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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 44
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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Achtzehntes Kapitel.

Wiedererhebung der Bauern in Salzburg 1526.

So war die Bewegung des Volkes durch vielfache Schuld des letztern, aber auch durch List und Bestechung, wie durch Waffengewalt auf allen Punkten des deutschen Reiches gestillt, und den Fürsten war es nun zur Pflicht geworden, so gegen das Volk zu sein, daß es nicht zu neuem Aufstand Anlaß hätte.

Die Fürsten und Herren aber thaten nicht also. Der berühmte Reformator Bucer zu Straßburg, der Freund Zwinglis, Melanchthons, Luthers und des Landgrafen Philipp von Hessen, zeichnete zu Anfang des Jahres 1526 das Thun der Herren in einer im Straßburger Münster gehaltenen und daraus gedruckten Predigt mit den Worten: »Die Bischöfe und weltlichen Fürsten sind die, welche den armen Mann bisher geschunden haben bis auf das Bein; sie unterstehen sich jetzt, ihm auch noch das Mark aus den Beinen zu reißen. Ich will dir ein Gleichniß sagen: Wenn man den Wölfen befiehlt, daß sie der Schafe hüten sollen, oder den Katzen, daß sie der Bratwurst warten sollen, magst du wohl bedenken, wie sie behütet werden. Gleicherweise ist der arme Mann jetzt behütet. Doch sollt ihr nicht aufrührig sein; ihr sollt es Gott befehlen, der wird es eines Tags rächen.«

Bucer wollte damit die Herren im Allgemeinen zeichnen, und er ist bekannt als ein wahrhaftiger und freimüthiger Mann, welcher der Volksbewegung fremd war. Wenn überhaupt auf dem Boden des Reiches die Ruhe und Ordnung in dieser Art wieder hergestellt war, so kann das nicht überraschen, was in Salzburg von dem Erzbischof, in Tyrol und Oesterreich von dem Erzherzog und seinen Spaniern geschah.

558

Es hatte nichts gefruchtet, daß der Kardinal das Evangelium, wie die Prädikanten verfolgt hatte; nichts gefruchtet, daß er, wie der erzbischöfliche Hofrath Dückher von Haßlaw sagt, »den vortrefflichen gelehrten Staupitz im Ausgang der lutherischen Ketzerei vorzüglich darum zum Prälaten von St. Peter geweihet hatte, damit er nicht mehr von Salzburg weg und in die Welt gehen könne; Franz Dückher, Salzburgische Chronika, S. 242. nichts gefruchtet, daß, als Staupitz 1524 starb, seine vielen ketzerischen Bücher und Handschriften Luthers, etliche Wägen schwer, verbrannt worden waren: Ebendaselbst. Die Ketzerei hatte um sich gegriffen, und wegen der Verfolgung des Evangeliums ebenso sehr als wegen der Verfassungsverletzungen des Erzbischofs der Aufstand. Den ganzen Sommer über hatte er es hören müssen, wie man allenthalben im Land und auf dem Lande hinaus bös über ihn redete. Er und seine Räthe waren über die Urgicht des Gold »übel erschrocken.« Schreiben an den elsäßischen Landvogt Wilhelm von Rappoldstein. Die damalige Landschaft hatte Ende Juli 1525 alle ihre Beschwerden, alle Verfassungsverletzungen des Erzbischofs aufgesetzt, und diese Schrift als ein Rundschreiben an alle Stände des Reiches versandt. Die letzteren lagen so offen, daß nicht nur Bürger und Bauern, sondern auch Städte und hohe Personen, aus den Prälaten und aus dem Adel und andere angesehene Männer des Stiftes die Wahrheit dieser Schrift unterschrieben und besiegelten. Diesem Rundschreiben war das Bekenntniß des fürstlichen Raths Gold beigelegt. Der Erzbischof war zum Sprüchwort im Lande geworden, und Schandlieder wurden auf ihn gesungen auf Gassen und in Schenken, und im Druck verbreitet.

Sein Kanzler Riebeisen, der nach Augsburg, wo damals der schwäbische Bund seinen Sitz genommen, entschlüpft war, gab sich zwar alle Mühe, die Welt zu bereden, »sein Herr sei ein frommer Fürst des heiligen Reiches; das Alles sei auf seinen Herrn erdichtet, und die Salzburger haben weder Ursach und Grund noch Fug dazu; der Erzbischof sei ganz unschuldig, was er vor aller Welt verantworten wolle.« Da aber die Rechtswidrigkeiten des erzbischöflichen Regiments, und zwar nicht nur die rechtswidrigen Hinrichtungen, 559weltkundige Thatsachen waren; da Riebeisen einer der am meisten dabei belasteten Räthe des Kardinals, und er mit anderen Räthen »in Sorge war, er möchte sterben müssen« für seine Verschuldung, so wußte Jedermann die Worte Riebeisens zu würdigen.

Aber nach dem Vertrage, der Riebeisen gar nicht gefiel, weil er ihm und dem Kardinal die Hände band, saßen er und sein Herr grollend zu Mühldorf, und gedachten »der Seiner fürstlichen Gnaden zugefügten Schmach.« Der Kardinal wollte seine Stunde abwarten. Des Erzherzogs Rachedurst aber, der nicht warten wollte, verdarb viel.

Der Erzherzog hatte feierlich versprochen, »ein Handhaber des mit der salzburgischen Landschaft geschlossenen Vertrages zu sein;« die Landschaft hatte den Punkt, der ihn betraf, zu seinen Gunsten sogleich erfüllt, indem sie den in Werfen gefangenen Adel unentgeltlich frei ließ. Jetzt aber weigerte sich der Erzherzog sowohl gegen den Kardinal als gegen die Landschaft, den Vertrag zu halten und zu ratificiren, mit der ganzen Frechheit jener eigennützigen Perfidie und Gewissenlosigkeit, welche bei diesem spanisch-deutschen Hause bis zu seinem Aussterben sich seitdem überall als Natur und Praxis zeigte.

Erzherzog Ferdinand theilte noch immer den Glauben an die Reifheit der geistlichen Fürstenthümer, den weltlichen einverleibt zu werden, und das Gelüste nach denselben mit den Baiernfürsten und mit Casimir. Für jetzt waren ihm die tyrolischen Bisthümer und das salzburgische Stift entgangen. Salzburg bairisch werden zu sehen, war ihm ein unerträglicher Gedanke. Er erklärte, Oesterreich könne es nimmermehr dulden, daß der Kardinal den baierischen Prinzen Ernst zum Coadjutor annehme. Um das augsburgische Bisthum nicht den Baiernfürsten zur Beute werden zu lassen, hatte der Erzherzog das wichtige Füßen in Oesterreichs Schutz und Huldigung genommen, und der Kanzler Eck sah in all diesem Benehmen bereits nichts Geringeres, als die nach dem Fürstenthum Baiern trachtende Hand Oesterreichs. Schreiben Ecks vom 6. Dezember 1525. Der Erzherzog erklärte: »Salzburg, Hallein und alle Thäler des Erzstifts Salzburg liegen in den österreichischen Landen;« er erklärte sie also für österreichisch; die Aufnahme des Salzburger Erzbischofs in den schwäbischen Bund zu hintertreiben, that der Erzherzog Alles, damit der Erzbischof nicht am schwäbischen 560Bund und dessen Schiedsgericht einen Schutz gegen Eingriffe Oesterreichs in das Erzstift fände; und um dem Kardinal die baierische Coadjutorei zu verleiden, erklärte er, er ratificire den Salzburger Vertrag nur, wenn man ihm für seine Person hunderttausend Gulden zahle, und einen Abtrag dafür, daß des Stifts Salzburg eingesessene Leute den Aufstand in die österreichischen Erblande ausgebreitet haben, eine Entschädigung für die fünf niederösterreichischen Lande; wenn man das in Schladming erbeutete Geschütz ihm zurückgebe oder ersetze; wenn die salzburgische Landschaft Abbitte an Oesterreich für den Ueberfall von Schladming thue; wenn die den gefangenen Rittern auferlegten Urfehden zurückgenommen und ihre Auslagen während der Gefangenschaft für Atzung zurückgezahlt würden; wenn die Schladming'schen Flüchtlinge ihm ausgeliefert werden; ausgeliefert die Rädelsführer des Ueberfalls von Schladming. Diesen Letzteren hatte der Salzburger Vertrag ausdrücklich volle Amnestie gewährleistet; von den anderen Punkten hatte Erzherzog Ferdinand nicht das Geringste zur Sprache gebracht beim Abschluß des Vertrags, dessen Handhabung er gelobte. Dennoch machte er jetzt solche Ansprüche, aus Eigennutz, Groll und Neid auf Baiern. Bei den Bauern war der Erzherzog im übelsten Geruch, seitdem man bei Dietrichstein seine Instruktionen gefunden hatte. Dietrichstein hatte nur nach diesen gehandelt; war nur diesen zufolge ins Erzstift Salzburg mit seinen Ratzen eingefallen; und als er bei Schladming gefangen worden war, waren die bluttriefenden Weisungen des Erzherzogs, namentlich eine aus Innsbruck vom 22. Juni, zur Kenntniß der Bauern gekommen.

Weder der Erzherzog noch die steyrische Ritterschaft gedachten der Milde und Menschlichkeit, mit welcher Michael Gruber und seine Bauern nach dem Siege von Schladming am gefangenen Adel gehandelt hatten. Es trieb sie, zu beweisen, daß jener Bergknappe mit seiner Anklage gegen sie wahr geredet hatte, als er im Namen seiner Brüder den Tod aller Gefangenen forderte. Erzherzog und Adel hatten keinen Gedanken, als den der Rache. Es stachelte sie die Erinnerung an Schladming zur blutigsten, grausamsten Wiedervergeltung, zum unmenschlichsten Frevel. Der Erzherzog gab dem alten Niklas Salm den Befehl, den Adel zu rächen an den ahnungslosen Anwohnern der steyrischen Grenze.

561

Mitten im Frieden, im Herbste des Jahres 1525, überfiel Salm das Städtchen Schladming, und zündete es auf allen Seiten an. Die heulend daraus Fliehenden, so viel man ihrer ergriff, wurden in die Flammen zurückgeschleudert, daß sie mit verbrannten, Alles zusammen, Männer und Weiber, Säuglinge und Greise, alles Lebende. Die Bauern aus der Nachbarschaft Schladmings, die nicht geflohen waren, wurden zu Hunderten längs der Hauptstraße an den Feldbäumen aufgehängt; die Entronnenen geächtet, ihre Güter eingezogen. Die Stadt Schladming ward dem Erdboden gleich gemacht, ein rauchender Schutthaufen, die Stätte für verflucht erklärt. Später zwar wurden die Brandstätten dennoch wieder überbaut, erhielten aber nur das Marktrecht.

So dankte der Erzherzog und der Adel dem Volke seine Verschonung und die ritterliche Behandlung in der Gefangenschaft.

Die Flammen von Schladming und die Blutthaten zeigten den Bauern, wie der Erzherzog den Vertrag halten werde, ihnen, den Salzburgern, gegenüber. Schladmings Feuersäulen und Blutlachen sprachen so deutlich, daß es nicht mißverstanden werden konnte, und von dem zum Mordbrenner gewordenen Handhaber des Salzburger Vertrages fiel ein böser Schein hinüber auch auf den Erzbischof von Salzburg. Wie der Erzherzog die salzburgischen Herrschaften und Flecken Kropfsberg, Zillersthal, Kißbüchel und Matray, die er während des salzburgischen Aufstandes besetzt hatte, vertragswidrig fortbesetzt behielt, so hatte auch der Erzbischof selbst dem Vertrage in allen Punkten nachzukommen nicht geeilt. Sobald der Baiernfürst und Freundsberg mit dem Bundesheer hinweggezogen waren, that der Erzbischof Vieles von dem nicht, was er den Bauern zugeschworen hatte, und der Gesandte des Nürnberger Raths mußte im Namen seiner Stadt auf dem Bundestag erklären, der Erzbischof komme dem Vertrage nur scheinbar, mit Worten, nach, thue aber das Gegentheil, verfolge und beschwere die Unterthanen mehr und höher.

So vertraute ein großer Theil der Salzburger Bauern nicht mehr auf den Vertrag, und der Erzbischof selbst schrieb an Ferdinand, da er, der Erzherzog den Vertrag nicht halte, so sei nur natürlich, daß die Salzburgischen auch nichts auf den Vertrag halten.

Zu Altmarkt bei Radstadt hielten die Landleute neue 562Versammlungen, setzten ihre Beschwerdepunkte über die Vertragsbrüche auf, ernannten Hauptleute und bestellten Sturmglocken.

Während dies im Pongau geschah, an der Enns, waren zu gleicher Zeit im Pinzgau an der Salzach heimliche Versammlungen der Bauern gehalten worden, um die Mitte Oktobers 1525. Namentlich aus Mittersill, Brixenthal und andern Orten waren diese Versammlungen stark besucht. Die Pinzgauer schickten einen Boten ins Tyrol, auf die große Kirchweih in Brixen, zu der aus den 15. Oktober die Bauern und die Erzknappen aus der Umgegend massenweise zusammen kamen. Das Schreiben der Pinzgauer ging dahin, die Tyroler sollen zu ihnen halten. Etliche aus der Tyroler Bauerschaft und aus den Erzknappen sprachen für die Werbung der Salzburgischen. Die Mehrheit der versammelten Tyroler aber war dafür, daß die Sache der Salzburgischen sie nichts mehr angehe, und daß sie den Frieden und Vertrag mit seiner fürstlichen Gnaden (dem Bischof von Brixen) halten wollen.


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