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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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Zehntes Kapitel.

Der Gaildorfer Haufen zerstört Murrhart, Lorch, Adelberg und die Kaiserburg Hohenstaufen.

Als vom Lager von Schönthal aus die Tauberfähnlein zum Taubergrunde zurückkehrten, da gingen auch die aus dem Hallischen Geflüchteten, unter ihren Hauptleuten Leonhard Seitzinger und Weidner aus Geißlingen und ihrem Fähndrich Philipp Baumann aus Münkheim, nach ihrer heimathlichen Landschaft zurück. Sie fanden die Gaildorfer zu einem großen Haufen angewachsen, und im Begriff, sich täglich mehr zu verstärken. Wie die Bewegung des 176Haufens vom Odenwald und Neckarthal fortgeschritten war, so war in gleichem Grade fast der gemeine Mann am Kocher und im Gebiete der Schenken von Limpurg, der Hintersaße der Reichsstädte Gmünd und Hall, von Tag zu Tag mehr in Bewegung gekommen. Trotz der begütigenden Worte ihrer Rathsherren waren die Haller Bauern abermals aufgestanden und weggezogen. Durch das Glück ihrer Brüder in Franken und im Neckarthal hatte sich ihr Muth wieder gehoben, bis zum Uebermuth. Man sah Bäuerinnen, die aus der Umgegend ihre Waaren zu Markt brachten, in Hall herumgehen, und sich Häuser auswählen, die sie nun bald besitzen würden. Sie werden nun bald auch große Frauen sein, sagten sie zu den Stadtfrauen. Gaildorfer Hauptleute und Bauern gingen täglich in der Stadt aus und ein, mit weißen Kreuzen auf den Hüten, ohne daß der Rath sie anzuhalten wagte; sie machten Besuche und Bestellungen; ein Sichelschmid versah sie mit Büchsen, und ein trunkener junger Bauer bramarbaßirte in der Trinkstube zu Hall, er wolle mit seinen Brüdern des hellen Haufens, ehe ein Monat vergehe, die Stadt gewinnen, den innern Rath durch die Spieße jagen, den äußern köpfen, die Bürger zusammenstechen, die Landsknechte zu Pulver brennen und andere Städte damit beschießen. Der Rath legte ihn in den Thurm, schickte ihn aber des andern Tages früh zu dem Thore hinaus, ehe die Landsknechte aufständen und ihn in Stücke hieben. Der Rath erinnerte und bat seine Bauern aufs Freundlichste, ihre Weiber und Kinder zu bedenken, ihrer Arbeit daheim zu warten, und sich vor dergleichen Dingen zu hüten, deren Schaden sie nicht verstehen; dann wolle er, wie er ihnen zugesagt habe, das Beste mit ihnen thun. Aber die Bauern verließen dennoch Weib und Kind, sie hofften mit Beute beladen wieder heim zu kommen und doppelt freundlich in ihren verlassenen Hütten empfangen zu werden, wenn sie Freiheit, Gut und Geld brächten. Ueber den schwäbischen Bund, den ihnen der Rath als Schreckbild in der Ferne zeigte, machten sie sich lustig, sie sangen Spottverse auf ihn, als hätten sie ihn schon verschlungen: »Wo ist der Bund? unser Gurr die gumpt!« Er sei in einen Sack verstrickt wie eine Katze, sagten die Einen; die Andern, er liege zu Göppingen im Sauerbrunnen, er habe ein Bein abgefallen.

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Unter den Bauern wie in der Stadt lief das Gerücht um, der helle Haufen Odenwalds und Neckarthals wolle auf Hall ziehen. Der Rath rüstete sich aufs Beste gegen einen Ueberfall, er scheute kein Geldopfer. Allen rechtschaffenen Handwerksgesellen wurde, damit sie nicht hinweg zögen, und damit man im Fall der Noth wehrhafte Leute zur Hand hätte, ein wöchentliches Wartgeld gegeben, »ein Ortsgulden, oder etwas drunter und etwas drüber;« auch Andern, die sich stellten, als ob sie wegziehen wollten, war man genöthigt, das Gleiche zu geben. Als das Gerücht des Ueberzugs stärker wurde, begnügten sie sich nicht mit dem Wartgeld, sie verlangten einen Monatsold, der ihnen auch gereicht wurde. Ein Söldner, Hans Seutter, brachte in der sorglichsten Zeit etliche Knechte von Ulm, andere von Nördlingen und Dinkelsbühl, so daß bei 250 zu Hall in Besatzung lagen. Es gab sogar Bürgerssöhne, die Wartgeld und Sold verlangten; man sagte ihnen, sie seien als Bürger schon verpflichtet, die Stadt zu vertheidigen, und es würde einen merklichen Einbruch machen, wenn jeder Bürger Sold ziehen wollte; man schlug es ab, und schenkte den Hartnäckigsten »einen Batzen zum Vertrinken.« Etliche gingen darum aus der Stadt und schlugen sich zu den Bauern. Die fremden Knechte wurden in Rotten getheilt, je acht bis zehn in ein Haus gelegt, jede Nacht mußten 50 im Harnisch aus dem Rathhaus, wo man ihnen zu trinken gab, wachen, 50 schaarweise die Gassen der Stadt durchziehen. Aber auch die Knechte selbst machten dem bedrängten Rath noch zu schaffen, er mußte allerlei Prätensionen von ihnen hören; einige wollten den vorgelegten Eid nicht schwören, wenn man ihnen nicht Abzugsgeld gäbe, und dergleichen mehr. Sie betranken sich und schlugen sich blutig unter einander. Ihnen wie den Bauern, die »aus- und einweberten,« zum Schrecken, ließ der Rath die guten, mit vier eisernen spitzigen Zinken und Ringen beschlagenen Kolben, die er zur Abwehr des Sturms auf die Mauern machen ließ, des Tags ein- oder zweimal, mit Trommeln und Pfeifen, durch die Stadt zur Schau umhertragen, je zwanzig, dreißig oder vierzig. Von Zeit zu Zeit ließ er plötzlich umschlagen, um zu sehen, ob jeder Bürger und Knecht wach und gefaßt auf seinem Platz wäre: auf den Mauern hatten die Bürger, auf dem Markt die Knechte, vor dem Rathhaus 178die »Ungeordneten« ihren Sammelplatz. Die Mauern wurden überall ausgebessert. Diese Anstalten schüchterten die Wenigen in der Stadt denn doch ein, »die gerne gemeutert und den Commenthurhof und andere Pfaffenhäuser eingenommen hätten.«

Da kam jener Brief, den der helle Haufen von Oehringen an die Hallergemeinde abgehen ließ, in die Stadt, und aus Unvorsichtigkeit dem Städtemeister bald in die Hände. Um Vertrauen zu erregen, und um auch für die Zukunft alle geheime Unterhandlung mit der Bürgerschaft von Seite der Bauern zu verhüten, beschloß denn der innere und äußere Rath, den Brief der Gemeinde mitzutheilen, und jedes Handwerk Zwei in einen Ausschuß wählen zu lassen, um mit diesem, da die Sache keine Zögerung leide und die Mittheilung an die ganze Gemeinde nicht so schnell geschehen könne, zu sprechen und zu handeln. Der Rath suchte besonders hervorzuheben, wie es in der Absicht der Bauern liege, Uneinigkeit in der Stadt zu stiften. Die Gemeinde ließ sich vernehmen, sie werde treu beim Rathe halten, und sie möchte es wohl leiden, daß man den Bauern Steine schicke, ja in sie schieße; sie wollen, versprachen sie, dazu behülflich sein.

Der Rath bat auch die Bundesräthe zu Ulm, ihm seine Leute zurückzuschicken, die er zum Bundesheer in Oberschwaben hatte stoßen lassen; er bedürfe sie jetzt zu eigener Vertheidigung. Die Bundesräthe schlugen es ab. Wollte man den Hallern, schrieben sie, ihr Contingent zu Roß und zu Fuß zurückschicken, so würde es auch bei andern Bundesständen einen Bruch verursachen und Alles auseinander fallen. Auch zog der Rath von den verschiedenen Haufen der Bauern möglichste Kundschaft ein, um für jede etwaige Bewegung auf Hall gefaßt zu sein. Auf den Fall, daß das große Bauernheer auf die Stadt zöge, und auch die hallischen Bauern, wie sie sich ohne Scheu hören ließen, sich zu demselben schlügen, wurde zum Voraus beschlossen, ihnen etliche aus dem Rath und dem größern Ausschuß entgegen zu senden und Frieden anzubieten, mit dem Begehren, daß sie die Stadt in Ruhe lassen sollen, weil der Rath hoffe, seine Unterthanen unklagbar zu halten. Er fuhr auch fleißig mit Vertröstungen und Zugeständnissen fort; er behandelte seine Bauern mit diplomatischer Feinheit, zwar entschlossen, 179»sobald der Hund wieder unter die Bank käme, alles Nachgelassene wieder allgemach aufzurichten.« Alte Chronik. Unter den schönen Worten setzte er eifrigst seine kriegerischen Rüstungen zur Verteidigung fort. Das war ein Laufen, Fahren, Tragen auf Thürme und Mauern mit Büchsen, Pulver, Steinen, Lichtern, Laternen, Pechringen, Schwefel- und Pechreifen, Wurf- und Sturmwerkzeugen; da wurden Bretter, gitterweis übereinander genagelt und die Spitzen der Nägel nicht umgeschlagen, in die Gräben gelegt, wo man am Ersten einen Sturm befürchten mußte, die Stadtgräben selbst gereinigt, die Zwingmauern erhöht, Palisaden eingeschlagen, Schießkörbe gemacht, alle Holzvorräthe außerhalb der Stadt hereingeschafft, Holzhaufen aufgerichtet, um von ihnen herab einen Sturm abwehren zu können; alle Thore, alle wichtigen Punkte der inneren Stadt mit Wagenschlangen, Karthaunen, Feldschlangen und anderem Geschütz besetzt, an die Thore und Schußgatter stärkere Besatzung gelegt, hölzerne Bastionen errichtet, die Pforten mit Eisenblech beschlagen, überall Wachen aufgestellt; unter jedem Thor hatte einer aus dem gemeinen Rath oder sonst ein stattlicher Bürger die Obhut, er hatte auf Alles genau Acht zu geben, und besonders die hereinkommenden Bauern zu warnen, sich ungeschickter Reden zu enthalten; große Vorräthe an Mehl wurden eingekauft, das Vieh in die Nähe der Stadt gethan, Korn unter die Einwohner ausgetheilt; die Geschicktesten übten die Bürger in die erneuerte Sturmordnung ein, und unterwiesen sie in Ort und Art der Gegenwehr; für den Fall eines Auszugs wurde ein Wagen voll Spieße bereit gehalten, damit sich, wenn es regnete, die Büchsenschützen ihrer bedienen könnten. Hoffmann, Handschrift. Herolt, Handschrift.

Indessen hatte der Bauernhaufen noch immer zu Gaildorf sein Hauptstandlager. Es waren theils ganze Bauerschaften, theils Zuzüge einzelner Gemeinden versammelt. Da sah man Bauern von Lohenstein, Murrhart, Adelberg, Lerch, Hohenstaufen, Hohenrechberg, Lauterburg, Wasseralfingen, Hohenstadt, Komburg, Leinroden, Sanzenbach, aus den Herrschaften der Herren von Adelmann, von Heren, von Herdegen, von Westerstetten, von Vellberg, von Schenk-Limburg, von Hohenstein, von Rinderbach, aus dem Ellwangischen, 180und der Landwehr der Reichsstadt Aalen; aus manchen Orten waren sie so zahlreich da, daß sie ein eigenes Fähnlein bildeten: da waren die Gmündischen Bauern mit einem Fähnlein, die Hallischen mit einem Fähnlein, die von Welzheim mit einem Fähnlein, die von Hohnhardt, die von Tannenburg, die von Hüttlingen, die von Weißenstein, jede mit einem eigenen Fähnlein. Urkunde in der Sammlung des Prälaten von Schmid.

Sie alle sammelten sich theils schon jetzt, theils erst auf dem Weiterzug des Haufens zu demselben; urkundlich waren aber aus allen genannten Orten schon zu Gaildorf Bauern versammelt.

So streng als nur irgendwo, wurde von dem Gaildorfer Haufen der Zwang des Zuzugs und Beitritts geübt; fast der Mehrtheil wurde dazu durch Drohungen und thätige Gewalt gezwungen und gedrungen. Während die fränkischen Bauerschaften, wie wir bald sehen werden, in dem Namen des schwarzen Haufens, ihres Kerns, aufgingen; während im Gegensatz gegen den schwarzen Haufen die Odenwälder und Neckarthäler sich den hellen lichten Haufen, die württembergischen Bauern sich meist den hellen christlichen Haufen in ihren Urkunden nannten, unterzeichneten sich die Hauptleute des Gaildorfer Haufens in der Regel »Hauptleute des gemeinen hellen Haufens, Ausschuß und Räthe.« Viele Urkunden in der Hoffmann'schen Handschrift und sonst in der Sammlung des Prälaten von Schmid. Sie erklärten, sie seien eine christliche Vereinigung, versammelt, Niemand zu Leid, sondern in brüderlicher Liebe bei einander, das heilige Evangelium auszurichten, zum Trost, Nutzen und Besserung der Armen, und alle bösen Mißbräuche abzuthun und auszureuten, welche durch Menschen erdichtet, wider Gott, das heilige Evangelium, auch wider unseren Nächsten, zum Verderbnis des Armen bisher stattgefunden haben. Schreiben an den Schenken von Limpurg vom 21. April, an Hall vom 30. April, an Gmünd vom 6. Mai. Zuletzt zählte der Gaildorfer Haufen zu dem großen fränkischen Heere.

Die Sprache ihrer Aufforderungen war weit schärfer, als die des württembergischen Haufens; es war ganz der Ton des schwarzwäldischen Artikelbriefs. »Wohlgeborener, gnädiger Herr, schrieben 181sie von Gaildorf aus an den Erbschenken des heiligen römischen Reichs, Herrn Gottfried zu Limpurg, es ist unsere ernstliche Meinung, daß Euere Gnaden sammt Eueren armen Leuten, sammt Euerem Geschütz und dessen Zugehör unverzüglich unserem hellen Haufen zuziehe, und sich durch Brief und Siegel in unsere brüderliche Vereinigung in Eidesweise sammt ihren armen Leuten unter der Burg verpflichte. Das will der gemeine helle Haufen Euer Gnaden zu gut thun. Wir versehen uns dessen gänzlich gegen Euer Gnaden. Sonst wären wir verursacht, mit dem hellen Haufen Euch zuzuziehen, und all das Eure preis und vogelfrei zu machen. Zugleich bitten wir, Euer Gnaden wollen uns einen Wagen mit Brod, einen Wagen mit Wein und ein paar Ochsen schicken, dessen wir uns gütiglich gegen Euer Gnaden versehen und getrösten.« Hoffmann, Handschrift.

Es war Freitag Morgens nach Ostern (21. April), als sie von der Stadt Gaildorf dieses Schreiben in's Schloß hinauf schickten. Die gnädigen Herren entsprachen demselben nicht, und sogleich folgte ein zweites Schreiben noch an demselben Tage, worin sie drohten, wenn Ihre Gnaden nicht zu ihnen geloben, so wollen sie sich dermaßen in Ihrem Land halten, als in Feindesland, Hab und Gut nehmen, das Schloß ausräumen und gen Himmel schicken. Ausschreiben der Herren von Limpurg, Urkunde in Schmids Sammlung.

Am gleichen Tage entbot der »gemeine helle Haufe« denen von Thüngenthal im hallischen Gebiet, daß sie und Alle, die dem hellen Haufen noch nicht nachfolgen, ohne Verzug kommen, den Armen retten und schirmen zu helfen, und die göttliche Gerechtigkeit zu handhaben, nach Ausweisung des heiligen Evangeliums. Wo sie aber solcher verachteten und nicht kämen, so werden sie ihnen Leute schicken und denselben all das Ihre, ihren Leib und ihr Gut übergeben und vogelfrei machen. Zugleich geboten sie ihnen, den Brief von einer Pfarrei in die andere weiter zu fördern und darauf zu antworten, bei Verlust von Leib und Gut. Hofmann, Handschrift.

Sie unterließen es jedoch vorerst, ihre Drohungen gegen die Herren von Limpurg zu erfüllen, sie zogen es vor, nach guter Beute in den württembergischen Klöstern zu suchen. Noch vor ihrem 182Aufbruch thaten sie einen Fang. Der vom Bundesheer durch seine Mitbürger abberufene Hauptmann der hallischen Fußknechte, Jakob Pfenningmüller, hatte sich gleich nach Empfang der Botschaft aufgemacht. Als er von Gmünd nach Gaildorf zuritt, wurde er bei Gschwend von einer Bauernschaar, die daselbst auf den Feldern verhegt lag, gefangen genommen. Er muß bei einem Theil der Bauern in keinem guten Andenken gestanden sein. Einige wollten ihn stracks durch die Spieße gejagt sehen, Andere ihn braten; die Besonnenen gewannen die Mehrheit dafür, daß das Leben eines so kriegserfahrenen Hauptmanns ihnen nützlicher sei, als sein Tod. Sie nahmen ihn nach Gaildorf mit. Der Rath zu Hall eilte, um seine Loslassung zu schreiben, »da er ungefähr, auf gut Vertrauen, ohne sich eines Argen zu versehen, oder Jemand schaden zu wollen, nach Gaildorf geritten sei.« Aber der Haufe behielt ihn, er mußte als Mitglied in den Bauernrath eintreten und mit in's Württembergische ziehen. Nachdem sie eine starke Abtheilung nach Gaildorf gelegt hatten, um die Herren von Limpurg und die anderen zu beobachten und den Rücken zu decken, zogen sie durch das Hallische zunächst auf Backnang, um das Stift daselbst zu brandschatzen und zu plündern. Die Stadt aber trat schnell, um vor den Gaildorfischen sicher zu sein, in die Vereinigung des hellen christlichen, des württembergischen Haufens. Stuttgarter Staatsarchiv.

Die Gaildorfischen wandten sich auf Murrhart, ein reiches, uraltes Gotteshaus, nach der Sage eine Stiftung des frommen Kaisers Ludwig I. des Karolingers. Sie verstärkten sich mit den Hintersassen dieses Klosters und wüsteten und plünderten darin. Abt und Convent hatten die wichtigsten alten Briefe, Dokumente und Privilegien zuvor nach Lorch geflüchtet. Sie selbst auch waren entflohen: denn die Stadt Murrhart wie die Dörfer waren schwierig und fielen auch sogleich zu dem Haufen. Urkunde in Hofmanns Handschrift. In dem Klosterarchiv suchte dieser nach den Gilt- und Zinsbriefen, den Hintersassen des Klosters war daran vor Allem gelegen; was an Papieren noch vorgefunden wurde, war behend zerrissen oder verbrannt; dann wurde das Gotteshaus selbst ausgeleert und verwüstet. Jakob Pfenningmüller überredete sie, das feste Kloster als einen Stützpunkt ihrer 183Operationen besetzt zu halten; dadurch verhinderte er sie, aus den Gebäuden ein Freudenfeuer anzuschüren.

Oberster Hauptmann des Haufens war jetzt der Kriegsmann Philipp Fierler, der Vogt von Thannenburg; als der Angesehenste im Bauernrath behauptete sich jener Pfarrherr zu Bühlerthann, Held, ein geborener Nördlinger. Der Unterhauptleute, Räthe und Fähndriche waren es viele.

Von Murrhart zogen sie auf den Welzheimerwald und hinab in's Wißlaufthal. Der Wißlauffluß stürzt sich vom Welzheimerwald hernieder und mündet unter den Mauern Schorndorfs in die Rems ein. Die Landschaft längs der Wißlauf und an den Ufern der Rems war vor elf Jahren das Centrum und die Hauptstärke des armen Konrad gewesen: an der Wißlauf hin lagen die Dörfer Unter- und Oberschlechtbach und Rudersberg, deren Bauern zum armen Konrad die Aufgeregtesten gestellt hatten; hier und im oberen Remsthal und hinüber gegen den Hohenstaufen, vor Allem in der Umgebung des Klosters Adelberg und an der Fils hin im Göppinger Amt hatten auch jetzt schon in den ersten Tagen der zur allgemeinen Waffenerhebung verabredeten Zeit, schon am 29. und 30. März 1525, sich Clubs und Versammlungen gebildet. Die Bewegung war vom Gmünder Wald herabgekommen, und bis in's untere Schorndorfer Amt hatten sie schnell »ihre Conspiration und Praktik« fortgepflanzt. Berichte im Stuttgarter Staatsarchiv vom 30. März. Ein Anschlag auf das Kloster Lorch, das am 16. April überfallen werden sollte, kam nicht zur Ausführung. Jakob von Bernhausen, der Obervogt zu Göppingen, eilte nach dem Sammelplatz der Bauern, nach Hattenhofen, mit seinen Reisigen, verhaftete einen Hauptaufwiegler, einen von Gammelshausen, und hielt die Andern von ihrem Vorhaben ab. Des Obervogts Bericht vom Osterabend. Er hatte in seinem Göppingen gutes Geschütz, Schlangen und Karthaunen, Stuttgarter Staatsarchiv. und konnte darüber verfügen, wie über mehrere Hundert Getreue aus dem Amt. Was aber einer Handvoll dieser benachbarten Bauern nicht gelungen war, das sollte dem großen gemeinen hellen Haufen nicht entgehen. Statt das Thal der Wißlauf bis zu seiner Ausmündung, bis vor die Thore Schorndorfs hinab 184zu verfolgen, wandten sie sich links auf die Straße über Untersteinenberg und Pfahlbronn, zogen von da aus in zwei Heersäulen weiter hinab, und erschienen zu gleicher Zeit, die einen auf der Straße über den Klozen- und Straubenhof vor dem Marktflecken Lorch, die andern auf der Straße über Brech und Bruk vor dem Kloster Lorch, am 26. April.

Oberhalb des Marktfleckens, der hart am Ufer der Rems liegt, auf einem schönen Hügel, dem Liebfrauenberg, erheben sich die Ueberreste des alten Gotteshauses Lorch. Das Gotteshaus war ein Umbau eines alten römischen Kastells und späteren Schlosses der Ahnherren der hohenstaufischen Kaiser, die aus Dankbarkeit für das Wachsthum ihres Hauses es in ein Kloster verwandelten. Seit 1102 wurde das Kloster reich und berühmt: selbst in seiner durch Luxus verschuldeten Abnahme war es noch reich genug, um die Bauern vor andern Gotteshäusern anzuziehen. Der jetzige Umfang seiner Ueberreste zeigt nur einen Theil seiner früheren Größe; denn es wurde »nur etlichermaßen« nach seinem Untergang neu wieder aufgebaut.

Als Abt waltete damals darin Herr Sebastian. Als er von den Absichten der Bauern hörte, sandte er um eilige Hülfe nach Schorndorf. Ohne Hülfe, schrieb er, könne er mit den Seinigen das Kloster nicht halten; seine Unterthanen haben ihm aufs Höchste verboten, einen Schuß aus dem Kloster zu thun, eine Trommel schlagen zu lassen, ein Fähnlein aufzustecken. Schreiben des Abts vom 26. April. Aber in Schorndorf waren die Herren selbst rathlos. Schon am 20. April hatte der Obervogt dieser Stadt, Heinrich von Freiberg, an die österreichische Regierung geschrieben: »Es sind der Unzuverlässigen in Schorndorf mehr als der Treuen; ich kann nicht gedenken, daß ich ohne einen fremden Zusatz etwas ausrichten möge; ich habe die Schulzen des Amts bei einander gehabt, in denen ich auch nichts Tröstliches finde; es ist, wie mich anlangt, fast ein Bauer wie der andere.« Schreiben im Stuttgarter Staatsarchiv.

So war das Loos des Gotteshauses Lorch schnell entschieden. Hatten doch die eigenen Hintersassen desselben schon im armen Konrad sich erhoben, und sie, wie der große Haufen, schrieen nach seiner Zerstörung. Die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind über dem 185Portal vor welchem vier Jahrhunderte lang die Gläubigen die Kniee gebeugt hatten, wirkte jetzt kein Wunder mehr auf diesen Haufen; der Majestät, vor welcher der Bauer Jahrtausende lang in heiliger Scheu und Ehrfurcht sich gebückt hatte, achtete er jetzt nicht mehr; es war umsonst, daß des alten Kaisers Barbarossa steinernes Bild mit dem bloßen Schwert, so viele Bilder anderer Helden- und Fürstengestalten, zum Theil in römischem Kaiser- und Königsschmuck sie zurückwinkten; sie achteten selbst der Todten, der Gräber nicht, in welchen die großen, die in der Volkssage als Volksfreunde fortlebenden Hohenstaufen begraben lagen. Das leicht erstürmte Kloster wurde ausgeplündert, Abt Sebastian selbst fand dabei seinen Tod; der Convent wurde vertrieben, alle Dokumente und Briefschaften, auch die hieher geflüchteten des Klosters Murrhart, gingen mit in den Flammen auf, welche die alten geweihten Mauern ausbrannten. Die Bauern sahen in dem altergrauen Bau nicht das Gotteshaus, sondern nur nebenbei auch das, als was sie ihn kennen gelernt hatten: sie sahen ein altes Zwinghaus, einen alten Kerker, »ein Haus des Teufels« in ihm, von wo aus ihnen, statt Licht und Erlösung, seit Jahrhunderten leibliche Knechtschaft und absichtliche wie unabsichtliche Verdummung geworden war. Sie wollten keinen Stein auf dem andern lassen, aber an der Festigkeit eines uralten Thurmes und eines Theils der Grundmauern, die den Flammen widerstanden, arbeitete auch ihre wilde Zerstörungswuth sich erfolglos ab. Es war der erste Tag ihrer Ankunft, an welchem Lorch ausgebrannt wurde. Noch fünf Tage, vom 26. April bis zum 1. Mai, blieben sie bei und unter den verglühenden Trümmern gelagert. Einzelne Schaaren machten Streifzüge in die Umgegend, namentlich streifte eine solche Schaar nach der alten Kaiserburg Hohenstaufen.

Der Hohenstaufen, diese herrliche feste Burg des Reichs, war seit lange bei dem Hause Württemberg. Die Einwohner des Fleckens Hohenstaufen, von jeher für sich freie Bauern, und mit Freiheiten selbst in Bezug auf Andere begabt, waren gerne bei Württemberg; im fünfzehnten Jahrhundert verpfändet, hatten sie mit eigenen Opfern das sichere Bleiben bei diesem Hause sich erkauft. Als Herzog Ulrich aus dem Lande vertrieben war, hatte sich Georg Staufer von Blossenstaufen die Burg mit einigen Dörfern zugeeignet. Er 186rühmte sich, auf seinen Namen bauend, ein Seitenzweig der großen Staufenfamilie zu sein, und als Vogt des nahen Göppingen war es ihm nicht schwer, sich in den Besitz der Burg zu setzen. Er war zwar mit seinen Ansprüchen vom Haus Oesterreich abgewiesen worden, aber die Burgvogtei über den Staufen ihm geblieben. Er selbst saß zu Göppingen, an seiner Statt befehligte als Untervogt Michael Reuß von Reussenstein auf Filseck. Die Bauern der Umgegend müssen den neuen Herrn nicht so zu lieben Ursache gehabt haben, wie ihre alten; denn mit nur einer Hand voll Bauern konnte Jörg Bader von Böbingen es wagen, die Burg zu berennen.

Jörg Bader, der Hauptmann des Gmündischen Fähnleins, nahm im Lager zu Lorch eines Abends 300 Knechte an sich, einen nächtlichen Ueberfall auf den Hohenstaufen zu versuchen. Es waren aber von den Kühnsten der Bauern; es waren darunter die ersten Anfänger der Bewegung auf dieser Seite, Mullmichel, Weberhänslein, Wenngermichel und Hans Nick von Deckingen. Man sieht daraus, es waren Nachkommen eben jener Bauern, deren Ortschaften von den alten Staufenfürsten einst vor allen andern des Schwabenlandes wohl bedacht worden waren, aus der Gegend von Gmünd, Göppingen und Geißlingen. Urgicht des Mullmichel.

Durch ihre Lage auf dem hohen, ringsum freien Bergkegel, mit sieben Fuß dicken, sehr hohen Quadersteinmauern, mit ihren vielen festen Thürmen, schien die alte Kaiserburg selbst gegen den Angriff eines regelmäßigen kriegerischen Zeugs gesichert zu sein. Aber das Schloß war durch sein hohes Alter baufällig geworden. Am 23. Januar dieses Jahres hatte der Burgvogt die Ausbesserung der Werke verlangt, und sie war bewilligt worden. Berichte im Stuttgarter Staatsarchiv vom 23. Januar 1525. Schwerlich waren die bewilligten Ausbesserungen ausgeführt; dennoch war es noch immer einer der festesten Punkte des Landes, und es lagen 32 Knechte unter dem Untervogt Michael Reuß darin. Es war tiefe Nacht, als Jörg Bader mit seinen 300 Bauern den Berg hinaufstieg. Die 32 Knechte, welche die Schaar in der Nacht für den ganzen Haufen hielten, und welchen das noch ganz frisch zu Weinsberg vergossene Blut die Bauern schrecklich erscheinen ließ, wehrten sich kaum mit einigen Schüssen, 187heißem Wasser und Steinen, nur wenige Augenblicke. Ohne Muth und Gedanken, durch das wilde Geschrei der in finsterer Nacht an Thor und Mauern stürmenden Bauern angstvoll und besinnungslos gemacht, ließen sich die einen an sichern Orten über die Mauern hinab, und entflohen auf der entgegengesetzten Seite. Nach einer Erzählung war der Kastellan Michael Reuß den Tag über bei dem Burgvogt zu Göppingen, und als die Bauern in der Nacht anrückten, noch nicht auf den Berg zurückgekehrt; nach andern war Michael Reuß auf dem Schlosse, und stahl sich, als die Bauern stürmten, einer der Ersten, mit seinem achtzehnjährigen Knecht, Peter Jost, aus demselben hinweg und hinüber auf sein festes Haus Filseck bei Göppingen. »Reuß, spottete des Volk nachher, nahm den Reißaus.« Was nicht über die Mauern hinab entrann, verbarg sich da und dort in einem Winkel des Schlosses. Aus Verrath oder aus Todesangst, um durch Uebergabe sich das Leben zu retten, warfen die Thorwächter die Schlüssel von der Zinne zu den Bauern hinab. So kamen diese auf dem geraden leichten Weg zum Thore hinein; nicht mit Eisen und Feuer, mit dem gewöhnlichen Schlüssel öffneten sie es. Was sie von Knechten ergriffen, stürzten sie, da durch die Schüsse aus dem Schloß einige Bauern getödtet worden waren, über die Zinnen den steilen Berg hinab, dann gingen sie ans Plündern. Alles bewegliche Gut, das im Schlosse war, wurde auf die Wagen geladen und den Berg hinab geführt, darunter auch die Büchsen, deren bessere Bedienung allein schon das Schloß gerettet hätte. Als Alles ausgeleert war, warfen sie die Feuerbrände in die Gebäude. War in den letzten Jahren von dieser Burg aus auch die uralte Freiheit der Hintersassen des Hohenstaufens, welche die ersten Herren gegründet hatten, von dem letzten Herrn frevelhaft verkümmert worden? Man liest nicht, daß Einer der hohenstaufischen Bauern dem Schlosse zu Hülfe gekommen wäre, wie es sonst anderswo wohl der Fall war; wohl aber liest man von hohenstaufischen Bauern im Gaildorfer Haufen.

Es ist kein Berg im Schwabenlande, der von so vielen Punkten aus und so weit gesehen werden könnte, als die isolirte majestätische Gestalt des Hohenstaufenberges. Rundum frei, mit offener Aussicht nach allen Himmelsgegenden, schaut er gegen Abend fast in's 188Gränzenlose hinaus. Geschürt von der emsigen Hand der Bauern schlugen bald die Flammensäulen des Schlosses hoch auf in den Nachthimmel, wie die Morgenröthe einer neuen Zeit, und verkündeten weit hin in die schwäbischen Gaue, hinauf bis zum höchsten Schwarzwald, hinab bis zum Rhein, hinüber bis zu den fränkischen Gebirgen mit ihrem blutigen Leuchten, daß die weltberühmte, prächtige Hohenstaufenburg unterging, einst der Stammsitz der größten Kaiser und Könige, aber schon lange entweiht.

So trugen mit Fackeln die Bauern das Gerippe der alten Herrlichkeit zu Grabe. Lange noch, noch dreiundsechzig Jahre nachher, sah man die Steine roth von dem Zerstörungsbrande; zwischen den Mauern und Thürmen, die ohne Ziegel und Holz in einsamer Oede standen, ackerten Bauern und säeten Frucht auf die Stätte, den friedlichen Pflug ziehend, wo einst verwundend, zerstörend und weltgebietend das Schwert geherrscht hatte. Völlig kahl, mit sechs bis zehn Bruchsteinen, den einzigen Ueberresten seiner ehemaligen feudalistischen Krone, schaut der Berg jetzt ins schwäbische Land herab, das zu seinen Füßen blüht, frei von Leibeigenschaft und Frohne.

Darin aber, daß sie eine solche Feste so leicht gewonnen hatten, sahen die Bauern den Beweis, daß Gott mit ihnen und ihrer Sache sei. Ihr Selbstgefühl wuchs mit dem Schrecken, den sie verbreiteten. Noch von Gaildorf aus hatten sie, denen zu Hall gedroht, da die Haller sich gegen ihre Brüder mit schändlichem Muthwillen erzeigt haben, so seien sie keines andern Gemüths, als dem Rath mit dem Maß zu messen, da er ihnen mit gemessen habe. Schreiben vom 24. Am 30. April forderten sie die Stadt Hall strenge auf, bei ihnen in brüderlicher Liebe zu erscheinen: wo das nicht geschähe, müßten sie gegen die Stadt vornehmen, dessen sie sonst gern überhoben wären.

Es eilten fast alle Edelleute dieser Landschaft, selbst die Schenken von Limpurg, die zwölf Artikel anzunehmen und sich der christlichen Verbrüderung anzuschließen. Nach dem Untergange Murrharts, Lorchs und der Hohenstaufenburg, nach dem Brande mancher kleineren Edelsitze, wollten die Schenken nicht mehr abwarten, bis die Bauern auch ihre Schlösser »gen Himmel schickten.« Der erste war Philipp von Rechberg, der auf Ramsperg saß; er verschrieb sich am 26. April 189den Bauern; Balthasar Adelmann von Adelmannsfelden zu Schechingen am 1. Mai; Herdegen von Hirnheim, der auf Welstain saß, am 30. April; Erkinger von Rechberg auf Rauenstein am 3. Mai; Ernst vom Heren zum Heren am gleichen Tag; Quirin von Heerkamm zu Spraitbach und Wolf von Vellberg zu Vellberg ebenso; Wolf von Rechberg zu Hohenrechberg am 18. April; Bernhard von Rinderbach, Caspar von Roth und Frau Agnes von Limpurg, geborene Gräfin von Werdenberg-Heiligenberg, am 1. Mai, und an eben diesem Tage auch Wilhelm, Herr zu Limpurg, des heiligen römischen Reiches Erbschenk, für sich, seine Geschwister und seine Erben.

Sie und andere bekannten alle öffentlich durch ausgestellte, mit ihren eigenen Insiegeln versehene Briefe: »daß sie frei bewilligen, zusagen und versprechen, gemäß der Unterhandlung mit dem hellen Haufen, diesem und allen ihren Unterthanen die zwölf Artikel, welche vor Kurzem »Berschyner Zeit.« die Bauerschaft oberhalb der Donau habe ausgehen lassen, und die auch sie hiermit annehmen in guter wahrer Treue und mit gutem Wissen, zu halten und zu vollstrecken.« Die Urkunden sind noch vorhanden. Dreizehn Urkunden in der Sammlung des Prälaten v. Schmid.

Der Gaildorfer Haufe, furchtbarer als irgend einer seinen innern Elementen nach, verlor durch seinen obersten Leiter viel von seiner Gefährlichkeit. Philipp Fierler, der Vogt von Thannenburg, der Dienstmann des Prälaten von Ellwangen und sein Beamter, jetzt aber oberster Hauptmann des Haufens, war urkundlich (der Briefwechsel ist noch vorhanden) im geheimen Einverständniß mit seinem Herrn Ellwanger Akten im Stuttg. Staatsarchiv. und den Städten Hall und Gmünd. Statt auch jetzt auf Hall unmittelbar loszugehen und die Drohung zu erfüllen, führte er den Gaildorfer Haufen weiter vorwärts in das Württembergische. Sie begegneten dem großen hellen christlichen Haufen unter Matern Feuerbacher.

Das Verfahren des Gaildorfer Haufens, das war nicht in der Art und Gesinnung, in welcher Matern Feuerbacher sich an die Spitze der württembergischen Bewegung gestellt hatte. Wenn auch nichts sonst für die Persönlichkeit des obersten Hauptmanns des württembergischen Haufens sich vorfände, das spräche für ihn, daß 190Hans Wunderer und die Weinsberger Schreckensmänner, die sich eingedrängt hatten, bis jetzt nicht im Stande waren, ihn von der Bahn der Mäßigung weg und zu einer Gewaltthat mit sich fortzureißen.

Die erste Kunde von den Verletzungen, die sich der Gaildorfer Haufen auf württembergischem Gebiete erlaubt, hatte Matern Feuerbacher nach den Richtungen hingezogen, in welchen »die fremden Nationen« ins Württemberger Land eindrangen. Sein Zweck, aus allen Aemtern die Wehrfähigsten an sich zu ziehen, führte ihn ohnedies dahin.

Als er am 28. April zu Waiblingen lagerte, kamen Boten der Gemeinde von Schorndorf an ihn, mit der Bitte, eilends der Stadt gegen die Gaildorfer zu Hülfe zu ziehen. Wie die andern Städte, hatte Matern auch Schorndorf aufgefordert, sich dem christlichen Haufen anzuschließen. Rath und Gericht hatten ihm geantwortet, der Brief sei erst am Dienstag den 25. angekommen, das Amt groß und langsam; sie müssen es nicht nur der Gemeinde vortragen, sondern auch den umliegenden Aemtern; bis Sonntag begehren sie Bedenkzeit, dann wollen sie sich erklären. Mit diesem Schreiben an Matern Feuerbacher schrieben sie an die österreichische Regierung, sie haben nach Kräften im Amt Ruhe zu erhalten, Zusammenrottungen zu zerstreuen, die Unruhigen zu beschwichtigen gesucht; aber da die Sache der Bauern immer mehr Fortgang habe, und die Hülfe des Bundes sich so lange verziehe, finden sie, daß der gemeine Mann etwas kleinmüthig sei, und zum Theil auch zu diesem Vornehmen bewegt werden wolle. Sie bitten darum um schleunigen Beistand, weil ihre Mauern an einigen Stellen zerfallen, und ihre Bauern, wie auch etliche Bürger in der Stadt, nicht zuverlässig seien. Von der Regierung zu Tübingen kam kein Geld, kein Kriegsvolk, nichts als eine schriftliche Vertröstung, der Truchseß sei im Anzug, die Stadt solle sich nur wohl und ruhig halten. Wohl aber kam eine neue Aufforderung von Matern Feuerbacher, ihm ohne längeres Säumen 200 Mann zum Haufen zu stellen. Es kam von der andern Seite, vom Gaildorfer Haufen, Aufmahnung an mehrere Dörfer des Schorndorfer Amts, ihnen nach Adelberg zuzuziehen. So von den Gaildorfern gedrängt und geängstet, warf sich die Stadt 191am 28. April dem württembergischen Haufen in die Arme, Matern Feuerbacher zog am folgenden Tage in dieselbe ein, doch sogleich wieder weiter über Oberkerken, Niederkerken, Wangen nach Göppingen und nahm auch diese Stadt in die christliche Verbrüderung auf. Jakob von Bernhausen, der Obervogt, war Herzog Ulrichs Freund und kein Bauernfeind, er hatte ein Herz für das Volk und seine Lage. Schon vor vierzehn Tagen hatte er der Regierung geschrieben, man solle den Bauern in ihren Beschwerden gegen ihre Obrigkeiten abhelfen, das werde die besten Folgen haben. Eigenhändiges Schreiben desselben im Stuttg. Staatsarchiv. Es war am Osterabend, als er dies schrieb; des dritten Tages erfuhr er, daß zu Weinsberg sein Sohn durch die Bauern gefallen war. Und doch schloß er sich an Matern an, als dieser daherzog und die Stadt aufforderte, und sprach und handelte noch zu Gunsten seines Fürsten und der Bauern, als ihre Sache schon im Fallen war. Den Gaildorfer Haufen wies Matern mit dem Bedeuten zurück: »sie, die Württemberger, können ihre Klöster und Kästen selbst fegen.« Aber für den Fall eines Zusammentreffens mit dem Bundesheer versicherte er sich auch des Zuzugs dieses Haufens.

Die Gaildorfer verstanden sich zum Rückzug aus dem Württembergischen; schon am 30. April schickten sie nach Gmünd um freien Durchzug durch diese Stadt, durch welche die Straße führte; Urkunden im Gmünder Stadtarchiv. warfen sich aber auf dem Rückzug noch zu guter Letzt gleich auf das Prämonstratenserkloster Adelberg. Es waren vorzüglich die eigenen Hintersassen des Gotteshauses und die des Göppinger Amtes, welche auf die Zerstörung auch dieses alten, von einem treuen Dienstmann des Kaisers Barbarossa gestifteten geistlichen Sitzes ausgingen. Das Kloster war reich und so weitläufig, daß es einer kleinen Stadt glich. Der Abt Leonhard Dürr war gleich Anfangs, als die Bauern in seiner Umgebung sich zu bewegen begannen, nach Geißlingen gezogen. Als die Bauern in das Kloster fielen, war es ganz unbeschützt, sie verzehrten und plünderten Wein, Korn und was da war, selbst die Oekonomiegebäude brachen sie sorgfältig ab und führten das Material weg; so brach der Müller Yehlin eine Scheuer ab und führte sie auf seine Mühle als sein Eigenthum fort; Besoldi documenta rediviva, p. 18. n. XV. dann 192trieben sie die Mönche aus und weihten die übrigen Gebäude der Zerstörung. Da saßen sie beim Wein, die eigenen Leute des Gotteshauses, und würfelten darum, wer den ersten Feuerbrand darein werfen dürfe. Es war am 1. Mai, als es angezündet wurde; das Feuer brannte mehrere Tage. Nur die St. Ulrichskapelle blieb verschont. Ein Bäuerlein, »ein einfältiger Mensch,« rettete sie: er that mit Thränen Fürbitte dafür, sie sei sein, sagte er; wo er denn beten solle, wenn er sie nicht mehr habe? – Nicht Alle wurden ihres Raubes froh. Als das Fähnlein von Heiningen im Göppinger Amt das schöne Vieh des Gotteshauses als seine Beute des Wegs daher trieb, erschien Hans Klöpfer von Laufen, nahm es den Heiningern ab, und führte es in Feuerbachers Lager. Die Beutemeister zu Göppingen hatten ihm den Befehl dazu gegeben. Untersuchungsakten v. 1527—33.

Die aus Adelberg vertriebenen Mönche zogen nach Göppingen, um sich in dem Hofe, den ihr Gotteshaus daselbst hatte, zu erholen. Man ließ sie nicht in die Stadt; die Bäurischen unter den Bürgern, die das Heft in Händen hielten, hatten sich selbst in dem reichversehenen geistlichen Hof gesetzt. Bekümmert wanderten die Mönche nach Jebenhausen, suchten und fanden dort ein Nachtquartier, und morgens machten sie sich nach Schorndorf auf, »wo sie gar wohl empfangen, lieb und werth gehalten wurden.« Sie wandten sich zu gleicher Zeit an Matern Feuerbacher, er gab ihnen eine Anweisung auf einen Eimer Wein und schickte an Göppingen den Befehl, die Stadt solle den Mönchen ihren Hof wieder eingeben, sie beschützen und ihnen ihre gebührende Nahrung verabfolgen lassen. Allein die in dem Hof sich festgesetzt hatten, saßen zu warm und behaglich darin, als daß sie hätten den Pfaffen weichen mögen: auch war Matern bereits zu weit weg, um ihm Folge zu leisten. Sein Lager war am 1. Mai schon zu Kirchheim unter Teck, und er im Begriff, dem Heere des schwäbischen Bundes entgegen zu ziehen.


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