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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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Viertes Buch.

1

Erstes Kapitel.

Rath und Gemeinde in der freien Stadt Heilbronn.

Den Herren des Raths zu Heilbronn war es nicht wohl zu Muthe, seit der Zeit, daß die ersten Flämmchen des Aufstandes aus dem Boden zuckten. Es war ihnen, wie in einer Gewitterluft. Mit bedenklichen Mienen lasen sie das Schreiben ihres Hauptmanns Hans Herrmann, der von Ulm aus schrieb: »Es weiß Niemand, wie es gehen wird; alle Bauern vom See bis Franken sind auf; allenthalben Müh und Arbeit.« Akten des schwäbischen Bundes, Fasc. 88. Nr. 23. Sonntags Judika. Sie hatten ja den unruhigen Geist, der unter die Bauern gefahren war, in ihrer nächsten Nähe. Ihre vier Dörfer Böckingen, Flein, Frankenbach und Neckargartach traten unter ihren Augen zusammen, verordneten einen Ausschuß und vereinten sich, keine Bed mehr zu geben, nicht mehr zu frohnen. Die Böckinger ließen sich offen hören, sie wollen nicht nur nichts mehr geben, sondern die altentrichtete Bed hinter sich rechnen, daß sie der ehrsame Rath wieder herausgeben müsse. Auf das Gebot, der Versammlungen müßig zu gehen, achteten weder die Fleiner noch die Böckinger; die von Flein, wie die andern, verpflichteten sich zusammen und stellten zweiundsiebzig zu dem Fähnlein Jakob Rohrbachs, ihr Schultheiß Lorenz Ulmer begleitete ihn selbst als heimlicher Rath; die von Frankenbach setzten ihren Schultheiß ab und stellten wie Neckargartach vierundzwanzig Mann zu Jäcklein, Bundesakten Fasc. 96. Nr. 16 im Stuttgarter Staatsarchiv. und dieser zog mit ihnen und denen aus dem nahen Gebiete des Deutschordens den Herren des Raths unter die Augen; sie konnten es von den 2Mauern sehen, wie er die Zäune ihrer Gärten schädigte und verbrannte, unbekümmert darum, daß man aus kleinen Büchsen nach ihm und den Seinigen schoß. Sie mußten es sehen, wie er in der Woche vor Ostern mehrere Male mit seinem täglich wachsenden Haufen an ihnen vorüberzog.

Sie athmeten wieder auf, als ihr Rathsfreund, Hans Rott, vom Mittelpunkt des schwäbischen Bundes, von Ulm aus den Sieg der Bündischen bei Leipheim meldete. »Mit Verleihung göttlicher Gnade ist dem Krieg der Boden aus,« Bundesakten Fasc. 88. Nr. 24 a. frohlockte er, und die Rathsherren glaubten es gerne. In allen Schenken unterhielt man sich davon, wie Dienstag Nachts vor Palmtag 2000 Bauern zu Leipheim erstochen worden, 1500 sich selbst in der Donau ertränkt haben, zwei ihrer Prediger, die Anfänger des Aufruhrs, gefangen seien. Da saß auch hinter dem Kruge der Salzführer von Neuenstein, der Semmelhans genannt. »Glaubt es nicht, sagte er, es ist noch nicht so aus; die Bauern sind noch nicht alle erschlagen; sie werden noch herein kommen, und müßt Ihr von Heilbronn ihnen Euern Wein und Euer Korn und dazu noch Geld geben« – »Das wolle Gott nicht, rief ein Heilbronner, ehe wollt ich, daß die Bauern alle erstochen würden.« Es wäre zwischen Beiden zu Blut gekommen, ohne Einschreiten; sie mußten Beide zu Recht geloben. Bundesakten Fascikel 92. Nr. 12.

Wie sahen die Rathsherren mit Sehnsucht neuen Nachrichten von Ulm aus entgegen, wie lauschten sie dem Windzug von den obern Landen her! Und gleich darauf schrieb ihr Rathsfreund wieder, wie die oberländischen Städte zur Vermittlung in Ulm seien, und wie sie meinen, wenn es vertragen werde, werde es gut werden. Ich meine, schloß der umsichtige Mann, wenn es nicht vertragen wird, wird es ein böser Krieg werden mit den Bauern, mit den Städten und andern Leuten. Der Hauptmann von Nördlingen hat mir gesagt, es stehe übel zu Nördlingen. Liebe Herren, habt gute Sorg auf Eure Stadt. Bundesakten Fasc. 88. Nr. 24 b.

Das waren bedenkliche Botschaften für die Heilbronner Herren, und bedenklicher mit jeder Stunde gestaltete es sich in der Stadt und 3um sie her. Sie hatten früher selbst Herrn Jäcklein einen neuen Rechtstag in seiner Streitsache nach Heilbronn herein angesagt. Diesen Rechtstag wollte er jetzt benützen, um in die Stadt zu kommen. Er verlangte freies Geleit. Da hatte man Geschäft genug, ihn abzuweisen. Bundesakten Fasc. 91. Nr. 26.

Er hielt auf seiner Seite die Stadt wie in Belagerungsstand; von Franken und von dem nahen Oehringen her rückten die Odenwälder und Hohenloher heran, und am Mittwoch nach dem Palmtag schrieb die befreundete Stadt Hall, sie gedenken Heilbronn zu überziehen; am selben Tage schickte der Amtmann zu Scheuerberg Botschaft herein, heute Nacht werden die Bauern zu Lichtenstern einkommen, und morgen Weinsberg, Heilbronn oder Neckarsulm heimsuchen; welches zuerst, wisse er nicht. Bundesakten Fasc. 91. Nr. 15 und 19. Der Rath berief die Bürgerschaft zusammen und machte ihr die Vertheidigungsanstalten bekannt, die er getroffen habe. In Heilbronn war zwar seit lange schon eine aus demokratischen und aristokratischen Elementen gemischte Verfassung, der Rath wurde hälftig aus den Geschlechtern, hälftig aus der Gemeinde seit Kaiser Carls IV. Zeit gewählt, doch hatte die Ehrbarkeit einen sehr aristokratischen Ton, einen Blick, der auf den gemeinen Mann herab sah, sich zu bewahren gewußt. Jetzt aber sprachen die Rathsherren zu der versammelten Gemeinde mit der Anrede »ehrsame, liebe Herren, Brüder und gute Freunde«. Es sei Allen bekannt, wie sich allenthalben um sie Empörung erhebe; Niemand wisse, wo hinaus es reichen werde. Darum habe der Rath den kriegserfahrenen Hans Schulterlin zum obersten Hauptmann der Stadt verordnet, und über die vier Quartiere der Stadt vier Quartiermeister gesetzt; in jedem Viertel sollen Rotten gebildet und diese auf ihren Eid verpflichtet werden, dem Rath in allen Sachen der Ehrbarkeit, es sei zur Wache oder zur Wehr, dienlich und ungeweigert gehorsam sein zu wollen, bei des Raths schwerer Strafe. In den Quartieren werden ein Viertel aus dem Rath, drei Viertel aus der Gemeinde die Aufsicht führen. Fünf Kriegsverständige und zwei Baumeister, Conrad Schreiber und Ludwig Meisner, seien bereits verordnet, zu besichtigen und zu rathen, was zur Wehr zu 4bauen Noth thue. Bundesakten Fasc. 91. Nro. 9 und 11. Bald darauf kam ein Brief in die Stadt herein, aus dem Bauernlager zu Neckarsulm, am Charfreitag; er war an die stärkste Zunft, die auch den Bauern am nächsten stand, an die der Weingärtner, gerichtet, und forderte sie auf, in die evangelische Brüderschaft zu treten. Die Aeltesten der Weingärtner traten zusammen und schrieben »an ihre guten Freunde zu Neckarsulm: Den Inhalt eures Briefes haben wir vernommen. Ihr mögt selbst erachten, daß es uns schimpflich, ja auch, im Bedacht unserer Gelübde und Eide, womit wir unserer ordentlichen Obrigkeit verwandt sind, keineswegs gebührlich wäre, euch eurem Schreiben nach zu willfahren. Es stünd uns mit Ehren nicht zu verantworten. Das haben wir euch nicht verhalten wollen; darnach wisset euch zu richten.« Bundesakten Fasc. 91. Nro. 21.

Aber so dachten weder alle Weingärtner, noch alle andern Bürger der Stadt. Der neuevangelische Geist war durch Doktor Lachmann seit mehreren Jahren der herrschende darin geworden, und viele sahen in dem Unternehmen der Bauern, nicht in der Rotte Jäckleins, wohl aber in dem großen evangelischen Heere, eine Erhebung für das Evangelium; und gegen die geistlichen Herren war man zu Heilbronn so sehr erhitzt, als irgend an andern Orten. Bundesakten Fasc. 92. Nro. 14. Andere nahmen die Sache von der bürgerlichen, von der materiellen Seite, als einen Befreiungskampf des gemeinen Mannes gegen die Aristokratie. So nahmen es nicht bloß mittellose oder herabgekommene Bürger, sondern, wie an andern Orten, sehr wohlhabende und angesehene. Da war namentlich Gutmann, der Tuchscheerer; dessen Haus glänzte vom reichsten und schmucksten Hausrath, der Weinberge, Grasgarten und Aecker, den Keller voll Wein und schöne Capitalbriefe hatte. Da war Hans Flux, der Bäcker: er hatte zu der Zeit acht Malter Korns, vierundzwanzig Malter Dinkel auf dem Boden, von oben bis unten sein großes Haus aufs Beste eingerichtet; sechs Fuder Weins im Keller, silberne Becher im Schrank, drei Weinberge als freies Eigenthum, ebenso ein zweites Haus, einen Krautgarten auf dem Rosenbühl, ein Hofgut zu Flein, und Kapitalbriefe ein Säcklein voll; Harnisch und Küraß, Schwert und Büchse hingen ihm blank in der 5Kammer; und doch dachte und that er, wie sein Nachbar Mathäus Dautel, der Mezger, der mit Einem Blick seine Habe übersehen konnte, ein Bett und eine Bettlade, mit einer Pfülben und zwei Kissen, darauf sechs Kinder liegend; wie Hans Mertz, der nichts hatte, als einen Tisch, ein Bettlein und vier Kinder; wie Albrecht Boppel, der ein altes Bett, eine Kanne und einen Krebs sein und seiner vier Kinder einziges Eigenthum nennen konnte. Und, wie diese Armen, dachten und thaten der Kollmichel, der in Armschienen und Helm, in Goller und Reitstiefeln sich zeigte und Kapitalbriefe von mehreren hundert Gulden im Hause hatte; der wohlhäbige Hans Hutmacher mit seinem reich assortirten Laden; Joß Däumling, der drei Morgen Weingarten, einen schönen Grasgarten, ein Haus und an einem zweiten Haus zwei Drittel besaß; und manche Andere, die Haus und Feld, Pferd und Vieh im Stalle, baares Geld und Kapitalien hatten, wie Hans Scheuermann, der Mezger, Christ Merk, Jung Hans Koch, Badt der Nadler, Jörg der Goldschmied, Job der Schneider. Bundesakten, Fasc. 95 b. Der ganze Fascikel enthält das Inventarium von neunzehn Bürgern, die ausgetreten waren.

Als der Rath verspürte, daß nicht die gesammte Bürgerschaft gleich mit ihm dachte, schickte er abermals zwei Abgeordnete an die Gemeinde. Die Bauerschaft, sprachen diese, in Empörung rings herum, rathschlagt vielleicht etwas Ungehorsames und Freventliches; gegen wen, weiß ein ehrbarer Rath nicht. Er hat uns aus getreuer, guter Meinung zu euch abgefertigt, um euch als Unterthanen und Mitbürger zu warnen und aufs Freundlichste fleißigst zu bitten, daß sich Niemand zu solcher Versammlung der Bauern von hinnen thue, oder mit handeln helfe. Denn es wäre offen wider die Pflicht, womit wir kaiserlicher Majestät, dem löblichen Bund zu Schwaben, dem heiligen römischen Reich, Fürsten und andern Ständen verwandt sind; und wir möchten sonst auch des Ungehorsams verdächtig werden und in gerechte Ungnade des Reiches fallen. Wollet vielmehr unsern Flecken um das Unsere treulich helfen handhaben und beschirmen. Das will euch ein ehrbarer Rath in Gutem gedenken und nicht vergessen, und wollet auch solches von demselben in getreuer, freundlicher Meinung verstehen. Bundesakten Fasc. 91. Nro. 6.

6

Von Neckarsulm aus stellten die Bauern fünf Forderungen an die Heilbronner: sie verlangten, daß man sie die Geistlichen in der Stadt strafen lasse; daß man ihnen Geschütz gebe; daß man ihnen gelobe, wo sie Noth anginge, ihnen Hülfe thun zu wollen; daß man Niemand, der wider sie wäre, hause oder herberge, Niemand wider sie Vorschub gebe; endlich, daß man die zwölf Artikel annehme und halte, und wenn die Gemeinde in der Stadt Beschwerden habe, diese ihr erlassen werden. Bundesakten Fasc. 91. Nro. 23.

Die Bauern waren auf die Heilbronner Geistlichen darum besonders erbost und darauf aus, sie zu strafen, weil die Commentherren des deutschen Hauses etliche der Ihren erstochen hatten. Bundesakten Fasc. 92. Nro. 14. Am Sonntag Judika hatte der Commenthur, Eberhard von Ehingen, im Rathe noch erklärt, er wolle bei ihnen bleiben und Leib und Gut bei ihnen lassen; ja er verpflichtete sich zu der Stadt. Bundesakten Fasc. 105. Verantwortung Heilbronns wegen seines Betragens, durch Doktor Lachmann. Der Rath forderte ihn auf, Hülfe an sich zu ziehen, für alle Fälle. Als nun die Bauern ihre Absicht kund thaten, die Geistlichen in der Stadt strafen zu wollen, rief der Commenthur den Schutz des Rathes an. Der Rath brachte es an die Gemeinde. Die Gemeinde trat zusammen und legte dem Rath schriftlich acht Artikel vor. Im ersten Artikel erklärte sie, vermöge ihrer Eidespflichten, dem Rath getreu, hold und gehorsam zu sein, mit Leib und Gut. Wo aber, lautete der zweite Artikel, die Bauern eines ehrbaren, christlichen Vornehmens wären, dann wollen sie denselben in solchem keineswegs widerwärtig sein. Wo jedoch drittens die Bauern dem Bürgermeister, Rath, auch gemeiner Stadt Heilbronn Schaden zufügen, wollen sie dawider Leib, Leben und Gut setzen und die Stadt behalten helfen. Wo es viertens dazu käme, daß man fremdes Volk in die Stadt legen wollte, solle, das wolle die Gemeinde, ein ehrsamer Rath sie nicht überlegen lassen, nicht mehr, als so viel man ihrer mächtig sein möchte; auch solle fremdes Volk überhaupt nur eingelegt werden mit der Gemeinde Wissen und Willen. Und nun kam der fünfte Artikel, worin sie sagten, sie wollen sich zwar zu der Bauern Sache keineswegs schlagen, 7sich aber auch der geistlichen Personen, des Commenthurs, der Mönche, der Pfaffen, der Nonnen nicht annehmen, wenn die Bauern ihnen in ihre Häuser und Güter einfallen oder ihnen Etwas zufügen oder schaden wollen; da die geistlichen Personen nicht in bürgerlichen Lasten liegen, so wolle man sich auch nicht mit denselben beladen. Wolle aber sechstens der schweren Läufe wegen eine geistliche Person ins Bürgerrecht kommen, so solle es geschehen mit des Raths und der Gemeinde Wissen und Willen, damit auch eine solche Person mit den bürgerlichen Beschwerden einkomme. Kommen siebentens dem Rath Briefe, welche der Gemeinde zugehören, zu, so sollen diese ihr in allweg unverborgen bleiben und überantwortet werden. Und endlich solle ein ehrsamer Rath mit der Gemeinde zusammen geloben und schwören, daß auch er wolle, was die Gemeinde wolle. Bundesakten Fasc. 9. Nro. 1.

Der Rath sah in diesen Artikeln die ersten Wölkchen des sich sammelnden Gewitters. Er beschloß vor Allem, einen Rathsboten an des Kaisers Majestät, des heiligen römischen Reichs Regenten und den löblichen Bund von Schwaben zu schicken, zu gleicher Zeit vom Regiment zu Eßlingen und von der Nachbarstadt Wimpfen sich heimlich Gesandte zu erbitten, damit sie zwischen dem Rath und der Gemeinde vermitteln. Dann beriethen die Herren die Antwort, die sie der Gemeinde geben wollten. Zuerst wurde versucht, mit einer allgemeinen Antwort den einzelnen Punkten auszuweichen. Der Stadtschreiber mußte der Gemeinde vortragen, der Rath habe bisher mit der Gnade Gottes ehrbarlich, wohl und recht gehandelt, daß es zu gemeinem Nutzen und ihnen allen zu Ehr und Gut erschossen sei; auch habe der Rath durch seine treue Arbeit bei kaiserlicher Majestät, dem Bund zu Schwaben und bei andern Herren Freiheit und Vortheil gemeiner Stadt tröstlich erlangt und zu Wege gebracht. So habe auch der Rath an sie nichts Anderes begehrt, als was sich ehren- und pflichthalber gebühre. Darum hoffe der Rath noch, sie werden sich als ehrbare Leute ihrer Pflicht nach gehorsam erzeigen, und der Rath werde sie über ihre Pflicht weiter nicht drängen. Bundesakten Fasc. 91. Nro. 4.

Die Gemeinde aber bestand darauf, daß der Rath auf ihre Artikel im Einzelnen eingehe. Der Schirm und die Freiheit der 8Geistlichen war eigentlich der schwierigste Punkt. Nach langer Berathung beschloß der Rath, der Gemeinde zu antworten: Der Rath sei bisher nicht des Gemüths gewesen, daß er gegen irgend Jemand, also auch gegen die Bauern nicht, wenn nicht etwas Unbilliges oder ein Unfug vorgenommen werde, gehandelt hätte oder zu handeln Willens wäre. Wo aber die Bauern Unfügliches vornähmen, oder dem Rath ein Gebot von kaiserlicher Majestät oder dem löblichen Bund zukäme, wider die Bauern zu handeln, so versehe sich der Rath, sie als die verpflichteten Bürger werden ihm auch in Solchem, wie billig, gehorsam sein. Die Stadt Heilbronn sei des Reiches Stadt, und habe dem Kaiser und dem Bund gelobt, gehorsam zu sein, ihrem Kriegsvolk Oeffnung zu geben, es zu enthalten, aus- und einzulassen; die Gemeinde wisse ja, daß es bisher so geschehen sei; haben sie doch selbst gegen ihren gnädigen Herrn, den Pfalzgrafen, mit dem sie in Einung stehen, dem feindlichen Kriegsvolk den Durchzug gestatten müssen. Würden jetzt ihre Obern von ihnen fordern, daß Kriegsvolk eingelassen werde, so müßten sie als Unterthanen gehorsam sein. Der Rath sei für sich selbst des Willens nicht, die Stadt mit Volk, dessen die Bürger nicht mächtig wären, zu überlegen. Geistliche seien nicht sonderlich viele hier, es seien nur die Commentherren, das Liebfrauenkloster, das Sct. Clarenkloster und die Priesterschaft. Nun aber sei es eine bekannte Wahrheit, daß der Deutschorden mit hohen kaiserlichen und königlichen Freiheiten begabt sei; dazu sei das deutsche Haus in Heilbronn ein Glied des schwäbischen Bundes, und die Stadt, als Bundesglied, sei darum verpflichtet, den Deutschherren treulich Beistand zu thun, sie nicht über ihre Freiheit mit Bed oder Steuern zu beschweren oder beschädigen zu lassen: wo gegen sie ein Eingriff oder eine Beschädigung geschehen wollte, wäre die Stadt ihnen zu helfen laut der Einung schuldig. Die andern geistlichen Personen seien in Schutz und Schirm der Stadt; darum seie der Rath sie zu schützen, die Gemeinde dem Rath dazu behülflich zu sein schuldig, wie beide gelobt haben. Auch diese seien wie die Deutschherren mit kaiserlichen Freiheiten versehen; und darum wäre es beschwerlich, Bed und Steuern aufzuschlagen. Doch wolle der Rath mit höchstem Fleiß dahin arbeiten, daß des Kaisers Majestät, ohne daß man sich über sie beschweren könne, ihnen die Besteurung 9derselben zulasse. Der Rath versehe sich nicht, daß eine geistliche Person sich über ihre Freiheit in's Bürgerrecht begeben werde. Käme aber dieser Fall vor, so werde der Rath nach kaiserlicher Ordnung und dem gemeinen Nutzen der Stadt unschädlich sich halten und beweisen. Briefe, die an die Gemeinde lauten, werden nach kaiserlicher Ordnung dem Rathe überantwortet, und dieser halte sie dann der Gemeinde vor: so solle es auch bleiben. Ihr letzter Artikel endlich sei ganz unnöthig, der Rath habe von jeher zu der Gemeinde gelobt und geschworen, sie zu schirmen und zu befriedigen, und er habe sich bisher unsträflich darin gehalten. Bundesakten Fasc. 91. Nro. 2.

Die Gemeinde beruhigte sich auch bei dieser Antwort noch nicht.

In einer gewissen Ahnung davon hatte der Rath für den Fall, daß sie mit der entworfenen Antwort nicht gestillt würde, beschlossen, zu erklären, er wolle einen Bedacht bis morgen nehmen. Inzwischen, sagte Bürgermeister Rieser, könne man die einzelnen Zünfte bescheiden, in einer Stunde einzeln auf ihren Zunftstuben zusammenzukommen; dann könne man etliche Rathspersonen unter sie gehen lassen, die ihnen die letzte Antwort als eines ehrbaren Raths ehrbare Meinung vorhielten und auslegten, und sie auf ihre Gelübde und Eide ermahnten. Dann werde man gewahr werden und erfahren, wer die Gehorsamen und wer die Ungehorsamen seien. Ohne Zweifel werde der Gehorsamen die Mehrzahl, der Ungehorsamen der wenigere Theil sein. Bundesakten Fasc. 91. Nro. 2.

So geschah es. Rathsglieder vertheilten sich auf die Zunftstuben der Ober- und Unterländer Weingärtner, der Gerber, der Mezger, der Schuhmacher, der Schneider, der Bäcker, der Weber, der Bader, der Binder, der Zimmerleute und Maurer, der Kärcher und Fuhrleute, der Krämer. Bundesakten Fasc. 91. Nro. 24. Sie sahen bald, daß bei Weitem die Mehrheit der Gemeinde auf den Artikeln bestand. Der Rath, aus Geschlechtern und Zunftgliedern zusammengesetzt, mußte um so mehr jetzt darauf eingehen, da der zünftige Theil desselben selbst darauf drang.

Der Rath hatte nicht weiter als hundert Knechte in seinem Sold. Der Commenthur hatte, als er die Gährung unter der 10Bürgerschaft immer mehr steigen, das Bauernheer nur noch eine Meile von Heilbronns Mauern sah, sein Wort vergessen, welches er dem Rathe kurz zuvor gegeben hatte, sich heimlich aus der Stadt gethan und sich nach Heidelberg geflüchtet. Er hatte nichts zu seinem und des Ordens Schutz gethan, auch bei seiner Flucht das deutsche Haus der Stadt nicht übergeben. Von seinem Einungsverwandten, dem Pfalzgrafen, hatte der Rath auch keine Hülfe vorerst zu hoffen, der Pfalzgraf konnte nur Vertröstung schicken. Zu Weinsberg lag zwar ein ziemlicher reisiger Zeug mit gutem Adel, und der Rath stand mit dem Grafen Ludwig von Helfenstein in guter Freundschaft. Aber der Helfensteiner hatte den Rath gerade in diesen Tagen selbst um Hülfe, um Büchsen und Pulver angegangen, Bundesakten Fasc. 91. Nr. 27. und als der Graf ihnen jetzt auf ihre Bitte am Ostersamstag Hülfe zusagte, konnten sie doch nicht viel darauf bauen, und vollends nicht mehr, als das Bauernheer, wie gleich darauf Kundschaft kam, noch am selben Morgen von Neckarsulm gegen Weinsberg selbst aufgebrochen war. 500 Mann stark stand zwar die Bürgerschaft in Waffen, im Harnisch mit Karrenbüchsen und Wehren, und ein Theil davon war dem Aufstand ganz feind und ganz für den Rath. Dieser Theil der Bürgerschaft hatte seine Gesinnung vor Kurzem bethätigt. Es war, als Jakob Rohrbach mit seinem Haufen an der Stadt vorüber auf Oehringen zog, da hatte dieser Theil aus den Thoren ziehen und ihn angreifen wollen. Nur die Warnung des Pflegers, der im württembergischen Zehenthofe saß, dieser Angriff könnte zuletzt bald den ganzen Bauernschwarm über die Stadt ziehen, hatte sie in den Thoren zurückgehalten. Aber dieser treue Theil war eben eine kleine Zahl.

Abermals trat darum eine Rathsbotschaft vor die Gemeinde. Ein ehrsamer Rath, sprach sie, hat die Artikel, welche ihr ihm in letzter Zeit überantwortet habt, gehört, gelesen und vor die Hand genommen, vornämlich den, daß die Geistlichen mit ihren Gütern in bürgerliche Beschwerden einkommen. Diesen Artikel hat er erwogen, betrachtet und beschlossen, auf euer Begehren, wiewohl sie Vertragsbriefe kaiserlicher und königlicher Freiheit haben, dahin zu handeln, daß sie all ihr Hab und Gut, was sie in unserer 11Stadt und in unsern Dörfern und deren Marken haben, in bürgerliche Beschwerden legen, und davon alle bürgerlichen Lasten mittragen, ohne alle Ausnahme, wofern sie anders von einem Rath so viel möglich beschützt und beschirmt werden wollen; ohne das wird sich ein Rath, falls sich etwas zutrüge, mit ihnen nicht belästigen Ebenso wird ein ehrsamer Rath dem Commenthur, welcher seht nicht hier ist, auch den Herren, welche Höfe hier haben und sich hier nicht aufenthalten, zuschreiben, daß sie das Gleiche thun. Eines Raths Gemüth ist nicht, wider euch zu handeln; wollet darum zwei von euch verordnen, und die Meinung der Gemeinde vortragen. Bundesakten Fasc. 91. Nr. 3. Von hier an ist eine kleine Lücke in den Akten, welche meist Originalconcepte von des Bürgermeisters Riesers Hand sind. Daß der Rath aber auch den letzten Artikel der Zünfte annehmen mußte, erhellt daraus, daß von nun an alle Rathsschriften im Namen des Raths und der Gemeinde ausgehen.

Sorglich, mit schwerem Herzen hatte der Rath zum Theil dieses Zugeständniß gemacht. Der Bürgermeister Rieser schickte den Stadtschreiber bei allen geistlichen Häusern heimlich herum, um ihnen anzuzeigen, daß der Rath die Schuld nicht auf sich selbst trage, sondern von der Gemeinde dazu genöthigt sei. »Aber bedenkt, schrieb er an den Beauftragten, daß ich diesen Auftrag euch insgeheim gebe. Wo man droben erführe, daß die gegen die Geistlichen genommene Maßregel eines Raths Werk wäre, und wo es zu der Straf, als ich besorge, käme, möchte es dem Rath an Ehr, Leib und Leben gehen.« Bundesakten Fasc. 91. Nr. 4. u. 5. Der Erfolg des Antrags, welchen der Rath an die Gemeinde gestellt hatte, entsprach den Erwartungen desselben gar nicht; er kam jetzt zu spät; die Gemeinde wollte nichts mehr davon hören, daß man die Geistlichen nur so geschwind jetzt zu Bürgern annehme, um sich ihretwegen dem ganzen Sturm der Bauerschaft preiszugeben.

Denn indessen war Weinsberg erstürmt. Das war der erste Schlag für den Rath. Die Bäurischgesinnten in der Stadt erhoben das Haupt; sie waren unter den mit dem Rath Unzufriedenen jedoch noch immer eine kleine Zahl. Diese ließen an Georg Metzler und 12Jäcklein wissen, sie sollen eilig auch vor Heilbronn ziehen, sie wollen ihnen schon herein helfen. Laut ließen sie sich in der Stadt selbst hören. »Wo sie der Rath nicht einließe, wollen sie die großen Köpfe über die Mauern hinaus werfen.«

Der Rath, der sonst gleich mit der Strenge zur Hand war, wagte jetzt nicht, die Trotzigsten, die Ungehorsamsten zu greifen. Einer der Bürger ging geradezu ins Bauernlager. Wartet, sprach er, ich will euch weisen, wo das Geld im Heilbronner Rathhaus liegt. Schon einige Stunden nach Jäckleins blutiger That kam die Gewißheit nach Heilbronn herein, daß nicht nur »alle vom Adel und dem reisigen Zeug im Flecken Weinsberg erstochen seien, sondern sogar seine Gnaden, der Herr Graf Ludwig von Helfenstein, selb vierzehn durch die Spieße gejagt.« Bundesakten Fasc. 92. Nr. 11. Das war der zweite Schlag für den Rath. Er sandte eine Botschaft hinaus ins Bauernlager, anzufragen, was man sich zu ihnen zu versehen habe. Die Hauptleute der Bauern antworteten: Die Herren des Raths zu Heilbronn sind wider uns; sie müssen bald weich werden. Wir wissen wohl, wie wir mit der Gemeinde stehen. Sagt euern Herren, sie sollen das Beste drinnen in ihrer Stadt thun; wir wollen dessen hieaußen auch thun. Bundesakten Fasc. 91. Nr. 26.

Auf diese Botschaft hielt der Rath Sitzung mit dem Ausschuß: die Gemeinde hatte ihn bereits vermocht, gemäß ihrer Artikel nichts mehr ohne ihr Wissen und ohne ihren Willen zu thun, und ihm einen Ausschuß an die Seite gesetzt. Bundesakten Fasc. 91. Nr. 26. Die ganze Gemeinde wurde auf den Markt zusammen berufen und der Rath ließ ihr vortragen, was ihm auf seine Anfrage von den Bauern entboten worden, und wie daraus ein Jeder zu vernehmen habe, weß Sinns sie wären. Darum wäre eines Raths ernstliches Ersuchen und Ermahnen an die Gemeinde, daß sie bedenken wollen, wie sie kaiserlicher Majestät, dem löblichen Bund zu Schwaben, und auch einem ehrbaren Rath verpflichtet seien, und daß sie thun wollen als fromme Biederleute. Das wolle der Rath auch thun. Sie sollen allda von Neuem zusammen schwören, ob dieser kaiserlichen Stadt 13zu halten, und Leib und Gut beieinander zur Rettung zu geben, und Niemand einzulassen. Zu solchem Schwur solle ein Jeder die Finger aufheben. Die Rathsherren hoben zum Schwur die Finger auf, sich gegen den Weinsberger Haufen, mit Gottes Hülfe, wie fromme Leute setzen zu wollen; und auch aus der Gemeinde hoben sich Finger auf zum gleichen Schwur, doch nur theilweise. Bundesakten Fasc. 91. Nr. 7. Fasc. 92. Nr. 1.

Um zu sehen, wie weit es der Gemeinde Ernst sei, stellten sie sie auf die Probe, und forderten sie auf, gegen einzelne Rotten, die zwischen Weinsberg und dem Heilbronner Gebiet hin- und herzogen, auszufallen. Da rief man dem Rath entgegen, sie wollen nicht wider die Bauern thun; es habe mancher einen Vetter und Verwandten darunter, und es seien alle christliche Brüder. Aus dem Haufen hörte man sogar Stimmen, es thue kein gut, man werfe denn den Rath über das Rathhaus hinab und handle mit den Herren, wie zu Weinsberg, und jage sie durch die Spieße. Luz Taschenmacher und der Flammenbeck riefen, sie wollen die Schlüssel zur Rechenstube, wo die Stadtkasse war, zur Hand nehmen; sie wollen auch wissen, was da sei. Eine Rotte stürmte auch unter Geschrei: »stecht die Bösewichter drinnen zu todt!« die Rathhaustreppe hinauf, bis in die Rathsstube: Da trat Doktor Lachmann, der Freund Melanchthons, der Reformator Heilbronns, der Prediger an Skt. Nicolaus, unter sie; der Rath hatte ihn gerufen, und es gelang der Macht seines Wortes und seiner beliebten Persönlichkeit, die Stürmischen zu beruhigen und zu entfernen.

Schon zu Neckarsulm waren viele Bürger im Bauernlager gewesen, und hatten bei ihrer Zurückkunft nicht genug zu sagen gewußt, wie die Bauern mit so großer Macht daher ziehen, daß sie wohl nicht zu bewältigen wären. Bundesakten Fasc. 98. Nr. 8. Nach Weinsberg liefen noch mehr hinaus, die meisten der Verschworenen; manche der Letztern waren auch mit am Sturm, und in den wenigen Tagen vom Charfreitag bis zum Ostertag hatte die bäurischgesinnte Partei in der Stadt schnell die entschiedene Oberhand erhalten. Als ein großer Theil Bürger den Eid, gegen die Bauern fechten zu wollen, verweigerte, da traten einige vom Rath unter sie. Wie, wollt ihr nicht schwören, rief 14einer von der Ehrbarkeit unter einen solchen Haufen hinein. Nein, entgegnete Hans Bissinger, wir wollen nicht schwören; wir sehen nicht, wie die Sache eine Gestalt hat. Was sollt es für eine Gestalt haben, fuhr der Ehrbare fort; wollen wir nicht Leib und Gut bei einem Rath und einer Gemeine setzen? Ich will's aber noch nicht thun, rief Bissinger, ich weiß denn zuvor, daß der Rath die Artikel angenommen. Was Artikel? sagte Conz Weißbronner; wollen wir nicht Gutes und Böses mit einander nehmen? Ich nicht, rief Bissinger; ich will's nicht thun, bevor ich jenes weiß. Mit Flüchen ging Weißbronner hinweg; Drohungen folgten ihm aus dem Haufen Leonhard Münch, ein anderer von der Ehrbarkeit, machte noch einen Versuch: Hans Bissinger, sagte er, willst du nicht schwören? Bist du doch ein Rathsfreund gewesen, thue als ein Biedermann. Ich will nicht schwören, sagte Bissinger; weiß wohl, was ich Nachts geschworen habe. Wollen wir einander schlagen? rief Jung Hans Hoß, einer der erhitztesten Volksmänner. Bundesakten Fasc. 99 b. Nr. 1. und 2. Zu Conrad Stöffelder, der auch im Sinne des Raths sprach, sagte Hans Flux: Conrad, ihr habt da Worte getrieben, ich sorg', ihr habt damit ein Schwert in euch gestoßen. Hans Meng stellte sich unter die Weingärtner und sagte: Fahrt vor, ihr habt das Scepter in Händen. Bernhard Schultheis ging umher bei den Schwankenden und drückte mit Vorstellungen und Drohungen manche nieder, daß sie nicht schwuren. Beide Hoß riefen, man solle dem Rath nicht angeloben; wir wollten, daß, wer gelobt, erstochen werde. Erhard Egen rief: Ist keiner mehr da, der Rathsfreunde hat, Brüder oder Schwäger? der soll von dannen gehen. Es galt dies einem edeln Junker, der in der Nähe stand, und dem Niclas Krämer. Lieber, bleib, sagte der Letztere zu diesem, laß uns hören, was er wohl sagt. Der Sprecher fuhr fort: Wir wollen beide Räthe sitzen lassen und wollen eine Meinung fassen, wie sie uns gut dünkt, und wollen Einen nach dem Andern heraus gehen lassen und sie einzeln fragen, welcher bei uns stehen will; welcher es nicht thun will, den wollen wir entsetzen und Andere an die Statt setzen, und dann gen Augsburg und Ulm schicken und unser Verfahren darthun, und wollen es weislich 15angreifen. Die Gesellen, die zunächst um ihn standen, sagten, es wäre dies eine gute Meinung. Mir gefällt das überaus wohl, sagte Bernhard Schöll. Niclas, flüsterte der Junker seinem Freund in's Ohr, eile, sag' es dem Bürgermeister, wie es steht. Bundesakten Fasc. 99 b. Nr. 3. 4. 5. 7.

Der Unwille der Gemeinde war darum so groß, weil der Rath einerseits nicht auf jene ihre Artikel eingehen, andererseits sie über die Forderungen des Bauernheeres täuschen wollte; er wollte die Gemeinde glauben machen, die Bauern wollen über die Stadt kommen, während doch die mit ihnen einverstandenen Bürger der Gemeinde das Gegentheil versicherten, wie sie nicht an die Stadt, nur an die verhaßten, strafwürdigen Deutschherren wollten. Darum hörte man auch allenthalben aus der Gemeine das Geschrei, der Rath habe Lügen vorgetragen. Die Bauernmeinung ist nicht so, rief Hans Hoß; sie haben es uns selbst zugesagt. Ja, wir wollen einen neuen, einen andern Rath sehen, schrieen Hans Mergler und Barthel Aekerlein. Wollen zu den Bauern reiten, rief Andreas Schneckh, und den hellen Haufen herein holen. Man will uns hier kein Recht geben, rief Wolf Becker; wir wollen die Bauern herbeirufen. Ja, stimmte Wendel Rescher bei, lassen wir die Bauern ein; sie werden uns nichts thun. Ihr Herren, luget auf, sagte Ludwig Herzog zu den Abgeordneten des Raths, luget auf; werdet ihr nicht auflugen, wir wollen auflugen und euch noch oben zum Laden herauswerfen. Bundesakten Fasc. 99 b. Nr. 7. 9. 16.

Die Rathsherren, die nach ihrer eigenen Aeußerung, »nach Vollendung der mörderischen That zu Weinsberg voll Schrecken, Furcht und Angst waren,« Verantwortung des Raths vor dem schwäbischen Bund. Fasc. 196. verloren bei dem stündlich wachsenden innern Sturm immer mehr das Steuer aus der Hand.

Vom Markte zog sich die Opposition auf die Stuben der Weingärtner. Die Weingärtner, an deren Spitze Berthold Biedermann stand, wollten zünftig werden. Sie hatten schon vor der Frühmesse dieses Tages auf der Oberländer Weingartstube einen Rath gehalten und daselbst beschlossen, am andern Morgen wieder einen zu halten und von jedem Handwerk einen oder zwei zu sich zu nehmen, und 16dann mit dem Rath zu handeln. Am Abend nun sammelten sich hier wieder viele Weingärtner, und unter sie sah man die eifrigsten der Verschworenen, derer sich mischen, die zu dem evangelischen Bunde gelobt hatten. Besonders thaten sich Gutmann Tuchscheerer und Christ Scheerer hervor, und der Taschenmacher. Sie wollen den Rath oben heraus werfen und durch die Spieße jagen, das war die allgemeine Ansicht, die sich geltend machte. Sie hatten Thorwart und Wächter bestellt, um nicht überfallen zu werden. Die Weingartstube war ein wahres Arsenal von Wehren, Harnischen, Spießen, Büchsen, Hellebarden. Die, welche keine Wehr hatten, wurden von hier aus mit Waffen versehen. Das Wichtigste war, daß sie einen Ausschuß machten, und hinaus zu den Bauern nach Weinsberg schickten. »Was macht ihr droben im Rath?« ließ am Ostermontag Morgen Wolf, der Bäcker am Hafenmarkt, einen des dem Rath zur Seite gesetzten Ausschusses an: »daß euch Gottes Fleisch schänd'! wir haben nächtig uns einen rechten Ausschuß gemacht und zu den Bauern geschickt; der hat uns eine rechte Sache gemacht; es wird recht gehen.« Bundesakten Fasc. 99 a. Nro. 34. 31. Fasc. 99 b. Nro. 1. 17. 53.

Diejenigen, welche dem Rath Gehorsam und die Bauern abzuwehren gelobt hatten, mußten manche bittere Rede hören. Als man die Gräfin von Helfenstein nach Heilbronn herein führte, sagte einer zu den zuschauenden Weibern, sie sollen zu Nacht sehen, was komme; der Graf sei todt. Ja, sagte eine der Bürgerinnen, ihr seid auch deren einer, der auf der langen Schranne war; ihr redet allweg, was sie gern hören; also geht's zu, daß es uns auch gehen wird, wie denen draußen zu Weinsberg. Ihr, spottete Wendel Hiplers Frau, ihr habt gestern ein Ding gethan, Weiber hätten's nicht gethan. Und was haben wir denn gethan? fragte der Bürger. Was? rief die Hiplerin, da habt ihr euch zu einem solchen Eid zwingen lassen. Ich, sagte der Ehrbare, ich habe dazu geholfen, daß es dahin kam. Ja, sagte die Frau, sie haben recht gerathen; sie haben euch auf die Fleischbank geben, verrathen und verkaufen wollen. Bundesakten Fasc. 99 b. Nr. 10.

Leonhard Weldner und andere Bürger hatten in der Osternacht 17auf ihre eigene Faust Wachfeuer auf den Gassen unterhalten, Bundesakten Fasc. 99 a. Nr. 32. und sich nichts um die Befehle des Obersten, Hans Schulterlins, gekümmert. Am Ostermontag kümmerten sich nur noch Wenige in der Stadt um den Rath. Man hörte Drohungen, denen, welche geschworen, gegen die Bauern zu fechten, müsse man die Hände abhauen, daß sie sie im Busen heimtragen. Bundesakten Fasc. 99 b. Nr. 16. Mathias Gunther sagte: Ja wir wollen ihnen Recht thun; es wird erst gelten; unser Glück will sich anfahen; und die Böswichtsbuben, die uns lang betrogen haben, da kommt ihr Ding recht an den Tag. Nun will ich gerne leben. Lieber Mathias, sagte Kunz Weißbronner, rede nicht so; du hast so viel zu verlieren, als ich. Sei es drum, entgegnete Gunther, es muß sein. Bundesakten Fasc. 99 b. Nr. 1. Denen, welche wachten, wurde Wein auf Rathskosten gereicht. Trunkene kamen und verlangten mehr und immer mehr. Liebe Freunde, sagte Conrad Schreiber, einer des Raths, ich meine, ihr solltet genug haben; habt ihr aber nicht genug, gehet hin, holt in meinem Hause, von welchem Faß ihr wollt. Hans Nadler, der vorüber ging, sagte: wir sch... dir auf deinen Wein. Als Conrad Schreiber hinaus ging und die Thorriegel schloß, sagte Hans Nadler zu ihm: »Sieh, Herrlein, meinst du, daß die Stadt an dir allein stehe? Deine Herrschaft ist aus; es werden andere Leute herrschen, daß euch! es wird sich anders schicken.« Der Rathsherr ging und antwortete kein Wort. Das mein ich auch, sagte Hirsch Wendel, sie werden nicht lange mehr Herren sein; es wird anderlei. Bundesakten Fasc. 99 b. Nr. 19.

Unter dem Thore, das Weinsberg zuführte, sah man Gruppen von Männern und Weibern, und es war großes Geschrei. Im Wortwechsel wurde ein Bürger von einem andern mit dem Spieß gestochen, und wie man hinsah, lag er in seinem Harnisch zu Boden, ohne Leben, todt. Bundesakten Fasc. 99 a. Nr. 8. Der schielende Gleßer, ein Weingärtner, stellte sich auf eine Schranne vor dem Thore. Was macht ihr? rief ihn Conrad Weißbronner, der Rathsherr, an; seht ihr nicht, 18daß die Feinde nicht weit sind? Wie stellt ihr euch? sagte der Weingärtner. Wie sollt ich mich stellen? ist es denn nichts? entgegnete der Rathsherr. Es ist auch nichts, sagte Gleßer; kommt doch Niemand, denn die Bauern. Und vor wem, fuhr Weißbronner auf, dürfen wir uns sonst fürchten, denn vor den Bauern? Wer sind sie denn? versetzte Gleßer; sind es nicht auch gute Leute? Ich trau' ihnen nicht, sagte der Ehrbare. Wer nicht traut, antwortete der schielende Weingärtner, dem ist auch nicht zu vertrauen. Ich traue dir nicht, sagte der Rathsherr. Mein' ich's doch auch gut, rief Gleßer. Ja du meinst's so gut, als man wohl weiß, murmelte jener. Um Weiteres zu verhüten, flüsterte Hans Berlin sorglich Weißbronner zu: Stille! hab' ich dir nicht vor gesagt, du sollst schweigen? Weißbronner hatte zuvor schon das Volk gereizt und Ursache, jetzt zu schweigen und zu gehen. Als der unter dem Thore erstochen wurde, hatte er sich vernehmen lassen, es sei ihm recht geschehen; wenn der Buben nicht ein Dutzend oder zwei erstochen werden, thu es nicht gut. Als dieses Wort aufkam, entging er nur durch Warnungen den Volksrotten, die sich vor seinem Hause bildeten und ihn erstechen wollten. Bundesakten Fasc. 99 b. Nro. 1.

Indessen saßen und rathschlagten die Rathsherren, während ein Theil von ihnen fortwährend, die Vertheidigung an den Thoren und auf den Mauern zu leiten, umher lief. Sie fanden überall wenig Willigkeit und viel Spott, besonders bei den Weibern. Ei, sagte Christ Scheerers Tochter, wie dürfen die Leute also wimmern? man wird keinem Armen etwas thun; nur Endres Müller und Hans Rieser, solche Reiche, wird man erstechen. Als eine Bürgerin, Gutmanns des Alten Hausfrau, Pulver und Steine auf die Mauer tragen wollte, schrieen die andern Weiber: Willst du uns unsere Steine liegen lassen? Zu derselben sagte eine Bäurin von Frankenbach: Liebe Frau, mir trommelt mein Ohr; eure Bürger haben den Bauern zugesagt, wollen 500 stark kommen und gut Geschoß mitbringen. Und als die ehrbare Frau ihr Ohr neigte zu dem, was ihre Taglöhner von der Weinsberger Geschichte redeten, mußte sie hören, wie der eine sagte: Hätten die Herren früher aufgeschlossen, wär' ich hinausgekommen; und hätt' ich eine Wehr gehabt, wollt' 19ich auch in den Grafen gestochen haben. Und was wolltest du ihn zeihen? fragte die ehrbare Hausfrau. Ei, sagte der Taglöhner, man muß den Schandbuben also thun; sie wollten es uns haben gethan; ist besser, wir thun es ihnen. Bundesakten Fasc. 99 a. Nro. 20. Anna Lieb rief: Meinen Bauern, denen habe ich Kraut hinaus tragen, und wenn sie herein kommen, hätten wir Arme alle genug von den Bauern. Bundesakten Fasc. 99 a. Nro. 19. Und die Mühlbacherin sagte: Wir sollten den Herren Mist zutragen? wenn einer selbst vor dem Thor läge, wollt' ich ihn davon reißen. Bundesakten Fasc. 99 b. Nro. 9. Als die Büchsenschützen mit Trommeln und Pfeifen umzogen, entstand in den entfernten Gassen ein Geschrei: Die Bauern kommen! Als es hieß, es sei nichts, es ziehen die Schützen um, schrie einer: Nein, es sind die Bauern; ich wollt', daß 16,000 Bauern hierinnen wären.

Als der Rathsherr Andreas Müller in des Raths Namen gebieten wollte, rief Jörg Krapf: Ich sch.. dem Rath auf's Maul! Hans Nestler stand unter seiner Thüre und sagte fluchend: daß sie im Rath drinn das und das ankäm, mit ihrem Sitzen und Rathen! zog seinen Gaul hervor, ritt dahin und sagte: da innen will ich nicht bleiben. Bundesakten Fasc. 99 b. Nro. 7. Zu Roß und zu Fuß gingen viele mit ihm hinaus, Peter Kober, der Seiler, brachte den Bauern Zündstricke hinaus; er war einer der Fünfzig, die im Ausschuß im Rath saßen. Zwei Andere brachen den Pulverthurm auf, nahmen zwei Kübel mit Pulver und liefen damit hinweg und hinaus. Der Pfeil von Stein rief beim Hinausgehen: Hie Bundschuh! Des Altbürgermeisters Diegels nachstrafende Worte verhallten im Wind. Andere Bauern, die noch in der Stadt in Arbeit gestanden waren, thaten sich auch hinaus. Hans Mantel sagte: Die Bauern werden eine Theurung machen. Hans von Eger, der es hörte, antwortete: Es dürfte, dächt' auch, geschehen. Daß euch! sagten die Bauern; ihr Schmeerbäuch! wir müssen euch anders taufen; Skt. Velten geh euch an! Bundesakten Fasc. 99 b. Nro. 19. 9. 7.

Als bekannt wurde, daß die Bauern die geistlichen Häuser in 20der Stadt strafen und einnehmen wollen, riefen viele, man solle diese geistlichen Höfe selbst einnehmen. Christ Weyermann, Leonhard Weldner und Matthias Gunther bearbeiteten dahin namentlich die Weingärtner. Die Weingärtner waren durch die Drohung der Bauern, die Weingärten aushauen zu wollen, besonders betheiligt. Nein, rief einer, eh' ich mir einen Stock wollt' aushauen lassen, eh' wollt' ich mit meiner Hausfrau die Stadt aufgeben. Bundesakten Fasc. 99 b. Nr. 1. Schlagt um, schlagt um, schrieen sie den Trommelschlägern zu, die sie an sich gezogen hatten. Die Trommeln wirbelten, die Weingärtner zogen auf den Markt; sie wollten Gemeinde halten. Man solle und müsse, hieß es, die Höfe selbst einnehmen; es seien viele arme Leute in der Stadt. Bundesakten Fasc. 99 a. Nr. 31. Fasc. 99 b. Nr. 20. Man solle, hieß es, den deutschen Hof den Oberländer-Weingärtnern zu einem Zunfthaus geben, das Barfüßerkloster den Unterländern, den Schuhmachern unserer Frauen Haus. Es kam für's Erste zu keinem Schluß, und schon zeigten sich einzelne Schwärme der Bauern an den Thoren. Fohenloch, genannt Mönch, einer der Bürger, hatte zwar denen zu Weinsberg draußen versichert, man solle fröhlich vor Heilbronn ziehen, Thür und Thor stehen offen. Bundesakten Fasc. 99 a. Nr. 31. Sie fanden sie aber verschlossen, weil es dem Rath gelungen war, sie zu schließen, nachdem draußen war, was hinaus wollte. Auch die Mauern waren mit Bürgern und Knechten besetzt, Bauern-Freunde und Feinde unter einander. Auf einem der Thürme stand der Edle, Martin von Zeyten, neben ihm Caspar Heller. Was will man nach den Bauern schießen? sagte dieser. Ich wohl, sagte der Junker. Welcher es mit den Bauern hat, der, wollt' ich, wäre lieber bei ihnen draußen, und es sollte keiner herauf gehen, er wäre denn herauf beschieden. Ich bin auch ein Bürger, sagte Caspar. Da zogen etliche Bauern am Graben hervor. Morgen, rief einer herauf, will ich Bürgermeister in der Stadt werden. Das wolle Gott nicht, erwiderte der Junker; ich wollt' euch eher hängen. Ei, ihr Schmeerbäuche, versetzte der fremde Bauer, ihr wollt uns nicht einlassen? die Armen ließen uns gerne ein. Da kam Albrecht Boppel, ein Heilbronner Bürger, von den 21ärmsten, dazu; er hatte, als er aus der Stadt ging, nichts verlassen, als ein Weib und vier kleine Kinder, ein altes Bett, eine Kanne und einen Krebs. Inventarium, Fasc. 95 b. Wohlan, Martin, rief er, ich will dir an die Rede denken, wenn wir hinein kommen. Der Junker erschrack dessen und ging hinein. Wenn du einen Schuß gethan hättest, sagte Thomas Dieppach zu ihm, hätte man dich über den Thurm herab geworfen, wie den Dietrich von Weiler. Bundesakten Fasc. 99 a. Nr. 4. Ein keckes Weib, Claus Greßlins Frau, warf einen, der den Bauern feindlich sich zeigte, wirklich von der Mauer herab. Bundesakten Fasc. 99 b. Nr. 9. Meine Büchse, sagte Bernhard Seiz, schießt keinen Bauern. Andere luden ihre Büchsen mit Papier. Simon Herzog, ein reicher Bürger, trieb es am andern Tag, als man mit den Bauern vor der Stadt handelte, so weit, daß er sein Wasser in das Pulver abschlug. Nun, sagte er zu dem neben ihm stehenden Bürgermeister, gefällt's dir jetzt, daß die Bauern einreiten? Wie siehst du? sagst du noch, sie müßten als Kranich' über die Mauer herein kommen? Sieh, jetzt mußt du sie dennoch einreiten lassen. Bundesakten Fasc. 99 b. Nr. 10.

Als die Bauern von Weinsberg herzogen, riefen ihnen die Heilbronner, die in den Weinbergen hackten, zu: Gehabt euch wohl, liebe Freunde; wir werden bald nachkommen.


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