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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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Siebentes Kapitel.

Die Haufen am Oberrhein.

Es ist erzählt worden, wie Thomas Münzer am Oberrhein umherwandelte und wirkte, zu Mühlhausen im Sundgau, zu Basel, zu Zürich, im Klettgau und Hegau, und wie hier allenthalben Wiedertäufer theils schon da waren und mit ihm in Verbindung traten, theils zahlreich von ihm ausgingen, und wie dadurch die 94bereits zuvor aufgestandenen Bauerschaften gestärkt, andere erst in die Waffen gerufen wurden, das Wort Gottes zu handhaben. Um die große Wirkung der wiedertäuferischen Sendboten zu würdigen, muß man bedenken, wie schnell sie an Zahl wuchsen und wie feuereifrig, vom Geist hingerissen und hinreißend ein jeder arbeitete. Selbst Wunder wurden zu Hülfe genommen, die man an ihnen und Andern geschehen sich erzählte. Als die Allgäuer zu Anfang Aprils sich bewegten, da sagte man sich, brennende Säulen bewahren sie nächtlicher Weile wie einst die Kinder Israels in der Wüste. Herold, Handschrift. Als in der Nacht vom 5. April es vierzehn Täufern und sieben Täuferinnen, welche zu Zürich im Ketzerthurm gefangen lagen, und unter welchen die vornehmsten Häupter waren, auszubrechen gelang, da ging die Sage, sie seien durch ein Wunder befreit, Engel haben sie, wie einst die Apostel, aus dem Gefängniß herausgeführt. Füßli, Beiträge I. 219. Einige, die in ihrer Ueberspannung entweder es gar sich selbst glauben machten, oder Andere es glauben machen wollten, waren keck genug, in die Stadt zurückzukehren, wo sie sogleich wieder ins Gefängniß gelegt wurden; die Andern entwichen in die benachbarten Gebiete, »um diejenigen, welche sich des Wortes Christi annehmen wollen, zusammen zu suchen, und sich mit denselben durch die Taufe zu verbinden.« Felix Manz's Verantwortung, bei Füßli, Beiträge I. 253. Von da an ist ihre Wirkung unverkennbar aus dem Schwarzwalde in Waldshut, wo in wenigen Tagen gegen 500 Personen getauft wurden; in Stadt und Gebiet von Schaffhausen und Basel; im Sundgau, namentlich um Mühlhausen herum; im obern und untern Elsaß.

Während anderswo, wie in St. Gallen, die Wiedertaufe in eine Harlekinade, in Aberwitz und Narrheit ausartete, und Ekel oder Lachen erregte, war sie längs des Oberrheins hinab geschäftig, eine Taufe der Knechte zur Freiheit zu werden, die in den Staub Gedrückten aufzurichten, die Vereinzelten zu vereinigen, und ihnen die dem Manne gebührende Waffe in die Hand zu geben, die Menschenwürde zu erfechten oder sich dafür zu wehren, nämlich das Schwert. Und schnell sehen wir es flüssig werden, sich sammeln und vorwärts fluthen; 95es will ein Strom werden, ein einziger Strom: dem Rheine gleich will sich die Freiheit Bahn brechen, von den Alpen hinab bis in die Niederlande.

In den letzten Tagen des April verbreitete sich in der Stadt Basel die Furcht, ein Aufruhr innerhalb der Mauern selbst sei vor der Thüre. Am Abend vor dem ersten Mai wollte sich in der Kathedrale sogar eine Bewegung erheben, sie wurde aber schnell beschwichtigt. Des andern Tages spät am Abend sammelte sich die neugläubige Partei, und machte Miene zu Thätlichkeiten; aber der Rath mit dem größeren Theile der Bürger auf seiner Seite, war wach, und so wagten jene nichts. Es hieß, sie seien darauf umgegangen, die Klöster zuerst, dann die Häuser der Geistlichen zu plündern, den kleinen Rath, dem sie nicht trauten, und die ganze Klerisei mit einem Schlage umzuwerfen. Die Zunft der Weber hätte am Steinenkloster den Anfang dazu machen sollen. Sie haben Alles dazu gerüstet, und einen heimlichen Handel mit den Bauern draußen gehabt, ihnen die Stadt zu übergeben; sie haben ihnen das Eschemer- und St. Albanthor offen halten wollen. In den Klöstern waren die Mönche so in Angst, daß sie schneller als sonst sangen, und schon um 10 Uhr Nachts zu Morgen beteten.

Auf die erste Nachricht von der drohenden Gefahr waren auch die Herren des Raths in solchem Schrecken, daß sie sich kaum zu versammeln wagten. Der Schultheiß der Kleinstadt verlor aber mit einigen Andern die Geistesgegenwart nicht, er rief den Rath Abends acht Uhr zusammen, es wurden die nöthigen Beschlüsse schnell gefaßt, Schaaren Bewaffneter machten die Runde in den Gassen, die Bürger von Kleinbasel übernahmen die Hut der Brücke und erklärten sich bereit, ihre Geistlichkeit und ihre Klöster gegen jeden Angriff aus den andern Stadttheilen zu vertheidigen. Auf diese Maßregeln hin ließen die Verschworenen ihre Anschläge fallen. Handschrift des gleichzeitigen Carthäusers Georg zu Basel, bei Ochs V, 491. 495.

Die Führer der revolutionären Partei in der Stadt waren, wie man Verdacht hatte, Wilhelm Stör von Diessenhofen und der Weber Ulrich Leyderer. Das Haupt derer in Basellandschaft war Stephan Stör, Leutpriester und Prädikant zu Liestal, der sich im Jahre zuvor 96verehelicht hatte. Er war in den letzten Tagen vor dem ersten Mai in der Stadt Basel, und leitete, wie es scheint, auch hier als oberste Hand die Bewegung. Als diese mißlang, ließ er sich über die Stadtmauer herab, und entwich in der Nacht zu den Seinen. Stephan Stör selbst sagte nachher im Verhör zu Straßburg, er habe sich am ersten Mai auf der Landstraße befunden, um seiner Frau, die zu Liestal war, Arznei zu bringen, und als er gehört, daß zu Liestal das Volk in Aufruhr sei, habe er geeilt, um daselbst seinen Wein zu retten.

Am frühen Morgen des 1. Mai saß der Rath zu Basel und vernahm, um der Sache auf den Grund zu kommen, viele Bürger. Da, sagt der Carthäuser, der es erzählt, da zeigte sich, daß Leute, die vorher nicht öffentlich reden durften, jetzt vor dem ganzen kleinen Rath keck über die Beschwerden und Lasten der Bürger und über die Mißbräuche in der städtischen Verwaltung sich herausließen. Doch schien es sich herauszustellen, daß es mit den Anschlägen in der Stadt keinen Grund habe, und daß es ein leeres Gerücht sei; dagegen erschien die Stimmung auf dem Lande draußen als eine bedrohliche. Etliche Rathsgesandte wurden sogleich in die Aemter verordnet, um die Beschwerden der Landschaft zu hören. Als diese in Liestal einritten, sah man die Bauern in den Aemtern Farasburg, Homburg, Wallenburg, Ramstein aufbrechen, zusammenziehen, die andern zum Zuzug aufmahnen, unter Bedrohung, ihnen sonst die Häuser zu verbrennen. Sie haben Befehl dazu von der Obrigkeit selbst, sollen sie nach Einigen gesagt haben. Die geistlichen Häuser zu Schönthal, Olsperg, Iglingen und an andern Orten wurden von ihnen geplündert, die Klosterleute, die nicht zuvor flüchteten, vertrieben, auch der Stiftskeller zu Liestal wurde geleert.

Die Rathsgesandten aus Basel schickten an die Bauern, und beriefen auf den nächsten Morgen, den 3. Mai, in der Frühe ihre Ausschüsse zu sich nach Liestal herein. Sie erinnerten diese, als sie erschienen, an alles Gute, das sie in Kriegszeiten, Theurungen und Feuersbrünsten von Basel empfangen, und baten sie, nach Hause zurückzukehren, sie wollen ihnen nachreiten, ihre Beschwerden an Ort und Stelle hören, und sie hoffen zuversichtlich, der Rath werde ein billiges Einsehen darein haben. Die Ausschüsse beriefen sich auf den Haufen, und ließen umschlagen zu einer Gemeinde vor das obere 97Thor. Hier wurde gerathschlagt, und bald begaben sich die Ausschüsse wieder hinein zu den Rathsgesandten und zeigten ihnen an, bis Mittag werden sie ihre Beschwerdepunkte schriftlich eingeben. Während die Gesandten zu Tisch saßen und aßen, hörten sie plötzlich umschlagen, alle Bauern waren im Aufbruch: sie zogen zum untern Thore hinaus, Basel zu, und ließen die Gesandten ohne Antwort zu Liestal sitzen. Das Ende der Berathschlagung in der Bauerngemeinde war gewesen, geradezu auf Basel zu ziehen, und sie hatten sich dafür eidlich zusammenverpflichtet. Ochs V, 497, will daraus folgern, daß die Wiedertäufer dabei keine Hauptrolle gespielt haben. Ohne Grund. Nicht zu schwören, war ein Artikel nur einer Fraktion von Wiedertäufern, bei weitem nicht aller; die Wiedertäufer der That, die Prädikanten Vorwärts, die münzerischen Sendboten alle hielten sehr auf Bundeseide und Zusammenverpflichtungen.

Stephan Stör war längst unter ihnen und an ihrer Spitze. Tags zuvor, 2. Mai, hatte er einen Brief an die Zünfte zu Basel geschrieben, worin er, ganz in Münzers Geist und Redeweise, sie nicht nur zu einer gemeinschaftlichen Zusammentretung, wo sie Alle in einen Geist versammelt sein würden, ermahnte, sondern ihnen zu bedenken gab, daß sie Gott einen Gefallen damit thäten, wenn sie sich dem Worte Gottes zu gut wider ihre Herren setzten. Instruktion der Basler Gesandten beim Verhör Störs. Dieser Brief wurde, scheint es, von den Herren zu Basel aufgefangen; sie nannten ihn »einen schändlichen Mordbrief.«

Sie beriefen gleich darauf (am 3. Mai) alle Bürger auf den Zunftstuben zusammen, sagten ihnen aufs Freundlichste zu, jede Beschwerde, die einer hätte, anhören und heben zu wollen, und fragten sie, ob sie Willens seien, Lieb und Leid mit ihrer Obrigkeit zu ertragen. Da fanden sich, so schien es, Alle willig.

Indem kam Botschaft, die Bauern ziehen mit Macht gegen die Stadt heran; die Thore wurden geschlossen, die Sturmglocken stürmten, ein Jeder lief im Harnisch an seinen Lärmplatz. Da zeigten sich auch schon die Bauern in der Nähe des Eschemerthors beim Käppelein, in großer Zahl. Sie hatten gehofft, dieses Thor offen zu finden; sie hatten darauf gerechnet, daß ihr Brief an seine Bestimmung gelangt, und ihre Ankunft den mit ihnen Einverstandenen 98bekannt sei. Ein Theil der Bürgerschaft wollte einen Ausfall machen, andere wollten das Geschütz von den Wällen die Bauern begrüßen lassen. Klüger waren die Herren des Raths. Sie schickten, geleitet von wohlgerüsteten Bürgern, den Bürgermeister Meldinger und Adelberg Maier, zu hören, warum sie in Waffen vor die Stadt sich legen. Die Bauern gaben kurzen Bescheid, dabei ließen sie sich doch auf Einiges im Einzelnen ein. Im Allgemeinen wollten sie, wie der urkundliche Erfolg zeigt, auf die Grundlage der bekannten zwölf Artikel in Betreff der Predigt des Evangeliums, der Steuern, der Zinse, der Zehnten, der Frohnen, der Geistlichkeit, was die Bauern anderer Lande wollten. Die Rathsherren nahmen diese und andere örtliche Artikel mit sich zurück in die Stadt, mit dem Versprechen, daß der Rath sie in ernstliche Berathung nehmen werde. Die Bauern quartirten sich zur Nacht zu Muttenz, Mönchenstein und in der Umgegend ein, eine Rotte besuchte das kleine Kloster Engenthal, eine andere Schauenburg oberhalb Pratten, eine dritte das rothe Haus; sie nahmen daselbst, was ihnen beliebte, thaten aber den Gebäuden keinen Schaden.

Gleich, als die ersten Gesandten in die Aemter abgegangen waren, hatte der Rath Eilboten nach Zürich, Bern, Luzern, Freiburg und Solothurn geschickt, und schon am Tage nach der Ankunft der Bauern vor der Stadt ritten Botschafter dieser Kantone in Basel ein, nach kurzer Besprechung mit dem Rath zu den Bauern wieder hinaus, gewannen den Haufen. Die Mehrheit ließ auf ihre Zusage, ihnen zum Vortheil zu vermitteln, und auf die Zusage des Raths, ihre Beschwerden zu heben, sich bewegen, nach Hause zurückzukehren, und gab sogar ihre Führer preis, indem Basel ausdrücklich von der den Landleuten ertheilten Amnestie diejenigen ausschloß, die den Brief an die Zünfte geschrieben und angegeben haben. Dadurch, daß der Rath die meisten Forderungen der Landschaft sogleich von selbst zugestand, wie Aufhebung des kleinen Zehnten, der Leibeigenschaft, des bösen Weinpfennigs, das Recht der Freizügigkeit, Frohnnachlässe, Nachlaß des Todfalls u. s. w. – dadurch waren die Häupter des Aufstands außer Wirkung gesetzt. Stephan Stör that sich hinweg ins Elsaß. In wenigen Tagen war in Basellandschaft Alles beendigt, die Aemter huldigten aufs Neue, und der Rath und die Herren des 99Raths stellten ihnen die Erleichterungsurkunden aus, mit widerstrebendem Gemüth; denn sie setzten in das Rathsprotokoll zu Beachtung für alle ihre Nachfolger im Rath eine Stelle, welche alljährlich bei Einführung des neuen Raths abgelesen wurde, und worin gesagt war, sie sollen eingedenk sein, daß diese Freiheiten der Stadt von ihren Unterthanen durch Ueberzug abgedrungen worden, und sie sollen in diesem Sinne mit der Landschaft handeln und sich selbst vor Untreue derselben bewahren. Die Amnestie wurde auf die Stadt Basel nicht ausgedehnt. Gegen 40 wurden aus der Weberzunft, Männer und Weiber, gefangen gelegt, nach acht Tagen aber wieder entlassen, gegen Urfehde ewigen Schweigens über das, was man im Gefängniß mit ihnen geredet. Ulrich Leyderer wurde gegen drei Monate gefangen gehalten, gestreckt und gemartert, »sie hätten gern viel von ihm gewußt,« aber er wollte Niemand verrathen, und vermochte durch keine Marter dazu gezwungen zu werden; es wurde nichts auf ihn gebracht, und er mußte frei gelassen werden, gegen Urfehde zu schweigen, bei Strafe des Schwerts. Nach Urkunden und den gleichzeitigen Handschriften von dem Carthäuser Georg und von Ryf, Ochs V. 492—523.

Im Bisthum Basel, namentlich im Laufenthal, hart an der Grenze des Sundgaus, und im Solothurnischen dauerte der Aufstand fort. Sie hingen zusammen mit den Sundgauern, welche aus den vier Aemtern Pfirt, Landsee, Altkirch und Thann seit Georgi zu Felde lagen. Sie stützten sich auf die Schweiz, nämlich auf die Volksstimmung darin, freilich nicht auf die Herren.

Die Schweiz, das Land der Freiheit, wie sie sich selbst gerne nannte, nahm eine eigenthümliche Stellung gegen die Volksbewegungen der Nachbarlande; selbst diejenigen Kantone, in denen das Evangelium gesiegt hatte. Sie verboten streng den Ihrigen, den aufgestandenen Nachbarn zuzulaufen oder Vorschub zu thun: sie fürchteten die Ansteckung für ihre eigenen Unterthanen, den Verlust des den Eidgenossen gemeinschaftlichen Thurgaus, aus dem der Landvogt meldete, wenn man ihm nicht helfe, werde Thurgau für sie verloren sein. Dadurch hatten sich die Eidgenossen veranlaßt gesehen, 30,000 Mann zum Auszug bereit zu halten, eine Art Beobachtungsarmee gegen die an ihren Grenzen bewaffneten 100Aufstände. Abschiedesammlung in Bern, bei Zellweger. Waren aber auch die Stadtherren an die goldene Ehrenkette französischen Dienstes gebunden, und so aristokratisch als irgendwo, im Volke hatte sich der alte Freiheitsgeist damals noch nicht vertagt, es sympathisirte mit den schwäbischen Bauern, und trotz des Verbots der Kantone zogen sechs Fähnlein freier Knechte aus der Eidgenossenschaft, jedes 500 Mann stark, in den Sundgau. Die Bauern im Oberelsaß und Sundgau hatten sie geworben, gegen vier Gulden monatlichen Sold, um sie und ihre Dörfer zu verwahren. Chronik von Mühlhausen, Handschrift, verfaßt von Jakob Heinrich Petri und Josua Fürstenberger. Den Kern der Bewegung des Sundgaues bildeten die von Habsheim, Rixheim, Eschenzweiler, Zimmersheim und andere nächst Mühlhausen gelegene Dörfer. Allenthalben aber im Lande »ward ein unerhörtes, seltsames Geschrei von den teuflischen Bauern vernommen,« wie der Augenzeuge sagt. Doch führten die Bauern nicht den Teufel in ihren Fahnen, sondern sie hatten ein weißes Fähnlein, darin mit großen Buchstaben Jesus Christus geschrieben stand. Mit diesem Fähnlein waren Einige schon vor der bewaffneten Erhebung selbst in die Stadt Mühlhausen hineingegangen und hatten von den Bürgern Gaben geheischt, indem sie laut den Reim halb singend umriefen:

»Steuert an's Fähnlein der Gerechtigkeit,
Uns armen Bauern zur Seligkeit.«

Oberster Hauptmann der Sundgauer Bauern war Hans in der Matten.

In der Stadt Mühlhausen selbst ging es auch nicht ruhig zu. Am 23. April rotteten sich die Zunftbrüder zu den Schmieden zusammen und machten einen Anschlag, nach der Abendzeche den Lüzelhof zu plündern, wie es scheint, nicht ohne Einverständniß mit den Bauern draußen. Denn als eben der Rath der Stadt seine Maßregeln dagegen ergriff, und den Schmieden Ruhe gebot, sah man die Bauern von Rixheim mit fliegendem Fähnlein und neben der Stadt daher ziehen. Sobald sie dies sahen, erzeigten sich die Zunftgenossen desto wilder, ihr Zunftmeister, Hans Grüneisen, der sie zur Ordnung ermahnen wollte, mußte vor ihnen entfliehen, doch behielt der Rath die Oberhand. Am folgenden Morgen ließ er alle Zünfte 101versammeln, und stellte ihnen das unbotmäßige Betragen ihrer Mitbürger vor, worauf sie in sich gingen und abbaten. Mühlhäuser Chronik, Handschrift.

Zugleich mit den Sundgauern erhoben sich die Bauern der Grafschaft Mömpelgard. Diese überrheinische Besitzung war dem vertriebenen Herzog Ulrich von Württemberg geblieben. Sie umschloß, neben Mömpelgard selbst, die Herrschaften Blamont, Clérmont, Châtelot, Héricourt, Granges, Cherval und Passavant, lauter burgundische Lehen, an der Grenze der Schweiz und des Sundgaues. Die Mömpelgarder hatten sich dem Herzog immer treu erwiesen; sie hatten am armen Conrad jede Theilnahme verschmäht, und als er vertrieben war, in der Schweiz sich für ihn bei Anleihen verbürgt; unter seinen Mömpelgardern wohnte er auch im »schwarzen Gemach« des Schlosses, wenn er nicht in die Schweiz ritt oder auf Hohentwiel war, um zu werben und zu rüsten. Die Bauern erhoben sich nicht gegen ihren Herrn, den Herzog, sondern im Sinne ihres Herrn gegen die Häuser der Adeligen und Priester. Diese plünderten sie. Die Fahne, welche sie führten, zeigte das württembergische Hirschhorn und neben demselben einen Bundschuh. Nach Duvernoy und handschriftlichen Quellen. Heid, Herzog Ulrich II. 260.

Die Häuser der Geistlichen waren es auch zunächst, auf welche sich die Sundgauer warfen. Die Klöster Oelenberg, Schönensteinbach, Ottmarsheim und andere Stifte wurden von ihnen geleert; die Urbarien und Zinsregister verbrannten sie; sonst thaten sie den Häusern und Menschen keinen Schaden. Mühlhäuser Chronik, Handschrift.

Der Sundgau und das obere Elsaß standen unter dem Erzherzog Ferdinand. Zu Ensisheim war der Sitz der österreichischen Regierung dieser Lande, und des Erzherzogs Landvogt war damals Wilhelm von Rappoltstein, ein edler, viel erfahrener Herr. Er hatte das heilige Grab gesehen, war als Oberster des Kaisers Max wider Venedig zu Felde gelegen, war dessen und seiner beiden Nachfolger geheimer Rath, und hatte einige Male in Ungarn glücklich wider die Türken gefochten. Herzog, Elsaßer Chronik.

Aber auch er, des Erzherzogs Statthalter, war jetzt nicht im 102Elsaß; er war am Ostermontag aus Ensisheim mit fünfundzwanzig wohlgerüsteten Pferden zum schwäbischen Bund hinweggeritten. Am Sonntag Quasimodo hatten alle Bürger zu Ensisheim dem Ritter Hans Immer von Gilgenberg als einstweiligem Statthalter zuschwören müssen, jeder Bürger mußte sich mit Mehl versehen; auch wurden aus der Landschaft viele Fußknechte in die Stadt gelegt, viele Edlen und Prälaten mit ihren Knechten herein beschrieben. Am Markustag zählte man nicht mehr als über 100 geworbene Knechte in Ensisheim, bei der Musterung auf dem Grien; Oberster war Hans Jakob von Waldner. Die handschriftliche Chronik dieses Edeln, Waldners von Freundstein, ist im Nächstfolgenden Hauptquelle. Von allen Seiten waren unbeschrieben viele Adelige und Mönche und Nonnen aus den Klöstern nach Ensisheim geflüchtet, da die Bauern überall einfielen, die Bürgerschaft in den andern Städten, wie in Rappoltsweiler, Bergen, Colmar, Freiburg und Breisach, zwieträchtig war, und Ensisheim noch als ein Hort galt, obgleich man hier zunächst eine Belagerung durch die Bauern erwartete. Um Donnerstag, den 4. Mai, kam ein Geschrei nach Ensisheim herein, als wäre der Bauernhaufen von Habsheim auf und wollte sich theilen. Es waren auch dreierlei Meinungen im Haufen, die Einen wollten gen Regisheim, die Andern gen Wittisheim, die Dritten auf Sennheim zuziehen. Endlich vereinigte sich der Haufe und zog auf Battenheim. Die Lärmtrommel, die Sturmglocken brummten, alles Wehrfähige war in der Stadt auf, alle Edeln, welche darin lagen, alle geistliche Herren; da sah man den Prior von St. Velten, den Abt von Münster, den Commenthur von St. Johann zu Sulz, den Weihbischof von Straßburg und andere mehr im Harnisch zu Roß, mit ihren Rittern und Knechten. Auf das ging das Jesus-Christus-Fähnlein, das schon im Angesicht der Mauern war, wieder hinter sich, und zog linkwärts, und lagerte sich zu Eisenheim. Am Samstag darauf ritten Abgeordnete von Schlettstadt und Kaisersberg, zweien von den elf reichsfreien Elsaßstädten, in Ensisheim ein, um zwischen den Bauern und der österreichischen Regierung einen gütlichen Vergleich zu bewirken; am folgenden Montag kamen in gleicher Absicht Abgeordnete aus Basel und Mühlhausen. Während diese zu Ensisheim handelten, zwangen die Bauern, jetzt der 103vereinigte Oberelsaßer und Sundgauer Haufen, am Mittwoch, den 10. Mai, Sulz, am Freitag, den 12ten, Gebweiler, in den evangelischen Bund zu huldigen. Vom Lager zu Eisenheim aus geschah die Eidabnahme. Sie straften auch hier wie anderswo nur die nicht evangelische Geistlichkeit: in beiden Städten, wie in den umliegenden Dörfern nahmen sie Alles, was den Klöstern und weltlichen Priestern gehörte. Am 15. Mai schwuren die von Sennheim zu dem Jesus-Christus-Fähnlein, Alles herum mußte huldigen. Zu Ensisheim wachten alle Nacht gegen 40 vom Adel mit Gewehr in vier Rotten, sammt 18 Bürgern. Am Tage waren an jedem Thor sechs Adelige, ein Priester und zwei Bürger. Wo man sie herbekommen konnte, nahm man weitere Knechte, jeden zu vier Gulden Monats, in den Sold, und am 17. Mai, als man von dem reißenden Umsichgreifen des Aufstandes hörte, beschickte Vogt, Schultheiß und Rath die Prälaten, die geistliche und weltliche Priesterschaft in Ensisheim, »wegen der Bauern, welche der Teufel leibhaftig besessen.« Wir bitten und befehlen euch, hieß es, mit Gottesdienst allen Fleiß zu thun, daß Gott Frieden bescheeren und seine um unserer Sünde willen verhängten Strafen abwenden wolle. Darnach, war die Meinung, sollen sie frohnen, wachen und an den Thoren gleich denen vom Adel Hut haben. Alle Geistlichen gelobten es; nur der Kirchherr vermeinte, das Letztere nicht halten zu können.

Im Mittelelsaß hatte sich der Aufstand noch früher gebildet. Aus mehreren kleineren Bauernlagern hatte sich der sogenannte niedere Haufen vereinigt, dessen Hauptquartier die schon im zehnten Jahrhunderte gestiftete Abtei Altorf war, im Bisthum Straßburg.

In den Osterfeiertagen traten gegen 1100 Bauern hier zusammen, zogen am Mittwoch, den 18. April, ins Kloster Altorf und lagen da in die acht Tage; die Mönche und den Abt vertrieben sie; was sie fanden und nicht verzehrten an Wein und Korn, das wurde wie der Hausrath verkauft, etliches abgebrochen.

Zu gleicher Zeit sammelte sich ein Lager weiter oben um Dannbach und Epfig, diese warfen ein weißes Fähnlein auf, daran dasselbe, was um das Sigill des Odenwalderhaufens, geschrieben stand: »Das Wort Gottes bleibet in Ewigkeit.« Ein Theil dieser Bauern zog nach Ebersheim Münster an dem Rhein, unter dem Vorwand, 104nach alter Gewohnheit Korn entlehnen zu wollen. Man ließ sie ein, und sie nahmen das Kloster, setzten sich darin und nannten sich von Jetzt an den Haufen von Ebersheim-Münster.

Die im Willerthal (Albrechtsthal) und im großen Bann thaten sich auch zusammen, und zogen in den Osterfeiertagen in das Kloster Huxhofen, nahmen es ein und vertrieben den Abt. Sie zogen auch herab bis auf die freie Stadt Schlettstadt und von da wieder zurück nach Huxhofen, zerzerrten und zerbrachen das Klösterlein, zerrissen den Glockenthurm, führten die Glocken, die Kelche und alle Gotteszier hinweg, zerrissen alle Bücher und Schriften in den Kästen und brachen selbst die Dächer ab. Die Bauern um Betten zerrissen den Tempelhof.

Die von Mittelweyer, Beblen und Sigolsheim sammelten sich gleichfalls in den Osterfeiertagen, gegen 300 Bauern, und fielen am Georgentag in das Kloster Bux (Boos), einen Pfleghof der Cisterzienser-Abtei Pairis, in der überaus anmuthigen Gegend zwischen Mittelweyer und Reichenweyer. Auch diese Bauern waren wie die der Grafschaft Mömpelgard württembergisch. Sie gehörten zur Herrschaft Reichenweyer, und die kleine Stadt gleichen Namens war der Sitz des Grafen Georg von Württemberg, des Bruders von Herzog Ulrich. Diese württembergische Herrschaft hatte übrigens Erzherzog Ferdinand auch an sich gezogen; der Vogt hatte jeden Bürger dem Hause Oesterreich den Bürgereid schwören lassen. »Am 25. April hab' ich Eckard Wiegersheim dem König Ferdinand den Bürgereid gethan.« Handschrift von Eckard Wiegersheim. Aus dem Städtchen Reichenweyer gesellten sich mehrere Bürger zu den Bauern. Sie vertrieben den auf dem Hof Bux sitzenden Ordensgeistlichen, tranken den Wein aus, warfen in der Kirche die Heiligen von den Altaren und zerrissen selbst die Dächer und den Einbau des Hauses. Des andern Tages ritt der Vogt von Reichenweyer, Bastian Link, zu den Bauern hinaus nach Bux. Warum, fragte er sie, thut ihr solches ohne Geheiß eurer Obrigkeit? Herr, sprachen die Bauern, es ist traun viel besser, wir thuns, als daß andere fremde Bauern kämen, und thäten solches. Hauptquelle für dieses und das Folgende ist die eben angeführte Handschrift von Eckard Wiegersheim, eines Bürgers aus Reichenweyer, welcher von da an bis zur Niederlage bei Scherweiler unter den Bauern Augenzeuge war.

105

Die aus dem Urbisthale, in welchem die Schlösser Hoheneck und Hutenburg und das Pfarrdorf Urbis lagen, fielen in die benachbarte Abtei Pairis und verkauften daraus selbst das Blei am Dache, das Andere wurde zerstört: die Kirchenzierden führten sie in die Kirche von Urbis, und die Mönche vertrieben sie. Auch Alspach suchten sie heim, vertrieben daraus die Nonnen und verbrannten die Abtei.

Weiter unten bei Barr versammelte sich auch ein Fähnlein.

Alle diese einzelnen Lager gehörten zu dem Altorfer oder niedern Haufen, und sie zogen sich auch nach und nach in ein Lager zusammen. Zuerst ritten etliche Bauern von Beblen hinab nach Ebersheim, schwuren zu dem dort stehenden Haufen als Brüder, und sagten zu ihnen, sie sollen herauf ziehen, so wollen sie sich mit ihnen vereinigen. Die Ebersheim-Münsterer antworteten, die zu Bux und sie haben schon zusammen geschworen, bei einander zu leben und zu sterben. Ihrer seien elf Haufen (sie meinten wohl diesseits und jenseits des Rheins), und derselben Eid sei ein Ding.

Der Eid der Elsaßer Bauern bestand auch in zwölf Artikeln, aber nicht ganz gleich mit den berühmten zwölf Artikeln. Sie wollten: 1) das Evangelium nach der rechten Meinung gepredigt haben; denn es sei ihnen zuvor verhalten und nach dem Geiz und Eigennutz gepredigt, und der arme Bauersmann in große Beschwerde gebracht worden. 2) Wollten sie keinen Zehenten mehr geben, weder großen noch kleinen. 3) Auch keinen Zins und keine Gülten mehr; wo etwa einer einem zwanzig Gulden auf Güter für ein Jahr geliehen, so solle er einen Gulden Zins alle Jahre und dies so lange geben, bis die Schuld wett sei. 4) Alle Wasser sollen frei sein. 5) Alle Wälder und Holz frei. 6) Das Wildpret frei. 7) Keiner solle leibeigen mehr sein. 8) Wollten sie keinen andern Fürsten und Herrn haben, als der ihnen gefalle; darunter verstanden sie später den Kaiser. 9) Gericht und Recht sollen bleiben, wie von Alters her. 10) So etwa ein Amtmann wäre, der nicht für sie sei, so wollten sie Gewalt haben, einen nach ihrem Gefallen zu setzen. 11) Solle kein Todfall mehr in die Kirche gegeben werden, und 12) Wo etwa vor Zeiten eine Herrschaft Allmanden an sich gezogen, und Eigenthum daraus gemacht hätte, so sollen diese wieder, sowohl Matten als Aecker, zu einer Allmand werden.

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Das waren die Artikel, welche der Elsaßer Eid enthielt. Wer bei ihnen hat sein wollen, sagte Eckard Wiegersheim, der mußte schwören, diese Artikel helfen zu handfesten, oder er mußte entlaufen.

Diese Elsaßer-Artikel zeichnen sich vor den berühmten zwölf Artikeln durch größere Schärfe und Kürze aus, und klingen an die Artikel derer in den Salzburger und österreichischen Bergen. Waren das wohl die ursprünglich von Thomas Münzer am Oberrhein verfaßten, aus denen nachher, wie er sagt, andere gemacht worden, gemäßigtere, ausführlichere, die berühmten zwölf? Aus einer willkürlichen Variante eines nicht gut unterrichteten Berichterstatters kann die Verschiedenheit nicht erklärt werden: der sie uns aufbewahrt hat, Eckard Wiegersheim, hat sie selbst im Bauernlager beschworen, und mußte sie wohl kennen. Handschrift von Eckard Wiegersheim von dem elsaßischen Bauernkrieg.

Eckard Wiegersheim und andere Bürger zu Reichenweyer leisteten eben, es war Nachmittags am 25. April, dem König Ferdinand den Bürgereid, als die Bauern, die zu Bux lagen, mit einem aufgereckten Fähnlein vor dem untern Thor zu Reichenweyer erschienen, unter ihren Hauptleuten Hans Eberlin und Heinrich Egen, zwei Bürgern aus Reichenweyer. Sie begehrten in die Stadt, um mit den Bürgern zu Abend zu zehren. Die in der Stadt wollten sie aber nicht herein lassen, »ob es gleich, sagt Eckard, unsere Bürger und eitel Bauern aus unserer Herrschaft waren.« Rath und Vogt gaben den Bauern durch die aufgezogene Fallbrücke zur Antwort: wollen sie mit ihnen zu Abend zehren, so sollen sie sie nicht mit gewehrter Hand und einem ausgereckten fliegenden Fähnlein besuchen. Sie möchten wohl kommen und mit ihnen essen und trinken, aber solchergestalt nicht. Doch schenkte der Rath den Bauern ein Ohm Wein vor das Thor. »Sie tranken, erzählt Eckard, kaum vier Maß davon. Hätten wir sie herein gelassen, ich weiß nicht, wie es uns ergangen wäre. Es waren viele in der Stadt, die es mit den Bauern hielten, und sie hatten sie kommen heißen; wann sie hereingekommen wären, so wären sie zu ihnen gefallen und Herren und Meister gewesen, wiewohl sie Niemand etwas Leids zu thun begehrten.«

Den 26. April ließen Rath und Vogt der Gemeinde zusammen läuten und nahmen ihr einen Eid ab, Leib, Ehre und Gut einander 107retten zu helfen, und die Feinde abzutreiben, unter dem Vortrag, daß wer nicht mit in diesem Eid sein wolle, der solle abtreten. Das war der Gemeinde lieb, und auch nach Bux hinaus schickte man den Vogt, zwei vom Rath und zwei von der Gemeinde, die Bürger draußen abzumahnen, daß sie, wenn sie das Kloster ausgegessen hätten, wieder heim und nicht weiter zögen; so wolle die Stadt es ihnen verantworten helfen. Die Abgeordneten redeten gütlich mit den Bürgern, und Freitag Nachts den 28. April zogen, alle wieder von Bux ab, ein jeder in seine Gewahrsam, jeder mit einem Stück Beute.

Indessen bewegte sich das Lager von Ebersheim-Münster. Nach einander wurden von ihnen die Klöster Itenweiler, Trutenhausen, Hohenburg, Igennen-Münster, Eschart und andere Orte heimgesucht; »Pfaffen und Juden zu strafen,« kamen sie; sie zogen am Gebirg herauf auf Dambach und Epfig, nahmen beides ein, und schickten eine Botschaft in's Ried: Die von Markolsheim und alle Bauern im Ried mußten zu ihnen schwören und den dritten Mann zum Haufen stellen. Wolf Wagner, der Oberste, hatte zehn Hauptleute unter sich, darunter Deckerhans von Ebersheim, Schlemmerhans Ruler von Plinstweiler, Segenmacher von Kenzingen und andere. Schönau, Sasy, Rheinau und alle benachbarten Orte nahmen sie ein, und die Bauern vom Gebirg hatten ununterbrochen ihre Botschaften im Hauptquartier Wolf Wagners. Dadurch wußte dieser, daß die Gemeinden überall für die Sache des Haufens seien, und, wo sie kämen, man sie einlassen und zu ihnen schwören werde. Am Sonntag Jubilate, 7. Mai, vereinigte der durch die Willerthaler und Riedbauern verstärkte Haufen sich mit dem Häuflein von Barr, und die vereinigten Fähnlein legten sich vor St. Pildt (St. Hippolyt), Auf den Landkarten gewöhnlich Belt, unweit Schlettstadt am Landgraben. und nahmen es. Tags darauf zogen sie vor Oberberken, und da man den Platz nicht aufgeben wollte, rückten sie herauf und kamen nach Beblenheim. Da fielen die von Beblenheim, Ostheim, Mittelweyer und Hunnenweyer zu ihnen. Denselben Abend ritt der Vogt von Reichenweyer zu ihnen hinaus, und fragte sie, warum sie da seien? Dazu, war die Antwort, daß ihr zu uns schwören und unsere zwölf Artikel handfesten helfen sollt; werdet ihr die Stadt uns nicht aufgeben, so wollen wir einen großen Gewalt mit Volk bringen, und euch belagern. Der 108Vogt sprach, er wolle ihnen morgen eine Antwort von dem Rath und der Gemeinde wissen lassen, ritt in die Stadt zurück, läutete in aller Frühe die Gemeinde zusammen, und fragte sie, ob es ihr lieb wäre, und sie dem Rath beistehen wollte, die Bauern nicht herein zu lassen, und sich zu wehren, so lange es ginge? Da sprach der Eine: Ich hab' kein Pulver oder Stein, die die Bauern schießen möchten. Der Andere sagte: Ich hab' keine Hellebart, die die Bauern schlagen möchte. Der Dritte: Ich hab' keinen Spieß, der die Bauern stechen möchte. Wohlan, sagte der Vogt, rathschlagt mit einander, was ihr thun wollt, denn ich muß sie eine Antwort wissen lassen. Sie wurden Raths, was die von Berken und Rappoltsweiler thäten, das wollen sie auch thun. Auf das ritt der Vogt mit zweien vom Rath, und zweien von der Gemeinde nach Beblenheim, und er fragte die Beblenheimer, warum sie so vorschnell zu den Bauern geschworen? Sie hätten wohl warten können, bis die von Reichenweyer sich ergeben hätten, sie wären alsdann noch früh genug gekommen. Da antwortete ein Theil derer von Beblenheim: Ihr von Reichenweyer habt uns nie kein Guts gethan, wir sagen euch ab, und wo wir euch Böses thun können, das wollen wir nicht unterlassen, deß sollt ihr euch zu uns versehen. Da schwieg der Vogt, und überbrachte dem obersten Hauptmann dieses Haufens, Wolf Wagner von Rheinau, die Antwort der Stadt, wie die Bürger des Sinns wären, daß sie sie nicht wollen herein lassen, was aber Berken und Rappoltsweiler thäten, das wollen sie auch thun: Auf dieses Wort griffen die Bauern einen vom Rath, Stephan Erdinger, und einen von der Gemeinde, Oswald Diefenbach, nahmen sie gefänglich an, und behielten sie draußen. Doch ehe der Vogt noch mit den zwei Andern in die Stadt einritt, ließen die Bauern die beiden Gefangenen wieder frei, zogen vor Berken, und forderten den Platz auf. Die vor Berken sprachen, sie wollen ihnen bis morgen eine Antwort geben, und schickten Botschaften an die benachbarten Städte herum, um auf morgen einen Tag zu Reichenweyer zu halten. Allda kamen auch die von Berken, Rappoltsweiler, Kiensheim, Amersweyer und Kaisersberg in Reichenweyer zusammen. Die fünf Städtchen waren wohl eins, sich einander zu Hülfe zu kommen, Berken nicht aufzugeben, sondern sich zu unterstehen, solch' Volk aus dem Lande zu schlagen. Aber Kaisersberg wollte solches 109nicht thun. Es kam zu keinem Schluß. Die von Berken sprachen: So wollen wir uns so lange wehren, als wir vermögen; und ritten wieder hinweg. Daheim sagten sie der Gemeinde, wie es ergangen war, und ließen, entschlossen die Stadt zu erhalten, den Bauern absagen. Diese waren indessen weiter gezogen. Zu Zellenberg, wo sechs Hauptleute vor das Thor ritten, schwuren Bürger und Vogt zu ihnen. Auch die Dörfer in der württembergischen Herrschaft Horburg am Rhein, die zu Benweiler, Hussen und Weyer bei Colmar schwuren zu ihnen. Der Haufe hatte sich in einzelne Fähnlein aufgelöst, die hin und her zogen, den Bundeseid einzunehmen; im Hauptquartier zu Hunnenweyer waren am 9. Mai nicht mehr als 1200 mit zwei Fähnlein beisammen. Hier traf sie die Antwort derer von Berken.

Da sandte der oberste Hauptmann seine Befehle in alle Flecken, die zum Bunde gehörten. Ueberall umher wachten plötzlich nach einander in den Städten und Dörfern, die zum Haufen geschworen hatten, die Sturmglocken auf, und mahnten zum Zuzug zur Bauernfahne. Noch am selben Tage erschien Wolf Wagner bei Neffenkreuz und vor Berken. Am Mittwoch ruhte er und erwartete die Zuzüge. Sein Haufe lag in den Weinbergen; kein Schuß fiel, weder in die Stadt, noch aus der Stadt; er hatte hineingeschrieben, wo sie einen Mann erschößen, wolle er die Stadt schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen. Die zu Reichenweyer versammelten Städte schickten auch Gesandte mit der Bitte: daß sie ab und nicht weiter herauf zögen. Die Hauptleute aber gingen ihnen mit vielen glatten Worten entgegen, wie sie in brüderlicher Liebe da seien, und nicht anders können, denn fürder ziehen. Bald waren gegen 14,000 Bauern beisammen. Da das die Frauen in Berken sahen, wollten sie den Vogt zerreißen. Es waren auch etliche Bürger in der Stadt, die es mit denen draußen hielten. Vogt und Rath, in Furcht vor weiblichen und männlichen Feinden in der Stadt, schwuren auf das zu den Bauern und ließen sie herein. Die Bauern zerrissen den Juden ihre Gesetztafeln und Bücher, welche sie gern um 400 Gulden gelöst hätten, zerbrachen ihre Schule, sperrten alle Juden in ein Haus, alle bei ihnen versetzten Pfänder thaten sie auch in ein Haus, und setzten zwei Schaffner darüber. Wer sein Pfand lösen wollte, dem ward es gegeben, und die Schaffner sammelten das Geld, die auch der Juden Gut 110verhandeln mußten. Den Geistlichen tranken sie ihren Wein aus, und hielten seltsam Haus. Die von Berken mußten sechzig Mann aus ihrer Bürgerschaft zum Haufen stoßen lassen, der am Freitag, den 12. Mai, aufbrach, und am 13ten vor Rappoltsweiler sich legte. Handschrift des Eckard Wiegersheim. Die rappoltsteinische Handschrift hat nur 5000 Bauern.

Zu Rappoltsweiler hielt Herr Ulrich, Herr zu Rappoltstein, Hoheneck und Geroldseck im Wasgau, seinen Hof, der Sohn jenes österreichischen Landvogts und Ritters des goldenen Vließes, Wilhelms von Rappoltstein. Von hier an fließt uns eine dritte Hauptquelle für's Elsaß in der Handschrift eben dieses Herrn Ulrich von Rappoltstein: Vom Bauernaufruhr im April und Mai 1525. Rappoltsweiler war eine feste, durch drei Thore in vier Bezirke getheilte, der evangelischen Lehre heimlich zugethane Stadt. In der Ober- und Niederstadt zeigten sich schon am 23. April Spuren von Unruhen. Während Junker Ulrich mit Bekümmerniß wahrnahm, wie sich das Volk drunten zu Altorf sammelte, und wie Niemand wußte, wo hinaus, und er seine Stadt sorglich hütete, daß sich daraus keiner hinaus thue, und zu einem Haufen schwöre, da trat ihn unter der Kirchthüre Leonhard Prechter, einer des Raths, an, er habe gehört, etliche Bürger der Oberstadt haben zu andern aus der Niederstadt gesagt: Sobald ihr gegessen habt, laßt euch bei einander auf dem Markt finden, da wollen wir die Sachen anfangen. Auch vom Kloster haben sie geredet. Wie Herr Ulrich das vernahm, ließ er das Kloster mit Bewaffneten besetzen, und die Glockenseile aufziehen2026 damit man nicht Sturm läuten könne. Dann berief er Drei des Raths zu sich. Was ist denn das für ein Wesen? sprach er sie an. Die Herren des Raths vermeinten, man wolle sie fragen, darum, daß sie zum Sakrament in beiderlei Gestalt gegangen seien, und entschuldigten sich. Junker Ulrich belehrte sie, daß er davon rede, wie die Gemeinde in das Kloster fallen wolle, und es zu verderben Willens sei. Herr, sagte Urban Heidelberg, es geht die Sage, wie ich von vielen Bürgern in meinem Wirthshaus gehört habe, der Landvogt wolle diese Nacht mit 1500 Pferden kommen, und die Stadt überfallen und darin Alle umbringen oder schädigen. Man sagt, das Gerücht sei von einem der herrschaftlichen 111Wächter ausgegangen, das Läpplein genannt. Man ließ das Läpplein durch den Weibel holen. Aber da liefen die Bürger zu, schrieen: schlagt Sturm! ein Jeder laufe zu seiner Wehr! Bewaffnete Bürger entrissen dem Weibel den Gefangenen, führten ihn über den Markt bis in die Niederstadt, und da liefen sie mit ihren Wehren zusammen. Der Junker mit noch etlichen von Adel ging auf den Markt und redete mit der Gemeinde, wie er wohl leiden möchte, daß, wer also zornig sein wolle, und mit den Gewehren lärme, draußen bei den bösen Bauern wäre. Was das Alles bedeuten solle? Da antworteten sie ihm, wie der Wächter die Rede von dem nächtlichen Ueberfall des Landvogts ausgebracht habe, und da man ihn in den Thurm legen wolle, so besorgen sie, er werde peinlich gefragt, und müsse anders sagen, damit sie verkürzt würden. Der Junker entschuldigte seinen Vater, den Landvogt, und hieß das Läpplein aus der Niederstadt holen. Sie brachten den Wächter mit Spießen. Er konnte Niemand angeben, von dem er seine Sage gehört habe, und der Junker ließ ihn in den Käfig legen, nicht ohne Widerwillen der Bürger. Sie begehrten auch, wie sie so beisammen waren, einen Trunk aus dem Kloster, und man mußte ihnen zwei Ohmen Weins in jedes Viertel verwilligen; sie zogen von einander und tranken. Nach einigen Stunden behaupteten sie, es komme auf den Wirth, Herrn Martin Spörlein, heraus, daß er das Wort von des Landvogts Kommen geredet. Gnädiger Herr, rief Martins Kellnerin, in die Herrenstube stürzend, sie wollen meinen Herrn im Haus zu todt schlagen. Martin flüchtete in die Kirche; sie holten ihn heraus mit seltsamem Geschrei, und rückten ihm vor, er habe das Wort in den Reben geredet. Herr Martin gestand, daß er gesagt, ich hör', es kommen viel Reiter ins Land, die werden uns strafen. Er habe es aber gesagt ohne allen Ernst, in guten Scherzen und Schwänken, als er bei Martin Hofschneiders Hausfrau gesessen. Die Bürger behaupteten, es sei dennoch etwas an der Sache, entweder solle man Herrn Martin auch einlegen, oder das Läpplein aus dem Käfig lassen. Nach vielem Geschrei der Bürger sagte der Junker: Wenn ihr darum bittet, so will ich auf euere Bitte ihn heraus lassen. Der befreite Wächter, auf die Bürger pochend, kam unter die Herrenstube mit viel spöttischen Worten: Es hat es mir Gott im Schlaf eingegeben, und es steckt mir im 112Herzen; ich will es sagen, wenn es Zeit wird, wie es gegangen ist. Gott geb' euch eine gute Nacht, und mir auch eine. Läpplein, sprach der Junker, find' ich, daß Du's erlogen, werd ich Dich hernach noch strafen. Etliche Bürger aus der Oberstadt verlangten, man solle die Thore in den Städten nicht schließen, oder sie gar abbrechen, damit, wenn ein Lärm werde, sie zusammen kommen möchten. Dagegen setzte sich der Junker. Als sie schrieen, rief er, sie sollen zufrieden sein, er habe noch so viel fromme Bürger, und wolle sie sonst strafen. Damit schieden sie ab, kamen aber bald wieder. Es sei viel Judenwein in der Stadt, sagten sie, den wollen sie trinken, und kein anderes Glas. Der Junker ließ das zu, sie stachen noch diesen Abend in Wolf Schneiders Keller ein Faß von zwei Fuder an, Mann und Weib holte, und es war ausgetrunken, ehe es sechs schlug. Da schlugen sie die Glocken an und riefen Alles, was Bürger heiße, auf den Markt. Als ihrer bei vierhundert zusammen waren, trat Schott der Schneider auf, und sprach: Ihr Brüder, wir wollen morgen zusammen kommen und zusammen schwören, und wer nicht mit uns schwören will, dem wollen wir durch's Haus laufen, und ihn zu der Stadt hinaus stoßen. Wem das lieb ist, der heb' eine Hand auf. Da sah man alle Hände aufgehoben. Sie besetzten diesen Abend noch die Wachen außerhalb und innerhalb der Stadt mit 100 Mann in Wehr. Die Uhren verrichteten sie so, daß der Wächter schon nach eins den Tag anblies; sie liefen an die Thore, und nahmen den Thorwächtern die Schlüssel ab. Darauf brannte einer eine Haubitze los, und gleich fing man an, auf drei oder vier kleine Streiche an die Sturmglocke zu schlagen. Der Junker warf sich zu Pferd und ritt hinab bis zur Bürgerstube, wo er über 150 Mann in Harnisch und Wehr mit Fackeln fand. All sein Reden und Erbieten half nichts. Sie haben stürmen hören, sagten sie, und geschworen, wenn sie die Glocke hören, wollen sie dazu laufen. Sie wissen nicht, wer gestürmt habe, aber sie wollen da warten, bis es Tag werde. Was sie darnach Raths werden, das geschehe. Sie begehrten auch das Stadtfähnlein, das ihnen aber jetzt nicht wurde; darauf zogen sie hinab bis auf den Markt, wo die Bürger zu Hauf standen. Sie begaben sich in Herrn Hansen von Hattstadt Hof. Als man Frühmette läutete, machten sie einen Ring, Junker Ulrich ritt herein, beklagte sich, 113daß er ihr Gefangener sei, da sie die Schlüssel zu allen Thoren haben, und ermahnte sie an Eid, Ehre und Verantwortung. Junker, schrie einer, Ihr habt noch eine Pforte hinten am Hof, da mögt Ihr wohl hinaus gehen. Andere baten den Junker, sammt dem Adel abzureiten, so wollen sie mit der Gemeinde handeln, und ihm gute Antwort geben; sie wollen's machen, daß es der Herrschaft und Gemein nutz und gut sein möge. Gott geb' euch Glück dazu, sprach der Junker und ritt ein wenig ab. Schott, der Schneider, setzte sich mit Andern zusammen, und sie schrieben ihre Artikel auf, schickten sogleich zu den Priestern. Diese mußten ohne alle Bedenkzeit darauf schwören, und alle bürgerlichen Lasten auf sich nehmen; dagegen wurde ihnen Schutz zugesagt. Auch der Rath mußte schwören. Junker Ulrich weigerte sich des Eids, ihm erließen sie ihn, nicht aber den Adeligen bei ihm, welche Seßlehenmänner der Herrschaft Rappoltstein waren. »Sie müssen schwören,« war das Geschrei, »oder machet sie geschwind hinausgehen.« So schwuren sie, und man ließ sie abreiten.

Die Bürger wußten mehr Judenwein; den tranken sie zum Imbis, und wählten beim guten Glas einen Ausschuß von 150 Mann und vier Hauptleuten. Nach dem Imbis saßen die Hundertfünfzig, die nun anfingen zu regieren, über die Artikel, änderten und strichen daran, und schickten sie so an den Junker. Dieser sah gleich, daß sie nicht ganz so im Hofe Morgens wären verlesen worden; doch versprach er gleich, daß er für seine Person die Artikel gern annehmen wolle, für seinen Herrn Vater aber und für seine Brüder könne er keine Antwort geben. Sie willigten darein, eine Botschaft an ihn nach Ensisheim oder Freiburg zu schicken. »Inzwischen, erzählt Junker Ulrich, haben sie Judenwein getrunken und wohl gelebt, und viel seltsame Reden getrieben von Priestern und Adel und Herrschaft, und wollten mir auch das Hinterthor zumauern und die Brücken abwerfen. Sie haben auch mit den Priestern zu Nacht gezehrt, bis um die Mitternacht, und wenig gearbeitet, weder Weib noch Mann.« Dem Läpplein ging es schlecht, es ließ sich in offener Gemeinde vernehmen: Der Rath dieser Stadt, der wird die Gemein verrathen. Da wurde das Läpplein gethürmt und peinlich gefragt; es gestand, daß alles auf die Herrschaft Geredete von ihm erdacht sei, 114und der Rath der 150 verurtheilte es zum Strang; »doch geschah ihm Gnade, und es ward nur das Haupt von ihm genommen.« Am 25. April kam Junker Ulrichs Bruder Georg vor das Jungfernthor. Ich bitte dich, sagte Ulrich, reit hinweg, denn ich bin ein gefangener Mann, und reit hin zum Herrn Vater, und sag ihm, daß er denen, die man zu ihm schicken wird, nichts thun möge, oder ich und die Edeln werden alle erwürgt. Da ritt Junker Georg hinweg nach Freiburg zu seinem Vater, und Samstags darauf, den 29. Abends, kam die Botschaft von Freiburg zurück. Der Landvogt empfahl seinem Sohn Nachgiebigkeit gegen die Bürger. Und Sonntags und Montags, den 1. Mai, hörten sie die Predigt, und am 2. Mai eröffnete Junker Ulrich die Artikel, die sein Vater zugestand. Mittags, nach Anhörung der Artikel, sah man die Weiber aus der Niederstadt mit einem Lumpenfähnlein und etlichen Weinstichen durch die Stadt ziehen; sie gingen auf Peter Vogelweids Haus los, da war »Ketterlewein,« den wollten sie haben. Der Junker beschwichtigte sie aber mit zwei Ohmen vom Judenwein. Den tranken sie, dann zogen sie hinaus in die Sulz, Weiber und Männer mit Aexten, unter Trommelschall, fällten die Bäume in der Sulz und trugen heim, Weib und Mann, jedes eine Stange. Auf den heiligen Kreuztag ließ der Junker 15 Centner Fleisch kochen, und aus vier Vierteln Mehl Brod backen, und sie aßen und tranken dazu von Herrn Martin Spörleins Wein, den sie nicht anders begnadigten, als bis er ihnen zwei Fuder und vier Ohmen Wein gab. Hab' dabei manches seltsame Wort von Weib und Mann hören müssen, sagt Herr Ulrich von Rappoltstein.

So stand es in Rappoltsweiler, als die Nachricht kam, daß der Haufen unter Wolf Wagner von Rheinau auf St. Hippolyt ziehe. Herr Ulrich schickte Endres Ziegler, einen Bürger, hinab auf Kundschaft. Er hatte von ihm erfahren, daß er Freunde unter dem Haufen habe, und ihm eingeschärft, sich der Bauern sonst gar nichts anzunehmen, auch nicht zu sagen, was sie in der Stadt für ein Leben haben. Endres Ziegler zog hinab, handelte mit den Bauern, und zeigte ihnen an, wie man auf sie zehn Viertel gebacken habe, und wie die Gemeinde sie, wenn sie kommen, wohl empfangen und wohl halten wolle. Er ritt mit den Hauptleuten voran und in 115St. Pildt ein, und empfing von den Hauptleuten zwei Schreiben, eines an den Junker, ein anderes an die Gemeinde, daß sie sich zum christlichen Haufen verpflichten sollen. Als sie das erste Mal vor Berken abzogen, kamen sie selben Abend um 3 Uhr auch vor Rappoltsweiler, hielten vor dem Thore Sprach, und begehrten vor die Gemeinde selbst zu kommen. Sie gaben mit viel guten Worten zu verstehen, was ihr Wille und ihre Meinung sei. Dann zogen sie mit vielen Drohworten ab, daß sie sich stärken und wieder kommen wollen. Noch einmal ritt Schlemmerhans, einer der Hauptleute, zurück, und besprach sich selbst mit Junker Ulrich. Das ist das Evangelium nicht, sagte dieser; ich verstehe das besser, denn ihr und all' eure Haufen; ich habe das darin nicht gelesen. Schlemmerhans bat um Proviant. Da sagte der Junker, der Hauptmann solle hinweg reiten, er wolle sich bedenken, und ihnen etwas schicken; aber er solle sich bald hinweg machen, sonst würd' er zu ihm schießen. Hoch genug, wär' gut christlich! rief Schlemmerhans, und sprengte davon. Als der Haufe den Hof bei der Kapelle hineinzog, ließ der Junker doch etliche Schlangen über sich gehen und edliche Haken. Auf dem Graben begegnete er Endres Ziegler. Die Leut' hast Du uns zugewiesen, rief der Junker ihn an und setzte ihm die Waffe an die Brust; erfahr ich das gewiß in einem Jahr, es soll Dir nicht gut werden. Aus dem Graben hin und her fielen auch Reden; die nicht im Einklang waren mit der Zusage, die die Bürger Tags zuvor dem Junker gethan, bei ihm zu halten und Niemand Fremdes herein zu lassen. Da rief der Junker unter sie hinein, welcher den ersten Rath gibt, daß man sie herein lassen soll, in den will ich meine Wehr stoßen, und eh' ich wollt, daß sie herein kommen sollten, eh' wollt ich mit einer Schlange den ersten Schuß unter sie thun.

Aber die Scene änderte sich schnell. Bei einer Zusammenkunft zu Colmar, wo die bedrängten Städte Rath suchten, und Herr Hans Immer von Gilgenberg und Friedrich von Hattstadt, die kaiserlichen Räthe, selbst erschienen, sprach der Letztere geradezu, er könne gar keinen Trost geben, und es solle ein Jeder zu dem Seinen lugen. Und gleich darauf, am 13. Mai, sahen die Rappoltsweiler, wie sie Fähnlein an Fähnlein daher zogen, die Bauern, zu Neffenkreuz über alle Matten, wie die Hauptleute voraus zum Thore ritten, 116während der Haufe bei dem Kreuz hielt. Sie hatten kein Geschütz, nur zwei Feldschlangen und zwölf Haken, die sie Herrn Philipp Wezel von Marsilien abgenommen. Junker Ulrich ließ innen Sturm schlagen, das Volk lief im Harnisch zusammen. Während dem gingen etliche von dem Bürgerausschuß und die vier Hauptleute zu den bäurischen Hauptleuten hinaus vor's Thor, mit ihnen zu reden, was ihre Meinung sei. Die Bauernhauptleute begehrten Geleit in die Stadt hinein und wieder heraus. Man gab es ihnen, und sie ritten ein. Die Bürger schickten nach dem Junker; er kam und hörte der Bauernhauptleute Begehren. »Das war mit klugen Worten, wie er es selbst rühmt, wie ihr Vornehmen so redlich und ehrlich sei; sie begehren weder Schloß noch Stadt, sondern allein, daß man das Evangelium helfe schützen und schirmen, daß es lauter und klar gepredigt werde; sie seien auch Niemand feind, als den Pfaffen, Mönchen, Nonnen und Juden; diese allein wollen sie strafen.«

Der Junker rief die Gemeinde auf dem Markte zusammen. Nachdem er sie daran erinnert, wie sie zusammen geschworen haben, ihm Leib und Gut, und Adel und Priesterschaft zu schützen, und Niemand Fremdes herein zu lassen, schloß er: Ihr seht; die Feinde sind vor der Stadt, ihre Hauptleute hier innen. Wollt ihr nun mich schirmen, oder die Bauern herein lassen? Auf das begehrten sie die Artikel der Bauern und ihre Forderung zu hören. Der Junker wollte sie durch den Schulherrn, Meister Heinrich, vorlesen lassen. Der Graukopf soll nicht lesen, schrieen sie. Da las sie Gabriel Scheerer, einer des Ausschusses. Darauf wollten sie sich bedenken und berathen. Der Junker ritt in Claus Magnus Herberge, den Erfolg abzuwarten, und trank. Auf dem Markt war großes Geschrei. Die Einen wollten die Bauern herein, und die Andern sie draußen haben. Der Einlaß war aber bei Vielen schon längst beschlossen; denn es war Alles heimlich seit Tagen zu ihrem Empfang vorbereitet. In alle Viertel der Stadt waren bereits aus dem Kloster Fässer mit Wein geführt, zehn Viertel Brod waren aus dem Klosterkasten gebacken worden, und in Eucharius Glasers Haus aufgehäuft. Und jetzt schütteten die Bürger auf dem Graben das Pulver aus und sagten, wer unter die Bauern schieße, in den wollen sie eine Hellebarde stechen und ihn zu todt schlagen. Weder Baumeister 117noch Bürger wollte sich überhaupt recht zur Wehr schicken, und der gemeine Mann ließ sich hören, sie haben keine Spieß, um Bauern zu stechen. Und zuletzt sah der Junker gar, wie Fouriere der Bauern, von Bürgern herumgeführt, bereits an die Häuser Quartier anschrieben, und an Claus Magnus Haus, wo er gerade trank, ein Galgen angekreidet stand. So konnte der Ausgang der Berathung auf dem Markt nicht zweifelhaft sein. Wolf Sattler ließ endlich abstimmen, und die Mehrheit war, die Bauern einzulassen. Einige Bürger eilten zu dem Junker: Gnädiger Herr, wißt ihr Rettung in einem Tag oder zweien, so wollen wir uns halten; wißt ihr nichts, so ist's eben so gut wie eingelassen; denn lassen wir sie nicht gleich ein, so nehmen wir Schaden von ihnen, und müssen sie hernach doch einlassen. Ich weiß keine Rettung, antwortete der Junker, als das, in acht Tagen soll Rettung kommen, da soll Rettung kommen. Da sagten die Bürger, diese Rettung währe zu lang. Der Junker wußte eigentlich von gar keiner Hülfe, weder in acht noch in vierzehn Tagen, er war ganz abgeschnitten, ganz verlassen, wie er sagt, vom Regenten, von Vater, Brüdern, Freunden, Städten und Flecken. Er ritt wieder in den Hof zu den Hauptleuten. Ich will euch Wein, Fleisch, Brod und Geld für den Abzug geben, nur ziehet hinweg! sprach und bat er. Aber sie gingen nicht darauf ein. Damit wollte er sie abscheiden lassen. Sie saßen auf ihre Rosse. Da lief der Thorwärter mit Andern herzu und meldete, die Bauern draußen ziehen zum Strengenbach, und fangen an, die Reben in den Weingärten abzuhauen und das Lager zu schlagen.

Der Haufen hatte bisher noch immer zu Neffenkreuz gehalten: jetzt, da zwei Stunden verflossen waren, ohne daß die Hauptleute zurückkehrten, zog er über alle Matten zur Hunnenweyer-Kapelle über die Streng, ein Flüßchen, vor die Stadt.

Da schrieen die Bürger: blieb der Haufen über Nacht, würd' es der Stadt wohl tausend Gulden schaden. Der Junker ließ schnell durch Meister Heinrich einige Artikel aufsetzen, gegen deren Zusage er sie einlassen wolle. Es waren Vorbehalte, daß er den Hof, Adel, Priester und Kloster frei haben, kein Geschütz hinaus lassen, nicht vor Ensisheim ziehen, der Herrschaft Lehenherren und Anderes sich vorbehalten wolle. Sie gingen nicht auf Alles ein, und einer 118der Hauptleute sagte zu ihm: Es ist das Evangelium, daß der Vater wider den Sohn, und der Sohn wider den Vater sein muß. Also ritten sie zum Thor hinaus.

Als der Thorwart fragte, ob er den Haufen herein lassen solle, antwortete der Junker: Ich will es dich nicht heißen, ich bin nicht Meister! Und ritt davon auf den Markt. Ihr habt sie herein haben wollen, sprach er hier; habt ihr's gut gemacht, so werdet ihr's wohl sehen; ihr habt ihnen gern, wir aber ungern aufgemacht. Mein Wille ist's nicht gewesen, rief ihm der Bürger Zinnagel entgegen. Hättest du, versetzte der Junker, und andere Knaben vor dem so geschrieen, so wär's besser geworden; aber wie ihr's gemacht habt, so habt's.

So wurde der Haufen eingelassen. Es war zwischen 5 und 6 Uhr Abends, am 13. Mai. Die Hauptleute nahmen des Stadtschreibers Haus für sich. Zu Nacht wurden ihnen die Schlüssel zu allen Thoren gebracht. Die Bauern hielten sich mit Essen und Trinken die Nacht durch waidlich. Aus den Häusern der Geistlichen besetzten sie sich ihren Tisch. Am andern Morgen, es war Sonntag, liefen sie in das Kloster. Sie zerstörten es nicht, doch ging es nicht ganz ohne Unfug ab; denn sie trugen nicht nur die Vorräthe heraus und vernichteten die Zinsbücher, sondern sie nahmen auch etliche Bilder aus der Kirche, etliche Gemälde wurden von ihnen beschädigt, das Fähnlein in der St. Catharinenkapelle zerrissen, daraus machten sie Hosenbändel, aus den Stangen der Klosterfähnlein Profosenstäbe; Bruder Jakob, der Mönch, wurde gestoßen und so erschreckt, daß er zehn Tage darnach starb. Der größte Schaden aber geschah dem Kloster von vielen Bürgern aus der Stadt. Die Priester wurden um 50 Gulden geschätzt, und jedem dafür ein Schirmbrief gegeben. Die Bürger mußten den Hauptleuten schwören, daß sie das Evangelium schützen helfen, und wo ein Volk wäre, das die christlichen Brüder beleidigen wollte, ihnen mit Leib und Gut zuziehen wollen. »Doch so, daß dieser Eid ihnen an ihren vorigen Eiden, die sie ihren Herrschaften gethan, unabbrüchlich sei; sie sollen im Gegentheil ihren Herren wie von Alters her dienen, gehorsam sein, und ihnen Zins, Gewerk und ländlichen Frohndienst leisten, und mit nichten gedenken, daß sie ihren Herren nicht gehorsam sein wollen.« Auch der Adel mußte 119ihnen schwören, auch mit Vorbehalt der Eide, die sie ihren Lehenherren gethan.

Das Alles klingt gar nicht nach den zwölf Elsaßer-Artikeln: es ist unverkennbar, diese Haufen handelten von nun an im Einklang mit dem großen evangelischen Heere vom Odenwald und Neckarthal, und die Deklaration der zwölf Artikel war von den Elsäßern williger angenommen worden, als von den Neckarthalern.

Die von dem benachbarten Gemar schickten Abgeordnete mit der Bitte, ihre Stadt in den christlichen Bund aufzunehmen. Dadurch erreichten sie, daß der helle Haufen nicht zu ihnen hinab zog; die Hauptleute schickten nur 50 Knechte hinab, um den Bürgern den Bundeseid abzunehmen. Zu den Abgeordneten sagten die Hauptleute, sie sollen ihren Zehenten geben, denn der sei von der Herrschaft erkauft; aber das Seelbuch soll ab sein, und die Priester zu Gemar und Rappoltsweiler sollen Weiber nehmen und deutsche Messe halten.

Um 1 Uhr Nachmittags, den 14. Mai, zogen die Bauern zum Niederthore wieder hinaus, sammelten sich auf der Matte und zogen vor Reichenweyer, wo sie selben Abend noch ankamen, sie hatten zu Berken an dreißig Fuder Wein, und zu Rappoltsweiler ebenso viel getrunken und verderbt, und »Niemand nichts für ihre Irten (Zeche) bezahlt.« Handschrift Herrn Ulrichs von Rappoltstein. Von den Ueberbleibseln thaten sich natürlich die Bürger noch lange gütlich. Da die von Reichenweyer gesehen hatten, daß sich die zwei Städte ergaben, und die Bauern mit solcher Gewalt kamen, rüsteten sie sich, schlachteten neun Ochsen, boten es ihnen an und ließen sie ein. Die Stadt schwur zum christlichen Bund, und ließ 30 Mann zum Haufen stoßen, Rappoltsweiler hatte 60 Mann geben müssen. Die Auswahl Unter den Ausgewählten war auch Eckard Wiegersheim, der Verfasser einer unserer Handschriften. von Reichenweyer wollte unter das weiße Fähnlein, das die aus dem Reichenweyerer Flecken Beblenheim gemacht hatten, und das zur selben Zeit Lenz Mayer von Hunnenweyer trug, nicht schwören. Die Reichenweyrer sagten; die von Beblen sollen das Hauptpanner zu Reichenweyer holen, und dazu schwören; sie selbst aber seien nicht schuldig, zum Fähnlein derer von Beblen zu schwören. Da versprach ihnen der oberste 120Hauptmann über die Bauern, Wolf Wagner von Rheinau, sie sollen nicht unter ihr Fähnlein gehen dürfen, sondern es solle ein neues gemacht werden, zu dem Alle aus der Herrschaft Reichenweyer schwören. Auch in der Stadt Reichenweyer genossen die Bauern des Weins: zwanzig Fuder wurden ihnen von den Geistlichen und aus dem Zehnthof preisgegeben, und Montag Abends zogen sie ab und vor Kiensheim. Am andern Morgen huldigte auch diese Stadt und ließ sie ein. Eine seitabentsendete Schaar nahm denen von Sigolsheim den Eid ab. Die Hauptleute forderten auch Kaisersberg auf; die wollten sich aber nicht ergeben, so wenig als die von Amersweyer. Als sie aber Mittwochs mit Macht vor die letztere Stadt kamen, war die Stimmung darin gezweit. Die Herren selbst hielten den Bürgern vor, ob sie sie nicht wollen herein lassen. Das Für und Wider in der Stadt wurde so heftig, daß die Bürger sich herum schlugen, und etliche auf die Mauer liefen und zu den Bauern, die draußen waren, schrieen: Liebe Brüder, kommt uns zu Hülfe; wir wollen einander selbst hier innen erwürgen. Also thaten sie das Thor auf, die Bauern kamen hinein, und nahmen auch hier den Brudereid ab. Handschrift des Eckard Wiegersheim.

Während hier oben im Elsaßer Land die Bauern kleinere Städte einnahmen, hätte der zu Altorf unten liegende Haupthaufe beinahe Straßburg gewonnen. Diese große und mächtige Stadt des Reiches hatte auch eine ganz eigenthümliche Stellung mitten in der Volksbewegung, die um ihre Mauern fluthete. Man kannte seit lange Straßburg als eine Stadt, in welcher Obrigkeit und Bürgerschaft als der schweizerischen Freiheit sehr zugethan galten. Bundesakten, Urkunde vom 10. Mai 1507. Im letzten Jahre noch hatte die Stadt Bürger und Bauern anderer Herrschaften, welche wegen Aufstandes von ihrem Herd flüchtig waren, ins Bürgerrecht aufgenommen. Die Bürger waren der neuen evangelischen Lehre sehr geneigt, jeder Prädikant und Reformator fand hier offene Arme, und aus dem Munde der Bürger hörte man die kühnsten Reden. Doch begünstigten sie den Aufstand nicht unmittelbar. Nur einige Bürger setzten sich mit Erasmus Gerber aus Molsheim, unweit Straßburg, dem obersten Feldhauptmann des Altorfer Haufens, 121in Verbindung, und wollten ihm die Stadt in die Hände spielen; aber der Anschlag wurde entdeckt, und einige Bürger ließen dafür das Leben.

Als der Anschlag auf das feste Straßburg, dessen Gewinnung von unberechenbaren Folgen für den ganzen Krieg und für ganz Deutschland gewesen wäre, mißlungen war, erhob sich der Haufe am 28. April, 20,000 Mann stark, Handschrift des Eckard Wiegersheim. und zog am Gebirg hinab auf Elsaß-Zabern zu, die Residenz des Bischofs von Straßburg. Elsaß-Zabern war keine Feste wie Straßburg, aber noch immer für die Bauern ein guter Waffenplatz und Stützpunkt. Zweiundfünfzig Thürme und 365 Zinnen zählten ihre Befestigungswerke.

Der » helle Haufe von Elsaß,« wie Erasmus Gerber das von ihm befehligte Bauernheer in seinen Schreiben nennt, legte sich zuerst in die gefürstete Reichsabtei Mauersmünster, eine halbe Meile Wegs von Zabern. Fürst-Abt war hier seit einem Jahre Caspar Riegger von Dillingen, ein guter, aber sehr furchtsamer Mann. Die Abtei war schnell eingenommen und der Abt selbst sah sich gefangen. Doch thaten sie ihm nichts, und ließen ihn seine Straße ziehen, er gelangte unversehrt nach Saarburg; aber der große Verdruß, den ihm die Bauern gemacht, verdüsterte seine Einbildungskraft so, daß es ihm nachher vorkam, als hätten die Bauern ernstlich ihn lebendig schinden und unmenschlich braten wollen. So schauerlich erzählte er es wenigstens dem Herzoge von Lothringen. Mauersmünster selbst aber war den Bauern ein Stein des Anstoßes. Mehr als in andern Gotteshäusern wüstete hier der Haufen. Bilder der Heiligen wurden zerschlagen, die Klostergebäude zerrissen, und mit der Bibliothek machten sie ihre Feuer an; man sah auf den Feldern ganze weiße Strecken von Blättern aus Kirchen- und Heiligenbüchern. Und in der Commenthurei von St. Johann, nahe bei Zabern, soll man in den Trümmern von Büchern und Schriften bis an die Kniee gegangen sein, und im Lager der Bauern habe es geglänzt von Leichen, Kannen, Patenen, von goldenen und silbernen Kirchengeräthen und Altarschmuck aller Art. Die von Mauersmünster mußten zu dem Haufen schwören, und zu dem Gleichen wurde die Residenz Elsaß-Zabern aufgefordert. Die Domherren und der Adel der Stadt 122schickten Eilboten an den Herzog Anton von Lothringen um Hülfe; und dieser erbot sich, eine Besatzung in die Stadt zu werfen; aber die Bürger antworteten, sie wollen keine Franzosen; und selbst den deutschen (niederländischen) Knechten, welche man in die Stadt legen wollte, schlossen sie die Thore. Sie kannten die Zügellosigkeit der Lothringischen Banden zu gut, sie öffneten ihre Stadt lieber den Bauern und schwuren in den christlichen Bund. Um 10 Uhr Morgens am 13. Mai zogen die Bauern in Zabern ein, und besetzten es mit starker Macht inner- und außerhalb der Mauern, hinter Schanzen, die sie aufwarfen: sie erkannten die Wichtigkeit dieses Punktes, von dem aus auch leicht in Lothringen einzudringen war.

Und sie hatten den Plan, vorzurücken nicht nur bis Lothringen, sondern ins Herz von Frankreich: es ging die Sage unter dem Landvolk, der Kern des französischen Adels sei in der Schlacht bei Pavia gefallen oder gefangen, und die Unterwerfung der Lande sei ein Leichtes.

Ein vorgeschobener Haufe hatte sich bereits früher in dem Saargau gesetzt und die Abtei Herbolzheim an der Saar zum Stützpunkt genommen. Herbolzheim, eine Nonnenabtei, lag sehr vortheilhaft zwischen Wald und Gebirgen, vorn durch die Saar gedeckt. Von hier aus zogen sie viele Bauern aus dem Herzogthum Lothringen an sich.

In Lothringen selbst setzte sich ein Haufen von 4000 Bauern, sie stiegen über das Gebirge und verschanzten sich in dem Walde bei Saar-Gemünd. Wie tief der Geist der Freiheit bereits in Lothringen eingedrungen war, zeigte sich bald. Als die Lothringer in der Umgegend von Dieuze gefragt wurden, ob sie bereit seien, zu leben und zu sterben im Gehorsam ihres guten Herzogs Anton und für den katholischen Glauben, versammelten sich gegen 400 auf einer Wiese bei der Stadt, rathschlagten unter sich und gaben dann die Antwort: wenn man ihnen für ihr Vieh die Weide in den jungen Holzungen lasse, und ihnen die zwölf Artikel durch Vertrag bewillige, welche die Deutschen jenseits des Rheins haben ausgehen lassen, so wollen sie gehorsam bleiben, unter dieser und keiner andern Bedingung. Zu gleicher Zeit gingen über 400 aus der Burgvogtei hin und schlossen sich an die bei Saar-Gemünd verschanzten Bauern. Viele andere Unterthanen 123der Grafen von Nassau, Saarbruck, Salm, Bitsch und Zweibrücken liefen auch zum Haufen; manche kehrten wieder zu ihren Hütten zurück, wurden verhaftet und in die Gefängnisse von Nancy und Vic weggeschleppt. Von Herbolzheim aus nahmen sie die benachbarten Dörfer und Städte in den christlichen Bund auf, und während sich das Gebirg herauf durch verschiedene kleinere Lager die Verbindungslinie zwischen Saar-Gemünd, Herbolzheim und Elsaß-Zabern, von da weiter hinauf durchs ganze Elsaß bis zum Fuße der Alpen zog, eine Reihe von Lagern und Haufen, welche fast alle als obersten Feldhauptmann Erasmus Gerber anerkannten, zog sich eine andere Linie von Herbolzheim nach dem großen Lager bei Neuburg vor dem Hagenauer Forst, gegen den Rhein und die Rheinpfalz; und nur durch den Rhein geschieden waren fast parallel mit den drei großen Elsaßhaufen drei Haufen drüben in Bewegung, im Breisgau, in der Ortenau und im Kraichgau.

Unten am Hagenauer Forst, bei Pfaffenhofen, sammelten sich um Ostern die Bauern, und vermehrten sich seitdem täglich aus den umliegenden Herrschaften. Ihr Hauptquartier nahmen sie in dem Kloster Neuburg am Wald. Dieses Kloster plünderten sie. Selbst die Gräber wurden nicht verschont. Die Herren von Lichtenberg hatten ihr Begräbniß darin, sie öffneten die Gruft und zerschlugen ihre Bildnisse und Wappenschilde. Auch die Klöster St. Walpurg, Sürburg, Biblisheim, Königsbrück leerten sie.

Gleichsam zwei vorgeschobene Lager des Hauptquartiers zu Neuburg, standen, das eine links, bei dem Kloster Stürzelbrunn im Waßgau, das andere nahe bei der freien Stadt Weissenburg auf dem Steinfeld. Das erste nannte sich den Kolbenhaufen, auch den beschorenen Haufen, ein Name, der darauf zu deuten scheint, daß sie es namentlich auf die Beschorenen, die Mönche, abgesehen haben; das andere führte den Namen Kleeburger Haufe.

Der Kolbenhaufe plünderte am 30. April das Kloster Stürzelbrunn, in der Grafschaft Bitsch, zerstörte darauf Lindenbrunn und Grevenstein, Schlösser und Höfe, die dem Grafen Emich von Leiningen gehörten, und Landeck, das Schloß des Pfalzgrafen Ludwig. Von da rückten sie weiter auf Ramberg, das Schloß des Kämmerers von Dalberg, plünderten und verbrannten es; ebenso Helmstein, die Burg 124Alberts von Bock, am Gebirg hinter Neustadt. Nach diesem nahmen sie Anweiler und Berg-Zabern.

Der Kleeburgerhaufe war im eigentlichen Sinne aus dem Hauptlager von Neuburg ausgegangen. In dem letztern war eine Zeit lang auch ein Weissenburger Bürger, der Bachus genannt. Als es ihm nicht gelang, als Hauptmann sich geltend zu machen, ging er von Neuburg hinweg mit 200 der Seinen, und brachte die Umgegend von Weissenburg, die Grafschaft Veldenz und das Amt Kleeburg in Aufstand, zwang die Ridtfelser und den Flecken Schweikhofen zum Beitritt, und nahm sein Hauptquartier auf dem Steinfeld vor Weissenburg. Von hier aus belagerte der Kleeburgerhaufe dem Probst von Weissenburg sein Schloß St. Remigius am Beewald. Die starke Besatzung, die er darein gelegt hatte, vertheidigte sich gut. Indessen knüpften die Bauern mit den Rebleuten in Weissenburg an, diese erhoben einen Aufstand in der Stadt, dem der Rath nicht zu wehren vermochte, und sie überfielen das Kloster, zerrissen des Stifts Urbarien und Zinsbücher, etliche des Raths mußten aus der Stadt weichen, der Probst und der Schultheiß Wolf Brittenacker erfuhren viel Schmach und Ueberdrang, und die Bürger lieferten den Bauern Geschütz und Pulver vor das Schloß St. Remigius; die Besatzung sah sich gezwungen, es zu verlassen, und die Bauern plünderten und verbrannten es am 1. Mai, worauf sie ohne Widerstand den pfalz-gräfischen Flecken Selz am Rhein einnahmen. Ueberall in den Klöstern und in den Häusern der Geistlichen waren die Bauern fröhlicher Dinge, »da war König Artus Hof, und männiglich kostfrei.«

Man fürchtete das Eindringen der Bauern selbst in Frankreich. Es hieß, sie warten nur die Ankunft aller verbrüderten Haufen ab, um diesen ihren Plan auszuführen. Der Herzog von Lothringen besetzte eilig die Gebirgspässe am Fuße der Vogesen bei St. Diey, Raon, Saargemünd und Blamont. Handschriften von Wiegersheim und Rappoltstein. Alte Handschrift bei Schunk. Herolds Elsaßer-Chronik. Haarer, lateinisch und deutsch. Laurentius Pilladius, Kanonikus zu St. Diey. F. R. Rusticiados libri sex, a. 1548. Nicolaus Volzir de Seronville des nobles et excellens faits du duc Antoine. Memoires de Martin du Bellay, L. 3. in der Collection universelle des Memoires etc., Tom. 18. p. 7—8. Calmet, Histoire de Lorraine T. V. p. 494-520.


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