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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 40
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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540

Vierzehntes Kapitel.

Nachzuckungen in Norddeutschland.

Norddeutschland war im Ganzen von dem Aufstande wenig bewegt worden. Es ist das keine einzelnstehende Erscheinung in der deutschen Geschichte. Der deutsche Süden war immer früher politisch rege, als der Norden. Ehe der Geist, welcher dem Bauernkriege inne wohnte, seine Kreise bis in das nördliche Deutschland hinein auszudehnen Zeit und Raum fand, war die Bewegung in Thüringen, am Main, am Neckar und an der Donau unterdrückt. Der Kampf war vorüber im Mittelpunkt, als die Zuckungen im nördlichen Deutschland anfingen.

Die in Schlesien bewegen sich überwiegend auf religiösem Gebiet, und werden von mir anderswo berücksichtigt werden. Mehr vom Religiösen ins Politische hinüber spielten und gingen die Nachzuckungen in Liefland und Esthland und in Samland, da, wo der Preuße mit dem Polen und Masuren sich berührte, und die Ostsee an den deutschen Sand spülte. Nach Liefland und Esthland war die neue Lehre bald gelangt, und hatte Wurzeln gefaßt; die zwölf Artikel kamen aber erst im Laufe des Sommers 1525 dahin. Hier, wo der Adel mit ungewöhnlicher Härte und Zahl auf den Bauern und den kleinen Städten des Landes lastete, mußten die zwölf Artikel dem Volke gefallen und es bewegen. Im Herbste des Jahres 1525 erhob sich das Landvolk in Esthland zwischen dem See Peipus und dem finnischen Meerbusen, um die Städte Wesenberg und Tholsberg her, und in Harrien, in der liefländischen Landschaft am Meerbusen von Finnland. Unter den der neuen Lehre ergebenen Bürgern in Reval waren Manche mit den Bauern eines Sinns. Die Bauern, die zwölf Artikel in der Hand und einige andere, welche sie selbst aufgesetzt hatten, mit besonderer Beziehung auf ihre eigenthümlichen Verhältnisse, verlangten hier, daß die adeligen Vorrechte als unevangelisch abgeschafft werden.

Der Adel dieser Lande sah auf das hin in der neuen Lehre eine Feindin seiner Interessen, und wandte sich um so mehr von ihr ab, als gleich nachher, im Oktober, die samländischen Bauern 541und Fischer aufstanden, zwischen dem Pregel, dem frischen Haff, dem kurischen Haff und der Ostsee. Diese forderten nicht bloß die Aufhebung der Adelsvorrechte, sondern die Ausrottung des Adels als »eines Unkrauts.«

Der Deutschmeister Albrecht von Brandenburg, des grausam lutherischen Casimirs Bruder, welcher sich so eben zum weltlichen Herzog von Preußen gemacht, hatte den lutherischen Predigern allen Vorschub gethan, das Land evangelisch zu machen. Mit den Predigern waren auch Prädikanten gekommen. Bald war die Lehre von der evangelischen Brüderlichkeit und Gleichheit so ins Blut der Bauern übergegangen, daß, wo einer ihrer Prediger diesen Ton nicht einhielt, sie vor ihn hintraten und sprachen: »Herr Pfarrer, ihr sollt der christlichen Gemeine das reine Wort Gottes predigen, und nicht mehr ein Heuchler sein, wie zuvor.« Ja sie bedrohten solche, welche nicht im Sinne der Bauern predigten. Was sie unter dem »lautern und klaren Evangelium,« unter dem »reinen Wort Gottes« verstehen, erläuterten sie damit: »Die Güte ihres Landesherrn habe ihnen das Evangelium gewährt, aber das sei weder ganz noch recht lebendig, so lange es einen Adel in Preußen gebe.«

Albrecht schrieb an seinen Bruder Casimir, sie bestehen darauf, der Adel solle aller auf einmal und ganz aufgehoben werden, und es drohe dem Adel jämmerliche Ermordung.

Sie seien, sagten die Samländer, durch das Evangelium berichtet: »Du sollst nicht mehr als einen Gott und einen Herrn haben!« Darum wollen sie die Nester zerstören, daß die Krähen keine Jungen mehr darin ziehen sollen. Der Landesfürst sei ihnen zum Herrn genug, und sie bedürfen den Adel nicht zu einer Obrigkeit; die Adeligen halten nichts, was sie zusagen; verbieten die Vögel in der Luft, die Fische im Wasser, die doch Gott einem Jeden freigeschaffen. Gott wolle sich jetzt über die Bauern erbarmen und sie von solchem freimachen.

In Schwaben und Franken war die Wuth der Bauern vorzugsweise gegen die Herren vom Deutschorden gerichtet mit einer Erbitterung, welche sich nur erklärt aus den Einzelnheiten der Ellwanger, Oehringer und Heilbronner Untersuchungsakten, Einzelnheiten, welche zu schmutzig und wüst sind, um sie zu drucken, so sehr 542sie den Deutschorden und die Stellung der Bürger und Bauern zu ihm beleuchten würden. In jenen äußersten Gegenden Deutschlands aber war der Druck und die Verletzung des Volkes in allen seinen Gefühlen noch viel rücksichtsloser, und die samländischen Bauern im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert hatten sich darum öfters empört gegen die Deutschordensritter, die als Vögte über sie saßen, empört gegen den Orden, weil er nicht den Glauben und Gottes Dienst, sondern seine eigene Pracht, Herrlichkeit und Macht, und die Unterdrückung Aller gesucht habe, freche Brüder, welche mit der Unterthanen Leib und Leben, Gut und Blut, nicht Gottes Ehre und der Menschen Heil gesucht haben, unbekümmert um Pabst und Kaiser. Lukas David, preußische Chronik, VII., 110.

Durch Prälaten, Priester und Adel waren sie später so behandelt, daß diesen von einem um das Jahr 1503 gebotenen Landsmann, der mütterlicher Seits adelig war, nachgesagt wurde, »sie haben nicht allein des Volkes Wolle und Milch genossen, sondern ihm auch das Blut ausgesaugt und zuletzt das Fleisch von den Knochen abgefressen, aber mit christlicher Lehre sie nicht im Geringsten versorgt.« Lukas David, preußische Chronik, VIII., 158.

Die Führer der Bewegung in Samland waren wie anderswo theils Geistliche, theils Laien. Als Herzog Albrecht einen Erlaß in das Land ausgehen ließ, welcher die Aufregung stillen sollte, nahm ein Prediger aus Friedland von dem fürstlichen Briefe die Siegel ab, und druckte sie auf ein von ihm verfaßtes Schreiben, worin er sagte, die Volksbewegung geschehe nicht ohne Wissen und Zulaß des Landesfürsten, der selbst ein herzliches Mitleiden mit den Bauern habe; die Zeit der Erlösung sei gekommen, zumal weil sie Gott, sein heiliges Evangelium und des Landesfürsten Gunst und Willen auf ihrer Seite haben.

Dieser Prediger war der Sohn eines Bürgers aus der Stadt Friedland, und hatte auf einer der sächsischen Hochschulen studirt. Den falschen Briefen, die er machte, und worin Herzog Albrecht als mit der Bewegung einverstanden hingestellt war, wurde von den Bauern unbedingter Glauben beigemessen; hatte sie doch der Deutschorden in einem unglaublichen Grade von Unwissenheit aufwachsen 543lassen. Der Prädikant ritt hin und her, Tag und Nacht, bot auf und rührte auf, daß sie »das Unkraut ausreuten,« das Unkraut »Zizania;« mit diesem geheimen Losungswort bezeichnete er in seinem Schreiben den Adel.

Herzog Albrecht, Casimirs ächter Bruder, sagte sich, wenn die Bauern so beim Adel anfangen, so werde am Landesfürsten das Aufhören sein. Er eilte, den Aufstand blutig zu unterdrücken, obgleich die Bauern bis jetzt nicht einen Tropfen Blut vergossen hatten. An der Spitze von dreihundert Reitern durchzog er das Land, die größeren und kleineren Städte, die Dörfer und Höfe, nicht zum Kampf, sondern zur Ausforschung und Aufhebung der des Aufruhrs verdächtigen oder überwiesenen Bürger und Bauern. Sein Umzug, den er am 5. November begann, war nur ein wanderndes Blutgericht. In Königsberg wurden dreißig Bauern mit dem Schwert gerichtet, nachdem sie gefoltert worden waren, auch einige Bürger, auf welche die Bauern unter der Marter bekannt hatten. Viele Bauern wurden des Landes verwiesen, viele flohen von selbst. Unter den zu Königsberg Gerichteten war auch ein Prediger, der beschuldigt war, unter den Anstiftern des Aufstandes zu sein. In der Stadt Friedland wurde ein anderer Prediger, eben jener, der die Briefe, nach welchen Herzog Albrecht die Erhebung der Bauern gegen den Adel gerne sehen sollte, geschrieben und verbreitet hatte, gefangen und lebendig geviertheilt.

Die Hauptbeweger hier an der Ostsee waren unzweifelhaft nicht lutherische Prediger, sondern Prädikanten, jedoch nicht eben Wiedertäufer. Wie sehr wenigstens gewisse Prädikanten mit ihrer schwärmerischen Beredsamkeit und ihren da und dort aus der Bibel, wie es ihnen taugte, herausgezogenen Sprüchen eine Macht im Volke waren, zumal in denjenigen Gegenden, wo es in großer Unwissenheit erhalten worden war, dafür zeugt ein Augen- und Ohrenzeuge, der sie in Westphalen gehört hatte. »Die Prädikanten, sagte dieser, hätten wohl den Teufel selbst verleitet mit ihren Reden und Predigen; sie selbst glaubten, Gott gehe mit ihnen auf Erden, und Niemand könne ihnen entgegenthun. Es ist unmöglich, zu sagen, wie sie reden konnten.« Heinrich Grasbeck in seinem Bericht von der Wiedertaufe in Münster, bei Cornelius, Münster'sche Geschichtsquellen. II. S. 70, S. 49.

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So ist nicht zu verwundern, daß die Samländischen Bauern sich überreden ließen und ihnen folgten. Als der Mittelpunkt der Bauern wird der Müller Kaspar in dem Städtchen Kaynan genannt. Darin, daß diese Bauern eine Aenderung der politischen Verhältnisse wollten, sah der Herzog ein blutig zu ahndendes Verbrechen; ohne zu berücksichtigen, daß er an seinem Orden Schwereres gethan hatte, als diese Bauern, und daß dann die politische Aenderung der Verhältnisse, die er vorgenommen hatte, wegen seiner den Bauern gegenüber viel größeren Zurechnungsfähigkeit noch mehr ein blutig an ihm zu ahndendes Verbrechen sein mußte. Was die Fürsten selbst wider die Gesetze thaten, kam für sie nicht in Betracht, in Preußen so wenig, als in Salzburg und Tyrol. Für Samland Quellen: »Historie von dem Aufruhr der Samländischen Bauern,« in dem » Erläuterten Preußen II, 542. Bazko, Geschichte von Preußen IV, 11.


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