Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Maximilian Klinger >

Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/klinger/gescdeut/gescdeut.xml
typefiction
author
titleGeschichte eines Deutschen der neuesten Zeit
publisher
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090325
projectidb48bbf85
Schließen

Navigation:

5.

Trotz der gleichen Ruhe und Kraft, die Renot täglich mehr in Ernsten bemerkte, zweifelte er doch nicht einen Augenblick daran, es würde und müßte ihm gelingen, den jungen Phantasten zu einem vernünftigen Menschen zu machen. So viel sah er nun wohl ein, daß es leise geschehen müsse, daß er das Vorhaben nicht merken lassen dürfe, daß er durch einen raschen Schritt Alles verderben könne, mit Einem Worte, daß man hier das aufgedunsene Herz durch Verstand, Spott und Witz erleichtern müsse. Er bewunderte zwar Ernstens schnelle Fortschritte in dem Französischen, schrieb sich aber ganz natürlich bei dem Oheim das Verdienst davon allein zu. Gleichwohl konnten ihn seine Eigenliebe und seine Eitelkeit nicht so weit verblenden, daß er nicht hätte einsehen sollen: Ernst sei ein Wesen von so eigner sonderbarer Art, wie ihm noch keines vorgekommen sei. Lächeln konnte er zwar über ihn, aber die Achtung für ihn drang sich ihm wider seinen Willen auf; und dieses lästigen Gefühls wollte er für immer los werden.

Indeß kam der Vater aus dem Bade zurück. Der Präsident hatte ihm den Vorfall, die Entfernung Hadems und die Anstellung Renots geschrieben. Mit welchen Farben, läßt sich leicht vermuthen; und wie nachtheilig er die Wirkung des Briefes auf den Fürsten vorstellen mochte, beweisen seine obigen Aeußerungen. Doch schonte er Ernsten und versicherte seinem Schwager: er würde bei dem Fürsten Alles wieder gut machen. Nur sei es nöthig, daß er Ernsten bei seiner Rückkehr so bald als möglich wieder auf das Land bringe und sich selbst jetzt dem Fürsten nicht zeige, um ihn nicht an die unangenehme Sache zu erinnern.

So sehr Herr von Falkenburg Hadem auch liebte, so nahm er es ihm doch sehr übel, daß er seinen Sohn zu einem solchen unüberlegten Schritte, den man so häßlich auslegen konnte und mußte, verleitet hätte. Er sah es, nach der Vorstellung des Präsidenten, als eine schlechte That gegen diesen an, als eine gesetzwidrige, aufrührerische Handlung gegen die Ordnung des Landes, als einen Eingriff in die Rechte des Fürsten, für den er die tiefste Achtung fühlte, als einen Vorwurf, den ein Jüngling seiner Gerechtigkeit gemacht habe. So sehr er nun auch den Verlust Hadems im Uebrigen bedauerte, so hielt er doch jetzt seine Entfernung für nothwendig und nützlich. Das Einzige, was ihn beunruhigte, war der Gedanke an das Leiden seines Sohnes, dessen Anhänglichkeit und unbegrenztes Zutrauen an und auf Hadem ihm so wohl bekannt waren.

Ernst flog in seine Arme, drückte sich so fest an seine Brust und umschlang ihn so innig, wie der Unglückliche den Erretter, der ihn eben der Gefahr des Todes entrissen.

Der tief gerührte Vater blickte ihn an und sah nur Zärtlichkeit, nur Liebe, Vertrauen und Freude. Der Sohn blühte wie sonst, seine Augen strahlten das vorige Feuer, seine Seele sprach durch alle seine Blicke und Bewegungen wie ehemals; und nur als er wieder zu Athem kam und zu reden anfing, zeigte sich dem Vater einige Veränderung. Es war das durch das Geschehene fester, bestimmter gewordene Wesen in seiner Haltung, seinem Tone, seinen Blicken, und er schien dadurch seinem Vater, in der kurzen Zeit, um einige Jahre dem männlichen Alter näher gerückt zu sein. Der Vater bemerkte dieses laut, und Ernst antwortete: »Ich hatte dessen wohl nöthig, geliebter Vater; und was wäre aus Ihrem Sohne geworden, wenn er auch dieses nicht errungen – wenn es Der, welcher ihn verlassen hat, nicht so früh in ihm erweckt hätte. Ich habe meinen Schutz verloren: meinen mich leitenden und bewachenden Engel selbst von meiner Seite entfernt, durch eine That entfernt, bei welcher ich auch auf Ihren Beifall rechnete. Ich bin gestraft genug dafür.« –

Vater. Ich weiß Alles, Ernst. Aber Er that es ja; Er reizte dich ja, den Brief zu schreiben; warum klagst du denn dich an?

Ernst. Er? Mein Vater, er that es nicht: er wußte nichts davon. Sie glauben Ihrem Sohne auf sein Wort, und nie betheuerte er Ihnen, was er sagte. Sollt' ich es setzt bei einer für mich so wichtigen, ich möchte sagen, heiligen Sache thun, so würde ich mich als tief gefallen ansehen. Und dieses wollen Sie gewiß nicht. Ich will gerne von dem Geschehenen schweigen: die Notwendigkeit gebietet hier. Aber machen Sie, mein Vater, daß wir schnell hier weg kommen – ich muß diese Stadt verlassen, wo mein Unglück entstanden ist, wo ich Dinge erfahren habe, denen ich kaum gewachsen war, die ich so schwer ordnen konnte. Seien Sie nun mein Führer, mein Freund!

Der Vater fragte, wie er mit seinem jetzigen Hofmeister zufrieden sei; und Ernst antwortete:

»Er spricht das Französische vortrefflich: und da ich das brauche, so bin ich zufrieden mit ihm. Reisen wir heute? Führen Sie mich heute nach unsern blühenden Thälern zurück?«

Vater. Morgen! morgen mit dem Aufgang der Sonne!

Der ganze heitere Frühling der Jugend umschimmerte Ernstens Angesicht:

»Und sagen Sie mir nun, geliebter Vater – nur noch Das, was ich Keinen hier fragen konnte, nicht zu fragen wagte: – was ist aus Hadem geworden? Wo ist er nun? werde ich ihn nicht wiedersehen? ihm nicht schreiben dürfen? keine Antwort von ihm erhalten können?«

Vater. So bald wirst du ihn wohl nicht wiedersehen, und zum Briefwechsel ist die Entfernung viel zu weit. Er schrieb mir in einigen Zeilen den Abschied von dir und meldete mir zugleich, er würde mit einem Regiment an England verkaufter Deutscher nach Amerika gehen; und aus den Zeitungen erfahre ich, daß sein Regiment sich schon einschiffet.

Ernst. Also nach einem andern Theile der Welt vertrieb ich ihn – und ich bin nun so geschieden von ihm, daß ich die weite Entfernung nicht mehr messen kann! Aber, mein Vater, er ist hier, ist mir nahe; er wird, er kann sich nie von mir trennen.

Vater. Dieses wünsche ich, in dem Sinne, wie du es verstehst. Er war ein edler Mann, und ich bedaure seinen Verlust –

Ernst. O, das war er, mein Vater, das ist er noch; und sein Lob aus Ihrem Munde verklärt sein Denkmal in meinem Herzen. O, er ist ein edler Mann!

Als sein Vater ihn verließ, suchte er Ferdinanden auf und rief ihm entgegen: »Höre die Worte meines Vaters! Er sagte: Hadem war ein edler Mann! – Und morgen fliehen wir diese Stadt, wo man ihn verkannte; morgen Abend, Ferdinand, stehen wir wieder in dem Garten der Unschuld.«

Ferdinanden war diese Nachricht nickt so willkommen. Seine durch die Eitelkeit und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände gereizte Einbildungskraft blickte mit Ekel auf den ihm nun todt scheinenden ländlichen Aufenthalt, zu dem er so plötzlich zurückkehren sollte. Ernst sah ihn an und sann seinem ihm unbegreiflichen kalten Betragen, bei einer so fröhlichen Neuigkeit, nach.

Ernstens Vater bezeugte dem Präsidenten seine Verwunderung darüber, daß er ihm so gerade geschrieben: Hadem habe den unüberlegten Schritt veranlaßt, da ihm doch sein Ernst, der nie eine Unwahrheit gesagt, versicherte, Hadem sei der ganze Vorfall unbekannt gewesen.

»Bruder,« antwortete der Präsident, »unbekannt oder nicht: er hat es veranlaßt, deinen Sohn dazu gereizt; und eins ist so sträflich wie das andere, und gleich nachtheilig für deinen Sohn. Wenn dein Ernst ihn zu entschuldigen sucht, so entspringt dieses aus seinem guten Herzen, aus der närrischen Liebe zu diesem Menschen, gegen den ich, bis auf diesen Punkt, selbst nichts habe. Willst du übrigens aus deinem Sohne einen Phantasten oder ein störrisches Ungeheuer erziehen lassen, das gegen seine nächsten Verwandten schon so früh zum Ankläger wird, so ist dieses gerade der Mann dazu, ihn zu einem oder dem andern zu machen. Dein Sohn war schon ganz auf dem Wege, ein träumender Philosoph zu werden, dem alle bürgerlichen Verhältnisse mißfallen, der mit Lufterscheinungen buhlt, während er jene mit Füßen tritt. Ich erwartete deinen Dank für das Geschehene und dachte wenigstens, du würdest meiner Weltkenntnis so viel zutrauen, daß ich wüßte, was sich für einen Edelmann von deinem Namen und Ansehen schickt. Schriebe ich die That deinem Sohne allein zu, so würdest du ihn wahrlich nicht in meinem Hause gefunden haben. Dafür danke mir wenigstens, daß ich ihn durch die Wendung, die ich der Sache gab, von dem allgemeinen Hasse der Stadt und des Hofes errettet habe.«

»Dafür danke ich dir,« antwortete Herr von Falkenburg; »und du hast als Bruder gehandelt. Hadems Absicht kann recht gut gewesen sein: aber der Schritt war immer unüberlegt. Nach seinem Schreiben scheint er es gewissermaßen selbst auf sich zu nehmen, da er des Vorfalls gar nicht erwähnt. Indessen der Fürst hätte es auch nickt so ernsthaft aufnehmen müssen! wenigstens verdient' ich's nicht um ihn. Und darum will ich deinem Rathe folgen und ihn gar nicht sehen. Es möchte leicht sein, daß ich ihm meine Empfindlichkeit darüber zu lebhaft zeigte. – Es ist mir leid um das Geschehene, und ich wollte gerne meine alte Wunde wieder aufbrechen sehen, wenn es nicht vorgefallen, wenn Hadem noch da wäre. Du hättest immer nicht zu rasch verfahren, wenigstens meine Ankunft abwarten sollen – denn du magst von ihm sagen, was du willst, er wollte nur das Gute, vielleicht ein wenig auf seine Weise; aber er wollte es. Und wenn dein Schweizer da meinen Ernst nur nicht gar zu weit von dem Wege abführt, auf den Hadem ihn leitete – mein Ernst hat freilich Dinge im Kopfe, die sonderbarer Art sind; aber sie sind so guter Art, daß ich es nicht gerne sähe, wenn er sie so ganz verlöre.«

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.