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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 46
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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Zwanzigstes Kapitel.

Michael Gaißmayer.

. Der » Edelmann aus Etschland,« der » Junker Michel,« wie ihn seine Dienerschaft hieß, war Niemand Anders, als Michael Gaißmayer, der Führer der Tyroler Bewegung.

Als der Erzherzog »aus dem verdammten Gebirg,« wie es der Baiernherzog Ludwig nannte, heraus war, vergaß er den Preis, um den er herauskam, zwar nicht, aber er dachte nicht daran, seinen schönen Worten die entsprechenden Thaten folgen zu lassen; am 568Allerwenigsten daran, in zwei Monaten, wie er zugesagt hatte, wieder nach Tyrol hineinzukommen, um diejenigen Artikel, welche zwischen ihm und der Landschaft noch unentschieden geblieben waren, vollends ins Reine zu bringen. Die Landschaft war von ihrer Seite in allen Punkten dem nachgekommen, was zwischen ihr und ihrem Fürsten vertragen worden war; sie hatte die von ihr eingenommenen Schlösser, Güter, Fahrniß und Schatzungsgelder an den Adel zurückgegeben, was noch davon vorhanden war. Nicht aber das Gleiche that der Erzherzog und seine spanische Umgebung, die »sammetenen Schuhe,« wie der Landmann sie hieß, und von denen er sagte, »seit sie ins Land gekommen, gehe es nicht gut darin.«

Gaißmayer hatte sich im Sommer 1525 noch »einen Mehrer des fürstlich österreichischen Kammerguts« genannt, indem er, und ihm nach die Landschaft, alles geistliche Gut der Bischöfe und Klöster, an Schlössern, Städten und Gerichten, Zöllen, Gülten und Zinsen in die weltliche Hand des Landesfürsten gab, um den Preis einer freien Verfassung mit allgemeiner Volksvertretung, nach welcher Tyrol von nun an regiert werden sollte. Aus dem Landtage, zu welchem der Erzherzog im Herbste 1525 hätte wieder zu erscheinen gehabt, sollte die neue Landesordnung festgestellt werden. Aber Ferdinand war ausgeblieben, die neue Landesordnung auch.

Michael Gaißmayer suchte nun auf anderen Wegen es zu erlangen, daß die Grafschaft Tyrol frei werde.

Im Winter von 1525 bis 1526 sah man ihn in Zürich, in Luzern, in Graubündten. Zu Chur wollte man einen französischen Emissär bei ihm gesehen haben. Frankreich und die Republik Venedig arbeiteten daran, durch ihn dem spanisch-österreichischen Hause einen neuen Krieg zu erregen, die Gebirgslande von den Fürsten abzureißen, Tyrol, Salzburg und die anderen Alpenlande zu Freistaaten zu machen, und sich in ihnen einen guten Wall gegen Oesterreichs Uebermacht zu schaffen. Zu Ende Winters hielt sich Gaißmayer hart an der Schweizer und Tyroler Gränze auf, meist zu Tafas.

Von diesem seinem Verstecke aus knüpfte er Einverständnisse nach allen Seiten hin an.

Zu Anfang des Jahres 1526 ließ er eine Landesordnung im Druck ausgehen, für die das Volk sich erheben solle. Der erste 569Artikel darin galt der Ausreutung aller Gottlosen, die das ewige Wort Gottes verfolgen, den gemeinen armen Mann beschweren und den gemeinen Nutzen verhindern. Dann führte er aus, man müsse alle Ringmauern der Städte, alle Schlösser und Befestigungen brechen, und es sollen fortan nur Dörfer im Lande sein, damit der Unterschied der Menschen, wonach Einer höher und besser, als der Andere sein wolle, wegfalle und völlige Gleichheit werde. Es müssen die Messe, die Bilder, die Kapellen, aller Gräuel des Aberglaubens abgethan, in jeder Gemeinde durch alljährlich gewählte Richter jeden Montag Gericht gehalten, nichts über zwei Rechtstage hinaus geschoben, Richter, Schreiber, Sprecher vom Land besoldet, eine aus allen Vierteln des Landes zu erwählende Centralregierung und eine hohe Schule zu Brixen errichtet, drei des Wortes Gottes kundige Männer von dieser hohen Schule als Räthe der Regierung zugetheilt werden. Weiter handelte er von Aufhebung ungerechter Zinse und Zölle, von Verwendung der Zehnten zur Predigt und zum Armenwesen, der Klöster zu Spitälern und Kinderversorgungen, von der Fürsorge für Hausarme, für Krankenhäuser; von der Verbesserung der Viehzucht und des Ackerbaues durch Austrocknung der Moose, durch Anpflanzung von Oelbäumen, Safran, gutem Wein und Getreidesorten; von öffentlicher Fürsorge für Güte der Waaren und billige Preise; von Maßregeln gegen Wucher, Geldverschlechterung; von Stellung der alten Bergwerke zu Handen des Landes; von Erbauung neuer, als der reichlichsten Finanzquellen; vom Bau und von der Erhaltung der Reviere, Pässe, Wege, Brücken, Wasser- und Landstraßen; von der militärischen Vertheidigung des Landes.

Der Erzherzog hatte eine »neue Landesordnung« nicht gegeben; Gaißmayer gab sie in diesem Manifest seinem Volke, und zwar eine solche Ordnung, von welcher gesagt worden ist, daß in ihr und in den früher von Gaißmayer verfaßten Artikeln »mehr gesunde Einsicht in die Bedürfnisse des Landes, mehr redlicher Wille der Abhülfe und des Fortschreitens, mehr praktische Kenntniß der Mittel enthalten sei, als in den Gesammtregistraturen geistlicher und weltlicher Fürsten Tyrols, der Erzherzoge zu Innsbruck und der Oberhirten von Trident, Chur und Brixen zusammengenommen.« Hornmayer, Anemonen I, 321-323.

570

Sein Plan war, zu gleicher Zeit im Salzburgischen, in Tyrol und in Oberschwaben den neuen Aufstand zum Ausbruch zu bringen. Um den Bodenseehaufen wieder in Bewegung zu bringen, schlug er den Ausgetretenen in der Schweiz vor, mit ihm über den See zu fahren, als er wieder mit ihnen im Wirthshaus zu Trogen zusammen kam. In dem Augenblicke verlautete in der Versammlung, es sei ein Bote vom Regiment zu Innsbruck mit einem Brief an den Amtmann und die Appenzeller gekommen; darin stehe, der Edelmann aus Etschland sei ein abgetretener Aufrühriger und Verderber des Landes; deßhalb sollen sie ihn greifen und gefangen nach Innsbruck liefern; seine Absicht sei, in allen Landen wieder Empörung zu machen.

Als die Ausgetretenen des Innsbrucker Boten Gewahr wurden, wollte ihn Einer derselben ohne Weiteres aufhängen; Sailler wehrte es. Die Appenzeller aber beriethen sich und beschlossen, den Edelmann gefangen zu nehmen. Die Ausgetretenen, die davon hörten, hielten die, welche ihn niederwerfen sollten, so lange mit guten Worten hin, bis dem Edelmann davon geholfen war. Er entlief hinaus in ein Gehölz, mit ihm Goldbach von Wangen und andere Ausgetretene. So entkam er. Bald darauf fuhr er mit neun Flüchtlingen, darunter Zacharias Meichelbeck ab dem Aschen und Peter Löscher, über den Bodensee, und wagte sich unter die dortigen Bauerschaften.

Um sich Waffen zu verschaffen, wollte er vorerst zwei Städtchen, einen Waffenplatz des Bischofs von Chur, Churburg, und Glurns, einen andern Waffenplatz im Obervintschgau an der Etsch, wo viel Geschütz, Schießbedarf und Waffenvorrath aller Art lag, überrumpeln. In beiden Orten hatte er Einverständnisse, wonach er auf die Mitwirkung manches Bürgers rechnen konnte. Der junge Hauprecht, der Zeugverwalter zu Glurns, hatte ihm entboten, »wenn er komme, solle ihm Thor und Thür offen stehen.« In Tyrol selbst erwartete er Hülfe genug zu finden, in Betracht, »daß der Landtagsabschied an den armen Leuten gar nicht oder wenig gehalten worden; daß die von den Städten ihr Gelübde und ihren Eid, den sie auf dem letzten Landtage zu Meran geschworen, auch nicht gehalten, und gegen die Gemeine und die Gerichtsleute in Vergessenheit gestellt haben; auch daß von denselben Städten wider des Fürsten Zusagen, die Grafschaft Tyrol solle mit keinem Kriegsvolk überzogen werden, dem 571Erzherzoge Geld dargeliehen worden sei, damit er das Land mit geworbenen Knechten überziehen konnte, und daß die Städte damit viel arme Leute verkauft haben, wie man den Mezgern die Ochsen auf die Schlachtbank verkaufe.« Auch auf das Allgäu konnte er rechnen: schrieb doch selbst Kanzler Eck an seinen Herrn, »im Allgäu stehe es viel böser, als an anderen Orten, obgleich die Bauern überhaupt an keinem Orte feiern.« Die Appenzeller zwar wollten die Ausgetretenen nicht mehr in ihren Bergen leiden, seit sie erfahren, daß sie etwas wider die Stände des schwäbischen Bundes, gemeinen Adel und die Obrigkeiten spinnen. Sie verboten allen Wirthen in Appenzell, ihnen länger Aufenthalt, Essen und Trinken zu geben. Die Ausgetretenen wechselten den Ort, und blieben in der Nähe. Man hörte zudem, der Herzog von Württemberg habe zu Basel gegossenes Geschütz auf Hohentwiel hinaufgeführt, ebenso etliche Geschütze, welche ihm die von Straßburg gegeben; auch mit Wein, Getreide und Holz versehe er die Veste täglich mehr, und der Bauern, die nicht in das Land dürfen und auf Hohentwiel liegen, seien es bei Dritthalbhundert.

Unter Gaißmayers Boten für Tyrol war namentlich Bartholomä, ein zu Prättigau angesessener Mann, der über dreißig Jahre ein Kriegsmann gewesen war. Ein anderer seiner Unterhändler war der Tyroler Modlhamer von Sterzing. Durch Bartholomä ließ Michael Gaißmayer seinen Bruder Hans Gaißmayer in Christo grüßen, – Gaißmayer zeigte immer eine starke religiöse Färbung, – und schrieb ihm, dem Bartholomä in Allem Glauben zu schenken, als einem frommen Manne.

Hans Gaißmayer lebte in Sterzing als »angesehener Mann,« wie Kanzler Eck ihn nennt. Michael ließ diesen seinen Bruder Hans wissen, daß er mit den Venetianern und mit den Ausschüssen der Franzosen in Unterhandlung gestanden sei und noch stehe; sie haben ihm ein treffliches Kriegsvolk zugesagt, damit er das Land desto leichter erobern, auch die Pässe des Gebirges verlegen möge, um der Republik Venedig und den Franzosen die Einnahme Mailands zu erleichtern. Es sei aber zwischen ihm und ihnen noch zu keinem Endbeschluß darüber gekommen, und, da sich diese Hülfe verziehe, so gedenke er die augenblickliche Stimmung des gemeinen Mannes 572in Tyrol zu benützen und einen Angriff auf das Land zu machen, noch ehe der Markt zu Botzen sich ende. Er solle um das nicht in Furcht sein; sei es den Gaißmayern im letzten Jahre nicht nach ihrem Willen gegangen, so werde es ihnen, wie er hoffe, dieses Jahr wohl gehen. Er habe in Graubündten und bei den Eidgenossen viel Bescheid und Vertröstung.

Hans Gaißmayer war voll Hoffnung. Wenn der Lärm angehe, theilte er seinen Vettern Leonhard und Wolfgang Gaißmayer mit, so werde sein Bruder mit tausend Knechten herüberkommen, und Adel, Städten und Allen, welche den Spaniern gegen das Volk Geld dargestreckt haben, ihren Lohn geben; auch denjenigen in Sterzing, die ihm nachgeredet haben, er habe viel Geld von Brixen für sich mit nach Sterzing gebracht, dem Kriesstetter, dem Caspar Kaufmann und dem Griesmayer und Anderen.

Ein Strafgericht zugleich und radikal sollte nach Gaißmayers Gedanken die neue Volkserhebung sein. Alle Schlösser und Städte sollten eingenommen und zerrissen werden; die Untreuen unter dem Adel und unter den Städtebürgern, welche dem Adel und seinen Grausamkeiten, die zugleich Vertragsbrüche waren, anhängig gewesen seien, vor Allen aber die Pfaffen sollten ihre Strafe empfahen.

Michael Gaißmayer hatte so viel vorbereitet, daß er an die Ausführung ging. Mit dem Geschütz und den Waffen von Churburg und Glurns wollte er durch das Vintschgau ziehen, Oswald Zengerl von den oberen Gerichten herab auf Schwatz; das Ober- und Unterinnthal sollten zu gleicher Zeit überfallen werden, die aus ihrem Heimwesen vertriebenen Nonser aus dem Gebirge den Nons herab einen Einfall machen, der Glockenstreich angehen durchs ganze Land und durch den nur darauf wartenden gemeinen Mann.

Für die Ueberrumpelung von Glurns war schon der Tag bestimmt, der Osterabend, der 31. März, und zur Stunde der Ausführung war die Abendstunde gewählt, in welcher nach altem Brauch viel Volk in der Messe wäre, draußen in der Pfarrkirche, die außerhalb der Stadt lag. Männer aus Tafas und Prättigau hatten ihm ihre Hülfe dazu versprochen. Er war des Gelingens so gewiß, daß Modlhamer von Sterzing schon des Gaißmayers Absagebriefe, in seinen Rock eingenäht, ins Land Tyrol hinein trug, Fehdebriefe, 573worin er »dem Adel, den Prälaten, auch den Städten und Bürgerin welche dem Adel anhängig und dem Worte Christi entgegen wären, absagte, nicht aber den Gemeinden und Denen vom Bergwerk.«

So gut hatte Gaißmayer Alles vorbereitet. Da scheiterten des außerordentlichen Mannes Gedanken und Thatkraft an einer Eigenthümlichkeit dieses Alpenvölkchens, die in späteren Aufständen der Tyroler, namentlich auch im Jahre 1809, auffallend mehrmals in den entscheidendsten Augenblicken hervortrat, wo die, welche nach der Verabredung hätten zur Stelle sein sollen, großentheils nicht da waren, zur Zeit, da der Anschlag vollführt werden sollte, nicht da waren, weil es diesem Alpenvolke, in Folge seiner Natur und seiner alt hergebrachten Verfassung, ganz an dem fehlte, was militärische Subordination heißt, und weil der Mann der freien Gebirge stets nur dann zur rechten Zeit zusammen kommt, wenn die »Autorität« persönlich und unmittelbar schon zuvor gegenwärtig ist. Wichtiges mißlang im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert in den Alpen, als es für das Haus Oesterreich galt, aus eben demselben Grunde, aus welchem das mißlang, was jetzt gegen das Haus Oesterreich ausgeführt werden sollte, aus dem Leichtsinn und der Indolenz der Gebirgsleute. Gaißmayer kam, uneingedenk dieser Natur seiner Landsleute, erst im entscheidenden Augenblicke an, und »da waren sie nicht bei einander, sondern der Eine da, der Andere dort, und der Dritte hatte zum Sakrament gehen wollen.« Gaißmayer zog sich betroffen zurück.

Neben der Natur, dem Schlendrian des Bergvolkes, dürfte, was bis jetzt nicht urkundlich offenbar worden ist, die List der Bedrohten auf die Männer von Tafas und Prättigau mit eingewirkt haben.

Denn »durch Schickung des Allmächtigen,« wie die Bedrohten nachher ausschrieben, wurden in der Grafschaft Tyrol und an anderen Orten Boten des neuen Aufstandes niedergeworfen und eingebracht, und denen von Tafas und Prättigau konnte mitgetheilt worden sein, entweder, daß der Plan aufgegeben, oder daß er verrathen sei. Kriegsvolk, um der Ausführung des Planes entgegenzutreten, hatten sie in dieser Gegend nicht.

Durch einen niedergeworfenen Sendboten kam die Regierung von Tyrol dazu, nach Hans Gaißmayer zu greifen. In den ersten 574Tagen des April wurde er zu Sterzing verhaftet, am 9. April zu Innsbruck gräulich gefoltert und auf sein Bekenntniß hin – »als Landesverräther – geviertheiltGewisse Leute wollten die Urgicht des salzburgischen Raths Gold nicht gelten lassen, wegen der Marter. Diese müßten folgerichtig die Urgichten Aller, also auch Hans Gaißmayers, anzweifeln.

Der natürliche Haß, welchen Michael Gaißmayer aus politischen und religiösen, ja sittlichen Gründen, gegen die Welschen, Römlinge und Spanier, hatte, wurde durch diese Kunde noch glühender.

Was er jetzt that, ist bis jetzt unbekannt. Aber nicht alle Flüchtlinge in der Schweiz folgten ihm auf sein neues Abenteuer, selbst Stophel Reitter und Sailler nicht, als er sie einlud, mit ihm auf Salzburg zu ziehen.


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