden Tugend. Den Kranz, welchen ich in diesem Glauben, in den blühenden Feldern des edlen Mannes pflückte, will ich dieser einsamen, schauerlich erhabenen Höhle anvertrauen und dem Auge der Menschen ganz verbergen. In dem dunkelsten, unbemerktesten Winkel soll er hangen, so lange als ich an die Tugend glaube. Ferdinand, es ist ein Bundeszeichen zwischen ihr und mir. Noch einmal, zum letzten Mal, umwinde ich meine Schläfe damit – dann die deinen. – Erinnere dich jetzt, was wir fühlten, als wir an dem Tage, da Hadem abreiste, vor meinem Oheim standen und uns so bekränzt umarmten. Verehre mein Denkmal!«

Ferdinand. Wie, Ernst? ein Kranz verwelkter Blumen, dürrer Aehren, den die Feuchtigkeit des Orts in Kurzem ganz vernichten wird – ist dieses ein Denkmal der ewigen Tugend?

Ernst. Mein Glaube macht ihn dazu, zu einer Pyramide, die den Menschen und der Zeit trotzt. Ich werde Staub vor ihm sein, und mein Geist wird noch aus jenen Welten herabsteigen und den seinen sammeln; denn wenn ich denken, wenn ich fürchten konnte, daß je ihn meine Hand wegrisse, so wäre es besser für mich, ich hätte nie das Licht der Welt erblickt, wäre nie aus jenem Lande in das Land der Prüfung herabgestiegen. An dem Tage, Ferdinand, an welchem ich ihn wieder berührte, gehörte ich den Todten zu!

Ferdinand. Du wirst immer bleiben, wie du bist, so gut und edel. Abel warum wählst du diesen Winkel? Sieh, ich trete dir gerne die größte Säule in meinem Tempel des Ruhms ab. Sprich ein Wort, und ich stoße Cäsarn herunter – hänge den Kranz an das Felsenhaupt seiner Gedächtnißsäule – sie scheint ewig und fest wie die Tugend, scheint selbst der Erderschütterung zu trotzen.

Ernst. Ich danke dir, Ferdinand – ich wähle diesen Winkel. Die Tugend ist sehr bescheiden, und ich fürchte beinahe, man verstattet ihr in der Welt keine ansehnlichere Stelle. Wenigstens glaube ich nicht, daß man sie in der Höhe suchen muß. Und da dieses nur ein Denkmal zwischen mir und ihr ist, so soll es so sein. Wenn ich daran vorüber gehe, oder davor sitze, so werden sich meine Ansprüche darnach bilden, und die Lehren, die es mir dann zuflüstern wird, die Gedanken, die mir von ihm kommen, werden von der Art sein, wie ich ihrer bedarf: groß im Innern, stark in sich selbst, still, ruhig, bescheiden im Aeußern. Ferdinand, der Ruhm bedarf prächtiger Denkmäler; denn nur zu oft soll die Pracht uns die Wahrheit verhüllen. Dieses hier ist ein stiller Bund des Herzens.

Als er nun ein zugespitztes Holz zwischen die Spalte des Felsens in der Blende getrieben, und den Kranz daran gehängt hatte, sagte er feierlich zu Ferdinand:

»Verehre meinen Bund! berühre nie diesen Kranz! Nie möge ich ihn berühren! Mein Geist sehe seinen Staub, sammle ihn und trage ihn in unser Vaterland.

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