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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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Zweites Kapitel.

Nothwehr der Salzburger gegen die Tyrannei ihres Erzbischofs.

Die Salzburger waren von alten Zeiten des Drucks gewohnt, und besonders in den letzten Zeiten hatten sie wenige gute Tage gesehen. Im Jahre 1462 schon hatten sich die Pinsgauer wegen widerrechtlich aufgelegter harter Steuern empört. Es war unter dem Erzbischof Burkhard, aus dem Geschlecht derer von Weißbriach. Sie empörten sich in den Alpen, sagt der Biograph desselben, weil die großen Unternehmungen des religiösen und hochherzigen Fürsten eben so große Mittel aufzubringen nöthig machten, Affairen, »deren Zeche zu zahlen die Unterthanen doch schuldig waren.« Joseph. Mezgeri, historia Salisburgensis p. 496-497: »Cum res magnae, quas religiosus et magnanimus princeps agebat, pares impensas exigerent, ad quas subditi symbolam conferre debebant.« Man muß diesen Mezger lesen, um auf jeder Seite die verworfenen politischen Grundsätze dieser Herren kennen zu lernen. Und was waren das für große Unternehmungen? daß er die Heiligsprechung eines einbalsamirten Leichnams in Rom durchsetzte, ein Chorherrenstift errichtete, den Cardinalshut sich erwarb, und glänzend lebte. Ebendaselbst S. 495-96. Es wurde den Bauern in den Alpen zu viel, zu bunt: sie erhoben sich, sie erstürmten einige Zwingburgen. Der Erzbischof rief den Baiernherzog zu Hülfe. Dieser und die edeln Herren, Georg von Haunsperg, Wilhelm von der Alm, Wilhelm von Thurn, der Trauner und 227Hartmann von Nußdorf vermittelten zwischen den Bauern und ihrem geistlichen Oberhirten. Zu gleicher Zeit waren die Holzknechte in Oberkärnthen auf. Sie wurden mit Hülfe derer von Windisch-Matrei gedämpft und gestraft. Die Pinsgauer mußten 2000 Gulden Strafe zahlen.

Fünfzehn Jahre nachher, im Jahre 1478, blieben die Pinsgauer ruhig, als die Bauerschaft in Kärnthen, zuvor in der Grafschaft Ortenburg, sich sammelte, unter dem Schein, wider die Türken ziehen zu wollen, einen Bund machte, sich zu befreien, und die Bauern, die sich mit ihnen nicht verbinden wollten, mit Pfändung und in andere Wege nöthete. Alte Handschrift des Joh. Turs, bei Megiser, Annales Carianthiae, p. 1214. Ihr Hauptmann hieß Georg. Sie stiegen über die Rauriser Alpen, plünderten und sengten. Ein Theil besetzte Gastein. Während sie hier nach fröhlicher Zeche sorglos schliefen, fielen in der Nacht die Pinsgauer über sie, tödteten viele, verjagten den Schwarm. Die Meisten davon kamen durch die Kälte in den Alpen um. Mezger, histor. Salisburg. p. 503. Aber die Erzbischöfe lebten so, daß sie ihre Landschaft bald wieder zum Aufstand trieben. Selbst die Stadt Salzburg war ihres Kirchenfürsten längst satt: im Jahre 1510 dachte der Rath daran, sich demselben zu entziehen, und der Stadt vom Kaiser die Reichsfreiheit zu erwerben. Erzbischof Leonhard kam hinter ihre Gedanken, er lud den Bürgermeister und zwanzig theils vom Rath, theils andere angesehene Bürger zur Tafel ein. Sie kamen, nach der Sitte leicht und zierlich gekleidet. Kaum waren sie im erzbischöflichen Palast, so wurden die Thore geschlossen. Sie traten in den Speisesaal. Ein köstliches Mahl war aufgetragen. Sie saßen nicht lange an der Tafel, als sich der Saal mit Bewaffneten füllte; im Nu sahen sie sich überfallen und gefesselt, unter den Augen des Erzbischofs, der ihnen Undank und Treulosigkeit vorwarf. Einer der Gäste hatte sich verspätet, er hieß Schmeckenwitz. An's Schloßthor gekommen, zürnte und schalt er, daß er es geschlossen fand, und forderte vom Pförtner die Oeffnung, er sei mit den Andern geladen. Der Pförtner verwies ihm sein Ungestüm, und raunte ihm ins Ohr, »es werde drinnen den Gästen eine böse Suppe 228bereitet« er möge sich bei Zeit davon machen und sich in Sicherheit bringen. Der Gewarnte folgte dem Rath2026 und eilte, Palast und Stadt in den Rücken zu bekommen. Der Fürst bemerkte seine Abwesenheit. »Er hat seinen Namen nicht umsonst, sagte er; er hat mit seiner langen Nase die Lunte gerochen.« Gefesselt wurden die Andern auf Wagen aus dem Palast auf das Schloß hinaufgeführt. Das Gerücht davon kam in die Stadt aus, es gab einen Volksauflauf. Der Erzbischof stillte die Menge mit guten Worten: er habe die Hauptverschworenen schon in seiner Gewalt, sie möchten ruhig sein, außer jenen werde keinem ein Leid geschehen. Das Volk, bei dem der Rath sich nicht beliebt gemacht hatte, lief wieder auseinander. Den Gefangenen wurde auf dem Schlosse Speise und Trank vorgesetzt, aber ihre Ketten ließen sie nicht zu Appetit kommen. Noch in dieser Nacht wurden die Vornehmsten unter ihnen hinten aus dem Schloß hinaus, auf Wagen gebunden, nach Werfen abgeführt, und von da weiter nach Radstatt. Mit ihnen saß auf dem Wagen der Scharfrichter, mit dem ausgefertigten Befehl zur Hinrichtung. Die Räthe des Erzbischofs, die von solchem Verfahren die schlimmsten Folgen für ihren Herrn fürchteten, zumal der Bischof von Chiemsee und der Abt zu St. Peter, Wolfgang, legten Fürbitte für die Verurtheilten ein, der Erzbischof ließ sich von ihnen bewegen, die Todesstrafe aus Gnaden in eine große Geldstrafe zu verwandeln. Er und der Bischof von Chiemsee flogen nach Radstatt und befreiten die Unglücklichen. Aber die kalte Winternacht bei ihren leichten Hofkleidern und die Todesangst waren ihnen tödtlich geworden, sie starben meist bald darauf. »Die Gottheit verschonte die Treulosen nicht, welche der Zorn des Fürsten verschonte,« sagt des Erzbischofs Biograph, der Prior Mezger. Der Stadt nahm der Erzbischof ihre schönsten kaiserlichen Privilegien; »Mit Recht, meint derselbe geistliche Herr, denn sie haben sie mißbraucht.« Histor. Salisb. 519. sie sollten ihren Bürgermeister nicht mehr wählen, der Rath sich nicht mehr versammeln dürfen, als auf Befehl des Fürsten.

Im Jahre 1519 kam Matthäus Lang auf den erzbischöflichen Stuhl. Aus dem Bürgerstande hervorgegangen, ein Patrizier der freien Stadt Augsburg, aus dem Geschlecht der Lange von Wellenburg, Günstling des Kaisers Maximilian, hatte er sich bis zum Bischof 229von Gurk, zum Cardinal, und zuletzt zum Fürsten eines der reichsten Erzstifte aufgeschwungen. Als vieljähriger Minister des verstorbenen Kaisers, als Diplomat bei den wichtigsten europäischen Verhandlungen, als Freund und Beschützer der Künstler und Gelehrten, hatte er sich einen großen Ruf verschafft, aber bei all dem war er ein Priester ohne Religion und Gewissen, ein Fürst, von dem einer seiner Räthe selbst bekräftigte, »es habe männiglich Wissen, mit was für Schalkheit und Büberei er in das Stift gekommen sei, er habe sein Leben lang nichts Gutes im Sinn gehabt, er sei alles Schalks voll, ein Bube, und nie eines guten Gemüths gegen seine Landschaft gewesen.« Urgicht des Hans Gold, Stadtrichters zu Salzburg, die von ihm ohne Marter bestätigt wurde. Fürsten und Herren wußten, das Gold die Wahrheit sagte. Cod. Germ. Mon. 4925 s. 232. Jörg 369. Er war schon im März 1525 kreditlos.

Als Matthäus Lang, Coadjutor des Erzstifts und zuletzt selbst Erzbischof wurde, verschrieb und verband er sich der salzburgischen Landschaft aufs Höchste, sie bei ihren Privilegien, Freiheiten und altem Herkommen gnädig zu schützen, sie keineswegs dawider zu beschweren, sondern dieselbe zu mehren und nicht zu verringern. Er schwur einen Eid darauf und der Pabst und der Kaiser bestätigten Alles. Die Salzburger setzten Glauben und Vertrauen darein, sie hielten sich als fromme Unterthanen und Landschaften, er aber ging in vielen Stücken über seine Verschreibung und seinen Eid sehr weit hinaus, und gegen seine Uebergriffe und Verfassungsverletzungen sahen sich die Salzburger bald genöthigt, auf dem Wege Rechtens zu streiten. Dazu kam noch, daß der Cardinal das neue aufkeimende Evangelium grimmig verfolgte, zu dem die Salzburger sich sehr hinneigten, und das er eigentlich mittelbar selbst ausbreiten half; um seine Bergwerke für seine Kasse und seinen Luxus ergiebiger zu machen, hatte er sächsische Bergknappen ins Salzburgische gerufen, die Luthers Lehre an der Quelle eingesogen hatten, und diese und lutherische Bücher eben so unter die salzburgischen Bergleute brachten, wie eine Zahl davon begeisterter Priester und Prädikanten. Solche waren namentlich Kastenbauer, des Erzbischofs eigener Beichtvater, Paul Spretter, der Barfüßer Georg Schärer zu Radstatt, Martin Lodinger in Gastein, der mit Luther Briefe wechselte, und der Priester 230Matthäus, der im Pinzgau predigte. Um Luther um seinen hochgelehrten und taktvollen Freund, den Generalvikar der Augustiner, Johann Staupitz, zu bringen, und ihm seinen stärksten wissenschaftlichen Halt und Beistand, sein stets hinter ihm stehendes Orakel, wie Münzer den Staupitz nannte, in ihm zu entziehen, hatte der Cardinal auch diesen, und mit ihm ohne seinen Willen, Luthers Lehre und Schriften und Briefe ins Salzburgische gezogen. Als der Kardinal die neue Lehre im Erzstift so um sich greifen sah, nahm er sich vor, alle, die dem Luther anhingen, es sei Bürger oder Prädikant, ohne Unterlaß mit schwerer Pein zu strafen, auch alle die, welche etwas von Luther feil geboten haben. Kastenbauer schmachtete von 1521—24 im Gefängniß, dann wurde er aus dem Land verwiesen; durch schleunige Flucht rettete sich 1522 Paul Spretter. Der Unmuth der Salzburger über das Alles war nicht zu verkennen; dem Erzbischof war er nur willkommen, er sah darin eine günstige Gelegenheit, über die Mißvergnügten mit Kriegsmacht zu kommen, und ihre Privilegien, welche ihn, so wenig er sich daran band, doch genirten, ganz zu unterdrücken, sich zum unumschränkten Herrn von Stadt und Land zu machen. Er machte seinen Vertrauten den Vorschlag, ein kleines Kriegsheer im Ausland aufzubringen. »Ich will, sagte er zu ihnen, zuerst die Stadt, dann die Landschaft angreifen und überfallen; die Bürger müssen die allerersten sein, die ich verderben will, dann müssen die auf dem Lande daran.« Das gefiel ihnen wohl. Als die Räthe vom Schloß herabgingen, äußerte Hans Schenk: »Dem, was der Fürst uns vorgeschlagen, soll nachgegangen werden.« – »Es dünkt auch mir gut, antwortete Gold, der Stadtrichter; auf ein Wilfenpratt gehört eine hindische Salsen.« Urgicht des Stadtrichters Gold. Der Cardinal reiste plötzlich zu dem Statthalter des Kaisers, zu Erzherzog Ferdinand, der gerade zu Innsbruck die Erbhuldigung einnahm. Im Tyrol warb er sechs Fähnlein Kriegsvolk, um, wie er dem Erzherzog sagte, dem Aufstand und Abfall der Stadt Salzburg zuvorzukommen. Leonhard von Fels (Völs), Hauptmann an der Etsch und Burggraf von Tyrol, befehligte die Knechte. Mit ihnen zog der Cardinal durch's Innthal nach Gredingen beim Undersberg und lagerte sich hier. Die Bürger zu Salzburg erschracken; 231auf dem Schlosse oben, das die Stadt ganz beherrscht, lag der Priester Wilhelm, ein trefflicher Artillerist, dessen Kunst im Feuerwerk und Feuerwerfen weit berühmt war; sie besorgten, er möchte vom Schloß herab die Stadt anzünden und verbrennen. In der Nähe drohte der Erzbischof mit den sechs Fähnlein. Sie erboten sich sichtbar und ziemlich vor kaiserlicher Majestät zu gütlichem oder rechtlichem Verhör. Der Kardinal verlangte Unterwerfung. Die Stadt unterwarf sich ohne Widerstand.

Gefolgt von Leonhard von Fels und zwei Fähnlein Kriegsknechten, umgeben von einem glänzenden Hofstaat aus Edelknaben – ein Herr von Nußdorf diente ihm als Marschall, einer von Thurn als Schenk, einer von Ulm als Truchseß, einer von Wispel als Kämmerer – so ritt der Erzbischof in die Stadt ein. Ein weißer Hengst trug ihn. Den geistlichen Herrn schmückte kriegerisch ein blanker schimmernder Harnisch mit vergoldeten Reifen, darüber ein carmoisinrother atlassener Waffenrock, auf dem Kopfe trug er ein purpurrothes taffetnes Barett, in der Hand, die er auf die Hüfte stützte, einen Feldherrnstab. So ging der Zug durch das Nunnthal über den Brodmarkt. Hier hielten der Rath und die Bürgerschaft. Als sie den Erzbischof ansichtig wurden, thaten sie einen Fußfall. Der Bürgermeister hielt eine Anrede an ihn, er ließ sie sogleich durch seinen Kanzler beantworten, mit einem scharfen Verweis, »mit unehrlichen Schmähworten, die er der ganzen Gemeinde der Hauptstadt zumaß, und womit er sie an ihren Treuen und Ehren gröblich verletzte.« Schreiben der Landschaft Salzburg an Jörg Truchseß. Handschriftliche Chronik bei Megiser, Annales Carinthiae, S. 1316-17. Dann zwang er sie zur Auslieferung aller kaiserlichen Freiheitsbriefe und der von ihm ausgestellten Urkunden, zwang sie zu einer Verschreibung, daß sie aller ihrer Freiheiten und Rechte sich begeben, und sich Alles wohl gefallen lassen wollen, was seine Gnade ferner mit ihnen vornähme. Die Briefe wurden von ihm nach Gefallen zerrissen oder geändert, zerrissen die alte Stadt- und Handwerksordnung, die sie und ihre Voreltern allweg in löblichem Gebrauch genossen hatten; verschreiben mußten sie sich, daß die Bürgerschaft sich nie ohne seinen Befehl versammeln dürfe; daß er den Stadtrichter, den Bürgermeister und zwölf 232Rathsglieder zu ernennen, die ganze städtische Polizei in Händen haben solle. Ausliefern mußten sie alle die, welche er beschuldigte, daß sie sich von seiner Herrschaft loszureißen gearbeitet haben. Auch alle Kosten des Ueberzugs mußten sie zahlen.

Dadurch kam die Stadtgemeinde, zumal der arme Handwerksmann, in großen Verfall. Aehnlich verfuhr er auch in andern Städten, Märkten, Gerichten und Bergwerken des Erzstiftes; er brachte viele Neuerungen und Lasten auf sie, die das Volk schwer trafen; seinen Amtleuten gestattete er eben so, gar Manches zu thun, darunter der arme Mann fast zu Grunde ging. So herrlich auch die Einkünfte waren, unter des Erzbischofs Matthäus Regierung kam das Stift sehr herab, die Verschwendung am Hofe war zu groß, und bloß durch sie wuchs eine schwere Schuldenlast an. Adresse der Landschaft vom Sonntag nach Sct. Ulrichstag.

Mit gewaltigerer Hand verfolgte er von jetzt an die Prediger des Evangeliums, er strafte sie mit schwerem Gefängniß und betrübte sie in andere Wege, ohne darauf zu hören, daß sie sich zu offenem Rechte erboten. Seinen Schergen und ihrer Lauer entging jener fromme Priester Matthäus nicht: der Erzbischof verurtheilte ihn zu ewigem Gefängniß nach Mittersill, dem Pfleggericht und Hauptort des Pinzgaues, dort sollte er im Faulthurm verderben. Es war zu Ende des Jahres 1524. Auf ein Pferd gebunden, die Schenkel unter dessen Bauch mit einer eisernen Kette zusammengschmiedet, wurde er von Amtleuten und Gerichtsdienern dahin abgeführt. Auf dem Wege im Berchtholdsgadischen Flecken Schellenberg Urgicht des Stadtrichters Gold. Nach andern war es nicht weit von Salzburg in der Gartenau; nach einem im Dorfe Sct. Leonhard unweit Gartenau. ließen die Reiter, angelockt von dem fröhlichen Lärm eines dortigen Wirthshauses, den Gefangenen außen allein, und sie gingen hinein, einen Trunk zu thun. Um den gebundenen, ehrwürdigen Priester sammelten sich Neugierige umher. »Habt Mitleid mit mir, ihr Leute, flehte er sie an, um des reinen Wortes Gottes und der Wahrheit willen muß ich also leiden und soll im finstern Thurm verfaulen.« Der Zug zu dem Unglücklichen hin wurde schnell zum Volksauflauf, denn es war Feiertag. Drinnen im Wirthshaus 233saßen viele Bauern, die sich belustigten. Auch sie hörten den Auflauf, die Stimme des Flehenden. Ein entschlossener Bauer, der junge Stöckl von Bramberg, stellte sich an die Spitze des Volks, sie entrissen den Priester den Amtleuten und Gerichtsdienern und machten ihn los und ledig, daß er stracks hinweg zog.

Der Erzbischof ließ Stöckl und noch einen Bauern einziehen; er wollte ihr Blut. Auch an seinem Hofe, wie noch an keinem, fehlte es nicht an Hofjuristen, die gleich das Recht den Gelüsten ihres Herrn bequemten. Doktor Volland namentlich, ein in der württembergischen Geschichte sünden- und fluchbeladener Name, erklärte dem Fürsten, »er habe es in den Büchern gelesen, daß dem Herrn Kardinal nicht Noth thue, die zween Gefangenen mit offenen Rechten zu überwinden.« Des Erzbischofs Blutbann, das wußte jeder Salzburger, lautete nur zu Recht. Als darum ohne alle Rechtsform Stöckl und sein Mitgefangener zum Tode verurtheilt wurden, weigerte sich der Züchtiger (Scharfrichter) den Spruch zu vollziehen. Er könne und dürfe, sprach er, die Zwei nicht mit dem Schwert richten, sie seien denn zuvor mit offenen Rechten überwunden. Der Stadtrichter Gold, einer der Räthe des Erzbischofs, hinterbrachte die Weigerung des Scharfrichters dem Kanzler Hans Schenk. Dieser rieth, der Stadtrichter solle den Züchtiger bitten, die Zwei mit dem Schwert zu richten. »Thut er's nicht gern, fluchte Schenk, so muß er's thun und sollt ihn Gottes-Marter schänden; nimm den Böswicht bei dem Grind und leg ihn ab Eck.« Gold bat den Scharfrichter, dieser hatte noch immer Bedenken. »Thu, wie ich dich heiße, sagte Gold, und laß es den Fürsten und die Obrigkeit verantworten.« Urgicht des Hans Gold. Handschriftliche Chronik.

Morgens früh zwischen 6 und 7 Uhr wurden die Gefangenen an einer ungewohnten Richtstatt hinter dem Schloß, bei der Stiege, wo man in die Abtswiese steigt, heimlich enthauptet.

Als es verlautete, faßten die Salzburger »solche hochbeschwerliche Handlung nicht wenig zu Herzen, in Betracht, wo seiner Gnaden gestattet würde, also die Leute ohne alle Erkenntniß des Rechts zu vertilgen, und vom Leben zum Tode zu bringen; möchte derhalb mancher fromme Mann also vergewaltiget werden.« Adresse der Landschaft zu Salzburg.

234

Der Erzbischof that auch in der Folge Schritte, als wollte er dadurch ausweisen, daß ihre Ahnung begründet sei: sie sahen den Landschreiber in das Gebirg verreiten, er hatte Auftrag, frommen Leuten Vergewaltigung zu thun. Ebendaselbst.

Aber auch die Verwandten und Freunde der Hingerichteten durchliefen die Thäler und Gebirge im Pinzgau und in den andern Alpen, regten mit Wort und Erzählung zur Rache des unschuldig vergossenen Blutes und zur Vertheidigung des reinen Gotteswortes auf, und was ihre Reden nicht thaten, das thaten die Finanzoperationen, welche sich der Erzbischof und die Herren seines Hofs erlaubten.

Er brauchte Geld; er berieth sich mit seinen Räthen, wie er schnell zu 10,000 Gulden kommen möchte. Diese riethen zu einem gezwungenen Anlehen bei den reichsten Salzburger Bürgern. Bei welchen? fragte der Kardinal den Stadtrichter. Gold nannte den Fröschelmeister Jörg Venninger und die Klözlen unter den Bürgern. Der Kardinal, Hans Schenk der Kanzler, Herr Vigilius von Thurn, Ehrenreich Trautmannsdorf und Hans Gold wurden dahin eins, daß die genannten Bürger »das Geld herleihen müssen, oder man wolle sie gebunden und gefangen auf das Schloß führen, und also mit ihnen handeln, daß davon zu singen und zu sagen sein solle.« Ebenso wurde an einige vom Adel, auf Hans von der Alm, Christoph Graff und die Keutschacher ein Anschlag gefaßt zu einem gezwungenen Anlehen von etlich tausend Gulden: sperren sie sich, so solle mit ihnen wie mit den Bürgern verfahren werden. Urgicht des Hans Gold.

Das war nur eine Nebenfinanzoperation. Die Hauptoperation ging auf das ganze Land. Es galt 30,000 Gulden von Land und Leuten aufzubringen. Der Kardinal versammelte alle seine Räthe. Die Prälaten und Capitularen darunter, die bei einer allgemeinen Steuer auch hätten mitzahlen müssen, widerriethen dem Fürsten eine Steuerumlage, und riethen, die 30,000 Gulden durch ein Umgeld zu beziehen. Der Kardinal drang wider alles Recht, ohne alle Noth des Landes, die ein solches hätte rechtfertigen können, der Landschaft die Bewilligung eines schweren Umgeldes ab. Urgicht des Hans Gold. Adresse der Landschaft.

235

Bei der Berathschlagung über das Aufbringen jener ersten 10,000 Gulden hatte der Kanzler Hans Schenk hingeworfen, bringe mans nicht von den Bürgern auf, so könnte man die silbernen Bilder und das Altartuch aus dem Chor des Doms angreifen. Hans Gold rieth zu dem Altartuch für solchen Fall: der Kardinal nahm aber zu den 10,000, zu den 30,000 Gulden und andern Geldern, die er einnahm, alle Kleinodien der Kirche, sammt dem goldenen Altartuch auf das Schloß zu sich. Selbst der Kammermeister Pietterberger meinte jetzt gegen Gold, »es werden sein noch Land und Leut Schaden nehmen.« Urgicht des Hans Gold.

In der Stadt Salzburg gährte es über solchem Regiment, die Bürger glaubten darin Despotismus sehen zu dürfen. Der Kardinal glaubte und sagte von sich, daß er ein Recht dazu habe, und beschloß, den Unmuth der Bürger, ehe er zum Ungehorsam ausschlüge, zu brechen. Er warb wieder ein Fähnlein von 500 fremden Knechten. Hans Schenk, der Kanzler, entwarf den Anschlag, auf einen Sonntag die Stadtgemeinde auf die Schranne zusammen zu rufen, und dann mit den Kriegsknechten in sie zu fallen, die Ungehorsamen heraus zu fahen, zu binden und aufs Schloß hinauf zu führen. Er ließ auch das Kriegsvolk, das zum Theil unten in der Stadt einquartirt lag, durch Trommelschlag vor sein Haus zusammenrufen. Die Gemeinde, die zuvor sich nichts Gutes von dem Fürsten versah, wollte auf dieses hin nicht auf die Schranne hinaus kommen. »Ihr habt die Bürger erschreckt mit dem Umschlagen, sagte Hans Gold zum Kanzler, sie wollen nicht aus die Schranne.« – »Daß sie Sct. Velten hätte, antwortete Schenk; will mein Herr mir folgen, will ich sie wohl zusammenbringen; wollen sie Eidespflicht vergessen, so will ich sie aus dem Schloß all verderben und verbrennen, und Feuer herab auf sie in die Häuser werfen; ich wollt, daß die Schmeerbäuch alle Sct. Velten hielt.« Jetzt Gewalt zu versuchen, wagte der Hof nicht. Urgicht des Hans Gold.

Der Erzbischof versuchte sogar, um wenigstens nach einer Seite hin das Volk nicht mehr zu reizen, der Priesterschaft Vorsicht einzuschärfen; von Kirchfahrten, Heimsuchung heiliger Stätten, Todtenbegängnissen und Anderem, daran für die Priester Gewinn hänge, 236sollen sie höchst vorsichtig reden. Da er aber nicht zu den wahren Mitteln griff, um das Volk sich zu versöhnen; da er seine Sünden am Volke nicht erkennen, nicht hassen und lassen wollte; so bewahrheitete sich auch an ihm der Spruch des frommen Sebastian Frank, des Täuferfreundes: »Tyrannei wird billig mit Aufruhr gestraft und bezahlt; eines das andere ausbrütet, gebiert und auf ihm trägt, nämlich Tyrannei den Aufruhr, Aufruhr die Tyrannei. Also straft Gott Böses mit Bösem, Sünde mit Sünde.« Sebastian Frank in seiner Chronik, nicht, wie Andere meinen, der viel spätere Gnodal, der aus Frank diese Stelle nur ausschrieb.

Der Volksaufstand, der den ganzen Winter hindurch vorbereitet und befördert worden war, brach auf allen Seiten aus. Die Ersten waren die Gewerke und Bergknappen, denen ihre alten Freiheiten genommen worden waren, und denen der Erzbischof in Glaubenssachen so verletzend ins Gewissen hinein gegriffen hatte; in den Kirchen, vor den Kirchen sammelten sie sich und tagten: das reine Gotteswort und die alten Gerechtsame, das waren ihre Forderungen.

Die aus Gastein, dem durch seine Naturschönheiten wie durch seine heißen wohlthätigen Quellen berühmten Thale, traten zuerst zusammen im Markt Gastein, und artikulirten, wie die Bauerschaften in andern Theilen des deutschen Reiches. Es ist auffallend, daß, obgleich die Bewegung in den Ausgang des April fällt, die berühmten zwölf Artikel Oberschwabens noch nicht als Manifest von den Bauern dieser Alpenlande angenommen sind: doch weichen sie in ihren Forderungen nicht sehr ab, und neben denen, welche sie mit den Oberschwaben gleich haben, treten nur ihre besonderen Beschwerden, die sie allein zu tragen hatten, noch im Vordergrund hervor. Es waren vierzehn Artikel, die sie aufsetzten. Obenan stand auch hier »das Wort Gottes und Evangeliums,« sie wollten es ohne allen Menschenzusatz gepredigt haben; sie wollten sich selbst ihren Seelsorger frei wählen, und keine Obrigkeit sollte ihn ohne große Ursache absetzen können. Dann forderten sie Abstellung aller der kleinen Steuern, womit sie beschwert waren, der Weihsteuer, der Rittersteuer, die sie bisher beim Ritterschlag eines Grundherrn, der Heirathssteuer, die sie bei Verheirathung eines Kindes desselben leisten mußten; sie forderten Abschaffung des Leibfalls, des Todfalls, der Futterschütte, des 237Umgelds, des kleinen Zehnten, nur der rechte gebührende Zehente, nämlich die dreißigste Garbe, solle bleiben; sie forderten rechtes Gericht, der gesetzte Richter solle ohne die Grundherren und seine Beamten das Recht sprechen; Verbrecher sollen nicht auf Kosten der Gemeinden gerichtet werden; sie forderten regelmäßige Unterhaltung der Straßen zur Erleichterung des Handels und des Wandels.

Von Gastein aus entsandten sie Boten nach Rauris, nach Windischmatrey, nach Radstatt, in alle Gerichte, und forderten sie auf, der evangelischen Brüderschaft, » dem christlichen Bunde,« beizutreten. Es sei, schrieben sie, eine lange Zeit her das heilige Evangelium und Gottes Wort schlecht und wenig geoffenbart, dadurch der gemeine Mann verführt und von der Geistlichkeit ein solcher Mißbrauch angenommen worden, daß viel eigennützige Sachen daraus entstanden seien. Weil nun die Sachen sich allenthalben seltsam zutragen, vielleicht aus Anordnung Gottes, der den großen Pracht aller Herrschaften, zuvor der Geistlichen, einestheils hindern wolle, so wollen auch sie brüderlich zusammenhalten, dem reinen Gotteswort einen Beistand zu thun.

Die Gasteiner wählten zu ihren Hauptleuten Weitmooser, einen reichen Gewerker aus Gastein, und Caspar Praßler, einen Kriegsmann aus Bramberg. Schnell lief der Aufstand durch alle Thäler des Erzstiftes, und leitete sich aus dem Salzburgischen das Ennsthal hinab, von selbst und durch Emissäre fort, in die fünf Herzogthümer Oesterreichs, zunächst nach Steiermark, Oberösterreich und Kärnthen.


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