Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Maximilian Klinger >

Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/klinger/gescdeut/gescdeut.xml
typefiction
author
titleGeschichte eines Deutschen der neuesten Zeit
publisher
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090325
projectidb48bbf85
Schließen

Navigation:

Zweites Buch

1.

Der Präsident hoffte, durch Vorstellungen des Unschicklichen und durch freundliche Begegnung Ernsten von seinem Vorsatz abzubringen; aber an der Ruhe, der Kälte, womit dieser darauf beharrte, sah er wohl, daß er damit nichts ausrichten würde. Er schmeichelte sich indeß, der beschränkte, einförmige Aufenthalt würde dem jungen Menschen bald lästig werden; doch auch hierin irrte er sich. Ein Tag verfloß nach dem andern, und er sah in dem Gesichte des Jünglings keine Spur des Verlangens oder der Unbehaglichkeit; er bemerkte nicht die sanfte Melancholie, welche Ernst in seinem Busen darüber nährte, daß er durch seinen Brief Hadems Entfernung veranlaßt hatte. Es schien, als hielte er seinen Schmerz für einen geheimen Schatz, der an seinem Werthe verlöre, wenn er ihn einem menschlichen Auge zeigte. Diese Stärke, diese Ruhe wirkten auf den Präsidenten, und in den ersten Tagen bewunderte er sogar dieses Betragen; da aber Ernst ohne weitere Aeußerung immer dabei beharrte, so setzte sich ein bitterer, tiefer Unwille in dem Herzen seines Oheims fest, der nur eine neue, stärkere Veranlassung zu erforschen schien, um in unauslöschlichen Haß überzugehen. Jetzt sah er sich von seinem Neffen einem Fremden nachgesetzt, von einem Knaben verachtet und beleidiget, und um so mehr beleidiget, da er Alles zu dessen Bestem gethan zu haben glaubte und für alle seine Bemühungen nichts als Beweise eines störrischen, undankbaren Gemüths entdeckte, das, durch eine Schimäre verzerrt, keines einzigen natürlichen und vernünftigen Verhältnisses unter Menschen achtete.

Ferdinand sah in den ersten Tagen den Entschluß seines Freundes als etwas Heroisches an, und er gefiel ihm ungemein; aber bald merkte Ernst, daß sein lebhafter Gesellschafter sehnende Blicke nach der Ferne warf, daß er den im Garten Spazierenden verlangend nachsah. Er bat ihn, in Gesellschaft zu gehen und ihn allein zu lassen.

Ferdinand antwortete:

»Ich sollte dich verlassen, ich, der ich Schuld an deinem Kummer und an Hadems Entfernung bin? Ich, der ich dich angefeuert habe, den Brief zu schreiben?« –

Ernst legte seine Hand auf seine Brust:

»Sieh, dieses allein ist Schuld – und war es ein Fehler, so muß ich wohl dafür leiden. Hadem verzeiht mir ihn gewiß. Laß du mich nur immer allein; es scheint ja doch nur so, als sei ich allein.«

Er konnte Ferdinand auf keine Weise bewegen, ihn zu Zeiten zu verlassen. Dieser gestand ihm geradezu, er fände ihre freiwillige Gefangenschaft wohl langweilig; aber er würde es anderwärts, ohne ihn, noch unerträglicher finden. »Es würde mir gehen,« setzte er hinzu, »wie damals, als du krank warst. Lief ich auch einen Augenblick in den Wald, so hörte und sah ich doch nichts anders, als dein schweres Athemholen, dein im Fieber glühendes Gesicht.«

Ernst drückte ihm die Hand und rechnete ihm in seinem Herzen das Opfer um so höher an.

Ernstens Geistesstimmung schildert sich am besten in den Bruchstücken von Briefen an Hadern, die er niederschrieb, während daß Ferdinand schlief, und dann sorgfältig aufbewahrte.

 

Ernst an Hadem

Ich habe meinen Oheim gebeten, Ihnen schreiben zu dürfen; er antwortete mir: Sie hätten ihm Ihr Wort gegeben, weder einen Brief von mir anzunehmen, noch zu beantworten. Das Vergehen Ihres Schülers muß sehr groß sein, da Sie gar nichts von ihm hören, ihn vielleicht ganz vergessen wollen. Doch vergessen können Sie ihn nicht, lieber Hadem; verlassen mußten Sie ihn und konnten gewiß nicht anders. Sie mußten; und vermuthlich mußten Sie auch Ihr Wort geben, mir nicht zu schreiben: sonst wäre es nicht geschehen, sonst konnten Sie es nicht thun. Und der Grund, der Sie dazu nöthigte, muß eben so gerecht als zwingend sein; denn, lieber Hadem, was sollte aus mir werden, wenn ich dieses nicht glaubte! Ich glaube daran, wie an die Tugend, und darum will ich Ihnen auch gar nicht sagen, wie weh mir Dies alles thut, damit es Ihnen nicht wehe thue, damit Sie mich nicht allzu sehr bedauern. Wie schmerzlich müßte es ihnen nicht sein, mich verlassen zu haben, wenn Sie wüßten, in welchem Zustande ich bin! Aber was wollte ich Ihnen doch schreiben? Dieses war es wenigstens nicht. Es geht mir so wunderlich durch den Kopf, – durch das Herz wollt' ich sagen, daß ich gar nicht weiß, wovon ich reden will und soll. Ja, das war es!

Warum mußten wir den stillen, ruhigen Aufenthalt meiner glücklichen Kindheit verlassen? warum die hohen Felsen, die sprudelnden Quellen, die blühenden Thäler mit ihren guten, freundlichen Bewohnern, den rauschenden Strom, den dunkeln Eichenwald – die Wiege Ihres Schülers verlassen? Nun dringt mein trauriger, gebeugter Geist immer dahin; wir sitzen unweit des Stroms auf einer Anhöhe – die kühle Abendluft umsäuselt uns – wir sehen die untergehende Sonne auf goldnen Wolken ruhen – ihr Glanz verklärt Ihr Angesicht, und Ihre Gedanken, bei diesem Schauspiele, die alle Keime meines innern Wesens entfalteten, steigen wieder in meinem Herzen auf. Ich fühle dann die Luft, die dort wehte, an meinen Wangen; ich höre das Säuseln der Bäume – die Schalmei unsrer Hirten – den Gesang, das frohe Gelächter unserer Mädchen; und Alles, was ich dachte und fühlte, steigt in meinem Busen lebendig auf. – Und erwache ich aus diesen süßen Träumen, so frage ich ängstlich: »Warum haben wir dieses verlassen? Darum, daß erfolge, was mir widerfahren ist?« Mir antwortet Keiner, lieber Hadem; und ich vermag es ja nicht, da mir Alles dunkel ist.

 

Ja dort, da kannte ich keinen Kummer, keine Veränderung; da stand der Tempel des Glücks und der Freude auf jeder Stelle: denn das unschuldige Herz bauete ihn überall auf. Wüthete auch zu Zeiten ein Sturm, so geschah es nur, die Gegend um uns her erhaben-schauerlicher zu machen; und beleuchtete das Licht sie wieder, so lag sie vor uns in neuer, erfrischter Herrlichkeit. Wir bebten staunend und schaudernd bei den Blitzen, den Schlägen des Donners, bewunderten die Macht der Natur in ihren großen, erschütternden Erscheinungen; und süße Freude durchströmte uns, wenn wir nach der Gefahr die einsame Lilie unverletzt im Thale wiederfanden. Erinnern Sie sich, wie ich Ihnen einmal kindisch sagte, als die dicken Tropfen des nächtlichen Sturmregens von den noch leise schwankenden Pappeln auf unsre Häupter fielen: »Hadem, die Pappeln weinen vor Freude, daß sie den gewaltigen Sturm überstanden haben und noch grünen, noch leben.« Ich kann dieses nicht von mir sagen; – der Sturm, der mich überlief, dauert fort – und noch lebe ich – es ist der erste, Hadem, und ich bin noch zu jung. Noch hat die Zeit den Stamm, auf dem mein Wipfel ruhen soll, nicht abgehärtet. Die Stütze, deren ich bedarf, sank weg; mein Licht verschwand mir plötzlich und kehrt nicht wieder. Vor meinen Augen liegt nun eine Dämmerung, wie die Dämmerung meiner Höhle, wenn ein plötzlicher düsterrother Fackelschein die dunkelsten Winkel derselben erleuchtet. Kaum entdeckte ich meine Göttin in dieser Dämmerung, und nur dann werde ich sie wieder in ihrer ganzen, reinen Klarheit sehen, wenn ich da sein werde, wo sie mir zum ersten Mal erschienen ist. Und wenn sie mir nicht wieder erschiene! Hadem, wenn auch sie mich verlassen hätte, da Der mich verlassen hat, der mir die Wolke öffnete, die sie mir verbarg!

 

Ich las einmal in einem Buche von einem frommen Jünglinge: es habe diesem frommen Jünglinge geträumt, ein schöner, glänzender Engel küsse ihn im Schlafe. Dieser Kuß habe auf seinen Lippen einen solchen unauslöschlichen, süßen Eindruck zurückgelassen, daß er ihn sein ganzes Leben hindurch gefühlt, sich nie von einem Sterblichen die Lippen mehr berühren lassen und nie ein unreines oder sündliches Wort gesprochen habe. Hadem; Sie sagten, es sei sonst ein sehr einfältiges Buch; aber diese einzige Stelle enthalte einen so tiefen Sinn, daß er alles andere Thörichte reichlich bezahlte, und Sie möchten diese Stelle lieber geschrieben haben, als das gelehrteste Werk. Ich verstehe jetzt diesen Sinn!

 

Was habe ich nicht Alles erfahren, seitdem wir den Ort verlassen haben, wo ich an Ihrer Seite wandelte! Wo die schönsten Blüthen des Geistes von Ihren Lippen auf mich herabregneten und Ihre Empfindungen und Gedanken mir immer so erschienen, als wären Sie mir aus einer vergangenen Zeit, aus einem fernen Lande her bekannt, deren Erinnerung Sie bloß erweckten und auffrischten!

 

Aber was ich sagen wollte, Hadem! Ihre letzten Worte! – Ich muß es Ihnen sagen, und sollte ich Sie auch ängstigen – denn mich überfällt eine unbeschreibliche Angst, wenn ich sie höre – und ich höre sie immer – im Schlafe – im Wachen – ich höre sie im leisen Winde, der durch den Kastanienbaum vor meinem Fenster mich anweht. – Warum unterbrach Sie mein Oheim, mitten in Ihrer Rede? – Sollte die Tugend Das sein, was Sie mir sagten – was soll dann aus mir werden? Zerstückelt, in Theile zerstückelt, die vor meinem Geiste zerrissen schweben – nach Maße gemessen, nach Regeln gezogen – nach Verhältnissen abgewogen, soll ich sie in Rücksicht meiner und der Menschen denken? Das einzige Gute, das einzige Wahre, die Tugend leide keine Uebertreibung? Was heißt hier Uebertreibung? So soll ich Das nie in seiner ganzen Kraft und Stärke ausüben können, was meine Brust ausfüllt, was mir allein der Mittelpunkt von meinem und der Menschen Dasein zu sein scheint? So ist sie zu erhaben für den Menschen, um sie ganz zu besitzen, um sie ganz auszuüben? Ihre Worte, Hadem, nicht die meines Oheims, von jenem unglücklichen Abend, auf einen so glücklichen Tag, erzeugen quälende Zweifel in meinem Geiste; und doch scheint es, daß sie genau mit den Ihrigen zusammenhangen. Hadem, wenn es so ist – wenn es ganz so ist, so geben mir die Worte meines Oheims über einen mir so dunkeln, so weit entlegenen Gegenstand mehr Licht, als ich je zu sehen wünsche, als ich je ertragen kann. So sprengte er zwischen mir und der Welt eine Kluft auf, in die ich mich stürzen muß, die ich nicht überspringen kann, weil Sie mir fehlen, nachdem Sie dieselbe so weit aus einander gerissen haben, daß sich meine Haare vor ihrem klaffenden Schlunde sträuben. Verstehen Sie, was ich sagen will? Ich empfinde wohl, daß ich dunkel rede, so dunkel, wie ich fühle, aber dies ist eben mein Unglück, dies ist es, worüber ich klage, was für mich so ängstlich ist – da eben liegt die Qual, daß ich das Dunkel nicht erleuchten, nicht durchdringen kann, in das mein Oheim mich geführt, in das Sie mich tiefer gestoßen und dann verlassen haben. Mich, einen siebzehnjährigen Jüngling! Mich, Ihren Schüler, Hadem! Ich fühle wohl, daß ich den ganzen Kampf bloß meinem Herzen überlassen sollte, daß ich da gewiß Grund finden würde; aber, Hadem, kann ich auch die Gespenster in die Flucht schlagen, in deren Mitte mich mein Oheim gestellt hat, und die nun mit ihren verzerrten Larven meine Einbildungskraft schreckten?

 

Es ist schrecklich! – Lesen Sie nur, und sagen Sie mir geschwind, was daraus für mich werden soll. Beinahe fange ich an zu begreifen, daß solche Männer wie Sie und der Kammerrath, und wie ich durch Sie einer werden sollte, dem Gespenste meines Oheims zuwider sind, weil es durch sie als Das erscheint, was es wirklich ist, was es nicht sein sollte. Bin ich auf der Spur? auf der rechten Spur? Nun, meine Göttin, so nimm du den verlassenen Jüngling in Schutz! – Hadem, ist jenes Wesen ein Popanz, von Menschen zusammengesetzt, um Kinder und Schwache zu schrecken? Ist es ein falscher Götze, den seine Priester auferzogen, wohl gepflegt und dann in das Dunkel hinter dem Altar gestellt haben, damit keiner von den Anbetern den Betrug entdecke? Sagen Sie mir das! beantworten Sie mir nur dieses schnell! Muß es so sein? Vertragen es die Menschen nicht anders? Warum sagten Sie mir denn: die stillste, geräuschloseste Leitung der Menschen auf Erden sei die beste und weiseste; sie müsse einem Sommerregen gleichen, der die Erde befruchte, ohne daß man ihn höre?

Ich dachte, das Leben und Thun der Menschen unter und gegen einander sei so freundlich, ihre wechselseitige Noth schlinge ein Band um sie Alle, dem sich Keiner entziehen möchte, das Jeder gern fester zusammenzöge, und der Beste und auch der Glücklichste unter ihnen sei Der, welcher am meisten Gutes thun könnte, auch sei er der Beliebteste und Willkommenste. Und ist es nicht so? Darf es Keiner auf seine Weise? Auf die gerade, die rechte Weise?

 

Auch für den guten Kammerrath ist es mir, wie es scheint, nicht gelungen. Mein Oheim sagt überdies, ich hätte mich lächerlich bei dem Fürsten gemacht. Lächerlich? Desto schlimmer für den Fürsten, wenn man sich mit solchen Erinnerungen bei ihm lächerlich macht! Oder liegt das Lächerliche nur in dem Neuen für ihn; o, so ist es noch schlimmer! Was forderte ich denn von ihm? – Die Geschichte des Kammerraths ist mir nun so klar – übte nicht auch er die Tugend mit seiner ganzen Kraft, ohne alle Rücksicht auf sich, aus? Er ging ja nicht mit dem Maße in der Hand an das Werk; er berechnete ja sein Thun und Wirken nach keinen Regeln, folgte ja nur der Weisung seines guten, menschenfreundlichen Herzens! – und darum? darum? – Von seiner Geschichte begann Alles, was mir widerfahren ist; aus ihr entsprangen in meinem Kopfe die ersten ängstlichen Gedanken über das Wesen der Menschen – Und was darauf erfolgte, entwickelte und verwirrte sie immer mehr. So liegt denn das Ding, das mein Oheim System nennt, wie ein Joch auf dem Nacken Aller? und Jedem, der es trägt, ist seine Furche so scharf abgezeichnet, daß er seinem Herzen und Geiste völlig entsagen muß, um, so lange er es trägt, die einmal gezogene Linie, ohne auszutreten, auf und ab zu ackern? – Hadem, reden Sie doch! Ich fordere in meiner Noth Ihren Geist auf, der um mich ist. Er schweigt, Alles schweigt um mich; ich sehe die Sichel des Mondes am gestirnten, ruhig erhabenen Himmel, höre nichts als das Lispeln des Windes in dem Baume vor mir und das leise Athemholen meines schlafenden, glücklichen Freundes. Er ist es, Hadem; er weiß, er ahnet nicht, was mich quält, und er soll es nie erfahren. Genug, daß Einer leidet. Und weiß ich, ob er es ertrüge, wie ich? ob es nicht noch schlimmere Wirkung auf ihn hätte, als es auf mich hat? – Gute Nacht, Hadem. Ich vernehme Ihre freundliche Antwort nicht mehr wie sonst, kann Ihnen nicht mehr nachsehen, wie Sie sich langsam nach Ihrem Zimmer begeben, sich nochmals umwenden, mir noch zum letzten Male zuwinken. Ach, jetzt scheine ich mir ganz allein auf der Erde lebend, allein wachend. Die von der Nacht umschleierte Erde liegt vor mir, wie ein düster geschmücktes Grab; die flimmernden Steine und der helle Mond sind die Lichter, welche diesen Kirchhof mit ihrem sanften Scheine beleuchten. Ich rufe in der Einsamkeit über dieses Grab, und Keiner antwortet mir, Keiner löset meine Zweifel. Soll ich mir allein trauen? mich befragen? Ist die Zeit, die ich jetzt lebe, eine Prüfungszeit, so früh mir aufgelegt, mein Herz und meinen Verstand zu üben? Dieser Gedanke kommt jenseits dieses Grabes her; er kommt von Ihnen, Hadem. Ich will ihn fassen und mich fest daran halten.

 

Wir leben recht glücklich, und ich sehne mich nach meinem Vater, den wir in Kurzem erwarten. Was wird er sagen, wenn er Sie nicht findet? Wie wird er seinen Sohn bedauern, der Sie verloren hat! Indeß arbeiten wir so fort, als wenn Sie bei uns gegenwärtig wären. Wir lesen in den Ihnen bekannten Büchern, von den Stellen an, wo wir mit Ihnen stehen geblieben sind. Bei schweren fragen wir Sie um Rath: und wenn Sie dann schweigen, es ist wahr, einige Mal füllten sich meine Augen mit Thränen bei Ihrem Schweigen: aber ich suche sie vor Ferdinand zu verbergen, um ihn nicht zu bekümmern. Denken Sie, der Freundliche opfert sich mir zu Liebe so weit auf, daß ich ihn nicht überreden kann, das Zimmer zu verlassen; und Sie begreifen leicht, was dieses dem Lebhaften kosten muß. Haben Sie einen Freund, Hadem? Möchten Sie doch einen haben! Sie würden weniger leiden, daß Sie mich verlassen mußten; denn ich weiß, ich fühle ja, wie weh es Ihnen thut, daß Sie mich haben verlassen müssen.

 

Mein Oheim sagte mir, er würde dem Kammerrath Kalkheim eine Stelle geben, die ihm reichlich die verlorne ersetzen sollte. Nun spricht er, der Kammerrath habe sie ausgeschlagen und äußere sich, er ziehe seine jetzige Lage jeder vor, selbst der ehemaligen. »Du siehst also,« setzte er hinzu, »für wen ihr den unbesonnenen Streich gemacht habt; daß man die Menschen erst kennen muß, bevor man etwas zu ihrem Besten unternimmt. Erst hattet ihr bedenken sollen, ob der Thor des Dienstes bedurfte oder werth war. Du siehst also, Neffe, daß sich Hadems letzte Worte besser bewähren, als seine Handlungen, daß die gute Absicht bei einer Handlung nicht genug ist, daß man dich durch Täuschung zu einer schlechten gegen deinen nächsten Blutsverwandten reizte, und daß Der, um dessentwillen sie geschah, dir nicht einmal Dank dafür weiß.«

Seine schrecklichen Worte durchdrangen tief meine Seele. Was sollte ich ihm antworten! Ich wußte es in diesem Augenblick wirklich nicht; denn das Gefühl, daß ich durch diesen Schritt, der selbst Dem, für den er geschah, unnütz scheint, Sie, meine Ruhe, Alles verloren hätte, preßte mein Herz zusammen. Habe ich mich nicht selbst aus dem Paradiese vertrieben, in welchem ich, an Ihrer Seite, in Unschuld, Sicherheit und Unwissenheit einherging? Wenn meine erste gut gemeinte That so ausfällt – solche Folgen für mich hat – mir solche Lehren aufdrängt, mir solche Aussichten in die Zukunft eröffnet – Hadem, was soll ich von der Zukunft hoffen, was von der Welt denken, in welcher ich bald thätig auftreten soll! Wenn ich bei jeder That, die mein Herz für gut und gerecht erkennt, so verfahren soll, so wägend und berechnend, – wird dann auch nur Eine so kräftig und rein aus ihm hervorspringen, wie sie sein muß, um diesen Namen ganz zu verdienen? Wird bei diesem Wägen und Rechnen, bei dieser Rücksicht auf die Verhältnisse um mich her, deren Umriß kein Auge erreicht, mein Blick sich nicht nach und nach auf mich selbst zurückziehen? Und dann? Ja dann, wenn ich einmal angefangen habe, die Tugend zu zerstückeln, um gerade so viel zu thun, daß auch nicht das Mindeste mehr geschehe, als eben die Verhältnisse erlauben – dann, Hadem, ist es mit mir und der Tugend aus. Dann bin ich ein recht guter Handelsmann, der sein Kapital wohl anzulegen versteht; aber kein Mensch, wie Sie einen aus mir bilden wollten. Meinem Geist schwindelt es vor diesem leeren, starrende Kälte aushauchenden, sich immer weiter aufreißenden Abgrund – und ich fürchte, die Gedanken, die ihr in mir erweckt habt, entfernen meine Göttin so weit von mir, daß ich sie nicht mehr werde erreichen können. Um mich ihr auf den Flügeln meines Geistes nachschwingen zu können, muß ich wieder fest glauben, daß sie mit der einen Hand den glänzenden Sitz des Ewigen berührt und mit der andern das Menschengeschlecht. Nach meinem dunkeln Eichenwalde! nach meinem rauschenden Strome! meinen blühenden Thälern! meinen schroffen Klippen, aus denen der einsame Adler zur Sonne emporsteigt! Wenn ich dann seinem kühnen Fluge nachsehe, und die Lerche aus der Saat aufsteigt und über meinem Haupte wirbelt, und diese Stadt, mit Allem, was ich darin erfahren habe, aus meinem Geiste verschwunden ist, und die freundlichen, glücklichen Landleute mich wieder anlächeln, als den künftigen Wohlthäter ihrer Kinder: dann wird die Kluft verschwinden, die vor mir ist; dann erst wird mir der Sinn, der in dem Kusse des frommen Jünglings liegt, recht klar werden. Und sind nicht Sie mein Schutzengel? Küßten Sie mich nicht bei dem plötzlichen Abschiede? Begleiteten Sie nicht Ihren Kuß mit einem Blicke, der meine Seele so durchdrang, wie der Kuß des Engels die Lippen des träumenden Jünglings?

Hadem, dieser Ihr letzter Blick verlöschte in etwas den Eindruck Ihrer Worte. Er sagte mir: »Verharre in der Lehre, die ich dir gegeben!« Und ich setze hinzu: die Tugend muß Das sein, was ich mir dachte; oder das ganze Menschengeschlecht wäre längst zerfallen, es hätte sich längst zerstreuet, es hätte sich in diesem gefährlichen Zustande, in dem es mir zu schweben scheint, ohne sie nicht erhalten können. Sie ist ihm von dem Ewigen zur Erhalterin und Beschützerin gegeben, und sie führt es wieder zu ihm zurück. Sie ist uns, was die feste Ordnung der um uns rollenden Welten ist, die Sie uns so klar und schön beschrieben haben. So wenig als die regellosen Kometen ihren fest bestimmten Lauf nicht stören können, eben so wenig vermögen die Thoren und Bösen gegen die Tugend. Sie bezeugen ihr Dasein, da sie durch allen ihren Wahnsinn, alle ihre Bosheit das Band nicht lösen können, womit sie das Menschengeschlecht an den Thron des Ewigen gebunden hat. Ja, sie beweisen die Macht der Tugend, wie jene Kometen die Allmacht Gottes. Und was würde aus diesen Unglücklichen werden, wenn sie nicht wäre! wenn Alle ihres Glaubens würden! Hadem, sie erhält selbst Die, deren Herz sie nicht erkennt, deren Wahnsinn gegen sie arbeitet. Und ich sollte nicht an sie glauben?

Hadem, der Mann, der um ihretwillen leidet, gleicht dem Märtyrer, dessen vergossenes Blut den Glauben weiter ausbreitete, der selbst seinen Henker der heiligen Sache gewann, für welche er so eben starb.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.