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Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit - Kapitel 12
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3.

Der Präsident gab sich indessen Mühe, für Ernsten einen Hofmeister zu finden, der Das alles zu verbessern und zurecht zu setzen im Stande wäre, was Hadem nach seiner Meinung verdorben hatte. Er fand bald Alles, was er wünschte, in einem Schweizer, Namens Renot. Eine empfangene Beleidigung, welche er an einem jungen Manne aus einer großen und mächtigen Familie in Frankreich zu gewaltsam und auffallend gerächt hatte, brachte ihn in diese Gegenden. Er mußte fliehen, um der Bastille zu entwischen.

Dieser Renot nun besaß in den Augen des Präsidenten alle mögliche Eigenschaften: Ton, Muth, Bekanntschaft mit den Gebräuchen der seinen Welt, Geschmeidigkeit im Umgange und tiefe Achtung für Das, was Stände und Menschen so scharf unterscheidet und trennt. Den Angriff gegen einen Mann von hohem Stande verzieh ihm der Präsident als Offizier und vergaß darum, daß er nur ein Bürgerlicher war. Dieser Renot war seit einiger Zeit bei ihm eingeführt, aß oft an seiner Tafel, und je mehr der Präsident ihn sah und hörte, desto mehr überzeugte er sich, es sei der Mann für seinen Neffen. Er sprach von diesem mit ihm, erwähnte seiner Schimäre und hörte mit innigem Wohlgefallen Renots Aeußerung hierüber. Dieser sagte:

»Der vorige Hofmeister hat höchst wahrscheinlich Ihres Neffen lebhaftes, versprechendes Gefühl der Ehre und der Ruhmbegierde nach einem Gegenstande geleitet, welcher ihm, als einem Manne, der die Welt und die Menschen nur aus Büchern kennt, bekannter war, als jene. Diese Verzerrung, Ew. Excellenz, ist nicht neu; es ist eine alte Krankheit aller derjenigen sogenannten aufgeklärten Leute, die ihre Lage und ihr Stand auf immer von der Rolle ausschließen, welche Leute von Geburt und Macht mit Recht sich ausschließlich zugeeignet haben. Auch ist es natürlich, vielleicht gar verzeihlich, daß ihr gekränkter Stolz, ihre zurückgedrückte Eigenliebe einigen Trost in dem Gedanken findet: sie besäßen etwas, das Denjenigen fehlte, welche so weit über sie erhaben sind. Aber wenn sie dieses Leuten von Geburt, Ansprüchen und Stand beibringen wollen und von diesen zu fordern wagen, daß sie Das, was sie wirklich besitzen, für Schimären austauschen sollen, da muß man ihnen Einhalt thun, und ich sehe, daß Sie es zu rechter Zeit gethan haben. Sie werden vermuthlich dieselbe Krankheit an einigen neuen Schriftstellern Frankreichs bemerkt haben; die Deutschen, die diesen immer so gerne nachahmen, wollen auch hier nicht zurückbleiben. Diese Schimäre verschwindet aber leider sehr schnell, wenn man einmal selbst auf diesen Schauplatz tritt und die Menschen in ihrem thätigen Wirkungskreise handeln sieht. Gnädiger Herr, hätte ich die Kur eines solchen Jünglings zu übernehmen – wissen Sie, was ich thun würde? – Ich würde eine luftige Schimäre durch eine andere vertreiben, die gewisse Leute nur darum so nennen, weil sie, wie gesagt, der edelste Theil des Volks, vermöge Geburt und Stand, ausschließend in Anspruch genommen hat und sich mit Recht in dem Besitze behauptet.«

Präsident. Und das wäre?

Renot. Wovon ich so eben sprach: die Ehre, der Ruhm, der point d'honneur, den das erleuchtetste Volk zu einer Feinheit, einer Zartheit, einer Höhe und Bestimmtheit gebracht hat, daß er bei ihm alle andern Tugenden ersetzt, ja die einzige Tugend der Gesellschaft geworden ist.

Leiten Sie die Einbildungskraft Ihres Neffen auf diese Göttin; zeigen Sie ihm diese Tugend unsers verfeinerten Zeitalters in ihrem ganzen Glänze; beweisen Sie ihm, wie alle andern, einen Mann von Stande zierenden Tugenden aus dieser allein entspringen, durch sie allein geltend werden: und ich stehe Ihnen dafür, er wird der phantastischen Göttin, welche sein grämlicher Hofmeister vor seine Augen gezaubert hat, bald den Abschied geben.

Der Präsident, höchst zufrieden mit den Gesinnungen Renots, erkundigte sich nun sorgfältig nach seinen Umständen und Verhältnissen; seine Kenntnisse glaubte er genug geprüft zu haben. Alles sprach zu Renots Vortheil, bis auf seine Kasse; doch eben auf diesen letzten Umstand bauete der Präsident die Erfüllung seines Wunsches. Er ließ ihm die Erziehung der jungen Leute antragen und ihn versichern, daß er ihm am Ende derselben durch seinen Einfluß eine ehrenvolle Bestimmung verschaffen wollte, die ihn gewiß für dieses Opfer entschädigen würde. Renot nahm, nach vielen Schwierigkeiten, den Antrag endlich an, bewies aber dem Präsidenten sehr weitläufig, welch ein Opfer er seinem einmal gewählten Stande hiedurch brächte.

Nun bereitete der Präsident seinen Neffen darauf vor. Dieser versicherte ihm gelassen: er brauche keinen Führer mehr: Hadem habe ihm einen zurückgelassen, und der Führer, den ihm die Natur gegeben, werde ihm bald in seinem geliebten Vater zurückkehren.

Der Präsident ließ sich hierauf nicht ein: er erzählte: es sei ein Mann von Ehre und Verdienst, ein Offizier, und rühmte unter andern, wie vortrefflich er französisch spreche, wie er den ganzen Reichthum, die ganze Feinheit und Gewandtheit dieser Sprache in seiner Gewalt habe. – »Und du weißt, Neffe,« setzte er hinzu, »wie nöthig uns Leuten von Stande diese Sprache ist.«

Ernst. Ja, Oheim, diese Sprache ist mir nun sehr nothwendig; ich fühle es nur zu sehr, wie wenig ich bisher Fortschritte darin gemacht habe – und darum, – wenn er mir in dieser Sprache Unterricht geben will, soll er mir willkommen sein. Ob ich ihn als Führer brauchen kann – ob ich seiner dazu bedarf, davon sind mir andere Beweise nöthig, als Sie mir von ihm gegeben haben. Ich weiß nur allzu sehr, was es bedeutet, einen Menschen zu erziehen, und was es von beiden Seiten voraussetzt.

Der Präsident glaubte, Ernst wolle wieder in seine alten Grillen verfallen. Er schwieg darüber und dachte: er habe für jetzt genug gewonnen und könne nun das Uebrige dem gewandten Renot überlassen.

Er freute sich noch mehr, als Ernst ihm sagte: »Schicken Sie ihn noch heute; ich möchte noch heute etwas von ihm lernen.«

Der Oheim liebkoste ihn und sagte:

»Ich hoffe, lieber Neffe, er wird dich bald zu uns bringen, und du wirst uns Allen wieder der willkommene Gast sein, den wir so lange vermißt haben.«

»Oheim,« antwortete Ernst, »glauben Sie, ich würde Sie so sehr beleidigen, daß der Fremde von mir erhalten könnte, was ich Ihnen nicht gewähren konnte? gewiß nicht konnte; sonst würde ich es längst gethan haben.«

Präsident. Ich danke dir für die Feinheit der Empfindung. Behalte sie bei, und du wirst bald können, was ich so sehnlich wünsche. Bedenke nur, mit welchem Kummer dein guter Vater das sonderbare Verhältniß bemerken wird, in welchem du in seines Schwagers Hause lebst. Wird er an mir, dem lang Erprobten, zweifeln? Wird er daran zweifeln, daß Alles, was geschah, nur zu deinem Besten geschah? Was konnte mich anders bestimmen, so zu handeln, als dein Bestes? die Liebe zu dir, die Sorge für dich? Glaubst du, daß du die nie gestörte Eintracht zwischen deinem Vater und mir zerrütten könntest? Oder willst du es? willst du Verwandte trennen, die sich brüderlich lieben? in unsern Jahren trennen? – Ernst, ich habe durch dich meine einzige geliebte Schwester verloren – denn du weißt ja wohl, daß sie an den Folgen der Niederkunft mit dir starb –: willst du mir nun auch die Freundschaft des Mannes rauben, mit dem ich durch sie verbunden bin? willst du mich bei ihm anklagen?«

Thränen der Rührung traten in Ernstens Augen:

»Oheim, ich klage nur mich an, Niemand anders; und – warum haben Sie mir dieses nicht längst gesagt, warum nicht längst so mit mir gesprochen? Ich fühle es wohl, ich bin ganz verkannt und werde es wohl immer bleiben; denn ward nicht Er es? – Aber ich kenne ihn, und ich hoffe, auch ich werde mich immer erkennen. – Und, Oheim, noch heute sollen Sie mich an Ihrem Tische sehen, wenn Sie mich annehmen wollen.«

Der Oheim küßte ihn, nannte ihn seinen lieben guten Neffen und sagte: er eile nun, seinen Kindern die Freude schnell mitzutheilen, da sie sich schon so lange nach ihrem Vetter sehnten.

Ernst wendete sich zu Ferdinand: »Ich danke dir für deine Treue, dein Ausharren und werde es nie vergessen.«

Ferdinand lobte seinen Entschluß, freuete sich der Veränderung und konnte, wie er Ernsten geradezu gestand, kaum den Augenblick erwarten, die Treppe hinunter zu fliegen.

Ernst sprach von dem neuen Hofmeister (denn so nannte er ihn, wie er Hadem nie genannt hatte) und sagte bedenklich: »Das Einzige, was ich von ihm fürchte, ist, daß er die Einrichtung unserer Zeit stören wird; und ich kann den Gedanken gar nicht ertragen, ihn an der Stelle sitzen zu sehen, wo Hadem zu sitzen pflegte.«

Ferdinand. Aber du kennst ihn ja noch nicht!

Ernst. Ich kenne ihn, Ferdinand: denn gliche er Hadem nur in etwas – glaubst du wohl, daß er dem Oheim gefallen hätte? Und gliche er ihm auch, so wäre es doch Er nicht – Er! – Doch um Eines willen, und um deßwillen wird es Hadem mir gewiß vergeben! aber auf seiner Stelle soll er nicht sitzen. Wir wollen in dem Nebenzimmer lernen, die Bücher wechseln, und das Französische soll mit ihm unsere Hauptsache sein.

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