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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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Fünftes Kapitel.

Die Erhebung der Tyroler.

Waren schon die Verhältnisse der Bauern in der Steyermark und in den andern österreichischen Herzogthümern sehr verschieden von denen anderer Lande des Reiches; so waren die Verhältnisse Tyrols und der Tyroler Landleute vollends eigenthümlich. Hier war in so vielen Dingen Alles so unendlich anders, als bei den Bauern Thüringens, Frankens, Schwabens, und doch entbrannte hier so großartig und zugleich so heftig als irgendwo der Volkskrieg. Von eigentlich ackerbauenden Bauern und den Lagen und Beweggründen, wie in den ebengenannten Landen, konnte in Tyrol nicht die Rede sein. Dieses Hochalpenland mit seinen wilden Bergbächen und Strömen war von jeher kein Ackerland, da die Felder darin selten sind, wo der Pflug bequem durch Stier oder Pferd durchgezogen werden kann, und der Anbau fast alles Bodens auf Menschenhände gewiesen ist. Vom Frühling bis zum Herbst weidet das Vieh auf den Almen, aber es macht die Tyroler nicht reich, weil Viehzucht und Ackerbau nicht 254wie anderswo in enger Wechselwirkung stehen. Man kennt die Wildhäuer, die über furchtbaren Tiefen am Seil gehalten ein Stück Futter für ihr Vieh von den Felsenwänden abmähen. Wäre er nicht genügsam, der Tyroler wäre von jeher eher arm zu nennen gewesen, als wohlhabend. Aber reich war er von jeher an Freiheit, an urdeutschen festen Rechtsverhältnissen. Auf der Gränze zwischen Deutschland und Italien, stets berührt von den großen geistigen und politischen Kämpfen des Mittelalters, war Tyrol durch seine örtlichen Verhältnisse, wie durch günstige andere Umstände frühe zum Genuß einer schönen Freiheit gelangt. Mächtige Herrengeschlechter starben frühe aus, es saß nicht auf jedem Vorsprung ein neuer Herr, und die Fürsten, welche die verschiedenen Landschaften unter ihrer Herrschaft vereinigten, begünstigten die Selbstständigkeit des Bauernstandes sehr. Zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts schon fand sich der hohe und niedere Adel im Lande in geringer Zahl. Auch geistliche Stifter und Prälaturen gab es wenige; hier gehörte nicht, wie anderswo, mehr als die Hälfte des Grund und Bodens und der Einkünfte Aebten und Bischöfen, und geistlicher und weltlicher Druck fand in diesen Hochalpen nie längere Zeit sein Fortkommen. Die Fleimser Thalleute hatten eine Urkunde schon aus den ersten Jahren des zwölften Jahrhunderts, welche sie von gewissen Zöllen und Abgaben befreite, und später, namentlich seit die Landleute des Oberinnthales für den vom Kaiser Sigmund geächteten Herzog Friedrich sich bewaffnet erhoben, und ihn schirmten, waren die österreichischen Fürsten freigebig mit Freiheiten und Rechten an das treue Tyroler Volk, und dieses hing mit Liebe an ihnen, und dachte nicht daran, sich unabhängig zu machen, als die Schweiz sich unabhängig machte, so nahe sie daran gränzten und so leicht es ihnen gewesen wäre. Die Zahl der Leibeigenen war hier schon seit Jahrhunderten klein, und die Leibeigenschaft selbst milder als irgendwo. Die Wittwe mit ihren Kindern erbte den ganzen Nachlaß ihres Mannes, die Herrschaft erhielt nichts als einen Ochsen; und das Grundstück, das der Leibeigene baute, war ihm und seinen Nachkommen zu Erb- und Baurecht verliehen. Bei weitem der größere Theil saß als Eigenthümer auf seinem Grund und Boden, oder war er doch im verbrieften Erbbesitz und zahlte mäßige Abgaben und Leistungen. Der 255Bauer konnte Güter des Adels mit allen darauf haftenden Rechten erwerben, und hatte Sitz und Stimme auf den Landtagen wie der Edelgeborene. Auch die Gerichte besetzten sie aus sich selbst, jedes Jahr traten vier Richter von Zwölfen aus und vier neue ein, und was sie zahlen mußten, wurde nur so gezahlt, wie es in den alten Büchern verzeichnet war, oder wie es von ihnen verabschiedet wurde. Adeliger Uebermuth durfte sich hier nicht hervor wagen; einige Dynasten, welche von den Bauern als von ihren Unterthanen sprechen wollten, wurden von den Landleuten gerichtlich belangt. Aber auch gegen die Landesfürsten standen die Landleute in Waffen, sobald diese ihren Rechten zu nahe traten, und sie hielten hierin so zusammen, daß, wenn eine Gemeinde in ihren Freiheiten verletzt wurde, alle Gemeinden sich verletzt fühlten, und, wenn die im Süden aufstanden, die im Norden ebenfalls den Gehorsam weigerten.

Schon in Kaiser Maximilians letzten Jahren hatte sich in Mancherlei, was er sich erlaubte, die Liebe der Landleute zu ihm erkältet: als Carl V. und Erzherzog Ferdinand und die spanischen Räthe kamen, wurde die längst schwierige Stimmung des Volkes zum Ausbruch getrieben.

Schon in der Zwischenzeit, welche zwischen dem Tode Maximilians und der Ankunft Carls V. in Deutschland verfloß, kam es zu Unruhen. Die Tyroler Landleute klagten, auf den Landtagen sei ihnen vieles zugesagt, aber wenig gehalten worden. Sie litten besonders auch unter dem Wildschaden. Darum gingen sie jetzt hinaus und schossen das Wild haufenweis in den Wildbahnen zusammen. Das ohne Maß gehegte Wild, sagten sie, könne man durchaus nicht länger leiden; auch habe der Kaiser es sterbend ihnen preisgegeben. Das österreichische Regiment zu Innsbruck rief die Ausschüsse ein, erlaubte Jedem auf seinem Grunde das Wild zu jagen und zu schießen, wählte aus dem Unter- und Oberinnthale eine Zahl Landleute aus, und schickte sie als Kommissarien in die Thäler, »um dem gemeinen Mann den rechten Verstand der Landtage zu geben.« Der gemeine Mann aber war durch Adel und Geistlichkeit, die sich gerade jetzt wie überall mehr herausnahmen, so verbittert, daß die Kommissarien zu Imst im Oberinnthal vor den sie umringenden Landleuten ihres Lebens kaum sicher waren, und an einem andern Ort einer auf den 256Tod wund geschlagen wurde, weil er das Aussehen eines adeligen Herrn hatte. Aus den Landgerichten von Steinach, Sterzing, Schönegg, Gulidaun und aus dem Gebiet des Gotteshauses Brixen traten viele in einen Bund zusammen, und wer ihnen dawider redete, war seines Lebens nicht sicher. Auf der Straße und bei den Städten selbst fand man Leute erschlagen, die sich den Haß des Landvolks zugezogen hatten. Die im Eisakthal verweigerten geradezu die Huldigung. Es sammelten sich um Pfingsten 1520 bis in die 800 Tyroler Landleute an der Eisak, und zogen mit fünf Fähnlein auf den Bischofssitz Brixen, überfielen die Stadt und plünderten die Häuser der Geistlichen. Auch in den Bergwerken war große Irrung, besonders in den Bergwerken zu Schwatz. Die Bergleute daselbst hatten gegen 40,000 Gulden rückständige Gelder zu fordern, die sie nicht erhalten konnten. Das neue Reichsregiment legte vielmehr eine Steuer um, welche die Mißstimmung noch vergrößerte. Bericht des Bischofs Bernhard von Trient an Erzherzog Ferdinand.

Bald darauf fand auch die neue Lehre Eingang in die Tyroler Alpen. Die Tyroler waren von jeher ein religiöses Volk, und die neue Predigt war auch hier für die Dürstenden ein anderer Brunnen, als was die tief herabgekommenen Welt- und Klostergeistlichen meist bisher geboten hatten. Man wehrte von Oben her und verfolgte; darüber kam es zu Reibungen. Im Jahre 1523 wurde der österreichische Hauptmann Georg Püchler von Weidegg zu Persen erschlagen. Um diese Zeit hatte das Evangelium schon viel Boden in Tyrol gewonnen, besonders unter den Bergleuten. Die Tyroler Bergleute waren nicht nur mit denen im Salzburgischen, sondern auch mit denen in Meissen im Verkehr, und Luthers und anderer Reformatoren Lehre und Schriften kamen so zu ihnen. Am lebendigsten war der Eifer dafür bei den Knappen im Unterinnthal. Zu Schwatz predigte der in der Reformationsgeschichte bekannte Johann Strauß und neben ihm Christoph Söll; zu Hall, nur wenige Stunden von Schwatz, der gleichfalls bekannte Urbanus Regius. Der letztere wurde zu Hall, wie Schappeler zu Memmingen jedesmal von einer bewaffneten Schaar seiner Anhänger zur Kirche begleitet, und bald sah man einen Barfüßermönch zu Hall seine Zelle verlassen und sich zu Schwatz als Bergarbeiter verdingen, um sein Brod nach der 257Schrift im Schweiß seines Angesichts zu verdienen. Jener Strauß sprach mit großer Freimüthigkeit über die Fürsten und Großen, ihre Laster und ihre Pflichten; davon, wie nach der ewigen Weisheit ein jegliches Reich durch die Eigennützigen zu Grunde gehen müsse; davon, wie ein Christ an die heidnischen Rechte der Juristen nicht gebunden sei, und wie es die brüderliche Liebe fordere, von einem Darlehen keine Zinse zu nehmen; zu wuchern sei dem christlichen Glauben entgegen; ja er stimmte mit dem württembergischen Prediger Doktor Mantel darin überein, daß das alte Jubeljahr der mosaischen Gesetzgebung auch jetzt noch gültig sei, und im ganzen gesellschaftlichen Leben gar Vieles einen andern Gang nehmen müsse. Aus den eigenen Predigten des Johann Strauß.

Die Reichstagsbeschlüsse gegen Luther und die neue Lehre, die auch in Tyrol von der Kanzel verkündet und öffentlich angeschlagen wurden, hatten zwar die Folge, daß diese Prediger Tyrol verließen und mit ihnen viele, die der neuen Lehre anhingen. Aber zu Ende des Jahres 1524 schon, und noch mehr in den ersten Monaten des Jahres 1525 drangen die Wiedertäufer in Tyrol ein, und besonders im Etschlande, und in den welschen Thälern tritt die Wirksamkeit der Emissäre Thomas Münzers unverkennbar hervor. Im Unterinnthale war es wieder Schwatz, wo die Wiedertäufer sich festsetzten, und von wo aus sie wirkten. Vertreibungen, Verhaftungen durch die österreichische Regierung blieben nicht aus; aber in Schwaben, an der Gränze Vorarlbergs und Tyrols brach der Bauernkrieg aus, und die von den schwäbischen Bauern ausgesprochenen Artikel fanden einen kräftigen Wiederhall in den Tyroler Bergen, im Süden wie im Norden.

Da sah man die Gemeinden zusammentreten, und wie freier Männer Art es ist, ruhig und besonnen auch ihre Beschwerden besprechen, aufsetzen, der Regierung vorlegen.

Die von Tauer und Rattenberg sprachen in ihrer Beschwerdeschrift voll Vertrauen zu dem Erzherzog: »Nachdem das Wort Gottes bisher mit Menschenlehre verdunkelt worden ist, so daß wir dadurch des Eingangs in die Seligkeit in große Gefährlichkeit gekommen sind, jetzt aber solch göttliches Wort lauter, klar und unvermischt an den Tag kommt, die aber, welche demselben anhängen wollen, verfolgt, 258und auch aus dem ungleichen gottlosen Verstand, den die eigennützigen Prediger dagegen einführen, in Irrsal geführt werden, so daß der einfältige Mensch, nicht wissend, welchen er anhängen und nachfolgen solle, in Conspiration und Aufruhr bewegt wird: so ist unsere unterthänige Bitte, Ew. fürstliche Durchlaucht wolle zulassen, daß wir allenthalben bei unsern Kirchen um gelehrte gottesfürchtige Männer uns umsehen mögen. – Gott wird dann seinen Zorn wieder abwenden und allen einen gleichhelligen Verstand geben. Wir hoffen, Ew. fürstliche Durchlaucht werde geneigt sein, uns von dieser Menschenlehre zu erledigen.«

Ihre einzelnen Artikel, deren es neunzehn an der Zahl waren, betrafen theils kirchliche, theils bürgerliche Beschwerden. Sie verlangten Freilassung aller derer, die um des Evangeliums willen verhaftet, Zurückrufung aller, die aus dem Land geflohen oder vertrieben wären; den Geistlichen solle ihre weltliche Gewalt abgenommen werden, und die Gemeinden nach Rath der verständigsten Männer in der Pfarrei sich ihre Prediger selbst setzen und entsetzen dürfen. Regiment, Pfleger und Obrigkeit im Lande sollen mit guten, ehrbaren, verständigen, vermöglichen Landleuten besetzt werden. Auf den Landtagen sollen sich Städte und Gerichtsleute frei über ihre Angelegenheiten unterreden können. Jede Herrschaft solle gutes Aufsehen auf die Uebelthäter haben. Jeder solle das Recht haben, das Rothwild zu verjagen, und das Geflügel, das Wild und das fließende Wasser solle frei gegeben werden. Dabei brachten sie eine Reihe gewichtiger Beschwerden zur Sprache: gegen den fortwährenden Durchzug fremden Kriegsvolks durch ihr Land und die fremden Besatzungen auf ihren Gränzen; gegen Ab- und Aufzug, welche die Grundherren auf den Gütern zu haben vermeinen; gegen zu hohe Zinse, die sie an den Bischof von Augsburg entrichten müssen; gegen die freie Ausfuhr der Trienterweine, denn die Trienter müssen mit ihnen reisen, steuern, heben und legen; gegen die neuen Weg- und andere Zölle; gegen die Herren, die beim Beizen über die Aecker reiten, die doch im Lande so schmal seien; gegen Siegel- und Schreibgelder; gegen das Advoziren und den Weinschankumtrieb der Richter und Gerichtschreiber; gegen die Herrschaften, welche streitende Gemeinden hindern, sich untereinander zu vertragen, ohne die Geschworenen Strafen 259ansetzen, und dem armen Manne gleich das Recht vorschlagen; gegen ungerechte Einzüge des Zehnten, der von Einigen zweimal des Jahres gefordert werde; endlich gegen die Fugger und andere privilegirte Handelsgesellschaften, welche durch ihre Vorkäufer eine solche Theurung hervorgerufen, daß mancher Artikel in kurzer Zeit von achtzehn Kreuzern auf einen Gulden gestiegen sei. Handschriftlich in der Sammlung des Prälaten von Schmid.

Als die nächste und größte Ursache ihrer Versammlung gaben sie an, der Schatzmeister habe Geschütz und Pulver zu Schiff wegführen wollen, und dies haben sie zu hindern gesucht. Wahrscheinlich fürchteten die Bauern, dieses Geschütz wolle gegen andere Bauern, ihre Brüder, gebraucht werden.

Erzherzog Ferdinand kam den Landleuten mit Bewilligungen entgegen, welche ein schönes Licht auf seine Person werfen würden, hätte er sie früher gegeben, und wären sie ihm nicht durch den Drang der Umstände offenbar nur abgenöthigt gewesen. Erst kürzlich noch hatte er zu Regensburg sich zur Unterdrückung des göttlichen Wortes mit den Päbstlichen verbündet, die strengsten Maßregeln verabredet und mehrfach zur Ausführung gebracht. Mit allen Regensburgern Beschlüssen und mit sich selbst im Widerspruch, erklärte er jetzt diesen Tyrolern, er wolle bei geistlicher und weltlicher Obrigkeit ernstlich verordnen, daß ehrbare, geschickte und fromme Priester zu Predigern verordnet würden, die das lautere, klare Wort Gottes nach christlichem Verstand, nach dem Text, zu der Liebe Gottes und des Nächsten, dem gemeinen Mann verkünden. Wo sie aber unter dem Schein des Evangeliums das Volk zu unchristlichem Verstand und Aufruhr anreizen würden, wodurch dann der gemeine Mann an Seele und Leib Schaden und Nachtheil erleiden müsse, so hoffe er, die Gemeinde werde ihm helfen, sie, wie recht und billig sei, zu strafen. Wegen der weltlichen Gewalt der Geistlichen solle mit andern Stücken auf dem gemeinsamen Ausschußtag der Erblande gehandelt werden, der auf Martini ausgeschrieben sei. Wegen der Fugger und der andern Artikel gab er die beruhigendsten Erklärungen; einige Forderungen wurden sogar sogleich erfüllt. Die wegen des Evangeliums Gefangenen wurden frei gegeben; der Durchzug der fremden Reiter, die noch hätten kommen sollen, abgestellt; das Geschütz, sagte er, 260sei nur zur Vertheidigung von Kufstein und Rattenberg gebraucht worden; streitenden Gemeinden wurde das Recht und die Macht zugegeben, sich untereinander gütlich zu vertragen; es wurde zugestanden, daß die Forstknechte vermindert werden müssen, daß durch Vogelherde nicht das Holz beschwert, beim Beizen keine Frucht zertreten werden dürfe. Einige Artikel wurden auf den Landtag ausgesetzt, und dort deren Abhülfe versprochen. In Betreff der Landtage selbst sagte er zu, es solle wie von Alters her gehalten und ein Jeder in seiner Nothdurft gehört werden. Das Regiment wolle er gemäß den Landesfreiheiten und so besetzen, wie es seine Vorältern gehalten haben. In Betreff der Besetzung der Gerichte gestand er zu, in Sachen, die Tyrol betreffen, müsse nach Gebrauch des Landes erkannt, aber wegen Appellationen aus den Vorlanden, wo das geschriebene kaiserliche Recht gelte, auch wegen der welschen und görzischen Sachen müssen einer oder zwei Doktoren der Rechte im Regiment sitzen. Bescheid des Erzherzogs, im Auszug bei Bucholz VIII, 328—29.

Auch die andern Landgerichte des Innthals trugen ähnliche Beschwerden und Forderungen vor, und erhielten die gleichen beruhigenden Erklärungen. Die meisten Forderungen waren auch leicht zu bewilligen: so verlangten die aus dem Landgericht Sonnenberg, es solle jedem Biedermann erlaubt sein, in seinem Haus Geschoß zu haben, damit in das Gebirg zu gehen und damit Wölfe und Bären zu schießen. Auch die Landgerichte anderer Thäler brachten nur untergeordnete örtliche Beschwerden und Wünsche vor. Die Mühlbacher im Eisakthale beschwerten sich über Holzhau an der Mühlbacher Klause, über einen Zoll, den der Pfleger fordere; darüber, daß ihnen ihr Jahrmarkt genommen sei, und die Ordnung, die durch den Gerichtsherrn zu Rodeneck, Michael von Wolkenstein, zu Stande gekommen sei, nicht beachtet werde, wie sich doch bei einem solchen Markt an der Landstraße, wo eine Niederlage von venetianischen und Reichsgütern sei, wohl gebührt hätte. Sie verlangten einen Wochenmarkt, zu Verhütung unbilligen Verkaufs, der zu Abbruch gemeinen Nutzens viel bei ihnen zu Berg und Thal geschehe.

Es ist klar, in einem bedeutenden Theile des Tyroler Landes waren die Beschwerden, so weit sie politischer Natur waren, keine 261hinreichenden Beweggründe zum Aufstand, und das Religiöse, das Kirchliche war bei Weitem die Hauptsache. Die Ausschüsse der Städte und Gerichte des Inn- und Wippthales, die zu Innsbruck zusammen traten, stellten auch das Letztere als die Hauptursache des Aufstandes voran. Es sei, sagten sie, in dem gemeinen Mann die Fürsorge erwachsen, daß man ihnen das Wort Gottes nicht lauter und klar, wie der Text vermöge, mittheile; es möge ihnen das Evangelium, wie das der Text anzeige, zu predigen gestattet sein, doch daß kein Prediger das zu Aufruhr und Ungehorsam auslege. An diesen ersten Punkt reihten sie als zweiten, der gemeine Mann habe die Geistlichen auf ihrem eigenen Nutzen gespürt und gefunden, daß sie ihre Gewalt mehr zu Erhaltung ihres Interesses, als zur Förderung des Wortes Gottes und des gemeinen Besten gebraucht haben.

Zwei weitere Punkte betrafen die vertrauten Regierungsräthe Ferdinands und das Gerücht, er wolle fremdes Kriegsvolk ins Land herein bringen, und das Land selbst verlassen, dann es durch das Kriegsvolk strafen. Der Erzherzog widerlegte dieses Gerücht; bewilligte ihr Begehren wegen des lauteren Wortes Gottes; erklärte, wegen der Geistlichen, besonders in Betreff ihrer Theilnahme an der Regierung, worauf die Ausschüsse auch angespielt hatten, sei der gemeine Mann nicht wohl berichtet; er wolle es aber dennoch dermaßen halten, daß sie sich billigerweise nicht beklagen sollen. Das Gleiche versicherte er namentlich in Betreff seines Schatzmeisters. Die Ausschüsse hatten über den Schatzmeister geklagt, derselbe, zu Anfang der Regierung Ferdinands noch eine geringere Person, und zudem ein Ausländer, habe allgewaltig und für sich allein alle Aemter nach seinem Willen regiert, wenig zum Nutzen und Frommen des Landes, aber so, daß er sich mächtig in kurzer Zeit bereichert habe.

Dieser Schatzmeister war der Spanier Gabriel von Salamanka, ein herrschsüchtiger, gewaltthätiger, habsüchtiger, eigennütziger Höfling, der sich ganz in das unbeschränkte Vertrauen des jungen Erzherzogs eingeschlichen hatte. Man war selbst in Madrid, wo der Kaiser sich aufhielt, mit Salamanka unzufrieden; die Tyroler hielten ihn bald für einen Juden, bald für einen Mahomedaner. Das Manifest der Südtyroler an die Vorderösterreichischen nennt ihn »den Böswicht Gabriel von Salamanka.«

262

Die Ausschüsse sagten auf des Erzherzogs Versprechen, alle obschwebenden Beschwerden auf dem nächsten Landtag zu erledigen, ihm zu, ein Aufgebot von 5000 bis 15,000 Mann zu Handen zu stellen, zur Dämpfung des Aufstandes, und sogleich an alle im Aufstand befindlichen Aemter Abgeordnete zu schicken, um ihnen das zu Innsbruck Verhandelte kund zu thun, und sie zu vermögen, ruhig den Landtag abzuwarten. Einer vom Adel, zwei von den Städten, zwei von den Landgerichten und zwei von den Bergwerken bildeten eine solche Abordnung. Sie fanden bei den meisten Gemeinden des nördlichen Tyrols Gehör; die Landleute ließen sich weisen, ihre Beschwerden auf den Landtag zu bringen, und bis dahin sich ruhig zu halten. Die Bergwerksverwalter zu Schwatz und das Landgericht Frondsberg, das oberhalb Schwatz liegt, erboten sich sogar gegen den Erzherzog, auf Anrufen mit ganzer oder halber Macht, sogleich auf zu sein, da sie ob solchem Aufruhr ein großes Mißfallen tragen. Der Erzherzog sprach ihnen dafür sein Lob und seinen Dank in einem eigenen Handbillet aus (20. Mai). Auch aus dem Pusterthal wurde Ruhe und Treue zugesichert; man erwartete viel von dem Landtag. Anders lautete es von der nordwestlichen Seite und vom Süden her.

Die nordwestliche Spitze Tyrols, das Vorarlberg, läuft weit in die schwäbischen Oberlande hinein, und wie geographisch von der Schweiz und vom Allgau, so wurde es nothwendig auch religiös und politisch durch die Bewegung dieser Landschaften zunächst berührt. In dem vorarlbergischen Landgericht Lingenau war es namentlich der Prediger Joseph Wylburger, der in münzerischem Geiste die Bauern mit seiner Predigt bewegte. Er habe lange genug gelogen, hörte man ihn sagen; die Messe komme Niemanden zu statten, als dem, der sie halte; statt der Beichte solle Jeder sich selbst vor Gott anklagen; geistlicher und weltlicher Obrigkeit bedürfe man nicht, sie alle seien Herren. Es gefiel ihnen, und sie schloßen sich an die Verbündeten der drei schwäbischen Haufen vom See, vom Allgau und vom Ried an. Sie nahmen nicht nur ihre Artikel und ihre Ordnung, sondern auch ihren Bann und Achtbrief an. In Haufen sammelten sie sich um Bregenz herum; man sah Pfähle schlagen vor die Häuser, deren Bewohner nicht Theil nehmen wollten, das 263unvermischte Wort Gottes und die göttlichen Rechte zu handhaben. Als die Abgeordneten von Innsbruck nach Bregenz kamen, und sie aufforderten, den Erfolg des Landtags abzuwarten, und sie fragten, ob sie den Anstand annehmen? erwiderten die Hauptleute des Bregenzer Haufens, sie werden in einigen Tagen mit 40,000 Mann die Antwort bringen.

Die Ehrenberger, welche dem Allgau eben so nahe lagen, betheuerten dagegen zu ihrem Fürsten Leib, Ehre und Gut setzen zu wollen, wo man ihn in der Grafschaft Tyrol angreifen würde; sie hören, man habe ihnen beim Fürsten nachgesagt, als hätten sie sich mit den Bauern empören wollen, davor aber möge Gott ewig sein und sie wollen bei ihrem Fürsten genesen und sterben. Nur darüber beschwerten sie sich, daß ihr Pfleger, Eberhard von Freiberg, ein Nichttyroler, und das Gerichtsschloß nicht mit einem Gerichtsherrn versehen sei. Sie begehrten, daß der Erzherzog die Klause mit einem besetzen solle, der in ihrem Landgericht, oder doch wenigstens im Lande Erb und Eigen habe, und daß auf dem Schloß ein Gerichtsherr sitze, der bei ihnen bleibe; auch forderten sie für die von Reuti das alte Recht zurück, sich auch ohne Pfleger versammeln zu dürfen. Ferdinand antwortete ihnen auf das Gnädigste und bewilligte Alles. Der Aufstand vom Süden her rückte ihm beängstigend näher.

Hier lagen die einzigen Hochstifte Tyrols, die Bisthümer Brixen und Trient, hier die Balley des Deutschordens. Wie überall, war auch hier das Volk am aufgeregtesten gegen die Geistlichkeit. Die Landleute in den Umgebungen der Stadt Brixen waren die Ersten, die sich zusammen thaten, sie zogen bewaffnet gegen die Stadt, der alte Bischof entfloh aus seinem Palast, die Landleute drangen herein und plünderten die Häuser der Geistlichen. Selbst bischöfliche Beamte schloßen sich den Landleuten an, namentlich Michael Geismayer, des Bischofs früherer Sekretär, jetzt Zollbeamter zu Klausen. Der Landkomthur der Deuntschordensballey an der Etsch wurde heimgesucht, und das deutsche Haus zu Bozen geplündert und zerstört. Die Vorräthe der geistlichen Herren an Lebensmitteln aller Art dienten dem Haufen wohl, und aus den vorgefundenen Geldern bildete Geismayer, den der Haufe zu seinem obersten Hauptmann erwählte, eine Kriegskasse.

264

Der Pfarrer auf Schloß Tyrol, der Abt von Mariaberg und andere geistliche Herren, wurden von dem Haufen besucht, und ihre Vorräthe mitgenommen.

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Michael Geismayer dem geheimen Bunde der Eingeweihten angehörte, und in Tyrol das war, was Wendel Hipler in Franken, Weigand, Hubmaier und so viele Andere in ihren Kreisen. Auf eine wirklich großartige Weise leitete Geismayer den Aufstand, seit er an dessen Spitze stand; sollte er seiner Vorbereitung fremd gewesen sein? Er führte eine starke Correspondenz, und als es gefährlich wurde, flüchteten die Seinigen vor Allem ein Kistchen mit Briefen, in denen gewiß die wichtigsten Schlüssel zu den geheimen Gängen der Volksbewegungen verloren gingen.

Die einzelnen Artikel, welche die Bauern an der Etsch aufsetzten, verlangten zwar mehr als die andern Gemeinden, doch waren auch sie sehr gemäßigt. Sie wollten, jede Gemeinde solle ihren Pfarrer setzen und entsetzen können; Zins Niemand mehr gegeben werden als dem Fürsten, im Grundzins ein billiges Einsehen gethan, der Zoll bei Ulten (Altenburg), wo sie hundert von fünfhundert hätten geben müssen, abgeschafft, Todfälle, Geding, Empfanggeld für immer abgestellt, Aufzug oder Ehrung mit einem Pfund Pfeffer gegeben, und Trienter Wein nicht mehr durch das Land gelassen werden.

Ihr thätliches Verfahren gegen die geistlichen Herren entsprach der Mäßigung dieser Artikel nicht, wie man überhaupt im ganzen Krieg nirgends nach den geschriebenen Artikeln die Stimmung und die Bestrebung der Haufen oder ihrer Führer messen darf. Unter den Geistlichen war es neben dem Bischof von Brixen der Bischof von Trient, Kanzler Bernhard Cles, gegen den man leidenschaftlich erbittert war.

Geismayer, der für sich selbst alle Tendenzen des revolutionären Bundes mit allen Grundsätzen der neuen christlichen Republik angenommen hatte, stellte mit vieler Klugheit bei den Tyrolern und Oesterreichern zu Anfang der Bewegung nicht diese in den Vordergrund, sondern er benützte die örtliche Erbitterung gegen die beiden Bischöfe, jenen Gabriel von Salamanka und den Geheimenrath des Erzherzogs, Fabri, und stellte die Bewegung als eine Erhebung aller guten Unterthanen dar, dem Fürsten und dem Volke zu gut, 265als ein Unternehmen zur Befreiung beider von den verhaßten landschädlichen Regimentsräthen. In seine Manifeste, worin er diese sehr populären Tendenzen ins Breite ausspann, wußte er geschickt die Fäden hineinzuspinnen, welche das Volk unvermerkt auf die Bahn der Revolution, der Republik ziehen mußten.

In einem Schreiben, das der Haufe Südtyrols, »die ganze Gemeine der Grafschaft Tyrol und Innthal an die Gemeine der niederösterreichischen Lande« erließ, und das den Gruß »Fried und Heil und brüderliche Eintracht in Christo« zum Eingang hatte, lautete es: Es sei der ganzen deutschen Nation gut Wissen, welcher Gestalt und Maß, Grund und Ursach, die gemeine Bauerschaft an viel Orten im Reich gegen ihre Obern sich erhoben und empört habe. Es seien nun auch in Folge der Regierung Fremder, von Spanien Gekommener und der Pfaffen viele Flecken der österreichischen Lande von ihrem Herrn und Landesfürsten und das hochberühmte Herzogthum Württemberg vom Haus Oesterreich abgefallen. Sie haben sich auch endlich entschlossen, aus trefflichen Ursachen und vor Allem der eigennützigen bösen verderblichen Regierung halber, sich auch unter andere Obrigkeit zu thun, oder ihrem Gefallen nach ein Regiment unter sich zu machen; jedoch aus herzlichem Mitleiden mit des edeln Fürsten Ferdinand und seines edeln Gemahls Jugend und Umständen haben sie, weil das eigennützige Regiment sie sonst alle erschöpfen und von dem Ihrigen dringen würde, daß ihnen nicht möglich wäre, sich weiter zu erhalten, unerschrocken an ihn geschrieben und ihm auch mündlich anzeigen lassen, wie das Land von vier Männern ganz zu deren eigenem Nutzen und dem Volk und dem Fürsten zum Nachtheil regiert werde. Diese seien die Bischöfe von Trient und Brixen, auch der vor Hochmuth stinkende ketzerische afrikanische Bösewicht Gabriel von Salamanka und der Kontrollen- Schmid, den man Fabri nenne. Diese wollen sie in des Fürsten Rath nicht leiden, denn er habe ohne diese Verräther und Schälke in seinem Lande Edle und Unedle genug, mit welchen gute Ordnung möchte ausgerichtet werden. Auf dieses Schreiben hin haben die beiden Bischöfe zur rechten Zeit sich vom Hofe gemacht. Wenn Schmid ( Fabri) schinden und schaben wolle, solle er die Klöster und Geistlichen schinden und schaben; sie wollen solche Schinderei an sich nicht gestatten, noch das 266Geld oder Gut aus dem Land wegführen lassen; es werde viel besser angelegt sein für eine gefährliche Theurung, für ein Sterben, einen Türkenüberfall. Der Bösewicht Salamanka habe sich in drei Jahren aus ihrem blutigen Schweiß ein Fürstenthum errichtet, er habe eine Herrschaft in Burgund um 10,000 Gulden gekauft, seine Freunde mit sich an den Hof gebracht und großmächtig gemacht, eine merkliche Anzahl Silber, viele fürstlichen Kleinodien von Innsbruck weggeschickt, und ihre edle Fürstin habe jetzt ihre königlichen Kleinodien mit großer Beschwer nach Hall in die Münze dargeben müssen. So sei der kaiserlichen Majestät und der Fürsten von Oesterreich Schutz durch diesen Salamanka verschwendet worden. Der Brunnen aller von Oesterreich sei gar verschmolzen, die Sonne sollte das Volk nicht anscheinen noch der Erdboden tragen, daß es solches von dem afrikanischen Bösewicht leide. Darum, daß er sich jetzt hinab in die österreichischen Lande thun solle, zeigen sie, die Tyroler, den Oesterreichischen alles das an, damit man seine Praktika dort so wohl wisse als hier. Die Oesterreichischen sollen daher dem Neid, Geiz und Fraß des Schmid und Salamanka das Liedlein auch vorsingen, und ob sie schon sie alle beide und alle die, welche ihrem Muthwillen und ihren bösen Handlungen Rath und Hülfe beweisen, schinden und spießen, sieden und braten, so thuen sie ganz recht; sie hätten wahrlich ein Mehreres verdient. Das Schreiben schloß mit den Worte: »Lasset die Bösewichter nicht übrig bleiben; Gott will's also haben; ihr thut Gott einen Gefallen damit. Wir sind noch des Gemüths, ihnen nachzuschicken; und wo etwa Aufruhr entstünde, so lasset von Stund an unsere Kreitfeuer auf den Bergen nach dem Glockenstreich angehen, daß ein jedes Gericht beieinander sei, wie ihr Ennsthaler Wissen habt. Die Oesterreichischen sind uns zuvor über Kärnthen das wollen wir mit Volk, und Oesterreich und Steyer mit Geld nicht verlassen, wo die Noth vorhanden ist. Für jetzt wollen wir fleißig Aufsehen haben, daß Fabri und Salamanka dem Lande nicht entweichen.« Schreiben der ganzen Gemeine Tyrols und Innthals, bei Bucholz VIII. 331-332.

Geismayer, als oberster Hauptmann des Haufens Tyrol, leitete die Bewegung auf verschiedene Angriffspunkte zugleich hin. Die 267ausgezeichnetsten Hauptleute unter und neben ihm waren: Peter Päßler und Sebastian (Wastl) Maier. Der Aufstand lief vom Gardasee über Trient, Brixen, das Pusterthal rechts, das Vintschgau und das Eisakviertel links hin, bis hinauf in die Landgerichte von Rattenberg und Kitzbühel, an der salzburgischen Gränze. Ein Haufe lag vor der Stadt Trient, ein anderer suchte die Schlösser und Städte im Brixenthal heim, ein dritter that im Etschland geistliche und weltliche Herrensitze ab. Geismayer hatte sein Hauptquartier zu Meran; bei ihm waren die Ausschüsse der Städte und Gerichte der Burggrafschaft Tyrol. Nicht so zusammen stimmend, als seine Entwürfe und Befehle, waren die Unternehmungen, die Gemüther und Entschlüsse der einzelnen Thäler und Hauptleute. Geismayer und die Ausschüsse erließen darum an alle Städte und Gerichte von ganz Tyrol unterm 22. Mai 1525 von Meran aus eine Einladung, auf Erichtag vor Pfingsten bei letzterer Stadt zu einem großen Volkstag sich zu versammeln, um gemeinschaftliche Beschlüsse zu fassen. Wie das Deutschordenshaus in Bozen, so wurden die Deutschordenshäuser in Lengmoos und Schlanders von den Landleuten eingenommen. Die von Schlanders, Castelbel, Algund gehörten überhaupt zu den Aufgeregtesten. Die Schlösser des Hochstifts Brixen fielen größtentheils in die Hände der Landleute. Die Schlösser Reineck und Zugitza hielten sich nur durch den Beistand der Gemeinden von Serentin und Zugitza, welche die Angriffe ihrer aufgestandenen Brüder zurückwiesen. Es galt der Angriff eigentlich allen Adelsschlössern; nur den Schlössern des Fürsten wurde Schonung bewiesen. Erzherzog Ferdinand suchte das Schloß Salurn an der Etsch im Fleimserthal und das Schloß Rodenek oberhalb Brixen dadurch zu retten, daß er den Bauern schrieb, sie seien sein; jenes sei als Pfandschaft, dieses als Kauf von Wolkenstein an ihn gekommen.

Der Erzherzog trat überhaupt den aufgestandenen Tyroler Landleuten gegenüber für den Augenblick überaus sachte auf; er wollte überall nur die gütige und begütigende Miene zeigen. Es bewog ihn so Mancherlei dazu. Einmal hatte auch er wie seine Ahnen eine Vorliebe für Tyrol; er wußte, warum sein Großvater Kaiser Max zu sagen pflegte, Tyrol sei ein grober Bauernkittel, aber in dem man sich bei schlimmem Wetter baß erwärmen möge. Für's Andere 268hatte Ferdinand kein Kriegsvolk zur Hand; das Kriegsvolk war auch nicht in diesen Bergen zu brauchen wie anderswo, und die Tyroler, von Natur kriegerisch, waren schon damals treffliche Schützen; jeder Hohlweg war für sie ein Laufgraben, jeder Fels eine Festung, Jedem in seiner Nähe Steg und Weg bekannt.

Daß die südlichen Tyroler gereizter und aufwägiger waren, hatte seinen Grund in den örtlichen Verhältnissen. Im Süden waren nur Einzelne wohlhabender oder reich; der Bauer saß nicht auf seinem Grundstück als Besitzer, sondern nur als Pächter auf fremdem Gut und Boden, der Eigenthum weniger Herren war. So hatte sich hier das Herrensystem mehr ausgebildet, was für den Landmann um so drückender sein mußte, da er ganz nahe an die Lombardei, die Wiege großartiger Republiken, gränzte, und lombardischer Geist auch ihm sich mittheilte; da er die Freiheit sah, und selber unterthan war, ausgesaugt von den herrschenden Stiftern, Adelsgeschlechtern und Städten. Und wie in den Adern der Valsuganer, der Etschländer, der Trienter, bei denen seit den ältesten Zeiten die Blutrache Herkommens war, das Blut heißer rollte; wie das Auge unheimlicheres Feuer blitzte, als das des Innthalers; so mußten hier auch schon darum die damit zusammenhängenden gewaltigeren Leidenschaften, einmal heraufbeschworen und losgelassen, zerstörender, niederblitzender sich äußern; nun aber war für das böse Blut auch der Ursache hier mehr.

Erzherzog Ferdinand säumte übrigens nicht, hinter dem Schein der Güte sich zur Gewalt zu rüsten. Am 14. Mai gab er dem Regimentsrath zu Innsbruck die Vollmacht, Anlehen zu erheben, Erbstücke und Güter zu versetzen, die fürstlichen Kleinodien und das Silbergeschirr einzuschmelzen, und Kriegsvolk dafür anzuwerben. Zugleich ließ er Commissäre in's Ober- und Unterinnthal, in's Vintschgau, Etschland und Brixenthal ausgehen, und durch diese alle treuen Landgerichte zur Vertheidigung der Ordnung auffordern. Er selbst versprach in Tyrol zu bleiben, so lange es des Landes Nothdurft erfordern möchte, und begehrte dagegen: Um das Land im Innern zu beruhigen, und um es nach Außen gegen das Eindringen der schwäbischen Bauern und der Venetianer zu sichern, solle ohne Verzug eine Auswahl von 1000 Mann gemacht, und in ganz Tyrol 269der Landsturm bis auf 20,000 ausgerüstet werden. 5000 wurden sogleich nach Innsbruck aufgeboten. Zugleich machte er bekannt, daß sein Bruder Kaiser Karl V. Tyrol an ihn erblich überlassen habe, und daß er sie von nun an nicht als Statthalter, sondern als natürlicher Erbherr regieren, in allen Gnaden halten, und auf dem nächsten Landtag allen Landesbeschwerden nach der Billigkeit seine Aufmerksamkeit schenken werde. Da gerade die Botschaft einlief, daß die Stadt Füssen, um vor den Bauern sicher zu sein, das österreichische Fähnlein habe fliegen lassen, und sich erblich an das Hans Oesterreich ergeben, so benützte Ferdinand dieses sogleich zu einem Vorhalt für die Tyroler; er sagte: Während der gemeine Mann in den vordern Landen sich als Unterthan an Oesterreich ergebe und selbes als Obmann begehre, so mögen die Tyroler, die doch vor allen andern in ehrlichem, vermöglichem, stattlichem Wesen sitzen, sich in friedlichem, vereintem Wesen halten.

Die in die Thäler abgehenden Commissäre hatten den Auftrag, von jedem gewaltsamen Vorhaben abzumahnen und auf den künftigen Landtag zu verweisen; in diesem Fall sei man geneigt, wegen des Vergangenen milde zu verfahren; im andern Fall werde das Land, gemäß der Zusage des letzten Landtags, veranlaßt, dem Fürsten zu ihrer Bestrafung zu helfen.

Der Landtag war zuerst auf den 16. Juni ausgeschrieben. Weil dieser Tag für den Drang der Umstände zu weit hinaus zu liegen schien, so wurde ein eilender Tag auf den 23. Mai angesetzt, wo der Fürst vorlegen wollte, was er zu Abstellung der Beschwerden entworfen hatte. Aus jedem Landgericht wurden Zwei dazu einberufen.

Ganz wie im Württembergischen, und ganz nach der Vorschrift des Artikelbriefs vom Schwarzwald, hatte der Haufe von Südtyrol alle Herren, welche er ankam, gezwungen, in den Bund zu treten und die Heerfolge zu leisten. Unter den Landleuten, die vor Trient lagen, sah man Grafen, freie Herren und Ritter. Schreiben der Regierung vom 19. Mai an die, welche jetzo vor der Stadt Trient in Versammlung und Empörung sein.

Es war der berühmte Georg von Frondsberg, der oberste Feldhauptmann Tyrols und selbst ein geborener Tyroler – sein Stammschloß Frondsberg lag oberhalb Schwatz –, welcher als Commissär 270in das Lager von Trient abgesandt wurde. In seiner Begleitung waren Christoph von Thun, Hauptmann zu Trient, und Franz von Castelalt nebst einem Ehrenhold. Frondsberg überbrachte den Befehl, gegen die Stadt gänzlich still zu stehen, und die gütliche Handlung zu erwarten. Von Ferdinand hatte er die Weisung, allen Fleiß dahin zu wenden, daß die Stadt Trient mit den dazu gehörigen Gemeinden ihm als Landesfürsten Erbhuldigung thue, und dann darauf gestützt die Versammlung der Landleute zur Ruhe und zur gütlichen oder rechtlichen Entscheidung ihrer Beschwerden zu vermögen.

Der zu Neustift an der Eisak unweit Brixen versammelte Haufen nahm den Stillstand an. Auf die Zusage dieses Haufens beriefen sich sogleich die Commissäre in einem Schreiben vom 22. Mai den Etschthalern gegenüber. Sie behaupteten, die Empörung gehe von etlichen Wenigen aus dem gemeinen Mann aus, welche nichts oder wenig im Lande zu verlieren haben, und die Ehrbaren werden durch die Menge der Andern zur Mithandlung wider ihren Willen gedrungen; sie mahnten die Etschthaler, gleich denen zu Neustift, mit allen Thätlichkeiten stille zu stehen, und beriefen sie zu einer Versammlung nach Bozen. Eine besondere Abmahnung und Zurechtweisung erging an die zu Meran versammelten Ausschüsse, und der nach Meran von diesen ausgeschriebene Tag wurde zugleich durch fürstliche Schreiben verboten. Die Pusterthaler fügten sich den Commissären, wie die zu Neustift; die Etschthaler aber und die Zweigthäler des Etschthals verlangten die »Landesfreiheiten« einzusehen, welche auf dem Schloß Preßl durch den Landeshauptmann an der Etsch, Leonhard von Fels, aufbewahrt wurden. Ferdinand ließ sie den Ausschüssen zu Meran übergeben, »versekretirt und vergepetschaftet,« um sie bis zu dem Landtag aufzubewahren. Die Mehrheit der zu Meran Versammelten nahm auf dieses den Stillstand auch an.

Die Landleute hatten diesen Stillstand so gedeutet, daß die Regierung mit ihren Rüstungen auch still stehen werde. Als das nicht geschah, als das Schloß Rodeneck während des Stillstands mit Besatzung und Anderm versehen wurde, hielten dadurch die Landleute des Brixenthals, an deren Spitze wieder Geismayer selbst stand, den Stillstand für gebrochen, und sie erneuerten ihre Angriffe, durch welche unter Anderem der Bischof von Brixen eine reiche, im Schloßhof vergrabene Truhe mit 271Silbergeschirr verlor. Auch an der Etsch hielt man sich unter solchen Umständen an den Stillstand nicht gebunden. Da und dort wurden Versammlungen gehalten, der Glockenstreich ertönte, die Mannschaften der Gemeinden wurden gemustert, die Mandate der Regierung dawider verlacht, besonders von den Nons- und Sulzbergern. Und selbst in der Nähe der Regierung, die zu Innsbruck saß, im Landgericht Kopfsberg, erscholl in allen Dörfern das Sturmgeläute, und eilende Boten riefen zu einem Tag im Zillerthal am Rothenholz zusammen. Im Landgericht Rattenberg rief Caspar Gandl: »Es will sich nicht reimen, ihr Brüder, dermaßen den Glockenstreich und Anschlag zu verbieten!« forderte die Versammelten auf, Wehr und Harnisch anzulegen, und rief: »Wer der Meinung ist, das Schloß helfen anzugreifen, der hebe die Hand auf.« Die Meisten thaten es. Doch gelang es hier den Bemühungen »der Ehrbaren,« die Landleute in so weit zu besänftigen, daß das Schloß nicht gestürmt wurde. Nur Innsbruck, Hall, Schwatz und Frondsberg blieben ganz ruhig.

Die gezwungen gute Miene, die der Erzherzog den Tyrolern zeigte, ließ er ganz fallen in den Nothschreiben, die er aus den Bergen hinaus ins Reich ergehen ließ. Die bösen Läufe, schrieb er, zeigen sich allenthalben durch die Bauern so geschwind, daß davon nicht genugsam geschrieben werden mag. Wir sind keinen Tag sicher, daß sie uns nicht hier in Innsbruck selbst überfallen. Sie lassen kein Kriegsvolk durchpassiren, weder von uns noch zu uns. Sechshundert Pferden, die wir aus Italien bestellt und ins Land Württemberg befehligt hatten, haben die Tyroler Bauern den Paß durch ihr Land nicht gestattet; wir haben sie wieder zurückschicken müssen, daß sie über Graubünden den Weg suchen. Ebenso haben sie zweihundert Pferden aus Kroatien und zweihundert aus Oesterreich an den Gränzen den Durchzug verweigert, daß sie wieder zurück an andere Orte gehen mußten. Und Wir selbst müssen allhie zwischen den Bergen wider unsern Dank im Land bleiben, und können weder Uns noch Andern helfen. Schreiben des Erzherzogs vom 23. Mai an den Truchseß.

Während der Erzbischof in Hohensalzburg belagert, der Erzherzog in seinem Tyrol vom Aufstand rings umnetzt und wie gefangen wurde: hatten auf der entgegengesetzten Seite, in Thüringen, 272Pfeifer und Münzer bewegt und versammelt. Thüringen war der große Feuerherd, von wo aus die Feuerbrände herüber nach Hessen, hinüber nach Sachsen, weiter hinab ins niedere Deutschland flogen.


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