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Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit - Kapitel 13
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4.

Renot glaubte, in Ernsten einen träumenden Phantasten, oder störrischen, mißmuthigen jungen Menschen zu finden, und ward etwas betroffen, als ihm ein heiterer, schöner Jüngling frei und offen entgegen trat, ihn anständig grüßte und seinen Antrag zu erwarten schien. Er gab sich zu erkennen und sagte: »Es sei zwar bisher nicht sein Geschäft und seine Bestimmung gewesen, sich mit der Erziehung abzugeben, wie sie an seiner Kleidung wohl sehen würden; aber er hätte unmöglich dem Wunsche des Herrn Präsidenten widerstehen können. Es erfreue ihn nun, da er ihn und seinen Freund sehe, daß der Herr Präsident ihn der Ehre würdig gehalten, etwas zu der Bildung so viel versprechender Jünglinge beizutragen. Das Opfer,« setzte er hinzu, »das ich etwa dadurch bringe, kann mir nun selbst nicht anders als zur Ehre gereichen!«

Ernst. Gereicht es nur zu Ihrem Vergnügen und zu unserm Vortheil, so gönnen wir Ihnen Das gerne, was Sie so hoch anschlagen. Aber ich wünschte nicht, daß es ein Opfer wäre; denn ein Opfer kostet so viel, und man wagt so viel dabei, daß Sie mich dauern sollten, wenn es wirklich nur ein Opfer wäre.

Renot empfand den abgewogenen Sinn dieser Worte recht gut und sah etwas verwundert den Rosenmund an, aus dem sie so sanft flössen. Er antwortete:

»Freilich wage ich es nicht, mir zu schmeicheln, den Verlust, welchen Sie in Ihrem vorigen Hofmeister erlitten haben, zu ersetzen.« –

Ernst. O, mein Herr, er war mein Freund. Nennen Sie ihn nicht so – denn eben in diesem Worte liegt ja, was ich vorhin sagen wollte.

Renot. Glauben Sie denn, ich würde dieses Geschäft übernommen haben, wenn ich mir nicht mit der angenehmen Hoffnung schmeichelte, ihn ersetzen zu können?

Eine leichte Röthe flog auf Ernstens Wangen. Sein Herz klopfte – seine Augen konnten den Eindruck der schmerzlichen Erinnerung nicht verbergen. Hadems männliche, feste Gestalt, sein ruhiger, seelenvoller Blick, seine ernste, gedankenvolle Stirne, von sanfter Freundlichkeit gemildert, sein lockiges ungepudertes, braunes Haar, das sich um seinen Nacken ringelte und seine Schläfe beschattete – der volle, schöne Laut seiner Stimme, der nie durch Unwillen, Zorn oder andere Leidenschaften in Mißton überging – Dies alles stellte sich in diesem Augenblicke lebendig vor Ernstens Seele. Er sah ihn, hörte ihn, verglich mit ihm das zuversichtliche, anspruchsvolle Wesen und Betragen des vor ihm Stehenden, seine glatte, wie ein Spiegel glänzende Stirne, die nichts von Dem zu verrathen schien, was sie verbarg – seine süße Lieblichkeit, seine lispelnde Aussprache, sein mit Sorgfalt gekräuseltes und weiß gepudertes Haar, seinen hastig lebhaften Blick, dem er zu gebieten strebte; und er fühlte tief, wie unersetzlich sein erlittner Verlust sei. Sein Geist sagte ihm: »Dieser kennt den Weg zu deinem Tempel nicht!«

Renot beobachtete ihn genau, ohne es sich merken zu lassen. Sein Blick schien auf Ferdinand um so mehr zu verweilen, je mehr er mit Ernsten beschäftiget war. Auch that seine Gegenwart eine bessere Wirkung auf jenen, wozu sein Rock und das Neue, Glänzende, Versprechende und Feine seines Betragens sehr viel beitrugen.

Ernst erwachte aus seinem tiefen Nachsinnen und sagte zu Renot:

»Mein Oheim hat mir Ihre Stärke in der französischen Sprache gerühmt. Ich freue mich sehr darüber, und Sie können auf meinen Dank rechnen – Sie können mich sehr glücklich machen, wenn Sie mich den kürzesten, leichtesten Weg zur Kenntniß dieser Sprache führen. Aber ich muß sie in ihrem ganzen Umfange kennen lernen – Sie müssen mir die ganze Stärke ihrer Ausdrücke, alle ihre Eigenheiten und Wendungen recht deutlich machen. Ich bedarf es, den Werth, die Kraft der Worte so kennen zu lernen, daß ich mich in keinem irre, daß ich ja den Sinn eines jeden recht fasse – keines zu mißdeuten Gefahr laufe. Dieses halte ich für das Allerschlimmste – für das Allerschwerste.«

Renot freute sich über Einstens heiße Begierde, eine so wichtige Sprache in ihrem ganzen Umfange lernen zu wollen; er sagte laut: dies sei ein gutes Zeichen; und nun ließ er sich in ein weitläufiges Gespräch über diesen Gegenstand ein. Er entdeckte sehr bald, daß Ernst die Hauptschwierigkeiten schon besiegt hatte; und um so wichtiger machte er jetzt Das, was ihm noch zu thun übrig bliebe. Er bewies, daß ihm dieses nur ein Mann beibringen könne, der lange in der Hauptstadt von Frankreich gelebt habe. Und nun erfolgte ein großes, glänzendes Lob des französischen Volkes. Vorzüglich rühmte er dessen zartes, feines Gefühl für die Ehre und vergaß nicht, seine eigene Geschichte damit zu verweben. Weitläufig bemerkte er, wie viel er diesem Gefühle aufgeopfert, und wie er die glänzendsten Aussichten nun aufgegeben hätte; »dafür aber,« fuhr er mit gefälligem Lächeln so«, »kann ich mich nun in meinem Unglücke mit dem Gedanken trösten, der Ehre genug gethan zu haben. Mein Name wird in Frankreich, wie bei meinem Regimente, gewiß unvergeßlich sein.« Indem er sich so den Jünglingen bedeutend machen wollte, suchte er ihnen zu gleicher Zeit die glänzende Schimäre in der Ferne zu zeigen, deren Anbetung von nun an der Hauptgegenstand ihrer Erziehung sein sollte. An Ferdinand fand er einen sehr aufmerksamen Zuhörer; denn seiner lebhaften Einbildungskraft stellten sich alle die Scenen, die Renot leicht und flüchtig berührte, und von denen er, als dem Menschen ganz eigen und natürlich, sprach, lebendig dar. Er stand in der Mitte dieses Schauplatzes und bewunderte den Mann, der Dieses alles erfahren und mitgemacht hatte.

Ernst hörte nur, wie vortrefflich er französisch sprach. Bei allen den neuen Vorstellungen, die einander so leicht und schnell folgten, dachte er nur an seinen geheimen Lehrer und sagte still in seinem Herzen: »Ja, der Mensch verdirbt Alles an sich, sogar das Organ, wodurch er seine Gedanken mittheilt!« denn das Lispeln Renots war ihm unerträglich. Er leitete das Gespräch auf andere Kenntnisse. Renot blieb keine Antwort schuldig; er wußte Alles, wußte wirklich Vieles, wußte es leicht und verstand die Kunst vollkommen, schön und geläufig über alles Das zu reden, was er nur berührt hatte. Er hatte in Genf den Wissenschaften geliebkoset! und da der Sinn ihm angeboren zu sein schien, das allgemein Nützliche und überall Angenehme schnell auszufinden, und er die Wirkung auf Andere sehr früh zu berechnen wußte, so hatte er die Ideen des Vertriebs sehr geschwind und leicht erworben. In der französischen Literatur war er sehr stark und sprach von ihren Schriftstellern mit Begeisterung. Ernst horchte auf und erwartete jeden Augenblick, daß Renot seinen Lehrer unter den berühmtesten Männern Frankreichs nennen würde, und besonders, weil dieser ein Genfer war, wie ihm der Titel seines Werkes gesagt hatte. Da aber dieses nicht geschah, so hielt er die sich immer vordrängende Frage über den einzigen Mann zurück, von dem er so gern etwas erfahren hätte. Er fühlte wohl, Hadem würde ihm Rousseau nicht gesandt haben, seine Stelle zu vertreten, wenn er der Liebling dieses Mannes wäre; und ihn selbst zu nennen, hieße den Schleier zerreißen, der sein schönes Geheimniß bedeckte, vielleicht gar seine Wirkung stören. Er bat nun Renot um eine Stunde und führte ihn in ein Seitenzimmer.

Renot verließ die Jünglinge, sprach gegen den Präsidenten hoffnungsvoll von ihren Fähigkeiten, leicht von ihren bisherigen Fortschritten und rühmte sich sehr bescheiden: er denke, alles Uebrige bald in das gehörige und natürliche Geleise zu bringen.

Ferdinand ergoß sich in große Lobsprüche über Renot. Ernst sagte gelassen: »Da du nun einmal Soldat werden willst, so kann er dir vielleicht nützlich sein. Ich aber bleibe bei Dem, den du vergessen zu haben scheinst.«

Ferdinand fühlte das Gerechte des Vorwurfs; und da ihm plötzliche Wirkung so natürlich war, so traten ihm Thränen in die Augen. Er ergriff Ernstens Hand und sagte:

»Kannst du mich so mißverstehen?«

Ernst. Vergib mir; aber der Gedanke, du könntest ihn vergessen, machte mich um deinetwillen besorgt. Und die Möglichkeit, du könntest ihn vergessen, zeigt mir ja auch die Möglichkeit, daß du mich einst vergessen könntest. Denn mein Dasein ist mit dem seinigen Eins, und du weißt, was es mit dem seinigen verbindet. Es soll mir lieb sein, wenn du von Diesem lernest, was Hadem dich nicht lehren konnte. Aber bewahre wohl, was Hadem dich gelehrt hat; denn schwerlich wird es Dieser ihm hierin gleichthun.

Die Jünglinge erschienen bei dem Abendessen. Der Präsident hatte jedem seiner Hausgenossen anbefohlen, weder durch Worte noch Mienen das Vergangene merklich zu machen. Ernst trat ein, als wäre nichts vorgefallen, und nur eine flüchtige Röthe überzog seine Wangen, nur ein leises Zittern zeigte sich an seiner Oberlippe, als Renot sich zwischen ihm und Ferdinand niedersetzte. Der darauf folgende Gedanke: dieser Mann denke ihn nun unter seinem Schütze und seiner Leitung, war ihm so empörend, daß es ihm den schwersten Kampf kostete, Das nicht zu zeigen, was jetzt in ihm vorging.

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