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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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Zweites Kapitel.

Besetzung Heilbronns durch die Bauern.

Die vom Rath ausgeschickten Kundschafter brachten zurück, die Bauern haben drei halbe und zwei ganze Schlangen, dazu vier Falkonetlein und viele Doppelhaken; sie tragen ein Cruzifix in ihrer Mitte, und sie lassen sich hören, es gehe vor die Stadt, und wo man sie nicht einließe, wollen sie das Kind im Mutterleibe verderben. Das Geschütz war theils hohenlohesches, theils weinsbergisches; 22daß die Bauern kein Pulver dazu hatten, wußten die Kundschafter nicht. Das war der dritte Schlag für den Rath, der schon durch das Frühere entmuthigt, durch den Zwiespalt unter sich selbst geschwächt war.

Er versammelte wieder die Gemeinde auf dem Markt und forderte auf, wer redlich zu ihm wider die Bauern halten wolle, solle auf seine Seite treten. Nur der geringere Theil erklärte sich für den Willen des Raths. Der größere Theil wollte mit den Bauern unterhandeln; viele zeigten unverholen ihre Sympathie für die Sache der Bauern. Der Rath versuchte, so gut er konnte, die Stadt zu vertheidigen. Heinrich Hinderer erhielt von ihm den Befehl, die Thore zu verterrassen und zu verwahren. Er kam bald zurück und erzählte mit Thränen im Auge, ob es nicht zum Erbarmen sei, er könne die Pforten nicht verwahren; die Weiber wollen ihn todtschlagen. Zu eines ehrbaren Bürgers Tochter, welche Mist und Erde zugetragen, haben sie gesagt, der Schmaladel solle sich heim machen und Baumwolle spinnen. Der Rathsherr Diez habe auf seine Ermahnungen, daß man zur Verwahrung der Thore beitragen solle, von den Weibern sich sagen lassen, sie wollten lieber den Bauern helfen. Nicht besser als ihm erging es andern Rathsgliedern. Sie kamen und klagten, man habe ihnen die Büchsen auf den Mauern mit Klötzen verschlagen und mit Wasser gefüllt, und das Pulver zum Theil genetzt, zum Theil zerstreut. Viele schrieen, sie haben weder zu essen noch zu trinken. Der Rath eilte, dieses Geschrei zu stillen. Er ließ den unzufriedenen armen Mann auf Stadtkosten speisen und tränken: in Ermanglung eines Stadtkellers holte er dazu drei Fässer Wein aus dem deutschen Hause. Während der Zeche zeigte sich die Spitze des Bauernheeres in der Nähe der Stadt, und Jakob Rohrbach hielt mit mehreren Hauptleuten vor dem Thore. Ein Kaufmann, der von Hall herkam, hatte die Bauern gefragt, wo sie hin wollten, und die Antwort erhalten: »Zum Tanz auf die Heilbronner Kirchweih.« Die schwarze Hofmännin, die zu Weinsberg mit am Sturme gewesen, Bundesakten Fasc. 98 Nr. 16 a u. b. zog wieder an der Spitze des großen Haufens Heilbronn zu. Da sah man sie vor dem Zug halten, und die Bauern ermahnen, nur frisch drauf loszuziehen; 23dann sprach sie den Fluch aus über die Stadt, zumal über den Rath, als über »Bösewichter und Buben,« und den Segen über die Bauern. Ebendaselbst.

Auf diese Kundschaft gingen mehrere Rathsherren, die mit Jakob Rohrbach bekannt waren, vor das Thor hinaus, um gütlich ihn und die Hauptleute zu bestimmen, den hellen Haufen von der Stadt wieder wegzuführen. »Lieber Junker, sprach Jäcklein zu einem der ihm wohlbekannten Rathsherren, ihr seid zu mir kommen in guter Freundschaft; wir begehren Niemand nichts zu thun.« Während aber diese Rathsherren mit Jäcklein unterhandelten, zogen Andere in der Stadt die Sturmglocken, und einige Schüsse fielen von der Stadtmauer gegen die Bauern. Das riß den Faden der Besprechung schnell ab, die Rathsherren ritten in die Stadt zurück und zwei an die Mauer heran, um denen darauf bei Kopfabhauen das Schießen zu legen; Jäcklein aber, welcher dem vor den Thoren liegenden Carmeliterkloster bereits gegen eine Brandschatzung Schonung versprochen hatte, fing mit der Beschädigung dieses Gotteshauses an, den Ernst zu zeigen. Mancher der Bäurischgesinnten in der Stadt ging indessen zu dem Fleiner Thor hinaus zu den Bauern. Hans Diegel, der im vorigen Jahre Bürgermeister gewesen war, ein silberhaariger Greis, setzte sich unter das Thor, und bat mit aufgehobenen Händen die Bürger, zurückzukehren und die Vaterstadt zu vertheidigen. Ein Anderer, der zum Rath hielt, schrie denen, die hinaus gingen, zu: »Daß euch Gotts Marter schänd, wollt ihr heut treulos an eurem Rath werden?« Aber die Bitten des Greises und sein Anblick thaten mehr als dieser Fluch; da und dort ging einer in sich und kehrte um, »weil er Mitleiden hatte mit dem alten Mann, der ihn so weinerlich ansah.« Die Bauern ließen in die Stadt herein sagen, wenn man ihnen die Thore nicht öffne, werden sie die Mauern stürmen und die Weinberge aushauen. Georg Mezler, der jetzt auch vor die Mauern mit dem ganzen Haufen gekommen war, schickte hinein, die Stadt solle ihm Proviant liefern. Der Rath war so betäubt, daß es einen, der sich die gestrengen Herren betrachtete, bedünken wollte, »er wollt ihrer einen mit dem Finger umgestoßen haben.« Doch wagte er noch, die Forderung Mezlers zu verweigern. 24Dieser aber schickte wieder herein, mit ernster Bedrohung. Außen drohten die Bauern, innen gährte die Gemeinde; der Rath fand für gut, durch zwei Rathsherren fünfzehn kleine Fässer Wein ins Lager Metzlers hinausführen zu lassen. Der oberste Hauptmann hatte es nur gegen Bezahlung verlangt, und ein geschworener Eicher fuhr mit hinaus, um das Geld dafür einzunehmen. Auch Brod ließ der Rath durch seine Bäcker für die Bauern backen, und man hat keinen Grund, daran zu zweifeln, daß die Bauern Georg Metzlers, für fest wenigstens, redlich bezahlten.

Darauf schickte Georg Metzler abermals herein, und forderte Einlaß für den Haufen, unter den frühern Bedingungen: sie suchen nur die Geistlichen, ihre Feinde; man solle den christlichen Brüdern das Beste thun und mittheilen, oder sie wollen das Unterste zu oberst kehren; lasse man sie aber ein, so wollen sie ein gütlich Gespräch halten. Dies Schreckenscene, die so eben die Bauern mit dem benachbarten Weinsberg gespielt hatten, hatte auch auf die ruhigen, treuen Bürger stark gewirkt. Als die Drohung bei der Gemeinde bekannt wurde, erklärte sie: Sie wisse wohl, daß die Bauern der Stadt keinen Schaden zufügen wollen, und um der Deutschherren willen wollen sie nicht das Schicksal Weinsbergs auf sich nehmen. Der Rath sah, daß sich, wenn er nicht nachgebe, ein Aufruhr erhebe; so geneigt zeigte sich die Gemeinde dazu. Bundesakten Fasc. 91. Nro. 25. Er schickte in Eile in das deutsche Haus, und ließ dem Baumeister der Commende sagen, er solle flüchten, was er könne, und was dem Commenthur angenehm sei, dazu wolle der Rath behülflich sein. Der Baumeister gab zur Antwort, er habe deßhalb von dem Commenthur keinen Befehl. Doch ließ er zuletzt noch den Rath um Pulver bitten, und erhielt so viel eingehändigt, als man entbehren konnte.

Darauf ordnete der Rath Drei aus seiner Mitte, dabei jenen reichen Bäcker und Weinwirth, Hans Müller, genannt Flux, ein Haupt der Gemeindeopposition, ins Bauernlager ab, und diese unterhandelten insgeheim mit dem Bauernrath. Mit ihnen gingen in ihrem Geleit mehrere Hauptleute und Räthe der Bauern in die Stadt zurück. Diese brachten die Vorpunkte des Vertrags ins Reine, und wurden dann wieder vom Rath hinaus geleitet. Gleich darauf 25bestellte der Letztere eine Abtheilung der Bürgerrotten, im »deutschen Hof zu hüten und zu wahren, aber Niemand wollte solches thun;« und fast zu gleicher Zeit öffnete sich das kleine Thürlein an der großen Pforte gegen unsere Frauen zu, und eine Abtheilung des hellen Haufens wurde eingelassen. Man hatte es zu machen gewußt, daß man nicht den Beweis führen konnte, ob es der Rath gethan oder die Gemeinde. Sobald die Bauernabtheilung die Stadt besetzt hatte, kehrte einer der Führer derselben ins Lager zurück. Brüder, sagte er, nun haben wir wieder eine Stadt gewonnen.

Mit der Bauernabtheilung war der oberste Hauptmann, Georg Metzler, Hans Reyter von Bieringen, des hellen Haufens Schultheiß, Jakob Rohrbach und Albrecht Eisenhut, der Beutemeister des Heeres, in die Stadt gekommen. Mit diesen Vieren wurden vier vom Rath und vier von der Gemeinde verordnet, den Vertrag zum Abschluß zu bringen. Als die Bauernhauptleute aufs Rathhaus hinauf gingen, rief ihnen einer aus der Ehrbarkeit zu: »Schultheiß und ihr Hauptleute, das ist eines ehrbaren Raths Meinung, daß ihr den Haufen von der Stadt wegführet.« – Wir müssen vor den Rechten haben, antwortete Georg Metzler. Er meinte den Commenthur. Und zur Gemeinde, welche auf dem Markt versammelt war, sprach Hans Reyter, der Bauern Schultheiß, zu seinen Seiten Jakob Rohrbach und der Heilbronner Stadtschreiber, Hans Baldermann, wie sie ausgegangen seien, nicht dem Kaiser zuwider, sondern nach dem Satz Pauli zu handhaben das Evangelium. Wer es mit ihnen halte, der solle die Hand aufheben. Da sah man alle Hände aufgehoben. Der Rath hatte längst beschlossen, falls die Dinge eine solche Wendung nähmen, »mit Abmahnung still zu sein, um Unrath zu verhüten.«

Von da gingen die Hauptleute aufs Rathhaus. Sie nahmen zuerst für sich eine eigene Stube auf demselben und sprachen heimlich mit den ihnen befreundeten Bürgern. Es war auf der kleinen Rathsstube. Die Letztern rathschlagten mit den Hauptleuten, man solle die Bürger und den Rath in Pflicht und Gelübd nehmen, daß sie zu Tag und Nacht die Stadt den Bauern offen halten und sie als christliche Brüder aus- und einziehen lassen. Bundesakten Fasc. 99 a. Nro. 31. Die Unterhandlung war kurz. Die Bestrafung der Geistlichen mußte der Rath gestatten; Büchsen 26und Pulver öffentlich zu geben, lehnte er ab, und die Hauptleute begnügten sich, daß man es sich in der Stadt verschaffe. Auch die Forderung, daß Heilbronn ein Fähnlein von 500 Knechten, mit einem Hauptmann aus den Bürgern und mit der Stadtfahne zum Haufen stelle, lehnte der Rath ab; man möchte es nicht thun, hieß es. Auch die vierte Forderung, Niemand, der gegen die Bauern wäre, Aufenthalt und Vorschub zu geben, brachte der Rath weg, indem er seine Einung mit dem Pfalzgrafen vorschützte. Dagegen nahm er die zwölf Artikel an, und Rath und Gemeinde huldigten in den Bund der Bauern; sie wurden der Bauern »liebe Brüder und gute Freunde.« Jäcklein schreibt am 29. April an den Rath: »Es ist unsere brüderliche Bitte und Begehren, wollet ansehen diese unsere brüderliche Bündniß, darein ihr gehuldigt.« Bundesakten Fasc. 92. Nro. 18. Georg Metzler schreibt am 2. Mai nach Heilbronn: ob jemand noch nicht gehuldigt hätte, den mögt ihr in unserm Namen in Huldigung nehmen.« Bundesakten Fasc. 92. Nro. 24. Metzler und Jäcklein nennen von nun an in ihren Schreiben den Rath ihre lieben Brüder und guten Freunde, und der Rath die Bauern seine ehrsamen guten Freunde und Brüder. Bundesakten Fasc. 92. Nro. 23. Fasc. 92. Nro. 28 und 18. Auch Hans Flux, der Hauptmann des Heilbronner Fähnleins, sagt oft geradezu: Rath und Gemeinde haben gehuldigt. Bundesakten Fasc. 98. Die geistlichen Häuser schätzten die Bauern schwer. Hatten sie vom Carmeliterkloster 3000 Gulden genommen, so verlangten sie vom Clarakloster 5000 Gulden, vom Billigheimer Hof 200, von Präsenzherren 300; sie ließen sich auch hierin zu bedeutenden Nachlässen bewegen.

Die Verhandlung leitete der volksbeliebte Prädikant, Doktor Lachmann, den der Rath zu diesem Zweck gerufen hatte. Doch für den Deutschorden erlangte auch er nichts. Das deutsche Haus gehöre ihnen, sagten sie. Alles, was seit der Ankunft des Haufens vor den Mauern zwischen den Bauern und dem Rath verhandelt wurde, war das Werk weniger Stunden: schon um die fünfte Stunde Nachmittags, am Osterdienstag, wußte man in Wimpfen, daß Heilbronn sich mit den Bauern vereint habe, Bundesakten Fasc. 92. Nro. 7. und diese Stadt schickte Abgeordnete nach Heilbronn herein, Lachmann führte sie vor die Hauptleute und erhielt auch für sie einen leidlichen Vertrag. Die Stadt zahlte 1200 Gulden, theils an Geld, theils an Früchten und 27Wein, unter der Bedingung, daß dieses nur den Kapiteln zu Wimpfen im Thal und den andern geistlichen Stiften und Pflegen aufgelegt werde; zugleich gestand sie zu, daß jeder ihrer Bürger Fug haben solle, dem Bauernheer zu folgen, und daß sie die von den Bauern zu machende Reformation annehmen werde; die Hauptleute gaben dagegen der Stadt für alle ihre Angehörigen einen Sicherheitsbrief, und stellten alle geistlichen Güter unter ihre Hand. Bundesakten Fasc. 105. Th. Zweifel, Handschrift.

Als vertragsgemäß die Bauernhauptleute mit einigen Fähnlein in die Stadt einzogen, sah man auch eine gute Zahl Heilbronner Bürger, die draußen bei Weinsberg mit gewesen waren, mit in die Stadt wieder herein ziehen. Einzelne waren schon zuvor wieder hereingekommen, gleich nach der That, unter diesen Christ Weyermann. Dieser war hereingekommen, sein Hellebarde noch blutig, noch Haar und Fleisch daran, und den Hut Dietrichs von Weiler auf dem Kopf. Unterm Thor hatte er gesagt, und dabei den Hut gerückt: Es muß erst recht gehen; Alles, was nach einem Sporn schmeckt, muß sterben. Bundesakten Fasc. 99 a. Nro. 12. 15. 17. Auch der Ausschuß, der von der Weingartstube aus nach Weinsberg geschickt worden war, war schon längst früher zurück. Es waren die fünf: Mathias Gunther, Vastlin Wachtmeister, Luz, Fleinhans und Kollenmichel gewesen. Jetzt sah man aber Wilhelm Brünnlein, einen sehr wohlhabenden Bürger, der den Bauern vorritt, mit einziehen, und hinter ihm Christ Scheerer, der, wie er hinten und vorn daran war in der Stadt, so auch draußen die zu Weinsberg verwundeten Bauern verbunden hatte; Luz Taschenmacher, mit blutigem Spieß und in einem Prachtkleid des Grafen von Helfenstein, Hans Weldner, mit dessen Barett und Rapier; und bei diesen Heilbronnern zeigte man auf ein kleines Männlein, den alten Martin, der den Dietrich von Weiler erschossen; auf den »großen Bauern von Kochendorf, der fürnehmsten großen Hansen einen, der in der That zu Weinsberg sich sehr geübt;« auf den Schweinheinzen von Kresbach, »einen großen Schalk, der zuerst des Grafen Hab und Gut geplündert und sehr darauf gestimmt, den Grafen zu würgen.« Die trauernde Gräfin wollte die Kleider des todten Grafen wieder einlösen; sie mochte lange 28nicht Geld dazu überkommen; Wilhelm Brünnlein, der der Bauern Fähnlein zum Fenster aushing, lieh ihr fünfzehn Gulden dazu. Bundesakten Fasc. 99 a. Nro. 31. 35. 36.

Mit dem Erscheinen der ersten Bauern in der Stadt schwand vollends das letzte obrigkeitliche Ansehen des Raths; man hörte die Bürger laut sagen: »Der Rath hat keine Gewalt mehr.«

Ulrich Fischer, Bastlin Wachtmeister und Hans Hoß verfügten sich mit Andern sogleich in den Garten des St. Clarenklosters; man wollte sie zurückweisen. Freund, sagte Hans Hoß zu dem Hausmeister, es wird anders zugehen. Wie sollt es zugehen? fragte dieser. Gleich muß es zugehen, lachte Hoß, gleich, Freund. Wollt ihr eure Haut ganz davon bringen? fluchte Bastlin Wachtmeister ihn an. Wir sind Meister, schrie Wendel Hofmann von Flein. Wir wollen daran, sagte Jakob Hofmann; wozu des vielen Geredes? Und schon kamen sieben Andere, im Kloster den Wein zu holen, und wieder Andere, die Pferde hinauszuführen. Alles Sträuben half nichts. Gebt den Wein hinaus, schrie einer hier. Wollt ihr uns wehren? fluchte einer dort; es ist gute Prise. Es ist nicht gute Prise, sagte Leonhard Wender, der Hausmeister; es ist noch nicht erkannt; laßt es sein. Sie ließen ihn reden, gingen in's Kloster hinein, luden den Hausrath auf, und führten ihn weg. Bundesakten Fasc. 99 b. Nro. 2.

Auf der Straße begegneten sich Jäcklein Rohrbach und Christ Scheerer. Christe, rief Jäcklein, die Sache wird recht gehen. Wohlan, sagte Scheerer, ich will mitziehen und die Sache helfen vollstrecken. Es geht recht zu, sagte Koberhäuslein. Wir wollen noch recht mit den Herren umgehen, daß sie wollten, sie wären Sauhirten gewesen. Es geht recht zu, sagte Hans Meng; es muß noch anders zugehen; wir müssen die Buben oben zum Rathhaus herauswerfen, und die Unsern bestellen, daß sie sie mit Heugabeln empfangen. Lieber, sagte Michael Winther, ein anderer Bürger, was haben dir meine Herren von Heilbronn gethan, daß du ihnen das thun willst? Lieber, entgegnete Meng, du weißt nichts darum. Bundesakten Fasc. 99 a. Nro. 7. Fasc. 99 b. Nro. 9. Nro. 53.

Hie und da stand ein Bürger, der dem Gange mit trüben Augen und Bemerkungen zusah. Es ist ein hübsch Ding, sagte 29Jakob Plattner; wenn die ganze Stadt einig gewesen wäre, wäre man vor den Dingen gewesen. Endres Besserer entgegnete: Wir sind redlich an ihnen gefahren. Wie redlich seid ihr denn gefahren? sagte der erste Bürger; wer sind die, welche in das Pulver gepißt und die Steine verwechselt haben? Wer mich bezüchtigt, lügt als du Bösewicht, versetzte Besserer; jetzt lachen die Engel im Himmel, daß man also hinausträgt. Bundesakten Fasc. 99 a. Nro. 11. Diese Reden alle fielen nämlich bei und vor dem deutschen Hause vor; schon trug man lärmend und emsig aus diesem hinaus. Die Hintersassen des Deutschordens waren am freudigsten daran. »Commenthur,« hörte man rufen, »wir haben lange Zeit herein geführt; wir wollen nun auch eine Weile hinaus führen.« Der Rath schickte etliche Rathsherren mit einer Wache hin, »darauf zu achten, daß kein Schaden, Zank, Hader und Feuer entstehe, auch der Unfug sich nicht weiter erstrecke.« Die Wache ließ Jeden in das deutsche Haus hinein, aber keinen ohne Paß wieder heraus. Das, daß es nicht zerstört werde, hatte der Rath von den Hauptleuten erhalten. Albrecht Eisenhut leitete als oberster Beutemeister die Plünderung des für gute Prise erklärten Hauses und Hofes; unter ihm standen mehrere Beutemeister, Leonhard Weldner von Heilbronn, Wendel Eberlin, Hans Kraus und Andere. Alle Briefe, Rechnungen und Schriften des Ordens wurden zerrissen, zerstreut und in den Bach geworfen. Die deutschherrischen Bauern erwarben sich das Zeugniß, daß sie im Stehlen sonderlichen Fleiß gethan haben. Weiber, Kinder liefen, trugen, schleppten durcheinander Wein, Haber, Linnen, Silbergeschirr, Hausrath aller Art. Jäcklein hatte im Hofe einen Markt aufgeschlagen, und in der Stadt bekannt machen lassen, daß alle Beute verkauft werde. Da saß er und verkaufte Wein, Früchte, alle tragbare Habe; man sah Bürger der Stadt auf dem Fruchtkasten der Commende, welche Korn und Haber mit dem Stadtmaß maßen; Bürger und Bürgerinnen, Alt und Jung trugen und führten das wohlfeil Erkaufte fröhlich heim, und Jäcklein zog das Geld dafür ein. Leonhard Weldner aber und Andere trugen Vieles zu einer Hinterthüre hinweg in ihr Haus. Weiber 30trugen Levitenröcke und Chorhemden; die letztern zerschnitten sie sich zu Schürzen. Bundesakten-Inventarium

Als dieses Geschäft beendet war, wurde im Hause lustig gegessen und getrunken. Diejenigen Ordensherren, welche mit dem Commenthur nicht entflohen und noch im Hause waren, mußten neben der Tafel stehend, die Hüte in der Hand, den schmausenden Bauern zusehen. Ein Bauer schrie einen der ihm zunächst stehenden Deutschherren an: »Heut, Junkerlein, sein wir Deutschmeister,« und schlug ihm dabei so derb auf den Bauch, daß er jählings zurück stürzte. Nach dem Schmauß wurde das dem Beutemeister übergebene Geld getheilt. Die Hintersassen des Deutschordens forderten für sich das Meiste. »Wir Deutschmeisterischen,« sagten sie, »haben den mehren Theil hereingeführt, darum sollte man auch, was im Hof ist, Niemand billiger als uns geben.« Sie hatten auch an Baarschaft schöne Summen im deutschen Hause gefunden; erst ein paar Tage zuvor war für den Commenthur von Winnenthal eine Truhe mit 4000 Gulden, von Heinrich Sturmfeder eine Summe von 200 Gulden u. s. w. im deutschen Haus hinterlegt worden. Der Orden schätzte seinen Schaden auf 20,700 Gulden. Darum fielen auch hübsche Parte bei der Theilung für die Hauptleute, wie die Einzelnen, ab. Georg Metzler erhielt 1300 Gulden, ein Heilbronner Bürger trug auf seinem Rücken 1400 Gulden in sein Haus, in der Eichgasse, und theilte sie daselbst mit vier Andern.

In Joß Deumlins Haus theilten dieser, zwei Bürger und der »Conventsschreiber« 130 Gulden und einen »Goldsknollen.« Jäcklein Rohrbach hinterlegte allein im Hause der Wittwe Teschner 71 Goldgulden, eine Rolle Doppeldukaten, Carneole in Gold gefaßt, große silberne Becher, silberne Siegel und andere Kleinodien. Bundesakten Fasc. 99 a. Nro. 5. a. b. c. Fasc. 99 b. Nro. 14. Einer sagte später aus: »Es sei ein Männlein, heiße Reinhardlin von Oehringen, sei ein Amissat (Ambasciat, Ambassadeur) gewesen, des obersten Hauptmanns Rathgeber; das habe viel Guts aus dem deutschen Hof gebracht, und ein Haus gekauft. Es konnt' wohl schwätzen und schreiben. Das Doktorlein führte Büchse und Wehr und hat sehr gefochten.« Bundesakten Fasc. 99 b. Nr. 31. Er hieß Reinhard Leubinger.

31

Die Bauernweiber liefert ganz übermüthig in der Stadt herum. Sie wollen nun auch eine Weile, sagten sie, in der Stadt hausiren; und die Herren sollen auf die Dörfer ziehen; und auch manche Bauern ließen sich von der Siegestrunkenheit hinreißen. Man hörte sie drohen, daß sie die Nonnen zu St. Clara aus dem Kloster jagen wollen. Mit ihnen liefen Heilbronner Bürger in den Häusern der Pfaffen herum und übten Gewalt. Einer der Letztern erbot sich zu Recht. »Der Rath hat keine Gewalt mehr,« sagte der Bürger Jörg Klein. Die geängstigten Schwestern zu St. Clara flehten den Rath um Hülfe, sie seien ja größtentheils der Stadt Kinder; der Rath rieth ihnen, weltliche Kleider anzuthun, und, wenn sie wollten, auch zu einem Freunde zu gehen, dann wolle er sie schützen. Der ganzen letzten Darstellung liegen namentlich die Fascikel 98 und 99 A. und B. der Bundesakten zu Grund, wovon jener die Akten des Heilbronner Hauptmanns Hans Flux, dieser die Verhöre und Aussagen der Zeugen enthalten.

Daß es der Stadt Heilbronn bei den Bauern so gut ging, daß bei ihrer Siegestrunkenheit, die sie von Weinsberg her mitbrachten, der Stadt selbst nicht das geringste Leid geschah, hatte seine besondern Ursachen. Selbst den sehr verhaßten Rathsherren geschah weder von Bürgern, noch von Bauern eine Unbill, außer in Worten; der Aerger der Rathsherren freilich war manchmal so stark, daß nach Christ Scheerers Ausdruck einem aus dem Rathhaus das Grüne und Gelbe herausrann.

Fürs Erste wirkten viel für die Stadt die Unterhandlungen der Oppositionspartei, die durch den heimlichen Ausschuß der Fünf persönlich geführt wurden, von denen jeder seit langem in die geheimen Plane eingeweiht, oder sogar der Urheberschaft theilhaftig war. Jeder dieser Männer blieb auch als Bauernfreund immer noch Heilbronner Bürger, Freund seiner Stadt, die er nicht verderbt wissen wollte. Dagegen hatte von dieser Partei dem Rath, den Herren darin, noch immer Gefahr genug gedroht. Sie stiegen auch im Gefühle dessen bis zu Bitten, zu demüthigen Bitten an einen aus dieser Partei herab, und das war die zweite und Hauptursache, warum sie gerettet wurden.

Jener Hans Müller, genannt Flux, hatte die Häupter des 32hellen Haufens zu seinen nächsten Verwandten. Ein Bruder von ihm saß im Rathe der Bauern, und der Schultheiß des Heeres, Hans Reyter, von Bieringen, war sein Schwager. Auch mit dem obersten Hauptmann war er verwandt.

Flur gehörte zu den Köpfen, die mit Wärme die neuen Ideen ergriffen hatten; er wurde von ihnen hingerissen, sobald sie als Revolution auftraten; und doch gehörte er der letztern erst an, als das große Bauernheer schon auf wenige Stunden sich Heilbronn genähert hatte. Da ritt er hinaus nach Oehringen, und weiter nach Lichtenstern, am Gründonnerstag; da fand er seinen Bruder und Schwager in hoher Geltung im Bauernrath sitzen; da wurde er mit ihren Anschlägen bekannt, mit ihren kühnen, weit aussehenden Entwürfen; man ehrte ihn, man zog ihn selbst herein, den reichen und angesehenen Heilbronner Bürger, und der gutmüthige Mann war enthusiasmirt, war gewonnen. Die ihm angethane Ehre und die hohe Stellung seiner Verwandten unter den Bauern verwandelten ihn so sehr, daß er ganz bäurisch gesinnt von Lichtenstern zurück in Heilbronn einritt und sich vernehmen ließ, wie seine Verwandten die Obersten im evangelischen Heere seien; wie sie ziehen wollen, so weit die Welt sei; wie sie bald den Bundschuh (das eigentliche Zeichen der Volksrevolution) aufwerfen werden; und wie ihm sein Bruder und Schwager Alles gesagt haben. Doch blieb er bei seinem bäurischen Enthusiasmus noch immer guter Heilbronner Bürger, der den Schaden anderer Bürger und Herren nicht gerne sah.

Auch nach Neckarsulm hinaus ritt er zu ihnen, hörte hier Jäckleins und seiner Gesellen blutige Drohungen, hörte und sah die Aufregung des ganzen Haufens über die mitten im Stillstand und in den Unterhandlungen durch Helfenstein geschehene Niedermetzlung der Ihrigen, ritt herein, im Gefühle seiner Wichtigkeit und dessen, was er gehört hatte, und zeigte es mehreren Rathsgliedern an, um den Adel und die Bürgerschaft zu Weinsberg zu warnen. Hans Flux war es, von dem die früher berührte Warnung an den Grafen von Helfenstein ausging. Die des Raths, denen er die Warnung mittheilte, hielten es »für ein närrisch Gedicht,« und nahmen es ihm übel auf, als einem, der sich wichtig machen wolle; sie lachten über ihn. Er zeigte es einem Dritten, Vierten und Fünften an, endlich selbst 33Conrad Schreiber und seinem Schwäher, dem Bürgermeister, als sie gerade aufs Rathhaus gingen. Die brachten es in den gesammten Rath. Man nahm es leicht, man machte nichts daraus, man kannte den guten Mann; man glaubte, ihm sei Wind vorgemacht, oder er wolle, wie oft, Wind machen; man verachtete die Bauern eigentlich noch so sehr, als der Helfensteiner selbst; sagte doch eben dieser Bürgermeister noch am selben Tage, wollten die Bauern nach Heilbronn kommen, müßten sie als Kraniche über die Mauern fliegen.

Am Abend noch fragte Flux einen des Raths, ob sie die Weinsberger gewarnt haben. Lieber, sagte dieser, schweig; was fragst du darnach? Auch wegen Heilbronn selbst hatte er sich gegen einen der Bürgermeister herausgelassen, er meine, die Bauern wollen hereinkommen: »Habt ihr,« hatte er sich hören lassen, »habt ihr etwas mit den Bauern zu sprechen, bittet mich, ich weiß euch zu helfen, es steht bei mir, ich kann es wenden.« Der Bürgermeister hatte nichts darauf gesagt. Daß man ihn so gar nicht beachtete, das verdroß den gutmüthigen, aber eiteln und ehrgeizigen Mann. Die Herren von Heilbronn, sagte er, wollen nicht an mich setzen; ziehen doch mein Bruder und mein Schwager, wohin ich will. Er ging nach Hause, in seine viel besuchte Wirthschaft; es fraß ihm ans Herz; da hörte man ihn wohl im Unmuth sagen, hinter seinem silbernen Becher besten Neckarweins: »Ich habe sie bei Lichtenstern gesehen, wie sie da zerrissen und zerbrochen haben Alles, das darinnen war; also muß man mit ihnen umgehen, mit den liederlichen Nonnen und Mönchen; und mit den Schmeerschneidern, welche Nonnen und Mönchen beistehen, muß man auch also scharmüzeln.« Und am andern Tage hatte er die Kränkung noch nicht verschmerzt. Es ward furchtbare Wahrheit, sein Wort, fürchterlicher, als er es vorausgesagt hatte.

Am Ostertag selbst glühten die Essen, hämmerten die Waffenschmiede zu Heilbronn in ihren Werkstätten; es galt, Spießeisen zu fertigen, auf des Raths Befehl, zu Vertheidigung der Stadt. Hans Flux trat vor Martin Nagels Schmiede. Schwager, sagte er, wie gefällt's dir? Der Dietrich von Weiler legt keinen Bauern mehr in den Thurm, und der Graf von Weinsberg ist durch die Spieße gejagt; ich wollt' es gestern denen von Weinsberg wohl gesagt haben, 34daß es ihnen heut also gehen werde. Ich wollt' es denen von Löwenstein auch sagen, wie's ihnen gehen wird. Mit Heilbronn will ich's bleiben lassen. Ich wollt' in einer Stunde gehen, dahin, da der Bundschuh ist.

Als das Geschrei entstand, die Bürgerschaft solle die geistlichen Höfe selbst an sich nehmen, war er voran dabei. Fröhlich, meine lieben Bürger, fröhlich! rief er; wir wollen den deutschen Hof einnehmen und ich will mit meiner Axt die Thüre gegen meinem Haus über aufhauen, wir wollen eine Trinkstube darin machen, und eine durchgehende Gasse, und mit dem Rath wollen wir recht umgehen.

Am Ostertag Nachts, da die Wache an ihm war, und man ihn aufweckte, sagte er: »Es darf mein nicht; ich wollt' es einem wohl gestern gesagt haben; es sind gute Freunde. Ich will auch nicht auf die Mauer; wenn ich aber darauf muß, will ich mein Kreuzmesser hinausrecken, und sie daran herein ziehen.« So ging er schlafend und wachend nur mit dem Einen um. Nachts doch auf die Mauer beschieden, blieb er nicht oben darauf, sondern setzte sich herab auf die Staffel. Das, sagte er, das jetzt vor Augen ist, das mögt ihr Herren nicht wohl leiden. Lieber, sagte der Rathsherr, ihr wißt, was ihr gelobt und geschworen habt. Ich hab' euch geredet, antwortete Flux, das ihr nicht wohl leiden möget; Einen Herrn habe ich; und mit dem Rath wird es anders gehen, Rent' und Gült wird ihm abgehen.

Am Ostermontag, als auf Georg Metzlers Anforderung der Rath alle Bäcker der Stadt Brod backen und den Bauern zuführen ließ, fuhr auch Flux mit Brod hinaus, entsetzte sich aber über den todten Körpern der erschlagenen Ritter und Knechte, die noch am Weg Heilbronn zu lagen, so sehr, daß er, wie er sagte, aus einem Karten voll Brodes nur einen Oehringer Gulden in der Eile löste.

Als nun, so erzählt der Rath selbst, die Herren in der Stadt am Osterdienstag Morgen in großer Sorgfältigkeit bei einander versammelt waren, von den Aufforderungen der Bauerschaft und ihrem Anzuge bedrängt; als sie sich unvermögend sahen, den Sorgen und der Last Widerstand zu thun; da schickten sie zu Abwendung und Rettung nach Hans Flux. Flux stand auf dem Markte bei andern Bürgern, da sah er die Herren des Raths eilends vom Rathhaus 35herablaufen, und einer derselben, Thomas Reyel, trat zu ihm. Hans Müller, sprach der Rathsherr, du sollst eilends zu den Bürgermeistern aufs Rathhaus kommen. Flux fand droben die beiden Bürgermeister, Doktor Hans Baldermann und Hans Keller, bei einander stehen, in großem Schrecken. Hans Müller, sprach der erste Bürgermeister, die Bauerschaft zieht mit ganzer Macht auf Heilbronn zu; nun vernehmen wir, daß die Obersten des Haufens deiner Art und dir befreundet sind; so bitten wir dich, lauf hinaus ihnen entgegen, und erkundigte dich, was sie gegen unsere Stadt Willens sind. So erfreut Hans Flux war, daß seine Stunde gekommen, so that er doch, als widere es ihn, als fürchte er sich so sehr vor den Bauern, als einer der Herren. Da sprach Doktor Baldermann: Lieber, wir bitten dich um Gotteswillen, thu' uns Allen, einer gemeinen Stadt, so viel zu gut; du sollst dessen immer genießen; sei gehorsam und kehre allen Fleiß an, den Haufen zu wenden und von uns weg zu thätigen. Als Flux sich noch immer besann, nicht ganz ohne Anhauch der Ahnung, daß die mißliche Sendung für ihn auf irgend eine Art bedenklich werden könnte, sprach Hans Keller, des Bäckers nachgesessener Nachbar: Lieber Nachbar, ich bitte euch, thut's. Hilft es schon nicht, so schadet es doch nicht. Auf das willigte Hans Flux in ihr Begehren, er ging stracks vom Rathhaus ab zum Thor, Hans Berlin selbst ließ ihn aus. Als er auf die Ebene kam, zog die Bauerschaft schon daher, das Geschütz voraus, der ganze Haufen hernach auf Heilbronn zu. Mit Mühe kam Flux, des Raths Botschafter und Bevollmächtigten hindurch zu den Hauptleuten. Die erste Antwort war drohend, der ganze Haufe war durch des Raths Benehmen gereizt. Flux, der Bäcker, geschmeichelt, daß der Rath sein bedurfte, wollte nicht unverrichteter Dinge, und ohne seinen gerühmten Einfluß zu bewähren, zurück gehen. Er suchte alle Kundleute und Gefreundte im Bauernheer auf, bat sie mannigfaltig, theils selbst, theils durch seinen Schwager und Bruder, zu machen, daß der Haufe stille stehe, und er erhielt zuletzt die Antwort, könnte er ihnen Fried und Geleit zu dem Rath und wieder aus der Stadt zusagen, so wollten sie wohl zu dem Rath hinein der Obersten etliche schicken, und mit dem Haufen derweil stille stehen. Flux sagte es ihnen zu. Er kam mit 36vier Hauptleuten der Bauern zum Thore, und sagte zu Hans Berlin, dem die Hut des Thores befohlen war, er solle sonst Niemand einlassen. Es war Abend. Auf dem Rathhaus ließ er die Vier aus der Bauerschaft vor der Rathsstube stehen, und ging hinein. Ehrsame, weise, günstige, liebe Herren, sprach Flux, wie ihr mich gebeten habt, bring' ich die vier Obersten; denen hab' ich von wegen eurer Weisheit Geleit herein und wieder hinaus zugesagt. Nun redet selbst eure Nothdurft mit ihnen, denn ich weiß in meinem Verstand nicht mit ihnen zu handeln, will auch, wie es sich begeht, keine Schuld daran haben; auch soll man nicht sagen, daß ich allein mit ihnen gehandelt habe.

Wie mancher von der Opposition in der Stadt wäre gar zu gerne über den Rath gekommen, und hätte die Herren seine durch die Bauern verstarkte Oberhand fühlen lassen! Aber die eigene Mäßigung der Hauptleute, die durch die Weinsberger Vorfälle zur Besonnenheit gekommen waren, der Eifer Hans Müllers, womit er seinen Einfluß bei den Hauptleuten zu Gunsten des Raths geltend machte, überwogen die Anreizungen der Oppositionsmänner. Der Rath erhielt durch Flux die früher erzählten günstigen Bedingungen. Die Herren waren ihm viel Dank schuldig, so sauer er dieses auch ihrem Stolze machte; denn er ließ sie seine Wichtigkeit sehr fühlen. Er hatte zu Weinsberg draußen gleich eines der eroberten schönen Pferde unter sich genommen und war so mit den Obersten herein geritten. Er stellte sich, sagte ein Rathsherr, also gewaltiglich mit Reiten, Reden und allen Gebärden, als ob der Haufen ihm zugehörig wäre, und der Handel allein bei ihm stände. Hans Müller, sprach zu ihm Jörg Tenner, der Rathsherr, wo wollen wir den Haufen liegen lassen? Laßt ihn draußen vor dem Thore liegen, entschied Flux, so bringt es der Stadt desto weniger Nachtheil. So ward durch ihn auch die Stadt von dem Haufen befreit. Am Donnerstag kam der Rath in neue Verlegenheit. Die Geistlichen waren gestraft, Rath und Gemeinde hatten auf die zugesagten Bedingungen auf offenem Markt »an die Hülf und Ordnung der Bauern auf die zwölf Artikel gehuldigt«: Hans Müller führt dieses in einer Reihe von Bittschriften um Wiedereinlaß in die Stadt, die er an den Rath einschickte, als eine allbekannte Thatsache an. da zeigte sich, daß Hans Reyter, des 37Heeres Schultheiß, einen Punkt zugesagt hatte, den der Haufe nicht anerkennen wollte, den nämlich, daß Heilbronn davon frei sein sollte, ein eigenes Fähnlein zu stellen. Der Haufen bestand auf 500 Mann und einem eigenen Fähnlein mit dem Wappen der Stadt, und Hans Reyter erlangte nicht mehr, als daß sie die Zahl auf 200 ermäßigten. Diese Forderung mußte er an den Rath stellen. Die Rathsherren schickten abermals nach Hans Flux. Lieber, sprach der Bürgermeister, du hast gesagt, dem Schwager sei ein Biedermann. Nun will er uns nicht halten, wie abgeredet ist, und will ein Fähnlein von uns haben. Weise, günstige Herren, sprach Flux, ihr wißt, daß ich zuvor gesagt habe, ich wolle weiter ohne Schuld dabei sein. So euch aber mein Schwager das Zugesagte nicht hält, so sage ich, er sei nicht so gut, als ich. Lieber Hans Müller, redete Stefan Weißgerber, einer des Raths, thu' vollends das Beste, ob wir solchen Anmuthens möchten vertragen sein; sieh', wie du es auf anderem Wege hinausbringen möchtest. Flux sah selbst das Mißliche ein, worein der Rath bei seiner Stellung zum Bunde und die gute Stadt Heilbronn durch Abgabe eines Stadtfähnleins gerathen könnte; er fügte sich zu seinem Schwager und bat ihn aufs Fleißigste, diese Forderung der Stadt zu erlassen. Hans Reyter ging auch so weit darauf ein, daß er es zufrieden sein wolle, wenn der Rath ihm diejenigen alle folgen lasse, die von freien Stücken mitziehen wollen. Darauf müsse er bestehen, damit er auch den Haufen begnüge. Die Rathsherren willigten darein, und es wurde der Gemeinde verkündet, welcher freien Willens mit den Bauern ziehen wolle, der möge es thun, und möge auch wieder herein ziehen, wann er wolle, es solle ihm nicht schaden an Bürgerrecht, Ehr oder Gut. Der Rath hoffte, dem schwäbischen Bunde gegenüber sich dadurch sicher zu stellen, daß er jeden Befehl zum Mitzug verweigerte und nur geschehen ließ, was er nicht hindern konnte; auch tröstete er sich, es werde die Stadt dadurch von manchem aufrührerischen Kopf erledigt werden, und Niemand weiter hinaus ziehen, als die, welche schon zuvor im Bauernheer wären. Gerade aber diese drangen im Haufen darauf, daß noch ein besonderes Fähnlein aufgerichtet werden müsse. Als Hans Reyter, der Schultheiß, aus der Stadt zum Haufen hinauskam und ihnen vortrug, was er mit den Herren von Heilbronn gehandelt und wie er von ihnen 38Abschied genommen habe, in der Meinung, durch diesen Vorhalt dem Heer zu genügen und es von der Stadt hinweg zu bringen: da widerstand ihm der ganze Haufe; man hörte Stimmen daraus, er habe es mit der Stadt, Stimmen, die ihn zu erstechen drohten. Um den Haufen zu stillen, ließ er selbst ein Fähnlein auf seine Kosten machen, daran jedoch weder die Farbe noch das Wappen derer von Heilbronn war; es war ein weißes, seidenes Fähnlein, und er bat seinen Schwager, Hans Flux, es einen Tag oder zwei zu tragen; darnach wolle er es wohl mit einem Andern versehen.

Hans Flux sah, daß der Haufe ohne ein Heilbronner Fähnlein nicht wegzubringen war, daß jedes fernere Zögern verderblich werden könnte; dem Rathe und der Stadt zu Gute trat er mit dem Fähnlein unter das Thor und rief die Bürger unter dasselbe mit den Worten: ihr lieben christlichen Brüder, zieht unter dies Fähnlein, damit man das Evangelium beschirmen will. Allen soll gleiche Beute, Frucht, Wein und Sold werden; den Armen wird man wie den Reichen halten. Er erbot sich, jedem einen Gulden Sold auf die Hand zu geben. Ein anderer Bürger, Caspar Heller, der, so oft man auch früher durch die Sturmglocke die Bürger auf die Wehren gegen die Bauern geboten, nie aus seinem Hause gegangen war, gab jetzt aus seinem Beutel Geld her, um Knechte von Neckargartach zu dem Fähnlein des Flux für das Bauernheer zu besolden.

So bildete sich das Fähnlein Hans Müllers; es wurde »das freie Fähnlein« genannt; die Bauern gaben ihm aber doch vielfach den Namen des Heilbronner Fähnleins.

Dieses Fähnlein, wie es unter dem Neckarsulmerthor aufgeworfen flatterte, stach hie und da einem Heilbronner bös in die Augen. »Wenn die von Heilbronn,« sagte der alte Wendel Tuchscheerer, »nicht Dreien den Kopf abhauen, haben sie Unrecht.« Das wäre freilich fluxe Kur, meinte des alten Bernhards Hausfrau. Ja, sagte der junge Wendel Tuchscheerer, der Schalk, der Bösewicht, der Flux, hat uns eine böse Sache gemacht; wirft ein eigen Fähnlein auf, hat zwei Schlangen hinter sich geworfen und will für sein Fähnlein Harnische; wenn die Herren nicht Zweien oder Dreien die Köpf abschlagen, dem Flux, dem Simon Herzog, dem Flammenbäcker, so bringen sie uns in Noth und Angst. Der Rath aber wußte, daß das jetzt nicht 39thunlich wäre. Doch wollte er nochmals zweideutig auch seine letzte Verwilligung durch eine Ausflucht vereiteln: er that nichts, um das freie Fähnlein Müllers mit Waffen zu versehen. Voll Zorn kam Hans Reyter von Bieringen in die Stadt herein. Was? rief er, sind das die zugesagten Leute, Leut' ohne Wehr und Waffen? Der Rath eilte, seinen Drohungen durch einen Wagen voll Spieße, Harnische und Wehren zu entkommen. Auch Pulver und Geschütz und andere Wagen mußte der Rath einem der Vertragspunkte gemäß den Bauern folgen lassen. Bundesakten Fasc. 98. Nro. 1-34. Fasc. 99 a und b. Der Fasc. 98. enthält alle Original-Urkunden und Schriften, welche in dieser Sache von dem Rath wie von Seiten Hans Müllers später vor dem schwäbischen Bunde und den Reichstagen gewechselt wurden.

Der ehrbare Rath verläugnete nach allen Seiten hin seinen Eintritt in den Bauernbund. Er behauptete selbst dem nahen Wimpfen gegenüber, er habe nur zu den Bauern treten lassen, wer da selbst wollte; an den schwäbischen Bund schickte er Entschuldigungsschreiben wegen des Ueberzugs der Bauerschaft; aber gegen Gmünd, das theilnehmend anfragte, wie es Heilbronn gehe, gestand er seinen Schmerz. Leider, antwortete er unterm 25. April, haben die Sachen um uns und unsere Nachbarn eine sehr üble Gestalt. Welchermaßen sie gegen uns, die wir bisher an den achten Tag von den Bauern belagert waren, gehandelt haben, und welchermaßen sie abgeschieden sind, das möchte nicht wohl leiden, daß man es über Feld schreibt. Es erheischt die Nothdurft, Gott zu bitten, daß seine göttliche Gnade es zum Besten wenden wolle. Bundesakten Fasc. 92. Nro. 15, 16, 17, 29.


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