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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 45
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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Neunzehntes Kapitel.

Die Flüchtlinge.

Die Salzburgischen konnten dennoch auf manchen fremden, auch tyrolischen, Arm zählen. Die Bergwerke standen großentheils still; in denen, welche gingen, konnten viele Knappen Aufnahme entweder nicht finden, oder nicht suchen, weil sie am letzten Aufstand zu schwer betheiligt waren. Was nicht in Kitzbüchel sich einschlich, hatte keine Arbeit und kein Geld. Im Bruderhaus zu Schwatz geschahen die Verabredungen heimlich unter den Bergknappen sowohl aus Schwatz, als aus anderen Bergwerken. Namentlich von Rattenberg, Kuffstein und Kitzbüchel, fürchteten die Regierungen, möchte den Salzburgischen Beistand zufließen. Die Regierungen hatten Sorge wegen der Gerichtsleute und wegen der Bergknappen. Schreiben der Regierung zu Innsbruck an den Erzbischof vom 15. Oktober 1525. Schreiben des Erzbischofs an die Baiernfürsten vom 23 Oktober und 2. November 1525.

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Die Arbeiter ohne Arbeit und ohne Geld waren zahlreich in der ganzen Umgegend. »Es ist des Gesinds viel, haben kein Geld und sollen keine Arbeit auch haben.« Schreiben des Erzbischofs an Wilhelm von Baiern vom 2. Nov. 1525. Zudem hatten sich in die dreihundert Knechte, die in dem aufgelösten Heere der salzburgischen Landschaft gedient hatten, ins Pinzgau gezogen, um den Winter bei den Pinzgauern zuzubringen. Ebenso waren die aus Schladming und seiner Umgebung geflüchteten Steyermarkischen von den Pongauern, theils auch von den Pinzgauern aufgenommen und verborgen worden. Fremde waren überhaupt sehr viele in den Thälern des salzburgischen Gebirges, geflüchtete Hauptleute, Räthe, Kriegsknechte der Bauerschaften aus allen deutschen Landen, namentlich auch Bürger und Bauern und Prädikanten der oberschwäbischen Städte und Flecken. Wie der alle Niederlagen in Deutschland überdauernde Salzburger Aufstand diesen deutschen Versprengten eine Zuflucht gewährt hatte, so gaben ihnen auch noch nach dem Vertrage von Salzburg die Natur und die Lage der Dinge in diesem Lande Raum und Hoffnung.

Sie hofften, die Einen die Freiheit, die Andern das Evangelium, werde vom Gebirg herabsteigen ins deutsche Land, und sie werden wieder einziehen mit dem Siege beider in die Heimath: die Fürsten und Herren und Priester fürchteten, das Gebirge könnte zum Mittelpunkt aller aufrührerischen Köpfe und zum Ausgangspunkt einer neuen Waffenerhebung über das ganze Reich hin werden. Selbst von den Schreckensmännern waren nicht Wenige, sogar aus fernen deutschen Gegenden, in diesen Alpen.

Viele andere Flüchtlinge saßen in der Schweiz, zum Theil in den Gebieten und Städten von Straßburg und Basel, großentheils aber im Appenzeller Lande, in St. Gallen und in Graubündten. Besonders viele aus dem Allgau enthielten sich in den letzteren Kantonen als Flüchtlinge. Darunter waren die bedeutendsten Persönlichkeiten der Allgäuer Bewegung, namentlich mehrere in Bregenz wieder Entkommene; aber auch viele Andere.

Zu Trogen in Appenzell, eine kleine Meile von St. Gallen, enthielten sich als Flüchtlinge: Pfaff Andres Stromayr von Kempten, der Pfarrer zu Oberdorf; Pfaff Florian, der Pfarrer zu Aichstetten; Pfaff Meng Batzer von Wilbolzried, 564der Pfarrer der Bauern zu Buchenberg; Pfaff Walther Schwarz, der Bauernpfarrer zu Martinszell; Konz Rueff, Hans von Schellenberg zugehörig; Christian Wanner, Pfarrer zu Heldenwang. Die Meisten dieser Prediger waren verheirathet. Ihre Frauen, besonders die aus Kempten, besuchten sie von Zeit zu Zeit in der Schweiz, und ebenso gingen die Frauen der anderen Flüchtlinge, wovon um Basel mehrere Hunderte, zu Trogen in die fünfzig lagen, zu diesen hin und her, und nahmen Briefe mit von diesen in die Heimath, und aus der Heimath an die Flüchtlinge. Urgichten der Agatha Käs von Mindelheim, ehelichen Hausfrau Pfaff Christian Wanners und der Adelhaid Gaiser, ehelichen Hausfrau des Balthas Sailler von Eselsstall, Reichholdsrieder Pfarre.

Die Flüchtlinge theilten sich jedoch in zwei Arten. Die Einen dachten nur daran, bei der Versammlung des schwäbischen Bundes, und bei ihren Obrigkeiten Begnadigung zu erlangen und wieder in die Heimath und zu den Ihren zu kommen, um nie wieder in Etwas sich einzulassen. So dachten die Meisten. Andere, für die keine Hoffnung der Begnadigung war, dachten und arbeiteten auf eine neue Revolution, um durch diese wieder zu dem Ihrigen zu kommen. Aber auch die Ersteren waren entschlossen, wenn sie weder bei den Ständen des Bundes noch bei ihren Herren Gnade erlangen möchten, Leib und Leben daran zu setzen, um mit Gewalt wieder ins Vaterland zu kommen.

Der Verkehr dieser zum Theil in verzweifelten Umständen im Auslande sich aufhaltenden Verbannten, darunter Mancher aus guter Familie, mit den in der Heimath Zurückgebliebenen war ein ununterbrochener. Zunächst suchten sie durch ihre Verwandten und durch einflußreiche Personen, an die sie schrieben, die Erlaubniß zur Heimkehr nach. Zugleich aber schlichen sich auch Einzelne aus ihnen in Verkleidung und mit verstelltem Angesicht in die nahe Heimath ein, ins Allgau und in die Gegenden am See, die alten Verbindungen wieder anzuknüpfen und einen neuen Aufstand vorzubereiten. Sie kannten die Wege und Stege, und in diesen oberen Landen war es um so leichter, ihnen geheimen Aufenthalt zu geben, als die Bauern meistens nicht in Dörfern, sondern zerstreut auf Höfen, die oft sehr abgelegen sind, umhersitzen. Durch zusammengebrachtes Geld, das ihnen 565die Flüchtlinge unter Abnahme eines Eides, für die Flüchtlingszwecke wirken zu wollen, in die Hand gaben, schlugen Einzelne die Erlaubniß zur Heimkehr für sich heraus. Diese hatten dann die Unzufriedenheit in der Heimath zu benützen, und über den Stand der Sachen an die Flüchtlinge zu berichten. Durch's ganze Reich hin gingen Solche, welche für den Zweck, das Volk aufs Neue in die Waffen zu bringen, kundschafteten, hin und her woben und berichteten. Sie fanden Aufenthalt, Essen und Trinken, Zehrungsgelder bei denen, an die sie adressirt waren. So durchzog Hans Schmid von Rappen aus dem Allgau das baierische Oberland und Schwaben, und trieb sich selbst in den Städten Memmingen, Mindelheim, Ulm, wie auf dem Lande, herum. Er erhielt von Müllern und Wirthen, von Bürgern und Bauern, die nicht Lumpen, sondern wohlhabend waren, vielfache Vertröstungen, wenn es wieder angehe, werden auch sie dabei sein; sie wollen ihnen diesmal weidlich helfen kriegen. Mancher, der zuvor dabei gewesen, sagte, wenn sie wieder auf wären, wollte er erst recht kriegen. Neben Hans Schmid arbeiteten gleichzeitig die Ausgetretenen Peter Stähelen von Ittenbeuren, Valentin Osterried, Strobel von Raunsberg und Andere, die sich in Verkappungen einschlichen.

Die Flüchtlinge in St. Gallen und Appenzell hatten ihre Clubs mit Sprechern und Vorsitzenden. Die Ausgetretenen von Memmingen hielten stets ihre eigene Berathung; Hans Hölzlin und Bestlin Amberg, genannt Mayr, spielten darin die erste Rolle. Dann traten sie erst mit dem Club der Andern in Verhandlung, in welchem Stophel Reiter von Grönenbach und Urban Müllner von Englishausen das Wort führten.

Hans Schmid war im Bauernkrieg weder Hauptmann noch Bauernrath gewesen, sondern Unterhändler, Botschafter und Kundschafter; ebenso die Andern, die sich neben ihm einschlichen, und die jetzt wieder so von ihren Schicksalsgenossen verwendet wurden. Von Zeit zu Zeit schrieben die Flüchtlinge Tagsatzungen aus, die von fernher beschickt wurden. So eine war zu St. Gallen nach Weihnachten 1525. Da wurde das eben Erzählte verabredet und Stophel Reiter nahm Allen den Eid darauf ab. Hans Schmid bekannte nachmals: Wenn er in sein Hauswesen wieder eingekommen wäre, hätte 566er wollen das Sakrament empfangen und beichten, nach der Form des alten Glaubens; nicht von der Liebe Gottes wegen, sondern daß die Leute sagen sollten: »Wohlan, Hans will sich recht in die Sache schicken und fromm sein.« So hätte er unter dem Scheine der Bekehrung zum alten Glauben sich unverdächtig gemacht und das Volk im Stillen für den neuen Aufstand bearbeitet.

Kam ein solcher Kundschafter und Bote der Flüchtlinge zu einem, der sicher war, so zeigte ihm dieser wieder an, mit welchen in der Nähe er handeln, welchen er vertrauen dürfe.

Auf dem Tage zu St. Gallen wurde auch eine Botschaft besprochen, welche » der Herzog« an die Flüchtlinge hatte kommen lassen. Das war Ulrich von Württemberg. »Sie sollen, hatte er ihnen entboten, verziehen und sich drucken bis auf den Frühling; da wolle er sich unterstehen, mit der Ausgetretenen und Anderer Hülfe in sein Land zu fallen.«

Die Flüchtlinge beschlossen auf diesem Tage, Kundschafter in die Grafschaft Tyrol zu schicken, und die Tyroler zu bewegen; zunächst aber war die Rede davon, mit den Graubündtnern in das Allgäu zu fallen, und Edelleute und Aebte zu strafen und zu erschlagen. Viele waren so verzweifelt, daß sie, falls der Anschlag eines neuen Aufstandes nicht gelänge, daran dachten, sich ins schwäbische und oberbaierische Gebirge zu werfen und ein Räuberleben zu beginnen.

Man wurde für diesmal nur eins, auf den Montag in der Fastnacht, den 12. Februar, »auf der Gaiß,« einem schweizerischen Dorfe, wieder zusammen zu kommen und dann erst Beschluß zu fassen.

Bald darauf kam ein Schreiben an die Flüchtlinge in Trogen von einem » Edelmann aus dem Etschland,« und eigene Botschafter desselben überbrachten es. Darin waren die Flüchtlinge ersucht, sie Alle und so viele der Ausgetretenen sie aufbringen möchten, sollen zu ihm kommen, in das Klösterlein, eine halbe Meile Wegs vom Adelberg; sie werden bei ihm Sold und guten Bescheid finden; daselbst mögen sie mit ihm verhandeln; seine Meinung sei nicht, Jemand zu beschädigen oder Eigenthum zu nehmen, sondern allein das Evangelium zu beschirmen und demselben einen Beistand zu thun.

Stophel Reiter und Barthen Sailler beriethen sich mit den Ausgetretenen zu Trogen. Vorsichtigsein hatten die Flüchtlinge endlich gelernt. 567Der Edelmann aber ließ seine Botschafter als Geißeln bei ihnen, und so entschlossen sie sich, Stophel Reiter und Balthas Sailler zu dem Edelmann in das Klösterlein abzuordnen, um Bescheid zu holen, was sein Vornehmen sei, und an welche Orte oder in welches Land und wider wen er mit ihnen ziehen wolle.

Als sie zu dem Edelmann gekommen waren und seine Anschläge und Meinung von ihm vernommen hatten, waren sie mit ihm eins. »So gut zeigte er ihnen die Sache an.« Nach weiterer Verhandlung mit einander beschlossen sie, der Edelmann aus dem Etschland, dessen Geschlecht- und Taufname wenigstens der Masse der Flüchtlinge, wahrscheinlich sogar ihren Abgeordneten, ein Geheimnis blieben, solle mit ihnen Beiden selbst heraus nach Trogen reiten. Der Edelmann ging mit ihnen.

Sein persönliches Eintreten unter die Ausgetretenen – es waren etwa Fünfzig zu Trogen beisammen, außer den Frauen, als er mit ihnen sprach – war so, daß sie Alle für seinen Anschlag waren, mit ihm in das Etschland zu ziehen; er wolle sie in ein gutes volles Land führen, sagte er, in ein Land, da Niemand wider sie, sondern Jeder männiglich mit ihnen auf sein werde.

»Pfaff Andre, der vor Jahren ein Prediger zu Lüsen gewesen,« war es, durch den der Tyroler Edelmann mit den Flüchtlingen in Verkehr trat, die um Basel und Straßburg lagen. Diese Alle gaben ihm ihre Zusage; Trogen wurde zum Sammelplatz bestimmt.


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