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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 27
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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Sechstes Buch.

Erstes Kapitel.

Der Vertrag von Weingarten.

385Der Truchseß hatte die Oberschwaben abermals überlistet. Des andern Tages nach dem Gefecht von Wurzach traf der Truchseß über Gaisbeuren hinaus auf 15,000 Bauern; es waren Florians und der Seehaufen. Dieser wird auf 10,000 Mann angegeben. Florian hatte also zudem, daß ein Theil sich verlief, noch 5000 Mann auf dem Rückzug beisammen behalten. Es war Nachts, am Gründonnerstag, da gerade noch Eitel Hans Ziegelmüller, der oberste Hauptmann des Seehaufens, im Kloster Salem mit seinen Räthen rathschlagte, als Botschaft kam, daß der Truchseß mit Macht daher ziehe. Alle saßen gleich zu Pferde, ritten dieselbe Nacht nach Bermatingen ins Hauptquartier und schickten in alle Dörfer aus, Sturm zu schlagen. Von 2 Uhr an in der Frühe des Charfreitagmorgens fingen die Glocken im ganzen Thal an Sturm zu läuten, eine Glocke weckte die andere auf bis an den Bodensee, und desselben Tages sammelten sich die Aufgebote mit gewehrter Hand zu Bermatingen, an die 10,000 Mann, und zogen fort mit Trommeln und Pfeifen und den Geschützen von Märsburg und Markdorf auf Weingarten, von da vor den Wald hinter Baindt auf Gaisbeuren zu, wo sie mit dem Truchseß zusammenstießen und mit Florians Unterallgäuern. Die Bauern zogen dem Truchseß entgegen.

Er warf schnell sein Geschütz hinter Gaisbeuren, stellte hinter das Dorf den verlorenen Haufen und stieß den reisigen Zeug in das Gehölz daneben. Vor sich hatten die Bauern, die an einer Anhöhe hielten, ein Ried, der Reiterei unzugänglich. Um 3 Uhr Mittags fing man an, von beiden Seiten zusammen zu schießen. Der Bauern Geschütz war so gut gestellt, daß sie die Bündischen wohl treffen mochten; die 386Bündischen aber hatten keinen rechten Ort zu ihrem Geschütz. Die Bauern gruben sich ein, und ihr verlorener Haufen nahm das Dorf Gaisbeuren, und setzte sich darin. Als es schon sehr dunkelte, rief ein bündischer Fußknecht, der es mit den Bauern hielt: »Fliehet, fliehet, liebe Herren und fromme Landsknechte!« Aber er wurde im Nu niedergestochen. Er wollte das bündische Fußvolk in Verwirrung und Flucht bringen; die Bauern wollten dann, wenn das Fußvolk flöhe, den Reitern das Geschütz abdringen. Eitel Hans schlug in dem Dorf und dabei sein Lager; und der Truchseß zog sich bis zum Hochgericht, vor Waldsee haußen, zurück. Graf Wilhelm von Fürstenberg gewann drei Knechte durch zehn Gulden, daß sie sich, als es stockfinstere Nacht war, ins Lager der Bauern schlichen und das Dorf anbrannten. Die Bündischen fürchteten noch immer einen nächtlichen Ueberfall durch die Bauern; Kundschafter hatten jenen Anschlag derselben verrathen. Aus dem brennenden Dorfe zogen sich die Bauern, die sich jetzt verrathen glaubten, und ihrerseits einen Ueberfall fürchteten; und sie fädelten sich durch den Altdorfer Wald in der Nacht, während die Häuser, noch hell brennend, ihnen leuchteten. Die Bündischen hielten bis zum hellen Tag in der Ordnung, und etliche aufgegriffene Bauern sagten aus, die beiden Haufen seien theils nach Weingarten, theils über die Schussen gegangen. Der Truchseß lag am Ostertag still, weil die Pferde müde waren. Es liefen böse Zeitungen ein, wie sich allwärts im deutschen Lande die Bauern erheben. Graf Haug von Montfort, Ritter Wolf Gremlich von Hasenweiler und zwei Rathsherren von Ravensburg brachten sie in's bündische Lager und erboten sich, mit den Bauern gütlich zu handeln. Herr Georg wußte durch seine Kundschafter, daß eine Verstärkung von 8000 Mann aus dem Oberallgau schon bei Leutkirch lagerte, von 4000 aus dem Hegau unterwegs war, Eitel Hans zuzuziehen; die Ueberlegenheit des Seehaufens allein schon hatte er Tags zuvor erfahren; Botschafter des schwäbischen Bundes riefen ihn schleunig nach Württemberg. Er beauftragte die, welche sich anerboten, den Bauern eine gütliche Mittlung anzutragen: Wenn sie Wehr und Harnisch abliefern und ihre Fähnlein übergeben, so wolle er diesseits des Waldes bleiben, und nichts Feindliches vornehmen, sondern verspreche, daß jede ihrer Beschwerden durch von beiden 387Seiten zu wählende Schiedsgerichte erledigt werden und alles Vorgefallene in Vergessenheit sein solle. Indessen hatte Eitel Hans von Weingarten aus am Osterabend überall hingeschickt, daß Alles, was Stangen und Spieß tragen möge, zuziehe. Sie kamen, es kam auch Dietrich Hurlewagen, der Hauptmann des Raitenauer oder Tettnanger Haufens, mit all den Seinen. Am Ostermontag zog Herr Georg daher. Bei Kloster Baindt begegneten ihm Graf Haug und Wolf Gremlich mit den Andern, und zeigten ihm an, die Bauern wollen die Vermittlung annehmen, aber Harnisch und Wehr sammt den Fähnlein auszuliefern, gedenken sie nicht. Damit wollte sich Herr Georg nicht begnügen; er sandte sie nochmals in der Bauern Lager, deren Räthe zu Baierfurt auf Antwort warteten. Der Vermittler Antrag, daß die Feindseligkeiten bis zu ihrer Rückkunft eingestellt werden, nahm Herr Georg gerne an, »wenn auch die Bauern da bleiben, wo sie seien.« Durch diese listigen Worte glaubte der Feldherr die Einfalt der Bauern zu fangen, die bei Weingarten und Berg gelagert waren. Wie er auf die Höhe ob Baierfurt rückte, in der Meinung, ihnen den Vortheil abzugewinnen und den Flecken Weingarten einzunehmen, kamen ihm die Bauern zuvor. Die bei Berg erhoben sich, ehe er das Kriegsvolk und das Geschütz zu Baierfurt durch und über die Aach bringen konnte, und rückten über die Schussen durch das Blachfeld auf Weingarten. Als die Bauern sahen, wie der Truchseß seinerseits ihnen nur das Terrain ablisten wollte, hatte Eitel Hans sogleich Befehl gegeben, alle vortheilhaften Punkte zu besetzen, das Geschütz auf den St. Blasienberg hinter dem Kloster, den verlorenen Haufen in einem Weingarten, das übrige Heer in vier Haufen gestellt, so daß ein Graben sie gegen die Reiterei deckte. Es verdroß den Truchseß, daß ihm die Bauern zuvorgekommen waren. Er rief zweien Hauptleuten derselben zu, sie haben zugesagt, zu bleiben, wo sie seien, und es gebrochen. Jetzt wolle er auch nichts mehr von einer Vermittlung wissen; sie halten keinen Glauben. Es ist, als ob die Bauernhauptleute nun auch ihrerseits den Truchseß durch List hinhalten wollten. Der Eine that, als wär' es ihm leid, daß seine Brüder auf die Höhe gezogen wären, er wolle sogleich hingehen, und sie wieder in ihre vorige Stellung zurückführen; der Andere, Dietrich Hurlewagen, ließ sich vor dem erzürnten Feldherrn aufs Knie nieder, 388und bat ihn mit aufgehobenen Händen, einstweilen nicht weiter vorzurücken, bis er seine Brüder dahin bringe, daß sie wieder vom Berge zögen. Gehen sie nicht gutwillig herab, so will ich sie schon herab bringen, sagte der Truchseß kurz. Er rückte mit seiner Reiterei vor, und die Bauern blieben in ihrer Stellung und hatten sich inzwischen nur fester gesetzt.

Herr Georg sah recht gut, daß sie da herab nicht zu bringen waren, es wäre denn, daß er vierzehn Tage vor dem Berge läge und sie aushungerte. 32 fliegende Fähnlein der Bauern konnte man zählen, und die Einen schätzten auf 12,000, die Andern wohl auf 17,000, wie es auch die Wahrheit war, ihre Zahl. Es wehte den sonst so übermüthig kalten Feldherrn hier etwas bänglich an. Auf so vielen Seiten im deutschen Lande sollte der Krieg geführt werden, und hier stand er, und hatte nicht einmal die Mittel, ihn nur auf dieser Einen Seite mit einer gewissen Hoffnung des Siegs auszufechten. Und wurde er geschlagen, so hatte der schwäbische Bund kein zweites Heer mehr ins Feld zu stellen, Alles fiel ab und zusammen, Landsknecht und Bauer und Städte, und für die Aristokratie war Alles verloren. Frowen Hutten und die Reiterei wollten den Theil der Bauern, der in der Ebene von Weingarten hielt, angreifen. Der Truchseß aber hatte verkundschaftet, daß gerade hier gute Kriegsleute stehen; er fürchtete, es möchte aus diesem Angriff »eine merkliche Gefährlichkeit, Schimpf und Spott erwachsen,« und ließ es nicht zu. Darüber wurden die Reisigen unlustig und meinten, »Herr Georg wolle seine Landsleute nicht beißen.« Doch bald genug sahen sie ein, daß er den rechten Takt hatte; sie entdeckten, daß Eitel Hans hinter dem Graben, über den der Angriff geschehen mußte, gegen 4000 Schützen vom See und von den Bergen aufgestellt hatte. Herr Georg that noch immer, als ob er schlagen wollte; er besorgte wohl auch, von den Bauern dazu genöthigt zu werden. Er ordnete sein Heer zur Schlacht, den verlorenen Haufen neben das Geschütz, dahinter den Gewalthaufen und das Geschwader des Hauses Oesterreich sammt den Hessen hinter Zaun und Hecke; das pfalzgräfische Geschwader, das baierische und markgräfische, die Rennfahne und die Schützenfahne alle in ihrer Ordnung. Auch fing das Geschütz auf beiden Seiten zu spielen an. Es sank erschossen ein Fähndrich 389der Bauern mit einem weißen Fähnlein, das er trug. Es sanken, von den Bauern getroffen, der Waffenschmid des Deutschcommenthurs und mehrere Pferde. Herr Georg dachte jedoch nur daran, den Frieden, so schnell es nur sein könnte, zu Stande zu bringen, eh' auch noch die Hegäuer heran kämen, und die Oberallgäuer ihn im Rücken faßten. So hart es ihn ankam, den Bauern, in denen er eidbrüchige Aufrührer verachtete, Friedensanträge zu machen, er schickte seinen Trompeter an ihren obersten Hauptmann Eitel Hans, und ließ ihn bitten, das Schießen einzustellen, und zu ihm herüber zu reiten, er wolle gütliche Sprach mit ihm halten. Eitel Hans ritt ganz allein herab in's Feld zu Herrn Georg. Dem Letztern lag nur noch daran, den äußern Schein zu retten. Er stimmte seine Forderungen sehr herab und man verglich sich dahin, daß die Bauern einen Theil ihrer Fähnlein ihm ausliefern, die Geschütze in die Schlösser zurückstellen, Harnisch und Waffen behalten, aber durch Hauptleute und Fähndriche bei ihm Verzeihung angesucht werde. Eitel Hans ritt zurück, um es an den Haufen zu bringen. Die Vermittler kamen aber bald herab und berichteten, wie der Haufe nicht darauf eingehen wolle. Um denselben zu schnellerer Beistimmung zu bewegen, sprach er, während Wolf Gremlich, Graf Haug und die Ravensburger neben ihm standen, wie verloren in Nachdenken und wie im Selbstgespräch: Weingarten, Weingarten, kann ich heut Nacht nicht ruhig in dir schlafen, so sollen's die Bauern auch nicht, und du mußt heut noch ein Kohlenhaufen werden. Herr, sprach Ritter Wolf erschrocken, ist das euer Ernst? Ja, versetzte der Truchseß, Weingarten muß heut Nacht ein Wachtfeuer geben zwischen beiden Lagern. Auf das machte sich Herr Wolf, der im Geist sein geliebtes Weingarten brennen sah, wieder zu den Bauern, bei denen die Friedenspartei und bestochene Führer schon überwogen, und gab durch die Drohung des Truchseß den Ausschlag. Es ward ein zweistündiger Stillstand bewilligt; Gremlich, Graf Haug, die Rathsherren von Ravensburg und Ueberlingen schrieben in Eile die Vertragspunkte auf und die Bauern nahmen sie an. Ihr Inhalt war, daß die Beschwerden jeder Gemeinde gegen ihre Herrschaft durch sechs unparteiische Städte schiedsrichterlich entschieden, und der Ausspruch des Schiedsgerichts von Unterthanen und Herrschaften gehalten, wer dawider thue, durch die Bundesstände 390dazu gezwungen werden solle; daß die Haufen, die hier versammelt seien, ihrer Verbrüderung mit den andern entsagen, alles Genommene zurückstellen, und daß alle vorgefallene Unbilden vergessen und vergeben seien. Fünf Schreiben des Truchseß an die Bundesstände, Bundesakten, Fasc. 88. Nr. 22. Schreiben des Erzherzogs an den Truchseß, Beil XVI. bei Walchner. Fähnlein von den 32 Hans Luz, des Truchseßen Herold, Handschrift. überlieferten Abends 6 Uhr die Fähndriche und senkten sie zu des Truchseß Füßen, dieser that in jedes einen Riß, und er und seine Hauptleute einer, und die Hauptleute und Räthe der Bauern andererseits unterzeichneten mit den Vermittlern die Vertragsurkunde; der Vertrag wurde am 17. April geschlossen, am 22. ausgewechselt. Außer den eben genannten sind Quellen für das Ganze: Seidler, Handschrift. Salmannsweiler Handschrift. Holzwart, Handschrift.

Er war ein bedeutungsvoller Tag für den ganzen Volkskrieg, der 17. April. Das Glück hatte den Truchseß und mit ihm die Bundesmacht den Bauern in die Hand gegeben; aber Glück und Sieg waren ihnen etwas Neues, darum verstanden sie beides nicht zu benützen, und so verließ sie das Glück und folgte dem Truchseß. Sie hatten noch nicht gelernt, daß große Herren selten so ganz ohne Absicht höflich sind, sonst hätten sie erkannt, daß, wenn der Truchseß bat und friedlich that, dahinter etwas Anderes stecke; es hätten seine Friedensanträge ihnen einiges Bedenken über seine mißliche Lage erregen, sie hätten ihn angreifen, vernichten müssen. Des Truchseß eigene spätere Schreiben gestehen unverholen die Gefahr, in der er sich damals befand, und das Glück warf jetzt den Bauern so fest die Binde um die Augen, daß es ihn und das Heer gleich daraus zum zweitenmal aus offenbarem Verderben rettete. Während Herr Georg eine kurze Zeit beim Vertragsabschluß abwesend war, glaubte er, die Seinen werden, wie er hinterließ, das Lager zwischen Ravensburg und Weingarten bei dem Burachhof schlagen, und die Hauptleute ob dem Volke halten, damit es keine Verrätherei gebe. Sie hatten's wohl versprochen. Als er spät Abends in's Lager zurücksprengte, fand er nirgends Ordnung, Alles durch einander; und so eben hatte er Botschaft erhalten, daß die Oberallgäuer schon zu Schlirs, nur eine Stunde weit weg, angekommen waren; die Hegäuer konnten 391noch diese Nacht eintreffen; diese beiden Haufen waren nicht im Vertrag und wußten nichts davon, ja auch der Vertrag mit dem Weingarter Haufen war noch nicht gesiegelt und unterzeichnet: wenn die drei Haufen von drei Seiten diese Nacht über die ordnungslosen Bündischen hereinbrachen, so war Alles verloren. Schnell schob der Truchseß eine Abtheilung seines Heeres zwischen die Oberallgäuer und den Weingarter Haufen, die jene aufhielt bis an den hellen Tag und die Verbindung zwischen beiden abschnitt, ließ Alles in Harnisch und Wehr die Nacht durch auf jeden Lärmen bereit sein, und eilte in der Frühe, den Vertrag in's Reine zu bringen, und die Oberallgäuer auch zur Annahme desselben zu bestimmen. Diese, verlassen von ihren Eidgenossen, wählten einen Ausschuß von 40, den Vertrag abzuschließen; sie selbst traten an selbem Morgen den Rückweg an. Die 40 nahmen den Weingarter Vertrag an, auf Hintersichbringen; auch der Truchseß bestand auf einem Revers von ihnen, den die Städte Memmingen, Kempten und Leutkirch garantiren sollten. Als dieser ihm ausgehändigt war, entließ er die drei allgäuischen Geiseln, Ulrich Bub, Conrad Müller und Johann Ammann. Auch der Seehaufen und der aus dem untern Allgäu lösten sich auf: des letztern Hauptmann, Pfaff Florian, trauerte und begab sich in die Schweiz. In den Zirkeln der Herren des Oberlandes wurde viel davon geredet, wer obgesiegt haben würde, wenn das Schwert seinen Fortgang behalten hätte. Wolf Gremlich war entschieden, daß die Bauern gesiegt hätten, und er kam darüber in Streit mit Graf Hug von Montfort, rannte sich in die Degenspitze des Schreibers des Letztern, und starb wenige Tage nach dem Schluß des Friedens, wozu er am Meisten beigetragen. Zu Salem begraben sie mit Trauern den tapfern und frommen Ritter. Salmannsweiler Handschrift. Seidler, Handschrift. Holzwart Handschrift.

Münzers Ahnung war erfüllt: Der Weingarter Vertrag war ein großes Unglück für die Volkssache. Es hatte hier die Selbstsucht, der Eigennutz das erste böse Beispiel gegeben: Brüder hatten, indem sie nur für sich selbst sorgten, die Sache der Brüder, die allgemeine Sache preisgegeben. Eck schrieb schon am 13. April: »Herr Jörg soll eine Praktik unter den Bauern bei Weingarten haben.« Dadurch war der eine Hauptflügel des Aufstandes durchbrochen: der Truchseß, der selbst sagt, daß der Kampf gegen die vereinigten 392Haufen »mit großer Gefährlichkeit« verbunden gewesen wäre, freute sich, die vom Ried, Allgau und See auf so leichte Art von den Schwarzwäldern und Hegauern getrennt zu haben, Schreiben des Truchseß an die Bundesstände. und während er die Ersteren mit der Vorspiegelung, ihre Beschwerden heben zu wollen, hinhielt, konnte er, ohne daß sie es zu hindern vermochten, jetzt nach einander ihre Verbündeten, Hegauer, Schwarzwälder und Württemberger niederwerfen.

Von Radolfzell, am Untersee, das die Schwarzwälder seit einigen Tagen enger einschlossen, schrieben die darin bedrängten Regierungscommissäre und Adeligen unterm 27. April an den Kriegshauptmann des schwäbischen Bundes: »Die Bauern in ihrem Hochmuth schicken uns täglich Boten herein mit der Drohung, uns (bei längerem Widerstand) zu spießen, zu henken, und in viel andere Wege lästerlich zu tödten, und zuvorab allen Adel von der Welt zu thun. – An ihnen hilft kein anderer Vertrag, als der, welcher mit Todtschlag, Raub, Brand und dergleichen Thaten gemacht wird. Wo ein anderer Vertrag gemacht wird, werden Fürsten und Adel in Zukunft nicht mehr Ehre, Ruhe, Fried und Einigkeit haben. Die Bauern sind durch euren Anzug ganz verzagt, auch nicht sonderlich stark. Darum fahret mit der Kriegshandlung vor gegen diese Bauern, und nehmet keinen Vertrag an.« Schreiben der österreich. Commissäre zu Zell, 27. April.

Die Herren zu Zell hatten gehört, daß der Truchseß sich auch mit ihren Bedrängern gütlich vertragen wolle: sie aber wollten für ihre Angst und Noth als Sühne das Blut derselben. Und doch hatte an den eingeschickten Verträgen ihr Herr, der Erzherzog, der, im Tyrol von den Seinen bedrängt, »nicht hinter sich noch vor sich konnte,« ein »sonderlich gnädiges Wohlgefallen,« und bat ihn, nur alle Bauern »zu so gutem Vertrag zu bringen.« Seidler, Handschrift. Schreiben des Erzherzogs vom 20. April.

Der Truchseß hatte sich nach dem Hegau gewandt und erfahren, daß 6-7000 Hegauer Bauern bei Steißlingen im Ried lagen. Er hatte seinem Marsch die Drohung vorausgehen lassen, »wenn sie sich nicht auf Gnade oder Ungnade ergeben, werde er mit Nahm' und Brand sie angreifen, daß es sie gereuen werde.« Auf dem Felde zu 393Pfullendorf kamen ihm Abgeordnete der Hegauer und Schwarzwälder am 25. April entgegen, und er sprach mit ihnen einen Vertrag ab, ähnlich dem des See- und Niederallgäuischen Haufens: die Artikel wurden aufgesetzt, und die Abgeordneten trugen sie zurück, um die Zustimmung der beiden Haufen einzuholen. Er rückte weiter auf Stockach, und hinauf Hohentwiel zu, und lagerte eine starke Meile von ihnen. Schon hatte er den Befehl von den Bundesständen aus Ulm erhalten, schleunigst umzukehren und Württemberg zu retten, er aber hatte Gegenvorstellungen gemacht; auf einen zweiten Befehl nicht geachtet, sondern denen in Zell, die an Lebensmitteln und Munition Mangel zu leiden anfingen, geschrieben, er werde sie gewiß entsetzen. Da kam am Abend, da er auf einen morgigen Angriff Alles rüstete, eine dritte strenge Ordre zum ungesäumten Marsch in's Württembergische. Schon waren Bundesräthe da, im Fall der Weigerung des Truchseß, alle Hauptleute und Gemeine des Gehorsams gegen ihn zu entbinden, und den Oberbefehl selbst zu übernehmen. Die Herren Räthe zu Ulm, meinte Herr Georg, handeln, wie sie es verstehen, und wie die meisten es auf der hohen Schule gelernt haben. Jetzt sollte er Hegauer und Schwarzwälder, einen nicht zu verachtenden Feind, im Rücken lassen, mit Gefahr, daß hier die Hegauer die Allgäuer, die den Vertrag noch immer nicht ratifizirt hatten, aufrühreten, und mit ihnen ihm alle Zufuhr abschnitten, dort die Schwarzwälder ihn in der Flanke auf seinem Marsch beunruhigten, während schon von den württembergischen Bauern das Abschneiden der Zufuhr zu fürchten und zu bedenken war. Seine Bitte um einen Tag Aufschub wurde von den Bundesräthen abgeschlagen, er mußte gehorchen. Er ließ sein Heer nach Tuttlingen ins Württembergische aufbrechen, und sandte Thomas Fuchs mit 300 Pferden aus, einige Dörfer anzubrennen und die Hegäuer und Schwarzwälder durch diese Scheinbewegung von Radolfzell weg tiefer ins Hegau zu locken. Das gelang, die Bauern folgten, und indessen warf der Truchseß 500 Fußknechte und Lebensmittel in die Stadt. Nachdem er noch Dietrich Spät mit 100 Reitern an sich gezogen, eilte er die beschwerlichen Wege über den Heuberg und lagerte bei Spaichingen am 1. Mai. Hans Müller von Bulgenbach hatte sich schon am Abend des 27. April auf den Schwarzwald begeben, um den dritten Mann zur Landwehr 394einzuberufen, und eilte dann, ein Lager bei Hüfingen zusammen zu ziehen, um den, wie er glaubte, vom Truchseß und vom Sundgau her bedrohten Schwarzwald zu decken. Am 1. Mai lagen die Waldbauern zu Hüfingen. Hans Müller erhielt, wie die Hegauer, die Zuschrift des württembergischen Haufens um schleunigen Zuzug. Die Nothwendigkeit einer Vereinigung aller Kräfte war darin klar nachgewiesen, sie lag vor Augen. Am 19. April hatten die Hegauer an den bei Heilbronn lagernden hellen lichten Haufen eine Bitte um 7000 Knechte ergehen lassen; dieser, weil er nicht könne, hatte den württembergischen Haufen dazu aufgefordert, der letztere ablehnend geantwortet. Beide hatten damals gute Gründe der Ablehnung: die Hegauer und Schwarzwälder hatten jetzt keinen triftigen Grund, sich der Sache der Brüder, die ihre eigene war, fern zu halten. Es zogen auch bei 8000 Oberländer bis Rottweil in die Altstadt. Hier wartete ihrer Herzog Ulrich von Württemberg, um mit ihrer Hülfe in das Seine zu kommen. Da entstand großer Zwiespalt. Hans Müller, der Schwarzwälder Hauptmann, der die Hauptmannschaft dem Herzog weder abtreten, noch sie mit ihm theilen wollte, und ihrer viele schrieen, sie seien nicht auf, Herren ein, sondern auszusetzen. Anshelm, Berner Chronik, S. 287. Die Stelle könnte auch gelesen werden: »Sie wärent nit uf, Herren insondern uszeseyen,« d. h. Herren besonders auszuseyhen, anzurichten; ihnen etwas Besonderes zu machen. Es paßte sehr zu dem Folgenden, woraus man schließen möchte, daß Ulrich den Oberbefehl angesprochen. Der größere Theil »zog wieder hinter sich mit dem verrätherischen schwarzwäldischen Hauptmann;« Anshelms Worte, ebendaselbst. dieser wandte sich dann westlich über Wolterdingen nach Vöhrenbach, es war der Zug ins Breisgau, welcher der Abrundung des Ganzen halb früher beschrieben wurde. Ein Theil der Hegauer blieb unter dem Obersten Hans Maurer von Schlatt vor Radolfzell, und einige Tausend unter Hans Benkler zogen vorwärts mit dem Herzog. Da ward von Vielen geredet, Gott habe es geschafft, daß der Herzog von den Bauern nicht zu einem obersten Hauptmann wäre aufgenommen worden, durch dessen Rath und Schick sie das ganze Reich hätten an sich bringen mögen.

Der Truchseß, dem bisher auf seinem Marsch nicht wenig 395Abbruch geschehen war, so lange die Hegauer ihm hinten nach, die Schwarzwälder neben ihm zogen, sah sich jetzt nach dem Rückzug derselben wieder ohne sein Verdienst von großer Gefahr befreit. Ja, als er bei Spaichingen lagerte, verehrte ihm selbst die Stadt Rottweil, die kein Glied des schwäbischen Bundes, sondern in der schweizerischen Eidgenossenschaft war, einen Wagen mit Wein und einen mit Brod. Rottweil war eine gute Stadt, in ihr enthielten sich große und kleine Herren gerne, Herzog Ulrich von Zeit zu Zeit, die Aebte von Alpirsbach und St. Georgen, die Freiherren von Zimmern und viele Edeln, seit es draußen ihnen vor den Bauern nicht geheuer war. Während es ringsum blutiger Ernst war, vergnügten sich die edeln und hochwürdigen Herren hinter Rottweils sichern Mauern an wechselseitigen Schmausereien und jugendlichen Scherzen bis zur knabenhaften Tollheit; wenn der Wein die Herren lustig gemacht hatte, begannen sie das Schnackenspiel »des Maislen's«, das heißt, man bewarf sich mit Allem, was einem in die Hände fiel, begoß sich mit unsauberem Wasser, überstäubte sich mit Mehl u. s. w. Kutten und Kleider weiß übersät von Staub und Mehl nach solchem Spiel, gingen einst in einer Nacht die hochwürdigen Prälaten, die edeln Freiherren, um Skandal zu meiden, ohne Laterne nach Hause: Nach der Handschrift der Zimmernschen Chronik, Ruckgaber, a. a. O. S. 186—87. Wie, wenn ihnen die Bauern ihre Prälaturen und Schlösser zur Leuchte angezündet hätten, was wäre viel zu sagen und zu klagen? –

Zu Ostdorf, unweit Balingen, wo der Truchseß am 2. Mai lagerte, zeigten sich nun auch die adeligen Herren; sie wagten sich aus Rottweil heraus, da die dasigen Bauern, die gerade Balingen belagerten, bei dem Anzug des Bundesheeres sich nach Horb, wo sie das Frauenkloster plünderten, zurückgezogen hatten. Holzwart, Handschrift. Die Rottweiler und die Herren baten, daß der Truchseß die abgefallenen Bauern ihrer Herrschaften nicht überziehen und strafen, sondern sie ihnen zur Strafe überlassen möchte. Er bewilligte es, und die Freiherren von Zimmern und ihre Unterthanen legten ihre Streitigkeiten in der Güte bei, so gütlich, daß z. B. die Mößkircher von nun an jährlich mehr zahlten, als bisher; sie haben, heißt es, die Steuern zum 396Zeichen ihres Gehorsams selbst erhöht, und ihr Herr habe ihnen versprochen, wie vorher ihr gnädiger Herr sein und bleiben zu wollen! – Zimmernsche Chronik, Ruckgaber, a. a. O. S. 183—84.


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