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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 48
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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Schluß.

598So hatten sich die geistlichen und weltlichen Herren Tyrols »des Lasts vom Gaißmayer« entledigt, sich selbst und noch viele Fürsten und Herren des Reiches von großer Sorge befreit. Sie hatten gewußt, wohin sie trafen, als sie Gaißmayer meuchlings ermorden ließen; sie hatten in diesem Haupte das Herz der deutschen Volksbewegung getroffen, und die Plane Venedigs, der Schweiz und jener evangelischen Fürsten und Städte des Reiches hatten an ihm den einzigen Mann verloren, dessen Geist geschickt, dessen Arm stark genug gewesen wäre, eine neue deutsche Volkserhebung in der Richtung jener Plane zu leiten und mit diesen Staatsgewalten im Geleis und Gange zu halten. Bis dahin hatten die Flüchtlinge, bis dahin hatten die vielen Tausende, welche unter den Siegern litten, nur auf das Zeichen gewartet, das zu einer neuen Erhebung gegeben werden sollte. In der Schweiz, im Hegau, im Allgau, an der Donau hinab war im Frühling 1527 Alles bereit gewesen; in Straßburg sollte der Rath überfallen und die Stadt zu einem Hauptsammelplatz der neuen Bewegungskräfte gemacht werden. Die Räthe des Bischofs von Straßburg waren voll Angst. War doch im Bambergischen schon im Januar 1527 ein neuer geheimer Bauernbund entdeckt worden, weil, wie Markgraf Casimir, der grausame Casimir, sich ausdrückte, »die bambergischen Unterthanen nicht ihrem Beiwirken nach, sondern dermaßen gestraft seien, daß man sich täglich eines neuen Aufruhrs bei ihnen versehen müsse.«

In ganz Franken, in Böhmen war der gemeine Mann schwierig; und ebenfalls im Januar 1527 war am Saume des Schwarzwaldes gegen die Schweiz hin einer der geheimen Boten, welche zwischen den Geächteten und denen in der Heimath hin und her gingen, mit Briefschaften aufgehoben worden, die auf eine neue Volkserhebung, wenigstens auf deren Vorbereitung und baldigen Ausbruch hinwiesen. Die dabei betheiligten Leiter, zwölf evangelische Prädikanten und Pfarrer, wurden in die Nähe von Ensisheim gelockt und gefangen; ebenso hundertundzwanzig im Jahre 1525 schwer Betheiligte, welche im Schwarzwald und in der Schweiz sich bisher geborgen hatten. Sie 599Alle wurden hingerichtet. Sender, Relatio historica, S. 22. Ebenso wurden im Bisthum Straßburg viele Bauern als verdächtig eingezogen; und im Bambergischen überfielen die Reiter des schwäbischen Bundes die Dörfer, in welchen Mitglieder des neuen geheimen Bauernbundes wohnten. Es sollen an die dreihundert Bauernnamen als Glieder desselben angezeigt gewesen sein; alle Ergriffenen wurden theils von den Reitern erschlagen, theils hingerichtet.

Der Furcht vor Allem dem waren die Herren nun los mit Gaißmayers Tode. Es kam nicht mehr zum Ausbruch. Die besten Männer des Volkes waren todt oder flüchtig umher zerstreut. Von den meisten Obersten und Hauptleuten hörte man niemals mehr. Georg Mezler verschwand, seit er von Königshofen entritt. Claus Salw kam später als Ochsenhändler zu Breslau wieder hervor. Endres Wittich wurde von Michael Hasenbart gefunden, wie er erschlagen am Wege bei Nürnberg lag, seines Geldes beraubt. »Viele Empörer und Empörte, sagt ein Zeitgenosse, irrten lange im Elend umher; Einige sollen sogar zu den Türken geflohen sein.« Holzwart, Handschrift.

Die Volksredner, die Prädikanten waren durch Schlachten und Nachrichter sehr gemindert. Es galt vorzüglich auch die Erhaltung der katholischen Kirche in Süddeutschland. Darum wurden, wo der alte Glaube und das alte weltliche System gesiegt hatten, überall die evangelischen Prediger aufgegriffen und ausgereutet, als wären sie alle Aufrührer, da »Lutherei« für Aufruhr und jede Art von evangelischer Anschauung für »Lutherei« galt. Mit dem Erliegen der Volksbewegung erlag auch im größten Theile des südlichen Deutschlands der neue Glaube, durch Druck auf die Bekenner desselben, ja durch deren blutige Verfolgung; am meisten aber durch Vertilgung der evangelischen Bücher und der Prediger. Darum sprach, noch im Sommer und Herbste des Jahres 1525 schon, von 71 angeklagten »Ketzern« das Blutgericht zu Ensisheim nur einen von der Instanz los: 12 Geistliche darunter wurden gerädert oder verbrannt, oder ersäuft, nur Einer enthauptet; gleiche Strafen trafen die Andern. Akten im Stuttgarter Staatsarchiv. Im Allgäu, zwischen Stuttgart und Cannstadt, an der 600fränkischen Gränze theilten Prediger der neuen Lehre das Schicksal des Pfarrers von Schützingen, der auf Regierungsbefehl »an einen dürren Ast gehenkt« wurde. Die weltlichen Sprecher des Volks retteten sich durch zeitigen Uebertritt oder durch die Flucht, oder durch den Schutz der Mächtigen. Weigand blieb ganz unangetastet. Für den Verräther Fierler, den Vogt von Tannenburg, den Obersten des Gaildorfer Haufens, sprachen Casimir und der Prälat von Ellwangen, auch der Pfalzgraf, so entschieden, daß Hall, das seine Auslieferung verlangt hatte, verstummte; nichts desto weniger erklärte der Ellwanger Probst nach Fierlers Tode dessen Güter, seiner Wittwe gegenüber, für »verwirkt, von wegen seines Aufruhrs im Jahre 1525;« und zog sie ein. Den Rath desselben Haufens, den Pfarrer Held von Bühlerthann, schützte seine Vaterstadt Nördlingen. Hoffmann, Handschrift. Ellwanger Archiv-Akten. Mancher, wie Hans Flux von Heilbronn, wurde dagegen von seinen Mitbürgern dazu ersehen, alle Schuld einzig auf ihn abzuladen. Daß Hans Flux nicht auf dem Blutgerüste starb, war nicht des Raths von Heilbronn Schuld. Er kam gegen 100 Gulden wieder in die Vaterstadt, als es ihm gelang, mit Hülfe von Kaiser und Reich ihre Lügen und Intriguen aufzudecken. Benkler, unbegnadet, schweifte Jahre lang als »Bandit,« d. h. als Geächteter und als Räuber, auf dem Schwarzwald herum, wie Andere auf dem Gmünderwald. Noch nach mehr als fünfzehn Jahren hielten sich hoffnungslos Geächtete in den Ruinen des Schlosses Neufels im Hohenlohe'schen, Flüchtlinge des Bauernkriegs aus Schwaben, Pfalz und Franken; sie lebten als zahlreiche Räuberbande, bis sie den Waffen des Würzburger Bischofs und der Reichsstädte erlagen. Feuerbacher und Theus Gerber fanden Theilnahme und Achtung, jener bei den Eidgenossen, dieser in der Reichsstadt Eßlingen; kamen aber nach vielen Jahren erst wieder zu ihrem Vermögen. In steter Furcht entdeckt zu werden, und ihren Feinden in die Hände zu fallen, umherschweifend, wurden manche noch nach zehn, ja fünfzehn Jahren, gefänglich eingezogen. Michael Koch, der Achtmann aus Mühlhausen, wurde noch nach vielen Jahren, als Siebziger, in Erfurt gefoltert und in Jahre langer Haft gehalten. So lange rang der Geist des Alten und seine Rache mit dem Geiste des Neuen, mit dem vorerst unterjochten, aber 601sich bäumenden Fortschritt. Und weil die Rache so lange fort nach Opfern suchte, standen sich in den Städten und auf dem Lande Argwohn und Verrath fortwährend gegenüber, nicht nur außerhalb, sondern selbst innerhalb der Familien. Handel und Gewerbe lagen darnieder, und der Grundbesitz blieb entwerthet durch die fiskalischen Veräußerungen, auf lange Zeit.

Wendel Hipler war wohl der Unglücklichste unter Allen. Er hatte umsonst sich abgemüht, so weit sein Auge sehen konnte. Was sein politischer Verstand, was sein Patriotismus, seine Freiheitsliebe ans Licht gerufen hatte, es hatte unselig geendet. Er hatte die erste Quelle des Uebels, an dem sein Vaterland krank lag, aufgesucht; er hatte dem deutschen Geiste einen neuen gesunden Körper schaffen wollen; aber das Schicksal hatte es nicht gewollt. Mitten in seiner Arbeit sah er sich hinausgeworfen wie einen unnützen Arbeiter, geächtet; vogelfrei, wie einen elenden, gemeinen Räuber und Mörder; verflucht zum Theil selbst von Denen, für die er gehandelt hatte. Die Grafen von Hohenlohe, die ihm schuldeten, zogen sein Vermögen, so weit sie es habhaft werden konnten, ein. Er beklagte sie beim Hofgericht zu Rottweil. Sie klagten ihn als Haupturheber des Aufstandes an. Er mußte entfliehen, irrte mit verstellter Nase und Kleidung umher, schlich sich so selbst noch auf den Reichstag zu Speier 1526 ein, um seine Sache zu führen, wurde unterwegs niedergeworfen, und starb im selben Jahre während der Untersuchung im pfalzgräfischen Gefängniß zu Neustadt. Er hatte auch nach dem Tode das Unglück, selbst im Angesichte seines Reformationsentwurfs, im Geschrei eines leidenschaftlichen, von Haß und Rachsucht besessenen Demagogen zu sein.

Ehrenfried Kumpf starb auch bald; zwar frei, doch in Melancholie; außer der Heimath. Carlstadt, von einem Fräulein über die Mauern Rotenburgs hinabgelassen, von Luther treulich, in alter Freundschaft, im Augustinerkloster zu Wittenberg versteckt, später wieder mit ihm entzweit, wurde Professor der Theologie zu Basel durch Zwingli: Die Wittenberger Famuli erzählten sich zuletzt, »der Teufel habe ihn geholt.« Göz von Berlichingen erntete die Frucht seines Verraths: er wurde verhaftet, lag lang gefangen; trotz des Truchseß und Dietrich Späths Freundschaft, des Hochverraths 602angeklagt; zuletzt freigelassen gegen Urfehde, kein Roß mehr zu besteigen, seine Markung nie zu überschreiten, keine Nacht aus dem Hause zuzubringen. Das Volk sang Spottlieder auf ihn, und ein großer Dichter des achtzehnten Jahrhunderts machte ihn unsterblich. Der Truchseß selber erntete vom Bunde schlechten, von dem Erzherzog kurzen Dank. Georg Freundsberg aber hatte Ursache, selbst sich ein Lied zu dichten, darüber, wie »sein treuer Dienst unerkannt vom Hofe blieb« – »Kein Dank noch Lohn Ich bring davon; man wiegt mich g'ring,« sagte er darin. Dieses Lied ließ er sich oft bei Tisch zur Harfe singen, und schwemmte seinen Unwillen im rothen Wein hinunter. – Wie Markgraf Casimir qualvoll, elend und ekelhaft, an der rothen Ruhr, so starb der Kardinal Mathäus Lang in Blödsinn. Manchem Fürsten, dem Truchseß selbst, kamen zuletzt sehr andere Gedanken; und Luther sah, wie ein sächsischer Gelehrter sich ausdrückt, »mit wachsendem, sein ganzes Gemüth verdüsterndem Gram so Vieles weit hinter dem zurück bleiben, was er gewollt und erwartet hatte.«

Das Volk, mehr in der Seele zerrissen, als zusammengedrückt durch den Ausgang, war unter der Geißel, unter dem Messer der Sieger still und stumm, aber voll Ingrimm und, viele Jahre lang noch, nicht ohne Hoffnung: der schwäbische Bund sah es, und blieb, so schwer ihm die Kosten fielen, noch mehrere Jahre gerüstet. Um die Gemüther zu beruhigen, gebot der Reichstag am 27. August 1526, daß die Herrschaften gegen die Ausgetretenen mehr Gnade und Güte erzeigen sollen: und da die Herren, wie es ihnen vor dem Krieg und während desselben nicht Ernst war, Beschwerden abzuthun, jetzt nach demselben noch weniger daran wollten, drohte der Bundestag, »Keinem, der seine Unterthanen durch Beschwerung zum Aufstand bringe, Hülfe zukommen zu lassen.« Viele Aktenstücke in den Bundesakten. Selbst Freigesessene zwangen sie, den Zehnten aller ihrer Früchte und Thiere als ewige Strafe zu geben. Johann Spreter von Rottweil, Instruktion etc. 1542. II. S. 329. Sogar zu erzählen von den Thaten und Geschichten des Volkskriegs war gefährlich: einen, der davon sprach, daß er dabei gewesen, wie man Dietrich von Weiler vom Thurme herabgestürzt, ließ Wolf von Bellberg auf den Kirchthurm führen und zum Laden herausstürzen. Auf 603die Bauern selbst sangen Ritter und Lanzknechte Spottlieder. Von einem sind zwei Verse erhalten:
Als ich einmal ein Kriegsmann was (war),
Zu Limpurg soff aus dem großen Faß,
Wie bekam mir das?
Zehn rother Gulden mein Irten was;
Der Teufel gesegnet mir das.

Als ich auf dem Wachholder saß,
Da tranken wir all aus dem großen Faß,
Wie bekam uns das?
Wie dem Hunde das Graf;
Der Teufel gesegnet uns das.
In der Nacht des neuen Elends, welche die Unterdrückten mit Hoffnungen und heimlichen Reden von einem künftigen neuen siegreichen Aufstand nur zu gern sich erhellten, gedieh die religiöse Schwärmerei, Weissagungen der Wiedertäufer auf 1530 liefen um, die auf Pfingsten jenes Jahrs »den Untergang des Hauses Oesterreich durch die Türken,« und die Aufrichtung »eines hohenpriesterlichen Königreichs durch die heilige Gemeinde der Täufer« verkündeten; und schon spürte die Obrigkeit Leuten nach, die im Sommer 1525 gesagt haben sollten, in 6 Jahren werde man's ihr gedenken. Bundesakten Fasc. 94. Nro. 20.

Daß die große Volksbewegung von 1525 nicht zum Ziele kam, dazu hatte Manches zusammen gewirkt, vorzugsweise Folgendes: Es war eine unendliche Vielheit kleiner Kräfte von den Karpathen bis zu den Vogesen zerstreut. Die Haufen waren aus solchen Elementen zusammengesetzt, daß die Kraft nicht der Zahl entsprach. »Ein Riesenleib in Waffen, aber wenig brauchbare Glieder.« Viel Masse, wenig eigentliches Kriegsvolk. Den niedern Adel und die Städte hätte die Bewegung sollen vorn herein nicht außerhalb ihres Kreises, sondern innerhalb desselben haben, und zwar als die Tonangebenden. Dann fehlte es an einer großen Kraft, welche die Haufen concentrirte und bewegte, an einem Haupt, an einem großen Feldherrn des Volkskriegs. – Die Zeit, daß ein solcher sich heraus- und heranbildete aus den Massen, war zu kurz; und der Krieg ging zu schnell aus, ehe die Bauern selbst den Krieg lernen konnten: die Hussiten waren darin glücklicher. Alle Erhebungen von Völkern 604für Volksselbständigkeit, welche in der Weltgeschichte gelungen sind, hatten zuvor schon die nationale Einheit, ehe sie sich für die Freiheit erhoben. Sie hatten den Vortheil, eins zu sein; das half viel mit, daß sie frei wurden. Den Deutschen aber fehlte es an der Verbindung zu einem Volke: Nationalgeist war nur erst in einzelnen Männern, nicht in der Masse, wie auch der Begriff der Freiheit erst nur noch in Einzelnen aufgegangen war. Statt vorwärts zu ziehen, lagen sie still; viele soffen Tag und Nacht. Dazu unterhandelten sie und verpaßten die besten Augenblicke zum Handeln mit dem Schwert, zum Schlagen: sie waren Neulinge in der Politik, wie im Felde. Statt den niedern Adel, den niedern Städtebürger, die niedere Geistlichkeit um jeden Preis an sich zu ziehen und an sich zu ketten, stießen sie diese, ihre natürlichsten Verbündeten, ab, und machten Verträge mit den großen Feinden, die sie niederschlagen mußten, weil sie, nach Ablegung der Waffen, nicht die Macht hatten, sie zur Haltung der Verträge zu zwingen. Auch daß viele Bessere, die Besten, bei Ausbrüchen der Wildheit oder des Mißtrauens verletzt, abgestoßen sich zurückzogen, war ein Fehler. Tüchtige Hauptleute und Räthe hatten nicht das allgemeine Vertrauen der Haufen; Oberste wurden nicht die Tapfersten und Kriegskundigsten, sondern die Reichsten oder die zu Haus das große Wort geführt hatten; dazu kam Verrath, Verrath auf jede Art. Verrätherei war es, worauf die Herren von Anfang rechneten, und zu welcher sie verleiteten. Ueberall hatten die Bauern, welche über alles Maß unvorsichtig waren, Kundschafter der Herren unter sich. Die Herren siegten vorzüglich auch dadurch, daß sie erstens Räthe und Führer der Bauern zum Verrath erkauften; zweitens selbst Verrath an den Bauern übten: durch treulose Unterhandlungen, durch den alten Grundsatz, daß man »Rebellen« und »Ketzern« keine Zusage zu halten habe, durch Vertragsbrüche und Ueberfälle mitten im Stillstand. – Ohne Reiterei, ohne Geschütz und Geschützbedienung, ohne eine große Festung als Halt, ohne gemeinschaftlichen Oberfeldherrn standen die Bauern zerstreut in Haufen da und dort, gegen Feinde, die alles das hatten, und die ihre Kräfte jedesmal zu einem Stoß zusammen schlossen. Der Bund, unbedeutend gegen alle Haufen der Bauern, wenn sie vereinigt gewesen wären, war immer stärker, als 605der einzelne Haufen, mit dem er sich schlug. Die Begeisterung, die Vieles hätte ersetzen, Vieles gut machen können, war großentheils vorüber, als es zur Entscheidung kam. Nur die Frauen, von Anfang heroischer als die Männer, blieben sich gleich. Argwohn war schon zuvor in den bäurischen Herzen gegen Alles, was hoch stand, also auch gegen die Intelligenzen und gegen die besten kriegsverständigen Führer. Viel auch aber, sehr viel nahm der Volksbewegung, die sich eine »evangelisch« nannte und glaubte, das an ihrer Stärke, daß Luther und andere Wortführer des Evangeliums, die, welchen die Bauern und Städter so eben noch unbedingt vertraut hatten, die Bewegung und ihre Zwecke verdammten, verfluchten, als gottlos und teuflisch hinstellten, nicht warnend, vor dem lange vorher wohlgewußten Ausbruch, sondern mitten in ihrem Fluß. Das überraschte, das bestürzte, das verwirrte, das entmuthigte Viele. Luther war von vielen Bauern ganz als einer der Ihren angesehen gewesen. Hatte er doch selbst gesagt: »Ich bin eines Bauern Sohn; mein Vater, mein Großvater und mein Urgroßvater sind rechte Bauern gewesen. Mein Vater ist nach Mansfeld gegangen und dort Hauer geworden.« Und jetzt sahen sie ihn ohne Gefühl für das Recht der Volksfreiheit, sahen plötzlich in denen, die sie als Freunde ihrer Sache voraussetzten, ihre bittersten Feinde; von den Wortführern, von denen sie deren Vertheidigung erwartet hatten, waren sie geächtet. Diese hatten manches evangelische Herz gebrochen, dem der evangelische Muth hätte erhöht, wenigstens nicht ausgezogen werden sollen, eben als es in die Schlacht ging wider solche, die größtentheils dem »Evangelium« feind waren. Die religiöse Kraft der neuen Bewegung war in einem großen Theile, in den Gemäßigten, in den eigentlich Lutherisch gesinnten, namentlich unter den Städtern, gebrochen, und zwar von den eigenen Genossen des Glaubens, von den religiösen Wortführern gebrochen, als es zum eigentlichen Kampfe kam. Daß die Reformation nicht mehr wurde, als sie von da an geworden ist, das hat seinen Hauptgrund darin, daß die Volksbewegung, in dieser Art und durch dieses Mitwirken der berühmtesten Reformatoren zur Niederlage, die doch Anfangs eine andere Stellung zu ihr eingenommen hatten, unterlegen ist. Auch darin zeigt sich ein Gottesgericht.

606

Ein solches sahen überhaupt mehr als ein Zeitgenosse in dem Gange der Dinge. Wenn der Berner Staatsmann Anshelm sagt: »Diese Geschichte soll ein ewig Exempel sein, Aufruhr zu scheuen, und mit Vernunft zuvor zu kommen;« so wollte er dies dem Volke und den Herren gesagt haben, ja vornehmlich den Letzteren. Und einer aus der Ehrbarkeit in Oberschwaben schrieb: »Gutes Gericht ging dahin, daß die unbarmherzige Obrigkeit und die ungehorsamen Unterthanen einander selbst strafen mußten.« Chronik der Stadt Kempten.

Die Ruhe nach dem Kriege war eine Kirchhofruhe; Kirchhofruhe auch in so fern, als die Herren immer noch lange hin in Furcht waren, die Geister möchten aus dem Grabe steigen, wie nach dem Volksglauben die Gespenster auf dem Kirchhof um Mitternacht. Alle Fröhlichkeit war entwichen aus den Tyroler, Steyrer- und schwäbischen Thälern; man hörte sie lange nicht mehr die Geige, Tanz und Gesang. Menschenalter vergingen, nicht aber die materiellen Nachwehen; noch weniger die politischen und religiösen. Das deutsche Reich blieb von da religiös auseinander klaffend, und zersetzte sich politisch immer mehr. Die Kraft der Glieder, der Fürsten, nahm zu, die des Hauptes, des Kaisers, nahm ab. Statt an Einheit zu gewinnen, verloren Reich und Nation immer mehr davon. Die Wehrkraft des Volkes war gebrochen; aber damit auch die Kraft der Herrschaft des Reiches nach Außen, und die Kraft des Widerstandes nach Außen. Ueber hunderttausend Bauern und Bürger waren durch die Schlachten, Hinrichtungen, Verbannung, durch Verarmung, Hunger und Elend für das deutsche Reich verloren. In Folge der Reaktion machte auf vielen Punkten die Knechtschaft und die Verarmung mit ihren Folgen rasche und große Fortschritte, und die Bildung, Gewerbfleiß und Handel, selbst der Anbau des Bodens stockten Jahrhunderte lang im ganzen Reiche mehr oder minder. Auch die Niederlagen der protestantischen Fürsten und der dreißigjährige Krieg sind natürliche Folgen der nicht durchgeführten und nicht Weise zu einem guten Ziele geleiteten großen Volksbewegung von 1525.

Das Volk in Masse brachte diejenigen Opfer nicht, welche unumgänglich waren für einen so großen Zweck. Aber viele Edeln haben sich für diesen Zweck geopfert, zwar ohne diesen nächsten Zweck, aber 607nicht, ohne große Erfolge zu erreichen. Ein gutes Stück Mittelalter lag durch die Bauern zertrümmert, unter Schutt und Stein begraben; ein anderes Stück warfen bald darauf vollends leicht die Fürsten um.

Mehr als tausend Klöster und Schlösser Im Thüringischen, Halberstädtischen, Wernigerodischen zählte man allein 300 zerstörte Klöster. Hoche, Geschichte von Hopenstein, S. 270. 166 zerstörte Schlösser rechnete man schon vor Ende Mai's in Franken. Müllner, Handschrift. waren durch die Bauern zerstört; die wenigsten wurden wieder aufgebaut, und ihre früheren Bewohner mußten eine andere Lebensart anfangen. Die Zeit der adeligen und der klösterlichen Zwinger war vorbei. Aus den erstern wurde das Volk nicht mehr geplackt, aus den letztern nicht mehr zu jenem hin verdummt. Die wenigen Edelleute, denen die Brandsteuern eingingen, wußten die Entschädigungsgelder zu andern Zwecken, als zu Burgen und Verließen, zu verwenden; die Fürsten lernten von den Bauern selbst die noch stehenden Klöster zu säcularisiren. Weinsberg ist wieder gebaut, und Schwabens Garten zieren Burgen nur fast noch als Ruinen: es wäre, wenn jene ganz ständen, nie zum Garten geworden. Königliche Weisheit hat gelernt, Größe darin zu finden, daß sie den Landmann hebt, ehrt und frei macht: viele der Güter, um welche vor drei Jahrhunderten gekämpft und geblutet wurde, hat man jetzt in Schwaben, Franken, am Rhein und an der Elbe.

Die Freimachung des Bodens, die Abschaffung der Frohnen, die Vernichtung der Leibeigenschaft, ein freier Bauernstand – das waren Gedanken, die solche Wurzeln getrieben und sich so verbreitet hatten, daß sie nicht mehr umzubringen waren. Ja in manchen Gegenden zeigten sich sogleich gute Früchte des vergossenen Blutes und der Verheerung. Die Landschaft Kempten z. B. erhielt, durch Vermittlung des schwäbischen Bundes, selbst noch im Jahre 1526 einen Vertrag, worin der Fürstabt, so sehr er sich sträubte, viele Zugeständunisse den Bauern machen mußte, die er Jahrzehnte lang verweigert, und wegen deren der Aufstand angefangen hatte. Anderswo nahmen wenigstens die Willkürlichkeiten, Erpressungen und Mißhandlungen durch Adel und Geistlichkeit ab, weil die Gewaltmittel der Burgherren und geistlichen Herren zerstört waren, auf lange hinaus, und durch diese Länge schon beseitigt. Bald wurden zudem 608viele Gotteshausleute – Unterthanen weltlicher Herren, durch Säcularisation der Klöster in den evangelischen Landestheilen. Der Adel, der verbrannt war, konnte sich darum nicht wieder gleich kräftigen, weil der schwäbische Bund die Erhebung der Brandsteuer von den beschädigten Dörfern vielfach nicht zugab, überhaupt die Gutsherren – Andere an ihren, der Gutsherren, Unterthanen sich nicht erholen ließen, wenn diese gleich überwiesen waren, jenen die Schlösser zerstört zu haben. Wo die Erhebung der Brandsteuer nicht zu umgehen war, da wurde sie weit hinaus geschoben; so im Kempten'schen erst in den Jahren 1546—1548 ganz eingebracht, also nach 23 Jahren.

Was wahr und gut war an der Bewegung ist weder ohne Segen vorübergegangen, noch untergegangen. Es ging über in die Hände der Zeit, die ausgleicht, indem sie entfaltet und reift, und indem sie verweilen macht und begräbt. Einzelne Frevel der Bauern hatten die Herren mit unerhörten und allgemeinen Missethaten vergolten. Solche Missethaten aber sind in der Geschichte nie begangen worden, ohne daß, die sie begingen oder begehen ließen, an ihren Folgen mitlitten, und durch die Strafen, die sie anthaten, selbst gestraft wurden. Ein großer Theil des Adels hat sich seitdem nicht wieder erholt; und es kamen die Tage, da die späten Enkel jener Sieger über die Bauern – sich sagen mußten, daß die Sünden der Väter sich gerächt haben nach Jahrhunderten an den Nachkommen. – Es geht ein stilles Walten, ein heilige Nemesis, durch die Weltgeschichte; und die Vergangenheit ruft es der Zukunft zu: » Fürchtet Gott und übet Gerechtigkeit

Ende

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