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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 26
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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Vierzehntes Kapitel.

Luther und die Bauern; Christenthum und Leibeigenschaft.

Man hat Luthern es zu großem Ruhm gerechnet, den Waffensturm des Volkes durch sein Wort zum Theil beschworen zu haben. So gewiß es ist, daß, wäre Luther an die Spitze der bürgerlichen Bewegung getreten, er ein unermeßliches Gewicht in die Schale geworfen hätte: so gewiß ist, daß in demselben Augenblicke, als er der Sache des Volkes entgegen und auf die Seite der Fürsten trat, sein Ansehen und sein Wort beim größten Theile des Volkes unermeßlich verlor. Das beweist der Auftritt zu Orlamünde; das beweist der Erfolg seiner Rundreise in den sächsischen Landen. »Luther heuchle jetzt den Fürsten,« so hieß es in Thüringen, so in Oberschwaben. Nach dem Erscheinen der zwölf Artikel der Oberschwaben wollte er in seiner Antwort darauf Herren und Volk zu gütlicher, friedlicher Uebereinkunft bestimmen, und während er den Regierenden über ihre Gewaltthaten in's Gewissen redete, während er sagte, es 377seien nicht Bauern, die sich wider sie setzen, Gott selber sei's, der sich wider sie setze, ihre Wütherei heimzusuchen, und während er zugleich den Regierten Aufruhr als ungöttlich und unevangelisch verwies, schloß er damit, daß die Herren ihren steifen Muth herunter lassen und ein wenig von ihrer Unterdrückung und Tyrannei weichen sollen, damit der arme Mann Luft und Raum zum Leben gewinne; daß die Bauern aber auch sich weisen zu lassen, und etliche Artikel, die zu viel und zu hoch griffen, aufzugeben haben, damit die Sache nach menschlichem Recht und Vertrag gestillet werde. Luthers Werke, Altenburg III. 114.

Aber dieses Justemilieu, oder wenn man lieber will, diesen Standpunkt über beiden Parteien verließ Luther schnell, er schlug auf die äußerste Rechte um, und Gesinnung und Sprache wurden despotischer, als die der Despoten selbst. Seine besten, seine nächsten Freunde erschrecken, selbst sein großer Churfürst verdammte seine Sprache, und Brenz trauerte darüber. Mehreres wirkte in ihm zu solchem Umschlag zusammen. Zuerst regte Menschliches sich bei ihm, und trübte seinen Blick und reizte seine Leidenschaft: seine wohlgemeinte Ermahnung, der er so viel Zaubermacht zugetraut, wurde von den Bauern gar nicht beachtet, der Sturm legte sich nicht auf sein Machtgebot; das verdroß ihn. An der Spitze der Volksbewegung und hoch von ihr empor getragen, standen in seiner nächsten Nähe als gefeierte Männer des Volks Carlstadt, den er wegen des Abendmahls, und noch mehr seit die Orlamünder mit Steinen nach ihm geworfen, tödtlich haßte, und Thomas Münzer, auf den er schon lange eifersüchtig, und der sein heftigster Gegner war. Das verdroß ihn noch mehr. Zu gleicher Zeit kam die Nachricht von der That zu Weinsberg, und das Geschrei darüber zu seinen Ohren, und wie Alles auf ihn und seine Reformation zurück geführt werde, wie namentlich Herzog Georg von Sachsen Alles ihm zumesse. Da brach er los, die gewaltige Natur in ihm überstürzte sich. Ohne einen Augenblick daran zu denken, daß ihm die meisten Artikel der Bauern so eben noch billig vorgekommen, daß er selbst gewissermaßen öffentlich zugegeben, daß ihre Sache gut und recht sein könne, daß er nur nicht das ganze Einsehen eines Rechtsgelehrten darein habe; ohne zu untersuchen und zu hören, wie sehr die Herren zu Weinsberg 378durch treuloses Morden an hunderten, während des Stillstandes arglos daher ziehenden Bauern, durch das vergossene Blut ihrer Brüder an der Donau, durch Verhöhnung alles Kriegs- und Völkerrechts, das Strafgericht verschuldet hatten: nahm Luther die Weinsberger für alle Bauern, und schrieb »wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern.« Jetzt seien sie ganz rechtlos: »man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund todtschlagen muß.« Die Obrigkeit, schloß er, welche zaudere, thue Sünde, da den Bauern nicht genüge, selbst des Teufels zu sein, sondern sie viele fromme Leute zu ihrer Bosheit und Verdammniß zwingen.« Darum, liebe Herren, loset hie, rettet hie; steche, schlage, würge sie, wer da kann. Bleibst du darüber todt, wohl dir; seligeren Tod kannst du nimmermehr überkommen.«

Da sprachen die Feinde der Reformation: »Er hat dieses Feuer angezündet, und hetzt jetzt die Obrigkeit an sie, zu stechen, zu hauen, zu morden, und beredet sie, damit das Himmelreich zu verdienen; da es allenthalben brennt, will er wieder löschen, da es nicht mehr helfen will.« So oft die Päbstlichen von da an zur lutherischen Predigt läuten hörten, sagten sie: Da läutet man wieder die Mordglocke. Sebastian Franke, der Zeitgenosse. Und noch zur Stunde muß er sich sagen lassen von den Andersglaubigen: »Das war wohl schön geredet, und im Geiste des Jüngers, welchen Jesus lieb hatte.« Hormayer in den Wiener Jahrbüchern. Selbst der mansfeldische Kanzler Müller griff ihn wegen blutdürstiger Unbarmherzigkeit an, und Luther schien allerdings um so weniger zu entschuldigen, als er kaum ein paar Tage zuvor einen Vertrag empfangen hatte, den die Bauerschaften in andern Gegenden, die Allgäuer mit ihren Herrschaften, ihm zu großer Freude eingegangen hatten. Je mehr aber das Volk, je mehr Freund und Feind über ihn daher fuhr, desto verbissener, verhärteter wurde er nur, er, der nach Melanchthons Zeugniß keinen Widerspruch ertragen konnte, und, wie Carlstadt und Münzer ihm vorwarfen, als ein zweiter Pabst für untrüglich zu gelten, sich im heißen Kampfe gewöhnt hatte; vom ersten Widerspruch mit sich selber an verwickelte er sich in einen wahren Knäuel 379von Widersprüchen und überstürzte sich ganz. Die mengen sich selbst unter die Aufrührerischen, sagte er, die sich derer erbarmen, welcher sich Gott nicht erbarme, sondern die er gestraft und verderbt haben wolle. Dann, wenn man sie verderbe, werden die Bauern Gott danken lernen, wenn sie eine Kuh geben müssen, auf daß sie die andere im Frieden genießen können; und die Fürsten werden durch den Aufruhr erkennen lernen, was hinter dem Pöbel stecke, der nur mit Gewalt regiert werden könne. Und an den Doktor Rühl schrieb er: »Daß die Leute mich einen Heuchler schelten, ist gut und ich höre es gern. Ich müßte viel Leder haben, sollte ich einem Jeglichen sein Maul zuknäufeln. Daß man den Bauern will Barmherzigkeit wünschen: sind Unschuldige darunter, die wird Gott wohl erretten und bewahren, wie er Loth und Jeremiä thät; thut er es nicht, so sind sie gewiß nicht unschuldig, sondern sie haben zum Wenigsten geschwiegen und bewilligt. Der weise Mann sagt: Cibus, onus et virga asino, in einen Bauern gehört Haberstroh. Sie hören nicht das Wort und sind unsinnig, so müssen sie die Virgam, die Büchse, hören, und geschieht ihnen recht. Bitten sollen wir für sie, daß sie gehorchen; wo nicht, so gilts hie nicht viel Erbarmens. Lasse nur die Büchsen unter sie sausen, sie machens sonst tausendmal ärger.« Luthers Werke, Altenburg III. 138. Es ist nur das Mildere hier ausgezogen.

Wenn man Luther gegen die Bauern so daher brausen sieht und hört, so muß man nicht vergessen, daß, was hier eine Schattenseite an ihm ist, gerade dieses Sturmgewaltige, dieses rücksichtslos Orkanische in ihm, dieses sich fest Einwühlen in seinen Standpunkt es war, wodurch sein großes Werk, die Reformation, allein möglich wurde, und was also anderwärts wieder seiner Lichtseite angehört. Daß aber das Gefühl einer gewissen Verlegenheit, das sich bei seiner vermitteln wollenden Antwort auf die zwölf Artikel unverkennbar kund gibt, ihn nicht trieb, sich die Klarheit des wahren Standpunktes zu verschaffen, das fällt ihm als Schuld zu. Alles Stehenbleiben auf halbem Weg, alle Halbheit rächt sich. Des deutschen Volkes Obrigkeiten waren theils geistliche, theils weltliche. Die geistlichen Fürsten waren nicht nur die höheren, auch ihr historisches Recht als Landesherren war urkundlich älter, als das der weltlichen Landesherren: die Landeshoheit beider schrieb sich aus den Zeiten der letzten 380hohenstaufischen Kaiser. Luther hatte die Rechtmäßigkeit der geistlichen Fürstengewalt angegriffen, von der Bibel aus, weil nichts davon darin stehe; von der Rechtmäßigkeit der weltlichen Landesherren stand aber auch nichts darin, und die Bauern, oder ihre Leiter meinten, sie führen nur ganz consequent den lutherischen Satz durch, wenn sie keinen weltlichen Herrn anerkennen wollen als den Kaiser, weil der allein in der Bibel vorkomme. Sie meinten, es sei eine Inconsequenz von Luther auf seinem Standpunkt, nur den geistlichen und nicht auch zugleich den weltlichen Herren allen, außer dem Kaiser, das Herrscherrecht abzusprechen, und es sei ein Widerspruch, die Unterthanen von dem Gehorsam der geistlichen Obrigkeiten zu entbinden, und sie zu unbedingtem Gehorsam gegen die weltlichen zu verpflichten, ein Widerspruch, um so größer und augenfälliger, als er selbst nicht nur dem Pabst, sondern den Geboten des Kaisers und der Reichsversammlung, der höchsten weltlichen Obrigkeit, den Gehorsam versage. Consequent auf seinem Standpunkt, sagen heute noch Luthers Gegner, sei Zwingli, der die evangelische Freiheit und Gleichheit als Fundament aller weltlichen Regierung aufstellte, consequent der kirchliche und politische Republikanismus Calvins. Dieser Ansicht ist Niclas Vogt, der Lehrer des Fürsten von Metternich, Rheinische Sagen und Geschichten. IV. Band. Luthers auf einmal so sich selbst überbietende Opposition gegen die Volkssache hatte ihren Grund zum Theil auch in wirklicher Unklarheit über die politischen Grundbegriffe, und diese Unklarheit hatte wieder ihren Grund darin, daß Luther im weltlichen Fürstenstaat aufwuchs, und in diesem für sich einen Schutz gefunden hatte, welcher ihn über die Legitimität des weltlichen Fürstenthums niemals grübeln ließ. Ja er hielt an den weltlichen Obrigkeiten um so fester, je mehr er in anderem Fall für sich und sein Werk Schutz und Existenz verlieren zu müssen fürchtete. In dieser Rücksicht nahm er es selbst mit einem Viel zu viel, das er für sie sprach, nicht genau.

Luther sagte: Spricht nicht der Apostel Paulus? »Ein Jeglicher sei der Obrigkeit unterthan mit Furcht und Zittern.« Das, daß die Obrigkeit zu bös und unleidlich sei, und das Evangelium nicht zulasse, entschuldige keine Rotterei noch Aufruhr. Später nahm Luther den Kampf für Gottes Wort aus. »Wie sie vor Gott 381bestehen wollen, daß sie wider ihre Obrigkeit, von Gott verordnet, sich setzen? Christlich Recht sei nicht, sich sträuben wider Unrecht, sondern dahin zu geben Leib und Gut, daß es raube, wer da raube. Leiden Leiden, Kreuz Kreuz sei des Christen Recht.« – Von den Bauern und ihren Leitern aber mußte er hören: Die Apostel haben gesagt, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen; auch die Christen der ersten Jahrhunderte, zu schwach zu bewaffneter Erhebung, haben doch der Obrigkeit den Gehorsam versagt, wenn ihnen etwas gegen ihr Gewissen zu thun zugemuthet wurde, und haben sich aufgelehnt. Luther verwechsle die Person der Obrigkeit mit der von Gott gesetzten Ordnung, der regierenden Gewalt. Nur die mit Gottes Gesetz nicht streitende, nur die gerechte Regierung werde vom Christenthum geheiligt, und nur die regierende Gewalt überhaupt, als eine göttliche Ordnung, für unverletzlich erklärt. Die regierende Gewalt aber seien die Gesetze und die in der heiligen Schrift ausgesprochenen Grundsätze der Gerechtigkeit. Wer diese göttliche Ordnung mißbrauche, mache sich verlustig des Schutzes, der Weihe, welche das Christenthum zusichere: ein Tyrann sei außer dem Gesetz, weil er wider Gottes Gesetz streite. Man stehe nicht gegen die göttliche Ordnung, sondern gegen seine Person auf, und selbst die Liebe zu Gott und seiner Ordnung, zur Wahrheit, zum Nächsten, müsse dazu treiben, sich wider einen solchen zu setzen; man stehe nicht für seinen Nutzen auf, sondern für die Sache; diese dürfe man nicht verläugnen, wenn man auch sich selbst mit Ergebung verläugnen wollte. Ja Münzer hob das alte Testament frohlockend empor, und wies auf die Stelle, wo Samuel vom Fürstenthum im Namen Gottes spricht, und die den Bauern nicht als eine Apologie klingen konnte; er wies auf die Propheten, auf die Bücher der Könige und andere, und zeigte hier Fürsten gemordet auf Prophetengeheiß, Gesalbte im Namen Gottes verworfen, Haus und Kind derselben erwürgt bis auf den letzten geflüchteten Sprößling; Städte, Stämme, Völkerschaften ausgerottet; Abfall vom einen Fürsten zum andern, sobald er dem Worte Gottes entgegen war; die Maccabäer glorreich mit dem Schwert des heiligen Kriegs gegürtet, Alles im Namen und nach dem Willen Gottes. Es rächte sich im Bauernaufstand, daß das alte Testament dem neuen gleichgestellt und nicht bloß das 382Göttliche darin, und das Erhabene, Großartige seiner Kernsprüche, sondern Alles ohne Unterschied gleich angepriesen wurde.

Luther vergaß sich so weit, zu sagen, »die Leibeigenschaft aufheben wollen, wäre ein Artikel stark wider das Evangelium und räuberisch, weil damit Jeder seinen Leib, welcher eigen worden, seinem Herrn nehme. Abraham und die Patriarchen haben auch Leibeigene gehabt, und Paulus spreche, Gal. 4, daß in Christo Herr und Knecht ein Ding sei.« Das Letztere war nun greiflich falsch ausgelegt, und der Sinn des Apostels gerade das Gegentheil. Die reine Lehre Christi, wie er sie lehrte, wollte nichts wissen von Priestern und Priesterherrschaft, eben so wenig von einer Aristokratie; ja sie verneinte beide, und ging vielmehr darauf, den Aberglauben zu brechen und alle auf den Aberglauben begründete Macht, die Welt frei zu machen von den Sünden, in deren Banden er sie gefangen sah, und einen neuen Bund menschlicher Seelen zu stiften, einen Bund, darin alle als Kinder eines Vaters und als Brüder und Schwestern sich erkenneten. Das war ein Aergerniß, ein Stein des Anstoßes den staatsklugen Schriftgelehrten und den Großen der Welt. Um nicht ihr Interesse, um nicht die Herrschaft der Welt einzubüßen, wußten sie sich des jungen Christenthums zu bemächtigen. Wo anfängliche Gleichheit aller Glieder war, da schlich sich das priesterschaftliche, das herrschsüchtige Element ein. Obere wollten herrschen unter den Brüdern. Da erhob sich die Christuspartei, die Christi allein sein wollte, und stürzte jene. Man vergleiche des Apostels Paulus Epistel an die Corinther. Rothe, die Anfänge der christlichen Kirche und ihre Verfassung. Schenkel, in Ullmanns und Umbreits theol. Studien 1841. I. S. 58 ff. Aber nach und nach erlag die Christuslehre doch den Künsten der vereinigten aristokratisch-priesterschaftlichen Bestrebungen. Die schöne Seele der einfachen Christuslehre wurde eingemauert und mit dem Gepränge eines jüdisch-heidnischen Cultus und den breiten bunten Teppichen einer unverständlichen, widerspruchreichsten Gottesgelehrtheit zugedeckt; und im neuen Style fingen sie, die Alten, an, wieder wie zuvor über die Welt zu herrschen, nur jetzt im Namen dessen, den sie geopfert hatten. Als ächt apostolische Stimmen hallen noch die Aussprüche über bürgerliche Knechtschaft durch die drückende Nacht der neuen Hierarchie nach. Millionen 383fand das Christenthum bei seinem Erscheinen als Sklaven vor. Dem Christenthum aber ist die Freiheit ein allgemeines Menschenrecht, ein Gemeingut aller nach dem Bilde Gottes Geschaffenen (1 Cor. 7, 21). Ja, nach ihm soll selbst die Natur frei werden (Röm. 8, 18 ff.), das Kleid der Freiheit anziehen, d. h. sie wird und soll, von freien Menschen bewohnt und angebaut, selbst schöner und edler werden. Um so sündhafter erschien im Lichte des Christenthums die Herabwürdigung eines Menschen, eines der Kindschaft Gottes Theilhaftigen, zum Leibeigenen, zur Sache. Ich hätte nicht geglaubt, sagte der Abt Isidor, daß der Freund Christi noch einen Sklaven halten sollte. Und Gregor der Große im sechsten Jahrhundert sagte: »Gleich wie unser Erlöser, der Herr der ganzen Natur, die menschliche Natur angenommen hat, um uns aus den Banden der Knechtschaft zu erlösen, und uns die ursprüngliche Freiheit wieder zu schenken: so geziemt es sich auch, die Menschen, welche von Natur frei, aber durch das Völkerrecht unter das Joch der Knechtschaft gekommen sind, durch Loslassung in den Zustand der ursprünglichen Freiheit zurück zu versetzen.« Niemand hat die menschliche Natur höher geachtet als Christus, der in Jedem Gottes Bild geehrt wissen wollte: der ganze Geist seiner Lehre, jedes Blatt des neuen Testaments, widersprach der Knechtschaft unter Christen. Ueber das Verhältnis des ächt christlichen Geistes zu bürgerlichen Zuständen vergleiche man Neander, Kirchengeschichte I. 60 ff. III. 134, 239; vorzüglich aber den ausgezeichnet schönen Abschnitt bei Stirm, Apologie des Christenthums I. 346-395. Luther war nicht nur mit dem Letztern, er war mit sich selbst in Widerspruch gerathen: es ist unverkennbar, Luther hat von da an das Vertrauen seiner Zeitgenossen im Volke, das sich ihm bisher so begeistert angeschlossen hatte, so gut als für immer verloren; seine Wirksamkeit aufs Volk blieb seitdem nur noch eine sehr beschränkte; und sein schwerstes Schicksal war, daß von nun an der Despotismus sich auf ihn berief.

Man hat gesagt, Luther habe so handeln müssen, um sein Werk nicht aufs Spiel zu setzen, nicht mit in den Untergang zu flechten: er habe dadurch die Reformation gerettet. Dieser Ansicht läßt sich eine andere entgegen stellen, wohl mit größerer Kraft. Wenn Luther die Consequenzen seiner Grundsätze annahm, wenn 384er die Reformation nicht einseitig, nicht halb, sondern ganz durchführte, wenn er der Mann des Volkes blieb, und die des Volkes, die er jedenfalls nicht ungern sah, leitete, die Tausende von Unentschiedenen, die zwischen den Herren und dem Volke standen, mit sich fortriß, so wären die Deutschen eine Nation geworden, eins in Glauben und freier bürgerlicher Verfassung, die religiöse und politische Zerrissenheit und Unmacht, alle Noth und Schmach des sechzehnten, siebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, aller Jammer des Tausendherrenländchenwesens wäre nicht gekommen. Der Sieg der Volkssache, der Sieg der Reformation nach ihrer andern, nach ihrer politischen Seite, hätte nicht in dem Sinne, wie Luther fürchtete, sondern in ganz anderem, den jüngsten Tag gebracht, der deutschen Nation einen neuen Himmel und eine neue Erde, unter dem Licht einer geläuterten Religion ein großes deutsches Volksleben.

Sollte die Reformation, wie die Umstände einmal lagen, ganz als eine gesunde Geburt, mit allen Consequenzen, zu Tage kommen, so mußte sie dem Jahrhundert aus dem Leibe geschnitten werden. Es bedurfte durch geschickte Hand des Kaiserschnitts.

Noch ehe sie zu Heilbronn zur Berathung der Reichsreform recht festsaßen, hatte schon die Entscheidung, der letzte Akt des großen politischen Schauspiels, begonnen. Das Unglück der Volkssache ging aus von Oberschwaben.


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